Der Mann mit den alten Büchern
Akt I – Der Fremde | Post 02
Düsterhafen hatte nach dem Krieg eine eigentümliche Art gefunden, wieder zu atmen.
Es war kein Aufatmen.
Dafür saß der Tod noch zu tief zwischen den Steinen.
Aber die Stadt bewegte sich wieder.
Händler öffneten ihre Läden. Schmiede hämmerten auf Metall. Karren rumpelten über die noch immer von Rissen durchzogenen Straßen und irgendwo stritten sich zwei Fischer lautstark darüber, wem ein Netz gehörte, das vermutlich beiden nicht gehörte.
Es war beinahe normal.
Beinahe.
Minora hatte in den vergangenen Wochen gelernt, dass „Normalität“ nach einem Krieg vor allem bedeutete, sich mit einer endlosen Reihe kleiner Probleme auseinanderzusetzen.
Lebensmittel.
Reparaturen.
Wachen.
Nachrichten.
Streitigkeiten zwischen den Gilden.
Anfragen, Beschwerden, Forderungen.
Und natürlich die unvermeidliche Frage, was aus den Lords of War werden würde, wenn niemand mehr da war, gegen den sie kämpfen konnten.
Sie hatte kaum noch Zeit für sich selbst.
Und doch gab es Dinge, die sie nicht losließen.
Eines davon lag seit Monaten in ihrem Kopf.
Ein Name.
Eine Schrift.
Ein Verweis in einem alten magischen Fragment, das sie vor längerer Zeit in den Archiven der Festung gefunden hatte.
Das Liber Noctis.
Nicht das berühmte Werk, von dem einige Magier behaupteten, es würde existieren.
Nicht irgendein verbotener Foliant, den man in Geschichten den Kindern erzählte.
Sondern ein deutlich älterer Text.
Ein Fragment.
Vielleicht nur eine Abschrift.
Vielleicht auch nur eine Legende.
Aber in den wenigen Zeilen, die Minora bisher gefunden hatte, befanden sich Hinweise auf eine Form der arkanen Theorie, die selbst für ihre Studien interessant war.
Magie, die nicht nur durch den Willen des Magiers wirkte.
Sondern durch Erinnerung.
Durch Blut.
Durch etwas, das älter war als die bekannten Schulen der arkanen Kunst.
Das Problem war nur:
Die Spur verlor sich.
Immer wieder.
Jedes Mal, wenn Minora glaubte, einen Schritt weiterzukommen, führte die nächste Referenz ins Leere.
Bis heute.
Die kleine Buchhandlung lag in einem Teil Düsterhafens, den Minora sonst nur selten aufsuchte.
Kein Ort, an dem gewöhnliche Menschen nach Abenteuergeschichten oder billigen Romanen suchten.
Hier roch es nach Staub, Leder und altem Papier.
Die Fenster waren klein.
Die Regale reichten beinahe bis zur Decke.
Und zwischen den schmalen Gängen standen so viele Bücher, dass man sich fragen musste, ob der Besitzer überhaupt noch wusste, was sich wo befand.
Minora schob die Tür hinter sich zu.
Eine kleine Glocke über ihrem Kopf gab einen kaum hörbaren Ton von sich.
Niemand antwortete.
Sie ließ den Blick durch den Raum wandern.
„Hallo?“
Stille.
Dann ein Geräusch.
Das leise Umblättern einer Seite.
Nicht von irgendwo im vorderen Bereich.
Sondern aus dem hinteren Teil des Ladens.
Minora ging langsam zwischen den Regalen hindurch.
„Ich suche ein bestimmtes Buch.“
Wieder nur das Rascheln von Papier.
Dann eine Stimme.
Ruhig.
Männlich.
„Das tun die meisten Menschen, die hier hereinkommen.“
Minora blieb stehen.
Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Und finden sie es?“
„Selten.“
Sie folgte der Stimme.
Hinter einem hohen Regal befand sich ein kleiner Tisch.
Dahinter saß ein Mann.
Er war vielleicht Mitte dreißig.
Vielleicht auch älter.
Schwer zu sagen.
Nicht, weil sein Gesicht ungewöhnlich gewesen wäre.
Im Gegenteil.
Es war bemerkenswert gewöhnlich.
Dunkles Haar.
Helle Haut.
Ruhige Augen.
Keine auffälligen Narben.
Keine Tätowierungen.
Keine Insignien, die auf einen Orden oder eine Gilde schließen ließen.
Seine Kleidung war schlicht, aber von guter Qualität.
Vor ihm lag ein aufgeschlagenes Buch.
Er hob den Blick.
Und sah Minora an.
Nicht erschrocken.
