Wo Schatten fehlen

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Unerwartete Gäste

von Xull'rae Zauviir » 21 Aug 2026, 13:56

Moonglow empfing Xull'rae nicht freundlicher als bei ihrem letzten Besuch, doch diesmal schenkte sie der Stadt kaum Aufmerksamkeit. Ihr Weg führte sie unmittelbar zurück zu jenem Gebäude, das sie erst vor wenigen Tagen in der festen Überzeugung verlassen hatte, es vermutlich nie wieder betreten zu müssen. Dieser Gedanke hatte sich als erstaunlich kurzlebig erwiesen.

Bereits aus einiger Entfernung erkannte sie, dass sich etwas verändert hatte. Das Haupttor des ehemaligen Hauptquartiers existierte streng genommen noch, nur erfüllte es seinen ursprünglichen Zweck nicht mehr sonderlich überzeugend. Das schwere Holz lag zerborsten im Eingangsbereich, die Angeln waren aus ihrer Verankerung gerissen worden und selbst der Rahmen zeigte deutliche Spuren massiver Gewalt. Xull'rae blieb im Schatten eines benachbarten Gebäudes stehen und betrachtete das Ergebnis mit schmalen Augen.

Offenbar hatten die Bewohner Moonglows nach ihrem letzten Besuch doch noch etwas Mut gefunden. Sie hätte ihnen mehr Verstand zugetraut.

Das Haus war verlassen, gewiss, doch selbst ein verlassenes Qu'ellar blieb ein Ort, den vernünftige Oberflächenbewohner besser nicht betraten. Dass jemand gleich das Tor eingeschlagen hatte, sprach entweder für eine bemerkenswerte Portion Dummheit oder für eine Anzahl Bewaffneter, die sich in der Gruppe sicher genug gefühlt hatten, das Verbotene plötzlich weniger bedrohlich zu finden. Und beides machte ihre Aufgabe nicht einfacher.


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Die hauslose Drow näherte sich deshalb nicht dem offenen Eingang. Stattdessen umrundete sie das Anwesen und wählte erneut den hinteren Kellereingang, den sie schon bei ihrem letzten Besuch benutzt hatte. Die Tür gab noch immer beinahe lautlos nach. Ebenso lautlos verschwand sie dahinter.

Schon die ersten Räume ließen erkennen, dass sich ihr vermeintlicher Einbrecher nicht mit einem flüchtigen Blick begnügt hatte. Dinge waren umgestürzt, Behälter geöffnet, Waffen aus ihren Halterungen gerissen worden. Je weiter sie vordrang, desto deutlicher wurde, dass jemand mit bemerkenswerter Rücksichtslosigkeit durch die verlassenen Hallen gezogen war. Zerbrochene Flaschen lagen zwischen verschütteten Gewürzen, einst sorgfältig verwahrte Gegenstände waren achtlos auf dem Boden verteilt und selbst einige der Kostbarkeiten des Hauses hatten die Begegnung nicht überstanden.

Xull'rae betrachtete die Zerstörung mit erstaunlich wenig Anteilnahme. Vielleicht hätte sie früher mehr dafür empfunden. Vielleicht hätte sie sich über die Verschwendung wertvoller Dinge geärgert oder zumindest darüber, wie achtlos jemand mit Besitz umging, der einem großen Haus gehört hatte. Doch ihre lange Reise hatte vieles verschoben. Gold, Schmuck, seltene Stoffe und kostbare Weine erschienen ihr inzwischen wie erstaunlich belanglose Dinge, an die Wesen sich klammerten, wenn sie nichts Bedeutenderes besaßen. Ein zerbrochener Kelch blieb ein zerbrochener Kelch.

Ein verlorenes Leben war meist interessanter. Und jemand, der eine schwere Eingangstür aus ihren Angeln trat, hinterließ gewöhnlich mehr als Scherben.

Die Spur durch das Haus war selbst für einen blinden Ork kaum zu übersehen. Xull'rae folgte ihr durch die verwüsteten Räume, vorbei an umgestürzten Waffenständern und den Überresten einer offenbar sehr entschlossenen Suche nach Alkohol. Spätestens als sie die ersten leeren Flaschen entdeckte, veränderte sich ihre Einschätzung des vermeintlichen Überfalls etwas.

Eine Plünderung war das sicherlich gewesen. Eine besonders organisierte allerdings nicht. Der Geruch verriet den Täter schließlich noch bevor sie ihn sah.

Alkohol, Metall, Schweiß und jener unverwechselbare Geruch eines Körpers, der viel zu lange in schwerer Rüstung gesteckt hatte, bildeten eine Mischung, die selbst in einem Haus voller verschütteter Gewürze bemerkenswert penetrant blieb.

Xull'rae verlangsamte ihre Schritte. Je intensiver sie die Gerüche und fremde Präsenz selbst wahrnahm, umso bedächtiger wählte sie ihren Weg durch das verwüstete Hauptquartier. Fast lautlos schlich die ehemalige Späherin voran, gewillt jeden noch so kleinen Vorteil zu nutzen.

Im großen Ratssaal fand sie ihn. Und für einen kurzen Augenblick blieb sie tatsächlich überrascht stehen.

Der Einbrecher war kein Mensch. Kein mutiger Wächter des Rates, kein plündernder Bewohner Moonglows und keine Gruppe selbsternannter Helden, die beschlossen hatte, sich an den verlassenen Besitztümern der Dunkelelfen zu bedienen.

Es war ein Drow. Und was für einer. Der Mann lag halb über dem großen Besprechungstisch verteilt, als hätte jemand einen vollständig gerüsteten Oger dort abgelegt und anschließend vergessen. Selbst im Schlaf wirkte er gewaltig. Massive Rüstungsplatten umschlossen einen Körper, der ohnehin schon weit mehr Raum beanspruchte, als Xull'rae bei einem Dunkelelfen gewohnt war. Weißes Haar lag wirr über Tisch und Schulter, eine schwere Hellebarde befand sich in Reichweite und der beißende Geruch des Weines erklärte zumindest einen Teil des Zustandes, in dem sie ihn gefunden hatte.

