Tief unter den Straßen Britains war von den Vorkommnissen auf dem Friedhof nichts mehr zu sehen. Über der Stadt begann längst wieder der gewöhnliche Alltag. Händler öffneten ihre Läden, Wachleute wechselten ihre Posten, irgendwo wurden Fässer über Kopfsteinpflaster gerollt und Türen aufgestoßen. Nur gedämpft drang etwas davon durch das alte Gestein hinab in jene vergessenen Gewölbe, die Shezar für seine Arbeit hatte herrichten lassen. Hier unten gab es weder Tageslicht noch Fenster. Das matte Licht der Öllampen und Kerzen verlor sich an feuchten Steinwänden, zwischen schweren Regalen und den eisernen Beschlägen der Türen. In der Mitte des Raumes stand der schwarze Arbeitstisch, auf dessen Oberfläche nun einer jener Körper lag, die in der vergangenen Nacht noch unter der Erde Britains geruht hatten. Die übrigen Leichname befanden sich in der angrenzenden Kammer. Shezar hatte sie nicht wahllos ausgewählt. Unterschiedliches Alter, unterschiedlicher körperlicher Zustand, unterschiedliche Zeit seit dem Tod. Keine außergewöhnlichen Todesursachen, soweit dies festzustellen gewesen war, und möglichst wenig äußere Zerstörung des Körpers. Für das, was er untersuchen wollte, benötigte er keine Besonderheiten. Im Gegenteil. Jede Auffälligkeit hätte eine weitere Variable dargestellt.
Neben dem Tisch lagen mehrere aufgeschlagene Bücher, doch keines davon bildete den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit. Seine eigenen Aufzeichnungen lagen darüber, dicht beschrieben, an manchen Stellen mit Linien, Pfeilen und nachträglichen Ergänzungen versehen. Zwischen den Seiten befand sich die Abschrift jener theoretischen Überlegungen, die ihn überhaupt an diesen Punkt geführt hatten. Leib. Geist. Seele. Wille. Erinnerung. Lebenskraft. Arkane Verbindung. Dazwischen Verbindungen. Einige durchgezogen, andere nur gestrichelt. Noch vor wenigen Tagen hatte ihm dieses Modell genügt. Nun sollte sich zeigen, ob es überhaupt etwas erklärte.
Shezar begann nicht mit Magie. Zunächst untersuchte er den Toten, wie er jeden anderen Gegenstand seiner Forschung untersucht hätte: im Zustand, in dem er vor ihm lag. Der Mann mochte zu Lebzeiten kaum älter als vierzig Jahre gewesen sein. Der Tod lag noch nicht lange zurück. Äußerlich waren nur geringe Veränderungen eingetreten, und auch die tieferen Gewebe waren noch weit genug erhalten, um spätere Unterschiede nicht sofort auf bloßen Verfall zurückführen zu müssen. Shezar arbeitete langsam. Er prüfte Gelenke, Muskulatur und Gewebe, untersuchte jene Stellen, an denen Nervenbahnen und größere Gefäße verliefen, und hielt den jeweiligen Zustand fest. Doch die körperliche Anatomie war nur die eine Hälfte der Untersuchung. Immer wieder ließ er seine Wahrnehmung von der sichtbaren Materie fortgleiten.
Das arkane Gewebe war kein zweiter Körper, der einfach unter dem ersten lag. Es war keine leuchtende Kopie aus Linien und Punkten, wie es vereinfachte Zeichnungen gerne darstellten. Was sich erfassen ließ, war vielmehr ein Geflecht aus Beziehungen: Knoten unterschiedlicher Stärke, Verbindungen zwischen ihnen, Strukturen innerhalb größerer Strukturen. Ein Muskel war Teil eines Gliedmaßes, das Gliedmaß Teil eines Körpers, und dennoch besaß jedes einzelne Gewebe sein eigenes Muster innerhalb des größeren Gefüges. Zu Lebzeiten musste dieses System ungleich dichter gewesen sein. Was nun vor ihm lag, war nicht verschwunden. Es war verändert. Einige Zusammenhänge bestanden weiterhin, weil der Körper selbst noch existierte. Materie blieb Materie. Ein Knochen verlor mit dem Tod nicht plötzlich seine Position im arkanen Gewebe. Ebenso blieben Muskeln, Organe und Gefäße als Bestandteile einer größeren körperlichen Struktur erkennbar. Doch etwas fehlte. Oder genauer gesagt: Etwas verband all diese vorhandenen Strukturen nicht mehr auf jene Weise miteinander, die sie zuvor zu einem lebenden Ganzen gemacht haben musste.
Shezar schrieb:
Der Tod zerstört die Matrix nicht vollständig. Er verändert ihre Ordnung.
Der Satz blieb zunächst ohne weitere Schlussfolgerung. Dafür war es zu früh. Er blätterte einige Seiten zurück. Dort stand seine bisherige Annahme: Nekromantie versucht, Bindungen wiederherzustellen. Shezar betrachtete die Worte einige Sekunden lang, bevor er das Buch wieder zur Seite schob. Jetzt sollte sich zeigen, was genau dabei wiederhergestellt wurde.
Die Erhebung selbst war für ihn nichts Besonderes. Kein Ritualkreis füllte den Raum. Keine theatralischen Gesten begleiteten die Arbeit. Shezar bereitete die bekannten Komponenten sorgfältig vor, bündelte die notwendige magische Energie und formte daraus jene Struktur, die er unzählige Male zuvor verwendet hatte. Diesmal jedoch achtete er kaum auf den Untoten selbst. Seine Aufmerksamkeit galt dem, was währenddessen mit dem Gewebe geschah. Als die nekromantische Kraft den Körper erfasste, veränderten sich die zuvor schwachen Beziehungen zwischen den vorhandenen Knoten beinahe augenblicklich. Nicht gleichmäßig. Nicht überall. Und vor allem nicht so, wie Shezar es ursprünglich erwartet hatte.
Verbindungen entstanden zwischen Strukturen, die zuvor nur noch körperlich nebeneinander bestanden hatten. Entlang der Gliedmaßen bildeten sich gerichtete Bahnen. Um bestimmte Gelenke verdichteten sich kleinere Muster. Die Verbindung zwischen Rumpf, Wirbelsäule und Extremitäten wurde deutlicher, und selbst dort, wo der Tod die natürliche Organisation längst unterbrochen hatte, setzte die nekromantische Struktur neue Beziehungen an ihre Stelle. Die Finger des Toten zuckten. Dann bewegte sich der Brustkorb, nicht als Atemzug, sondern lediglich als Folge mehrerer Muskelgruppen, deren Tätigkeit plötzlich wieder in einen gemeinsamen Zusammenhang gezwungen worden war. Der Mann öffnete die Augen. Sie blickten nirgendwohin. Shezar wartete. Der Untote lag reglos auf dem Stein. Erst auf seinen Befehl hin setzte er sich auf.
Shezar beobachtete dabei nicht das Gesicht, sondern das Gewebe. Mehrere zuvor schwache Bahnen wurden aktiv. Die Veränderung lief vom zentralen Teil der nekromantischen Bindung in Richtung der entsprechenden Muskelgruppen. Manche Verbindungen wurden stärker, andere verloren unmittelbar wieder an Bedeutung. Innerhalb weniger Augenblicke hatte sich ein funktionales Muster gebildet, dessen Aufgabe eindeutig war: Bewegung. Nicht Leben. Nicht Wille. Nur Bewegung.
