Nach dem Krieg

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Re: Nach dem Krieg

von Minora Vincenzo » 11 Sep 2026, 13:09

Der Mann mit den alten Büchern
Akt I – Der Fremde | Post 02

Düsterhafen hatte nach dem Krieg eine eigentümliche Art gefunden, wieder zu atmen.

Es war kein Aufatmen.

Dafür saß der Tod noch zu tief zwischen den Steinen.

Aber die Stadt bewegte sich wieder.

Händler öffneten ihre Läden. Schmiede hämmerten auf Metall. Karren rumpelten über die noch immer von Rissen durchzogenen Straßen und irgendwo stritten sich zwei Fischer lautstark darüber, wem ein Netz gehörte, das vermutlich beiden nicht gehörte.

Es war beinahe normal.

Beinahe.

Minora hatte in den vergangenen Wochen gelernt, dass „Normalität“ nach einem Krieg vor allem bedeutete, sich mit einer endlosen Reihe kleiner Probleme auseinanderzusetzen.

Lebensmittel.

Reparaturen.

Wachen.

Nachrichten.

Streitigkeiten zwischen den Gilden.

Anfragen, Beschwerden, Forderungen.

Und natürlich die unvermeidliche Frage, was aus den Lords of War werden würde, wenn niemand mehr da war, gegen den sie kämpfen konnten.

Sie hatte kaum noch Zeit für sich selbst.

Und doch gab es Dinge, die sie nicht losließen.

Eines davon lag seit Monaten in ihrem Kopf.

Ein Name.

Eine Schrift.

Ein Verweis in einem alten magischen Fragment, das sie vor längerer Zeit in den Archiven der Festung gefunden hatte.

Das Liber Noctis.

Nicht das berühmte Werk, von dem einige Magier behaupteten, es würde existieren.

Nicht irgendein verbotener Foliant, den man in Geschichten den Kindern erzählte.

Sondern ein deutlich älterer Text.

Ein Fragment.

Vielleicht nur eine Abschrift.

Vielleicht auch nur eine Legende.

Aber in den wenigen Zeilen, die Minora bisher gefunden hatte, befanden sich Hinweise auf eine Form der arkanen Theorie, die selbst für ihre Studien interessant war.

Magie, die nicht nur durch den Willen des Magiers wirkte.

Sondern durch Erinnerung.

Durch Blut.

Durch etwas, das älter war als die bekannten Schulen der arkanen Kunst.

Das Problem war nur:

Die Spur verlor sich.

Immer wieder.

Jedes Mal, wenn Minora glaubte, einen Schritt weiterzukommen, führte die nächste Referenz ins Leere.

Bis heute.

Die kleine Buchhandlung lag in einem Teil Düsterhafens, den Minora sonst nur selten aufsuchte.

Kein Ort, an dem gewöhnliche Menschen nach Abenteuergeschichten oder billigen Romanen suchten.

Hier roch es nach Staub, Leder und altem Papier.

Die Fenster waren klein.

Die Regale reichten beinahe bis zur Decke.

Und zwischen den schmalen Gängen standen so viele Bücher, dass man sich fragen musste, ob der Besitzer überhaupt noch wusste, was sich wo befand.

Minora schob die Tür hinter sich zu.

Eine kleine Glocke über ihrem Kopf gab einen kaum hörbaren Ton von sich.

Niemand antwortete.

Sie ließ den Blick durch den Raum wandern.

„Hallo?“

Stille.

Dann ein Geräusch.

Das leise Umblättern einer Seite.

Nicht von irgendwo im vorderen Bereich.

Sondern aus dem hinteren Teil des Ladens.

Minora ging langsam zwischen den Regalen hindurch.

„Ich suche ein bestimmtes Buch.“

Wieder nur das Rascheln von Papier.

Dann eine Stimme.

Ruhig.

Männlich.

„Das tun die meisten Menschen, die hier hereinkommen.“

Minora blieb stehen.

Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Und finden sie es?“

„Selten.“

Sie folgte der Stimme.

Hinter einem hohen Regal befand sich ein kleiner Tisch.

Dahinter saß ein Mann.

Er war vielleicht Mitte dreißig.

Vielleicht auch älter.

Schwer zu sagen.

Nicht, weil sein Gesicht ungewöhnlich gewesen wäre.

Im Gegenteil.

Es war bemerkenswert gewöhnlich.

Dunkles Haar.

Helle Haut.

Ruhige Augen.

Keine auffälligen Narben.

Keine Tätowierungen.

Keine Insignien, die auf einen Orden oder eine Gilde schließen ließen.

Seine Kleidung war schlicht, aber von guter Qualität.

Vor ihm lag ein aufgeschlagenes Buch.

Er hob den Blick.

Und sah Minora an.

Nicht erschrocken.

Nicht überrascht.

Als hätte er bereits gewusst, dass jemand kommen würde.

„Was suchen Sie?“

Minora trat näher.

„Ein Manuskript.“

„Das grenzt die Sache kaum ein.“

„Eine Abschrift des Liber Noctis.“

Der Mann sagte nichts.

Nur seine Augen veränderten sich für einen winzigen Augenblick.

Interesse.

Dann war es wieder verschwunden.

„Eine ungewöhnliche Suche.“

„Sie kennen es?“

„Ich kenne den Namen.“

Minora verschränkte die Arme.

„Das sagen viele.“

„Dann haben Sie bereits mit vielen Menschen gesprochen.“

„Mit einigen.“

„Und keiner konnte Ihnen helfen.“

„Bisher nicht.“

Der Mann betrachtete sie einen Moment.

Dann schloss er langsam das Buch vor sich.

„Was genau suchen Sie darin?“

Minora antwortete nicht sofort.

Sie war es gewohnt, dass Menschen Fragen stellten.

Vor allem Männer.

Noch mehr Männer, die erkannten, dass sie eine Hochmagierin war.

Normalerweise kam danach entweder übertriebener Respekt oder vorsichtige Arroganz.

Bei ihm war nichts davon zu erkennen.

Er sprach mit ihr, als wäre sie einfach eine Kundin.

Keine Hochmagierin.

Keine Angehörige der Lords of War.

Keine Frau, deren Name in Düsterhafen mittlerweile beinahe jedem bekannt sein dürfte.

Einfach nur Minora.

Das war ungewöhnlich.

„Eine Passage“, sagte sie schließlich.

„Welche?“

„Über die Bindung zwischen körperlicher Essenz und arkaner Erinnerung.“

Er schwieg.

Dann lehnte er sich etwas zurück.

„Das ist eine interessante Übersetzung.“

Minoras Augen verengten sich.

„Übersetzung?“

„Der Begriff, den Sie verwenden, ist nicht ganz korrekt.“

„Dann korrigieren Sie mich.“

Ein kaum sichtbares Lächeln.

„Nicht hier.“

„Warum?“

„Weil die Wände Ohren haben.“

Minora sah sich demonstrativ um.

„Wir befinden uns in einer Buchhandlung.“

„Auch Bücher können Ohren haben.“

Diesmal musste Minora tatsächlich lächeln.

„Sie sind ein merkwürdiger Mann.“

„Das wurde mir schon einmal gesagt.“

„Von wem?“

„Von jemandem, der mich ebenfalls für merkwürdig hielt.“

„Und hatte die Person recht?“

Er betrachtete sie einige Sekunden.

„Meistens.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte Minora etwas, das sie inmitten all der politischen Verpflichtungen beinahe vergessen hatte.

Neugier.

Nicht die Neugier einer Magierin, die einem ungelösten Problem gegenüberstand.

Etwas Persönlicheres.

Sie deutete auf das Buch.

„Was lesen Sie?“

„Eine Geschichte.“

„Welche?“

„Eine sehr alte.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch.“

„Eine unbefriedigende.“

„Das ist etwas anderes.“

Minora hob eine Augenbraue.