Xull'rae betrachtete ihn lange. Das stand nicht auf ihrer Liste. Andererseits hatte sich ihre Liste in den letzten Tagen ohnehin als ausgesprochen unzuverlässig erwiesen.

Sie trat näher und prüfte zunächst, wie tief sein Schlaf tatsächlich war. Keine Reaktion. Selbst als sie einen der schweren Arme anhob, folgte lediglich ein undeutliches Geräusch, das irgendwo zwischen Knurren und Schnarchen lag.

Ein dünnes Lächeln erschien auf ihren Lippen. Zumindest musste sie nicht lange nach Freiwilligen suchen. Ihr erster Gedanke war, den Schlafenden vom Tisch zu schaffen und an einen geeigneteren Ort zu bringen. Eine Wand, ein Stuhl oder irgendeine Ecke, in der sich ein Gefangener vernünftig befestigen ließ, hätte den folgenden Teil erheblich würdevoller gestaltet.

Sie packte ihn unter einer Schulter und zog.

Nichts.

Xull'rae veränderte ihren Stand, griff fester und versuchte es erneut. Diesmal bewegte sich der Drow tatsächlich einige Fingerbreit, bevor die Kombination aus seinem Gewicht und der massiven Rüstung ihr deutlich machte, dass jede weitere Mühe vermutlich mehr über ihren eigenen Starrsinn als über seine Notwendigkeit ausgesagt hätte.

Sie ließ ihn wieder auf die Tischplatte sinken. „Dann eben hier.“ Was an Eleganz fehlte, ließ sich durch Vorbereitung ersetzen.

Einige Zeit später lag der Fremde noch immer auf demselben Tisch, allerdings deutlich weniger frei als zuvor. Seine Arme waren sicher befestigt, ebenso der übrige Körper soweit es seine Rüstung und die Größe des Tisches zuließen. Die Hellebarde hatte Xull'rae außer Reichweite gebracht und alles, womit er sie unmittelbar überraschen konnte, war entfernt worden.

Erst dann besorgte sie einen Kübel Wasser.

Sie stellte sich an die Seite des Tisches, betrachtete den schlafenden Drow noch einen kurzen Moment und kippte den Inhalt ohne jede Vorwarnung über Kopf und Oberkörper. Die Wirkung war zufriedenstellend.


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Noch ehe Tath'raen die Überraschung vollständig verarbeitet hatte, befand sich Xull'rae bereits außerhalb der Reichweite seiner Hände. Sie sagte zunächst nichts sondern lächelte nur. In ihrer Hand lag eine feine, schmale Klinge, deren Spitze wenige Fingerbreit über seiner nun ungeschützten Kehle schwebte.

„Ich nehme an, Ihr habt das Chaos hier zu verantworten?“

Ihr Tonfall blieb beinahe höflich. Nur das Messer machte die Frage ein wenig weniger unverbindlich. Xull'rae ließ den Blick über ihn und anschließend durch den verwüsteten Saal wandern. „Ich verlasse diesen Ort für einige Tage und finde bei meiner Rückkehr das Tor eingeschlagen, die Vorräte geplündert und einen sturzbetrunkenen Drow auf dem Ratstisch.“

Die Klinge senkte sich einen Hauch. „Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass ich darüber ein wenig ungehalten sein könnte.“

Dann holte sie aus. Der Schnitt kam schnell.

Doch nicht gegen seine Kehle. Die Klinge fuhr stattdessen durch eines der noch hinter dem Tisch hängenden Wappen Ky'alurs. Der Stoff teilte sich beinahe geräuschlos und eine Hälfte sank zu Boden.

Xull'rae betrachtete sie kurz. „Allerdings hatte ich nie besonders viel für dieses Haus übrig.“ Ihr Blick kehrte zu Tath'raen zurück, das Lächeln noch immer schmal auf ihren Lippen.

„Und Ihr offenbar ebenfalls nicht.“

Die Spitze der Klinge entfernte sich schließlich von seiner Kehle. Nicht weit, aber weit genug, dass aus einer unmittelbaren Todesdrohung wieder etwas wurde, das man beinahe für ein Gespräch halten konnte.

„Ich habe die Expedition gefunden.“ Eine kurze Pause folgte. „Im Unterreich.“

Nun musterte sie den gewaltigen Krieger wesentlich aufmerksamer als zuvor. Nicht mehr wie einen Eindringling, sondern wie etwas, dessen Nutzen sie gerade neu bewertete. Ein Drow in schwerer Rüstung, stark genug, eine massive Eingangstür einzutreten, und töricht genug, anschließend den Wein einer Ilharess leerzutrinken.

Nicht unbedingt das Werkzeug, nach dem sie gesucht hatte. Aber möglicherweise genau das, welches sie brauchte. Xull'rae lächelte erneut.

„Ich habe Verwendung für euch.“

Re: Wo Schatten fehlen

von Tath'raen » 18 Aug 2026, 20:09

Tath’raen stand vor der massiven Eichenholztür des ehemaligen Drow-Hauptquartiers auf Moonglow, einem gewaltigen Konstrukt aus für ihn fremdartigem, dunklem Holz, das wie ein bösartiger Schatten in der sonst so hellen, vom fernen Meer umspülten Architektur der weichen Menschenstadt thronte. Er atmete die kühle, salzige Luft der verhassten Oberflächenwelt tief in seine brennenden Lungen, spürte das vertraute, beruhigende Gewicht seiner schweren, stachelbewehrten Rüstung auf seinen breiten Schultern und genoss die eiskalte Härte des Stahls seiner treuen Hellebarde in seiner gepanzerten Faust. Eine wilde, unbändige Freude wallte in seiner Brust auf, als er das Fehlen jeglicher magischer Siegel erkannte, die einst absoluten Schutz und unumstößliche Autorität verheißen hatten. Die Schwäche dieses Hauses war nun sein persönlicher Vorteil. Mit einem tiefen, gutturalen Knurren, das wie ein heraufziehendes Donnergrollen in der engen, regennassen Gasse widerhallte, verlagerte er sein beträchtliches Gewicht, hob seinen massiven, stahlbeschlagenen Stiefel und ließ ihn mit der gesamten, brutalen Wucht seines Körpers gegen das Zentrum des Portals krachen. Das uralte, einst mit mächtigen Schutzzaubern bedachte Holz gab dem verheerenden Aufprall augenblicklich nach, riss mit einem ohrenbetäubenden, klagenden Splittern aus den schweren eisernen Angeln und stürzte wie eine erschlagene Bestie krachend in den staubigen, finsteren Innenraum, wobei eine dichte Wolke aus jahrzehntealtem Staub aufwirbelte und sich wie ein grauer Schleier über den zertrümmerten Eingang legte.

