Zwei Männer ohne Sippe [Entnstehung Hrafnheim]

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Neue Dächer neue Wege

von Torfin Gomirsson » 21 Sep 2026, 09:28

Der nächste Morgen begann ungewöhnlich ruhig. Skar war schon früh aufgebrochen, denn die Jagd hatte gerufen. Wie es eben seine Art war, hatte er nicht lange darüber nachgedacht, seine Waffen genommen und war verschwunden. Torfin dagegen war geblieben. Das Dorf wartete schließlich noch immer auf sie, und es gab mehr als genug zu tun, wenn aus den verfallenen Hütten irgendwann wieder eine richtige Siedlung werden sollte.

Mit der Axt über der Schulter ging er von Gebäude zu Gebäude und nahm sich eines nach dem anderen vor. Hier musste ein morscher Balken ersetzt werden, dort fehlten Bretter an einer Wand und bei einem anderen Haus hing die Tür noch immer schief in den Angeln. Torfin stellte die Axt beiseite und stemmte einen schweren Balken an seinen Platz. Das Holz war widerspenstig und wollte sich zunächst keinen Fingerbreit bewegen, doch nach einigen Versuchen saß es schließlich dort, wo es hingehörte. „Wenn Skar das sieht, behauptet er am Ende wieder, er hätte das alles alleine gemacht“, murmelte Torfin und griff nach seiner Axt. „Dann kann er beim nächsten Mal auch alleine arbeiten.“ Mit einem kräftigen Schlag trieb er einen Holzkeil fest und trat anschließend ein paar Schritte zurück, um sein Werk zu begutachten.

Nicht schlecht, dachte er. Je länger er darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihm, wie sehr sich der Ort bereits verändert hatte. Wo vor kurzem noch halb verfallene Hütten gestanden hatten, entstanden langsam wieder richtige Häuser. Aus Schutt waren Wege geworden, aus morschen Balken neue Wände, und selbst die Dächer begannen wieder danach auszusehen, als könnten sie einem ordentlichen Sturm standhalten. Noch war vieles zu tun, doch das Dorf wirkte nicht länger wie ein Ort, den man längst aufgegeben hatte. Es bekam langsam wieder Leben. Vielleicht würde man es irgendwann sogar Heimat nennen können.

Während Torfin weiterarbeitete, wanderte sein Blick irgendwann hinüber in Richtung Cove. Dort war Bewegung zu erkennen, und nicht weit entfernt stand das Haus, das offenbar für die Zwergin bestimmt war. Torfin hielt kurz inne und beobachtete die Gegend. Ein breites Grinsen zog über sein Gesicht, als ihm klar wurde, was das bedeutete. Offenbar hatte die Zwergin ihre Entscheidung getroffen. Alles sah danach aus, als wollte sie tatsächlich bleiben und sich der Sippe anschließen.

„Na, sieh einer an“, sagte er leise und schüttelte zufrieden den Kopf. „Wusste ich doch.“

Viel mehr Gedanken machte er sich darüber nicht. Wenn sie kommen wollte, würde sie kommen, und wenn sie blieb, würde sie ihren Platz finden. Für Torfin war die Sache damit eigentlich schon entschieden. Er nahm seine Axt wieder auf und machte sich an die nächste Arbeit. „Dann haben wir wohl bald einen weiteren Grund, hier Ordnung reinzubringen.“ Viel weiter musste er dafür nicht gehen, denn auch Meridon und Travan waren längst damit beschäftigt, die Siedlung wieder aufzubauen. Die beiden Barbaren hatten sich ihre eigenen Baustellen gesucht und arbeiteten an weiteren Gebäuden. Torfin beobachtete sie einen Moment lang, während er einen neuen Balken anhob. „Die beiden sind wenigstens zu gebrauchen“, brummte er. „Wenn sie nur nicht jedes Mal so aussehen würden, als wollten sie das Haus gleich mit den Händen auseinanderreißen.“

Ob sie ihn gehört hatten, wusste er nicht, und eigentlich war es ihm auch egal. Die beiden arbeiteten weiter und Torfin ebenso. Stunde um Stunde verging, während Balken eingesetzt, Bretter angenagelt und Dächer ausgebessert wurden. Die Arbeit war anstrengend und hinterließ ihre Spuren, doch mit jedem Handgriff verschwand ein wenig mehr von dem alten Verfall. Langsam bekam die Siedlung wieder Struktur. Die Wege wurden begehbar, die Häuser stabiler und zwischen all dem alten Holz und dem neuen Baumaterial konnte man immer deutlicher erkennen, was hier einmal entstehen könnte.

Als die Sonne bereits tiefer stand und das Licht lange Schatten zwischen den Häusern warf, hörte Torfin schließlich Schritte hinter sich. Er richtete sich auf und drehte sich um. Skar war zurückgekehrt und trug seine Beute über der Schulter. Dem Gewicht nach zu urteilen, hatte sich die Jagd durchaus gelohnt. Torfin ließ seinen Blick über den Haufen wandern und konnte sich einen trockenen Kommentar nicht verkneifen. „Du hast tatsächlich etwas mitgebracht.“ Skar grinste. „Du klingst überrascht.“ Torfin schnaubte. „Ich hatte eher damit gerechnet, dass du den halben Wald verprügelst und trotzdem mit leerem Magen zurückkommst.“ Skar ließ die Beute fallen und grinste noch breiter. „Ich kann eben mehr, als nur große Sprüche machen.“ Torfin betrachtete die Beute noch einmal und nickte widerwillig. „Das muss ich dir wohl lassen.“

Skar deutete auf das reparierte Gebäude hinter ihm. „Und du hast währenddessen nicht alles abgefackelt.“ Torfin sah ihn trocken an. „Nur weil du nicht da warst, heißt das nicht, dass ich plötzlich vernünftig werde.“ Skar lachte, und Torfin musste selbst kurz grinsen. Nach der langen Arbeit tat es gut, den anderen wieder vor sich zu haben. Für einen Moment standen sie einfach zwischen den halbfertigen Häusern und sahen sich an, bevor Torfin schließlich wieder an die Zwergin denken musste.

„Ich hab übrigens etwas gesehen“, sagte er.

Skar hob eine Augenbraue. „Was?“

Torfin deutete in Richtung Cove. „Die Zwergin.“

„Was ist mit ihr?“

„Sie scheint sich entschieden zu haben.“

Skar sah ihn fragend an. „Für was?“

Torfin grinste. „Für uns.“

Skar folgte seinem Blick und sah hinüber zu dem Haus. Einen Moment lang sagte er nichts, dann nickte er langsam. „Dann hat sie sich wohl entschieden.“

„Sieht ganz danach aus“, antwortete Torfin. Er lehnte sich kurz auf seine Axt und ließ den Blick über die Siedlung wandern. „Wir sollten bald noch einmal zu ihr.“

Skar sah ihn von der Seite an. „Um uns zu bedanken?“

„Auch.“ Torfin nahm die Axt wieder auf und legte sie sich über die Schulter. „Aber vor allem, um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine ist, wenn sie zur Sippe gehört.“

Skar nickte zustimmend. „Dann machen wir das.“

Torfin wollte noch etwas sagen, doch sein Blick fiel auf die Beute, die noch immer vor ihnen lag. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie hungrig er nach der langen Arbeit eigentlich war. „Aber zuerst wird gegessen.“ Skar grinste breit. „Endlich sagst du mal etwas Vernünftiges.“ Torfin schnaubte und wandte sich bereits der Beute zu. „Gewöhn dich nicht daran.“

Gemeinsam machten sie sich daran, die Beute ins Dorf zu bringen. Hinter ihnen standen die neuen Balken fest in den Häusern, während vor ihnen noch immer genug Arbeit lag, um sie für viele weitere Tage zu beschäftigen. Trotzdem war die Veränderung inzwischen nicht mehr zu übersehen. Das Dorf war längst nicht mehr der verlassene Ort, den sie einst gefunden hatten. Überall zeugten neue Bretter, befestigte Wände und reparierte Dächer davon, dass hier wieder Leben entstand. Es würde noch lange dauern, bis alles fertig war, doch vielleicht war genau das der Punkt. Eine Heimat entstand nicht an einem einzigen Tag. Sie wuchs langsam, mit jeder Arbeit, die man hineinsteckte, und mit jedem Menschen, der sich entschied, zu bleiben.