Er schien ihre Reaktion zu genießen.

Dann schob er das Buch ein Stück über den Tisch.

„Vielleicht hilft Ihnen das.“

Sie trat näher.

Auf der aufgeschlagenen Seite standen Zeilen in einer alten Sprache.

Minora erkannte einige Zeichen.

Andere nicht.

Sie beugte sich vor.

Und blieb plötzlich stehen.

„Das ist …“

Ihre Finger berührten beinahe die Seite.

Eine Randnotiz.

Ein Symbol.

Eine Schreibweise, die sie kannte.

Nicht aus einem Buch.

Sondern aus ihren eigenen Studien.

„Woher haben Sie das?“

Der Mann antwortete nicht sofort.

„Ich habe es vor langer Zeit gefunden.“

„Wo?“

„An einem Ort, den es heute nicht mehr gibt.“

„Das klingt praktisch.“

„Es ist wahr.“

Minora richtete sich wieder auf.

„Sie wissen, dass das Symbol älter ist als die meisten bekannten arkanen Schulen.“

„Ja.“

„Und dass die meisten Gelehrten davon ausgehen, dass diese Schreibweise verloren ist.“

„Ja.“

„Und Sie besitzen eine Abschrift davon.“

„Offensichtlich.“

Minora sah ihn lange an.

„Wer sind Sie?“

Zum ersten Mal veränderte sich etwas in seinem Gesicht.

Kein Lächeln.

Keine Nervosität.

Nur ein kurzer Schatten von etwas, das sie nicht deuten konnte.

„Ein Mann, der alte Bücher sammelt.“

„Das ist alles?“

„Für heute.“

Sie hätte nachhaken können.

Eigentlich hätte sie es tun müssen.

Doch etwas hielt sie zurück.

Nicht Vertrauen.

Noch nicht.

Vielleicht war es vielmehr das Gefühl, dass sie gerade eine Tür gefunden hatte.

Und sie wusste noch nicht, wohin sie führte.

Der Mann zog das Buch wieder zu sich.

„Wenn Sie das Liber Noctis wirklich suchen, sollten Sie nicht nach dem Buch suchen.“

Minora runzelte die Stirn.

„Sondern?“

„Nach dem, was davor kam.“

„Die Quelle?“

„Die Quellen.“

„Mehrere?“

„Das Original wurde vermutlich nie vollständig erhalten.“

„Sie wissen erstaunlich viel darüber.“

„Ich lese viel.“

„Sie lesen sehr alte Bücher.“

„Die neuen sind meistens enttäuschend.“

Minora musste erneut lächeln.

„Und wo finde ich diese Quellen?“

Der Mann stand auf.

Er war größer, als sie zunächst angenommen hatte.

Er ging an ihr vorbei zu einem der hinteren Regale.

Ohne lange zu suchen, zog er ein schmales, in dunkles Leder gebundenes Buch heraus.

Er blätterte einige Seiten.

Dann hielt er inne.

„Hier.“

Er reichte es ihr.

Minora nahm das Buch entgegen.

Es war schwer.

Kälter, als es hätte sein dürfen.

Nicht eisig.

Nur …

ungewöhnlich kühl.

Sie schlug es auf.

Eine Karte.

Düsterhafen.

Aber nicht das Düsterhafen, das sie kannte.

Die Karte musste Jahrzehnte alt sein.

Vielleicht älter.

Ein Teil der Stadt war eingezeichnet, den es heute nicht mehr gab.

Eine Reihe alter Gebäude.

Ein Name.

Und darunter eine kurze Notiz.

Minora las sie zweimal.

„Das gibt es nicht mehr.“

„Nein.“

„Warum zeigen Sie es mir dann?“

Der Mann sah sie an.

„Weil Dinge nicht aufhören zu existieren, nur weil Menschen aufgehört haben, nach ihnen zu suchen.“

Für einen Moment war es vollkommen still.

