von Quindra Obrynn » 20 Sep 2026, 15:46
Quindra hatte in den vergangenen Tagen häufiger über das Angebot der beiden Nordmänner nachgedacht, als ihr lieb war. Eigentlich hatte sie sich in Cove nur niedergelassen, weil es dort ruhig gewesen war. Ein brauchbares Haus, ordentlich Stein unter den Füßen und ein Wald in der Nähe, in dem sie ihrer Arbeit nachgehen konnte. Mehr hatte sie nicht gesucht, als sie Düsterhafen den Rücken gekehrt hatte. Doch inzwischen ertappte sie sich immer häufiger bei dem Gedanken, dass aus diesem praktischen Rückzugsort vielleicht tatsächlich ein Heim werden könnte.
In Düsterhafen hatte sie sich nie wirklich heimisch gefühlt. Neben dem allgegenwärtigen Dreck, dem Lärm und den häufigen Bränden hatte dort stets eine merkwürdige Präsenz über der Stadt gelegen. Irgendjemand schien immer Gehorsam zu erwarten, als müsse man sich allein für die Erlaubnis, dort zu leben, einem fremden Willen unterwerfen. Quindra hatte nie verstanden, weshalb sich die Bewohner das gefallen ließen. Sie war eine Zwergin, hatte ihre eigenen zwei Hände und wusste durchaus, wie man sich ein Dach über dem Kopf errichtete. Wozu sollte sie sich also einem selbsternannten Herrn beugen, der ihr nichts zu bieten hatte, was sie nicht auch selbst erreichen konnte?
In Cove war das anders. Die beiden langen Kerle waren zwar laut, ungewaschen und bei ihren Bauarbeiten gelegentlich eine Gefahr für jedes halbwegs anständige Stück Holz, aber sie hatten ihr einen Platz unter ihnen angeboten, ohne dafür Gehorsam einzufordern. Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, nicht mehr nur an einem Ort zu wohnen, sondern irgendwo dazuzugehören.
Zuvor gab es allerdings noch etwas zu erledigen. In ihrem alten Haus in den Slums von Düsterhafen lagen noch einige Vorräte, die sie bei ihrem Aufbruch zurückgelassen hatte. Damals hatte sie nicht gewusst, ob sie dauerhaft fortbleiben würde, und entsprechend nur das Nötigste mitgenommen. Inzwischen waren ihre Holzlager durch die großzügige Abgabe an die neuen Nachbarn deutlich geschrumpft, und auch einige ihrer übrigen Vorräte konnten eine Auffüllung vertragen. Ein letzter Besuch in Düsterhafen würde sich also durchaus lohnen.
───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────
Am nächsten Morgen machte sich Quindra auf den Weg. Sie wählte den Pfad durch den Wald, der sie abseits der größeren Straßen nach Düsterhafen führen würde. Es war ein angenehmer Weg, auf dem sie nur selten anderen Reisenden begegnete. Außerdem konnte sie unterwegs nach brauchbarem Holz Ausschau halten, auch wenn sie dieses Mal nicht vorhatte, einen halben Wald mit nach Hause zu schleppen.
In der Nähe des Friedhofs wurde der Wald lichter, und zwischen den Baumwipfeln zeichnete sich der alte Turm ab. Quindra kannte das Bauwerk nur zu gut, auch wenn sie sich stets bemüht hatte, seinem Bewohner aus dem Weg zu gehen. Dort lebte ein alter Magier, der sich offenbar noch immer für eine bedeutende Persönlichkeit hielt und dessen Vorstellungen von Besitz und Herrschaft weit über die Mauern seines Turmes hinausreichten. Soweit Quindra wusste, beanspruchte er nicht weniger als die gesamte Stadt Düsterhafen für seine Magierschaft und damit letztlich für sich selbst.
Dabei hatte sie schon lange keinen anderen Angehörigen dieser angeblich so bedeutenden Gemeinschaft mehr gesehen. Vielleicht gab es sie noch irgendwo, vielleicht auch nicht. Der alte Magier jedenfalls schien sich daran nicht zu stören. Er sprach und gebärdete sich weiterhin, als stünden hinter ihm ganze Reihen gehorsamer Gefolgsleute, die nur auf seinen Befehl warteten. Quindra hatte nie das Bedürfnis verspürt, herauszufinden, wie viel davon tatsächlich der Wahrheit entsprach. Sie hatte genug mit ihrem eigenen Leben zu tun und wenig Interesse daran, sich mit einem alten Mann zu streiten, der offenbar Schwierigkeiten hatte, zwischen vergangenen Zeiten und der Gegenwart zu unterscheiden.