Und irgendwo in Cove begann offenbar ebenfalls ein neues Kapitel. Die Zwergin hatte ihre Entscheidung getroffen, und wenn sie tatsächlich bei der Sippe bleiben wollte, würde sie ihren Platz unter ihnen finden. Torfin war sich jedenfalls sicher, dass sie dabei nicht alleine sein würde. Dafür hatte die Sippe inzwischen zu viel gemeinsam erlebt, und vielleicht war genau das der Anfang von etwas Neuem.

Ein letzter Blick zurück

von Quindra Obrynn » 20 Sep 2026, 15:46

Quindra hatte in den vergangenen Tagen häufiger über das Angebot der beiden Nordmänner nachgedacht, als ihr lieb war. Eigentlich hatte sie sich in Cove nur niedergelassen, weil es dort ruhig gewesen war. Ein brauchbares Haus, ordentlich Stein unter den Füßen und ein Wald in der Nähe, in dem sie ihrer Arbeit nachgehen konnte. Mehr hatte sie nicht gesucht, als sie Düsterhafen den Rücken gekehrt hatte. Doch inzwischen ertappte sie sich immer häufiger bei dem Gedanken, dass aus diesem praktischen Rückzugsort vielleicht tatsächlich ein Heim werden könnte.

In Düsterhafen hatte sie sich nie wirklich heimisch gefühlt. Neben dem allgegenwärtigen Dreck, dem Lärm und den häufigen Bränden hatte dort stets eine merkwürdige Präsenz über der Stadt gelegen. Irgendjemand schien immer Gehorsam zu erwarten, als müsse man sich allein für die Erlaubnis, dort zu leben, einem fremden Willen unterwerfen. Quindra hatte nie verstanden, weshalb sich die Bewohner das gefallen ließen. Sie war eine Zwergin, hatte ihre eigenen zwei Hände und wusste durchaus, wie man sich ein Dach über dem Kopf errichtete. Wozu sollte sie sich also einem selbsternannten Herrn beugen, der ihr nichts zu bieten hatte, was sie nicht auch selbst erreichen konnte?

In Cove war das anders. Die beiden langen Kerle waren zwar laut, ungewaschen und bei ihren Bauarbeiten gelegentlich eine Gefahr für jedes halbwegs anständige Stück Holz, aber sie hatten ihr einen Platz unter ihnen angeboten, ohne dafür Gehorsam einzufordern. Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, nicht mehr nur an einem Ort zu wohnen, sondern irgendwo dazuzugehören.

Zuvor gab es allerdings noch etwas zu erledigen. In ihrem alten Haus in den Slums von Düsterhafen lagen noch einige Vorräte, die sie bei ihrem Aufbruch zurückgelassen hatte. Damals hatte sie nicht gewusst, ob sie dauerhaft fortbleiben würde, und entsprechend nur das Nötigste mitgenommen. Inzwischen waren ihre Holzlager durch die großzügige Abgabe an die neuen Nachbarn deutlich geschrumpft, und auch einige ihrer übrigen Vorräte konnten eine Auffüllung vertragen. Ein letzter Besuch in Düsterhafen würde sich also durchaus lohnen.


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Am nächsten Morgen machte sich Quindra auf den Weg. Sie wählte den Pfad durch den Wald, der sie abseits der größeren Straßen nach Düsterhafen führen würde. Es war ein angenehmer Weg, auf dem sie nur selten anderen Reisenden begegnete. Außerdem konnte sie unterwegs nach brauchbarem Holz Ausschau halten, auch wenn sie dieses Mal nicht vorhatte, einen halben Wald mit nach Hause zu schleppen.

In der Nähe des Friedhofs wurde der Wald lichter, und zwischen den Baumwipfeln zeichnete sich der alte Turm ab. Quindra kannte das Bauwerk nur zu gut, auch wenn sie sich stets bemüht hatte, seinem Bewohner aus dem Weg zu gehen. Dort lebte ein alter Magier, der sich offenbar noch immer für eine bedeutende Persönlichkeit hielt und dessen Vorstellungen von Besitz und Herrschaft weit über die Mauern seines Turmes hinausreichten. Soweit Quindra wusste, beanspruchte er nicht weniger als die gesamte Stadt Düsterhafen für seine Magierschaft und damit letztlich für sich selbst.

Dabei hatte sie schon lange keinen anderen Angehörigen dieser angeblich so bedeutenden Gemeinschaft mehr gesehen. Vielleicht gab es sie noch irgendwo, vielleicht auch nicht. Der alte Magier jedenfalls schien sich daran nicht zu stören. Er sprach und gebärdete sich weiterhin, als stünden hinter ihm ganze Reihen gehorsamer Gefolgsleute, die nur auf seinen Befehl warteten. Quindra hatte nie das Bedürfnis verspürt, herauszufinden, wie viel davon tatsächlich der Wahrheit entsprach. Sie hatte genug mit ihrem eigenen Leben zu tun und wenig Interesse daran, sich mit einem alten Mann zu streiten, der offenbar Schwierigkeiten hatte, zwischen vergangenen Zeiten und der Gegenwart zu unterscheiden.

Als sie den Turm zwischen den Bäumen erblickte, hielt sie sich deshalb wie gewohnt an den schmaleren Pfad und machte einen großzügigen Bogen um das Gelände. Sollte der Alte doch seinen Turm behalten und darin von vergangenen Tagen träumen. Sie wollte lediglich ihre Vorräte holen und anschließend wieder verschwinden.

In Düsterhafen angekommen, führte ihr Weg sie ohne größere Umwege in die Slums, wo ihr altes Haus noch immer stand. Es hatte sich wenig verändert. Der vertraute Geruch der Stadt hing zwischen den Gebäuden, und auf den Straßen herrschte derselbe geschäftige Lärm, den sie so wenig vermisst hatte. Quindra schloss die Tür auf, betrachtete einen Augenblick lang die Räume und machte sich anschließend daran, alles zusammenzusuchen, was sie noch gebrauchen konnte. Werkzeuge, einige haltbare Lebensmittel, persönliche Habseligkeiten und verschiedene Materialien fanden ihren Weg in mehrere große Bündel.

Als sie schließlich vor ihrem Gepäck stand, musste sie sich eingestehen, dass selbst eine Zwergin mit zwei kräftigen Armen nicht alles auf einmal tragen konnte. Also besorgte sie sich bei einem Händler ein Packlama, das ihre Vorräte künftig transportieren sollte. Das Tier betrachtete sie zunächst mit einem wenig begeisterten Blick, ließ sich aber schließlich geduldig beladen. Quindra war gerade damit beschäftigt, die letzten Bündel ordentlich zu verzurren, als sie in der Nähe ein Gespräch aufschnappte, das ihre Aufmerksamkeit erregte.

Offenbar war in Düsterhafen etwas geschehen, das selbst die sonst so geschwätzigen Bewohner der Stadt in Aufregung versetzt hatte. Der alte Magier aus dem Turm sollte verschwunden sein. Einige behaupteten, er habe endgültig den Verstand verloren und begonnen, sämtliche Besitztümer seiner Gilde aus den Fenstern zu werfen. Andere wollten sogar wissen, dass er sich am Ende selbst in die Tiefe gestürzt hatte. Wieder andere vermuteten, dass er lediglich geflohen war, nachdem sein letzter Versuch, die alten Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten, gescheitert war.