Dann nahm Minora die Karte vorsichtig aus dem Buch.

„Kann ich das behalten?“

„Nein.“

Sie sah ihn an.

„Natürlich nicht.“

„Sie können es morgen wieder ansehen.“

„Morgen?“

„Wenn Sie möchten.“

Er sagte es beiläufig.

Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.

Minora schloss das Buch.

„Und wenn ich nicht komme?“

„Dann war es offenbar nicht wichtig genug.“

Wieder diese Ruhe.

Keine Forderung.

Kein Drängen.

Keine Erwartung.

Das machte ihn beinahe verdächtiger als jede Drohung.

Minora legte das Buch zurück auf den Tisch.

„Sie wissen, dass ich wiederkommen werde.“

Der Mann sah sie an.

„Ich vermute es.“

„Das ist ein Unterschied.“

„Ein wichtiger.“

Sie ging zur Tür.

Kurz bevor sie den Laden verließ, blieb sie stehen.

„Sie haben mir Ihren Namen noch immer nicht genannt.“

Hinter ihr entstand eine kurze Pause.

„Lucien.“

Minora drehte sich halb um.

Der Name sagte ihr nichts.

Noch nicht.

„Nur Lucien?“

„Für den Anfang.“

Ein letzter Blick.

Dann verließ Minora die Buchhandlung.

Die Glocke über der Tür erklang erneut.

Draußen empfing sie die feuchte Nachtluft Düsterhafens.

Sie blieb einen Augenblick stehen.

Atmete tief ein.

Und wusste bereits, dass sie am nächsten Abend wieder hier sein würde.

Was sie nicht wusste:

Dass der Mann hinter ihr noch lange an der geschlossenen Tür stehen blieb.

Und dass sein Blick nicht auf die Straße gerichtet war.

Sondern auf den Platz, an dem Minora gerade gestanden hatte.

Auf den kaum wahrnehmbaren Abdruck ihrer Hand auf dem alten Buch.

Lucien hob langsam den Blick.

Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf seinen Lippen.

Dann löschte er die Lampe.

Und der Laden versank in Dunkelheit.

Manche Türen werden nicht geöffnet.

Manche warten nur darauf, dass jemand neugierig genug ist, den Griff zu berühren.

Nach dem Krieg

von Minora Vincenzo » 09 Sep 2026, 02:36

Düsterhafen – Festung der Lords of War[/center]

Der Krieg war vorbei.

Zumindest nannte man es so.

Minora hatte aufgehört, den Worten derer zu vertrauen, die glaubten, ein Krieg ende in dem Augenblick, in dem die Schwerter wieder in ihre Scheiden glitten. Ein Krieg endete nicht mit dem letzten Schlag. Nicht mit dem letzten gefallenen Soldaten. Nicht mit einem Abkommen, das von Männern und Frauen unterzeichnet wurde, die sich gegenseitig noch wenige Stunden zuvor den Tod gewünscht hatten.

Ein Krieg endete erst dann, wenn die Menschen aufhörten, nachts aufzuschrecken.

Wenn die Wachen an den Toren nicht mehr bei jedem entfernten Geräusch nach ihren Waffen griffen.

Wenn die Händler wieder ihre Waren auslegten, ohne ständig über die Schulter zu blicken.

Wenn die Kinder wieder auf den Straßen spielten.

Düsterhafen war davon noch weit entfernt.

Sehr weit.

Minora stand hinter einem der hohen Fenster der Festung der Lords of War und blickte schweigend über die Stadt.

Die Nacht hatte sich bereits über Düsterhafen gelegt.

Eine schwere, feuchte Dunkelheit lag zwischen den Häusern und Gassen. Nebel kroch vom Wasser herauf und legte sich wie ein grauer Schleier über die tiefer gelegenen Straßen. Einzelne Laternen kämpften gegen die Finsternis an, ihre schwachen Lichter spiegelten sich auf nassem Kopfsteinpflaster und verschwanden wenige Schritte später wieder im Nebel.