„Steh auf.“
Der Körper erhob sich. Etwas unbeholfen zunächst, doch ohne zusammenzubrechen. Shezar schrieb die Beobachtung nieder. Dann folgte der nächste Versuch.
„Gehe bis zur Wand.“
Der Untote setzte sich in Bewegung. Die ersten Schritte waren schwerfällig. Der linke Fuß wurde etwas zu weit nach außen gesetzt, das rechte Knie kaum ausreichend angehoben. Dennoch stabilisierte sich das Bewegungsmuster nach wenigen Schritten. Die benötigten Strukturen waren nicht elegant, aber funktional. Der Zombie erreichte die Wand und ging weiter. Seine Schulter traf gegen den Stein. Der Körper drückte noch einen Augenblick gegen das Hindernis, ehe Shezar den Befehl aufhob.
Er notierte: Ziel wird nicht als abstrakter Zustand verstanden. Befehl löst Bewegungsstruktur aus. Ende der Handlung muss entweder Teil der Bindung sein oder durch äußere Begrenzung erzwungen werden. Das war noch keine Überraschung. Er stellte einen Holzschemel in die Mitte des Raumes.
„Gehe zur Tür.“
Der Untote setzte sich erneut in Bewegung. Diesmal lag der Schemel im Weg. Der rechte Fuß stieß dagegen. Der Körper schwankte. Für einen Augenblick schien es, als würde er einfach darüberfallen. Dann verlagerte sich sein Gewicht. Der linke Fuß setzte seitlich auf. Der Tote schob sich unbeholfen am Hindernis vorbei und setzte seinen Weg fort.
Shezars Blick wurde schmaler. Er hatte keinen entsprechenden Befehl gegeben. Keine Anweisung, das Hindernis zu umgehen. Und dennoch hatte die Struktur reagiert. Er ließ den Untoten erneut denselben Weg gehen. Das Ergebnis wiederholte sich. Nicht exakt, aber ähnlich genug. Die nekromantische Matrix musste also mehr enthalten als eine simple Übertragung einzelner Bewegungsbefehle. Sie organisierte. In begrenztem Umfang.
Shezar legte einen Metallbecher auf den Tisch.
„Nimm ihn.“ Der Untote griff danach. Zu weit zunächst. Die Finger schlugen gegen das Metall und schoben es einige Fingerbreit über die Oberfläche. Beim zweiten Versuch schloss sich die Hand darum. „
Halte ihn.“ Der Griff blieb bestehen. Shezar trat näher und beobachtete die Strukturen in Hand, Unterarm und Schulter. Die dazugehörigen Energieflüsse waren stabil. Nicht besonders komplex. Aber geordnet. Der Befehl verlangte keine fortwährende bewusste Steuerung durch ihn. Sobald das entsprechende Muster aktiviert war, erhielt es sich zumindest für eine gewisse Zeit selbst innerhalb der größeren nekromantischen Bindung. Shezar löste den Befehl. Die Finger öffneten sich. Der Becher fiel auf den Steinboden. Das metallische Geräusch hallte durch das Gewölbe. Der Kopf des Untoten drehte sich.
Shezar erstarrte für einen Moment, nicht aus Furcht, sondern aus Aufmerksamkeit. Er hatte keinen Befehl gegeben. Der Kopf blieb in Richtung des gefallenen Bechers gewandt. Shezar hob ihn auf und ließ ihn erneut fallen. Wieder dieselbe Reaktion. Diesmal beobachtete er ausschließlich die Matrix. Etwas hatte sich verändert. Ein kurzer Reiz in einer vorhandenen körperlichen Struktur hatte eine Reihe kleinerer Verbindungen aktiviert, die schließlich eine Bewegung hervorriefen. Keine bewusste Wahrnehmung. Dafür fehlte jedes weitere Anzeichen. Aber eine Reaktion auf einen äußeren Reiz. Shezar schrieb:
Reaktion ist nicht gleich Wahrnehmung. Wahrnehmung ist nicht gleich Bewusstsein. Beide Sätze unterstrich er.
Der zweite Körper wurde noch in derselben Nacht erhoben. Dann ein dritter. Shezar wiederholte seine Versuche, jedoch nicht vollständig identisch. Ein identischer Ablauf hätte lediglich gezeigt, dass derselbe Untote auf dieselben Bedingungen ähnlich reagierte. Er veränderte deshalb Reihenfolge, Befehle und Umgebung, um zwischen allgemeinen Eigenschaften der Erhebung und Besonderheiten einzelner Körper unterscheiden zu können. Der zweite Untote reagierte deutlich schneller auf Bewegungsbefehle als der erste. Seine körperliche Struktur war besser erhalten, die Bewegungen weniger stockend. Der dritte war langsamer, konnte dafür einen einmal begonnenen Bewegungsablauf länger fortführen, bevor eine erneute Stabilisierung durch Shezars Magie notwendig wurde. Doch bei allen dreien zeigte sich dasselbe grundlegende Muster.
Die nekromantische Erhebung stellte keineswegs nur wenige grobe Verbindungen her. Im Gegenteil. Je länger Shezar hinsah, desto mehr erkannte er. Unzählige kleine Strukturen entstanden innerhalb des Körpers. Einige verbanden Muskelgruppen miteinander. Andere stabilisierten Haltung oder Bewegungsabläufe. Wieder andere schienen sensorische Reize in rudimentäre Reaktionen umzusetzen. Einfache Handlungen benötigten nicht jedes Mal einen vollständig neuen arkanen Aufbau. Bestimmte Muster wiederholten sich. Es war geordneter, als er angenommen hatte. Und genau darin lag das Problem.
Nach seinem bisherigen Modell hätte ein dichteres Netz an Rückbindungen zwangsläufig zu einer stärkeren Annäherung an den ursprünglichen Zustand führen müssen. Mehr wiederhergestellte Verbindungen. Mehr Funktion. Mehr Funktion, so hatte die unausgesprochene Annahme gelautet, musste irgendwann auch mehr von dem hervorbringen, was vorher existiert hatte: Wahrnehmung, Erinnerung, Wille, vielleicht sogar etwas, das Denken zumindest ähnelte. Doch nichts davon geschah. Der zweite Untote konnte einen Gegenstand greifen, wusste jedoch nicht, was er griff. Der dritte konnte einem Geräusch den Kopf zuwenden, zeigte aber kein erkennbares Verständnis dafür, was dieses Geräusch verursacht hatte. Der erste konnte einem Hindernis ausweichen, entwickelte daraus jedoch keine Vorstellung davon, wohin er ging.
Shezar begann, seine bisherigen Zeichnungen nebeneinanderzulegen. Drei Untote. Drei unterschiedliche arkan-nekromantische Gefüge. Unterschiedliche Dichte. Unterschiedliche Stärke. Unterschiedliche körperliche Leistungsfähigkeit. Doch überall dasselbe Fehlen jener Eigenschaften, die ihn eigentlich interessierten: Erinnerung, Wille, bewusstes Denken. Er nahm eine neue Seite. In die Mitte zeichnete er drei vereinfachte Matrizen. Beim ersten Untoten waren nur wenige Bereiche besonders stark gebunden. Beim zweiten war das Netz deutlich dichter. Der dritte zeigte mehr stabile Verbindungen als beide anderen, obwohl seine körperliche Leistung keineswegs entsprechend größer war. Shezar legte den Stift zur Seite. Die Anzahl der Verbindungen erklärte es nicht.