Ein grausames, von purem Triumph gezeichnetes Grinsen stahl sich über sein Gesicht, als er mit dröhnenden Schritten über die gesplitterten Trümmer der Tür hinweg in die vertraute, einhüllende Schwärze der Hallen trat. Er genoss den dichten, fast greifbaren Geruch von abgestandener Luft, kaltem Stein, getrocknetem Blut und dem feinen, metallischen Duft von verborgenem Gift, der untrennbar mit der grausamen Macht des Hauses Ky'alur verwoben war. Mit langsamen Schritten, wobei das schwere Metall seiner Rüstung bei jeder Bewegung ein forderndes, mahlendes Klappern auf dem polierten Fußboden verursachte, begann er einen ausführlichen, prüfenden Rundgang durch die weitreichenden, verwaisten Korridore. Sein Infrarotsinn erfasste die Konturen der zurückgelassenen Reichtümer mit perfekter Klarheit, und eine brennende, stolze Befriedigung durchströmte seine Adern angesichts der Tatsache, dass die feige Flucht der Ilharess offensichtlich nur die oberflächlichsten Schichten dieses Ortes entblößt hatte. Die Rüstkammer lag verlockend vor ihm, bis unter die massiven Steingewölbe gefüllt mit perfekt ausbalancierten Klingen, schweren Armbrüsten, Kisten voller todbringender Bolzen und Stapeln von schimmernden Kettenhemden. In den angrenzenden kühlen Gewölben lagerten bauchige Fässer voller seltener Tiefenpilze und schwere Säcke mit kostbaren, bewusstseinsverändernden Gewürzen aus dem Unterreich. Er strich mit seiner kühlen, gepanzerten Hand über die makellos verarbeiteten Klingen, spürte das leise Prickeln der darin schlafenden Magie und rühmte sich selbst, feierte ausgiebig seinen Überlebensinstinkt. Er war in diesem Moment der absolute Meister dieses verlassenen Reiches, der einzig rechtmäßige Herrscher über all das, was die erbärmlichen Schwächlinge in ihrer blinden Panik zurückgelassen hatten.

Doch der süße Geschmack des Triumphes wandelte sich mit fortschreitender Stunde in eine klebrige, dunkle Bitterkeit, als die absolute, erdrückende Stille der verlassenen Hallen begann, an seinen gereizten Nerven zu zerren und die kriechende Kälte der Einsamkeit tief in seine Knochen kroch. Seine Schritte führten ihn, getrieben von einem boshaften, rebellischen Verlangen nach vollkommenem Tabubruch, tiefer in die innersten, verborgensten Gemächer des Hauptquartiers, direkt vor die kunstvoll geschnitzte Tür zu den Privatgemächern der abwesenden Ilharess. Dieser heilige Ort der Macht und der bedingungslosen weiblichen Überlegenheit war ihm und allen männlichen Drow stets strengstens verwehrt gewesen, bewacht durch die ständige Androhung blutiger Folter und eines qualvollen, langsamen Todes. Nun trat er mit herrischer Arroganz ein, missachtete achtlos die kostbaren weichen Seidenteppiche und die filigranen Skulpturen aus zerbrechlichem Spinnenglas, und richtete seinen durchdringenden Blick gezielt auf das höchste, dunkelste Holzregal an der verzierten Rückwand. Dort oben ruhten die bauchigen, staubigen Flaschen eines legendären, tiefgrünen Weins, ein elitäres Privileg, das ausschließlich den Lippen der Matriarchin und ihrer auserwählten Hohepriesterinnen vorbehalten war. Mit einem rauen, grenzenlos verächtlichen Lachen riss er die größte Flasche gewaltsam an sich, entkorkte sie mit seinen Zähnen und stürzte die geheimnisvolle Flüssigkeit in gewaltigen, gierigen Schlucken widerstandslos hinunter. Der lang ersehnte Geschmack war eine herbe, beleidigende Enttäuschung, eine sämige, fast pelzige Flüssigkeit, die intensiv nach verfaulten Höhlenbeeren und ranzigem, feuchtem Leder schmeckte. Dieses angebliche Meisterwerk der dunklen Braukunst verdankte seinen übersteigerten Mythos offensichtlich ausschließlich seiner extremen Seltenheit und dem unerbittlichen Verbot, bot aber immerhin einen gewaltigen, beinahe toxischen Alkoholgehalt, der Tath'raens geistigen Betäubung hervorragend erfüllte.Bareti braute besser; das stand fest.

Der schwere, abscheuliche Wein brannte alsbald wie flüssiges Feuer in seiner rauen Kehle, vernebelte rasch seine scharfen Sinne und entfesselte eine wankende, zerstörerische Energie in seinen Gliedmaßen. Vollkommen berauscht und feurig angetrieben von einer anarchischen, lange unterdrückten Freiheit begann er eine irrsinnige, schwankende Wanderung durch die düsteren Schatten des riesigen Hauptquartiers, ein rücksichtsloser Drow, der erbarmungslos gegen steinerne Wände prallte und uralten, trockenen Putz von den gewölbten Decken regnen ließ. Zurück in der weitläufigen Rüstkammer stieß er mit einem hämischen, feuchten Lachen einen massiven, gusseisernen Ständer mit prunkvollen Zeremonienwaffen um, sodass das schwere Metall mit einem ohrenbetäubenden, klirrenden Getöse auf den harten Steinboden polterte und den Raum in ein bizarres Schlachtfeld aus verbogenem Stahl und gesplittertem Ebenholz verwandelte. Seine blinde, zerstörerische Route führte ihn unaufhaltsam weiter in die dunklen Vorratsräume, wo sein wild schwingender gepanzerter Arm wahllos kostbare Weine aus den hohen Regalen fegte. Er zerschlitzte lachend bunte Säcke mit teuren exotischen Gewürzen, sodass sich der feine, scharfe Staub wie ein dichter Nebel in der kühlen Luft ausbreitete und sich unweigerlich in seinem nassen weißen Haar, seiner dunklen Haut, seiner zerkratzten schweren Rüstung und seinem feuchten dunklen Umhang festsetzte. Jeder stampfende Schritt war ein lauter, trotziger Fluch gegen die herrische Ilharess, jeder mutwillig zerstörte Gegenstand ein triumphaler, befreiender Sieg über die restriktiven, grausamen Regeln, die sein gesamtes bisheriges freudloses Leben dominiert hatten.

