von Ithandor » 27 Aug 2026, 18:24
Die Spur der Furcht
Der Regen hatte Düsterhafen schon erreicht, lange bevor Ithandor die ersten Dächer der Stadt sah. Er fiel nicht in schweren Tropfen vom Himmel, sondern hing wie feiner, kalter Staub in der Luft, setzte sich auf Mantel, Haar und Leder und kroch irgendwann durch jede Naht. Die Straße vor ihm war zu einem dunklen Band aus Schlamm geworden. Tiefe Wagenrinnen zogen sich zwischen kahlen Bäumen hindurch, deren Äste schwarz und verdreht gegen den grauen Himmel standen.
Ithandor zog den Kragen seines Mantels höher und setzte seinen Weg fort. Seit zwei Tagen war er unterwegs, und seit zwei Tagen dachte er immer wieder über dieselben drei Worte nach.
Beobachten. Prüfen. Berichten.
So hatte der Auftrag gelautet. Kurz, nüchtern, ohne jedes Pathos.
Die Jäger der Schatten wussten, dass Worte gefährlich werden konnten, wenn man ihnen zu viel Gewicht gab. Deshalb hatte der Mann, der Ithandor den Auftrag überbracht hatte, nicht von einem Kult gesprochen. Nicht von Dämonen, verbotenen Ritualen oder dunkler Magie. Er hatte lediglich von Vorfällen berichtet.
Ein Lagerhaus war niedergebrannt. Ein Wachmann namens Edren Falk war seit fast drei Wochen verschwunden. Ein Priester war nachts auf dem Weg zu seinem Tempel überfallen und so schwer zusammengeschlagen worden, dass er kaum noch sprechen konnte. An mehreren Orten hatte man schwarze Zeichen gefunden. Sterne, Kreise und andere einfache Symbole. Manche nur mit Kohle auf Holz gemalt, andere in Türen geritzt. Eines hatte man mit dunkler Farbe auf die Wand eines Armenhauses geschmiert.
Für sich allein genommen war nichts davon außergewöhnlich.
Städte wie Düsterhafen fraßen Menschen.
Manche verschwanden. Manche wurden erschlagen. Manche Häuser brannten, weil jemand zu betrunken gewesen war, eine Laterne zu löschen, oder weil eine alte Rechnung mit Feuer beglichen wurde.
Doch die Berichte hatten etwas gemeinsam.
Etwas, das zwischen den Zeilen lag.
Die Menschen hatten Angst.
Nicht die gewöhnliche Furcht vor Dieben, Hunger oder Krankheit. Es war etwas anderes. Etwas Unbestimmtes. Fast jeder Zeuge hatte davon gesprochen, dass sich die Stadt verändert habe. Dass nachts Schritte zu hören seien, obwohl niemand auf der Straße stand. Dass Männer in Tavernen plötzlich verstummten, sobald bestimmte Namen fielen. Dass Bettler aus dem Hafenviertel manche Gassen nach Sonnenuntergang nicht mehr betreten wollten.
Und immer wieder tauchte dasselbe Gerücht auf.
Ein Mann.
Groß. Dunkel gekleidet. Mit roten Augen.
Ithandor hatte die Berichte zweimal gelesen. Beim ersten Mal hatte er darüber geschmunzelt. Beim zweiten Mal nicht mehr.
Menschen erfanden Monster gern dort, wo ihnen Erklärungen fehlten. Das wusste er. Ein Schatten in einer Gasse wurde mit jeder Erzählung größer, ein unbekannter Mann irgendwann zum Mörder und ein seltsames Licht in der Nacht zur verbotenen Magie.
Doch Geschichten entstanden selten vollkommen grundlos.
Irgendwo zwischen Lüge und Wahrheit lag fast immer etwas, das es wert war, gefunden zu werden.
Als Ithandor schließlich den letzten Hügel erreichte, blieb er stehen.
Düsterhafen lag unter ihm.
Die Stadt wirkte aus der Entfernung weniger wie ein Ort, der erbaut worden war, sondern eher wie etwas, das sich über viele Jahrzehnte an die Küste geklammert hatte. Schiefe Dächer drängten sich dicht aneinander. Rauch stieg aus zahllosen Kaminen und vermischte sich mit dem Nebel, der vom Meer zwischen die Häuser kroch. Weiter unten lagen die Hafenbecken wie schwarze Wunden im Grau, und die Masten der Schiffe ragten daraus hervor wie dürre Finger.
Möwen kreisten über den Kais. Ihr Kreischen trug der Wind bis zu ihm herauf.
Ithandor ließ den Blick lange über die Stadt schweifen.
Er wusste nicht genau, wonach er suchte. Vielleicht nach einem Zeichen. Nach irgendeiner Spur jener Beklemmung, die in den Berichten beschrieben worden war.
Natürlich spürte er nichts.
Eine Stadt besaß keine Seele. Zumindest keine, die sich auf dieselbe Weise lesen ließ wie die eines Menschen.
Und trotzdem lag etwas über Düsterhafen.
Vielleicht war es nur der Nebel. Vielleicht der Regen. Vielleicht die Art, wie die Häuser am Hafen so eng zusammengedrängt standen, als wollten sie einander vor etwas schützen.
„Also gut“, murmelte Ithandor.
Seine Stimme verschwand beinahe im Wind.
„Zeigt mir, was euch Angst macht.“
Dann ging er weiter.