Er kehrte zum ersten Untoten zurück. Diesmal wollte er die einfachste Erklärung erzwingen. Vielleicht waren die vorhandenen Bindungen schlicht zu schwach. Vielleicht scheiterte die höhere Organisation nicht an ihrer Anordnung, sondern daran, dass nicht genügend Kraft vorhanden war, um sie dauerhaft aufrechtzuerhalten. Das ließ sich prüfen. Shezar verstärkte die nekromantische Bindung. Nicht plötzlich, sondern schrittweise. Er erhöhte das eingebrachte magische Potential und beobachtete genau, welche Teile der Matrix darauf reagierten.
Zunächst geschah, was er erwartet hatte. Die bereits bestehenden Strukturen wurden deutlicher. Verbindungen entlang der Extremitäten stabilisierten sich. Energieflüsse, die zuvor bei jeder Bewegung schwankten, hielten sich länger. Kleinere Unterbrechungen wurden schneller ausgeglichen.
„Hebe den Arm.“
Der Arm schnellte nach oben. Deutlich schneller als zuvor.
„Schließe die Hand.“
Die Finger schlossen sich so kräftig, dass die Gelenke unter der Belastung hörbar knackten. Shezar beobachtete weiter. Mehr Energie. Die Struktur nahm sie an. Der Untote stand nun sicherer. Seine Bewegungen wurden kräftiger. Nicht geschickter. Kräftiger.
Shezar stellte den Schemel erneut vor ihn. „Gehe zur Tür.“ Der Tote ging los. Diesmal traf sein Fuß den Schemel mit solcher Kraft, dass das Möbelstück über den Boden geschleudert wurde. Der Untote setzte seinen Weg fort. Keine Vorsicht. Keine erkennbare Anpassung. Nur mehr Kraft innerhalb desselben grundlegenden Musters. Shezar ließ ihn anhalten. Dann stellte er ihm Fragen. Den eigenen Namen. Den Ort. Eine einfache Aufforderung, zwischen zwei Gegenständen zu wählen. Keine Reaktion. Nicht einmal ein falscher Versuch. Der Untote verfügte über mehr magisches Potential als zuvor. Seine körperlichen Strukturen waren stabiler. Seine Bewegungen waren kraftvoller. Sein Geist war keinen Schritt näher zurückgekehrt.
Shezar reduzierte die Energie wieder. Auf einer freien Stelle seiner Aufzeichnungen schrieb er:
Mehr Kraft erzeugt nicht notwendigerweise bessere Ordnung.
Diesmal strich er nichts durch.
In den folgenden Stunden verlagerte sich die Untersuchung. Nicht länger fragte Shezar danach, wie viele Bindungen vorhanden waren. Er fragte, wie sie miteinander verbunden waren. Dieser Unterschied erschien zunächst gering. Er war es nicht. Wenn der Untote einen Arm hob, entstand kein chaotischer Strom nekromantischer Energie durch den gesamten Körper. Ein begrenztes Geflecht wurde aktiv. Einzelne Knoten verstärkten andere. Bestimmte Bahnen übernahmen die Weiterleitung, andere stabilisierten die Haltung. Sobald die Bewegung beendet war, fiel ein Teil der Struktur wieder in einen ruhigeren Zustand zurück. Einfach. Wiederholbar. Geordnet.
Als Shezar dagegen nach Strukturen suchte, die mit Erinnerung oder eigenständiger Entscheidung zusammenhängen könnten, fand er etwas vollkommen anderes. Die entsprechenden Bereiche waren nicht leer. Das war die eigentliche Überraschung. Es gab Verbindungen. Es gab energetische Aktivität. Es gab sogar Fragmente komplexerer Beziehungen. Doch sie besaßen keine erkennbare übergeordnete Organisation. Einige endeten plötzlich. Andere bildeten kurze, instabile Schleifen. Wieder andere schienen für Augenblicke miteinander in Resonanz zu treten, nur um unmittelbar darauf wieder auseinanderzufallen. Wo die für Bewegung verantwortlichen Strukturen wie ein begrenztes System arbeiteten, das Ursache und Wirkung miteinander verband, erinnerte das Geflecht hier eher an zahlreiche einzelne Fäden, die nebeneinanderlagen, ohne zu einem Muster verwoben zu sein.
Shezar betrachtete besonders lange die Strukturen um Schädel, Wirbelsäule und jene tieferen Verbindungen, die er bereits vor der Erhebung dokumentiert hatte. Das Gehirn war körperlich vorhanden. Beim ersten Leichnam sogar erstaunlich gut erhalten. Doch seine bloße Erhaltung führte zu nichts. Die nekromantische Energie erreichte den Bereich. Sie durchdrang ihn sogar. Und trotzdem entstand kein Geist. Das widersprach einer weiteren einfachen Erklärung. Es genügte nicht, das Organ zu erhalten. Es genügte nicht, Energie hineinzuleiten. Und offenbar genügte es auch nicht, einzelne Verbindungen wiederherzustellen. Bewusstsein war kein Gegenstand, der irgendwo im Schädel darauf wartete, wieder eingeschaltet zu werden. Es musste aus der Zusammenarbeit zahlreicher Strukturen hervorgehen. Vielleicht aus einer Ordnung, deren Komplexität ihm bislang nur in Fragmenten sichtbar wurde.
Shezar nahm seine frühere Skizze zur Hand. Leib. Geist. Seele. Wille. Erinnerung. Lebenskraft. Arkane Verbindung. Er betrachtete die Linien dazwischen und begann, sie zu verändern. Die einfachen Pfeile verschwanden. An ihre Stelle setzte er Gruppen von Knoten, Verzweigungen, Rückkopplungen und mehrere parallele Verbindungen. Einige davon führten nicht direkt von einem Begriff zum nächsten, sondern verbanden ganze Gruppen miteinander. Das Bild wurde unübersichtlicher. Und zum ersten Mal erschien es ihm dadurch richtiger.
Bis zum Ende der Untersuchung lagen sechs Seiten neuer Beobachtungen neben dem ersten Entwurf seiner Theorie. Shezar verglich noch einmal die drei erhobenen Körper. Einer stand reglos neben der Wand. Der zweite saß auf dem steinernen Tisch. Der dritte hielt noch immer einen Gegenstand in der Hand, weil der entsprechende Befehl nicht aufgehoben worden war. Drei tote Körper. Drei funktionierende nekromantische Systeme. Keiner von ihnen dachte. Doch sie waren nicht einfach leer. Sie besaßen Ordnung. Nur nicht die richtige.
Shezar zog seine frühere Formulierung heran:
Nekromantie versucht, Bindungen wiederherzustellen.
Er setzte den Stift darunter.
Unzureichend.
Dann schrieb er neu:
Nekromantie stellt nicht lediglich Verbindungen her. Sie erzeugt eine künstliche Ordnung zwischen vorhandenen und neu geschaffenen Bindungen. Die Eigenschaften eines Untoten werden nicht allein durch Anzahl oder Stärke dieser Bindungen bestimmt, sondern durch ihre Anordnung, ihre Wechselwirkungen und die daraus entstehenden Energieflüsse.