Quindra hörte sich die unterschiedlichen Geschichten an, ohne sich an den Gesprächen zu beteiligen. Was davon stimmte, konnte sie nicht beurteilen, und sie hatte auch nicht vor, den Gerüchten hinterherzulaufen. Bemerkenswert war allerdings, dass sich die Leute in einem Punkt einig zu sein schienen: Der Schrecken von Düsterhafen war fort. Manche sprachen es noch vorsichtig aus, andere bereits mit unverhohlener Erleichterung. Es war, als hätte jemand eine schwere Last von der Stadt genommen, deren Gewicht vielen erst jetzt bewusst wurde.

Quindra zog die Gurte am Gepäck ihres Lamas ein letztes Mal fest und betrachtete die Straße, die aus den Slums hinausführte. Vielleicht würde Düsterhafen eines Tages tatsächlich ein angenehmerer Ort werden. Für sie selbst kam diese Veränderung allerdings zu spät. Ihre Entscheidung war längst gefallen, und sie hatte nicht vor, sich noch einmal in dieser Stadt niederzulassen.


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Auf dem Rückweg entschied sich Quindra gegen den Waldpfad. Stattdessen nahm sie die Umgehungsstraße, die sie unmittelbar am Gelände des alten Magierturmes vorbeiführen würde. Ein wenig Neugier konnte sie sich schließlich zugestehen, und wenn die Gerüchte stimmten, gab es ohnehin keinen Grund mehr, einen großen Bogen um das Bauwerk zu machen.

Schon aus einiger Entfernung erkannte sie, dass sich dort tatsächlich etwas verändert hatte. Die Fenster standen teilweise offen, und auf dem Gelände lagen Gegenstände verstreut, die offenbar aus dem Turm geworfen worden waren. Von seinem Bewohner fehlte jede Spur. Quindra hielt ihr Lama an und betrachtete das Durcheinander, das sich vor ihr ausbreitete.

Sie hatte erwartet, zumindest einige wertvolle Gegenstände zu entdecken. Immerhin hatte der alte Magier sich stets auf die Größe seiner Gilde und die Bedeutung vergangener Tage berufen. Stattdessen lagen dort zerbrochene Möbel, verschlissene Stoffe, beschädigte Bücher und allerlei Plunder, den selbst ein wenig anspruchsvoller Trödler vermutlich nur widerwillig angenommen hätte. Es sah weniger nach den Hinterlassenschaften einer mächtigen Magierschaft aus als nach dem ausgeräumten Haus eines alten Gerümpelsammlers, der sich über viele Jahre von nichts hatte trennen können.

Quindra betrachtete die verstreuten Habseligkeiten und schüttelte langsam den Kopf. Vielleicht hatte der Alte tatsächlich einmal über Einfluss und Macht verfügt. Vielleicht hatte seine Gilde früher eine bedeutende Rolle in Düsterhafen gespielt. Doch irgendwann schien aus der Erinnerung an diese Zeit der feste Glaube geworden zu sein, dass sich daran niemals etwas ändern könnte. Offenbar hatte er sich seine eigene Bedeutung so lange eingeredet, bis er selbst nicht mehr zwischen dem unterscheiden konnte, was einmal gewesen war, und dem, was tatsächlich noch existierte.

Das eigentlich Erstaunliche daran war für Quindra allerdings, wie lange die übrigen Bewohner diesen Anspruch hingenommen hatten. Ein alter Mann in einem großen Turm hatte offenbar genügt, um einer ganzen Region das Gefühl zu vermitteln, noch immer unter seiner Herrschaft zu stehen. Nun war er verschwunden, und plötzlich schien von dieser vermeintlichen Macht kaum mehr übrig zu sein als ein leerer Turm und ein Haufen wertlosen Gerümpels.

Das Grundstück selbst war dagegen durchaus beeindruckend. Der Turm erhob sich weithin sichtbar über die Umgebung, und das weitläufige Gelände bot reichlich Platz für jemanden, der daraus etwas Vernünftiges machen wollte. Quindra konnte sich kaum vorstellen, dass ein solcher Ort lange ungenutzt bleiben würde. Irgendjemand würde früher oder später erkennen, welches Potenzial hier brachlag, und vielleicht würde dann etwas entstehen, das der Größe des Bauwerks tatsächlich gerecht wurde.

Sie betrachtete den Turm noch einen Augenblick lang, ehe sie ihr Lama am Führstrick weiterzog. Was aus dem alten Magier geworden war, würde sie vermutlich nie erfahren. Vielleicht war er tot, vielleicht saß er irgendwo in einem anderen Turm und erzählte bereits dem nächsten armen Tropf von seiner einstigen Größe. Für Quindra machte das keinen Unterschied. Sie hatte ihr Gepäck, ein neues Heim und inzwischen sogar ein paar Nachbarn, die sie möglicherweise irgendwann als Freunde bezeichnen würde.

Als sie schließlich Cove erreichte, führte sie das Lama nicht etwa zu ihrem Verschlag im Wald, sondern nahm den Weg direkt in die Stadt. Zwischen den inzwischen deutlich aufgeräumteren Gebäuden hindurch steuerte sie auf ihr eigentliches Haus am Berg zu, das sich noch immer unscheinbar zwischen Fels und Bewuchs verbarg.

Quindra betrachtete im Vorbeigehen die Fortschritte, die ihre neuen Nachbarn bei ihren Bauarbeiten gemacht hatten. An einigen Stellen sah es tatsächlich schon recht ordentlich aus, auch wenn sie bei einem frisch ausgebesserten Dach noch immer gewisse Zweifel an dessen langfristiger Standfestigkeit hegte. Sie würde sich das bei Gelegenheit genauer ansehen müssen, bevor einer der langen Kerle darunter begraben wurde.

Vor ihrer Haustür blieb sie stehen und begann, die ersten Bündel vom Rücken des Lamas zu lösen. Während sie ihre Vorräte ins Haus trug, fiel ihr Blick noch einmal über die Dächer von Cove und die bewaldeten Hügel dahinter.

Es war ein gutes Gefühl, wieder hier zu sein. Nicht nur, weil sie ihre Ruhe hatte oder weil der Wald gleich vor der Tür lag. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, an dem sie nicht nur bleiben konnte, sondern auch bleiben wollte.

Und vielleicht würde sie den beiden Nordmännern bei Gelegenheit tatsächlich sagen, dass sie ihr Angebot annahm. Vielleicht.

Große Kerle, offene Ohren

von Quindra Obrynn » 18 Sep 2026, 19:52

Quindra ließ die beiden zunächst reden. Das konnten sie ohnehin erstaunlich gut, wenn man bedachte, dass sie sich dabei mindestens genauso häufig gegenseitig beleidigten wie tatsächlich etwas Sinnvolles von sich zu geben. Sie stand mit verschränkten Armen vor ihnen und hörte sich an, was Torfin und Skar aus Cove machen wollten und was sie ihr dafür anboten.

Als sie schließlich fertig waren, wanderte Quindras Blick langsam von Torfin zu Skar und wieder zurück. Ihre Nase verzog sich ein wenig.

„Der Handel war Holz gegen Waschen.“

Sie ließ diese Feststellung einen Augenblick zwischen ihnen stehen. Das Holz hatten sie genommen. Reichlich sogar. Gewaschen sahen die beiden allerdings noch immer nicht aus. Quindra begann sich langsam zu fragen, warum ausgerechnet die größten Kerle offenbar immer am schlechtesten hörten.

„Holz habt ihr bekommen. Beim anderen Teil habt ihr wohl noch Arbeit vor euch.“

Ein leichtes Grinsen huschte über ihr Gesicht, ehe sie sich wieder dem eigentlichen Grund ihres Besuchs zuwandte. Ganz von der Hand weisen konnte sie das Angebot nämlich nicht. Quindra hatte lange genug allein gelebt, um die Vorteile daran zu kennen, aber eben auch die Nachteile. Niemand stellte Fragen und niemand mischte sich ein, doch wenn tatsächlich einmal etwas geschah, war eben auch niemand da. Ein wenig Rückhalt war vielleicht gar nicht so schlecht.

