von Bareti » 21 Dez 2025, 13:37
Ulaf war es, der sie fand.
Es war nichts dramatisches, kein Aufschrei erzeugend oder Aufsehen erregend - sondern schlicht etwas unerwartetes, das dort nicht hingehörte: im Eingangsbereich der Taverne, zusammengesunken auf den kalten Holzbohlen. Der Rest eines längst aufgelösten Zaubers hing noch wie ein matter Nachhall in der Luft, kaum greifbar, aber spürbar genug, um ein ungutes Gefühl zu hinterlassen. Kein Teppich mehr, kein schützender Träger, keine Erklärung. Nur eine fremde Frau, nackt, schmutzig und so betrunken, dass selbst sein kräftiges Räuspern und das Knarren der Türangeln keine Regung in ihr hervorriefen.
Der Zwerg blieb einen Moment stehen, musterte die Szenerie und fluchte leise in seinen Bart. Das hier war nichts, was man ignorieren konnte, und nichts, was man offen liegen ließ, das würde Bareti nicht gefallen. Er zog die Tür zu, um neugierige Blicke fernzuhalten, und tat dann, was getan werden musste – nüchtern, ohne Aufhebens, wie es seine Art war.
Er hüllte die Frau notdürftig in eine Decke, die nach Rauch und Most roch, hob sie mit einem missmutigen Grunzen hoch und trug sie die Treppe hinauf. Stufe für Stufe, bedacht darauf, sie nicht fallen zu lassen. In einem der Gästezimmer legte er sie vorsichtig auf das Bett, zog die Decke zurecht, stellte einen Krug Wasser und eine Schale daneben und öffnete kurz das Fenster, um etwas frische Luft hereinzulassen. Keine Fragen, keine Neugier – nur Pragmatismus, ein prüfender Blick auf ihren ruhigen Atem und schließlich das leise Schließen der Tür.
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Einige Stunden später kehrte Bareti zurück.
Die Nachforschungen hatten mehr Fragen aufgeworfen als Antworten. Ja, den Drow war übel mitgespielt worden – daran bestand für die Gelehrte inzwischen kein Zweifel mehr. Und ebenso wenig daran, dass die Drow selbst keineswegs harmlos waren; zu viele Geschichten und Begegnungen der Vergangenheit hatten sie eines Besseren belehrt. Doch genau darin lag der Widerspruch, der sie beschäftigte.
Die offizielle Geschichte aus Britain wies Brüche auf, die sich nicht länger ignorieren ließen. Zu viele Widersprüche, zu viele hastig geschlossene Lücken, zu viele Dinge, die man ihr erklärt hatte, ohne sie wirklich zu erklären. Aussagen, die sauber klangen, aber keinen inneren Halt hatten. Etwas daran stimmte nicht, und dieses Etwas nagte beharrlich an ihr, ließ sich nicht abschütteln wie Müdigkeit oder Hunger.
Mit müdem Schritt betrat sie schließlich die Taverne. Der vertraute Geruch nach Holz, Rauch und Most fing sie auf, ohne die Gedanken zu vertreiben. Sie legte Mantel und Tasche ab, verharrte einen Augenblick und setzte sich dann an den Tisch am Kamin, als folge sie einer eingeübten Ordnung. Das Papier lag bereits bereit, die Tinte war angerührt, der Federhalter griffbereit. Alles wartete darauf, dass sie begann.
Gerade als sie den ersten Gedanken zu Papier bringen wollte, die Feder bereits über dem Blatt schwebte, begann Ulaf zu berichten.
Von der Frau.
Von dem Zustand, in dem er sie gefunden hatte.
Und davon, dass sie nun ihren Rausch in einem der oberen Zimmer ausschlief, fern von Blicken und Fragen.
Bareti hörte schweigend zu, den Blick ins Feuer gerichtet. Sie stellte keine Zwischenfragen, unterbrach ihn nicht, sondern ließ jedes Detail für sich stehen.
Verwirrt, ja – aber nicht schockiert. Und vor allem nicht gewillt, vorschnell einzugreifen. Wer auch immer diese Frau war, sie war im Moment weder bei Bewusstsein noch zurechnungsfähig. Magie oder Kräuter, um sie künstlich auszunüchtern, kamen für sie nicht in Frage. Alles, was unter Zwang geschah, hätte mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht.