Shezar las den Satz zweimal und ergänzte:
Ein gewöhnlicher Untoter ist nicht lediglich ein unvollständig wiederhergestellter Lebender.
Der Gedanke war entscheidender, als die wenigen Worte vermuten ließen. Bislang hatte seine Forschung insgeheim immer eine Art Abstufung vorausgesetzt. Lebender. Beschädigte Bindung. Toter. Teilweise Rückbindung. Untoter. Vollständigere Rückbindung. Vielleicht Vampir. Eine einzige Linie von weniger zu mehr. Doch die Körper vor ihm widersprachen diesem Modell. Der Zombie war möglicherweise keine niedrigere Stufe desselben Zustands. Er war etwas anderes. Eine eigene Organisation. Ein System, das bestimmte körperliche Funktionen zuverlässig wiederherstellen konnte, ohne auch nur ansatzweise jene Ordnung hervorzubringen, die für einen denkenden Geist notwendig war.
Shezar blickte zum ersten Untoten. Er konnte gehen, greifen, auf bestimmte Reize reagieren. Mit genügend zugeführter Kraft konnte er sogar Leistungen vollbringen, die den eigenen Körper dabei beschädigten. Doch keine zusätzliche Energie hatte ihn dazu gebracht, zu verstehen. Keine stärkere Bindung hatte Erinnerung hervorgebracht. Kein dichteres Netz hatte einen Willen erzeugt.
Er nahm eine weitere Seite und schrieb oben:
Ordnung statt Vollständigkeit.
Darunter folgte nur ein einziger Satz:
Nicht die Menge der Bindungen trennt den Geistlosen vom Denkenden. Es ist ihre Ordnung.
Shezar lehnte sich zurück. Die Erkenntnis beantwortete keine seiner ursprünglichen Fragen. Im Gegenteil. Sie machte sie schwieriger. Denn wenn ein gewöhnlicher Untoter trotz erheblicher arkaner Organisation keinen eigenständigen Geist entwickelte, musste die nächste Frage lauten, weshalb eine andere Form untoter Existenz dieses Problem offenbar nicht besaß.
Sein Blick wanderte zu einer anderen Seite seiner Aufzeichnungen. Dort stand seit Beginn seiner Arbeit ein einziges Wort:
Vampir.
Ein Vampir war tot. Daran bestand für ihn kein Zweifel. Kein gewöhnlicher Herzschlag. Keine natürliche Lebensfunktion, die seinen Zustand mit dem eines Lebenden gleichsetzen ließ. Und dennoch konnte ein Vampir lernen, beobachten, planen, lügen, Entscheidungen treffen, Erinnerungen verwenden und auf Veränderungen reagieren, ohne dass jemand von außen jede einzelne Handlung vorgab. Bislang hatte Shezar darin vor allem eine vollständigere Form der Rückbindung vermutet. Nun war diese Erklärung nicht mehr ausreichend.
Vielleicht besaß ein Vampir nicht mehr Verbindungen. Vielleicht besaß er bessere. Oder genauer: anders organisierte. Eine Struktur, die sich nicht nur selbst erhielt, sondern ihre eigenen Zustände verändern konnte, ohne dabei ihre grundlegende Ordnung zu verlieren. Das wäre ein fundamentaler Unterschied. Ein gewöhnlicher Untoter besaß funktionale Strukturen, die bestimmten Zwecken dienten. Ein Vampir dagegen musste, wenn Shezars neue Annahme zutraf, eine Organisation besitzen, die ausreichend komplex war, um auf neue Informationen zu reagieren und daraus neue Zustände hervorzubringen.
Lernen bedeutete Veränderung. Und dennoch blieb der Lernende derselbe. Damit musste eine vampirische Struktur etwas leisten können, wozu seine Zombies nicht fähig waren: Sie musste sich verändern können, ohne ihre Ordnung zu verlieren.
Shezar schrieb den Gedanken sofort nieder. Dann hielt er inne. Es gab eine Grenze. Er wusste nicht, wie diese Ordnung aussah. Er konnte auch nicht einfach behaupten, dass sie mit jener eines Lebenden identisch war. Ebenso wenig wusste er, ob das, was bei einem Vampir Persönlichkeit und Erinnerung erscheinen ließ, tatsächlich der ursprüngliche Geist war oder nur eine ungewöhnlich stabile Fortsetzung bestimmter Prägungen. Auch die Seele löste das Problem nicht. Ihre bloße Annahme erklärte weder die Bewegungen des Zombies noch die Selbstständigkeit des Vampirs. Das war keine Antwort. Nur ein anderes Wort für die Frage.
Und noch etwas störte ihn: Blut. Bei beinahe jeder verlässlichen Beschreibung vampirischer Existenz spielte es eine Rolle. Nicht nur als Nahrung. Nicht nur als Quelle von Kraft. Es schien tiefer mit ihrem Zustand verbunden zu sein. Doch ohne einen tatsächlichen Vergleich blieb auch das Spekulation. Literatur konnte beschreiben, was ein Vampir tat. Sie konnte berichten, was geschah, wenn er kein Blut erhielt. Sie konnte Eigenschaften auflisten, Schwächen benennen und Geschichten über ihre Entstehung wiederholen. Aber kein Buch auf seinem Tisch konnte ihm zeigen, wie sich ein tatsächlicher Vampir gegenüber den drei Untoten im Raum unterschied. Nicht auf jene Weise, die er jetzt benötigte.
Shezar strich eine frühere Zeile aus seinen Notizen.
Vampir – vollständigere Rückbindung?
Darunter schrieb er:
Vampir – anders geordnete, eigenständig stabile untote Struktur?
Das Fragezeichen setzte er bewusst. Noch war es eine Hypothese. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Er legte den Stift neben das Buch und betrachtete die Untoten noch einmal. Die Arbeit mit ihnen war nicht beendet. Es gab weitere Versuche, die vorgenommen werden konnten, weitere Strukturen, die isoliert und verglichen werden mussten. Doch für die zentrale Frage hatten sie ihm bereits eine Grenze gezeigt. Er konnte hundert Zombies erheben. Er konnte ihre Bindungen verstärken, schwächen, verändern und miteinander vergleichen. Er würde dabei immer nur lernen, wie gewöhnliche nekromantische Rückbindung funktionierte. Nicht, weshalb ein Vampir anders war.
Für einen Vergleich benötigte er beide Seiten.
Shezar zog ein letztes Blatt heran und schrieb oben:
Nächster Untersuchungsschritt.
Darunter folgte die Frage: W
elche Ordnung erhält sich im Vampir, die im gewöhnlichen Untoten fehlt?
Er betrachtete sie lange. Diesmal folgten keine weiteren Notizen. Keine Liste möglicher Bücher. Kein Verweis auf Archive oder ältere Abhandlungen. Die Antwort lag nicht mehr in einer Bibliothek. Was er brauchte, war kein weiterer Leichnam, kein weiteres Präparat und kein vierter Zombie. Er benötigte ein funktionierendes Beispiel jener Existenz, die er zu verstehen versuchte.
Einen wirklichen Vampir.