Als sie den Turm zwischen den Bäumen erblickte, hielt sie sich deshalb wie gewohnt an den schmaleren Pfad und machte einen großzügigen Bogen um das Gelände. Sollte der Alte doch seinen Turm behalten und darin von vergangenen Tagen träumen. Sie wollte lediglich ihre Vorräte holen und anschließend wieder verschwinden.
In Düsterhafen angekommen, führte ihr Weg sie ohne größere Umwege in die Slums, wo ihr altes Haus noch immer stand. Es hatte sich wenig verändert. Der vertraute Geruch der Stadt hing zwischen den Gebäuden, und auf den Straßen herrschte derselbe geschäftige Lärm, den sie so wenig vermisst hatte. Quindra schloss die Tür auf, betrachtete einen Augenblick lang die Räume und machte sich anschließend daran, alles zusammenzusuchen, was sie noch gebrauchen konnte. Werkzeuge, einige haltbare Lebensmittel, persönliche Habseligkeiten und verschiedene Materialien fanden ihren Weg in mehrere große Bündel.
Als sie schließlich vor ihrem Gepäck stand, musste sie sich eingestehen, dass selbst eine Zwergin mit zwei kräftigen Armen nicht alles auf einmal tragen konnte. Also besorgte sie sich bei einem Händler ein Packlama, das ihre Vorräte künftig transportieren sollte. Das Tier betrachtete sie zunächst mit einem wenig begeisterten Blick, ließ sich aber schließlich geduldig beladen. Quindra war gerade damit beschäftigt, die letzten Bündel ordentlich zu verzurren, als sie in der Nähe ein Gespräch aufschnappte, das ihre Aufmerksamkeit erregte.
Offenbar war in Düsterhafen etwas geschehen, das selbst die sonst so geschwätzigen Bewohner der Stadt in Aufregung versetzt hatte. Der alte Magier aus dem Turm sollte verschwunden sein. Einige behaupteten, er habe endgültig den Verstand verloren und begonnen, sämtliche Besitztümer seiner Gilde aus den Fenstern zu werfen. Andere wollten sogar wissen, dass er sich am Ende selbst in die Tiefe gestürzt hatte. Wieder andere vermuteten, dass er lediglich geflohen war, nachdem sein letzter Versuch, die alten Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten, gescheitert war.
Quindra hörte sich die unterschiedlichen Geschichten an, ohne sich an den Gesprächen zu beteiligen. Was davon stimmte, konnte sie nicht beurteilen, und sie hatte auch nicht vor, den Gerüchten hinterherzulaufen. Bemerkenswert war allerdings, dass sich die Leute in einem Punkt einig zu sein schienen: Der Schrecken von Düsterhafen war fort. Manche sprachen es noch vorsichtig aus, andere bereits mit unverhohlener Erleichterung. Es war, als hätte jemand eine schwere Last von der Stadt genommen, deren Gewicht vielen erst jetzt bewusst wurde.
Quindra zog die Gurte am Gepäck ihres Lamas ein letztes Mal fest und betrachtete die Straße, die aus den Slums hinausführte. Vielleicht würde Düsterhafen eines Tages tatsächlich ein angenehmerer Ort werden. Für sie selbst kam diese Veränderung allerdings zu spät. Ihre Entscheidung war längst gefallen, und sie hatte nicht vor, sich noch einmal in dieser Stadt niederzulassen.
───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────
Auf dem Rückweg entschied sich Quindra gegen den Waldpfad. Stattdessen nahm sie die Umgehungsstraße, die sie unmittelbar am Gelände des alten Magierturmes vorbeiführen würde. Ein wenig Neugier konnte sie sich schließlich zugestehen, und wenn die Gerüchte stimmten, gab es ohnehin keinen Grund mehr, einen großen Bogen um das Bauwerk zu machen.
Schon aus einiger Entfernung erkannte sie, dass sich dort tatsächlich etwas verändert hatte. Die Fenster standen teilweise offen, und auf dem Gelände lagen Gegenstände verstreut, die offenbar aus dem Turm geworfen worden waren. Von seinem Bewohner fehlte jede Spur. Quindra hielt ihr Lama an und betrachtete das Durcheinander, das sich vor ihr ausbreitete.
