von Crovax Donnerhall » 22 Sep 2026, 11:59
Crovax war während des gesamten Gesprächs ungewöhnlich still geblieben. Für einen Zwerg war das beinahe schon auffällig, doch weder Thorus noch Tarion schienen sich daran zu stören. Er hatte beiden aufmerksam zugehört und sich nur selten bewegt, während Thorus von seiner Vergangenheit, der seltsamen Stimme und dem Licht erzählt hatte, das ihn schließlich hierhergeführt hatte.
Vielleicht war es gut, dass Thorus etwas gefunden hatte, wonach er suchen konnte. Einen Weg, der vor ihm lag, auch wenn er noch nicht wusste, wohin er ihn führen würde. Crovax gönnte ihm das von Herzen, doch für sich selbst wusste er nicht, ob er noch von einem Weg sprechen konnte.
Besonders ein Satz Tarions wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Glaube wäre eine einfache Sache, wenn er nur dann bestehen müsste, solange die Götter antworten.
Crovax hatte diesen Gedanken schon oft gehabt, auch wenn er ihn sich selbst gegenüber nie so deutlich ausgesprochen hatte. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb er so lange geschwiegen hatte. Er kannte den Glauben nicht aus Büchern oder aus Geschichten, sondern aus einem Leben, in dem er selbst an vorderster Front gestanden hatte.
Früher war seine Stimme sein wichtigstes Werkzeug gewesen. Als Kleriker und Schlachtenprediger hatte er seine Kameraden durch Kämpfe begleitet, hatte Verwundete versorgt, Gebete gesprochen und den Männern Mut gemacht, wenn die Angst drohte, sie zu überwältigen. Doch Crovax war nie einer gewesen, der sich hinter anderen versteckte. Wenn die Schlacht begann, hatte er Axt oder Schwert gezogen und dort gekämpft, wo seine Kameraden ihn brauchten. Er hatte zwischen ihnen gestanden, Blut und Schweiß im Gesicht, und seine Stimme hatte sich über den Lärm der Schlacht erhoben.
Damals hatte er daran geglaubt, dass seine Worte etwas bewirkten.
Nicht, dass jeder Mann gerettet werden konnte. Das hatte er schon damals gewusst. Aber er glaubte daran, dass es einen Unterschied machte, ob jemand in seinen letzten Augenblicken allein war oder die Stimme eines Kameraden hörte, die ihm Mut zusprach. Er glaubte daran, dass ein Gebet auch dann seinen Wert hatte, wenn die Antwort anders ausfiel, als man gehofft hatte.
Doch mit den Jahren waren die Schlachten mehr geworden und irgendwann hatten sich die einzelnen Erinnerungen kaum noch voneinander unterscheiden lassen. Immer wieder hatte er dieselben Dinge gesehen: Männer, die morgens noch neben ihm gestanden hatten und am Abend nicht mehr aufstanden, Verwundete, deren Hände er gehalten hatte, während um sie herum weitergekämpft wurde, und Kameraden, denen seine Worte zwar für einen Moment Halt gaben, die er am Ende aber trotzdem nicht nach Hause bringen konnte.
Crovax hatte weitergemacht. Er hatte gekämpft, gebetet und gesprochen, weil genau das seine Aufgabe gewesen war. Er war derjenige gewesen, der den anderen Mut zusprach, selbst wenn ihm längst danach war, die eigene Stimme zu verlieren.
Irgendwann jedoch begann er sich zu fragen, was seine Worte eigentlich noch bedeuteten. Er konnte ihnen Hoffnung geben, konnte ihnen sagen, dass ihr Opfer nicht vergeblich war und dass Tyrael über sie wachte. Aber wenn die Schlacht vorüber war und die Toten auf dem Feld lagen, blieb diese Hoffnung manchmal erschreckend still.
