von Ithandor » 28 Aug 2026, 15:00
Zwischen Neugier und Pflicht
In den Tagen nach seiner Ankunft begann Ithandor zu verstehen, dass Düsterhafen anders auf Fragen reagierte, als er es aus seinen bisherigen Einsätzen kannte. Viel Erfahrung besaß er ohnehin noch nicht. Für einen Lichtelfen war er jung, kaum mehr als ein Jugendlicher, und auch bei den Jägern der Schatten hatte er bisher vor allem Berichte geprüft, Zeugen befragt und erfahrenere Ermittler begleitet. Düsterhafen war das erste Mal, dass er allein entscheiden musste, ob hinter einigen scheinbar gewöhnlichen Verbrechen tatsächlich etwas Größeres steckte.
Auch seine Ausbildung zum Seelenmagier hatte gerade erst begonnen. Ithandor konnte starke Gefühle wahrnehmen und manchmal erkennen, wie tief sich Furcht oder Zorn in einer Seele festgesetzt hatten. Doch er wusste ebenso, dass zwischen einem Novizen und einem ausgebildeten Seelenmagier Welten lagen. Seine Lehrer hatten ihn oft genug davor gewarnt, dass ein wenig Wissen leicht dazu verleiten konnte, sich für fähiger zu halten, als man war.
In Düsterhafen schienen sich diese Warnungen schneller zu bewahrheiten, als ihm lieb gewesen wäre.
Ithandor sprach mit Hafenarbeitern, Händlern und Bettlern, suchte erneut das abgebrannte Lagerhaus auf und besuchte jene Straßen, an denen schwarze Zeichen gefunden worden waren. Zunächst bekam er kaum mehr als Gerüchte. Doch bald fiel ihm auf, dass sich nach seinen Gesprächen etwas veränderte.
Ein Bettler, der ihm von Edren Falk erzählt hatte, war am nächsten Morgen verschwunden. Ein Kaufmann, der zwei dunkel gekleidete Gestalten in der Nacht des Lagerhausbrandes gesehen haben wollte, bestritt einen Tag später, jemals mit Ithandor darüber gesprochen zu haben. Als Ithandor ihn genauer betrachtete, spürte er deutlich die Angst in dem Mann. Für einen Augenblick war er versucht, seine seelenmagische Wahrnehmung tiefer nach ihr auszustrecken, zog sich jedoch zurück. Dafür war seine Ausbildung noch nicht weit genug.
Am nächsten Morgen fand er wenige Schritte vom Laden des Kaufmanns entfernt einen schwarzen Stern an einer Hauswand.
Ithandor blieb lange davor stehen. Das Zeichen selbst war vollkommen unscheinbar. Ein wenig schwarze Farbe auf grauem Stein, keine Rune, keine erkennbare Magie. Trotzdem sah er, wie Menschen den Blick abwandten, ihre Schritte beschleunigten oder sogar die Straßenseite wechselten.
Vielleicht lag genau darin seine Bedeutung.
Der Stern musste niemandem etwas antun. Er erinnerte die Menschen an das brennende Lagerhaus, den verschwundenen Wachmann, den verletzten Priester und die Geschichten über Gestalten in dunklen Straßen. Die Furcht entstand nicht durch das Symbol selbst, sondern durch alles, was die Menschen bereits damit verbanden.
Dieser Gedanke faszinierte Ithandor.
Je länger er ermittelte, desto stärker beschlich ihn der Verdacht, dass manche Spuren nicht zufällig vor ihm auftauchten. Aussagen wurden zurückgenommen, Menschen verschwanden und neue Zeichen erschienen dort, wo er kurz zuvor Fragen gestellt hatte. Vielleicht beobachtete ihn jemand längst.
Eigentlich hätte ihn das beunruhigen müssen.
Stattdessen machte es ihn neugierig.
Wenn jemand auf seine Nachforschungen reagierte, dann bedeutete das zumindest, dass er etwas berührte, das verborgen bleiben sollte.