Tief unter den Straßen Britains war von den Vorkommnissen auf dem Friedhof nichts mehr zu sehen. Über der Stadt begann längst wieder der gewöhnliche Alltag. Händler öffneten ihre Läden, Wachleute wechselten ihre Posten, irgendwo wurden Fässer über Kopfsteinpflaster gerollt und Türen aufgestoßen. Nur gedämpft drang etwas davon durch das alte Gestein hinab in jene vergessenen Gewölbe, die Shezar für seine Arbeit hatte herrichten lassen. Hier unten gab es weder Tageslicht noch Fenster. Das matte Licht der Öllampen und Kerzen verlor sich an feuchten Steinwänden, zwischen schweren Regalen und den eisernen Beschlägen der Türen. In der Mitte des Raumes stand der schwarze Arbeitstisch, auf dessen Oberfläche nun einer jener Körper lag, die in der vergangenen Nacht noch unter der Erde Britains geruht hatten. Die übrigen Leichname befanden sich in der angrenzenden Kammer. Shezar hatte sie nicht wahllos ausgewählt. Unterschiedliches Alter, unterschiedlicher körperlicher Zustand, unterschiedliche Zeit seit dem Tod. Keine außergewöhnlichen Todesursachen, soweit dies festzustellen gewesen war, und möglichst wenig äußere Zerstörung des Körpers. Für das, was er untersuchen wollte, benötigte er keine Besonderheiten. Im Gegenteil. Jede Auffälligkeit hätte eine weitere Variable dargestellt.
Neben dem Tisch lagen mehrere aufgeschlagene Bücher, doch keines davon bildete den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit. Seine eigenen Aufzeichnungen lagen darüber, dicht beschrieben, an manchen Stellen mit Linien, Pfeilen und nachträglichen Ergänzungen versehen. Zwischen den Seiten befand sich die Abschrift jener theoretischen Überlegungen, die ihn überhaupt an diesen Punkt geführt hatten. Leib. Geist. Seele. Wille. Erinnerung. Lebenskraft. Arkane Verbindung. Dazwischen Verbindungen. Einige durchgezogen, andere nur gestrichelt. Noch vor wenigen Tagen hatte ihm dieses Modell genügt. Nun sollte sich zeigen, ob es überhaupt etwas erklärte.
Shezar begann nicht mit Magie. Zunächst untersuchte er den Toten, wie er jeden anderen Gegenstand seiner Forschung untersucht hätte: im Zustand, in dem er vor ihm lag. Der Mann mochte zu Lebzeiten kaum älter als vierzig Jahre gewesen sein. Der Tod lag noch nicht lange zurück. Äußerlich waren nur geringe Veränderungen eingetreten, und auch die tieferen Gewebe waren noch weit genug erhalten, um spätere Unterschiede nicht sofort auf bloßen Verfall zurückführen zu müssen. Shezar arbeitete langsam. Er prüfte Gelenke, Muskulatur und Gewebe, untersuchte jene Stellen, an denen Nervenbahnen und größere Gefäße verliefen, und hielt den jeweiligen Zustand fest. Doch die körperliche Anatomie war nur die eine Hälfte der Untersuchung. Immer wieder ließ er seine Wahrnehmung von der sichtbaren Materie fortgleiten.
Das arkane Gewebe war kein zweiter Körper, der einfach unter dem ersten lag. Es war keine leuchtende Kopie aus Linien und Punkten, wie es vereinfachte Zeichnungen gerne darstellten. Was sich erfassen ließ, war vielmehr ein Geflecht aus Beziehungen: Knoten unterschiedlicher Stärke, Verbindungen zwischen ihnen, Strukturen innerhalb größerer Strukturen. Ein Muskel war Teil eines Gliedmaßes, das Gliedmaß Teil eines Körpers, und dennoch besaß jedes einzelne Gewebe sein eigenes Muster innerhalb des größeren Gefüges. Zu Lebzeiten musste dieses System ungleich dichter gewesen sein. Was nun vor ihm lag, war nicht verschwunden. Es war verändert. Einige Zusammenhänge bestanden weiterhin, weil der Körper selbst noch existierte. Materie blieb Materie. Ein Knochen verlor mit dem Tod nicht plötzlich seine Position im arkanen Gewebe. Ebenso blieben Muskeln, Organe und Gefäße als Bestandteile einer größeren körperlichen Struktur erkennbar. Doch etwas fehlte. Oder genauer gesagt: Etwas verband all diese vorhandenen Strukturen nicht mehr auf jene Weise miteinander, die sie zuvor zu einem lebenden Ganzen gemacht haben musste.
Shezar schrieb:[quote] Der Tod zerstört die Matrix nicht vollständig. Er verändert ihre Ordnung.[/quote] Der Satz blieb zunächst ohne weitere Schlussfolgerung. Dafür war es zu früh. Er blätterte einige Seiten zurück. Dort stand seine bisherige Annahme: Nekromantie versucht, Bindungen wiederherzustellen. Shezar betrachtete die Worte einige Sekunden lang, bevor er das Buch wieder zur Seite schob. Jetzt sollte sich zeigen, was genau dabei wiederhergestellt wurde.
Die Erhebung selbst war für ihn nichts Besonderes. Kein Ritualkreis füllte den Raum. Keine theatralischen Gesten begleiteten die Arbeit. Shezar bereitete die bekannten Komponenten sorgfältig vor, bündelte die notwendige magische Energie und formte daraus jene Struktur, die er unzählige Male zuvor verwendet hatte. Diesmal jedoch achtete er kaum auf den Untoten selbst. Seine Aufmerksamkeit galt dem, was währenddessen mit dem Gewebe geschah. Als die nekromantische Kraft den Körper erfasste, veränderten sich die zuvor schwachen Beziehungen zwischen den vorhandenen Knoten beinahe augenblicklich. Nicht gleichmäßig. Nicht überall. Und vor allem nicht so, wie Shezar es ursprünglich erwartet hatte.
Verbindungen entstanden zwischen Strukturen, die zuvor nur noch körperlich nebeneinander bestanden hatten. Entlang der Gliedmaßen bildeten sich gerichtete Bahnen. Um bestimmte Gelenke verdichteten sich kleinere Muster. Die Verbindung zwischen Rumpf, Wirbelsäule und Extremitäten wurde deutlicher, und selbst dort, wo der Tod die natürliche Organisation längst unterbrochen hatte, setzte die nekromantische Struktur neue Beziehungen an ihre Stelle. Die Finger des Toten zuckten. Dann bewegte sich der Brustkorb, nicht als Atemzug, sondern lediglich als Folge mehrerer Muskelgruppen, deren Tätigkeit plötzlich wieder in einen gemeinsamen Zusammenhang gezwungen worden war. Der Mann öffnete die Augen. Sie blickten nirgendwohin. Shezar wartete. Der Untote lag reglos auf dem Stein. Erst auf seinen Befehl hin setzte er sich auf.
Shezar beobachtete dabei nicht das Gesicht, sondern das Gewebe. Mehrere zuvor schwache Bahnen wurden aktiv. Die Veränderung lief vom zentralen Teil der nekromantischen Bindung in Richtung der entsprechenden Muskelgruppen. Manche Verbindungen wurden stärker, andere verloren unmittelbar wieder an Bedeutung. Innerhalb weniger Augenblicke hatte sich ein funktionales Muster gebildet, dessen Aufgabe eindeutig war: Bewegung. Nicht Leben. Nicht Wille. Nur Bewegung.
