von Tarion Rontre » 16 Sep 2026, 05:27
Akt I – Rechtschaffenheit
Am dritten Morgen konnte Tarion das Kloster nicht mehr sehen. Am ersten Tag hatte ein Blick zurück genügt, um zwischen den Bergen noch die vertrauten Höhen auszumachen, hinter denen die Mauern lagen. Am zweiten waren selbst diese Konturen undeutlicher geworden. Nun lag hinter ihnen nur noch der Weg, den sie bereits gegangen waren, während vor ihnen ein anderer weiter nach Norden führte.
Tarion saß schweigend im Sattel. Neben ihm ritt der andere Paladin, einige Schritte hinter ihnen der Priester. Die beiden Packpferde trotteten zwischen den Reitern und hatten sich längst in den ruhigen Takt der Reise eingefunden. Vielleicht waren sie bislang sogar diejenigen unter den fünf Pferden und drei Männern, die am genauesten wussten, was von ihnen erwartet wurde: weitergehen, fressen, trinken, schlafen und am nächsten Morgen wieder weitergehen.
Bei den Menschen war die Sache komplizierter. Sie wussten, wohin sie wollten.
Mehr nicht.
---
Die ersten Tage verliefen ruhig. Noch führte ihr Weg durch bewohntes Land. Sie kamen an Höfen vorbei, begegneten Händlern, Reisenden und Bauern und fanden am Abend meistens ein Dach über dem Kopf. Wo dies nicht möglich war, suchten sie rechtzeitig einen Platz für ihr Lager.
Bereits beim ersten Mal stellte sich heraus, dass drei Männer gemeinsam ein Zelt tragen konnten, ohne deshalb dieselbe Vorstellung davon zu besitzen, wie dieses Zelt aufzustellen war.
„Der Hering gehört weiter nach links.“
Tarion hielt inne, betrachtete den Hering und dann den Priester. „Er steht seit fünf Atemzügen dort.“
„Und seit fünf Atemzügen steht er falsch.“
Der andere Paladin saß bereits neben der Feuerstelle und beobachtete die beiden. „Ich werde mich aus dieser Glaubensfrage heraushalten.“
Tarion sah zu ihm. „Sehr weise.“
Der Priester zeigte wortlos nach links. Tarion versetzte den Hering und das Zelt stand. Am folgenden Abend überließ er diese Aufgabe dem Priester.
---
Mit jedem Tag entstand eine Ordnung. Einer kümmerte sich um die Pferde, einer bereitete das Lager vor und der Dritte um Feuer und Nahrung. Niemand hatte diese Aufgaben verteilt. Sie hatten sich ergeben, und ebenso selbstverständlich wechselten sie.
Tarion genoss diese Einfachheit mehr, als er erwartet hatte. Im Kloster warteten morgens Schreiben. Vorräte mussten geprüft, Reparaturen entschieden, Arbeiten verteilt und Fragen beantwortet werden. Manche Probleme waren groß, andere bestanden lediglich darin, dass zwei Brüder mit beeindruckender Überzeugung erklären konnten, weshalb ausgerechnet der jeweils andere für eine bestimmte Arbeit verantwortlich war.
Hier draußen waren die Fragen kleiner: Wo schlafen wir? Wie weit kommen wir morgen? Wo finden wir Wasser für die Pferde? Wer hat den Topf nicht ausgespült?
Letztere Frage führte zu einer erstaunlich langen Diskussion, deren Ergebnis niemand freiwillig in die Reisechronik eintrug.
Die Reisechronik selbst entwickelte sich dagegen schnell zu einem festen Bestandteil ihrer Abende. Der Priester schrieb über Orte, Wege, Wetter, Menschen, denen sie begegneten, Hinweise über den Schrein und alles, was später von Bedeutung sein konnte.
Tarion hatte am ersten Abend lediglich zugesehen, am zweiten eine Beschreibung ihres Weges korrigiert. Am dritten hatte der Priester ihm wortlos Feder, Tinte und ein zweites Buch gereicht.
„Was soll ich damit?“
„Schreiben.“
„Du schreibst bereits.“
„Ich schreibe, wo wir gewesen sind.“ Der Priester schob ihm das Buch hin. „Du solltest schreiben, weshalb.“
Tarion betrachtete es eine Weile und öffnete dann die erste Seite. Sie blieb lange leer, bis er schließlich einen Satz schrieb.
Wir suchen Tyrael.
Er betrachtete die Worte und fügte darunter hinzu:
Und ich weiß nicht, ob er gefunden werden will.
Für diesen Abend genügte das.
---
Je weiter sie nach Norden kamen, desto mehr veränderte sich das Land. Die Nächte wurden kühler, morgens lag Feuchtigkeit schwer auf Gras und Mänteln und der Atem der Pferde stand länger sichtbar in der Luft. Auch die Wege wurden stiller. Die Abstände zwischen Höfen und kleinen Ansiedlungen wuchsen, die Wälder wurden dichter und an manchen Tagen begegneten sie über Stunden keinem anderen Reisenden.
Der Schrein der Rechtschaffenheit lag nicht auf dem Festland. Das hatten sie gewusst, bevor sie aufgebrochen waren. Doch eine Linie auf einer Karte vermittelte nur schlecht, was es bedeutete, einen Ort aufzusuchen, der jenseits des Meeres lag.
Spätestens als sie die Küste erreichten, endete der Teil ihrer Reise, den sie vollständig selbst bestimmen konnten. Vor ihnen lag graues Wasser, weit dahinter und jenseits des Horizonts die Insel. Der Wind roch nach Salz.
