von Tarion Rontre » 20 Sep 2026, 01:14
Akt 3 – Tapferkeit
Je weiter sie nach Süden kamen, desto weniger erinnerte die Landschaft an jene, die sie in den vergangenen Tagen durchquert hatten. Die Wälder wurden lichter, die Wege breiter und für einige Zeit kehrten sie auf Straßen zurück, auf denen ihnen wieder Händler, Bauern und andere Reisende begegneten.
Es tat gut, Menschen zu sehen. Nicht weil Tarion die Einsamkeit der vergangenen Tage gefürchtet hätte, sondern weil sie ihn daran erinnerte, weshalb sie überhaupt unterwegs waren. Während drei Männer von Schrein zu Schrein zogen und versuchten, aus einem schwachen Licht und einem vielleicht gehörten Atemzug eine Spur zu formen, ging das Leben weiter. Felder wurden bestellt, Waren transportiert, Kinder stritten am Straßenrand und Menschen beschwerten sich über Dinge, die für sie wichtiger waren als verschwundene Götter. Vielleicht war das gut so. Vielleicht musste eine Welt nicht jedes Mal stillstehen, nur weil ihre Götter es taten.
Der Weg zum Schrein der Tapferkeit führte sie weit nach Süden und schließlich erneut an die Küste. Diesmal lag ihr Ziel auf einer kleineren Insel, weit genug vom Festland entfernt, dass sie wiederum auf ein Schiff angewiesen waren. Anders als bei ihrer ersten Überfahrt fanden sie jedoch keinen Küstenort, dessen Bewohner ihnen bereitwillig sagen konnten, was sie auf der anderen Seite erwartete.
Je weiter sie kamen, desto häufiger begegneten ihnen verlassenen Höfen. Einige waren offensichtlich seit Jahren unbewohnt, andere wirkten, als hätten ihre Bewohner sie erst vor wenigen Wochen aufgegeben. Türen standen offen, auf einem Feld lag ein umgestürzter Pflug und in einem Stall fanden sie noch verfaultes Heu. Es gab keine Leichen und keine Spuren eines Kampfes. Nichts deutete auf einen Überfall oder eine andere Katastrophe hin. Nur die Menschen fehlten.
Am Abend schlugen sie ihr Lager abseits der Straße auf. Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Reise holten Tarion und der andere Paladin ihre schweren Rüstungen von den Packpferden. Der Priester beobachtete sie dabei, während Tarion die Verschlüsse seiner Rüstung prüfte.
„Erwartet ihr etwas?“
Tarion sah in Richtung des Weges, den sie am folgenden Morgen nehmen würden.
„Nein.“
Der andere Paladin legte sein Schwert neben sich.
„Genau das gefällt uns nicht.“
Der Priester nickte und griff nach dem kurzen Schwert, das bislang fast die gesamte Reise unangetastet an seinem Gepäck gehangen hatte. In dieser Nacht teilten sie die Wachen untereinander auf. Nichts geschah. Am Morgen waren sie darüber nicht beruhigter.
⸻
Die letzte Ansiedlung vor der Küste bestand nur aus wenigen Häusern. Einige standen leer, aus zweien stieg Rauch auf. Ein alter Mann saß vor einem der Gebäude und beobachtete die Reisenden bereits lange, bevor sie ihn erreichten.
Tarion stieg ab.
„Das Licht mit Euch.“
Der Mann erwiderte den Gruß nicht. Sein Blick blieb zunächst an Tarions Schärpe hängen, wanderte über dessen Rüstung und schließlich zu seinen beiden Begleitern.
„Ihr wollt zur Insel.“
Es war keine Frage.
„Ja.“
„Warum?“
„Dort liegt ein Schrein.“
Etwas veränderte sich im Gesicht des Alten.
„Das weiß ich.“
Tarion wartete. Der Mann stand langsam auf und blickte hinaus in Richtung Meer.
„Früher sind Leute hinübergefahren. Nicht viele, aber immer wieder. Manche wegen des Schreins, andere zum Jagen.“
„Und heute?“
„Heute nicht mehr.“
Der Priester trat näher.
„Was ist geschehen?“
„Nichts.“
Tarion sah ihn an, und der Alte bemerkte seinen Blick.
„Das meine ich so. Niemand hat etwas gesehen. Niemand hat etwas gehört. Die Leute kamen nur irgendwann nicht mehr zurück.“
Tarion fragte, wie viele es gewesen seien. Der Alte antwortete lediglich mit „Genug“. Wann zuletzt jemand die Überfahrt gewagt hatte, wusste er nicht mehr genau. Vielleicht vor einem Jahr. Davor seien ebenfalls Monate vergangen.
Keiner der drei Reisenden musste aussprechen, was er darüber dachte.
„Gibt es ein Boot?“, fragte Tarion schließlich.
Der Alte schüttelte langsam den Kopf.
„Keines, das ich Euch gebe.“
Tarion nickte.
„Verständlich.“
Sie fanden schließlich eines. Es war klein, alt und erforderte mehr Arbeit, als Tarion bei seinem ersten Blick darauf gehofft hatte. Der Besitzer verlangte nicht einmal besonders viel Gold. Er bestand lediglich darauf, das Boot bezahlt zu bekommen, bevor sie aufbrachen.
Nicht danach.
Tarion bezahlte ihn.
Die Pferde ließen sie erneut auf dem Festland zurück. Diesmal diskutierte niemand darüber, welche Ausrüstung sie mitnehmen würden. Was nicht unbedingt notwendig war, blieb bei den Tieren. Waffen, Wasser, etwas Proviant und wenige andere Dinge nahmen sie mit.
Die Rüstungen blieben an ihren Körpern.
⸻
Die Insel empfing sie anders als die erste. Kein Schnee bedeckte das Land und keine Kälte zwang sie, Schutz zu suchen. Der Himmel war bedeckt, das Meer ruhig und die Küste von niedrigem Gras und vereinzelten Bäumen geprägt. Eigentlich hätte der Ort friedlich wirken müssen.
Tat er aber nicht.
Tarion konnte zunächst nicht sagen, weshalb. Es fehlte etwas, ohne dass er benennen konnte, was es war. Erst nach einer Weile bemerkte der Priester es.
„Keine Vögel.“
Tarion blieb stehen. Der andere Paladin sah in die Bäume. Nichts bewegte sich darin. Kein Ruf war zu hören, kein Rascheln im Unterholz. Selbst Insekten schienen kaum vorhanden zu sein. Nur der Wind strich durch das Gras und ließ für einen Moment die Vorstellung entstehen, die Insel selbst würde leise atmen.
Sie gingen weiter. Der Pfad war noch zu erkennen, obwohl ihn offensichtlich lange niemand benutzt hatte. An manchen Stellen wuchs Gras darüber, an anderen lagen Äste quer über dem Weg. Je weiter sie ins Innere der Insel kamen, desto häufiger fanden sie Spuren davon, dass hier einmal Menschen gewesen waren: die Reste einer Feuerstelle, einen verrosteten Haken, einen umgestürzten Wegweiser.
Dann fanden sie Blut.
Der andere Paladin entdeckte es an einem Stein. Dunkel, fast schwarz und längst getrocknet. Tarion kniete nieder und betrachtete es.
„Alt.“
„Wie alt?“, fragte der Priester.