Von hier oben wirkte die Stadt beinahe friedlich.

Beinahe.

Wenn man wusste, wonach man suchen musste, konnte man die Narben noch immer erkennen.

Ein ausgebranntes Gebäude.

Eine eingestürzte Mauer.

Ein Dach, das notdürftig mit Holz und Planen repariert worden war.

An manchen Stellen waren die Straßen noch immer von den Spuren schwerer Kämpfe gezeichnet.

Und dort, wo früher Lärm geherrscht hatte, war inzwischen etwas anderes eingezogen.

Stille.

Keine friedliche Stille.

Eine, die darauf wartete, gebrochen zu werden.

Minora legte eine Hand auf das kalte Fensterbrett.

Sie hatte die vergangenen Wochen damit verbracht, diese Stille zu beobachten.

Nicht als Zuschauerin.

Als jemand, der dafür sorgen musste, dass sie nicht wieder in Krieg umschlug.

Die Lords of War waren nach wie vor eine Macht in Düsterhafen.

Zumindest auf dem Papier.

In der Realität waren viele der Lords verschwunden, abwesend oder anderweitig gebunden. Die Festung, die einst von Stimmen, Befehlen und dem ständigen Kommen und Gehen ihrer Mitglieder erfüllt gewesen war, war stiller geworden.

Zu still.

Minora hatte diese Stille nie gemocht.

Sie erinnerte sie daran, wie schnell Macht verschwinden konnte.

Ein Name, der nicht mehr ausgesprochen wurde.

Ein Banner, das niemand mehr sah.

Ein Sitz am Tisch, der irgendwann leer blieb.

Und irgendwann fragte niemand mehr, wem er eigentlich gehört hatte.

Vergessenheit war eine gefährlichere Waffe als jedes Schwert.

Vielleicht sogar die gefährlichste überhaupt.

Minora wusste, dass die Lords of War nicht einfach darauf hoffen konnten, dass ihr Einfluss von selbst bestehen blieb.

Also hatte sie übernommen, was übernommen werden musste.

Sie empfing Boten.

Sie führte Gespräche.

Sie prüfte Berichte.

Sie sorgte dafür, dass die Wachen ihre Posten besetzten.

Sie achtete darauf, dass niemand die momentane Schwäche der Gilde mit einer Einladung verwechselte.

Und vor allem hielt sie die Türen offen.

Nicht für jeden.

Aber für jene, mit denen ein Gespräch momentan sinnvoller war als eine Schlacht.

Die Servants of Chaos gehörten dazu.

Mit ihnen waren in den vergangenen Tagen vorsichtige Absprachen getroffen worden. Keine Freundschaft. Dafür war Düsterhafen ein zu gefährlicher Ort.

Aber Frieden musste nicht aus Vertrauen bestehen.

Manchmal reichte es, wenn beide Seiten verstanden, dass der andere von einem Krieg momentan mehr zu verlieren als zu gewinnen hatte.

Auch der Schwertbund des dunklen Engels war ein Name, der in den vergangenen Wochen häufiger durch die Hallen der Festung getragen worden war.

Gespräche.

Absprachen.

Vorsichtige Annäherungen.

Worte, die zwischen den Zeilen mindestens ebenso viel bedeuteten wie das, was tatsächlich ausgesprochen wurde.

Minora hatte gelernt, zwischen solchen Zeilen zu lesen.

Es war eine Fähigkeit, die man in Friedenszeiten ebenso dringend benötigte wie im Krieg.

Vielleicht sogar dringender.

Denn im Krieg wusste man wenigstens, woher der nächste Pfeil kam.

Sie wandte sich vom Fenster ab.

Hinter ihr wartete ihr Schreibtisch.

Er sah aus, als hätte jemand beschlossen, Papier könne eine Festung erobern.

Briefe lagen übereinander.

Berichte stapelten sich.