Der Priester stand neben Tarion und blickte hinaus. „Ich hoffe, du hast daran gedacht, das Meer um eine ruhige Überfahrt zu bitten.“
Tarion sah ihn an. „Ich dachte, dafür hätten wir einen Priester mitgenommen.“
„Ich bin Priester Tyraels.“
„Dann bitte überzeugend.“
Der andere Paladin schnaubte. „Wenn ihr beide fertig seid, sollten wir vielleicht jemanden suchen, der ein Schiff besitzt.“
Das erwies sich als die vernünftigste Idee des Morgens.
---
Sie fanden einen Mann, der bereit war, sie überzusetzen. Nicht sofort, nicht mit fünf Pferden und ganz sicher nicht zu dem Preis, den Tarion zunächst für angemessen gehalten hatte. Die Verhandlung dauerte länger als erwartet. Am Ende blieb von Tarions Vorstellung einer einfachen Überfahrt vor allem die Erkenntnis übrig, dass ein Mann mit einem Schiff an einer Küste einen bemerkenswerten Vorteil gegenüber drei Männern besaß, die auf die andere Seite wollten.
Die Pferde würden zurückbleiben. Für Tarion war diese Entscheidung unangenehmer, als sie eigentlich hätte sein dürfen. Nicht weil er um die Tiere fürchtete; sie konnten für einige Tage sicher untergebracht werden. Es war die Ausrüstung.
Zum ersten Mal mussten sie entscheiden, was wirklich notwendig war. Das Zelt blieb zurück, ebenso ein großer Teil der Vorräte, Werkzeuge, zusätzliche Kleidung und die schweren Rüstungen. Alles, was auf dem Festland sinnvoll gewesen war, wurde plötzlich zu Gewicht, das drei Männer über Schnee und Eis tragen mussten.
Sie nahmen warme Kleidung, Decken, Nahrung, Wasser, Seile, Feuerzeug, das Nötigste zur Versorgung kleinerer Verletzungen, die Reisechronik, Tarions Buch und ihre Waffen.
Der andere Paladin betrachtete den kleiner gewordenen Stapel. „Erstaunlich.“
Tarion zog seinen Mantel enger. „Was?“
„Wie wenig von dem, was man unbedingt braucht, noch unbedingt nötig ist, sobald man es selbst tragen muss.“
Der Priester hob seinen Rucksack an. „Diesen Gedanken solltest du dir für den Schrein der Demut aufheben.“
„Wenn wir dort ankommen, trägst du meine Sachen.“
„Dann werden wir dort wohl ohne deine Sachen ankommen.“
Tarion schüttelte lächelnd den Kopf. Wenig später legte das Schiff ab.
---
Die Überfahrt nahm Stunden in Anspruch. Das Land hinter ihnen wurde kleiner und verschwand schließlich, bis es eine Weile nichts außer Wasser gab. Tarion stand am Rand des kleinen Schiffes und blickte hinaus.
Er war es gewohnt, Wege zu sehen: eine Straße, einen Pfad, eine Spur durch den Wald. Auf dem Meer gab es nichts davon, und dennoch wusste der Mann am Steuer offenbar genau, wohin er fuhr.
Tarion fand den Gedanken beruhigend. Vielleicht auch deshalb, weil er auf ihre eigene Reise nicht zutraf.
Am späten Nachmittag erschien etwas Helles am Horizont. Zuerst hielt Tarion es für Wolken, dann wurden daraus Konturen: Schnee, Felsen und eine weiße Küste.
Die Insel der Rechtschaffenheit.
---
Die Kälte traf sie bereits beim Anlanden. Nicht jene feuchte Kühle, die sie auf dem Festland begleitet hatte. Diese Kälte biss. Sie kroch durch Kleidung, fand jede schlecht geschlossene Stelle und erinnerte einen bei jedem Atemzug daran, dass Menschen nicht für jede Landschaft gemacht waren, die sie unbedingt betreten wollten.
Der Priester zog seine Kapuze tiefer. „Ich beginne zu verstehen, weshalb hier nur wenige Pilger unterwegs sind.“
Der andere Paladin sah auf die verschneite Landschaft. „Vielleicht kommen sie im Sommer.“
Der Mann vom Schiff lachte. Keiner der drei fragte weshalb.
Das Boot sollte zwei Tage später zurückkehren, falls das Wetter es zuließ. Falls nicht, mussten sie warten. Tarion bedankte sich, dann standen sie zu dritt am Rand einer weißen Welt und sahen dem Schiff nach.
Zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch gab es keinen einfachen Weg zurück.
---
Sie gingen. Der Schnee verlangsamte jeden Schritt. Wo der Wind ihn fortgetragen hatte, lagen vereiste Steine frei, an anderen Stellen sanken ihre Stiefel tief ein. Bäume standen nur vereinzelt und Felsen ragten dunkel aus dem Weiß. Der Himmel darüber war bleich und weit.
Es war eine Landschaft, in der selbst Geräusche kleiner wirkten. Das Knirschen ihrer Schritte, der Wind und ihr Atem waren manchmal minutenlang alles, was sie hörten.
Sie fanden den Schrein an diesem Tag nicht. Als das Licht zu schwinden begann, suchten sie ohne Zelt Schutz zwischen zwei Felswänden. Sie entzündeten ein kleines Feuer, legten die Decken dicht zusammen und aßen schweigend. Der Priester schrieb nur wenige Zeilen, weil seine Finger zu kalt für mehr waren. Tarion öffnete sein eigenes Buch überhaupt nicht.
In dieser Nacht schlief keiner von ihnen besonders gut. Am nächsten Morgen gingen sie weiter.
---
Gegen Mittag entdeckte Tarion die ersten Steine. Zunächst hielt er sie für natürliche Felsen, dann erkannte er die Ordnung. Halb vom Schnee verschluckt standen sie in einem weiten Bogen, in ihrer Mitte befand sich ein niedriger Altar.
Der Schrein der Rechtschaffenheit.