Schließlich führten ihn seine schweren, völlig unkoordinierten Schritte zurück in das pechschwarze Herz der verlassenen Macht, den großen Ratssaal, wo der gewaltige, aus reinem Obsidian gehauene Thron der Herrscherin auf einem erhabenen, steinernen Podest unheilvoll ruhte. Mit einem lallenden, gutturalen Ruf der absoluten Verachtung stolperte er die glatten, kalten Stufen hinauf, warf die leere, klebrige grüne Flasche achtlos in eine entfernte Ecke, wo sie mit einem kläglichen Klirren in unzählige winzige Scherben zersprang, und ließ sich mit einem Plumpsen auf den ehemals unantastbaren Sitz fallen. Der massive steinerne Thron ächzte vernehmlich unter seinem stählernen Gewicht, während er sich breitbeinig auf dem prestigeträchtigen Platz positionierte. Er lehnte seinen schweren, von giftigem Alkohol und endloser Erschöpfung dröhnenden Kopf gegen die kühle, harte Steinlehne, schloss die brennenden roten Augen und genoss für einige flüchtige, berauschende Momente die vollkommene, tröstliche Illusion, der alleinige, unangreifbare Herrscher über dieses Haus zu sein. Doch die unausweichliche Realität des massiven Alkoholkonsums und die schiere, alles verschlingende körperliche Erschöpfung der vergangenen endlosen Tage forderten nun unerbittlich ihren Tribut. Seine Muskeln erschlafften widerstandslos, sein stark berauschter Geist glitt ab in einen dichten, dunklen Strudel aus wirren Erinnerungen, und er rutschte, ein vollends schlafender Drow, haltlos und schwerfällig von dem erhabenen, kalten Thron herab. Er schwankte blindlings und kraftlos auf den gigantischen, aus schwarzem Eisenholz gefertigten Besprechungstisch in der weiten Mitte des Saales zu, brach förmlich über der spiegelnd polierten Platte zusammen und fiel dort, die massiven Arme weit über verstaubte historische Pergamente und detaillierte strategische Kartenwerke gebreitet, in einen abgründigen, tiefen Schlaf, während der ferne Ozean ein ewiges, monotones Requiem sang.

Auf verlorenen Spuren

von Xull'rae Zauviir » 18 Aug 2026, 08:50

Der Bericht des Spähers führte Xull'rae ohne größere Schwierigkeiten in jene Gegend des Harpienwaldes, die darin beschrieben worden war. Was er ihr jedoch nicht gab, war eine Fährte. Sie suchte lange – länger, als sie sich selbst gegenüber später eingestanden hätte.

Der Boden zwischen den Felsen zeigte keine Spuren eines größeren Zuges. Kein niedergetretenes Unterholz, keine alten Furchen von Wagenrädern, keine verlorenen Ausrüstungsstücke und nicht einmal jene kleinen Unregelmäßigkeiten, die eine größere Gruppe zwangsläufig hinterließ. Xull'rae umrundete das Gebiet mehrfach, wechselte ihre Perspektive und untersuchte Stellen, an denen ein ungeübtes Auge vermutlich nicht einmal gesucht hätte. Das Ergebnis blieb dasselbe.

Hier war keine Expedition entlanggezogen. Zumindest nicht auf gewöhnlichem Wege.
Das überraschte sie weniger, als es vielleicht sollte. Eine Ilharess zog nicht mit einem beträchtlichen Teil ihres Hauses über die Oberfläche und hinterließ dabei eine Spur, der selbst ein Bauer hätte folgen können. Für einen Zug dieser Größe war Magie ohnehin die wahrscheinlichste Erklärung.

Schließlich gab Xull'rae die Suche nach Spuren auf. Der Harpienwald ließ sich nur aus einer Richtung erreichen, und dort gab es nichts zu entdecken. Also begann sie nach dem Ausschau zu halten, was der Späher tatsächlich beschrieben hatte: dem Zugang.

Zwischen den felsigen Hängen fand sie nach einiger Zeit jene Öffnung. Ein schmaler dunkler Einschnitt zwischen Stein und Wurzeln, halb verborgen von Pflanzen und Schatten.

Sie blieb davor stehen und betrachtete die Umgebung erneut. Nichts. Kein beiseitegeschafftes Geröll, keine Kratzer schwerer Lasten, keine Hinweise auf Karren oder eine größere Gruppe. Selbst der Boden vor dem Eingang wirkte unberührt. Wenn Ky'alur hier gewesen war, dann waren sie nicht über den Harpienwald gekommen.

Xull'rae verzog leicht die Lippen. Das Unterreich war gewaltig. Für Oberflächenbewohner bestand es aus Höhlen und dunklen Abgründen. Für jene, die dort geboren worden waren, war es ein Netz aus Wegen und Übergängen, das sich unter Ländern, Flüssen und Gebirgen erstreckte. Wer diese Wege kannte, konnte fast jeden Ort erreichen. Es war also durchaus möglich, dass die Ilharess diesen Zugang nie von der Oberfläche aus betreten hatte.

Vielleicht war Ky'alur von ganz anderer Stelle hinabgestiegen und erst tief unter der Erde auf diesen Weg gestoßen. Das würde erklären, warum hier nichts zu finden war.

Und es war Grund genug, hinabzusteigen.