Einige Siegel waren bereits gebrochen, andere warteten noch darauf, geöffnet zu werden.

Eine Nachricht aus dem südlichen Teil der Stadt.

Eine Anfrage bezüglich Handelswegen.

Ein Bericht über Patrouillen.

Eine weitere diplomatische Notiz.

Und irgendwo darunter vermutlich noch mindestens drei Dinge, die eigentlich gestern hätten erledigt werden müssen.

Minora seufzte leise.

„Großartig.“

Ihre Stimme verlor sich im Raum.

Sie griff nach dem nächsten Schreiben.

Die Flamme einer Kerze flackerte dabei leicht und warf ihren Schatten über die Wände.

Für einen kurzen Augenblick schien es, als würde sich etwas hinter ihr bewegen.

Minora hielt inne.

Sie drehte den Kopf.

Nichts.

Nur die langen Schatten der Möbel.

Die Flammen.

Die Dunkelheit vor dem Fenster.

Sie schüttelte kaum merklich den Kopf und wandte sich wieder dem Schreiben zu.

Zu wenig Schlaf.

Zu viele Gedanken.

Das war alles.

Sie las die ersten Zeilen.

Ein Problem mit einer Lieferung.

Natürlich.

Minora legte das Schreiben wieder ab.

Für einen Moment schloss sie die Augen.

Sie hätte in dieser Nacht schlafen können.

Vielleicht sogar müssen.

Doch Schlaf war in den vergangenen Tagen etwas geworden, das sie sich nur selten erlaubte.

Zu vieles blieb ungeklärt.

Der Krieg war vorbei.

Aber was kam danach?

Das war die Frage, auf die niemand eine Antwort hatte.

Diejenigen, die den Krieg begonnen hatten, würden nicht plötzlich verschwinden.

Diejenigen, die verloren hatten, würden ihre Niederlage nicht vergessen.

Und diejenigen, die gewonnen zu haben glaubten, würden früher oder später feststellen, dass ein Krieg ohne Sieger selten einen echten Frieden hervorbrachte.

Düsterhafen würde sich verändern.

Die Frage war nur, in welche Richtung.

Minora trat wieder an das Fenster.

Der Nebel war dichter geworden.

Unten auf der Straße bewegte sich eine einzelne Gestalt.

Ein Mann vielleicht.

Oder eine Frau.

Schwer zu erkennen.

Die Person ging langsam durch den Nebel und verschwand schließlich hinter einer Häuserecke.

Minoras Blick blieb noch einen Moment dort hängen.

Dann hörte sie es.

Klopfen.

Dreimal.

Ruhig.

Nicht hastig.

Nicht zögerlich.

Minora wandte sich zur Tür.

„Herein.“

Die Tür öffnete sich.

Einer der Bediensteten der Festung trat ein.

Er wirkte müde.

Nicht ungewöhnlich.

Alle wirkten müde.

In seiner Hand hielt er einen Brief.

„Für Euch.“

Minora sah ihn an.

„Von wem?“

„Das weiß ich nicht.“

Sie hob eine Augenbraue.

„Das ist ungewöhnlich.“

„Ja.“

Er trat näher und legte den Brief auf den Tisch.

Minora betrachtete ihn.

Kein Wappen.

Kein bekanntes Siegel.

Kein Zeichen einer Gilde.

Das Papier selbst war ungewöhnlich dunkel. Nicht schwarz, aber deutlich dunkler als gewöhnliches Pergament.

Das Siegel war schlicht.

Ein schwarzer Wachsklecks.

Keine Initialen.

Kein Symbol.

Nichts, das einen Hinweis darauf gegeben hätte, wer ihn verschickt hatte.

„Wer hat ihn gebracht?“

„Ein Mann.“

„Name?“

„Hat er nicht genannt.“

„Aussehen?“

Der Bedienstete überlegte.