Tarion blieb stehen. So weit für das hier: kein Licht, keine Stimme, keine wartende Erscheinung. Nur alter Stein im Schnee.
Sie gingen näher. Der Priester strich mit seiner behandschuhten Hand über den Altar und entfernte Schnee. Darunter kam das Zeichen der Tugend zum Vorschein, verwittert, aber noch deutlich zu erkennen.
„Lange her.“
Tarion nickte. „Aber noch da.“
Sie reinigten den Schrein. Nicht weil irgendein Ritus es verlangte, sondern weil es ihnen einfach falsch erschien, an einem Ort um eine Antwort zu bitten und nicht einmal bereit zu sein, den Schnee von seinem Altar zu entfernen.
Danach beteten sie. Der Priester sprach die alten Worte, die Tarion und der andere Paladin ebenfalls kannten. Ihre Stimmen verschwanden im Wind.
Nichts geschah.
Sie warteten, doch wieder geschah nichts. Der Priester sprach ein zweites Gebet. Tarion legte die Hand auf den Stein.
Kalt. Nur Stein.
Sie blieben eine Stunde und dann eine weitere. Irgendwann setzte sich der andere Paladin auf einen der schneebedeckten Steine, während der Priester erneut in seinen Aufzeichnungen zu lesen begann, als könnte er dort etwas finden, das sie übersehen hatten.
Tarion stand vor dem Altar.
Der Schrein schwieg.
So wie Tyrael.
---
Als die Dunkelheit näher rückte, gingen sie zurück zu ihrem geschützten Lagerplatz. Sie hätten am folgenden Morgen zum vereinbarten Ort an der Küste zurückkehren können. Das Schiff würde kommen. Vielleicht. Sie konnten wieder aufs Festland und zum nächsten Schrein.
Niemand schlug es vor.
Nach dem Essen saß Tarion vor dem kleinen Feuer. Der Priester schlief bereits und der andere Paladin hatte sich in eine Decke gehüllt und die Augen geschlossen.
Tarion nahm sein Buch.
Wir suchen Tyrael.
Darunter:
Und ich weiß nicht, ob er gefunden werden will.
Er las beide Sätze und setzte dann die Feder an.
Ich suche ihn für den Orden.
Tarion hielt inne, betrachtete die Worte und strich sie schließlich durch. Nicht weil sie falsch waren, sondern weil sie nicht vollständig waren.
Er suchte Tyrael für den Orden, für Deralon, für seine Brüder und Schwestern, für jene, die noch immer in die Kirche vor den Mauern kamen und unter einem Zeichen beteten, dessen Gott nicht mehr antwortete. Für Menschen, die wissen wollten, ob ihr Glaube noch irgendwo ein Gegenüber besaß.
Alles wahr. Alles rechtschaffen.
Und alles bequem.
Tarion sah in das Feuer und dachte an die unzähligen Male, in denen er Tyraels Namen ausgesprochen hatte: an Gebete, an Zweifel, an Entscheidungen und an Augenblicke, in denen er geglaubt hatte, seine Nähe zu spüren.
Und dann an das Schweigen.
Er setzte die Feder wieder an.
Ich vermisse ihn.
Tarion betrachtete die drei Worte. Sie wirkten klein, fast unangemessen klein für einen Weg, der sie über Berge, Straßen und schließlich über das Meer geführt hatte. Doch kein Satz, den er bislang geschrieben hatte, fühlte sich wahrer an.
Er schrieb weiter.
Ich möchte wissen, dass er noch existiert.
Seine Hand hielt inne.
Ich möchte wissen, dass wir nicht zu einem Zeichen an einer Wand sprechen.
Der nächste Satz fiel schwerer. Tarion schrieb ihn trotzdem.
Ich fürchte mich davor, ihn nicht zu finden.
Er legte die Feder zur Seite.
„Das klingt schon ehrlicher.“
Tarion blickte auf. Der andere Paladin hatte die Augen geöffnet.
Tarion sah auf das Buch. „Du liest über Kopf?“
„Nur wenn jemand groß genug schreibt.“
Tarion schloss das Buch. Für einige Augenblicke hörten sie nur das Feuer.
Dann fragte sein Bruder: „Morgen noch einmal?“
Tarion sah hinaus in die Dunkelheit. Dort irgendwo lag der Schrein.
„Morgen noch einmal.“
---
Am nächsten Morgen fiel Schnee. Nicht viel; feine Flocken trieben beinahe waagerecht durch die Luft. Die drei Männer gingen erneut zum Schrein.
Diesmal nahm Tarion kein Gebetbuch, keine alten Verse und keine vorbereiteten Worte mit. Der Priester und der andere Paladin blieben einige Schritte zurück, während Tarion vor den Altar trat, einen Handschuh auszog und die bloße Hand auf den Stein legte.
Die Kälte schmerzte beinahe sofort.
„Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst.“
Der Wind antwortete.
„Und ich weiß nicht, ob ich überhaupt mit dir spreche oder nur mit einem Stück Stein.“
Tarion sah auf das Zeichen. „Ich habe mir eingeredet, dass ich hier bin, weil der Orden Antworten braucht.“
Eine kurze Pause.
„Das stimmt.“
Er atmete langsam aus und sein Atem wurde zu weißem Dunst. „Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.“
Tarion schloss für einen Augenblick die Augen und sprach dann jene Worte aus, die ihm auf Papier leichter gefallen waren.
„Ich bin auch hier, weil ich dich vermisse.“
Nichts.
„Weil ich wissen will, dass du noch da bist.“
Seine Finger lagen auf dem eisigen Stein.
„Und weil ich Angst davor habe, dass du es nicht bist.“
Stille. Keine Stimme, kein Wunder.