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Xull'rae stieg hinab, hinter dem Eingang verschwand das Licht der Oberfläche rasch und mit jedem Schritt wurde die Luft kühler, bis der Geruch von Erde jenem feuchten Gesteins wich. Xull'rae begrüßte die vertraute Dunkelheit beinahe. Die ersten Stunden brachten ihr dennoch wenig Erkenntnis. Die weitläufigen Höhlen teilten sich immer wieder in Seitengänge und natürliche Übergänge, doch nirgends zeigte sich eine Fährte. Sie hielt sich an jene Wege, die eine größere Gruppe vermutlich gewählt hätte, und bemerkte irgendwann jenen kaum greifbaren Übergang, der jedem erfahrenen Drow verriet, dass der Einfluss der Oberfläche endgültig hinter ihm lag. Von nun an begegneten ihr auch häufiger Bewohner der Tiefe, zunächst vereinzelt und kaum der Rede wert.

Erst Stunden später fand sie zwischen zwei Felsen den abgebrochenen Rest einer kleinen Schnalle. Dunkel angelaufenes Adamant, eindeutig Drowarbeit. Für sich genommen bedeutete der Fund wenig, doch bald folgten weitere Kleinigkeiten: eine zu gleichmäßige Kerbe im Fels, ein dunkler Stofffaden, lose Steine, die ein wenig zu ordentlich dort lagen, wo sie lagen. Für einen gewöhnlichen Reisenden nichts. Für die ehemalige Späherin ergab sich daraus bald ein Muster. Jemand hatte die Fährte beseitigt.

Von da an wusste Xull'rae, wonach sie suchen musste, und je weiter sie den kaum sichtbaren Zeichen folgte, desto weniger sorgfältig waren sie verborgen. Aus einem Faden wurde ein Stoffrest, aus winzigen Beschädigungen wurden Abriebspuren und schließlich erschienen erste Zeichen von Gewalt: dunkle Flecken zwischen den Steinen, ein abgebrochener Waffenschaft und die Überreste einer Kreatur. Es wirkte, als hätte jemand zunächst mit großer Sorgfalt jede Spur der Expedition getilgt und diese Mühe später aufgegeben.

Die erste Leiche bestätigte den Eindruck. Ein Wanre lag abseits des Weges, längst von den Bewohnern der Höhlen zerfressen und kaum mehr als solcher zu erkennen. Xull'rae widmete seinem Schicksal wenig Aufmerksamkeit. Vielleicht war er verwundet gewesen, vielleicht zu langsam oder schlicht nicht mehr wert, weiter mitgeschleppt zu werden. Bemerkenswert war nur, dass niemand versucht hatte, auch ihn verschwinden zu lassen. Bis hierher hatte Ky'alur seine Anwesenheit verborgen. Danach offenbar nicht mehr.

Der Grund dafür zeigte sich zunehmend deutlich. Je weiter Xull'rae vordrang, desto häufiger musste sie Kreaturen ausweichen oder sie beseitigen. Aus einzelnen Begegnungen wurden Gruppen, und darunter befanden sich zunehmend Wesen, die selbst im Unterreich nicht überall anzutreffen waren. Noch war nichts darunter, das ihr allein ernsthaft gefährlich werden konnte, doch ihre Zahl war Warnung genug. Irgendetwas zog die Bewohner der Tiefe in diese Gänge oder trieb sie aus den tieferen Ebenen herauf.

Die Steingargylen waren schließlich die ersten Gegner, die mehr als einige Augenblicke ihrer Aufmerksamkeit verlangten. Als die letzte zwischen den Felsen zusammensackte, trugen zwar nur einige Kratzer auf ihrer Rüstung Zeugnis von dem Kampf, doch jenseits der nächsten Biegung fand sie etwas wesentlich Interessanteres.

Hier hatte Ky'alur gekämpft. Der Boden war aufgerissen, Teile der Felswand geschwärzt und zwischen zerbrochenen Waffen lagen zahlreiche Knochen. Einige der Gerippe gehörten unverkennbar zu Untoten, daneben fanden sich dunkle Stoffreste, beschädigte Ausrüstung und Klingen dunkelelfischer Arbeit. Alte Blutspuren machten deutlich, dass auch Angehörige des Hauses gefallen sein mussten.

Doch deren Leichen fehlten.

Xull'rae ging langsam durch das alte Schlachtfeld. Die Gerippe der Gegner lagen noch dort, wo sie endgültig zu Boden gegangen waren, während von den gefallenen Drow nur Waffen, Blut und zurückgelassene Ausrüstung geblieben waren. Natürlich konnte Ky'alur seine Toten mitgenommen haben. Das wäre weder ungewöhnlich noch bemerkenswert gewesen. Trotzdem gefiel ihr das Bild nicht.

Von hier an wurden die Untoten zahlreicher. Skelette und halb verweste Kreaturen begegneten ihr immer häufiger, und bald tauchten darunter Dinge auf, die selbst Xull'rae nicht alltäglich nennen würde. Sie hatte viele Ettins gesehen und zahllose getötet. Untote Ettins waren ihr neu. Immer öfter nutzte sie deshalb die Schatten, statt jeden Kampf anzunehmen, und griff dabei sowohl auf ihre alten Fähigkeiten als Späherin als auch auf jene zurück, die sie erst während ihrer langen Reise erworben hatte.

Das Unterreich wurde mit jeder Stunde dichter, feindseliger und vor allem hungriger.

Schließlich stieß sie auf einen weiteren Schauplatz eines Kampfes. Weniger groß als der vorherige, aber frischer in seiner Wirkung, obwohl auch hier längst Monde vergangen sein mussten. Zwischen zerbrochenen Knochen und alten Waffen lag ein Körper, halb unter Geröll begraben. Xull'rae hielt ihn zunächst für einen weiteren Kadaver irgendeines Höhlenbewohners und schenkte ihm kaum Beachtung, bis sich einer seiner Arme bewegte.

Langsam, ruckartig und falsch. 