„Dunkler Mantel. Kapuze. Nicht besonders groß. Ich habe ihn nicht lange gesehen.“

„Und er hat den Brief einfach hier abgegeben?“

„Er sagte, er sei für Euch.“

„Hat er etwas gesagt?“

Der Mann zögerte.

„Nur einen Satz.“

Minora wartete.

„Welchen?“

„Er meinte, Ihr würdet wissen, warum Ihr ihn bekommen habt.“

Minora sah wieder auf den Brief.

Das war interessant.

Nicht unbedingt wegen der Worte.

Sondern wegen der Sicherheit, mit der sie ausgesprochen worden waren.

Sie nahm den Brief in die Hand.

Das Papier fühlte sich ungewöhnlich kühl an.

Kälter, als es sein sollte.

Minora betrachtete das Siegel noch einen Augenblick.

Dann brach sie es.

Das Geräusch des brechenden Wachses war in der Stille des Raumes erstaunlich laut.

Sie entfaltete das Papier.

Die Nachricht war kurz.

Sehr kurz.

„Man sagte mir, Ihr sucht nach Antworten, die man Euch nicht geben möchte.“

Darunter stand eine Adresse.

Eine alte Straße im unteren Teil Düsterhafens.

Und ein Zeitpunkt.

Morgen.

Kurz vor Mitternacht.

Keine Unterschrift.

Kein Name.

Minora las die Nachricht ein zweites Mal.

Dann ein drittes.

Ihr Gesicht blieb ruhig.

Doch ihre Gedanken arbeiteten bereits.

Wer wusste, wonach sie suchte?

Und vor allem:

Wonach suchte sie überhaupt?

Sie legte den Brief auf den Tisch.

„Hat der Mann noch etwas gesagt?“

Der Bedienstete schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Hat er nach jemandem gefragt?“

„Nein.“

„Hat er versucht, in die Festung zu gelangen?“

„Nein.“

Minora nickte langsam.

„Gut.“

Der Mann wartete.

„Ihr könnt gehen.“

Er verneigte sich und verließ den Raum.

Die Tür fiel ins Schloss.

Wieder war Minora allein.

Sie nahm den Brief erneut in die Hand.

Draußen schlug irgendwo in der Stadt eine Glocke.

Einmal.

Dann ein zweites Mal.

Die letzten Schläge verhallten zwischen den Häusern.

Minora blickte zum Fenster.

Mitternacht rückte näher.

Düsterhafen schlief nicht.

Das hatte die Stadt vermutlich noch nie getan.

Sie schloss die Augen für einen Moment.

Vielleicht war der Brief nichts.

Eine Falle.

Eine Drohung.

Ein Scherz.

Oder lediglich ein Versuch, die Hochmagierin der Lords of War in eine Angelegenheit hineinzuziehen, die sie nichts anging.

Vielleicht war es aber auch etwas anderes.

Eine Tür.

Eine Möglichkeit.

Eine Antwort.

Und Minora wusste nur zu gut, dass Antworten manchmal gefährlicher waren als Fragen.

Sie faltete den Brief sorgfältig zusammen und steckte ihn ein.

Dann löschte sie eine der Kerzen.

Die Dunkelheit nahm sofort einen Teil des Raumes ein.

Minora blieb noch einen Augenblick stehen.

Dann nahm sie ihren Mantel.

Wenn jemand glaubte, sie würde einer unbekannten Spur folgen, nur weil man ihr ein Stück Papier und eine Adresse vor die Füße geworfen hatte, hatte dieser Jemand vermutlich noch einiges über sie zu lernen.

Aber sie würde hingehen.

Nicht aus Vertrauen.

Nicht aus Neugier.

Sondern weil sie wissen wollte, wer in Düsterhafen glaubte, etwas über sie zu wissen, das sie selbst nicht wusste.

Sie öffnete die Tür.

Der kalte Wind des Korridors empfing sie.

Hinter ihr blieb der Raum dunkel zurück.

Und auf dem Tisch lag nur noch das zerbrochene schwarze Siegel.

Fortsetzung folgt …

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