„Das weiß ich nicht.“
Tarion erhob sich, und nur wenige Schritte weiter fanden sie die erste Spur im Boden. Sie stammte von keinem Stiefel. Der Abdruck war zu groß und zu tief, seine Form undeutlich. Daneben lag ein zweiter, dann ein dritter, bis sie zwischen den Bäumen verschwanden.
Der andere Paladin zog sein Schwert. Tarion tat dasselbe, während der Priester seine Hand auf den Griff seiner Waffe legte. Keiner sagte etwas. Es gab auch nichts zu sagen. Sie waren auf diese Insel gekommen, weil der Schrein hier lag, und bislang hatten sie nichts gefunden, das daran etwas änderte.
Sie gingen weiter.
⸻
Gegen Abend erreichten sie die Ruinen eines kleinen Heiligtums. Es war nicht der Schrein der Tapferkeit, nach dem sie suchten; das zerbrochene Symbol über dem Eingang gehörte weder zu Tyrael noch zu einer Glaubensstätte, die Tarion auf den ersten Blick zuordnen konnte. Teile der Mauern standen noch, das Dach war größtenteils eingestürzt und Pflanzen hatten begonnen, den Stein zurückzuerobern.
Was dort geschehen war, lag lange zurück. Es gab keine Körper mehr, keine zurückgelassenen Waffen und nichts, was ihnen eine einfache Geschichte erzählte. Dennoch genügte ein genauerer Blick auf die Mauern, um Tarion innehalten zu lassen. Der Stein war nach außen gebrochen.
Nicht nach innen.
„Jemand wollte hinaus“, sagte der andere Paladin.
Der Priester kniete neben einigen Bruchstücken und betrachtete die tiefen Risse, die sich durch den Boden zogen. Einige verliefen bis zu den Mauern und verschwanden darunter; ihre Ränder waren dunkel verfärbt, als hätte große Hitze den Stein verbrannt.
„Oder etwas.“
Keiner von ihnen berührte die Risse.
Sie verließen die Ruine und suchten sich in einiger Entfernung einen Lagerplatz. Das Feuer hielten sie klein, die Waffen griffbereit. Der Priester ruhte bereits, als der andere Paladin die erste Wache übernahm. Tarion saß noch am Feuer, sein Buch ungeöffnet neben sich. Seit der Ankunft auf der Insel hatte keiner von ihnen viel gesprochen. Schließlich brach sein Bruder das Schweigen.
„Was können wir gegen etwas ausrichten, das einen Gott zum Schweigen bringen kann?“
Tarion sah zu ihm. Es war eine berechtigte Frage. Vielleicht sogar die wichtigste, die ihnen seit Beginn ihrer Reise gestellt worden war.
„Ich weiß es nicht.“
Sein Bruder blickte ihn an, offensichtlich überrascht von der Schlichtheit der Antwort. Tarion hätte von Pflicht sprechen können, von Stärke oder davon, dass Tyrael sie führen würde. Er glaubte all diese Dinge. Doch gerade hier wollte er keinen Glauben vorspielen, der Vertrauen mit Gewissheit verwechselte.
„Ich weiß nicht, was uns dort erwartet. Ich weiß nicht, was hier geschehen ist, und wenn tatsächlich eine Macht hinter dem Verschwinden Tyraels steht, weiß ich nicht, ob drei Männer ihr etwas entgegenzusetzen haben.“
Tarion ließ den Blick über das kleine Feuer hinaus in die Dunkelheit wandern. Irgendwo dort draußen lag der Schrein.
„Aber das müssen wir heute auch nicht wissen.“
„Und morgen?“
„Morgen gehen wir weiter.“
Der andere Paladin schwieg einen Moment.
„Auch wenn du Angst hast?“
Tarion sah wieder zu ihm.
„Natürlich habe ich Angst.“
Es fiel ihm nicht schwer, die Worte auszusprechen. Er empfand keinen Widerspruch zwischen Furcht und Glauben. Tyrael hatte seinen Paladinen nie versprochen, dass ihr Weg ungefährlich sein würde. Tarion hatte zu viel gesehen und zu viele Brüder kämpfen sehen, um Tapferkeit mit Furchtlosigkeit zu verwechseln. Ein Mann, der nichts fürchtete, brauchte keinen Mut, um voranzugehen.
„Ich vertraue Tyrael. Nicht weil er uns an den letzten beiden Schreinen vielleicht geantwortet hat. Ich habe ihm vertraut, als er schwieg. Und ich werde ihm vertrauen, wenn er morgen wieder schweigt.“
Der andere Paladin betrachtete ihn lange.
„Dann genügt dir das?“
Tarion dachte einen Augenblick darüber nach.
„Es muss.“
Mehr sagte er nicht.
Sein Glaube war älter als diese Reise. Älter als das Schweigen Tyraels und älter als die Frage, ob sein Gott überhaupt noch in dieser Welt existierte. Tarion hatte sein Leben nicht einem Gott gewidmet, weil dieser ihm auf jede Frage eine Antwort versprach. Er hatte es getan, weil er an das glaubte, wofür Tyrael stand.
Daran hatte sich nichts geändert.
⸻
In dieser Nacht hörten sie etwas zwischen den Bäumen. Einmal während Tarions Wache und später noch einmal, als der Priester am Feuer saß. Schritte waren es nicht, jedenfalls keine regelmäßigen. Eher das Geräusch von etwas Schwerem, das sich durch das Unterholz bewegte und immer wieder stehen blieb.
Tarion sah nichts. Auch am Morgen fanden sie nichts außer mehreren abgebrochenen Zweigen und einem weiteren jener tiefen Abdrücke im feuchten Boden.
Diesmal führte die Spur in dieselbe Richtung wie ihr Weg.
Der Schrein lag dort.
Sie legten ihre Rüstungen vollständig an. Der Priester befestigte sein Schwert so, dass er es ohne Umstände ziehen konnte, wickelte seine Chronik sorgfältig in Tuch und verbarg sie zwischen einigen Steinen.
Tarion beobachtete ihn.
„Du glaubst nicht, dass wir zurückkommen?“
Der Priester zog den Riemen seines Mantels fester.
„Ich glaube, dass das Buch nicht kämpfen kann.“
Tarion nickte. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.
Der Weg stieg an. Die Bäume standen dichter, und zwischen ihren Wurzeln verliefen immer häufiger jene dunklen Risse, die sie bereits in der Ruine gesehen hatten. Einer davon wirkte neuer als die übrigen. Kein Rauch stieg daraus auf und der Boden war nicht warm, doch das Gras an seinen Rändern war grau und brüchig, während wenige Schritte daneben noch Grün wuchs.
Der Priester kniete sich hin und betrachtete es.
„Das breitet sich aus.“
Tarion sah den Hang hinauf. Zwischen den Bäumen waren dort die ersten Steine des Schreins zu erkennen.
Je näher sie ihm kamen, desto langsamer wurden ihre Schritte. Das Zeichen der Tapferkeit war bereits aus einiger Entfernung zu sehen. Der Schrein selbst stand noch, doch die dunklen Risse verliefen durch seinen Sockel und zogen sich an mehreren Stellen über das Symbol.
Tarion spürte den Widerstand, noch bevor er den ersten Stein erreichte.