Tarion senkte den Kopf. Vielleicht war das die einzige Antwort, die Rechtschaffenheit ihm geben würde.
Seine eigene.
Dann spürte er etwas.
Wärme.
So schwach, dass er zunächst glaubte, seine Hand habe sich lediglich an die Kälte gewöhnt. Tarion öffnete die Augen.
Unter seinen Fingern erschien eine feine weiße Linie. Sie zog sich langsam und zögernd durch eine der verwitterten Vertiefungen des Zeichens, als müsse sich das Licht seinen Weg durch den Stein erst suchen.
Tarion bewegte sich nicht. Hinter ihm hörte er den Priester scharf einatmen.
Die Linie erreichte die Mitte des Zeichens und weitere feine Linien folgten. Für wenige Herzschläge leuchtete das Symbol der Rechtschaffenheit. Nicht hell, nicht blendend, kaum mehr als ein Schimmer im fallenden Schnee.
Und gerade deshalb konnte keiner von ihnen den Blick davon lösen.
Dann erlosch es. Der Stein unter Tarions Hand wurde wieder kalt.
Niemand sprach.
Tarion drehte sich langsam um. Der Priester starrte auf den Altar, der andere Paladin sah Tarion an.
„Hast du das…“
„Ja.“
Mehr brachte Tarion nicht hervor.
Der Priester trat an den Stein und legte seine Hand darauf. Nichts.
Er sah Tarion an. „Noch einmal.“
Tarion berührte das Zeichen erneut. Nichts geschah.
Der andere Paladin begann zu lächeln. „Offenbar wiederholt sich ein Wunder nicht nur deshalb, weil ein Priester darum bittet.“
Der Priester warf ihm einen Blick zu. „Ich wollte sicher sein.“
Tarion betrachtete das Zeichen. „Dann sollten wir gerade jetzt vorsichtig damit sein, wessen wir uns sicher sind.“
Er erinnerte sich an seine eigenen Worte gegenüber Thorus: Nicht alles, was im Licht erschien, diente auch dem Licht. Er würde nicht denselben Fehler begehen, vor dem er einen anderen gewarnt hatte.
Sie wussten nicht, was dieses Licht gewesen war, und ebenso wenig, ob Tyrael es geschickt hatte. Aber Tarion würde auch nicht leugnen, was drei Männer mit eigenen Augen gesehen hatten.
Etwas hatte geantwortet.
Zum ersten Mal.
---
An der Küste mussten sie länger warten als vereinbart. Das Meer war unruhiger geworden und das Schiff kam erst am folgenden Morgen. Keiner der drei beklagte sich darüber.
Der Priester nutzte die Zeit für seine Chronik. Er schrieb lange und reichte Tarion schließlich das Buch. Unter seinem Bericht stand:
Am Schrein der Rechtschaffenheit erschien ein Licht, nachdem Bruder Tarion ausgesprochen hatte, weshalb er Tyrael wirklich sucht.
Tarion las den Satz zweimal und gab das Buch zurück.
„Lass es so stehen.“
Der Priester nickte.
Tarion öffnete sein eigenes Buch und schrieb unter die Worte der vergangenen Nacht:
Heute hat etwas geantwortet.
Er wartete und setzte dann eine zweite Zeile darunter.
Ich weiß nicht, was.
Er schloss das Buch.
Rechtschaffenheit verlangte nicht, aus Hoffnung Gewissheit zu machen. Sie verlangte Wahrheit. Und die Wahrheit war: Tyrael blieb verschwunden. Sie wussten nicht, ob er lebte, ob er sie hören konnte oder ob das Licht überhaupt von ihm gekommen war.
Aber zum ersten Mal seit Beginn ihrer Suche wussten sie eines.
Sie waren nicht vollkommen ohne Spur.
---
Als das Schiff schließlich die Küste des Festlandes erreichte, warteten ihre Pferde dort, wo sie sie zurückgelassen hatten. Der Priester begrüßte sein Tier mit deutlich mehr Herzlichkeit, als Tarion nach wenigen Tagen Trennung für angemessen hielt, während der andere Paladin damit begann, die Packpferde wieder vorzubereiten.
Tarion blieb einen Moment an der Küste stehen. Hinter ihm lag das Meer und dahinter die weiße Insel mit dem ersten Schrein. Vor ihm lag ein Kontinent und irgendwo darauf sieben weitere.
Er dachte an den schwachen Schimmer im Schnee.
Keine Antwort.
Noch nicht.
Aber eine Spur.
Tarion nahm die Zügel seines Pferdes.
„Wohin?“, fragte der Priester.
Tarion sah auf die Karte. Der nächste Weg würde sie zurück durch kälteres Nordland und anschließend weiter nach Westen führen, dorthin, wo die Wälder dichter wurden und zwischen den Höhenzügen der Schrein des Mitgefühls lag.
Er faltete die Karte zusammen.
„Zum Mitgefühl.“
Sie stiegen in die Sättel. Hinter ihnen lag eine Insel aus Schnee und Stein, vor ihnen lagen wieder Straßen, Wälder und Berge.
Drei Männer waren aufgebrochen, um einen verschwundenen Gott zu suchen. Am ersten Schrein hatten sie ihn nicht gefunden.
Tarion hatte dort zunächst etwas anderes gefunden.
Eine Wahrheit über sich selbst.
Und irgendwo in einer weißen Landschaft hatte darauf für wenige Herzschläge ein Licht geantwortet.
[b]Akt I – Rechtschaffenheit[/b]
Am dritten Morgen konnte Tarion das Kloster nicht mehr sehen. Am ersten Tag hatte ein Blick zurück genügt, um zwischen den Bergen noch die vertrauten Höhen auszumachen, hinter denen die Mauern lagen. Am zweiten waren selbst diese Konturen undeutlicher geworden. Nun lag hinter ihnen nur noch der Weg, den sie bereits gegangen waren, während vor ihnen ein anderer weiter nach Norden führte.