Er hatte Tyrael dafür nie gehasst. Zumindest nicht bewusst. Es war eher eine Müdigkeit gewesen, die sich langsam in ihm ausgebreitet hatte. Zuerst betete er weniger, dann ging er seltener in einen Tempel. Wenn er merkte, dass ihm etwas fehlte, redete er sich ein, dass er später wieder anfangen würde. Es gab schließlich immer etwas zu tun, immer einen nächsten Auftrag, eine weitere Reise oder einen anderen Ort, an dem seine Axt gebraucht wurde.
Aus diesem später wurden Jahre.
Vielleicht hatte Crovax seinen Glauben deshalb nie wirklich verloren. Vielleicht hatte er ihn nur so lange beiseitegeschoben, bis er irgendwann vergessen hatte, wie es sich anfühlte, ihn zu tragen.
Der Gedanke ließ ihn nicht los, als er das Kloster betrachtete. Hier beteten die Menschen noch immer, obwohl Tyrael verschwunden war. Sie arbeiteten, halfen einander und kümmerten sich um Kranke und Verletzte, ohne ständig darauf zu warten, dass ein Wunder geschah. Niemand schien zu verlangen, dass die Götter ihnen jeden Schritt abnahmen.
Vielleicht war das der Punkt, den Tarion ihm hatte zeigen wollen:
Nicht eine Antwort, die plötzlich vom Himmel kam, sondern ein Glaube, der auch dann weiterlebte, wenn der Himmel schwieg.
Crovax sagte nichts dazu. Er wusste selbst noch nicht, was er davon halten sollte. Stattdessen blieb er, als Tarion ihnen anbot, eine Zeit lang Teil der Gemeinschaft zu sein.
Die ersten Tage vergingen unspektakulär. Crovax trug Holz, half bei den Vorräten, reparierte Werkzeuge und packte dort mit an, wo gerade jemand gebraucht wurde. Diese Arbeit war ihm vertraut und tat ihm gut. Es war leichter, seine Hände zu beschäftigen, als über Dinge nachzudenken, für die er seit Jahren keine Worte mehr gefunden hatte.
Beim gemeinsamen Essen bemerkte er bald, dass hier niemand besonders darauf achtete, welchen Rang der andere hatte. Wachen saßen neben Bauern, Handwerker neben Heilern und Magier neben Menschen, die auf den Feldern arbeiteten. Sie aßen zusammen, unterhielten sich, stritten manchmal über Kleinigkeiten und lachten im nächsten Augenblick wieder darüber. Es erinnerte Crovax an etwas, das er lange nicht mehr erlebt hatte.
Auch das Beten fiel ihm zunächst schwerer, als er erwartet hatte. Er saß oft einfach nur dabei und hörte den anderen zu. Einige der Worte kannte er noch aus seiner Zeit als Kleriker, andere hatte er längst vergessen. Doch hin und wieder ertappte er sich dabei, dass er einen Satz in Gedanken mitsprach, bevor er überhaupt darüber nachgedacht hatte.
Er begann außerdem, den Klerikern bei ihrer Arbeit zu helfen. Es waren keine großen Dinge. Verbände wechseln, einen Kranken stützen, Wasser bringen oder einfach bei jemandem sitzen, der Angst hatte. Trotzdem stellte Crovax dabei fest, dass vieles von dem, was er längst verloren geglaubt hatte, noch immer in ihm steckte.
Eines Tages verbrachte er einige Zeit in der Bibliothek und fand zwischen alten Schriften ein Buch, auf dessen Einband das Zeichen Tyraels zu sehen war. Er nahm es mit an einen Tisch und begann darin zu lesen. Er hatte gehofft, vielleicht eine Antwort zu finden, etwas, das ihm erklären konnte, warum er sich so weit von seinem Glauben entfernt hatte.
Doch natürlich fand er sie nicht.
Tyrael war noch immer verschwunden. Die alten Worte waren noch immer dieselben und Crovax wusste noch immer nicht, wann genau er aufgehört hatte zu glauben.
Womöglich war das aber auch nicht die richtige Frage.
Vielleicht hatte er seinen Glauben nie verloren und er hatte nur irgendwann aufgehört, ihm zuzuhören.