Sie nahm schließlich selbst ein Bündel Kleidung und ging nach oben. Am Bett legte sie die Sachen ordentlich bereit, prüfte den ruhigen, gleichmäßigen Atem der Fremden und achtete darauf, ob Anzeichen von Verletzungen zu erkennen waren. Dann ließ sie sie allein, so, wie man jemanden allein lässt, der erst wieder zu sich kommen muss, bevor Worte irgendeinen Sinn haben.
Erst danach kehrte sie an den Kamin zurück, setzte sich erneut und nahm die Feder zur Hand.
Der Brief musste geschrieben werden.
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An die Gräfin Cornelia von Schwarztann, derzeit zu Britain
Hochwohlgeborene Gräfin von Schwarztann,
in meiner Eigenschaft als Gelehrte und Beobachterin der jüngsten Vorgänge sehe ich mich veranlasst, Ihnen eine sachliche Einschätzung zu den Vorfällen zu Britain zu übermitteln, deren Nachhall inzwischen auch Moonglow erreicht hat. Die Berichte über das Geschehen sind mir bekannt, ebenso die daraus abgeleitete Entscheidung, Angehörige der Drow pauschal als vogelfrei zu betrachten.
Gerade wegen der Schwere dieser Maßnahme erscheint es mir geboten, bestehende Zweifel klar zu benennen. In den vergangenen Wochen hatte ich mehrfach Gelegenheit zu direkten Begegnungen mit Drow, sowohl im Rahmen formeller Gespräche als auch in alltäglichen Situationen. Dabei zeigte sich ein Bild, das gewiss von Eigenheiten, Vorsicht und berechtigtem Misstrauen geprägt ist, jedoch nicht von blindem oder öffentlich zur Schau gestelltem Mordwillen. Ein derart feiger Mord in aller Öffentlichkeit erscheint mir nach Abwägung aller mir zugänglichen Eindrücke als äußerst unwahrscheinlich.
Ergänzend dazu hielten sich in meiner Taverne mehrere Augenzeugen auf, die unmittelbar mit den Vorgängen in Britain in Berührung gekommen waren. Ihre übereinstimmenden Schilderungen lassen erhebliche Zweifel an Ablauf, Motivlage und Zuschreibung der Verantwortung erkennen. Zwar ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Drow durch ihr Auftreten und Handeln einen Affront verursachten, doch erscheint es zumindest denkbar, dass dieser von Dritten gezielt aufgegriffen und für eigene Zwecke genutzt wurde. Keine der Aussagen vermochte die vorgebrachten Vorwürfe eindeutig zu stützen; vielmehr offenbarten sich Lücken und Widersprüche, die einer sorgfältigen Nachprüfung bedürfen.
Auch das jüngste Verhalten der Drow auf Moonglow steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu dem derzeit verbreiteten Bild. Mir liegen übereinstimmende Berichte vor, wonach sie hungernden Flüchtlingen wiederholt selbstlos Hilfe leisteten. Ich kann in Teilen aus eigener Anschauung sprechen, da ich selbst an einer dieser Speisungen hungernder Flüchtlinge mitgewirkt habe. Die Hilfe erfolgte wiederholt und ohne erkennbare Gegenleistung.
Darüber hinaus berichteten Fischer unabhängig voneinander, dass einzelnen dieser Menschen, offenbar jenen, die besonders unter der Not zu leiden hatten, zeitweilig Obhut in drowischen Häusern gewährt wurde, um sie vor Kälte und weiterem Leid zu schützen. Auch diese Umstände sind dokumentierbar und widersprechen der Annahme einer uneingeschränkt grausamen oder unkontrollierten Handlungsweise.
Ergänzend sei vermerkt, dass einer der Köche, der an zumindest einer dieser Speisungen beteiligt war, meinen Informationen nach derzeit in Gewahrsam der Garde steht. Verhaftet ohne das er auch nur zur Zeit des feigen Mordes in Britain verweilte.
Vor diesem Hintergrund rege ich nachdrücklich an, die vorhandenen Berichte erneut zu prüfen und ihre Entstehung sowie Quellenlage kritisch zu hinterfragen. Angesichts der Tragweite der erhobenen Vorwürfe und der daraus resultierenden Maßnahmen sollte sichergestellt werden, dass alle Darstellungen mit größtmöglicher Sorgfalt, Unvoreingenommenheit und Vollständigkeit zusammengetragen wurden.
Hochachtungsvoll
Bareti
Ulaf war es, der sie fand.