Tarion saß schweigend im Sattel. Neben ihm ritt der andere Paladin, einige Schritte hinter ihnen der Priester. Die beiden Packpferde trotteten zwischen den Reitern und hatten sich längst in den ruhigen Takt der Reise eingefunden. Vielleicht waren sie bislang sogar diejenigen unter den fünf Pferden und drei Männern, die am genauesten wussten, was von ihnen erwartet wurde: weitergehen, fressen, trinken, schlafen und am nächsten Morgen wieder weitergehen.
Bei den Menschen war die Sache komplizierter. Sie wussten, wohin sie wollten.
Mehr nicht.
---
Die ersten Tage verliefen ruhig. Noch führte ihr Weg durch bewohntes Land. Sie kamen an Höfen vorbei, begegneten Händlern, Reisenden und Bauern und fanden am Abend meistens ein Dach über dem Kopf. Wo dies nicht möglich war, suchten sie rechtzeitig einen Platz für ihr Lager.
Bereits beim ersten Mal stellte sich heraus, dass drei Männer gemeinsam ein Zelt tragen konnten, ohne deshalb dieselbe Vorstellung davon zu besitzen, wie dieses Zelt aufzustellen war.
[i]„Der Hering gehört weiter nach links.“[/i]
Tarion hielt inne, betrachtete den Hering und dann den Priester. [i]„Er steht seit fünf Atemzügen dort.“[/i]
[i]„Und seit fünf Atemzügen steht er falsch.“[/i]
Der andere Paladin saß bereits neben der Feuerstelle und beobachtete die beiden. [i]„Ich werde mich aus dieser Glaubensfrage heraushalten.“[/i]
Tarion sah zu ihm. [i]„Sehr weise.“[/i]
Der Priester zeigte wortlos nach links. Tarion versetzte den Hering und das Zelt stand. Am folgenden Abend überließ er diese Aufgabe dem Priester.
---
Mit jedem Tag entstand eine Ordnung. Einer kümmerte sich um die Pferde, einer bereitete das Lager vor und der Dritte um Feuer und Nahrung. Niemand hatte diese Aufgaben verteilt. Sie hatten sich ergeben, und ebenso selbstverständlich wechselten sie.
Tarion genoss diese Einfachheit mehr, als er erwartet hatte. Im Kloster warteten morgens Schreiben. Vorräte mussten geprüft, Reparaturen entschieden, Arbeiten verteilt und Fragen beantwortet werden. Manche Probleme waren groß, andere bestanden lediglich darin, dass zwei Brüder mit beeindruckender Überzeugung erklären konnten, weshalb ausgerechnet der jeweils andere für eine bestimmte Arbeit verantwortlich war.
Hier draußen waren die Fragen kleiner: Wo schlafen wir? Wie weit kommen wir morgen? Wo finden wir Wasser für die Pferde? Wer hat den Topf nicht ausgespült?
Letztere Frage führte zu einer erstaunlich langen Diskussion, deren Ergebnis niemand freiwillig in die Reisechronik eintrug.
Die Reisechronik selbst entwickelte sich dagegen schnell zu einem festen Bestandteil ihrer Abende. Der Priester schrieb über Orte, Wege, Wetter, Menschen, denen sie begegneten, Hinweise über den Schrein und alles, was später von Bedeutung sein konnte.
Tarion hatte am ersten Abend lediglich zugesehen, am zweiten eine Beschreibung ihres Weges korrigiert. Am dritten hatte der Priester ihm wortlos Feder, Tinte und ein zweites Buch gereicht.
[i]„Was soll ich damit?“[/i]
[i]„Schreiben.“[/i]
[i]„Du schreibst bereits.“[/i]
[i]„Ich schreibe, wo wir gewesen sind.“[/i] Der Priester schob ihm das Buch hin. [i]„Du solltest schreiben, weshalb.“[/i]
Tarion betrachtete es eine Weile und öffnete dann die erste Seite. Sie blieb lange leer, bis er schließlich einen Satz schrieb.
Wir suchen Tyrael.
Er betrachtete die Worte und fügte darunter hinzu:
Und ich weiß nicht, ob er gefunden werden will.
Für diesen Abend genügte das.
---
Je weiter sie nach Norden kamen, desto mehr veränderte sich das Land. Die Nächte wurden kühler, morgens lag Feuchtigkeit schwer auf Gras und Mänteln und der Atem der Pferde stand länger sichtbar in der Luft. Auch die Wege wurden stiller. Die Abstände zwischen Höfen und kleinen Ansiedlungen wuchsen, die Wälder wurden dichter und an manchen Tagen begegneten sie über Stunden keinem anderen Reisenden.
Der Schrein der Rechtschaffenheit lag nicht auf dem Festland. Das hatten sie gewusst, bevor sie aufgebrochen waren. Doch eine Linie auf einer Karte vermittelte nur schlecht, was es bedeutete, einen Ort aufzusuchen, der jenseits des Meeres lag.
Spätestens als sie die Küste erreichten, endete der Teil ihrer Reise, den sie vollständig selbst bestimmen konnten. Vor ihnen lag graues Wasser, weit dahinter und jenseits des Horizonts die Insel. Der Wind roch nach Salz.
Der Priester stand neben Tarion und blickte hinaus. [i]„Ich hoffe, du hast daran gedacht, das Meer um eine ruhige Überfahrt zu bitten.“[/i]
Tarion sah ihn an. [i]„Ich dachte, dafür hätten wir einen Priester mitgenommen.“[/i]
[i]„Ich bin Priester Tyraels.“[/i]
[i]„Dann bitte überzeugend.“[/i]
Der andere Paladin schnaubte. [i]„Wenn ihr beide fertig seid, sollten wir vielleicht jemanden suchen, der ein Schiff besitzt.“[/i]
Das erwies sich als die vernünftigste Idee des Morgens.