[i]„Steh auf.“[/i]
Der Körper erhob sich. Etwas unbeholfen zunächst, doch ohne zusammenzubrechen. Shezar schrieb die Beobachtung nieder. Dann folgte der nächste Versuch.
[i]„Gehe bis zur Wand.“[/i]
Der Untote setzte sich in Bewegung. Die ersten Schritte waren schwerfällig. Der linke Fuß wurde etwas zu weit nach außen gesetzt, das rechte Knie kaum ausreichend angehoben. Dennoch stabilisierte sich das Bewegungsmuster nach wenigen Schritten. Die benötigten Strukturen waren nicht elegant, aber funktional. Der Zombie erreichte die Wand und ging weiter. Seine Schulter traf gegen den Stein. Der Körper drückte noch einen Augenblick gegen das Hindernis, ehe Shezar den Befehl aufhob.
Er notierte: Ziel wird nicht als abstrakter Zustand verstanden. Befehl löst Bewegungsstruktur aus. Ende der Handlung muss entweder Teil der Bindung sein oder durch äußere Begrenzung erzwungen werden. Das war noch keine Überraschung. Er stellte einen Holzschemel in die Mitte des Raumes.
[i]„Gehe zur Tür.“[/i]
Der Untote setzte sich erneut in Bewegung. Diesmal lag der Schemel im Weg. Der rechte Fuß stieß dagegen. Der Körper schwankte. Für einen Augenblick schien es, als würde er einfach darüberfallen. Dann verlagerte sich sein Gewicht. Der linke Fuß setzte seitlich auf. Der Tote schob sich unbeholfen am Hindernis vorbei und setzte seinen Weg fort.
Shezars Blick wurde schmaler. Er hatte keinen entsprechenden Befehl gegeben. Keine Anweisung, das Hindernis zu umgehen. Und dennoch hatte die Struktur reagiert. Er ließ den Untoten erneut denselben Weg gehen. Das Ergebnis wiederholte sich. Nicht exakt, aber ähnlich genug. Die nekromantische Matrix musste also mehr enthalten als eine simple Übertragung einzelner Bewegungsbefehle. Sie organisierte. In begrenztem Umfang.
Shezar legte einen Metallbecher auf den Tisch. [i]„Nimm ihn.“[/i] Der Untote griff danach. Zu weit zunächst. Die Finger schlugen gegen das Metall und schoben es einige Fingerbreit über die Oberfläche. Beim zweiten Versuch schloss sich die Hand darum. „[i]Halte ihn.“[/i] Der Griff blieb bestehen. Shezar trat näher und beobachtete die Strukturen in Hand, Unterarm und Schulter. Die dazugehörigen Energieflüsse waren stabil. Nicht besonders komplex. Aber geordnet. Der Befehl verlangte keine fortwährende bewusste Steuerung durch ihn. Sobald das entsprechende Muster aktiviert war, erhielt es sich zumindest für eine gewisse Zeit selbst innerhalb der größeren nekromantischen Bindung. Shezar löste den Befehl. Die Finger öffneten sich. Der Becher fiel auf den Steinboden. Das metallische Geräusch hallte durch das Gewölbe. Der Kopf des Untoten drehte sich.
Shezar erstarrte für einen Moment, nicht aus Furcht, sondern aus Aufmerksamkeit. Er hatte keinen Befehl gegeben. Der Kopf blieb in Richtung des gefallenen Bechers gewandt. Shezar hob ihn auf und ließ ihn erneut fallen. Wieder dieselbe Reaktion. Diesmal beobachtete er ausschließlich die Matrix. Etwas hatte sich verändert. Ein kurzer Reiz in einer vorhandenen körperlichen Struktur hatte eine Reihe kleinerer Verbindungen aktiviert, die schließlich eine Bewegung hervorriefen. Keine bewusste Wahrnehmung. Dafür fehlte jedes weitere Anzeichen. Aber eine Reaktion auf einen äußeren Reiz. Shezar schrieb: [quote]Reaktion ist nicht gleich Wahrnehmung. Wahrnehmung ist nicht gleich Bewusstsein. Beide Sätze unterstrich er.[/quote]
Der zweite Körper wurde noch in derselben Nacht erhoben. Dann ein dritter. Shezar wiederholte seine Versuche, jedoch nicht vollständig identisch. Ein identischer Ablauf hätte lediglich gezeigt, dass derselbe Untote auf dieselben Bedingungen ähnlich reagierte. Er veränderte deshalb Reihenfolge, Befehle und Umgebung, um zwischen allgemeinen Eigenschaften der Erhebung und Besonderheiten einzelner Körper unterscheiden zu können. Der zweite Untote reagierte deutlich schneller auf Bewegungsbefehle als der erste. Seine körperliche Struktur war besser erhalten, die Bewegungen weniger stockend. Der dritte war langsamer, konnte dafür einen einmal begonnenen Bewegungsablauf länger fortführen, bevor eine erneute Stabilisierung durch Shezars Magie notwendig wurde. Doch bei allen dreien zeigte sich dasselbe grundlegende Muster.
Die nekromantische Erhebung stellte keineswegs nur wenige grobe Verbindungen her. Im Gegenteil. Je länger Shezar hinsah, desto mehr erkannte er. Unzählige kleine Strukturen entstanden innerhalb des Körpers. Einige verbanden Muskelgruppen miteinander. Andere stabilisierten Haltung oder Bewegungsabläufe. Wieder andere schienen sensorische Reize in rudimentäre Reaktionen umzusetzen. Einfache Handlungen benötigten nicht jedes Mal einen vollständig neuen arkanen Aufbau. Bestimmte Muster wiederholten sich. Es war geordneter, als er angenommen hatte. Und genau darin lag das Problem.
Nach seinem bisherigen Modell hätte ein dichteres Netz an Rückbindungen zwangsläufig zu einer stärkeren Annäherung an den ursprünglichen Zustand führen müssen. Mehr wiederhergestellte Verbindungen. Mehr Funktion. Mehr Funktion, so hatte die unausgesprochene Annahme gelautet, musste irgendwann auch mehr von dem hervorbringen, was vorher existiert hatte: Wahrnehmung, Erinnerung, Wille, vielleicht sogar etwas, das Denken zumindest ähnelte. Doch nichts davon geschah. Der zweite Untote konnte einen Gegenstand greifen, wusste jedoch nicht, was er griff. Der dritte konnte einem Geräusch den Kopf zuwenden, zeigte aber kein erkennbares Verständnis dafür, was dieses Geräusch verursacht hatte. Der erste konnte einem Hindernis ausweichen, entwickelte daraus jedoch keine Vorstellung davon, wohin er ging.
Shezar begann, seine bisherigen Zeichnungen nebeneinanderzulegen. Drei Untote. Drei unterschiedliche arkan-nekromantische Gefüge. Unterschiedliche Dichte. Unterschiedliche Stärke. Unterschiedliche körperliche Leistungsfähigkeit. Doch überall dasselbe Fehlen jener Eigenschaften, die ihn eigentlich interessierten: Erinnerung, Wille, bewusstes Denken. Er nahm eine neue Seite. In die Mitte zeichnete er drei vereinfachte Matrizen. Beim ersten Untoten waren nur wenige Bereiche besonders stark gebunden. Beim zweiten war das Netz deutlich dichter. Der dritte zeigte mehr stabile Verbindungen als beide anderen, obwohl seine körperliche Leistung keineswegs entsprechend größer war. Shezar legte den Stift zur Seite. Die Anzahl der Verbindungen erklärte es nicht.