Seine Suche führte ihn schließlich häufiger in den Süden der Stadt. Mehrere Hinweise deuteten in die Gegend um die große Arena, und dort fiel ihm ein altes Kloster auf, das offenbar instand gesetzt wurde. Arbeiter trugen Stein und Holz hinein, Wagen wurden entladen, Gerüste standen an den Mauern.
Nichts daran war ungewöhnlich.
Trotzdem blieb Ithandor stehen.
Die Lage war auffallend günstig. Rund um die Arena herrschte ständig Lärm. Händler, Kämpfer, Arbeiter und Fremde kamen und gingen. Niemand achtete auf jedes Gesicht oder jeden Wagen. Selbst langes Hämmern auf Stein ging im Lärm der Umgebung unter.
Wenn jemand etwas verbergen wollte, dachte Ithandor, wäre dies kein schlechter Ort dafür.
Er bemerkte, dass sein Blick immer wieder zu dem Kloster zurückkehrte. Etwas an diesem Ort hielt ihn fest, ein kaum greifbares Unbehagen, für das er keine Erklärung fand.
Dann kam dieses unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden.
Ithandor drehte sich um. Zwischen den Menschen glaubte er für einen kurzen Augenblick eine dunkle Gestalt in einer Seitengasse zu erkennen. Groß, reglos, halb im Schatten verborgen. Ein Wagen rollte vorüber, und als Ithandor wieder freie Sicht hatte, war die Gasse leer.
Er blieb noch einen Moment stehen.
Am Abend saß er in seinem Zimmer in der Salzkrähe und schrieb seinen ersten Bericht. Er bestätigte das Verschwinden Edren Falks, den Brand, den Angriff auf den Priester und die schwarzen Zeichen. Auch die auffällige Angst unter den Bewohnern erwähnte er.
Dann hielt seine Feder inne.
Sein Auftrag war eindeutig gewesen. Wenn sich der Verdacht auf etwas Größeres erhärtete, sollte er Verstärkung anfordern.
Und inzwischen gab es genug Gründe dafür.
Ithandor wusste es.
Doch wenn er jetzt Unterstützung verlangte, würden erfahrenere Jäger kommen. Sie würden seine Aufzeichnungen prüfen, eigene Befragungen durchführen und vermutlich die Untersuchung übernehmen. Vielleicht würden sie innerhalb weniger Tage erkennen, wofür Ithandor selbst so lange gebraucht hatte.
Der Gedanke traf seinen Stolz.
Er hatte noch nichts Greifbares. Nur verängstigte Zeugen, schwarze Sterne, ein verdächtig wirkendes Kloster und das Gefühl, beobachtet zu werden.
Nur ein paar weitere Tage, sagte er sich.
Dann würde er mehr wissen.
Ithandor setzte die Feder wieder an.
Eine abschließende Einschätzung ist derzeit nicht möglich. Mehrere Hinweise sprechen für einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen. Ich werde die Untersuchung fortsetzen und berichten, sobald sich der Verdacht erhärten lässt.
Er las den Satz noch einmal.
Er war nicht gelogen.
Aber er verschwieg genug.
Vom Kloster schrieb er nichts. Ebenso wenig davon, dass Zeugen nach seinen Befragungen verstummten oder verschwanden. Vor allem schrieb er nicht den einen Satz, der eigentlich in diesen Bericht gehört hätte.
Ich fordere Verstärkung an.
Ithandor faltete das Schreiben zusammen und legte es beiseite.
Ein Teil von ihm wusste, dass diese Entscheidung falsch war. Seine Lehrer hätten sie vermutlich Ungeduld genannt, ein erfahrener Jäger Leichtsinn.
Ithandor nannte es Gründlichkeit.
Nur noch ein paar Tage.
Dann würde er berichten.
Dann würde er Verstärkung anfordern.
Noch ahnte er nicht, dass dies sein erster wirklicher Fehler gewesen war.