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Sie fanden einen Mann, der bereit war, sie überzusetzen. Nicht sofort, nicht mit fünf Pferden und ganz sicher nicht zu dem Preis, den Tarion zunächst für angemessen gehalten hatte. Die Verhandlung dauerte länger als erwartet. Am Ende blieb von Tarions Vorstellung einer einfachen Überfahrt vor allem die Erkenntnis übrig, dass ein Mann mit einem Schiff an einer Küste einen bemerkenswerten Vorteil gegenüber drei Männern besaß, die auf die andere Seite wollten.
Die Pferde würden zurückbleiben. Für Tarion war diese Entscheidung unangenehmer, als sie eigentlich hätte sein dürfen. Nicht weil er um die Tiere fürchtete; sie konnten für einige Tage sicher untergebracht werden. Es war die Ausrüstung.
Zum ersten Mal mussten sie entscheiden, was wirklich notwendig war. Das Zelt blieb zurück, ebenso ein großer Teil der Vorräte, Werkzeuge, zusätzliche Kleidung und die schweren Rüstungen. Alles, was auf dem Festland sinnvoll gewesen war, wurde plötzlich zu Gewicht, das drei Männer über Schnee und Eis tragen mussten.
Sie nahmen warme Kleidung, Decken, Nahrung, Wasser, Seile, Feuerzeug, das Nötigste zur Versorgung kleinerer Verletzungen, die Reisechronik, Tarions Buch und ihre Waffen.
Der andere Paladin betrachtete den kleiner gewordenen Stapel. [i]„Erstaunlich.“[/i]
Tarion zog seinen Mantel enger. [i]„Was?“[/i]
[i]„Wie wenig von dem, was man unbedingt braucht, noch unbedingt nötig ist, sobald man es selbst tragen muss.“[/i]
Der Priester hob seinen Rucksack an. [i]„Diesen Gedanken solltest du dir für den Schrein der Demut aufheben.“[/i]
[i]„Wenn wir dort ankommen, trägst du meine Sachen.“[/i]
[i]„Dann werden wir dort wohl ohne deine Sachen ankommen.“[/i]
Tarion schüttelte lächelnd den Kopf. Wenig später legte das Schiff ab.
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Die Überfahrt nahm Stunden in Anspruch. Das Land hinter ihnen wurde kleiner und verschwand schließlich, bis es eine Weile nichts außer Wasser gab. Tarion stand am Rand des kleinen Schiffes und blickte hinaus.
Er war es gewohnt, Wege zu sehen: eine Straße, einen Pfad, eine Spur durch den Wald. Auf dem Meer gab es nichts davon, und dennoch wusste der Mann am Steuer offenbar genau, wohin er fuhr.
Tarion fand den Gedanken beruhigend. Vielleicht auch deshalb, weil er auf ihre eigene Reise nicht zutraf.
Am späten Nachmittag erschien etwas Helles am Horizont. Zuerst hielt Tarion es für Wolken, dann wurden daraus Konturen: Schnee, Felsen und eine weiße Küste.
Die Insel der Rechtschaffenheit.
---
Die Kälte traf sie bereits beim Anlanden. Nicht jene feuchte Kühle, die sie auf dem Festland begleitet hatte. Diese Kälte biss. Sie kroch durch Kleidung, fand jede schlecht geschlossene Stelle und erinnerte einen bei jedem Atemzug daran, dass Menschen nicht für jede Landschaft gemacht waren, die sie unbedingt betreten wollten.
Der Priester zog seine Kapuze tiefer. [i]„Ich beginne zu verstehen, weshalb hier nur wenige Pilger unterwegs sind.“[/i]
Der andere Paladin sah auf die verschneite Landschaft. [i]„Vielleicht kommen sie im Sommer.“[/i]
Der Mann vom Schiff lachte. Keiner der drei fragte weshalb.
Das Boot sollte zwei Tage später zurückkehren, falls das Wetter es zuließ. Falls nicht, mussten sie warten. Tarion bedankte sich, dann standen sie zu dritt am Rand einer weißen Welt und sahen dem Schiff nach.
Zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch gab es keinen einfachen Weg zurück.
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Sie gingen. Der Schnee verlangsamte jeden Schritt. Wo der Wind ihn fortgetragen hatte, lagen vereiste Steine frei, an anderen Stellen sanken ihre Stiefel tief ein. Bäume standen nur vereinzelt und Felsen ragten dunkel aus dem Weiß. Der Himmel darüber war bleich und weit.
Es war eine Landschaft, in der selbst Geräusche kleiner wirkten. Das Knirschen ihrer Schritte, der Wind und ihr Atem waren manchmal minutenlang alles, was sie hörten.
Sie fanden den Schrein an diesem Tag nicht. Als das Licht zu schwinden begann, suchten sie ohne Zelt Schutz zwischen zwei Felswänden. Sie entzündeten ein kleines Feuer, legten die Decken dicht zusammen und aßen schweigend. Der Priester schrieb nur wenige Zeilen, weil seine Finger zu kalt für mehr waren. Tarion öffnete sein eigenes Buch überhaupt nicht.
In dieser Nacht schlief keiner von ihnen besonders gut. Am nächsten Morgen gingen sie weiter.
---
Gegen Mittag entdeckte Tarion die ersten Steine. Zunächst hielt er sie für natürliche Felsen, dann erkannte er die Ordnung. Halb vom Schnee verschluckt standen sie in einem weiten Bogen, in ihrer Mitte befand sich ein niedriger Altar.
Der Schrein der Rechtschaffenheit.