Er kehrte zum ersten Untoten zurück. Diesmal wollte er die einfachste Erklärung erzwingen. Vielleicht waren die vorhandenen Bindungen schlicht zu schwach. Vielleicht scheiterte die höhere Organisation nicht an ihrer Anordnung, sondern daran, dass nicht genügend Kraft vorhanden war, um sie dauerhaft aufrechtzuerhalten. Das ließ sich prüfen. Shezar verstärkte die nekromantische Bindung. Nicht plötzlich, sondern schrittweise. Er erhöhte das eingebrachte magische Potential und beobachtete genau, welche Teile der Matrix darauf reagierten.
Zunächst geschah, was er erwartet hatte. Die bereits bestehenden Strukturen wurden deutlicher. Verbindungen entlang der Extremitäten stabilisierten sich. Energieflüsse, die zuvor bei jeder Bewegung schwankten, hielten sich länger. Kleinere Unterbrechungen wurden schneller ausgeglichen.
[i]„Hebe den Arm.“[/i]
Der Arm schnellte nach oben. Deutlich schneller als zuvor.
[i]„Schließe die Hand.“[/i]
Die Finger schlossen sich so kräftig, dass die Gelenke unter der Belastung hörbar knackten. Shezar beobachtete weiter. Mehr Energie. Die Struktur nahm sie an. Der Untote stand nun sicherer. Seine Bewegungen wurden kräftiger. Nicht geschickter. Kräftiger.
Shezar stellte den Schemel erneut vor ihn. „Gehe zur Tür.“ Der Tote ging los. Diesmal traf sein Fuß den Schemel mit solcher Kraft, dass das Möbelstück über den Boden geschleudert wurde. Der Untote setzte seinen Weg fort. Keine Vorsicht. Keine erkennbare Anpassung. Nur mehr Kraft innerhalb desselben grundlegenden Musters. Shezar ließ ihn anhalten. Dann stellte er ihm Fragen. Den eigenen Namen. Den Ort. Eine einfache Aufforderung, zwischen zwei Gegenständen zu wählen. Keine Reaktion. Nicht einmal ein falscher Versuch. Der Untote verfügte über mehr magisches Potential als zuvor. Seine körperlichen Strukturen waren stabiler. Seine Bewegungen waren kraftvoller. Sein Geist war keinen Schritt näher zurückgekehrt.
Shezar reduzierte die Energie wieder. Auf einer freien Stelle seiner Aufzeichnungen schrieb er: [quote]Mehr Kraft erzeugt nicht notwendigerweise bessere Ordnung.[/quote] Diesmal strich er nichts durch.
In den folgenden Stunden verlagerte sich die Untersuchung. Nicht länger fragte Shezar danach, wie viele Bindungen vorhanden waren. Er fragte, wie sie miteinander verbunden waren. Dieser Unterschied erschien zunächst gering. Er war es nicht. Wenn der Untote einen Arm hob, entstand kein chaotischer Strom nekromantischer Energie durch den gesamten Körper. Ein begrenztes Geflecht wurde aktiv. Einzelne Knoten verstärkten andere. Bestimmte Bahnen übernahmen die Weiterleitung, andere stabilisierten die Haltung. Sobald die Bewegung beendet war, fiel ein Teil der Struktur wieder in einen ruhigeren Zustand zurück. Einfach. Wiederholbar. Geordnet.
Als Shezar dagegen nach Strukturen suchte, die mit Erinnerung oder eigenständiger Entscheidung zusammenhängen könnten, fand er etwas vollkommen anderes. Die entsprechenden Bereiche waren nicht leer. Das war die eigentliche Überraschung. Es gab Verbindungen. Es gab energetische Aktivität. Es gab sogar Fragmente komplexerer Beziehungen. Doch sie besaßen keine erkennbare übergeordnete Organisation. Einige endeten plötzlich. Andere bildeten kurze, instabile Schleifen. Wieder andere schienen für Augenblicke miteinander in Resonanz zu treten, nur um unmittelbar darauf wieder auseinanderzufallen. Wo die für Bewegung verantwortlichen Strukturen wie ein begrenztes System arbeiteten, das Ursache und Wirkung miteinander verband, erinnerte das Geflecht hier eher an zahlreiche einzelne Fäden, die nebeneinanderlagen, ohne zu einem Muster verwoben zu sein.
Shezar betrachtete besonders lange die Strukturen um Schädel, Wirbelsäule und jene tieferen Verbindungen, die er bereits vor der Erhebung dokumentiert hatte. Das Gehirn war körperlich vorhanden. Beim ersten Leichnam sogar erstaunlich gut erhalten. Doch seine bloße Erhaltung führte zu nichts. Die nekromantische Energie erreichte den Bereich. Sie durchdrang ihn sogar. Und trotzdem entstand kein Geist. Das widersprach einer weiteren einfachen Erklärung. Es genügte nicht, das Organ zu erhalten. Es genügte nicht, Energie hineinzuleiten. Und offenbar genügte es auch nicht, einzelne Verbindungen wiederherzustellen. Bewusstsein war kein Gegenstand, der irgendwo im Schädel darauf wartete, wieder eingeschaltet zu werden. Es musste aus der Zusammenarbeit zahlreicher Strukturen hervorgehen. Vielleicht aus einer Ordnung, deren Komplexität ihm bislang nur in Fragmenten sichtbar wurde.
Shezar nahm seine frühere Skizze zur Hand. Leib. Geist. Seele. Wille. Erinnerung. Lebenskraft. Arkane Verbindung. Er betrachtete die Linien dazwischen und begann, sie zu verändern. Die einfachen Pfeile verschwanden. An ihre Stelle setzte er Gruppen von Knoten, Verzweigungen, Rückkopplungen und mehrere parallele Verbindungen. Einige davon führten nicht direkt von einem Begriff zum nächsten, sondern verbanden ganze Gruppen miteinander. Das Bild wurde unübersichtlicher. Und zum ersten Mal erschien es ihm dadurch richtiger.
Bis zum Ende der Untersuchung lagen sechs Seiten neuer Beobachtungen neben dem ersten Entwurf seiner Theorie. Shezar verglich noch einmal die drei erhobenen Körper. Einer stand reglos neben der Wand. Der zweite saß auf dem steinernen Tisch. Der dritte hielt noch immer einen Gegenstand in der Hand, weil der entsprechende Befehl nicht aufgehoben worden war. Drei tote Körper. Drei funktionierende nekromantische Systeme. Keiner von ihnen dachte. Doch sie waren nicht einfach leer. Sie besaßen Ordnung. Nur nicht die richtige.