Sie hatte erwartet, zumindest einige wertvolle Gegenstände zu entdecken. Immerhin hatte der alte Magier sich stets auf die Größe seiner Gilde und die Bedeutung vergangener Tage berufen. Stattdessen lagen dort zerbrochene Möbel, verschlissene Stoffe, beschädigte Bücher und allerlei Plunder, den selbst ein wenig anspruchsvoller Trödler vermutlich nur widerwillig angenommen hätte. Es sah weniger nach den Hinterlassenschaften einer mächtigen Magierschaft aus als nach dem ausgeräumten Haus eines alten Gerümpelsammlers, der sich über viele Jahre von nichts hatte trennen können.
Quindra betrachtete die verstreuten Habseligkeiten und schüttelte langsam den Kopf. Vielleicht hatte der Alte tatsächlich einmal über Einfluss und Macht verfügt. Vielleicht hatte seine Gilde früher eine bedeutende Rolle in Düsterhafen gespielt. Doch irgendwann schien aus der Erinnerung an diese Zeit der feste Glaube geworden zu sein, dass sich daran niemals etwas ändern könnte. Offenbar hatte er sich seine eigene Bedeutung so lange eingeredet, bis er selbst nicht mehr zwischen dem unterscheiden konnte, was einmal gewesen war, und dem, was tatsächlich noch existierte.
Das eigentlich Erstaunliche daran war für Quindra allerdings, wie lange die übrigen Bewohner diesen Anspruch hingenommen hatten. Ein alter Mann in einem großen Turm hatte offenbar genügt, um einer ganzen Region das Gefühl zu vermitteln, noch immer unter seiner Herrschaft zu stehen. Nun war er verschwunden, und plötzlich schien von dieser vermeintlichen Macht kaum mehr übrig zu sein als ein leerer Turm und ein Haufen wertlosen Gerümpels.
Das Grundstück selbst war dagegen durchaus beeindruckend. Der Turm erhob sich weithin sichtbar über die Umgebung, und das weitläufige Gelände bot reichlich Platz für jemanden, der daraus etwas Vernünftiges machen wollte. Quindra konnte sich kaum vorstellen, dass ein solcher Ort lange ungenutzt bleiben würde. Irgendjemand würde früher oder später erkennen, welches Potenzial hier brachlag, und vielleicht würde dann etwas entstehen, das der Größe des Bauwerks tatsächlich gerecht wurde.
Sie betrachtete den Turm noch einen Augenblick lang, ehe sie ihr Lama am Führstrick weiterzog. Was aus dem alten Magier geworden war, würde sie vermutlich nie erfahren. Vielleicht war er tot, vielleicht saß er irgendwo in einem anderen Turm und erzählte bereits dem nächsten armen Tropf von seiner einstigen Größe. Für Quindra machte das keinen Unterschied. Sie hatte ihr Gepäck, ein neues Heim und inzwischen sogar ein paar Nachbarn, die sie möglicherweise irgendwann als Freunde bezeichnen würde.
Als sie schließlich Cove erreichte, führte sie das Lama nicht etwa zu ihrem Verschlag im Wald, sondern nahm den Weg direkt in die Stadt. Zwischen den inzwischen deutlich aufgeräumteren Gebäuden hindurch steuerte sie auf ihr eigentliches Haus am Berg zu, das sich noch immer unscheinbar zwischen Fels und Bewuchs verbarg.
Quindra betrachtete im Vorbeigehen die Fortschritte, die ihre neuen Nachbarn bei ihren Bauarbeiten gemacht hatten. An einigen Stellen sah es tatsächlich schon recht ordentlich aus, auch wenn sie bei einem frisch ausgebesserten Dach noch immer gewisse Zweifel an dessen langfristiger Standfestigkeit hegte. Sie würde sich das bei Gelegenheit genauer ansehen müssen, bevor einer der langen Kerle darunter begraben wurde.
Vor ihrer Haustür blieb sie stehen und begann, die ersten Bündel vom Rücken des Lamas zu lösen. Während sie ihre Vorräte ins Haus trug, fiel ihr Blick noch einmal über die Dächer von Cove und die bewaldeten Hügel dahinter.
Es war ein gutes Gefühl, wieder hier zu sein. Nicht nur, weil sie ihre Ruhe hatte oder weil der Wald gleich vor der Tür lag. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, an dem sie nicht nur bleiben konnte, sondern auch bleiben wollte.
Und vielleicht würde sie den beiden Nordmännern bei Gelegenheit tatsächlich sagen, dass sie ihr Angebot annahm. Vielleicht.