Es war keine körperliche Kraft. Nichts drückte gegen seine Brust oder hielt seine Beine fest. Stattdessen entstand tief in ihm mit einer Plötzlichkeit, die keinen Gedanken brauchte, der Wunsch, diesen Ort zu verlassen. Sein Herz begann schneller zu schlagen, sein Atem wurde flacher und jeder Instinkt sagte ihm, dass vor ihm etwas lag, dem er nicht begegnen wollte.
Tarion blieb stehen.
Nicht weil er umkehren wollte. Er musste verstehen, was gerade mit ihm geschah.
Er kannte Angst. Er hatte sie in Schlachten erlebt, hatte Freunde fallen sehen und war Gegnern gegenübergestanden, von denen er nicht wusste, ob er den nächsten Augenblick überleben würde. Sie war ihm nie fremd gewesen. Doch was von diesem Ort ausging, war anders. Die Furcht schien keinen Gedanken und keinen Anlass zu benötigen. Sie war einfach da und griff nach allem, was einem Menschen sagte, er solle leben.
Tarion wandte sich zu seinen Begleitern.
Der andere Paladin atmete schwer. Seine Hand lag so fest um den Griff seines Schwertes, dass die Knöchel hervortraten. Der Priester war bleich geworden und starrte zum Schrein, ohne sich zu bewegen.
Beide empfanden dasselbe.
Vielleicht sogar mehr.
Der Gedanke traf Tarion mit einer Klarheit, die stärker war als die Furcht. Wenn dieser Ort selbst ihm solche Angst machte, was verlangte er dann gerade von den Männern, die ihm hierher gefolgt waren?
Sie waren keine Feiglinge. Der Paladin neben ihm hatte oft genug bewiesen, dass er stehenblieb, wenn andere flohen, und der Priester war ihnen auf eine Reise gefolgt, deren Ende keiner von ihnen kannte. Tarion hielt sich nicht für mutiger oder wertvoller als sie.
Aber er wusste, wer er war.
Über viele Jahre hatten andere Paladine zu ihm aufgesehen, obwohl er sie nie darum gebeten hatte. Niemand hatte ihnen befohlen, es zu tun. Kein Titel konnte einen Menschen dazu zwingen, einem anderen zu vertrauen, wenn die Dinge schwierig wurden. Dieses Vertrauen war mit den Jahren gewachsen, durch Entscheidungen, durch Kämpfe und durch die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen, wenn sie getragen werden musste.
Tarion hatte es nie als Auszeichnung verstanden.
Es war eine Verpflichtung.
Wenn er jetzt zurückwich, würde er nicht nur für sich selbst entscheiden. Die beiden Männer hinter ihm würden sehen, dass selbst Tarion diesen Ort fürchtete. Vielleicht würden sie ihm folgen. Vielleicht würden sie bleiben. Doch in einem Augenblick, in dem sie selbst gegen ihre Angst ankämpften, durfte er ihnen nicht auch noch den Mann nehmen, an dessen Entschlossenheit sie sich festhalten konnten.
Und hinter diesen beiden standen andere. Brüder und Schwestern, die im Kloster auf ihre Rückkehr warteten. Paladine, die Tarion über Jahre begleitet hatten. Menschen, denen er selbst beigebracht hatte, dass Tapferkeit nicht darin bestand, keine Furcht zu empfinden. Vielleicht würde eines Tages wieder ein Knappe neben ihm stehen und genau darauf achten, was Tarion tat, wenn all die Worte über Glauben und Tugend plötzlich etwas kosteten.
Er konnte von keinem von ihnen etwas verlangen, das er selbst nicht bereit war zu tragen.
Tarion sah wieder zum Schrein.
Er hatte Angst.
Das durfte er.
Aber wenn jemand den ersten Schritt machen musste, dann war es seine Aufgabe, ihn zu machen.
Tarion atmete langsam aus.
„Bleibt hinter mir.“
Dann ging er vor.
Die Furcht wurde stärker. Jeder Instinkt in ihm verlangte, stehenzubleiben, und für einen kurzen Augenblick musste er seinen Körper regelrecht dazu zwingen, den nächsten Schritt zu setzen.
Er setzte ihn trotzdem.
Hinter ihm hörte er Metall und Schritte.
Sie folgten.
Tarion sah nicht zurück.
Er musste nicht.
⸻
Als er den Altar erreichte, zitterte seine Hand. Tarion betrachtete sie einen Augenblick. Er schämte sich nicht dafür und versuchte auch nicht, es vor seinen Begleitern zu verbergen. Sein Körper warnte ihn mit allem, was ihm zur Verfügung stand.
Sein Glaube verlangte nicht, diese Warnung nicht zu hören.
Nur, selbst zu entscheiden.
Tarion legte die Hand auf das Zeichen der Tapferkeit. Kälte schoss durch seinen Arm. Nicht die Kälte von Schnee oder Winter; diese Kälte fühlte sich leer an, als würde sie nicht Wärme nehmen, sondern alles, was sich dahinter befand. Für einen Augenblick verschwanden die Geräusche der Insel. Tarion hörte weder den Wind noch seine Begleiter, nicht einmal seinen eigenen Atem.
Dann erschien das Licht.
Dasselbe Weiß, das er an den beiden vorherigen Schreinen gesehen hatte. Doch diesmal leuchtete es nicht frei. Dunkle Linien lagen darüber und bewegten sich durch das Zeichen wie Risse in Glas. Wo immer das Licht stärker wurde, schoben sie sich dagegen. Weißes Leuchten drang zwischen ihnen hervor, wurde zurückgedrängt und erschien an anderer Stelle erneut.
Tarion beobachtete es nur wenige Herzschläge, bevor er begriff.
Das Licht versuchte nicht nur, zu ihnen zu gelangen.
Es kämpfte darum.
Hinter ihm hörte er den Priester seinen Namen rufen, doch die Stimme klang weit entfernt.
„Tarion!“
Für einen Augenblick wollte Tarion die Hand zurückziehen. Nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus. Sein Körper wollte fort von diesem Stein, fort von der Kälte und der Furcht, die ihn umgab.
Nichts hielt ihn fest.
Er hätte die Hand jederzeit zurücknehmen können.
Und genau deshalb tat er es nicht.
Tarion schloss die Finger fester um den Rand des Zeichens. Er dachte nicht an die beiden Zeichen, die sie bereits erhalten hatten. Nicht an den Schrein im Schnee und nicht an den Atem, den vielleicht nur er gehört hatte.
Er dachte an Tyrael.
An den Gott, dem er gedient hatte, lange bevor diese Reise begonnen hatte. An all die Jahre, in denen sein Glaube nicht von Antworten abhängig gewesen war. An die Brüder und Schwestern, die weiterhin vor Tyraels Zeichen beteten, obwohl niemand ihnen versprechen konnte, dass ihre Worte gehört wurden. An jene, die ihm vertrauten und die vielleicht gerade jetzt im Kloster dasselbe taten.
Tyraels Schweigen hatte Tarions Glauben erschüttert. Natürlich hatte es das. Ein Glaube, den nichts erschüttern konnte, war vielleicht niemals wirklich geprüft worden.
Aber es hatte ihn nicht gebrochen.
Tarion brauchte keinen Beweis, um weiterzugehen.
Doch vielleicht brauchten sie eine Richtung.