[b]Zwischen Neugier und Pflicht[/b]
In den Tagen nach seiner Ankunft begann Ithandor zu verstehen, dass Düsterhafen anders auf Fragen reagierte, als er es aus seinen bisherigen Einsätzen kannte. Viel Erfahrung besaß er ohnehin noch nicht. Für einen Lichtelfen war er jung, kaum mehr als ein Jugendlicher, und auch bei den Jägern der Schatten hatte er bisher vor allem Berichte geprüft, Zeugen befragt und erfahrenere Ermittler begleitet. Düsterhafen war das erste Mal, dass er allein entscheiden musste, ob hinter einigen scheinbar gewöhnlichen Verbrechen tatsächlich etwas Größeres steckte.
Auch seine Ausbildung zum Seelenmagier hatte gerade erst begonnen. Ithandor konnte starke Gefühle wahrnehmen und manchmal erkennen, wie tief sich Furcht oder Zorn in einer Seele festgesetzt hatten. Doch er wusste ebenso, dass zwischen einem Novizen und einem ausgebildeten Seelenmagier Welten lagen. Seine Lehrer hatten ihn oft genug davor gewarnt, dass ein wenig Wissen leicht dazu verleiten konnte, sich für fähiger zu halten, als man war.
In Düsterhafen schienen sich diese Warnungen schneller zu bewahrheiten, als ihm lieb gewesen wäre.
Ithandor sprach mit Hafenarbeitern, Händlern und Bettlern, suchte erneut das abgebrannte Lagerhaus auf und besuchte jene Straßen, an denen schwarze Zeichen gefunden worden waren. Zunächst bekam er kaum mehr als Gerüchte. Doch bald fiel ihm auf, dass sich nach seinen Gesprächen etwas veränderte.
Ein Bettler, der ihm von Edren Falk erzählt hatte, war am nächsten Morgen verschwunden. Ein Kaufmann, der zwei dunkel gekleidete Gestalten in der Nacht des Lagerhausbrandes gesehen haben wollte, bestritt einen Tag später, jemals mit Ithandor darüber gesprochen zu haben. Als Ithandor ihn genauer betrachtete, spürte er deutlich die Angst in dem Mann. Für einen Augenblick war er versucht, seine seelenmagische Wahrnehmung tiefer nach ihr auszustrecken, zog sich jedoch zurück. Dafür war seine Ausbildung noch nicht weit genug.
Am nächsten Morgen fand er wenige Schritte vom Laden des Kaufmanns entfernt einen schwarzen Stern an einer Hauswand.
Ithandor blieb lange davor stehen. Das Zeichen selbst war vollkommen unscheinbar. Ein wenig schwarze Farbe auf grauem Stein, keine Rune, keine erkennbare Magie. Trotzdem sah er, wie Menschen den Blick abwandten, ihre Schritte beschleunigten oder sogar die Straßenseite wechselten.
Vielleicht lag genau darin seine Bedeutung.
Der Stern musste niemandem etwas antun. Er erinnerte die Menschen an das brennende Lagerhaus, den verschwundenen Wachmann, den verletzten Priester und die Geschichten über Gestalten in dunklen Straßen. Die Furcht entstand nicht durch das Symbol selbst, sondern durch alles, was die Menschen bereits damit verbanden.
Dieser Gedanke faszinierte Ithandor.
Je länger er ermittelte, desto stärker beschlich ihn der Verdacht, dass manche Spuren nicht zufällig vor ihm auftauchten. Aussagen wurden zurückgenommen, Menschen verschwanden und neue Zeichen erschienen dort, wo er kurz zuvor Fragen gestellt hatte. Vielleicht beobachtete ihn jemand längst.
Eigentlich hätte ihn das beunruhigen müssen.
Stattdessen machte es ihn neugierig.
Wenn jemand auf seine Nachforschungen reagierte, dann bedeutete das zumindest, dass er etwas berührte, das verborgen bleiben sollte.