Shezar zog seine frühere Formulierung heran: [quote]Nekromantie versucht, Bindungen wiederherzustellen.[/quote] Er setzte den Stift darunter. [quote]Unzureichend.[/quote] Dann schrieb er neu: [quote]Nekromantie stellt nicht lediglich Verbindungen her. Sie erzeugt eine künstliche Ordnung zwischen vorhandenen und neu geschaffenen Bindungen. Die Eigenschaften eines Untoten werden nicht allein durch Anzahl oder Stärke dieser Bindungen bestimmt, sondern durch ihre Anordnung, ihre Wechselwirkungen und die daraus entstehenden Energieflüsse.[/quote]
Shezar las den Satz zweimal und ergänzte: [quote]Ein gewöhnlicher Untoter ist nicht lediglich ein unvollständig wiederhergestellter Lebender.[/quote] Der Gedanke war entscheidender, als die wenigen Worte vermuten ließen. Bislang hatte seine Forschung insgeheim immer eine Art Abstufung vorausgesetzt. Lebender. Beschädigte Bindung. Toter. Teilweise Rückbindung. Untoter. Vollständigere Rückbindung. Vielleicht Vampir. Eine einzige Linie von weniger zu mehr. Doch die Körper vor ihm widersprachen diesem Modell. Der Zombie war möglicherweise keine niedrigere Stufe desselben Zustands. Er war etwas anderes. Eine eigene Organisation. Ein System, das bestimmte körperliche Funktionen zuverlässig wiederherstellen konnte, ohne auch nur ansatzweise jene Ordnung hervorzubringen, die für einen denkenden Geist notwendig war.
Shezar blickte zum ersten Untoten. Er konnte gehen, greifen, auf bestimmte Reize reagieren. Mit genügend zugeführter Kraft konnte er sogar Leistungen vollbringen, die den eigenen Körper dabei beschädigten. Doch keine zusätzliche Energie hatte ihn dazu gebracht, zu verstehen. Keine stärkere Bindung hatte Erinnerung hervorgebracht. Kein dichteres Netz hatte einen Willen erzeugt.
Er nahm eine weitere Seite und schrieb oben: [quote]Ordnung statt Vollständigkeit.[/quote] Darunter folgte nur ein einziger Satz:[quote] Nicht die Menge der Bindungen trennt den Geistlosen vom Denkenden. Es ist ihre Ordnung.[/quote]
Shezar lehnte sich zurück. Die Erkenntnis beantwortete keine seiner ursprünglichen Fragen. Im Gegenteil. Sie machte sie schwieriger. Denn wenn ein gewöhnlicher Untoter trotz erheblicher arkaner Organisation keinen eigenständigen Geist entwickelte, musste die nächste Frage lauten, weshalb eine andere Form untoter Existenz dieses Problem offenbar nicht besaß.
Sein Blick wanderte zu einer anderen Seite seiner Aufzeichnungen. Dort stand seit Beginn seiner Arbeit ein einziges Wort: [quote]Vampir.[/quote]
Ein Vampir war tot. Daran bestand für ihn kein Zweifel. Kein gewöhnlicher Herzschlag. Keine natürliche Lebensfunktion, die seinen Zustand mit dem eines Lebenden gleichsetzen ließ. Und dennoch konnte ein Vampir lernen, beobachten, planen, lügen, Entscheidungen treffen, Erinnerungen verwenden und auf Veränderungen reagieren, ohne dass jemand von außen jede einzelne Handlung vorgab. Bislang hatte Shezar darin vor allem eine vollständigere Form der Rückbindung vermutet. Nun war diese Erklärung nicht mehr ausreichend.
Vielleicht besaß ein Vampir nicht mehr Verbindungen. Vielleicht besaß er bessere. Oder genauer: anders organisierte. Eine Struktur, die sich nicht nur selbst erhielt, sondern ihre eigenen Zustände verändern konnte, ohne dabei ihre grundlegende Ordnung zu verlieren. Das wäre ein fundamentaler Unterschied. Ein gewöhnlicher Untoter besaß funktionale Strukturen, die bestimmten Zwecken dienten. Ein Vampir dagegen musste, wenn Shezars neue Annahme zutraf, eine Organisation besitzen, die ausreichend komplex war, um auf neue Informationen zu reagieren und daraus neue Zustände hervorzubringen.
Lernen bedeutete Veränderung. Und dennoch blieb der Lernende derselbe. Damit musste eine vampirische Struktur etwas leisten können, wozu seine Zombies nicht fähig waren: Sie musste sich verändern können, ohne ihre Ordnung zu verlieren.
Shezar schrieb den Gedanken sofort nieder. Dann hielt er inne. Es gab eine Grenze. Er wusste nicht, wie diese Ordnung aussah. Er konnte auch nicht einfach behaupten, dass sie mit jener eines Lebenden identisch war. Ebenso wenig wusste er, ob das, was bei einem Vampir Persönlichkeit und Erinnerung erscheinen ließ, tatsächlich der ursprüngliche Geist war oder nur eine ungewöhnlich stabile Fortsetzung bestimmter Prägungen. Auch die Seele löste das Problem nicht. Ihre bloße Annahme erklärte weder die Bewegungen des Zombies noch die Selbstständigkeit des Vampirs. Das war keine Antwort. Nur ein anderes Wort für die Frage.
Und noch etwas störte ihn: Blut. Bei beinahe jeder verlässlichen Beschreibung vampirischer Existenz spielte es eine Rolle. Nicht nur als Nahrung. Nicht nur als Quelle von Kraft. Es schien tiefer mit ihrem Zustand verbunden zu sein. Doch ohne einen tatsächlichen Vergleich blieb auch das Spekulation. Literatur konnte beschreiben, was ein Vampir tat. Sie konnte berichten, was geschah, wenn er kein Blut erhielt. Sie konnte Eigenschaften auflisten, Schwächen benennen und Geschichten über ihre Entstehung wiederholen. Aber kein Buch auf seinem Tisch konnte ihm zeigen, wie sich ein tatsächlicher Vampir gegenüber den drei Untoten im Raum unterschied. Nicht auf jene Weise, die er jetzt benötigte.
Shezar strich eine frühere Zeile aus seinen Notizen. [quote]Vampir – vollständigere Rückbindung?[/quote] Darunter schrieb er: [quote]Vampir – anders geordnete, eigenständig stabile untote Struktur? [/quote]Das Fragezeichen setzte er bewusst. Noch war es eine Hypothese. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.
Er legte den Stift neben das Buch und betrachtete die Untoten noch einmal. Die Arbeit mit ihnen war nicht beendet. Es gab weitere Versuche, die vorgenommen werden konnten, weitere Strukturen, die isoliert und verglichen werden mussten. Doch für die zentrale Frage hatten sie ihm bereits eine Grenze gezeigt. Er konnte hundert Zombies erheben. Er konnte ihre Bindungen verstärken, schwächen, verändern und miteinander vergleichen. Er würde dabei immer nur lernen, wie gewöhnliche nekromantische Rückbindung funktionierte. Nicht, weshalb ein Vampir anders war.
Für einen Vergleich benötigte er beide Seiten.
Shezar zog ein letztes Blatt heran und schrieb oben: [quote]Nächster Untersuchungsschritt.[/quote] Darunter folgte die Frage: W[quote]elche Ordnung erhält sich im Vampir, die im gewöhnlichen Untoten fehlt?[/quote]
Er betrachtete sie lange. Diesmal folgten keine weiteren Notizen. Keine Liste möglicher Bücher. Kein Verweis auf Archive oder ältere Abhandlungen. Die Antwort lag nicht mehr in einer Bibliothek. Was er brauchte, war kein weiterer Leichnam, kein weiteres Präparat und kein vierter Zombie. Er benötigte ein funktionierendes Beispiel jener Existenz, die er zu verstehen versuchte.
Einen wirklichen Vampir.