Crovax schloss das Buch und legte es zurück an seinen Platz. Draußen wartete bereits die nächste Arbeit auf ihn, und später würde wieder gemeinsam gebetet werden.
Er wusste noch immer nicht, wohin dieser Weg ihn führen würde, aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er nicht mehr das Bedürfnis, es sofort wissen zu müssen.
Crovax war während des gesamten Gesprächs ungewöhnlich still geblieben. Für einen Zwerg war das beinahe schon auffällig, doch weder Thorus noch Tarion schienen sich daran zu stören. Er hatte beiden aufmerksam zugehört und sich nur selten bewegt, während Thorus von seiner Vergangenheit, der seltsamen Stimme und dem Licht erzählt hatte, das ihn schließlich hierhergeführt hatte.
Vielleicht war es gut, dass Thorus etwas gefunden hatte, wonach er suchen konnte. Einen Weg, der vor ihm lag, auch wenn er noch nicht wusste, wohin er ihn führen würde. Crovax gönnte ihm das von Herzen, doch für sich selbst wusste er nicht, ob er noch von einem Weg sprechen konnte.
Besonders ein Satz Tarions wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Glaube wäre eine einfache Sache, wenn er nur dann bestehen müsste, solange die Götter antworten.
Crovax hatte diesen Gedanken schon oft gehabt, auch wenn er ihn sich selbst gegenüber nie so deutlich ausgesprochen hatte. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb er so lange geschwiegen hatte. Er kannte den Glauben nicht aus Büchern oder aus Geschichten, sondern aus einem Leben, in dem er selbst an vorderster Front gestanden hatte.
Früher war seine Stimme sein wichtigstes Werkzeug gewesen. Als Kleriker und Schlachtenprediger hatte er seine Kameraden durch Kämpfe begleitet, hatte Verwundete versorgt, Gebete gesprochen und den Männern Mut gemacht, wenn die Angst drohte, sie zu überwältigen. Doch Crovax war nie einer gewesen, der sich hinter anderen versteckte. Wenn die Schlacht begann, hatte er Axt oder Schwert gezogen und dort gekämpft, wo seine Kameraden ihn brauchten. Er hatte zwischen ihnen gestanden, Blut und Schweiß im Gesicht, und seine Stimme hatte sich über den Lärm der Schlacht erhoben.
Damals hatte er daran geglaubt, dass seine Worte etwas bewirkten.
Nicht, dass jeder Mann gerettet werden konnte. Das hatte er schon damals gewusst. Aber er glaubte daran, dass es einen Unterschied machte, ob jemand in seinen letzten Augenblicken allein war oder die Stimme eines Kameraden hörte, die ihm Mut zusprach. Er glaubte daran, dass ein Gebet auch dann seinen Wert hatte, wenn die Antwort anders ausfiel, als man gehofft hatte.
Doch mit den Jahren waren die Schlachten mehr geworden und irgendwann hatten sich die einzelnen Erinnerungen kaum noch voneinander unterscheiden lassen. Immer wieder hatte er dieselben Dinge gesehen: Männer, die morgens noch neben ihm gestanden hatten und am Abend nicht mehr aufstanden, Verwundete, deren Hände er gehalten hatte, während um sie herum weitergekämpft wurde, und Kameraden, denen seine Worte zwar für einen Moment Halt gaben, die er am Ende aber trotzdem nicht nach Hause bringen konnte.
Crovax hatte weitergemacht. Er hatte gekämpft, gebetet und gesprochen, weil genau das seine Aufgabe gewesen war. Er war derjenige gewesen, der den anderen Mut zusprach, selbst wenn ihm längst danach war, die eigene Stimme zu verlieren.
Irgendwann jedoch begann er sich zu fragen, was seine Worte eigentlich noch bedeuteten. Er konnte ihnen Hoffnung geben, konnte ihnen sagen, dass ihr Opfer nicht vergeblich war und dass Tyrael über sie wachte. Aber wenn die Schlacht vorüber war und die Toten auf dem Feld lagen, blieb diese Hoffnung manchmal erschreckend still.