Seine Suche führte ihn schließlich häufiger in den Süden der Stadt. Mehrere Hinweise deuteten in die Gegend um die große Arena, und dort fiel ihm ein altes Kloster auf, das offenbar instand gesetzt wurde. Arbeiter trugen Stein und Holz hinein, Wagen wurden entladen, Gerüste standen an den Mauern.
Nichts daran war ungewöhnlich.
Trotzdem blieb Ithandor stehen.
Die Lage war auffallend günstig. Rund um die Arena herrschte ständig Lärm. Händler, Kämpfer, Arbeiter und Fremde kamen und gingen. Niemand achtete auf jedes Gesicht oder jeden Wagen. Selbst langes Hämmern auf Stein ging im Lärm der Umgebung unter.
Wenn jemand etwas verbergen wollte, dachte Ithandor, wäre dies kein schlechter Ort dafür.
Er bemerkte, dass sein Blick immer wieder zu dem Kloster zurückkehrte. Etwas an diesem Ort hielt ihn fest, ein kaum greifbares Unbehagen, für das er keine Erklärung fand.
Dann kam dieses unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden.
Ithandor drehte sich um. Zwischen den Menschen glaubte er für einen kurzen Augenblick eine dunkle Gestalt in einer Seitengasse zu erkennen. Groß, reglos, halb im Schatten verborgen. Ein Wagen rollte vorüber, und als Ithandor wieder freie Sicht hatte, war die Gasse leer.
Er blieb noch einen Moment stehen.
Am Abend saß er in seinem Zimmer in der Salzkrähe und schrieb seinen ersten Bericht. Er bestätigte das Verschwinden Edren Falks, den Brand, den Angriff auf den Priester und die schwarzen Zeichen. Auch die auffällige Angst unter den Bewohnern erwähnte er.
Dann hielt seine Feder inne.
Sein Auftrag war eindeutig gewesen. Wenn sich der Verdacht auf etwas Größeres erhärtete, sollte er Verstärkung anfordern.
Und inzwischen gab es genug Gründe dafür.
Ithandor wusste es.
Doch wenn er jetzt Unterstützung verlangte, würden erfahrenere Jäger kommen. Sie würden seine Aufzeichnungen prüfen, eigene Befragungen durchführen und vermutlich die Untersuchung übernehmen. Vielleicht würden sie innerhalb weniger Tage erkennen, wofür Ithandor selbst so lange gebraucht hatte.
Der Gedanke traf seinen Stolz.
Er hatte noch nichts Greifbares. Nur verängstigte Zeugen, schwarze Sterne, ein verdächtig wirkendes Kloster und das Gefühl, beobachtet zu werden.
Nur ein paar weitere Tage, sagte er sich.
Dann würde er mehr wissen.
Ithandor setzte die Feder wieder an.
Eine abschließende Einschätzung ist derzeit nicht möglich. Mehrere Hinweise sprechen für einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen. Ich werde die Untersuchung fortsetzen und berichten, sobald sich der Verdacht erhärten lässt.
Er las den Satz noch einmal.
Er war nicht gelogen.
Aber er verschwieg genug.
Vom Kloster schrieb er nichts. Ebenso wenig davon, dass Zeugen nach seinen Befragungen verstummten oder verschwanden. Vor allem schrieb er nicht den einen Satz, der eigentlich in diesen Bericht gehört hätte.
Ich fordere Verstärkung an.
Ithandor faltete das Schreiben zusammen und legte es beiseite.
Ein Teil von ihm wusste, dass diese Entscheidung falsch war. Seine Lehrer hätten sie vermutlich Ungeduld genannt, ein erfahrener Jäger Leichtsinn.
Ithandor nannte es Gründlichkeit.
Nur noch ein paar Tage.
Dann würde er berichten.
Dann würde er Verstärkung anfordern.
Noch ahnte er nicht, dass dies sein erster wirklicher Fehler gewesen war.