Nicht überrascht.
Als hätte er bereits gewusst, dass jemand kommen würde.
„Was suchen Sie?“
Minora trat näher.
„Ein Manuskript.“
„Das grenzt die Sache kaum ein.“
„Eine Abschrift des Liber Noctis.“
Der Mann sagte nichts.
Nur seine Augen veränderten sich für einen winzigen Augenblick.
Interesse.
Dann war es wieder verschwunden.
„Eine ungewöhnliche Suche.“
„Sie kennen es?“
„Ich kenne den Namen.“
Minora verschränkte die Arme.
„Das sagen viele.“
„Dann haben Sie bereits mit vielen Menschen gesprochen.“
„Mit einigen.“
„Und keiner konnte Ihnen helfen.“
„Bisher nicht.“
Der Mann betrachtete sie einen Moment.
Dann schloss er langsam das Buch vor sich.
„Was genau suchen Sie darin?“
Minora antwortete nicht sofort.
Sie war es gewohnt, dass Menschen Fragen stellten.
Vor allem Männer.
Noch mehr Männer, die erkannten, dass sie eine Hochmagierin war.
Normalerweise kam danach entweder übertriebener Respekt oder vorsichtige Arroganz.
Bei ihm war nichts davon zu erkennen.
Er sprach mit ihr, als wäre sie einfach eine Kundin.
Keine Hochmagierin.
Keine Angehörige der Lords of War.
Keine Frau, deren Name in Düsterhafen mittlerweile beinahe jedem bekannt sein dürfte.
Einfach nur Minora.
Das war ungewöhnlich.
„Eine Passage“, sagte sie schließlich.
„Welche?“
„Über die Bindung zwischen körperlicher Essenz und arkaner Erinnerung.“
Er schwieg.
Dann lehnte er sich etwas zurück.
„Das ist eine interessante Übersetzung.“
Minoras Augen verengten sich.
„Übersetzung?“
„Der Begriff, den Sie verwenden, ist nicht ganz korrekt.“
„Dann korrigieren Sie mich.“
Ein kaum sichtbares Lächeln.
„Nicht hier.“
„Warum?“
„Weil die Wände Ohren haben.“
Minora sah sich demonstrativ um.
„Wir befinden uns in einer Buchhandlung.“
„Auch Bücher können Ohren haben.“
Diesmal musste Minora tatsächlich lächeln.
„Sie sind ein merkwürdiger Mann.“
„Das wurde mir schon einmal gesagt.“
„Von wem?“
„Von jemandem, der mich ebenfalls für merkwürdig hielt.“
„Und hatte die Person recht?“
Er betrachtete sie einige Sekunden.
„Meistens.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte Minora etwas, das sie inmitten all der politischen Verpflichtungen beinahe vergessen hatte.
Neugier.
Nicht die Neugier einer Magierin, die einem ungelösten Problem gegenüberstand.
Etwas Persönlicheres.
Sie deutete auf das Buch.
„Was lesen Sie?“
„Eine Geschichte.“
„Welche?“
„Eine sehr alte.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“
„Eine unbefriedigende.“
„Das ist etwas anderes.“
Minora hob eine Augenbraue.
Er schien ihre Reaktion zu genießen.
Dann schob er das Buch ein Stück über den Tisch.
„Vielleicht hilft Ihnen das.“
Sie trat näher.
Auf der aufgeschlagenen Seite standen Zeilen in einer alten Sprache.
Minora erkannte einige Zeichen.
Andere nicht.
Sie beugte sich vor.
Und blieb plötzlich stehen.
„Das ist …“
Ihre Finger berührten beinahe die Seite.
Eine Randnotiz.
Ein Symbol.
Eine Schreibweise, die sie kannte.
Nicht aus einem Buch.
Sondern aus ihren eigenen Studien.
„Woher haben Sie das?“
Der Mann antwortete nicht sofort.
„Ich habe es vor langer Zeit gefunden.“
„Wo?“
„An einem Ort, den es heute nicht mehr gibt.“
„Das klingt praktisch.“
„Es ist wahr.“
Minora richtete sich wieder auf.
„Sie wissen, dass das Symbol älter ist als die meisten bekannten arkanen Schulen.“
„Ja.“
„Und dass die meisten Gelehrten davon ausgehen, dass diese Schreibweise verloren ist.“
„Ja.“
„Und Sie besitzen eine Abschrift davon.“
„Offensichtlich.“
Minora sah ihn lange an.
„Wer sind Sie?“
Zum ersten Mal veränderte sich etwas in seinem Gesicht.
Kein Lächeln.
Keine Nervosität.