„Wenn du dort bist, Tyrael, dann höre mich.“
Die Dunkelheit kroch weiter über das Symbol.
„Ich werde nicht umkehren, nur weil du schweigst.“
Das Licht flackerte. Tarions Hand zitterte stärker, doch seine Finger lösten sich nicht vom Stein.
„Ich habe dir vertraut, bevor du uns ein Zeichen gegeben hast. Ich vertraue dir auch jetzt.“
Für einen Augenblick schien das Weiß unter den dunklen Linien beinahe vollständig zu verschwinden.
Tarion senkte den Kopf.
„Aber wenn du uns noch hören kannst, dann zeige uns den Weg.“
Für einen Herzschlag erlosch das Licht.
Dann brach es durch.
Ein weißer Riss zog sich durch die Dunkelheit. Das Leuchten war stärker als an den beiden Schreinen zuvor, beinahe schmerzhaft hell, doch es bestand nur für einen einzigen Augenblick.
Und in diesem Augenblick hörten sie es.
Alle drei.
Eine Stimme, so fern und verzerrt, als lägen nicht Meilen, sondern Welten zwischen ihnen und ihrem Ursprung.
Nur ein einziges Wort.
„Weiter.“
Dann traf Tarion etwas mit solcher Gewalt, dass seine Hand vom Stein gerissen wurde und er mehrere Schritte zurückgeschleudert wurde.
⸻
Er schlug hart auf dem Boden auf. Der andere Paladin war sofort bei ihm, während der Priester wie erstarrt zum Schrein blickte. Das Licht war verschwunden. Die dunklen Risse waren noch da.
Tarion nahm die angebotene Hand seines Bruders und kam wieder auf die Beine. Sein Arm schmerzte, sein Herz schlug noch immer viel zu schnell, doch nichts schien gebrochen zu sein.
„Habt ihr es gehört?“
„Ja“, sagte der Priester.
Der andere Paladin nickte.
Zum ersten Mal mussten sie nicht darüber sprechen, ob Tarion etwas wahrgenommen hatte, weil er es wahrnehmen wollte. Drei Männer hatten dieselbe Stimme gehört. Dasselbe Wort.
„War es Tyrael?“, fragte der andere Paladin.
Tarion blickte zum Schrein. Er wollte Ja sagen. Alles in ihm wollte es. Doch er erinnerte sich an die erste Lektion ihrer Reise und an die Warnung, die er selbst Thorus gegeben hatte.
Hoffnung durfte nicht zu Gewissheit werden, nur weil man sie dringend brauchte.
„Ich weiß es nicht.“
Der Priester sah ihn an. Tarion deutete auf die dunklen Linien.
„Aber etwas wollte verhindern, dass wir es hören.“
Diesmal widersprach keiner.
Sie blieben nicht am Schrein. Nicht weil sie vor ihm flohen, sondern weil es nichts mehr gab, was sie dort erfahren konnten. Was immer sich zwischen den Bäumen bewegte, befand sich noch immer auf der Insel, und die Spuren rund um den Schrein hatten ihnen deutlich genug gezeigt, dass dieser Ort nicht sicher war.
Auf dem Rückweg fanden sie weitere dunkle Risse. Einige waren kaum sichtbar, andere verliefen über mehrere Schritte durch den Boden. Als sie erneut die Ruine passierten, blieb Tarion stehen und betrachtete die nach außen gebrochene Mauer.
Etwas hatte diesen Ort verlassen.
Oder versucht, ihn zu verlassen.
Er wusste nicht, welche Möglichkeit schlimmer war.
⸻
Sie erreichten ihr verborgenes Gepäck unversehrt und gingen weiter zur Küste. Erst dort, nachdem das Boot bereitlag und das Meer vor ihnen wieder beinahe gewöhnlich wirkte, holte der Priester seine Chronik hervor.
Lange bewegte sich seine Feder nicht. Schließlich schrieb er:
Am Schrein der Tapferkeit lag Dunkelheit über dem Licht. Wir hörten eine Stimme. Sie sagte: Weiter.
Der Priester betrachtete die Worte.
„Das ist das erste Mal, dass ich nicht weiß, wie ich etwas schreiben soll, ohne ihm bereits eine Bedeutung zu geben.“
Tarion stand neben ihm.
„Dann schreib nur, was geschehen ist.“
Der Priester nickte.
Tarion nahm sein eigenes Buch und schlug eine leere Seite auf. Lange hielt er die Feder darüber. Er hätte über seine Angst schreiben können, doch sie beschämte ihn nicht. Er hatte sie empfunden und war weitergegangen. Genau das war Tapferkeit.
Etwas anderes beschäftigte ihn mehr.
Er schrieb:
Das Licht kämpft.
Darunter setzte er nach kurzem Zögern eine zweite Zeile.
Und etwas kämpft dagegen.
Mehr schrieb er nicht.
⸻
Als sie wieder auf dem Festland standen, fühlte sich die Welt verändert an, obwohl sie dieselbe geblieben war. Ihre Pferde warteten auf sie, Menschen gingen ihrer Arbeit nach und irgendwo stritt jemand laut darüber, wem ein beschädigtes Fass gehörte.
Tarion hörte es kaum.
Drei Schreine lagen hinter ihnen. Am ersten hatte etwas auf eine Wahrheit geantwortet. Am zweiten auf eine Entscheidung. Am dritten hatten sie zum ersten Mal gesehen, dass das Licht nicht einfach nur schwach war.
Es wurde zurückgehalten.
Vielleicht war es Tyrael. Noch immer wollte Tarion aus Hoffnung keine Gewissheit machen. Doch irgendetwas befand sich jenseits dessen, was sie sehen konnten, und irgendetwas anderes wollte nicht, dass sie es erreichten.
Tarion dachte an die Stimme.
Weiter.
Er hätte dieses Wort nicht gebraucht, um am nächsten Morgen wieder aufzubrechen. Das wusste er jetzt mit einer Gewissheit, die nichts mit dem Schrein zu tun hatte. Er wäre auch weitergegangen, wenn Tyrael erneut geschwiegen hätte.
Aber es tat gut, es gehört zu haben.
Vielleicht war das der Unterschied zwischen Glauben und Gewissheit. Tarion brauchte keine Antwort, um Tyrael zu folgen.
Doch auch ein Paladin durfte hoffen, dass sein Gott ihn noch hören konnte.
Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Reise hatten sie mehr gefunden als Hoffnung. Sie hatten einen Grund, sich zu fürchten – und einen ersten Hinweis darauf, dass ihre Furcht vielleicht berechtigt war.
Tarion hatte nie geglaubt, dass Tapferkeit bedeutete, keine Angst zu haben.
Tapferkeit begann dort, wo die Angst einen Menschen aufforderte stehenzubleiben – und er trotzdem den nächsten Schritt tat.
[b]Akt 3 – Tapferkeit[/b]
Je weiter sie nach Süden kamen, desto weniger erinnerte die Landschaft an jene, die sie in den vergangenen Tagen durchquert hatten. Die Wälder wurden lichter, die Wege breiter und für einige Zeit kehrten sie auf Straßen zurück, auf denen ihnen wieder Händler, Bauern und andere Reisende begegneten.