Der Körper zog sich aus dem Geröll und kam auf die Beine. Es war ein Drow. Oder war es zumindest einmal gewesen. Die Haut hatte einen grauen Schleier und war aufgerissen, die Bewegungen schwerfällig und unnatürlich. Teile seiner alten Rüstung hingen noch immer an ihm, verdreckt und beschädigt, doch das Material, die Verarbeitung und die verbliebenen Zeichen ließen keinen Zweifel daran, zu wem er gehört hatte. Ky'alur.

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Der Untote wandte den Kopf in ihre Richtung. Erst jetzt erkannte Xull'rae in den entstellten Zügen einen der Krieger Ky'alurs wieder. Keinen, dessen Verlust das Haus je ernsthaft geschwächt hätte.

„Ich erinnere mich an dich.“ Ein dünnes Lächeln glitt über ihre Lippen. „Schon zu Lebzeiten war Denken nicht deine Stärke. Aber das hier ist selbst für dich erbärmlich.“

Dann kam er auf sie zu. Der Kampf dauerte nicht lange, doch lang genug, um ihr Missfallen zu vertiefen. Der wiedererweckte Drow bewegte sich schwerfällig und ohne jede Eleganz, aber hinter seinen Schlägen lag eine Kraft, die ein gewöhnlicher Zombie nicht besitzen sollte. Selbst Verwundungen, die einen solchen längst zu Boden gezwungen hätten, hielten ihn kaum auf. Erst als ihre Klinge schließlich tief genug traf, brach der Körper auf dem Stein zusammen.

Xull'rae blieb einen Augenblick neben ihm stehen und betrachtete den zerfetzten Rest des roten Umhangs. Die fehlenden Leichen auf dem Schlachtfeld erschienen ihr plötzlich in einem anderen Licht. Vielleicht hatte Ky'alur seine Gefallenen doch nicht mitgenommen. Vielleicht hatten sie den Weg später aus eigener Kraft fortgesetzt. Der Gedanke war unangenehm genug, um ihre nächsten Schritte vorsichtiger werden zu lassen.

Sie drang noch eine Weile tiefer vor, doch die Zahl der Untoten nahm weiter stetig zu und mit ihnen deren Stärke. Was einzeln kaum mehr als lästig gewesen wäre, begann in dieser Menge zu einem ernsthaften Risiko zu werden. Xull'rae wusste um ihre eigenen Fähigkeiten, was sie vermochte, und gerade deshalb hatte sie wenig Bedürfnis, ihre Grenzen aus bloßem Stolz herauszufordern. Tote Heldinnen fanden selten Antworten.

Irgendwo vor ihr befand sich die Expedition oder das, was von ihr übrig war. Xull'rae hasste den Gedanken, umzukehren, beinahe ebenso sehr wie den Gedanken, hier unten zu sterben und irgendwann selbst als sabbernder Kadaver durch diese Gänge zu stolpern. Letzteres war allerdings deutlich geschmackloser.

Also kehrte sie um, nicht weil der Weg vor ihr unmöglich war, sondern weil es keinen Sinn ergab, ihn allein zu gehen. Die Menschen Moonglows hatten von anderen Drow gesprochen, die nach dem Verschwinden Ky'alurs noch immer dort gesehen worden waren. Zurückgelassene, Versprengte oder jene, die aus welchem Grund auch immer nicht mit der Ilharess gegangen waren.

Xull'rae würde sie finden. Ob sie anschließend freiwillig mit ihr ins Unterreich zurückkehrten, würde sich zeigen.

Freiwilligkeit war ohnehin ein erstaunlich überschätztes Konzept.

Re: Wo Schatten fehlen

von Tath'raen » 17 Aug 2026, 20:26

Jeder seiner Schritte war ein Verrat an den stillen Traditionen der Drow, doch das mahlende Knirschen seiner schweren Rüstungsplatten auf dem nackten Fels störte ihn schon lange nicht mehr. Mit einem wütenden Fluch spuckte Tath'raen in die Schwärze des Underdark, wo sein Speichel zischend auf einen säurehaltigen Pilz traf. Feiglinge. Er war nur für wenige Augenblicke von der Nachhut abgewichen, um einem verdächtigen Kratzen in einem Seitentunnel nachzugehen – eine reine Routinesache, an deren Ende nur ein totes Krabbelwesen und eine blutverschmierte Hellebarde standen. Doch als er in den Hauptstollen zurückgekehrt war, hatte ihn nur leere Dunkelheit empfangen. Die Expedition des Hauses Ky'alur war fort. Kein Warten, keine Markierungen, nicht einmal der Hauch einer Fährte war geblieben, da die Magiewirker des Hauses offenbar jeden Hinweis auf ihren Durchmarsch mit paranoider Sorgfalt getilgt hatten. Für Stunden, vielleicht sogar Tage, war er blind durch das Labyrinth aus Gängen und Kavernen gestapft, stets in der Hoffnung, den Anschluss wiederzufinden. Mit einem rauen Brüllen ließ er schließlich das schwere Blatt seiner Waffe in einen Stalagmiten krachen, dass der Fels förmlich explodierte und ihn mit scharfkantigem Staub überzog. Sollen sie doch in Elashinn an ihrer Herrlichkeit ersticken! Ein Krieger von seinem Schlag wusste, wann ein Vertrag gebrochen war und weiteres Suchen im Nichts nur den sicheren Tod durch Erschöpfung bedeutete.

Er rammte den Schaft seiner Hellebarde hart auf den Boden, machte auf dem Absatz kehrt und begann den mühsamen, demütigenden Aufstieg. Je weiter er sich von den Tiefen entfernte, desto schwerer und feuchter wurde die Luft, bis ihn schließlich am verborgenen Ausgang die verhasste Witterung der Insel Moonglow wie eine nasse Ohrfeige traf. Das fahle Licht und der endlos offene Himmel widerten ihn an. Sein Volk war hier geächtet, und auch wenn lautloses Schleichen nie seine Stärke gewesen war, so war er doch kein Narr. Mit klirrender Rüstung direkt durch die befestigte Menschensiedlung zu marschieren, wäre völlig sinnlos gewesen. Stattdessen mied er die Stadtmauern und schlug sich durch den dichten Wald, der die Ränder der Insel prägte. Das nasse Unterholz peitschte kratzend gegen seinen Stahl, und der schlammige Boden dämpfte ausnahmsweise seine schweren Schritte, während er einen weiten Bogen schlug und zielsicher das verlassene Anwesen des Hauses Ky'alur ansteuerte. Wenn Jhea’kryna glaubte, sie könne ihn in den Tunneln einfach abstreifen wie lästigen Schmutz, dann irrte sie sich gewaltig. Er würde in das hastig verlassene Gebäude eindringen, sich aus den Resten ihres falschen Stolzes die Vorräte und Entschädigungen nehmen, die er brauchte, und sich einen neuen Plan schmieden. Keiner ließ Tath'raen ungestraft im Dunkeln stehen.