Außerdem schienen die Männer tatsächlich etwas aus Cove machen zu wollen. Sie redeten nicht nur davon, sondern arbeiteten daran, und das rechnete Quindra ihnen durchaus an. Dass sie dabei nicht immer wussten, was sie taten, war eine andere Sache. Einige ihrer Ausbesserungen hatte sie aus der Entfernung betrachtet und war sich nicht sicher gewesen, ob der ursprüngliche Bruch nicht die stabilere Variante gewesen war. Bei einem der Dächer hatte sie sogar eine ganze Weile überlegt, ob der Balken absichtlich so saß oder ob niemand den Mut gehabt hatte, dem Verantwortlichen zu sagen, dass Holz normalerweise eine tragende Funktion erfüllen sollte.

Quindra sah an den beiden vorbei in Richtung Cove und schmunzelte.

„Ich denk über euer Angebot nach. Etwas Rückhalt kann nicht schaden, und völlig unfähig scheint ihr ja nicht zu sein.“ Sie machte eine kurze Pause und musterte die beiden erneut. Ihr Blick blieb diesmal etwas länger auf Torfin liegen, ehe er zu Skar weiterwanderte.

„Einige von euren Reparaturen sehen allerdings schlimmer aus als das, was vorher kaputt war.“ Das Grinsen wurde ein wenig breiter.

„Da ist also noch viel Potenzial.“

Mehr Zusage würden sie für den Moment nicht bekommen. Aber Quindra musste sich eingestehen, dass ihr der Gedanke inzwischen weniger missfiel als noch vor einigen Tagen. Vielleicht war es tatsächlich nicht verkehrt, ein paar Leute in der Nähe zu haben, auf die man sich im Zweifel verlassen konnte.

Vorausgesetzt, man brachte ihnen irgendwann noch bei, sich zu pflegen.

Holz für die neue Heimat

von Torfin Gomirsson » 18 Sep 2026, 18:58

Torfin sah auf die sauber gestapelten Holzvorräte.

Dann sah er zu Skar.

„Das nehmen wir.“

Skar grinste.

„Siehst du? Ich wusste doch, dass unsere charmante Art irgendwann nützlich sein würde.“

Torfin schnaubte.

„Wenn das deine charmante Art ist, will ich deine unfreundliche nicht kennenlernen.“

„Die hast du doch schon kennengelernt.“

Torfin grinste.

„Stimmt.“

Sie nahmen das Angebot an und machten sich wieder auf den Weg zurück zu den anderen.

Hildir, der Wikinger und Seher, Meridon und Travan waren noch immer mit den Arbeiten beschäftigt.

Torfin deutete auf die Holzstapel.

„Wir haben Holz.“

Skar fügte hinzu:

„Genug, um endlich mit dem Reparieren fertig zu werden.“

Torfin sah zu den anderen Gebäuden.

„Dann verschwenden wir keine Zeit.“

Gemeinsam machten sie sich daran, das Holz zu holen.

Balken für Balken wurde zur Siedlung geschleppt.

Die Arbeit ging nun deutlich schneller voran.

Die beschädigten Dächer wurden ausgebessert.

Morsche Balken wurden ersetzt.

Türen wurden wieder eingesetzt.

Fensteröffnungen wurden repariert.

Wo Wände beschädigt waren, wurden neue Bretter eingesetzt.

Das Dorf begann sich zu verändern.

Es war noch immer alt.

Noch immer rau.

Noch immer weit davon entfernt, schön zu sein.

Aber es war kein verlassenes Dorf mehr.

Es begann wieder nach Leben auszusehen.

Torfin stand auf dem Dach eines Gebäudes und versuchte, einen Balken an die richtige Stelle zu bekommen.

Skar stand darunter.

„Links.“

Torfin schob den Balken.

„So?“

„Nein.“

„Rechts?“

„Nein.“

„Dann erklär mir doch mal, du großer Baumeister, wohin das Ding soll.“

Skar zeigte nach oben.

„Da.“

Torfin sah ihn an.

„Sehr genaue Anweisung.“

„Du hast doch Augen.“

„Ich hab auch Augen. Deshalb sehe ich ja, dass du keine Ahnung hast.“

Skar grinste.

„Setz den Balken einfach hin.“

Torfin stemmte sich dagegen.

„Wenn der runterkommt, erschlägt er dich.“

„Dann stell dich nicht darunter.“

„Ich stehe gar nicht darunter.“

Skar sah nach oben.

„Dann mach weiter.“

„Siehst du? Genau deshalb bist du ein schlechter Gesprächspartner.“

„Und du bist ein schlechter Handwerker.“

„Aber ein hervorragender Kritiker.“

„Das merkt man.“

Die Arbeit ging weiter.

Stunden vergingen.

Schließlich waren die schlimmsten Schäden beseitigt.

Die Dächer hielten wieder.

Die Türen standen gerade.

Die Balken saßen fest.

Und das Gebäude, das sie zu ihrem Mittelpunkt machen wollten, sah inzwischen beinahe so aus, als hätte es nie verlassen werden sollen.

Torfin betrachtete das Ergebnis.

„Nicht schlecht.“

Skar stellte sich neben ihn.

„Für zwei Kerle, die eigentlich nur einen Platz zum Schlafen gesucht haben.“

Torfin sah über die Siedlung.

„Vielleicht ist es mehr geworden.“

Skar schwieg kurz.

Dann nickte er.

„Vielleicht.“

Torfin sah ihn von der Seite an.

„Das war jetzt beinahe etwas Tiefgründiges.“

„Halt die Klappe.“

Torfin grinste.

„Da ist er wieder.“

Später machten sich Torfin und Skar erneut auf den Weg zu dem Haus am Rand der Siedlung.

Als sie dort ankamen, blieben sie vor der Tür stehen.

Torfin sah zu Skar.

„Wir sollten uns bedanken.“

Skar nickte.

„Ja.“

Torfin klopfte.

Als sie Gelegenheit dazu hatten, bedankten sie sich für das Holz.

Torfin sah anschließend über die Schulter zurück zur Siedlung.

„Du hast uns mehr gegeben als nur Holz.“

Skar nickte langsam.

„Das Holz hat uns geholfen, aus den alten Hütten wieder etwas zu machen.“

Torfin sah wieder nach vorn.

„Wir wollen hier nicht nur ein paar Häuser reparieren.“

Skar verschränkte die Arme.

„Wir wollen eine Sippe.“

Torfin nickte.

„Einen Ort, an dem keiner alleine sein muss.“

Skar sah kurz zur Siedlung.

„Wir wissen nicht, was du bisher hattest oder warum du hier alleine lebst. Und wir wollen es auch nicht wissen, wenn du es uns nicht erzählen willst.“

Torfin sprach ruhig weiter.

„Aber wir wissen, wie es ist, alleine durch die Welt zu ziehen.“

Skar schnaubte.

„Und glaub mir, alleine ist es manchmal verdammt langweilig.“

Torfin grinste.

„Vor allem, wenn man niemanden hat, den man beleidigen kann.“

„Deshalb hast du ja mich.“

„Leider.“

Skar stieß ihm leicht mit dem Ellenbogen gegen die Seite.

Torfin sah wieder nach vorn.

„Du könntest bei uns leben.“

„Mit uns arbeiten.“

„Mit uns feiern.“

„Und mit uns kämpfen, wenn es nötig wird.“

Torfin machte eine kurze Pause.

„Du hättest Schutz.“

Skar ergänzte:

„Sicherheit.“

Torfin nickte.

„Und Menschen, die neben dir stehen.“

Skar sah ihn an.

„Na ja. Uns.“

Torfin grinste.