Quindra hatte in den vergangenen Tagen häufiger über das Angebot der beiden Nordmänner nachgedacht, als ihr lieb war. Eigentlich hatte sie sich in Cove nur niedergelassen, weil es dort ruhig gewesen war. Ein brauchbares Haus, ordentlich Stein unter den Füßen und ein Wald in der Nähe, in dem sie ihrer Arbeit nachgehen konnte. Mehr hatte sie nicht gesucht, als sie Düsterhafen den Rücken gekehrt hatte. Doch inzwischen ertappte sie sich immer häufiger bei dem Gedanken, dass aus diesem praktischen Rückzugsort vielleicht tatsächlich ein Heim werden könnte.
In Düsterhafen hatte sie sich nie wirklich heimisch gefühlt. Neben dem allgegenwärtigen Dreck, dem Lärm und den häufigen Bränden hatte dort stets eine merkwürdige Präsenz über der Stadt gelegen. Irgendjemand schien immer Gehorsam zu erwarten, als müsse man sich allein für die Erlaubnis, dort zu leben, einem fremden Willen unterwerfen. Quindra hatte nie verstanden, weshalb sich die Bewohner das gefallen ließen. Sie war eine Zwergin, hatte ihre eigenen zwei Hände und wusste durchaus, wie man sich ein Dach über dem Kopf errichtete. Wozu sollte sie sich also einem selbsternannten Herrn beugen, der ihr nichts zu bieten hatte, was sie nicht auch selbst erreichen konnte?
In Cove war das anders. Die beiden langen Kerle waren zwar laut, ungewaschen und bei ihren Bauarbeiten gelegentlich eine Gefahr für jedes halbwegs anständige Stück Holz, aber sie hatten ihr einen Platz unter ihnen angeboten, ohne dafür Gehorsam einzufordern. Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, nicht mehr nur an einem Ort zu wohnen, sondern irgendwo dazuzugehören.
Zuvor gab es allerdings noch etwas zu erledigen. In ihrem alten Haus in den Slums von Düsterhafen lagen noch einige Vorräte, die sie bei ihrem Aufbruch zurückgelassen hatte. Damals hatte sie nicht gewusst, ob sie dauerhaft fortbleiben würde, und entsprechend nur das Nötigste mitgenommen. Inzwischen waren ihre Holzlager durch die großzügige Abgabe an die neuen Nachbarn deutlich geschrumpft, und auch einige ihrer übrigen Vorräte konnten eine Auffüllung vertragen. Ein letzter Besuch in Düsterhafen würde sich also durchaus lohnen.
[center][b][size=150]───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────[/size][/b][/center]
Am nächsten Morgen machte sich Quindra auf den Weg. Sie wählte den Pfad durch den Wald, der sie abseits der größeren Straßen nach Düsterhafen führen würde. Es war ein angenehmer Weg, auf dem sie nur selten anderen Reisenden begegnete. Außerdem konnte sie unterwegs nach brauchbarem Holz Ausschau halten, auch wenn sie dieses Mal nicht vorhatte, einen halben Wald mit nach Hause zu schleppen.
In der Nähe des Friedhofs wurde der Wald lichter, und zwischen den Baumwipfeln zeichnete sich der alte Turm ab. Quindra kannte das Bauwerk nur zu gut, auch wenn sie sich stets bemüht hatte, seinem Bewohner aus dem Weg zu gehen. Dort lebte ein alter Magier, der sich offenbar noch immer für eine bedeutende Persönlichkeit hielt und dessen Vorstellungen von Besitz und Herrschaft weit über die Mauern seines Turmes hinausreichten. Soweit Quindra wusste, beanspruchte er nicht weniger als die gesamte Stadt Düsterhafen für seine Magierschaft und damit letztlich für sich selbst.
Dabei hatte sie schon lange keinen anderen Angehörigen dieser angeblich so bedeutenden Gemeinschaft mehr gesehen. Vielleicht gab es sie noch irgendwo, vielleicht auch nicht. Der alte Magier jedenfalls schien sich daran nicht zu stören. Er sprach und gebärdete sich weiterhin, als stünden hinter ihm ganze Reihen gehorsamer Gefolgsleute, die nur auf seinen Befehl warteten. Quindra hatte nie das Bedürfnis verspürt, herauszufinden, wie viel davon tatsächlich der Wahrheit entsprach. Sie hatte genug mit ihrem eigenen Leben zu tun und wenig Interesse daran, sich mit einem alten Mann zu streiten, der offenbar Schwierigkeiten hatte, zwischen vergangenen Zeiten und der Gegenwart zu unterscheiden.