Es war nichts dramatisches, kein Aufschrei erzeugend oder Aufsehen erregend - sondern schlicht etwas unerwartetes, das dort nicht hingehörte: im Eingangsbereich der Taverne, zusammengesunken auf den kalten Holzbohlen. Der Rest eines längst aufgelösten Zaubers hing noch wie ein matter Nachhall in der Luft, kaum greifbar, aber spürbar genug, um ein ungutes Gefühl zu hinterlassen. Kein Teppich mehr, kein schützender Träger, keine Erklärung. Nur eine fremde Frau, nackt, schmutzig und so betrunken, dass selbst sein kräftiges Räuspern und das Knarren der Türangeln keine Regung in ihr hervorriefen.
Der Zwerg blieb einen Moment stehen, musterte die Szenerie und fluchte leise in seinen Bart. Das hier war nichts, was man ignorieren konnte, und nichts, was man offen liegen ließ, das würde Bareti nicht gefallen. Er zog die Tür zu, um neugierige Blicke fernzuhalten, und tat dann, was getan werden musste – nüchtern, ohne Aufhebens, wie es seine Art war.
Er hüllte die Frau notdürftig in eine Decke, die nach Rauch und Most roch, hob sie mit einem missmutigen Grunzen hoch und trug sie die Treppe hinauf. Stufe für Stufe, bedacht darauf, sie nicht fallen zu lassen. In einem der Gästezimmer legte er sie vorsichtig auf das Bett, zog die Decke zurecht, stellte einen Krug Wasser und eine Schale daneben und öffnete kurz das Fenster, um etwas frische Luft hereinzulassen. Keine Fragen, keine Neugier – nur Pragmatismus, ein prüfender Blick auf ihren ruhigen Atem und schließlich das leise Schließen der Tür.
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Einige Stunden später kehrte Bareti zurück.
Die Nachforschungen hatten mehr Fragen aufgeworfen als Antworten. Ja, den Drow war übel mitgespielt worden – daran bestand für die Gelehrte inzwischen kein Zweifel mehr. Und ebenso wenig daran, dass die Drow selbst keineswegs harmlos waren; zu viele Geschichten und Begegnungen der Vergangenheit hatten sie eines Besseren belehrt. Doch genau darin lag der Widerspruch, der sie beschäftigte.
Die offizielle Geschichte aus Britain wies Brüche auf, die sich nicht länger ignorieren ließen. Zu viele Widersprüche, zu viele hastig geschlossene Lücken, zu viele Dinge, die man ihr erklärt hatte, ohne sie wirklich zu erklären. Aussagen, die sauber klangen, aber keinen inneren Halt hatten. Etwas daran stimmte nicht, und dieses Etwas nagte beharrlich an ihr, ließ sich nicht abschütteln wie Müdigkeit oder Hunger.
Mit müdem Schritt betrat sie schließlich die Taverne. Der vertraute Geruch nach Holz, Rauch und Most fing sie auf, ohne die Gedanken zu vertreiben. Sie legte Mantel und Tasche ab, verharrte einen Augenblick und setzte sich dann an den Tisch am Kamin, als folge sie einer eingeübten Ordnung. Das Papier lag bereits bereit, die Tinte war angerührt, der Federhalter griffbereit. Alles wartete darauf, dass sie begann.
Gerade als sie den ersten Gedanken zu Papier bringen wollte, die Feder bereits über dem Blatt schwebte, begann Ulaf zu berichten.
Von der Frau.
Von dem Zustand, in dem er sie gefunden hatte.
Und davon, dass sie nun ihren Rausch in einem der oberen Zimmer ausschlief, fern von Blicken und Fragen.
Bareti hörte schweigend zu, den Blick ins Feuer gerichtet. Sie stellte keine Zwischenfragen, unterbrach ihn nicht, sondern ließ jedes Detail für sich stehen.
Verwirrt, ja – aber nicht schockiert. Und vor allem nicht gewillt, vorschnell einzugreifen. Wer auch immer diese Frau war, sie war im Moment weder bei Bewusstsein noch zurechnungsfähig. Magie oder Kräuter, um sie künstlich auszunüchtern, kamen für sie nicht in Frage. Alles, was unter Zwang geschah, hätte mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht.