„Das klingt jetzt nicht gerade beruhigend.“

„Mehr bekommst du nicht.“

Torfin schüttelte lachend den Kopf.

Dann wurde sein Gesicht wieder ernst.

„Du musst jetzt keine Antwort geben.“

Skar nickte.

„Aber du sollst wissen, dass die Tür offensteht.“

Torfin sah noch einmal über die Siedlung.

Die alten Häuser.

Die neuen Balken.

Das Feuer, das inzwischen wieder an einem der Gebäude brannte.

Der Ort war noch lange nicht fertig.

Aber er war auch nicht mehr tot.

Vielleicht war es noch kein Stamm.

Noch keine richtige Sippe.

Aber das Fundament war gelegt.

Und diesmal hatten sie nicht nur Holz gefunden.

Sie hatten einen Ort gefunden, an dem etwas Neues entstehen konnte.

Neue Nachbarn, altes Holz

von Quindra Obrynn » 09 Sep 2026, 21:52

Quindra hatte die beiden während ihrer Vorstellung schweigend betrachtet. Ihr Blick wanderte dabei immer wieder zwischen Torfin und Skar hin und her, während die beiden sich gegenseitig ins Wort fielen und offenbar keine Gelegenheit ausließen, den jeweils anderen zu beleidigen.

Zumindest wusste sie nun, wie die beiden hießen.

Schließlich trat sie ganz aus der Tür des Verschlags und hinaus ins Tageslicht. Was zuvor im Schatten der Hütte kaum auszumachen gewesen war, ließ sich nun nur schwer übersehen. Unter dem Tuch, das einen Teil ihres Kopfes bedeckte, zog sich vernarbte Haut über ihre Stirn und weit über die Kopfhaut. Wulstig und unregelmäßig zeugte sie von schweren Verbrennungen, die irgendwann verheilt waren, ohne viel Rücksicht darauf zu nehmen, was sie zurückließen.

Quindra selbst schien sich darum wenig zu kümmern. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und legte den Kopf etwas schief, als Torfin erklärte, dass sie in Cove eine Sippe aufbauen wollten. Bei der anschließenden Einladung verengten sich ihre Augen ein wenig. Sie sah erst Torfin an, dann Skar und schließlich an den beiden vorbei in Richtung Cove.

„Euch anschließen?“

So ganz verstand sie nicht, was die beiden eigentlich von ihr wollten. Sie lebte schließlich bereits hier. Lange bevor Torfin, Skar und der Rest ihres mittlerweile erstaunlich großen Haufens aufgetaucht waren. Sie hatte ein Haus, sie hatte ihre Arbeit und bis vor Kurzem hatte sie vor allem eines gehabt: ihre Ruhe.

Andererseits musste sie zugeben, dass Cove seit ihrer Ankunft besser aussah. Die beiden langen Kerle und ihre Gefährten hatten in wenigen Tagen mehr von dem alten Unrat beseitigt, als Quindra in den Monaten zuvor überhaupt zu beseitigen versucht hatte. Nicht, dass sie sich sonderlich darum bemüht hätte. Der Müll hatte sie nicht gestört, solange er weit genug von ihrem Haus entfernt lag.

Nun reparierten sie Dächer, richteten Häuser her und schienen tatsächlich etwas aus dem Ort machen zu wollen. Und bislang hatten sie weder versucht, ihr vorzuschreiben, was sie zu tun hatte, noch waren sie ihr anderweitig auf die Nerven gegangen. Vom Lärm einmal abgesehen.

Quindras Blick blieb schließlich an den Äxten der beiden hängen. Dann betrachtete sie ihre Kleidung etwas genauer. Staub, Schmutz und die deutlichen Spuren körperlicher Arbeit waren kaum zu übersehen.

„Ihr braucht Holz.“

Es klang weniger wie eine Frage als wie eine Feststellung.

Quindra deutete mit dem Kopf zu einer Seite der Lichtung. Zwischen den Bäumen waren weitere sauber aufgeschichtete Stapel zu erkennen, deutlich mehr, als sie allein in nächster Zeit benötigen würde.

„Hab genug.“

Sie musterte Torfin von unten bis oben und ließ ihren Blick anschließend zu Skar wandern. Bei Menschen musste man wirklich erstaunlich weit nach oben schauen. Noch dazu sahen beide aus, als hätte eine ordentliche Wäsche ihnen schon vor einigen Tagen gutgetan.

„Könnt ihr haben.“

Für einen Augenblick schwieg sie und betrachtete die beiden langen, unsauberen Kerle vor sich noch einmal. Vielleicht waren Nachbarn doch nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Diese beiden schienen zumindest nützlich zu sein.

„Wenn ihr euch vorher wascht.“

Ein kaum sichtbares Grinsen zuckte über ihr Gesicht.

Was es mit ihrem angeblichen Beitritt zu ihrer Sippe auf sich hatte, konnten sie ihr danach immer noch erklären.

Der neue Nachbar

von Torfin Gomirsson » 09 Sep 2026, 13:39

„Ihr seid weit von eurem Gerümpel weg.“

Torfin sah die Zwergin einen Moment lang an.

Dann wanderte sein Blick an ihr vorbei zur Hütte.

„Gerümpel?“

Skar stellte sich neben ihn und musterte den Eingang.

„Sie meint wahrscheinlich dich.“

Torfin drehte langsam den Kopf zu ihm.

„Mich?“

„Wer sonst?“

„Du bist derjenige, der aussieht wie ein Haufen Gerümpel.“

Skar schnaubte.

„Und du riechst auch so.“

Torfin wandte sich wieder der Zwergin zu.

„Wir haben tatsächlich angefangen, dort aufzuräumen.“

Skar verschränkte die Arme.

„Er sagt wir. Dabei habe ich den größten Teil gemacht.“

Torfin sah ihn von der Seite an.

„Du hast einen Baum gefällt.“

„Einen großen Baum.“

„Du hast ihn auch nur gefällt, weil ich dich ständig daran erinnert habe, wo du hinschlagen musst.“

Skar grinste.

„Und trotzdem steht der Baum nicht mehr.“

Torfin schüttelte den Kopf.

„Ein wahrer Held.“

Skar ignorierte den Spruch und sah wieder zur Zwergin.

„Wir wollten ohnehin mal sehen, wer hier sonst noch lebt.“

Torfin nickte.

„Wir sind dabei, das Dorf wieder herzurichten.“

Er machte eine kurze Pause.

„Oder zumindest versuchen wir es.“

Sein Blick wanderte erneut über die Hütte.

Sie wirkte nicht wie die verlassenen Häuser, die sie zuvor ausgeräumt hatten. Hier war deutlich zu erkennen, dass jemand den Ort benutzte.

Torfin deutete mit dem Kinn auf die Hütte.

„Du wohnst hier?“

Skar warf ihm einen kurzen Blick zu.

„Was für eine Frage.“

„Was?“

„Wenn sie hier die Tür aufmacht, wird sie wohl kaum wegen der Aussicht darin stehen.“

Torfin verzog das Gesicht.

„Ich wollte höflich sein.“

„Das war höflich?“

„Für meine Verhältnisse.“

„Dann solltest du vielleicht aufhören, dich anzustrengen.“

Torfin grinste.

„Du bist heute besonders klug.“

„Ich hatte Frühstück.“

„Was?“

„Dich.“

Torfin lachte kurz auf.

Dann wandte er sich wieder der Zwergin zu.

„Wie auch immer.“

Er deutete mit einer Hand in Richtung des Dorfes.

„Wir sind Torfin Gomirsson und das hier ist Skar Veldirsson.“

Skar hob leicht die Hand.

„Der mit der Axt.“

Torfin sah ihn an.

„Das grenzt dich nicht besonders ein.“

„Dann der mit der besseren Axt.“

„Jetzt lügst du.“

Skar grinste.

Für einen Moment standen die beiden einfach dort.