Als sie den Turm zwischen den Bäumen erblickte, hielt sie sich deshalb wie gewohnt an den schmaleren Pfad und machte einen großzügigen Bogen um das Gelände. Sollte der Alte doch seinen Turm behalten und darin von vergangenen Tagen träumen. Sie wollte lediglich ihre Vorräte holen und anschließend wieder verschwinden.
In Düsterhafen angekommen, führte ihr Weg sie ohne größere Umwege in die Slums, wo ihr altes Haus noch immer stand. Es hatte sich wenig verändert. Der vertraute Geruch der Stadt hing zwischen den Gebäuden, und auf den Straßen herrschte derselbe geschäftige Lärm, den sie so wenig vermisst hatte. Quindra schloss die Tür auf, betrachtete einen Augenblick lang die Räume und machte sich anschließend daran, alles zusammenzusuchen, was sie noch gebrauchen konnte. Werkzeuge, einige haltbare Lebensmittel, persönliche Habseligkeiten und verschiedene Materialien fanden ihren Weg in mehrere große Bündel.
Als sie schließlich vor ihrem Gepäck stand, musste sie sich eingestehen, dass selbst eine Zwergin mit zwei kräftigen Armen nicht alles auf einmal tragen konnte. Also besorgte sie sich bei einem Händler ein Packlama, das ihre Vorräte künftig transportieren sollte. Das Tier betrachtete sie zunächst mit einem wenig begeisterten Blick, ließ sich aber schließlich geduldig beladen. Quindra war gerade damit beschäftigt, die letzten Bündel ordentlich zu verzurren, als sie in der Nähe ein Gespräch aufschnappte, das ihre Aufmerksamkeit erregte.
Offenbar war in Düsterhafen etwas geschehen, das selbst die sonst so geschwätzigen Bewohner der Stadt in Aufregung versetzt hatte. Der alte Magier aus dem Turm sollte verschwunden sein. Einige behaupteten, er habe endgültig den Verstand verloren und begonnen, sämtliche Besitztümer seiner Gilde aus den Fenstern zu werfen. Andere wollten sogar wissen, dass er sich am Ende selbst in die Tiefe gestürzt hatte. Wieder andere vermuteten, dass er lediglich geflohen war, nachdem sein letzter Versuch, die alten Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten, gescheitert war.
Quindra hörte sich die unterschiedlichen Geschichten an, ohne sich an den Gesprächen zu beteiligen. Was davon stimmte, konnte sie nicht beurteilen, und sie hatte auch nicht vor, den Gerüchten hinterherzulaufen. Bemerkenswert war allerdings, dass sich die Leute in einem Punkt einig zu sein schienen: Der Schrecken von Düsterhafen war fort. Manche sprachen es noch vorsichtig aus, andere bereits mit unverhohlener Erleichterung. Es war, als hätte jemand eine schwere Last von der Stadt genommen, deren Gewicht vielen erst jetzt bewusst wurde.
Quindra zog die Gurte am Gepäck ihres Lamas ein letztes Mal fest und betrachtete die Straße, die aus den Slums hinausführte. Vielleicht würde Düsterhafen eines Tages tatsächlich ein angenehmerer Ort werden. Für sie selbst kam diese Veränderung allerdings zu spät. Ihre Entscheidung war längst gefallen, und sie hatte nicht vor, sich noch einmal in dieser Stadt niederzulassen.
[center][b][size=150]───── ✦ ───── ⋆⋅☆⋅⋆ ───── ✦ ─────[/size][/b][/center]
Auf dem Rückweg entschied sich Quindra gegen den Waldpfad. Stattdessen nahm sie die Umgehungsstraße, die sie unmittelbar am Gelände des alten Magierturmes vorbeiführen würde. Ein wenig Neugier konnte sie sich schließlich zugestehen, und wenn die Gerüchte stimmten, gab es ohnehin keinen Grund mehr, einen großen Bogen um das Bauwerk zu machen.
Schon aus einiger Entfernung erkannte sie, dass sich dort tatsächlich etwas verändert hatte. Die Fenster standen teilweise offen, und auf dem Gelände lagen Gegenstände verstreut, die offenbar aus dem Turm geworfen worden waren. Von seinem Bewohner fehlte jede Spur. Quindra hielt ihr Lama an und betrachtete das Durcheinander, das sich vor ihr ausbreitete.