Sie nahm schließlich selbst ein Bündel Kleidung und ging nach oben. Am Bett legte sie die Sachen ordentlich bereit, prüfte den ruhigen, gleichmäßigen Atem der Fremden und achtete darauf, ob Anzeichen von Verletzungen zu erkennen waren. Dann ließ sie sie allein, so, wie man jemanden allein lässt, der erst wieder zu sich kommen muss, bevor Worte irgendeinen Sinn haben.
Erst danach kehrte sie an den Kamin zurück, setzte sich erneut und nahm die Feder zur Hand.
Der Brief musste geschrieben werden.
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[quote]An die Gräfin Cornelia von Schwarztann, derzeit zu Britain
[i][b]Hochwohlgeborene Gräfin von Schwarztann,[/b]
in meiner Eigenschaft als Gelehrte und Beobachterin der jüngsten Vorgänge sehe ich mich veranlasst, Ihnen eine sachliche Einschätzung zu den Vorfällen zu Britain zu übermitteln, deren Nachhall inzwischen auch Moonglow erreicht hat. Die Berichte über das Geschehen sind mir bekannt, ebenso die daraus abgeleitete Entscheidung, Angehörige der Drow pauschal als vogelfrei zu betrachten.
Gerade wegen der Schwere dieser Maßnahme erscheint es mir geboten, bestehende Zweifel klar zu benennen. In den vergangenen Wochen hatte ich mehrfach Gelegenheit zu direkten Begegnungen mit Drow, sowohl im Rahmen formeller Gespräche als auch in alltäglichen Situationen. Dabei zeigte sich ein Bild, das gewiss von Eigenheiten, Vorsicht und berechtigtem Misstrauen geprägt ist, jedoch nicht von blindem oder öffentlich zur Schau gestelltem Mordwillen. Ein derart feiger Mord in aller Öffentlichkeit erscheint mir nach Abwägung aller mir zugänglichen Eindrücke als äußerst unwahrscheinlich.
Ergänzend dazu hielten sich in meiner Taverne mehrere Augenzeugen auf, die unmittelbar mit den Vorgängen in Britain in Berührung gekommen waren. Ihre übereinstimmenden Schilderungen lassen erhebliche Zweifel an Ablauf, Motivlage und Zuschreibung der Verantwortung erkennen. Zwar ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Drow durch ihr Auftreten und Handeln einen Affront verursachten, doch erscheint es zumindest denkbar, dass dieser von Dritten gezielt aufgegriffen und für eigene Zwecke genutzt wurde. Keine der Aussagen vermochte die vorgebrachten Vorwürfe eindeutig zu stützen; vielmehr offenbarten sich Lücken und Widersprüche, die einer sorgfältigen Nachprüfung bedürfen.
Auch das jüngste Verhalten der Drow auf Moonglow steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu dem derzeit verbreiteten Bild. Mir liegen übereinstimmende Berichte vor, wonach sie hungernden Flüchtlingen wiederholt selbstlos Hilfe leisteten. Ich kann in Teilen aus eigener Anschauung sprechen, da ich selbst an einer dieser Speisungen hungernder Flüchtlinge mitgewirkt habe. Die Hilfe erfolgte wiederholt und ohne erkennbare Gegenleistung.
Darüber hinaus berichteten Fischer unabhängig voneinander, dass einzelnen dieser Menschen, offenbar jenen, die besonders unter der Not zu leiden hatten, zeitweilig Obhut in drowischen Häusern gewährt wurde, um sie vor Kälte und weiterem Leid zu schützen. Auch diese Umstände sind dokumentierbar und widersprechen der Annahme einer uneingeschränkt grausamen oder unkontrollierten Handlungsweise.
Ergänzend sei vermerkt, dass einer der Köche, der an zumindest einer dieser Speisungen beteiligt war, meinen Informationen nach derzeit in Gewahrsam der Garde steht. Verhaftet ohne das er auch nur zur Zeit des feigen Mordes in Britain verweilte.
Vor diesem Hintergrund rege ich nachdrücklich an, die vorhandenen Berichte erneut zu prüfen und ihre Entstehung sowie Quellenlage kritisch zu hinterfragen. Angesichts der Tragweite der erhobenen Vorwürfe und der daraus resultierenden Maßnahmen sollte sichergestellt werden, dass alle Darstellungen mit größtmöglicher Sorgfalt, Unvoreingenommenheit und Vollständigkeit zusammengetragen wurden.
Hochachtungsvoll
[b]Bareti[/b][/i][/quote]