Hinter ihnen lag das Dorf, das langsam wieder Gestalt annahm. Noch immer war vieles kaputt. Noch immer lagen überall Bretter und Holz herum. Aber die ersten Veränderungen waren deutlich zu sehen.

Torfin sah kurz zurück.

„Wir wollen hier bleiben.“

Skar nickte.

„Und nicht nur für ein paar Tage.“

Torfin fuhr fort.

„Wir bauen hier etwas auf.“

Er suchte kurz nach den richtigen Worten.

„Eine Sippe.“

Skar ergänzte trocken:

„Einen Stamm.“

Torfin sah ihn an.

„Das war mein Satz.“

„Jetzt ist er besser.“

„Du bist unglaublich.“

„Ich weiß.“

Torfin schüttelte den Kopf.

Dann wandte er sich wieder der Zwergin zu.

„Wir haben noch viel zu tun.“

Sein Blick ging über die Hütte und zurück zum Dorf.

„Und wir können jede Hand gebrauchen.“

Skar trat einen Schritt vor.

„Wenn du schon hier wohnst, kannst du genauso gut mit anpacken.“

Torfin hob eine Augenbraue.

„Das klingt fast wie eine Einladung.“

„War es auch.“

„Von dir?“

„Mach es nicht kaputt.“

Torfin grinste.

Dann sah er wieder zur Zwergin.

„Also.“

Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter in Richtung des Dorfes.

„Wir bauen dort gerade unsere neue Heimat auf.“

Skar nickte.

„Und daraus soll unser Stamm werden.“

Torfin sah die Zwergin direkt an.

„Willst du dich uns anschließen?“

Skar setzte nach:

„Und beim Aufbau helfen?“

Die beiden warteten.

Zum ersten Mal seit langer Zeit war es für einen Moment still zwischen Torfin und Skar.

Hinter ihnen knarrte irgendwo altes Holz im Wind.

Vor ihnen stand die Zwergin.

Und irgendwo zwischen einem verlassenen Dorf, zwei sturen Wikingern und einer einfachen Frage begann etwas zu wachsen, von dem keiner der beiden noch wusste, wie groß es einmal werden würde.

Begrüßungen

von Quindra Obrynn » 08 Sep 2026, 13:45

Quindra hatte sich mit den neuen Nachbarn noch immer nicht angefreundet. Allerdings musste sie ihnen inzwischen zugestehen, dass ihre Anwesenheit nicht ausschließlich Nachteile hatte.

Sie waren laut. Daran bestand kein Zweifel. Außerdem waren aus den beiden Männern inzwischen mehr geworden, was Quindra zunächst mit einigem Misstrauen beobachtet hatte. Andererseits taten sie etwas, das sie deutlich weniger störte als erwartet: Sie arbeiteten.

Der alte Unrat verschwand nach und nach aus Cove, Dächer wurden ausgebessert und Gebäude, die seit Jahren langsam vor sich hin verfielen, wurden wieder hergerichtet. Selbst einige der Wege waren inzwischen besser begehbar. Quindra hatte nicht vor, ihnen dafür auf die Schulter zu klopfen, aber wenn die Männer tatsächlich vorhatten, Cove wieder herzurichten, konnten sie von ihr aus damit weitermachen.

Vor allem ließen sie sie in Ruhe.

Ihr eigentliches Haus hatten sie offenbar noch immer nicht entdeckt. Es lag am Berg, etwas abseits der übrigen Gebäude und gut genug zwischen Fels und Bewuchs verborgen, dass ein Fremder leicht daran vorbeisehen konnte. Zwar hatte Quindra das Haus etwas besser gegen Wind & Wetter geschützt, allerdings sah es von außen weiter unbewohnt aus und von Wind und Wetter angegriffen. Sie hatte keinen Anlass gesehen, daran etwas zu ändern. Sie wusste, dass die Männer da waren, und die Männer wussten nicht, dass sie da war. Eine durchaus angenehme Form der Nachbarschaft.

Dass Skar inzwischen ihren Verschlag im Wald gefunden hatte, wusste sie dagegen nicht.

Quindra nutzte ihn schon länger, wenn sie weiter draußen Holz schlug. Der Weg zurück nach Cove lohnte sich nicht immer, insbesondere wenn sie mehrere Tage in demselben Teil des Waldes arbeitete. Also hatte sie irgendwann die alte Hütte hergerichtet. Ein trockenes Dach, ein Bett, Feuerholz und etwas Essbares waren allemal besser, als jede Nacht unter einem Baum zu schlafen. Mit der Zeit war aus der einfachen Unterkunft ein erstaunlich brauchbarer kleiner Rückzugsort geworden.

An diesem Tag hatte sie sich gerade dort aufgehalten und ihre Sachen zusammengesucht, als es an der Tür klopfte.

Quindra hielt inne.

Noch einmal klopfte es.

Sie sah zur Tür, dann zu ihrer Axt. Eigentlich hatte sie gehofft, diesen Teil des Waldes noch eine Weile für sich zu haben. Offenbar war das zu viel verlangt gewesen.

Mit einem leisen Brummen griff sie nach der Axt, allerdings nur, um sie sich über die Schulter zu hängen. Wer auch immer dort draußen stand, hatte immerhin geklopft. Das sprach zumindest dafür, dass er nicht vollkommen unzivilisiert war.

Als Quindra schließlich die Tür öffnete und die beiden Männer davor erkannte, betrachtete sie Torfin und Skar einen langen Augenblick schweigend. Ihr Blick wanderte von dem einen zum anderen, blieb kurz an ihren Waffen hängen und kehrte schließlich zu ihren Gesichtern zurück.

Natürlich, ausgerechnet die Nachbarn.

„Ihr seid weit von eurem Gerümpel weg.“

Es war keine besonders freundliche Begrüßung. Allerdings auch keine feindselige und für Quindra war das ein fast liebreizender Anfang.

Alte Balken und neue Gesichter

von Torfin Gomirsson » 08 Sep 2026, 12:43

Der Morgen war noch jung, als Torfin und Skar wieder damit begannen, sich über die Arbeit herzumachen.

Das Dorf hatte ihnen über Nacht nicht verziehen, dass sie beschlossen hatten, es wieder bewohnbar zu machen.

Im Gegenteil.

Je genauer sie hinsahen, desto mehr Arbeit schien vor ihnen zu liegen.

Überall lagen alte Bretter, zerbrochene Kisten und verrotteter Unrat herum. An manchen Stellen hatten sich über die Jahre ganze Müllhaufen gebildet. Fässer standen schief an den Häusern oder lagen halb vergraben im Gras.

Torfin betrachtete einen besonders großen Haufen.

„Das war bestimmt dein Haus.“

Skar sah ihn an.

„Dann hast du ja endlich einen Ort gefunden, der zu dir passt.“

„Stimmt. Aber dafür stinkt er nicht genug.“

Skar schnaubte und packte das nächste Fass.

„Red weniger. Trag mehr.“

„Du bist doch der Starke.“

„Und du bist doch der Dumme. Trotzdem muss ich beides alleine machen.“

Torfin grinste.

„Dann sind wir ja ein gutes Paar.“

Skar warf ihm das Fass vor die Füße.

„Trag.“

Während die beiden sich gegenseitig beleidigten, waren inzwischen noch weitere Hände hinzugekommen.

Hildir, ein Seher, hatte sich ihnen angeschlossen. Er hielt sich beim Arbeiten eher im Hintergrund und betrachtete das Treiben oft mit einem Blick, als würde er Dinge sehen, die den anderen verborgen blieben.

Auch Meridon und Travan, zwei kampferprobte Barbaren und Krieger, waren inzwischen bei ihnen.

Viel wurde darüber nicht gesprochen.

Sie waren einfach da.

Und sie halfen.

Was für Torfin ohnehin die bessere Art war, jemanden kennenzulernen.

Wer anpackte, war willkommen.

Wer nur redete, konnte wieder gehen.