Tarion blieb stehen. So weit für das hier: kein Licht, keine Stimme, keine wartende Erscheinung. Nur alter Stein im Schnee.
Sie gingen näher. Der Priester strich mit seiner behandschuhten Hand über den Altar und entfernte Schnee. Darunter kam das Zeichen der Tugend zum Vorschein, verwittert, aber noch deutlich zu erkennen.
[i]„Lange her.“[/i]
Tarion nickte. [i]„Aber noch da.“[/i]
Sie reinigten den Schrein. Nicht weil irgendein Ritus es verlangte, sondern weil es ihnen einfach falsch erschien, an einem Ort um eine Antwort zu bitten und nicht einmal bereit zu sein, den Schnee von seinem Altar zu entfernen.
Danach beteten sie. Der Priester sprach die alten Worte, die Tarion und der andere Paladin ebenfalls kannten. Ihre Stimmen verschwanden im Wind.
Nichts geschah.
Sie warteten, doch wieder geschah nichts. Der Priester sprach ein zweites Gebet. Tarion legte die Hand auf den Stein.
Kalt. Nur Stein.
Sie blieben eine Stunde und dann eine weitere. Irgendwann setzte sich der andere Paladin auf einen der schneebedeckten Steine, während der Priester erneut in seinen Aufzeichnungen zu lesen begann, als könnte er dort etwas finden, das sie übersehen hatten.
Tarion stand vor dem Altar.
Der Schrein schwieg.
So wie Tyrael.
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Als die Dunkelheit näher rückte, gingen sie zurück zu ihrem geschützten Lagerplatz. Sie hätten am folgenden Morgen zum vereinbarten Ort an der Küste zurückkehren können. Das Schiff würde kommen. Vielleicht. Sie konnten wieder aufs Festland und zum nächsten Schrein.
Niemand schlug es vor.
Nach dem Essen saß Tarion vor dem kleinen Feuer. Der Priester schlief bereits und der andere Paladin hatte sich in eine Decke gehüllt und die Augen geschlossen.
Tarion nahm sein Buch.
Wir suchen Tyrael.
Darunter:
Und ich weiß nicht, ob er gefunden werden will.
Er las beide Sätze und setzte dann die Feder an.
Ich suche ihn für den Orden.
Tarion hielt inne, betrachtete die Worte und strich sie schließlich durch. Nicht weil sie falsch waren, sondern weil sie nicht vollständig waren.
Er suchte Tyrael für den Orden, für Deralon, für seine Brüder und Schwestern, für jene, die noch immer in die Kirche vor den Mauern kamen und unter einem Zeichen beteten, dessen Gott nicht mehr antwortete. Für Menschen, die wissen wollten, ob ihr Glaube noch irgendwo ein Gegenüber besaß.
Alles wahr. Alles rechtschaffen.
Und alles bequem.
Tarion sah in das Feuer und dachte an die unzähligen Male, in denen er Tyraels Namen ausgesprochen hatte: an Gebete, an Zweifel, an Entscheidungen und an Augenblicke, in denen er geglaubt hatte, seine Nähe zu spüren.
Und dann an das Schweigen.
Er setzte die Feder wieder an.
Ich vermisse ihn.
Tarion betrachtete die drei Worte. Sie wirkten klein, fast unangemessen klein für einen Weg, der sie über Berge, Straßen und schließlich über das Meer geführt hatte. Doch kein Satz, den er bislang geschrieben hatte, fühlte sich wahrer an.
Er schrieb weiter.
Ich möchte wissen, dass er noch existiert.
Seine Hand hielt inne.
Ich möchte wissen, dass wir nicht zu einem Zeichen an einer Wand sprechen.
Der nächste Satz fiel schwerer. Tarion schrieb ihn trotzdem.
Ich fürchte mich davor, ihn nicht zu finden.
Er legte die Feder zur Seite.
[i]„Das klingt schon ehrlicher.“[/i]
Tarion blickte auf. Der andere Paladin hatte die Augen geöffnet.
Tarion sah auf das Buch. [i]„Du liest über Kopf?“[/i]
[i]„Nur wenn jemand groß genug schreibt.“[/i]
Tarion schloss das Buch. Für einige Augenblicke hörten sie nur das Feuer.
Dann fragte sein Bruder: [i]„Morgen noch einmal?“[/i]
Tarion sah hinaus in die Dunkelheit. Dort irgendwo lag der Schrein.
[i]„Morgen noch einmal.“[/i]
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Am nächsten Morgen fiel Schnee. Nicht viel; feine Flocken trieben beinahe waagerecht durch die Luft. Die drei Männer gingen erneut zum Schrein.
Diesmal nahm Tarion kein Gebetbuch, keine alten Verse und keine vorbereiteten Worte mit. Der Priester und der andere Paladin blieben einige Schritte zurück, während Tarion vor den Altar trat, einen Handschuh auszog und die bloße Hand auf den Stein legte.
Die Kälte schmerzte beinahe sofort.
[i]„Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst.“[/i]
Der Wind antwortete.
[i]„Und ich weiß nicht, ob ich überhaupt mit dir spreche oder nur mit einem Stück Stein.“[/i]
Tarion sah auf das Zeichen. [i]„Ich habe mir eingeredet, dass ich hier bin, weil der Orden Antworten braucht.“[/i]
Eine kurze Pause.
[i]„Das stimmt.“[/i]
Er atmete langsam aus und sein Atem wurde zu weißem Dunst. [i]„Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.“[/i]
Tarion schloss für einen Augenblick die Augen und sprach dann jene Worte aus, die ihm auf Papier leichter gefallen waren.
[i]„Ich bin auch hier, weil ich dich vermisse.“[/i]
Nichts.
[i]„Weil ich wissen will, dass du noch da bist.“[/i]
Seine Finger lagen auf dem eisigen Stein.