Nur ein kurzer Schatten von etwas, das sie nicht deuten konnte.
„Ein Mann, der alte Bücher sammelt.“
„Das ist alles?“
„Für heute.“
Sie hätte nachhaken können.
Eigentlich hätte sie es tun müssen.
Doch etwas hielt sie zurück.
Nicht Vertrauen.
Noch nicht.
Vielleicht war es vielmehr das Gefühl, dass sie gerade eine Tür gefunden hatte.
Und sie wusste noch nicht, wohin sie führte.
Der Mann zog das Buch wieder zu sich.
„Wenn Sie das Liber Noctis wirklich suchen, sollten Sie nicht nach dem Buch suchen.“
Minora runzelte die Stirn.
„Sondern?“
„Nach dem, was davor kam.“
„Die Quelle?“
„Die Quellen.“
„Mehrere?“
„Das Original wurde vermutlich nie vollständig erhalten.“
„Sie wissen erstaunlich viel darüber.“
„Ich lese viel.“
„Sie lesen sehr alte Bücher.“
„Die neuen sind meistens enttäuschend.“
Minora musste erneut lächeln.
„Und wo finde ich diese Quellen?“
Der Mann stand auf.
Er war größer, als sie zunächst angenommen hatte.
Er ging an ihr vorbei zu einem der hinteren Regale.
Ohne lange zu suchen, zog er ein schmales, in dunkles Leder gebundenes Buch heraus.
Er blätterte einige Seiten.
Dann hielt er inne.
„Hier.“
Er reichte es ihr.
Minora nahm das Buch entgegen.
Es war schwer.
Kälter, als es hätte sein dürfen.
Nicht eisig.
Nur …
ungewöhnlich kühl.
Sie schlug es auf.
Eine Karte.
Düsterhafen.
Aber nicht das Düsterhafen, das sie kannte.
Die Karte musste Jahrzehnte alt sein.
Vielleicht älter.
Ein Teil der Stadt war eingezeichnet, den es heute nicht mehr gab.
Eine Reihe alter Gebäude.
Ein Name.
Und darunter eine kurze Notiz.
Minora las sie zweimal.
„Das gibt es nicht mehr.“
„Nein.“
„Warum zeigen Sie es mir dann?“
Der Mann sah sie an.
„Weil Dinge nicht aufhören zu existieren, nur weil Menschen aufgehört haben, nach ihnen zu suchen.“
Für einen Moment war es vollkommen still.
Dann nahm Minora die Karte vorsichtig aus dem Buch.
„Kann ich das behalten?“
„Nein.“
Sie sah ihn an.
„Natürlich nicht.“
„Sie können es morgen wieder ansehen.“
„Morgen?“
„Wenn Sie möchten.“
Er sagte es beiläufig.
Als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.
Minora schloss das Buch.
„Und wenn ich nicht komme?“
„Dann war es offenbar nicht wichtig genug.“
Wieder diese Ruhe.
Keine Forderung.
Kein Drängen.
Keine Erwartung.
Das machte ihn beinahe verdächtiger als jede Drohung.
Minora legte das Buch zurück auf den Tisch.
„Sie wissen, dass ich wiederkommen werde.“
Der Mann sah sie an.
„Ich vermute es.“
„Das ist ein Unterschied.“
„Ein wichtiger.“
Sie ging zur Tür.
Kurz bevor sie den Laden verließ, blieb sie stehen.
„Sie haben mir Ihren Namen noch immer nicht genannt.“
Hinter ihr entstand eine kurze Pause.
„Lucien.“
Minora drehte sich halb um.
Der Name sagte ihr nichts.
Noch nicht.
„Nur Lucien?“
„Für den Anfang.“
Ein letzter Blick.
Dann verließ Minora die Buchhandlung.
Die Glocke über der Tür erklang erneut.
Draußen empfing sie die feuchte Nachtluft Düsterhafens.
Sie blieb einen Augenblick stehen.
Atmete tief ein.
Und wusste bereits, dass sie am nächsten Abend wieder hier sein würde.
Was sie nicht wusste:
Dass der Mann hinter ihr noch lange an der geschlossenen Tür stehen blieb.
Und dass sein Blick nicht auf die Straße gerichtet war.
Sondern auf den Platz, an dem Minora gerade gestanden hatte.
Auf den kaum wahrnehmbaren Abdruck ihrer Hand auf dem alten Buch.
Lucien hob langsam den Blick.
Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf seinen Lippen.
Dann löschte er die Lampe.
Und der Laden versank in Dunkelheit.
Manche Türen werden nicht geöffnet.
Manche warten nur darauf, dass jemand neugierig genug ist, den Griff zu berühren.