Es tat gut, Menschen zu sehen. Nicht weil Tarion die Einsamkeit der vergangenen Tage gefürchtet hätte, sondern weil sie ihn daran erinnerte, weshalb sie überhaupt unterwegs waren. Während drei Männer von Schrein zu Schrein zogen und versuchten, aus einem schwachen Licht und einem vielleicht gehörten Atemzug eine Spur zu formen, ging das Leben weiter. Felder wurden bestellt, Waren transportiert, Kinder stritten am Straßenrand und Menschen beschwerten sich über Dinge, die für sie wichtiger waren als verschwundene Götter. Vielleicht war das gut so. Vielleicht musste eine Welt nicht jedes Mal stillstehen, nur weil ihre Götter es taten.
Der Weg zum Schrein der Tapferkeit führte sie weit nach Süden und schließlich erneut an die Küste. Diesmal lag ihr Ziel auf einer kleineren Insel, weit genug vom Festland entfernt, dass sie wiederum auf ein Schiff angewiesen waren. Anders als bei ihrer ersten Überfahrt fanden sie jedoch keinen Küstenort, dessen Bewohner ihnen bereitwillig sagen konnten, was sie auf der anderen Seite erwartete.
Je weiter sie kamen, desto häufiger begegneten ihnen verlassenen Höfen. Einige waren offensichtlich seit Jahren unbewohnt, andere wirkten, als hätten ihre Bewohner sie erst vor wenigen Wochen aufgegeben. Türen standen offen, auf einem Feld lag ein umgestürzter Pflug und in einem Stall fanden sie noch verfaultes Heu. Es gab keine Leichen und keine Spuren eines Kampfes. Nichts deutete auf einen Überfall oder eine andere Katastrophe hin. Nur die Menschen fehlten.
Am Abend schlugen sie ihr Lager abseits der Straße auf. Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Reise holten Tarion und der andere Paladin ihre schweren Rüstungen von den Packpferden. Der Priester beobachtete sie dabei, während Tarion die Verschlüsse seiner Rüstung prüfte.
[i]„Erwartet ihr etwas?“[/i]
Tarion sah in Richtung des Weges, den sie am folgenden Morgen nehmen würden.
[i]„Nein.“[/i]
Der andere Paladin legte sein Schwert neben sich.
[i]„Genau das gefällt uns nicht.“[/i]
Der Priester nickte und griff nach dem kurzen Schwert, das bislang fast die gesamte Reise unangetastet an seinem Gepäck gehangen hatte. In dieser Nacht teilten sie die Wachen untereinander auf. Nichts geschah. Am Morgen waren sie darüber nicht beruhigter.
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Die letzte Ansiedlung vor der Küste bestand nur aus wenigen Häusern. Einige standen leer, aus zweien stieg Rauch auf. Ein alter Mann saß vor einem der Gebäude und beobachtete die Reisenden bereits lange, bevor sie ihn erreichten.
Tarion stieg ab.
[i]„Das Licht mit Euch.“[/i]
Der Mann erwiderte den Gruß nicht. Sein Blick blieb zunächst an Tarions Schärpe hängen, wanderte über dessen Rüstung und schließlich zu seinen beiden Begleitern.
[i]„Ihr wollt zur Insel.“[/i]
Es war keine Frage.
[i]„Ja.“[/i]
[i]„Warum?“[/i]
[i]„Dort liegt ein Schrein.“[/i]
Etwas veränderte sich im Gesicht des Alten.
[i]„Das weiß ich.“[/i]
Tarion wartete. Der Mann stand langsam auf und blickte hinaus in Richtung Meer.
[i]„Früher sind Leute hinübergefahren. Nicht viele, aber immer wieder. Manche wegen des Schreins, andere zum Jagen.“[/i]
[i]„Und heute?“[/i]
[i]„Heute nicht mehr.“[/i]
Der Priester trat näher.
[i]„Was ist geschehen?“[/i]
[i]„Nichts.“[/i]
Tarion sah ihn an, und der Alte bemerkte seinen Blick.
[i]„Das meine ich so. Niemand hat etwas gesehen. Niemand hat etwas gehört. Die Leute kamen nur irgendwann nicht mehr zurück.“[/i]
Tarion fragte, wie viele es gewesen seien. Der Alte antwortete lediglich mit [i]„Genug“[/i]. Wann zuletzt jemand die Überfahrt gewagt hatte, wusste er nicht mehr genau. Vielleicht vor einem Jahr. Davor seien ebenfalls Monate vergangen.
Keiner der drei Reisenden musste aussprechen, was er darüber dachte.
[i]„Gibt es ein Boot?“[/i], fragte Tarion schließlich.
Der Alte schüttelte langsam den Kopf.
[i]„Keines, das ich Euch gebe.“[/i]
Tarion nickte.
[i]„Verständlich.“[/i]
Sie fanden schließlich eines. Es war klein, alt und erforderte mehr Arbeit, als Tarion bei seinem ersten Blick darauf gehofft hatte. Der Besitzer verlangte nicht einmal besonders viel Gold. Er bestand lediglich darauf, das Boot bezahlt zu bekommen, bevor sie aufbrachen.
Nicht danach.
Tarion bezahlte ihn.
Die Pferde ließen sie erneut auf dem Festland zurück. Diesmal diskutierte niemand darüber, welche Ausrüstung sie mitnehmen würden. Was nicht unbedingt notwendig war, blieb bei den Tieren. Waffen, Wasser, etwas Proviant und wenige andere Dinge nahmen sie mit.
Die Rüstungen blieben an ihren Körpern.
⸻
Die Insel empfing sie anders als die erste. Kein Schnee bedeckte das Land und keine Kälte zwang sie, Schutz zu suchen. Der Himmel war bedeckt, das Meer ruhig und die Küste von niedrigem Gras und vereinzelten Bäumen geprägt. Eigentlich hätte der Ort friedlich wirken müssen.
Tat er aber nicht.
Tarion konnte zunächst nicht sagen, weshalb. Es fehlte etwas, ohne dass er benennen konnte, was es war. Erst nach einer Weile bemerkte der Priester es.
[i]„Keine Vögel.“[/i]
Tarion blieb stehen. Der andere Paladin sah in die Bäume. Nichts bewegte sich darin. Kein Ruf war zu hören, kein Rascheln im Unterholz. Selbst Insekten schienen kaum vorhanden zu sein. Nur der Wind strich durch das Gras und ließ für einen Moment die Vorstellung entstehen, die Insel selbst würde leise atmen.
Sie gingen weiter. Der Pfad war noch zu erkennen, obwohl ihn offensichtlich lange niemand benutzt hatte. An manchen Stellen wuchs Gras darüber, an anderen lagen Äste quer über dem Weg. Je weiter sie ins Innere der Insel kamen, desto häufiger fanden sie Spuren davon, dass hier einmal Menschen gewesen waren: die Reste einer Feuerstelle, einen verrosteten Haken, einen umgestürzten Wegweiser.
Dann fanden sie Blut.
Der andere Paladin entdeckte es an einem Stein. Dunkel, fast schwarz und längst getrocknet. Tarion kniete nieder und betrachtete es.
[i]„Alt.“[/i]
[i]„Wie alt?“[/i], fragte der Priester.
