Die Suche nach Yew

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Die Suche nach Yew

von Lirael Vanya'thiel » 12 Sep 2026, 21:59

Es fühlte sich für Lirael an, als wäre sie aus einem langen und tiefen Schlaf erwacht. Sie vermochte nicht zu sagen, wie viel Zeit vergangen war, und auch ihre Erinnerungen wollten sich zunächst nicht recht ordnen. Die Welt um sie herum kam ihr gleichzeitig vertraut und fremd vor. Orte und Namen tauchten in ihren Gedanken auf, manche nur als verschwommene Bilder, andere hingegen erstaunlich deutlich. So erinnerte sie sich an Moonglow, an die Taverne dort und vor allem an Bareti. Die Erinnerung an ihre Freundin gehörte zu den wenigen Dingen, die sich beinahe selbstverständlich anfühlten, und gab ihr zumindest einen ersten Anhaltspunkt in einer Welt, in der sie sich neu zurechtfinden musste.

Doch mit der Zeit kehrten auch andere Erinnerungen zurück, allen voran jene an Yew und die Wälder, durch die sie einst gestreift war. Sie erinnerte sich an die alten Bäume, an die Tiere und an jenes kaum wahrnehmbare Zusammenspiel des Lebens, das für sie immer Ausdruck von La und dem natürlichen Gleichgewicht gewesen war. So begann sie wieder durch die Landschaft zu ziehen, zunächst ohne klares Ziel und beinahe in der Hoffnung, dass ihre Füsse sich besser an die alten Wege erinnern würden als ihr Verstand.

Dabei stiess sie jedoch immer wieder auf Gebiete, die sie nicht einzuordnen vermochte. Ganze Landstriche schienen von Tod und Verderben gezeichnet zu sein. Verbrannte Bäume ragten aus toter Erde, andernorts schien der Boden selbst vergiftet, und wo noch etwas wuchs, wirkte es krank und verdorben. Einige dieser Zonen waren so dicht und unwirtlich, dass sie kaum einen Weg hindurch erkennen konnte und schliesslich umkehren musste. Je öfter sie auf solche Orte traf, desto mehr beschäftigte sie die Frage, was während ihrer Abwesenheit geschehen sein mochte.

Tod an sich war für Lirael nichts Widernatürliches. Er gehörte ebenso zu La wie das Entstehen neuen Lebens. Ein alter Baum fiel und schuf Raum und Licht für jüngere Pflanzen, ein gestorbenes Tier wurde wieder Teil des Bodens, und aus dem Vergangenen entstand mit der Zeit etwas Neues. Ohne Vergänglichkeit konnte es keinen Kreislauf geben. Was sie hier sah, schien jedoch etwas anderes zu sein. Diese Orte wirkten nicht wie ein Teil jenes Kreislaufs, sondern vielmehr, als wäre dieser unterbrochen worden. Wo Zerstörung gewesen war, schien nichts zurückzukehren.

Unweigerlich fragte sie sich, wie weit sich diese Veränderung erstreckte und was aus Yew geworden war. Stand der Wald noch? Lebten dort noch die Tiere, an die sie sich erinnerte, und rauschte der Wind noch immer durch die alten Kronen? Oder hatte das, was diese verdorbenen Landstriche geschaffen hatte, auch dort seine Spuren hinterlassen? Sie versuchte mehr als einmal, einen Weg in jene Richtung zu finden, doch die Landschaft schien ihr den Zugang zu verwehren, und mit jedem erfolglosen Streifzug wuchs ihr Bedürfnis zu verstehen, was geschehen war.

Als sie später ihre wenigen Habseligkeiten durchsah, fand sie zwischen Dingen, deren Bedeutung ihr teilweise selbst nicht mehr unmittelbar gegenwärtig war, den Setzling eines Yew-Baumes. Lange betrachtete sie die junge Pflanze. Sie erinnerte sie an den Wald, wie sie ihn gekannt hatte, doch zugleich wirkte dieses kleine Stück lebendigen Grüns angesichts dessen, was sie auf ihren Streifzügen gesehen hatte, beinahe wie eine Aufforderung.

Lirael beschloss, zunächst Bareti zu suchen. Vielleicht konnte ihre Freundin ihr erklären, wie viel Zeit vergangen war und was sich in dieser Zeit ereignet hatte. Danach würde sie einen Weg nach Yew finden, selbst wenn sie dafür andere und längere Pfade suchen musste. Sie wollte mit eigenen Augen sehen, was aus dem Wald, seinen Bäumen und seinen Bewohnern geworden war und ob dort noch jenes Gleichgewicht bestand, an das sie sich erinnerte.

Den Setzling des Yew-Baumes würde sie mitnehmen.

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