So wuchs die kleine Gruppe langsam, ohne dass einer von ihnen es groß bemerkte.

Gemeinsam räumten sie die alten Müllhaufen beiseite, schleppten zerbrochene Bretter fort und schafften die alten Fässer aus dem Weg.

Es dauerte Stunden.

Schweiß rann ihnen über die Gesichter.

Die Hände wurden rau.

Die Kleidung war bald voller Staub.

Aber mit jedem Haufen, der verschwand, und jedem Brett, das wieder einen sinnvollen Platz bekam, begann das Dorf ein wenig weniger verlassen auszusehen.

Besonders das Gebäude, das sie zu ihrem Mittelpunkt machen wollten, verlangte nach Arbeit.

Das Dach war an mehreren Stellen beschädigt.

Einige Balken waren morsch.

Die Tür hing schief in den Angeln.

Torfin stand davor und betrachtete das Gebäude lange.

„Wir brauchen neue Balken.“

Skar wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Dann fäll einen Baum.“

Torfin sah ihn an.

„Du hast doch die Axt.“

„Du hast doch zwei Hände.“

„Du hast doch zwei Hände und eine Axt.“

„Und du hast doch eine große Klappe.“

Torfin grinste.

„Die hat bisher auch immer gereicht.“

Skar hob seine Axt.

„Na schön.“

Nicht weit vom Gebäude stand ein kräftiger Baum.

Alt genug, um gutes Holz zu liefern, aber noch fest genug, um als Balken zu dienen.

Skar stellte sich davor.

Torfin trat neben ihn.

„Wenn du den jetzt nicht triffst, erzähl ich allen, du hättest den Baum absichtlich verschont.“

Skar holte aus.

„Wenn ich treffe, fällst du gleich mit.“

Die Axt schlug ins Holz.

Krach.

Torfin nickte anerkennend.

„Gar nicht schlecht für einen Mann, der aussieht, als hätte er mit einer Tür gekämpft und verloren.“

Skar zog die Axt aus dem Stamm.

„Noch ein Spruch.“

„Nur einer?“

Wieder krachte die Axt in das Holz.

Und wieder.

Und wieder.

Nach einer Weile begann der Baum sich zu neigen.

Torfin trat zurück.

„Da kommt er.“

„Wohin?“

„Auf dich.“

„Halt die Klappe.“

Der Baum krachte zu Boden.

Staub und Blätter wirbelten auf.

Torfin grinste.

„Siehst du? Ich hab’s doch gesagt.“

Skar sah ihn finster an.

„Irgendwann hau ich dir die Axt zwischen die Zähne.“

„Dann musst du mich erst fangen.“

So ging es weiter.

Arbeit.

Beleidigungen.

Lachen.

Arbeit.

Und dazwischen immer wieder das Knacken von Holz und das Schlagen von Äxten.

Doch während Skar sich vollkommen in die Arbeit stürzte, war Torfin ungewöhnlich still geworden.

Er half.

Er trug.

Er schleppte.

Er fällte Holz.

Aber sein Blick wanderte immer wieder zu einem Haus am Rand der Siedlung.

Skar bemerkte es natürlich.

Er wusste genau, warum Torfin dorthin sah.

Schließlich hatte Skar den Nachbarn bereits zuvor entdeckt und Torfin davon erzählt.

„Was glotzt du da dauernd hin?“

Torfin antwortete zunächst nicht.

„Nichts.“

Skar hob eine Augenbraue.

„Du bist ein miserabler Lügner.“

„Und du bist ein miserabler Krieger.“

„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“

Torfin sah wieder zu dem Haus.

„Du hast gesagt, da wohnt jemand.“

Skar nickte.

„Hab ich.“

„Und du bist dir sicher?“

„Ziemlich.“

Torfin schwieg einen Moment.

„Dann sollten wir vielleicht hingehen.“

Skar legte die Axt beiseite.

„Das wollte ich sowieso.“

Torfin sah ihn an.

„Und wenn er uns nicht mag?“

Skar zuckte mit den Schultern.

„Dann sind wir schon zwei.“

Torfin grinste.

„Stimmt.“

Sie ließen die anderen bei der Arbeit zurück und machten sich auf den Weg.

Je näher sie dem Haus kamen, desto ruhiger wurde Torfin.

Kein Spruch.

Keine Beleidigung.

Kein Grinsen.

Skar bemerkte es.

„Was ist los?“

„Nichts.“

„Schon wieder?“

Torfin sah ihn von der Seite an.

„Wenn du weiter fragst, ist bald etwas los.“

Skar lachte leise.

„Da ist er ja wieder.“

Sie erreichten die Tür.

Torfin blieb davor stehen.

Einen Moment lang sagte keiner etwas.

Dann sah Skar zu ihm.

„Na los.“

Torfin hob die Hand.

Klopf. Klopf.

Beide warteten.

Einen Augenblick lang geschah nichts.

Torfin und Skar sahen sich an.

Dann klopfte Torfin ein zweites Mal.

Klopf.

Und hinter der Tür regte sich etwas.

Mehr Nachbarschaft als geplant

von Skar Veldirsson » 07 Sep 2026, 18:45

Skar hatte in seinem Leben schon genug Häuser gesehen. Große, kleine, prächtige und solche, bei denen man sich fragte, wie sie überhaupt noch standen. Die Häuser in Cove gehörten anfangs eindeutig zur letzten Sorte. Viel war verfallen, manches kaum noch zu retten und bei einigen Hütten hatte Skar den Eindruck, dass ein kräftiger Windstoß genügte, um sie endgültig dem Erdboden gleichzumachen.

Doch langsam änderte sich das. Skar stand mitten auf dem Dorfplatz und ließ den Blick über die Siedlung schweifen. Noch immer gab es genug zu tun. Einige Dächer waren undicht, hier und da lag Gerümpel herum und an manchen Stellen musste erst einmal Platz geschaffen werden, bevor überhaupt daran zu denken war, etwas Neues zu bauen. Trotzdem sah Cove bereits anders aus als noch vor wenigen Tagen. Ein paar der Häuser waren hergerichtet, die Wege zumindest halbwegs begehbar und aus einem der Schornsteine stieg inzwischen regelmäßig Rauch auf.

Ihr Rauch.

Skar musste bei dem Gedanken leicht grinsen. Es war noch lange kein richtiges Dorf, aber zumindest begann es, sich wie eines anzufühlen.

„Nicht schlecht“, murmelte er.

„Was?“

Torfin kam gerade mit einem schweren Balken über den Dorfplatz gestapft. Skar deutete auf eines der Dächer und sagte: „Das da. Der Balken passt nicht.“

Torfin blieb stehen und sah zunächst den Balken in seinen Händen an, dann zu Skar hinüber. „Du hast ihn ausgesucht.“

Skar nickte vollkommen ernst. „Dann war ich wohl betrunken.“

Torfin blickte zum Himmel. „Es ist Mittag.“

„Und?“

Torfin schüttelte nur den Kopf und setzte seinen Weg fort. Skar musste lachen. Genau so konnte es von ihm aus bleiben. Sie hatten beide nicht viel übrig für unnötige Worte, und trotzdem schafften sie es irgendwie, sich den halben Tag über irgendeinen Unsinn zu streiten.

Cove gefiel ihm immer besser. Keine Stadt, keine Mauern und keine Wachen, die einem ständig erklärten, was man zu tun hatte. Stattdessen gab es Arbeit, Feuer, Holz und Stein. Einfache Dinge, die Skar verstand und bei denen er am Ende des Tages sehen konnte, was er geschafft hatte. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb er sich hier zum ersten Mal seit langer Zeit wieder halbwegs zu Hause fühlte.