[i]„Das weiß ich nicht.“[/i]
Tarion erhob sich, und nur wenige Schritte weiter fanden sie die erste Spur im Boden. Sie stammte von keinem Stiefel. Der Abdruck war zu groß und zu tief, seine Form undeutlich. Daneben lag ein zweiter, dann ein dritter, bis sie zwischen den Bäumen verschwanden.
Der andere Paladin zog sein Schwert. Tarion tat dasselbe, während der Priester seine Hand auf den Griff seiner Waffe legte. Keiner sagte etwas. Es gab auch nichts zu sagen. Sie waren auf diese Insel gekommen, weil der Schrein hier lag, und bislang hatten sie nichts gefunden, das daran etwas änderte.
Sie gingen weiter.
⸻
Gegen Abend erreichten sie die Ruinen eines kleinen Heiligtums. Es war nicht der Schrein der Tapferkeit, nach dem sie suchten; das zerbrochene Symbol über dem Eingang gehörte weder zu Tyrael noch zu einer Glaubensstätte, die Tarion auf den ersten Blick zuordnen konnte. Teile der Mauern standen noch, das Dach war größtenteils eingestürzt und Pflanzen hatten begonnen, den Stein zurückzuerobern.
Was dort geschehen war, lag lange zurück. Es gab keine Körper mehr, keine zurückgelassenen Waffen und nichts, was ihnen eine einfache Geschichte erzählte. Dennoch genügte ein genauerer Blick auf die Mauern, um Tarion innehalten zu lassen. Der Stein war nach außen gebrochen.
Nicht nach innen.
[i]„Jemand wollte hinaus“[/i], sagte der andere Paladin.
Der Priester kniete neben einigen Bruchstücken und betrachtete die tiefen Risse, die sich durch den Boden zogen. Einige verliefen bis zu den Mauern und verschwanden darunter; ihre Ränder waren dunkel verfärbt, als hätte große Hitze den Stein verbrannt.
[i]„Oder etwas.“[/i]
Keiner von ihnen berührte die Risse.
Sie verließen die Ruine und suchten sich in einiger Entfernung einen Lagerplatz. Das Feuer hielten sie klein, die Waffen griffbereit. Der Priester ruhte bereits, als der andere Paladin die erste Wache übernahm. Tarion saß noch am Feuer, sein Buch ungeöffnet neben sich. Seit der Ankunft auf der Insel hatte keiner von ihnen viel gesprochen. Schließlich brach sein Bruder das Schweigen.
[i]„Was können wir gegen etwas ausrichten, das einen Gott zum Schweigen bringen kann?“[/i]
Tarion sah zu ihm. Es war eine berechtigte Frage. Vielleicht sogar die wichtigste, die ihnen seit Beginn ihrer Reise gestellt worden war.
[i]„Ich weiß es nicht.“[/i]
Sein Bruder blickte ihn an, offensichtlich überrascht von der Schlichtheit der Antwort. Tarion hätte von Pflicht sprechen können, von Stärke oder davon, dass Tyrael sie führen würde. Er glaubte all diese Dinge. Doch gerade hier wollte er keinen Glauben vorspielen, der Vertrauen mit Gewissheit verwechselte.
[i]„Ich weiß nicht, was uns dort erwartet. Ich weiß nicht, was hier geschehen ist, und wenn tatsächlich eine Macht hinter dem Verschwinden Tyraels steht, weiß ich nicht, ob drei Männer ihr etwas entgegenzusetzen haben.“[/i]
Tarion ließ den Blick über das kleine Feuer hinaus in die Dunkelheit wandern. Irgendwo dort draußen lag der Schrein.
[i]„Aber das müssen wir heute auch nicht wissen.“[/i]
[i]„Und morgen?“[/i]
[i]„Morgen gehen wir weiter.“[/i]
Der andere Paladin schwieg einen Moment.
[i]„Auch wenn du Angst hast?“[/i]
Tarion sah wieder zu ihm.
[i]„Natürlich habe ich Angst.“[/i]
Es fiel ihm nicht schwer, die Worte auszusprechen. Er empfand keinen Widerspruch zwischen Furcht und Glauben. Tyrael hatte seinen Paladinen nie versprochen, dass ihr Weg ungefährlich sein würde. Tarion hatte zu viel gesehen und zu viele Brüder kämpfen sehen, um Tapferkeit mit Furchtlosigkeit zu verwechseln. Ein Mann, der nichts fürchtete, brauchte keinen Mut, um voranzugehen.
[i]„Ich vertraue Tyrael. Nicht weil er uns an den letzten beiden Schreinen vielleicht geantwortet hat. Ich habe ihm vertraut, als er schwieg. Und ich werde ihm vertrauen, wenn er morgen wieder schweigt.“[/i]
Der andere Paladin betrachtete ihn lange.
[i]„Dann genügt dir das?“[/i]
Tarion dachte einen Augenblick darüber nach.
[i]„Es muss.“[/i]
Mehr sagte er nicht.
Sein Glaube war älter als diese Reise. Älter als das Schweigen Tyraels und älter als die Frage, ob sein Gott überhaupt noch in dieser Welt existierte. Tarion hatte sein Leben nicht einem Gott gewidmet, weil dieser ihm auf jede Frage eine Antwort versprach. Er hatte es getan, weil er an das glaubte, wofür Tyrael stand.
Daran hatte sich nichts geändert.
⸻
In dieser Nacht hörten sie etwas zwischen den Bäumen. Einmal während Tarions Wache und später noch einmal, als der Priester am Feuer saß. Schritte waren es nicht, jedenfalls keine regelmäßigen. Eher das Geräusch von etwas Schwerem, das sich durch das Unterholz bewegte und immer wieder stehen blieb.
Tarion sah nichts. Auch am Morgen fanden sie nichts außer mehreren abgebrochenen Zweigen und einem weiteren jener tiefen Abdrücke im feuchten Boden.
Diesmal führte die Spur in dieselbe Richtung wie ihr Weg.
Der Schrein lag dort.
Sie legten ihre Rüstungen vollständig an. Der Priester befestigte sein Schwert so, dass er es ohne Umstände ziehen konnte, wickelte seine Chronik sorgfältig in Tuch und verbarg sie zwischen einigen Steinen.
Tarion beobachtete ihn.
[i]„Du glaubst nicht, dass wir zurückkommen?“[/i]
Der Priester zog den Riemen seines Mantels fester.
[i]„Ich glaube, dass das Buch nicht kämpfen kann.“[/i]
Tarion nickte. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.
Der Weg stieg an. Die Bäume standen dichter, und zwischen ihren Wurzeln verliefen immer häufiger jene dunklen Risse, die sie bereits in der Ruine gesehen hatten. Einer davon wirkte neuer als die übrigen. Kein Rauch stieg daraus auf und der Boden war nicht warm, doch das Gras an seinen Rändern war grau und brüchig, während wenige Schritte daneben noch Grün wuchs.
Der Priester kniete sich hin und betrachtete es.
[i]„Das breitet sich aus.“[/i]
Tarion sah den Hang hinauf. Zwischen den Bäumen waren dort die ersten Steine des Schreins zu erkennen.
Je näher sie ihm kamen, desto langsamer wurden ihre Schritte. Das Zeichen der Tapferkeit war bereits aus einiger Entfernung zu sehen. Der Schrein selbst stand noch, doch die dunklen Risse verliefen durch seinen Sockel und zogen sich an mehreren Stellen über das Symbol.