Wo Schatten fehlen

von Xull'rae Zauviir » 17 Aug 2026, 18:10

Moonglow hatte sich verändert. Nicht auf jene plumpe Weise, die selbst einem Menschen aufgefallen wäre, und vermutlich nicht einmal genug, um einen der Oberflächenelfen länger darüber nachdenken zu lassen. Doch Xull'rae bemerkte es bereits, ehe ihre Schritte sie zu jenem Teil der Stadt führten, den sie vor langer Zeit verlassen hatte. Es war weder der Geruch des Meeres noch das Pflaster unter ihren Stiefeln oder die neugierigen Blicke jener, die einer Dunkelelfe noch immer ein wenig zu lange nachsahen. Wobei die Blicke der gewöhnlichen Menschen Moonglows durchaus verändert verändert wirkten. Es war eine Abwesenheit, etwas kaum Greifbares, das dort fehlte, wo es hätte sein müssen. Viele Monde hatte ihre Reise gedauert. Sie war ausgezogen, um nach ihrer Vergangenheit zu suchen, nach den Resten eines Namens, den sie einst abgelegt hatte, weil er gefährlicher gewesen war als jede offen getragene Klinge. Zauviir. Stattdessen hatte sie zeitweise den Schutz eines fremden Qu'ellar angenommen, Ky'alur als Mantel und Werkzeug benutzt und Moonglow als Zuflucht ertragen. Antworten hatte sie auf ihrer Reise gesucht. Gefunden hatte sie etwas anderes. Was genau, darüber schwieg sie selbst vor sich.

Trotz einiger Wachen des Rates, gelang es ihr schnell, das seltsame Haus zu erreichen, welches die kümmerlichen Überreste des einstig mächtigsten Hauses außerhalb des Underdark aufgenommen hatte. Vor dem Anwesen des Hauses Ky'alur blieb sie schließlich stehen und betrachtete es lange. Dieses so unwahrscheinliche Gebäude, in dem kein Dunkelelf sich wahrlich sicherfühlen konnte. Alles was hier Schutz versprach, waren einige alte Holzbretter und der magische Schutz der Zauber und Gebete des Hauses. Keine meterhohe Mauer umgab das Anwesen, kein Stein bildete die Wände. Wie die jämmerlichen Oberflächenbewohner derartiges ertragen konnten, war ihr unbegreiflich. Vermutlich war es eben diese Exilenklave, die sie schließlich dazu gezwungen hatte, endlich nach den Resten ihres eigenen Hauses zu suchen.

Es war erfolglos geblieben und jetzt stand sie wieder hier und betrachtete vorsichtig Das Haus. Kein Wächter stand an seinem Platz, kein Licht drang durch die Fenster, kein gedämpftes Gespräch lag hinter den Mauern. Selbst die sonst allgegenwärtige Spannung eines drowischen Hauses fehlte. Ein Qu'ellar mochte still sein, doch niemals leer; hinter seiner Ruhe lauerten gewöhnlich Augen, Klingen und Absichten. Dieses Gebäude hingegen wirkte wie etwas, dem man das Herz herausgeschnitten und nur die Hülle zurückgelassen hatte. Als Xull'rae die Hand gegen den Hintereingang legte und dieser ohne Widerstand nachgab, verzogen sich ihre Lippen zu einem schmalen, missbilligenden Lächeln. Eine unverschlossene Tür war entweder Einladung oder Kapitulation. Für beides hatte sie wenig übrig.


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Das Innere bestätigte ihren Verdacht. Man hatte Ky'alur nicht langsam aufgegeben und ebenso wenig sorgfältig geräumt. Wertvolles fehlte, ebenso persönliche Habe, Waffen und Dinge, die ein Haus auf eine längere Reise mitnehmen würde, doch anderes war zurückgeblieben, als hätte irgendwann nicht mehr die Frage gegolten, was mitgenommen werden sollte, sondern nur noch, wie schnell man verschwinden konnte. Schubladen standen offen, Pergamente lagen achtlos auf dem Boden, ein Möbelstück war beim Verrücken umgestürzt und nie wieder aufgerichtet worden. Hier und dort fanden sich deutlichere Narben der vergangenen Unruhe: beschädigtes Holz, ein dunkler alter Fleck, die Spuren eines kurzen Kampfes. Nichts davon erzählte von einer Niederlage innerhalb dieser Mauern. Es erzählte von Hast.

Xull'rae bewegte sich schweigend durch die verlassenen Räume und ließ ihren Blick über die Hinterlassenschaften gleiten. Sie empfand keine Rührung bei dem Anblick. Ky'alur war nie ihr Haus gewesen. Seine Ilharess war nicht ihre Mutter gewesen, seine Ahnen nicht die ihren und seine Ehre nichts, wofür sie freiwillig Blut vergossen hätte. Dennoch reizte sie die Vorstellung, dass jemand ein ganzes drowisches Qu'ellar aus Moonglow hatte verschwinden lassen können, ohne dass sie auch nur davon erfahren hatte. Nicht aus Verbundenheit, sondern weil Unwissenheit eine Schwäche war, und die dunkelelfische Kriegerin hasste kaum etwas mehr, als zu erkennen, dass andere mehr wussten als sie.