Nach einer Weile legte Skar seinen Hammer beiseite, griff nach seiner Axt und sah zu Torfin hinüber. „Ich geh mich ein bisschen umsehen.“

Torfin hob den Kopf. „Warum?“

„Weil ich wissen will, was hier draußen noch ist.“

„Du meinst, weil dir langweilig ist.“

Skar zuckte mit den Schultern. „Auch.“

Torfin schnaubte, sagte aber nichts weiter, also machte Skar sich auf den Weg. Sie hatten sich bisher hauptsächlich um Cove selbst gekümmert. Den Wald in unmittelbarer Nähe kannten sie inzwischen recht gut, ebenso den kleinen Bach südlich der Siedlung. Was sich weiter außerhalb befand, hatten sie allerdings noch nicht wirklich erkundet.

Skar folgte einem schmalen Pfad, der sich zwischen den Bäumen hindurchzog und stellenweise kaum noch zu erkennen war. Das Gras stand ihm teilweise bis zu den Knien, und immer wieder musste er mit der Axt Äste aus dem Weg schlagen. Je weiter er sich von Cove entfernte, desto stiller wurde es. Keine Stimmen, kein Hämmern und kein gelegentliches Fluchen von Torfin waren mehr zu hören. Nur der Wind strich durch die Baumkronen und irgendwo weiter entfernt rief ein Vogel.

Skar mochte diese Ruhe. Sie erinnerte ihn daran, warum er die Städte überhaupt hinter sich gelassen hatte.

Nach ungefähr einer Stunde lichtete sich der Wald plötzlich. Skar blieb stehen und sah auf eine kleine Lichtung hinaus, die zwischen den Bäumen verborgen lag. Erst auf den zweiten Blick bemerkte er das Haus, das dort stand.

Auf den ersten Blick hätte man es für eines der alten Häuser von Cove halten können. Es war nicht besonders groß und sah auch nicht gerade neu aus. Doch schon nach wenigen Augenblicken fiel Skar auf, dass hier jemand lebte. Das Dach war alt, aber an einigen Stellen offensichtlich erst vor nicht allzu langer Zeit ausgebessert worden. Vor der Tür lagen frisch gespaltene Holzscheite, sauber aufgestapelt, und neben dem Haus stand ein weiterer Stapel Feuerholz.

Skar ging ein paar Schritte näher und blieb dann stehen. An einer Leine hing Kleidung, die noch feucht war. Offenbar war sie erst vor kurzem gewaschen worden.

„Na sowas“, murmelte er.

Er sah sich um, konnte aber niemanden entdecken. Aus dem Haus drang kein Geräusch und auch aus dem Schornstein stieg kein Rauch. Trotzdem gab es keinen Zweifel daran, dass der Ort bewohnt war.

Skar umrundete das Haus und entdeckte hinter der Rückseite ein kleines Beet. Dort wuchsen Kräuter und ein paar Gemüsepflanzen. Nichts Besonderes, aber alles war ordentlich gepflegt. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, hier etwas anzubauen und sich um die Pflanzen zu kümmern.

Definitiv bewohnt.

Nur der Bewohner selbst war nirgends zu sehen.

Skar blieb noch eine Weile stehen und betrachtete das Haus. Er hätte einfach an die Tür klopfen können, entschied sich aber dagegen. Er wusste schließlich nicht, wer dort wohnte, und hatte wenig Lust, wegen seiner Neugier gleich einen Streit anzufangen. Wenn hier jemand schon länger allein lebte, würde derjenige vermutlich wenig begeistert davon sein, wenn plötzlich ein bewaffneter Fremder vor der Tür stand.

Also machte Skar sich wieder auf den Rückweg.

Gerade als er sich umdrehte, knackte irgendwo hinter ihm ein Ast.

Skar blieb sofort stehen. Seine Hand wanderte automatisch zum Griff seiner Axt, während er sich langsam umsah. Für einen Moment wartete er darauf, dass jemand zwischen den Bäumen auftauchte.

Doch nichts geschah.

Nur der Wind bewegte die Äste über ihm.

Nach einigen Augenblicken entspannte sich Skar wieder. Vielleicht war es nur ein Tier gewesen. Er warf noch einen letzten Blick auf das Haus, dann machte er sich auf den Weg zurück nach Cove.

Als er die Siedlung schließlich wieder erreichte, war Torfin noch immer bei der Arbeit. Er stand auf dem Dach eines der Häuser und versuchte gerade, einen Balken an die richtige Stelle zu bekommen. Skar blieb unten stehen und wartete, bis Torfin ihn bemerkte.

„Torfin.“

„Was?“

„Wir haben ein Problem.“

Torfin sah zu ihm hinunter. „Was hast du angestellt?“

„Nichts.“

„Dann ist es wirklich ein Problem.“

Skar verdrehte die Augen. „Da draußen steht ein Haus.“

Torfin hielt inne. „Ein verlassenes?“

Skar schüttelte den Kopf. „Nein. Bewohnt.“

Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas. Skar sah noch einmal in Richtung Wald. Sie hatten bisher geglaubt, dass sie hier draußen ihre Ruhe hätten und Cove langsam zu ihrer eigenen kleinen Heimat machen könnten. Offenbar waren sie nicht die Einzigen, die diesen Gedanken gehabt hatten.

„Ich hab den Bewohner nicht gesehen“, sagte Skar schließlich und blickte wieder zu Torfin hinauf. „Aber irgendwo da draußen lebt jemand.“

Nachbarn in Cove

von Quindra Obrynn » 06 Sep 2026, 15:06

Quindra hatte Cove gemocht. Nicht, weil es besonders schön war. Schön war ohnehin ein Wort, mit dem sie wenig anfangen konnte. Aber es war ruhig gewesen, und nachdem sie Düsterhafen verlassen hatte, war ihr das mehr wert gewesen als vieles andere.

Die Stadt war ihr irgendwann schlicht zu viel geworden. Zu viele Leute, zu viel Lärm und überall Dreck. Und aus irgendeinem Grund schien dort ständig irgendetwas zu brennen. Feuer konnte ihr gestohlen bleiben.

Also hatte sie sich etwas anderes gesucht. Cove war klein, abgelegen und größtenteils verlassen. Es gab genug Stein, um sich vernünftig einzurichten, und der Wald lag gleich vor der Tür. Letzteres war wichtig, denn Quindra mochte Bäume. Vor allem mochte sie es, sie mit einer Axt umzuhauen.

So hatte sie sich eingerichtet und ihre Ruhe genossen. Niemand wollte etwas von ihr, niemand stellte Fragen und niemand kümmerte sich darum, wann sie kam oder ging. Es hätte ruhig so bleiben können.

Dann kamen die beiden Männer.

Quindra hatte sie zuerst gehört, was nicht sonderlich schwierig gewesen war. Sie waren groß, laut und mit Äxten bewaffnet. Sie schleppten Holz heran, räumten Häuser aus und machten sich daran, einen Ort wieder herzurichten, der ihrer Meinung nach offenbar verlassen war. Quindra hatte zunächst keinen Grund gesehen, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Wenn sie die Männer irgendwo sah, nahm sie eben einen anderen Weg. Wenn sie Stimmen hörte, blieb sie im Wald ein wenig länger, und wenn abends ihr Feuer in der Ferne zu sehen war, hielt sie sich auf ihrer Seite der Siedlung. Das funktionierte erstaunlich gut. Eine Weile jedenfalls.

Doch die beiden verschwanden nicht wieder. Im Gegenteil. Mit jedem weiteren Tag wurde deutlicher, dass sie nicht nur auf der Durchreise waren. Sie reparierten, bauten und schleppten immer mehr Zeug heran. Inzwischen verhielten sie sich verdächtig nach Leuten, die tatsächlich vorhatten zu bleiben.

Quindra stand eines Morgens vor ihrer Behausung und betrachtete schweigend das Treiben in einiger Entfernung. Ihre Arme verschränkten sich vor der Brust, während sie das Gesicht verzog.

„Toll. Nachbarn.“

Missmutig griff sie nach ihrer Axt und machte sich auf den Weg zum Wald. Der war wenigstens noch ruhig.

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