Tarion spürte den Widerstand, noch bevor er den ersten Stein erreichte.
Es war keine körperliche Kraft. Nichts drückte gegen seine Brust oder hielt seine Beine fest. Stattdessen entstand tief in ihm mit einer Plötzlichkeit, die keinen Gedanken brauchte, der Wunsch, diesen Ort zu verlassen. Sein Herz begann schneller zu schlagen, sein Atem wurde flacher und jeder Instinkt sagte ihm, dass vor ihm etwas lag, dem er nicht begegnen wollte.
Tarion blieb stehen.
Nicht weil er umkehren wollte. Er musste verstehen, was gerade mit ihm geschah.
Er kannte Angst. Er hatte sie in Schlachten erlebt, hatte Freunde fallen sehen und war Gegnern gegenübergestanden, von denen er nicht wusste, ob er den nächsten Augenblick überleben würde. Sie war ihm nie fremd gewesen. Doch was von diesem Ort ausging, war anders. Die Furcht schien keinen Gedanken und keinen Anlass zu benötigen. Sie war einfach da und griff nach allem, was einem Menschen sagte, er solle leben.
Tarion wandte sich zu seinen Begleitern.
Der andere Paladin atmete schwer. Seine Hand lag so fest um den Griff seines Schwertes, dass die Knöchel hervortraten. Der Priester war bleich geworden und starrte zum Schrein, ohne sich zu bewegen.
Beide empfanden dasselbe.
Vielleicht sogar mehr.
Der Gedanke traf Tarion mit einer Klarheit, die stärker war als die Furcht. Wenn dieser Ort selbst ihm solche Angst machte, was verlangte er dann gerade von den Männern, die ihm hierher gefolgt waren?
Sie waren keine Feiglinge. Der Paladin neben ihm hatte oft genug bewiesen, dass er stehenblieb, wenn andere flohen, und der Priester war ihnen auf eine Reise gefolgt, deren Ende keiner von ihnen kannte. Tarion hielt sich nicht für mutiger oder wertvoller als sie.
Aber er wusste, wer er war.
Über viele Jahre hatten andere Paladine zu ihm aufgesehen, obwohl er sie nie darum gebeten hatte. Niemand hatte ihnen befohlen, es zu tun. Kein Titel konnte einen Menschen dazu zwingen, einem anderen zu vertrauen, wenn die Dinge schwierig wurden. Dieses Vertrauen war mit den Jahren gewachsen, durch Entscheidungen, durch Kämpfe und durch die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen, wenn sie getragen werden musste.
Tarion hatte es nie als Auszeichnung verstanden.
Es war eine Verpflichtung.
Wenn er jetzt zurückwich, würde er nicht nur für sich selbst entscheiden. Die beiden Männer hinter ihm würden sehen, dass selbst Tarion diesen Ort fürchtete. Vielleicht würden sie ihm folgen. Vielleicht würden sie bleiben. Doch in einem Augenblick, in dem sie selbst gegen ihre Angst ankämpften, durfte er ihnen nicht auch noch den Mann nehmen, an dessen Entschlossenheit sie sich festhalten konnten.
Und hinter diesen beiden standen andere. Brüder und Schwestern, die im Kloster auf ihre Rückkehr warteten. Paladine, die Tarion über Jahre begleitet hatten. Menschen, denen er selbst beigebracht hatte, dass Tapferkeit nicht darin bestand, keine Furcht zu empfinden. Vielleicht würde eines Tages wieder ein Knappe neben ihm stehen und genau darauf achten, was Tarion tat, wenn all die Worte über Glauben und Tugend plötzlich etwas kosteten.
Er konnte von keinem von ihnen etwas verlangen, das er selbst nicht bereit war zu tragen.
Tarion sah wieder zum Schrein.
Er hatte Angst.
Das durfte er.
Aber wenn jemand den ersten Schritt machen musste, dann war es seine Aufgabe, ihn zu machen.
Tarion atmete langsam aus.
[i]„Bleibt hinter mir.“[/i]
Dann ging er vor.
Die Furcht wurde stärker. Jeder Instinkt in ihm verlangte, stehenzubleiben, und für einen kurzen Augenblick musste er seinen Körper regelrecht dazu zwingen, den nächsten Schritt zu setzen.
Er setzte ihn trotzdem.
Hinter ihm hörte er Metall und Schritte.
Sie folgten.
Tarion sah nicht zurück.
Er musste nicht.
⸻
Als er den Altar erreichte, zitterte seine Hand. Tarion betrachtete sie einen Augenblick. Er schämte sich nicht dafür und versuchte auch nicht, es vor seinen Begleitern zu verbergen. Sein Körper warnte ihn mit allem, was ihm zur Verfügung stand.
Sein Glaube verlangte nicht, diese Warnung nicht zu hören.
Nur, selbst zu entscheiden.
Tarion legte die Hand auf das Zeichen der Tapferkeit. Kälte schoss durch seinen Arm. Nicht die Kälte von Schnee oder Winter; diese Kälte fühlte sich leer an, als würde sie nicht Wärme nehmen, sondern alles, was sich dahinter befand. Für einen Augenblick verschwanden die Geräusche der Insel. Tarion hörte weder den Wind noch seine Begleiter, nicht einmal seinen eigenen Atem.
Dann erschien das Licht.
Dasselbe Weiß, das er an den beiden vorherigen Schreinen gesehen hatte. Doch diesmal leuchtete es nicht frei. Dunkle Linien lagen darüber und bewegten sich durch das Zeichen wie Risse in Glas. Wo immer das Licht stärker wurde, schoben sie sich dagegen. Weißes Leuchten drang zwischen ihnen hervor, wurde zurückgedrängt und erschien an anderer Stelle erneut.
Tarion beobachtete es nur wenige Herzschläge, bevor er begriff.
Das Licht versuchte nicht nur, zu ihnen zu gelangen.
Es kämpfte darum.
Hinter ihm hörte er den Priester seinen Namen rufen, doch die Stimme klang weit entfernt.
[i]„Tarion!“[/i]
Für einen Augenblick wollte Tarion die Hand zurückziehen. Nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus. Sein Körper wollte fort von diesem Stein, fort von der Kälte und der Furcht, die ihn umgab.
Nichts hielt ihn fest.
Er hätte die Hand jederzeit zurücknehmen können.
Und genau deshalb tat er es nicht.
Tarion schloss die Finger fester um den Rand des Zeichens. Er dachte nicht an die beiden Zeichen, die sie bereits erhalten hatten. Nicht an den Schrein im Schnee und nicht an den Atem, den vielleicht nur er gehört hatte.
Er dachte an Tyrael.
An den Gott, dem er gedient hatte, lange bevor diese Reise begonnen hatte. An all die Jahre, in denen sein Glaube nicht von Antworten abhängig gewesen war. An die Brüder und Schwestern, die weiterhin vor Tyraels Zeichen beteten, obwohl niemand ihnen versprechen konnte, dass ihre Worte gehört wurden. An jene, die ihm vertrauten und die vielleicht gerade jetzt im Kloster dasselbe taten.
Tyraels Schweigen hatte Tarions Glauben erschüttert. Natürlich hatte es das. Ein Glaube, den nichts erschüttern konnte, war vielleicht niemals wirklich geprüft worden.