[b]Die Spur der Furcht[/b]
Der Regen hatte Düsterhafen schon erreicht, lange bevor Ithandor die ersten Dächer der Stadt sah. Er fiel nicht in schweren Tropfen vom Himmel, sondern hing wie feiner, kalter Staub in der Luft, setzte sich auf Mantel, Haar und Leder und kroch irgendwann durch jede Naht. Die Straße vor ihm war zu einem dunklen Band aus Schlamm geworden. Tiefe Wagenrinnen zogen sich zwischen kahlen Bäumen hindurch, deren Äste schwarz und verdreht gegen den grauen Himmel standen.
Ithandor zog den Kragen seines Mantels höher und setzte seinen Weg fort. Seit zwei Tagen war er unterwegs, und seit zwei Tagen dachte er immer wieder über dieselben drei Worte nach.
Beobachten. Prüfen. Berichten.
So hatte der Auftrag gelautet. Kurz, nüchtern, ohne jedes Pathos.
Die Jäger der Schatten wussten, dass Worte gefährlich werden konnten, wenn man ihnen zu viel Gewicht gab. Deshalb hatte der Mann, der Ithandor den Auftrag überbracht hatte, nicht von einem Kult gesprochen. Nicht von Dämonen, verbotenen Ritualen oder dunkler Magie. Er hatte lediglich von Vorfällen berichtet.
Ein Lagerhaus war niedergebrannt. Ein Wachmann namens Edren Falk war seit fast drei Wochen verschwunden. Ein Priester war nachts auf dem Weg zu seinem Tempel überfallen und so schwer zusammengeschlagen worden, dass er kaum noch sprechen konnte. An mehreren Orten hatte man schwarze Zeichen gefunden. Sterne, Kreise und andere einfache Symbole. Manche nur mit Kohle auf Holz gemalt, andere in Türen geritzt. Eines hatte man mit dunkler Farbe auf die Wand eines Armenhauses geschmiert.
Für sich allein genommen war nichts davon außergewöhnlich.
Städte wie Düsterhafen fraßen Menschen.
Manche verschwanden. Manche wurden erschlagen. Manche Häuser brannten, weil jemand zu betrunken gewesen war, eine Laterne zu löschen, oder weil eine alte Rechnung mit Feuer beglichen wurde.
Doch die Berichte hatten etwas gemeinsam.
Etwas, das zwischen den Zeilen lag.
Die Menschen hatten Angst.
Nicht die gewöhnliche Furcht vor Dieben, Hunger oder Krankheit. Es war etwas anderes. Etwas Unbestimmtes. Fast jeder Zeuge hatte davon gesprochen, dass sich die Stadt verändert habe. Dass nachts Schritte zu hören seien, obwohl niemand auf der Straße stand. Dass Männer in Tavernen plötzlich verstummten, sobald bestimmte Namen fielen. Dass Bettler aus dem Hafenviertel manche Gassen nach Sonnenuntergang nicht mehr betreten wollten.
Und immer wieder tauchte dasselbe Gerücht auf.
Ein Mann.
Groß. Dunkel gekleidet. Mit roten Augen.
Ithandor hatte die Berichte zweimal gelesen. Beim ersten Mal hatte er darüber geschmunzelt. Beim zweiten Mal nicht mehr.
Menschen erfanden Monster gern dort, wo ihnen Erklärungen fehlten. Das wusste er. Ein Schatten in einer Gasse wurde mit jeder Erzählung größer, ein unbekannter Mann irgendwann zum Mörder und ein seltsames Licht in der Nacht zur verbotenen Magie.
Doch Geschichten entstanden selten vollkommen grundlos.
Irgendwo zwischen Lüge und Wahrheit lag fast immer etwas, das es wert war, gefunden zu werden.
Als Ithandor schließlich den letzten Hügel erreichte, blieb er stehen.
Düsterhafen lag unter ihm.
Die Stadt wirkte aus der Entfernung weniger wie ein Ort, der erbaut worden war, sondern eher wie etwas, das sich über viele Jahrzehnte an die Küste geklammert hatte. Schiefe Dächer drängten sich dicht aneinander. Rauch stieg aus zahllosen Kaminen und vermischte sich mit dem Nebel, der vom Meer zwischen die Häuser kroch. Weiter unten lagen die Hafenbecken wie schwarze Wunden im Grau, und die Masten der Schiffe ragten daraus hervor wie dürre Finger.
Möwen kreisten über den Kais. Ihr Kreischen trug der Wind bis zu ihm herauf.
Ithandor ließ den Blick lange über die Stadt schweifen.
Er wusste nicht genau, wonach er suchte. Vielleicht nach einem Zeichen. Nach irgendeiner Spur jener Beklemmung, die in den Berichten beschrieben worden war.
Natürlich spürte er nichts.
Eine Stadt besaß keine Seele. Zumindest keine, die sich auf dieselbe Weise lesen ließ wie die eines Menschen.
Und trotzdem lag etwas über Düsterhafen.
Vielleicht war es nur der Nebel. Vielleicht der Regen. Vielleicht die Art, wie die Häuser am Hafen so eng zusammengedrängt standen, als wollten sie einander vor etwas schützen.
[i]„Also gut“[/i], murmelte Ithandor.
Seine Stimme verschwand beinahe im Wind.
[i]„Zeigt mir, was euch Angst macht.“[/i]
Dann ging er weiter.