Sie hatte erwartet, zumindest einige wertvolle Gegenstände zu entdecken. Immerhin hatte der alte Magier sich stets auf die Größe seiner Gilde und die Bedeutung vergangener Tage berufen. Stattdessen lagen dort zerbrochene Möbel, verschlissene Stoffe, beschädigte Bücher und allerlei Plunder, den selbst ein wenig anspruchsvoller Trödler vermutlich nur widerwillig angenommen hätte. Es sah weniger nach den Hinterlassenschaften einer mächtigen Magierschaft aus als nach dem ausgeräumten Haus eines alten Gerümpelsammlers, der sich über viele Jahre von nichts hatte trennen können.
Quindra betrachtete die verstreuten Habseligkeiten und schüttelte langsam den Kopf. Vielleicht hatte der Alte tatsächlich einmal über Einfluss und Macht verfügt. Vielleicht hatte seine Gilde früher eine bedeutende Rolle in Düsterhafen gespielt. Doch irgendwann schien aus der Erinnerung an diese Zeit der feste Glaube geworden zu sein, dass sich daran niemals etwas ändern könnte. Offenbar hatte er sich seine eigene Bedeutung so lange eingeredet, bis er selbst nicht mehr zwischen dem unterscheiden konnte, was einmal gewesen war, und dem, was tatsächlich noch existierte.
Das eigentlich Erstaunliche daran war für Quindra allerdings, wie lange die übrigen Bewohner diesen Anspruch hingenommen hatten. Ein alter Mann in einem großen Turm hatte offenbar genügt, um einer ganzen Region das Gefühl zu vermitteln, noch immer unter seiner Herrschaft zu stehen. Nun war er verschwunden, und plötzlich schien von dieser vermeintlichen Macht kaum mehr übrig zu sein als ein leerer Turm und ein Haufen wertlosen Gerümpels.
Das Grundstück selbst war dagegen durchaus beeindruckend. Der Turm erhob sich weithin sichtbar über die Umgebung, und das weitläufige Gelände bot reichlich Platz für jemanden, der daraus etwas Vernünftiges machen wollte. Quindra konnte sich kaum vorstellen, dass ein solcher Ort lange ungenutzt bleiben würde. Irgendjemand würde früher oder später erkennen, welches Potenzial hier brachlag, und vielleicht würde dann etwas entstehen, das der Größe des Bauwerks tatsächlich gerecht wurde.
Sie betrachtete den Turm noch einen Augenblick lang, ehe sie ihr Lama am Führstrick weiterzog. Was aus dem alten Magier geworden war, würde sie vermutlich nie erfahren. Vielleicht war er tot, vielleicht saß er irgendwo in einem anderen Turm und erzählte bereits dem nächsten armen Tropf von seiner einstigen Größe. Für Quindra machte das keinen Unterschied. Sie hatte ihr Gepäck, ein neues Heim und inzwischen sogar ein paar Nachbarn, die sie möglicherweise irgendwann als Freunde bezeichnen würde.
Als sie schließlich Cove erreichte, führte sie das Lama nicht etwa zu ihrem Verschlag im Wald, sondern nahm den Weg direkt in die Stadt. Zwischen den inzwischen deutlich aufgeräumteren Gebäuden hindurch steuerte sie auf ihr eigentliches Haus am Berg zu, das sich noch immer unscheinbar zwischen Fels und Bewuchs verbarg.
Quindra betrachtete im Vorbeigehen die Fortschritte, die ihre neuen Nachbarn bei ihren Bauarbeiten gemacht hatten. An einigen Stellen sah es tatsächlich schon recht ordentlich aus, auch wenn sie bei einem frisch ausgebesserten Dach noch immer gewisse Zweifel an dessen langfristiger Standfestigkeit hegte. Sie würde sich das bei Gelegenheit genauer ansehen müssen, bevor einer der langen Kerle darunter begraben wurde.
Vor ihrer Haustür blieb sie stehen und begann, die ersten Bündel vom Rücken des Lamas zu lösen. Während sie ihre Vorräte ins Haus trug, fiel ihr Blick noch einmal über die Dächer von Cove und die bewaldeten Hügel dahinter.
Es war ein gutes Gefühl, wieder hier zu sein. Nicht nur, weil sie ihre Ruhe hatte oder weil der Wald gleich vor der Tür lag. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, an dem sie nicht nur bleiben konnte, sondern auch bleiben wollte.
Und vielleicht würde sie den beiden Nordmännern bei Gelegenheit tatsächlich sagen, dass sie ihr Angebot annahm. Vielleicht.