Aber es hatte ihn nicht gebrochen.
Tarion brauchte keinen Beweis, um weiterzugehen.
Doch vielleicht brauchten sie eine Richtung.
[i]„Wenn du dort bist, Tyrael, dann höre mich.“[/i]
Die Dunkelheit kroch weiter über das Symbol.
[i]„Ich werde nicht umkehren, nur weil du schweigst.“[/i]
Das Licht flackerte. Tarions Hand zitterte stärker, doch seine Finger lösten sich nicht vom Stein.
[i]„Ich habe dir vertraut, bevor du uns ein Zeichen gegeben hast. Ich vertraue dir auch jetzt.“[/i]
Für einen Augenblick schien das Weiß unter den dunklen Linien beinahe vollständig zu verschwinden.
Tarion senkte den Kopf.
[i]„Aber wenn du uns noch hören kannst, dann zeige uns den Weg.“[/i]
Für einen Herzschlag erlosch das Licht.
Dann brach es durch.
Ein weißer Riss zog sich durch die Dunkelheit. Das Leuchten war stärker als an den beiden Schreinen zuvor, beinahe schmerzhaft hell, doch es bestand nur für einen einzigen Augenblick.
Und in diesem Augenblick hörten sie es.
Alle drei.
Eine Stimme, so fern und verzerrt, als lägen nicht Meilen, sondern Welten zwischen ihnen und ihrem Ursprung.
Nur ein einziges Wort.
[i]„Weiter.“[/i]
Dann traf Tarion etwas mit solcher Gewalt, dass seine Hand vom Stein gerissen wurde und er mehrere Schritte zurückgeschleudert wurde.
⸻
Er schlug hart auf dem Boden auf. Der andere Paladin war sofort bei ihm, während der Priester wie erstarrt zum Schrein blickte. Das Licht war verschwunden. Die dunklen Risse waren noch da.
Tarion nahm die angebotene Hand seines Bruders und kam wieder auf die Beine. Sein Arm schmerzte, sein Herz schlug noch immer viel zu schnell, doch nichts schien gebrochen zu sein.
[i]„Habt ihr es gehört?“[/i]
[i]„Ja“[/i], sagte der Priester.
Der andere Paladin nickte.
Zum ersten Mal mussten sie nicht darüber sprechen, ob Tarion etwas wahrgenommen hatte, weil er es wahrnehmen wollte. Drei Männer hatten dieselbe Stimme gehört. Dasselbe Wort.
[i]„War es Tyrael?“[/i], fragte der andere Paladin.
Tarion blickte zum Schrein. Er wollte Ja sagen. Alles in ihm wollte es. Doch er erinnerte sich an die erste Lektion ihrer Reise und an die Warnung, die er selbst Thorus gegeben hatte.
Hoffnung durfte nicht zu Gewissheit werden, nur weil man sie dringend brauchte.
[i]„Ich weiß es nicht.“[/i]
Der Priester sah ihn an. Tarion deutete auf die dunklen Linien.
[i]„Aber etwas wollte verhindern, dass wir es hören.“[/i]
Diesmal widersprach keiner.
Sie blieben nicht am Schrein. Nicht weil sie vor ihm flohen, sondern weil es nichts mehr gab, was sie dort erfahren konnten. Was immer sich zwischen den Bäumen bewegte, befand sich noch immer auf der Insel, und die Spuren rund um den Schrein hatten ihnen deutlich genug gezeigt, dass dieser Ort nicht sicher war.
Auf dem Rückweg fanden sie weitere dunkle Risse. Einige waren kaum sichtbar, andere verliefen über mehrere Schritte durch den Boden. Als sie erneut die Ruine passierten, blieb Tarion stehen und betrachtete die nach außen gebrochene Mauer.
Etwas hatte diesen Ort verlassen.
Oder versucht, ihn zu verlassen.
Er wusste nicht, welche Möglichkeit schlimmer war.
⸻
Sie erreichten ihr verborgenes Gepäck unversehrt und gingen weiter zur Küste. Erst dort, nachdem das Boot bereitlag und das Meer vor ihnen wieder beinahe gewöhnlich wirkte, holte der Priester seine Chronik hervor.
Lange bewegte sich seine Feder nicht. Schließlich schrieb er:
[i]Am Schrein der Tapferkeit lag Dunkelheit über dem Licht. Wir hörten eine Stimme. Sie sagte: Weiter.[/i]
Der Priester betrachtete die Worte.
[i]„Das ist das erste Mal, dass ich nicht weiß, wie ich etwas schreiben soll, ohne ihm bereits eine Bedeutung zu geben.“[/i]
Tarion stand neben ihm.
[i]„Dann schreib nur, was geschehen ist.“[/i]
Der Priester nickte.
Tarion nahm sein eigenes Buch und schlug eine leere Seite auf. Lange hielt er die Feder darüber. Er hätte über seine Angst schreiben können, doch sie beschämte ihn nicht. Er hatte sie empfunden und war weitergegangen. Genau das war Tapferkeit.
Etwas anderes beschäftigte ihn mehr.
Er schrieb:
[i]Das Licht kämpft.[/i]
Darunter setzte er nach kurzem Zögern eine zweite Zeile.
[i]Und etwas kämpft dagegen.[/i]
Mehr schrieb er nicht.
⸻
Als sie wieder auf dem Festland standen, fühlte sich die Welt verändert an, obwohl sie dieselbe geblieben war. Ihre Pferde warteten auf sie, Menschen gingen ihrer Arbeit nach und irgendwo stritt jemand laut darüber, wem ein beschädigtes Fass gehörte.
Tarion hörte es kaum.
Drei Schreine lagen hinter ihnen. Am ersten hatte etwas auf eine Wahrheit geantwortet. Am zweiten auf eine Entscheidung. Am dritten hatten sie zum ersten Mal gesehen, dass das Licht nicht einfach nur schwach war.
Es wurde zurückgehalten.
Vielleicht war es Tyrael. Noch immer wollte Tarion aus Hoffnung keine Gewissheit machen. Doch irgendetwas befand sich jenseits dessen, was sie sehen konnten, und irgendetwas anderes wollte nicht, dass sie es erreichten.
Tarion dachte an die Stimme.
[i]Weiter.[/i]
Er hätte dieses Wort nicht gebraucht, um am nächsten Morgen wieder aufzubrechen. Das wusste er jetzt mit einer Gewissheit, die nichts mit dem Schrein zu tun hatte. Er wäre auch weitergegangen, wenn Tyrael erneut geschwiegen hätte.
Aber es tat gut, es gehört zu haben.
Vielleicht war das der Unterschied zwischen Glauben und Gewissheit. Tarion brauchte keine Antwort, um Tyrael zu folgen.
Doch auch ein Paladin durfte hoffen, dass sein Gott ihn noch hören konnte.
Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Reise hatten sie mehr gefunden als Hoffnung. Sie hatten einen Grund, sich zu fürchten – und einen ersten Hinweis darauf, dass ihre Furcht vielleicht berechtigt war.
Tarion hatte nie geglaubt, dass Tapferkeit bedeutete, keine Angst zu haben.
Tapferkeit begann dort, wo die Angst einen Menschen aufforderte stehenzubleiben – und er trotzdem den nächsten Schritt tat.