Die Bewohner Moonglows erwiesen sich dabei als ebenso nützlich, wie sie es erwartet hatte: kaum. Aus widersprüchlichen Gerüchten, hastig beendeten Gesprächen und Menschen, deren Mut mit jedem Augenblick ihres Blickes ein wenig weiter schrumpfte, ließ sich dennoch ein Bild zusammensetzen. Es hatte Unruhen gegeben. Angehörige Ky'alurs waren in großer Zahl verschwunden. An einem Tag noch gab es Auseinandersetzungen mit dem Rat zu Moonglow, bereits am nächsten gab es keinen Dunkelelfen mehr in der Stadt. Einige nannten es Flucht, bis Xull'rae ihnen Gelegenheit gab, über ihre Wortwahl nachzudenken. Andere sprachen von einer Expedition. Schließlich fiel der Name, der ihren Blick schmal werden ließ: **Elashinn**. Die Ilharess selbst hatte nach der verlorenen Stadt suchen lassen und war mit einem beträchtlichen Teil ihres Hauses aufgebrochen. Danach hatte niemand mehr etwas von ihnen gehört. Nur ab und an hörte man noch von einzelnen Drow, die weiterhin auf Moonglow herumliefen. Genaueres schien Niemand zu wissen, als wäre es besser, nicht genau hinzusehen, was Dunkelelfen trieben. Diese Vorsicht ließ die Dunkelelfe nicht nur innerlich grinsen, was meist zu einem eiligen Verschwinden der befragten Bewohner führte.

Erst außerhalb des Anwesens fand Xull'rae Spuren, denen sie mehr Vertrauen schenkte als den Zungen der Oberflächenbewohner. Selbst nach all der vergangenen Zeit waren Reste des Aufbruchs zu erkennen: die alten Furchen schwerer Wagen, verdichtete Erde und jene kleinen Unregelmäßigkeiten, die nur dann bedeutungslos erschienen, wenn man nicht wusste, wonach man suchte. Sie folgte ihnen aus Moonglow hinaus und fand mit zunehmender Entfernung immer mehr Hinweise darauf, dass die Reise anders verlaufen war, als ihre Teilnehmer geplant hatten. Ein zurückgelassenes Stück Ausrüstung, ein zerbrochenes Rad, verstreute Gegenstände und schließlich die ersten alten Spuren von Gewalt. Nichts davon allein war bemerkenswert. Zusammen jedoch erzählten sie eine Geschichte, die Xull'rae deutlich besser gefiel als die Gerüchte der Stadt.


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Xull'rae kehrte um und trat erneut in das verlassene Haus zurück. Die Stille, die sie zuvor nur registriert hatte, wirkte nun nicht mehr wie ein Mangel, sondern wie eine Bestätigung. Wer auch immer alles zurückließ, hatte es nicht in Eile getan, die Spuren waren bereits gelesen worden – doch nicht vollständig.

Im Obergeschoss fand sie, wonach sie nicht gesucht hatte, aber was sie nun mit Sicherheit erwartete. Ein Raum, halb Arbeitszimmer, halb vergessener Rückzugsort, dessen Ordnung nur noch in Ansätzen existierte. Zwischen offenen Schubladen und verstreuten Schriftrollen lag ein einzelnes Dokument, sorgfältiger verwahrt als der Rest, als hätte jemand es zuletzt bewusst zurückgelassen, ein Spähbericht.

Xull'rae las ihn ohne Hast. Ihre Augen folgten den knappen, disziplinierten Zeilen, die von einer Entdeckung berichteten, die weit mehr Gewicht hatte als die übrigen Verluste des Hauses. Ein Zugang war gefunden worden. Kein natürlicher, kein zufälliger Riss in der Welt, sondern ein klar identifizierter Übergang, der in das Unterreich führte. Die Beschreibung war präzise genug, um keinen Zweifel zu lassen – und zugleich vorsichtig genug, um zu verraten, dass der Schreiber wusste, was er dort berührte.

Als ehemalige Späherin verstand sie die angedeuteten Hinweise des Schreibers sehr genau. Sie las von einigen aufflligen Merkmalen der Gegend und recht zügig wob ihr Verstand ein Bild dazu, der Harpienwald.

Eine jener Quellen, die sie aus früheren Aufträgen kannte, ein Gebiet, das für die meisten nur aus Geschichten bestand, für sie jedoch aus Federn, Krallen und dem unangenehmen Echo zu vieler Begegnungen, die besser nicht in Erinnerung blieben. Ein Ort, den man nicht ohne Grund aufsuchte – und noch seltener ohne Grund wieder verließ.

Langsam senkte Xull'rae den Bericht. Ihr Blick blieb einen Augenblick lang auf dem vergilbten Papier ruhen, als könnte es ihr noch mehr verraten, wenn sie es nur lange genug anstarrte. Doch die Wahrheit war bereits vollständig.

Das Haus Ky'alur war nicht verschwunden, es war aufgebrochen. Sie waren gegangen, weil sie etwas gefunden hatten, das sie tiefer führte, als Moonglow es je hätte halten können. Sie hatten zurückgelassen, was ihre Pläne gestört hatte und hatten, in typisch dunkelelfischer Natur, vermutlich nicht einen Gedanken daran verschwendet, was oder auch wen, sie auf Moonglow zurückließen.

Aber Xull'rae wusste nun, wohin das Haus aufgebrochen war. Die verstreuten Spuren, die Gerüchte und die bruchstückhaften Hinweise hatten sich zu einer klaren Richtung verdichtet, auch wenn noch vieles im Dunkeln lag. Es war kein vollständiges Bild, aber genug, um ihr Ziel zu bestimmen. Sie füllte noch einige ihrer Vorräte im Anwesen auf, nahm das Nötigste an Proviant, Ausrüstung und Ersatz mit, ohne sich länger als nötig aufzuhalten. Nichts an diesem Ort hielt sie noch zurück, und selbst die angenehme Stille des verlassenen Hauses bot ihr keinen Grund zum Verweilen.

Einen letzten Blick warf sie in die leeren Räume, dann wandte sie sich ab. Dieses Mal verließ sie Moonglow vermutlich endgültig. Kein Abschied, keine Sentimentalität – nur die nüchterne Feststellung eines Weges, der sich nicht mehr zurückführen würde. Sie würde der Expedition folgen und ins Underdark zurückkehren, dorthin, wo alle dunkelelfischen Häuser ihren Ursprung hatten und ihr eine neue Zukunft bevorstehen würde.

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