[i]„Und weil ich Angst davor habe, dass du es nicht bist.“[/i]
Stille. Keine Stimme, kein Wunder.
Tarion senkte den Kopf. Vielleicht war das die einzige Antwort, die Rechtschaffenheit ihm geben würde.
Seine eigene.
Dann spürte er etwas.
Wärme.
So schwach, dass er zunächst glaubte, seine Hand habe sich lediglich an die Kälte gewöhnt. Tarion öffnete die Augen.
Unter seinen Fingern erschien eine feine weiße Linie. Sie zog sich langsam und zögernd durch eine der verwitterten Vertiefungen des Zeichens, als müsse sich das Licht seinen Weg durch den Stein erst suchen.
Tarion bewegte sich nicht. Hinter ihm hörte er den Priester scharf einatmen.
Die Linie erreichte die Mitte des Zeichens und weitere feine Linien folgten. Für wenige Herzschläge leuchtete das Symbol der Rechtschaffenheit. Nicht hell, nicht blendend, kaum mehr als ein Schimmer im fallenden Schnee.
Und gerade deshalb konnte keiner von ihnen den Blick davon lösen.
Dann erlosch es. Der Stein unter Tarions Hand wurde wieder kalt.
Niemand sprach.
Tarion drehte sich langsam um. Der Priester starrte auf den Altar, der andere Paladin sah Tarion an.
[i]„Hast du das…“[/i]
[i]„Ja.“[/i]
Mehr brachte Tarion nicht hervor.
Der Priester trat an den Stein und legte seine Hand darauf. Nichts.
Er sah Tarion an. [i]„Noch einmal.“[/i]
Tarion berührte das Zeichen erneut. Nichts geschah.
Der andere Paladin begann zu lächeln. [i]„Offenbar wiederholt sich ein Wunder nicht nur deshalb, weil ein Priester darum bittet.“[/i]
Der Priester warf ihm einen Blick zu. [i]„Ich wollte sicher sein.“[/i]
Tarion betrachtete das Zeichen. [i]„Dann sollten wir gerade jetzt vorsichtig damit sein, wessen wir uns sicher sind.“[/i]
Er erinnerte sich an seine eigenen Worte gegenüber Thorus: Nicht alles, was im Licht erschien, diente auch dem Licht. Er würde nicht denselben Fehler begehen, vor dem er einen anderen gewarnt hatte.
Sie wussten nicht, was dieses Licht gewesen war, und ebenso wenig, ob Tyrael es geschickt hatte. Aber Tarion würde auch nicht leugnen, was drei Männer mit eigenen Augen gesehen hatten.
Etwas hatte geantwortet.
Zum ersten Mal.
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An der Küste mussten sie länger warten als vereinbart. Das Meer war unruhiger geworden und das Schiff kam erst am folgenden Morgen. Keiner der drei beklagte sich darüber.
Der Priester nutzte die Zeit für seine Chronik. Er schrieb lange und reichte Tarion schließlich das Buch. Unter seinem Bericht stand:
Am Schrein der Rechtschaffenheit erschien ein Licht, nachdem Bruder Tarion ausgesprochen hatte, weshalb er Tyrael wirklich sucht.
Tarion las den Satz zweimal und gab das Buch zurück.
[i]„Lass es so stehen.“[/i]
Der Priester nickte.
Tarion öffnete sein eigenes Buch und schrieb unter die Worte der vergangenen Nacht:
Heute hat etwas geantwortet.
Er wartete und setzte dann eine zweite Zeile darunter.
Ich weiß nicht, was.
Er schloss das Buch.
Rechtschaffenheit verlangte nicht, aus Hoffnung Gewissheit zu machen. Sie verlangte Wahrheit. Und die Wahrheit war: Tyrael blieb verschwunden. Sie wussten nicht, ob er lebte, ob er sie hören konnte oder ob das Licht überhaupt von ihm gekommen war.
Aber zum ersten Mal seit Beginn ihrer Suche wussten sie eines.
Sie waren nicht vollkommen ohne Spur.
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Als das Schiff schließlich die Küste des Festlandes erreichte, warteten ihre Pferde dort, wo sie sie zurückgelassen hatten. Der Priester begrüßte sein Tier mit deutlich mehr Herzlichkeit, als Tarion nach wenigen Tagen Trennung für angemessen hielt, während der andere Paladin damit begann, die Packpferde wieder vorzubereiten.
Tarion blieb einen Moment an der Küste stehen. Hinter ihm lag das Meer und dahinter die weiße Insel mit dem ersten Schrein. Vor ihm lag ein Kontinent und irgendwo darauf sieben weitere.
Er dachte an den schwachen Schimmer im Schnee.
Keine Antwort.
Noch nicht.
Aber eine Spur.
Tarion nahm die Zügel seines Pferdes.
[i]„Wohin?“[/i], fragte der Priester.
Tarion sah auf die Karte. Der nächste Weg würde sie zurück durch kälteres Nordland und anschließend weiter nach Westen führen, dorthin, wo die Wälder dichter wurden und zwischen den Höhenzügen der Schrein des Mitgefühls lag.
Er faltete die Karte zusammen.
[i]„Zum Mitgefühl.“[/i]
Sie stiegen in die Sättel. Hinter ihnen lag eine Insel aus Schnee und Stein, vor ihnen lagen wieder Straßen, Wälder und Berge.
Drei Männer waren aufgebrochen, um einen verschwundenen Gott zu suchen. Am ersten Schrein hatten sie ihn nicht gefunden.
Tarion hatte dort zunächst etwas anderes gefunden.
Eine Wahrheit über sich selbst.
Und irgendwo in einer weißen Landschaft hatte darauf für wenige Herzschläge ein Licht geantwortet.