Er hatte Tyrael dafür nie gehasst. Zumindest nicht bewusst. Es war eher eine Müdigkeit gewesen, die sich langsam in ihm ausgebreitet hatte. Zuerst betete er weniger, dann ging er seltener in einen Tempel. Wenn er merkte, dass ihm etwas fehlte, redete er sich ein, dass er später wieder anfangen würde. Es gab schließlich immer etwas zu tun, immer einen nächsten Auftrag, eine weitere Reise oder einen anderen Ort, an dem seine Axt gebraucht wurde.
Aus diesem später wurden Jahre.
Vielleicht hatte Crovax seinen Glauben deshalb nie wirklich verloren. Vielleicht hatte er ihn nur so lange beiseitegeschoben, bis er irgendwann vergessen hatte, wie es sich anfühlte, ihn zu tragen.
Der Gedanke ließ ihn nicht los, als er das Kloster betrachtete. Hier beteten die Menschen noch immer, obwohl Tyrael verschwunden war. Sie arbeiteten, halfen einander und kümmerten sich um Kranke und Verletzte, ohne ständig darauf zu warten, dass ein Wunder geschah. Niemand schien zu verlangen, dass die Götter ihnen jeden Schritt abnahmen.
Vielleicht war das der Punkt, den Tarion ihm hatte zeigen wollen:
Nicht eine Antwort, die plötzlich vom Himmel kam, sondern ein Glaube, der auch dann weiterlebte, wenn der Himmel schwieg.
Crovax sagte nichts dazu. Er wusste selbst noch nicht, was er davon halten sollte. Stattdessen blieb er, als Tarion ihnen anbot, eine Zeit lang Teil der Gemeinschaft zu sein.
Die ersten Tage vergingen unspektakulär. Crovax trug Holz, half bei den Vorräten, reparierte Werkzeuge und packte dort mit an, wo gerade jemand gebraucht wurde. Diese Arbeit war ihm vertraut und tat ihm gut. Es war leichter, seine Hände zu beschäftigen, als über Dinge nachzudenken, für die er seit Jahren keine Worte mehr gefunden hatte.
Beim gemeinsamen Essen bemerkte er bald, dass hier niemand besonders darauf achtete, welchen Rang der andere hatte. Wachen saßen neben Bauern, Handwerker neben Heilern und Magier neben Menschen, die auf den Feldern arbeiteten. Sie aßen zusammen, unterhielten sich, stritten manchmal über Kleinigkeiten und lachten im nächsten Augenblick wieder darüber. Es erinnerte Crovax an etwas, das er lange nicht mehr erlebt hatte.
Auch das Beten fiel ihm zunächst schwerer, als er erwartet hatte. Er saß oft einfach nur dabei und hörte den anderen zu. Einige der Worte kannte er noch aus seiner Zeit als Kleriker, andere hatte er längst vergessen. Doch hin und wieder ertappte er sich dabei, dass er einen Satz in Gedanken mitsprach, bevor er überhaupt darüber nachgedacht hatte.
Er begann außerdem, den Klerikern bei ihrer Arbeit zu helfen. Es waren keine großen Dinge. Verbände wechseln, einen Kranken stützen, Wasser bringen oder einfach bei jemandem sitzen, der Angst hatte. Trotzdem stellte Crovax dabei fest, dass vieles von dem, was er längst verloren geglaubt hatte, noch immer in ihm steckte.
Eines Tages verbrachte er einige Zeit in der Bibliothek und fand zwischen alten Schriften ein Buch, auf dessen Einband das Zeichen Tyraels zu sehen war. Er nahm es mit an einen Tisch und begann darin zu lesen. Er hatte gehofft, vielleicht eine Antwort zu finden, etwas, das ihm erklären konnte, warum er sich so weit von seinem Glauben entfernt hatte.
Doch natürlich fand er sie nicht.
Tyrael war noch immer verschwunden. Die alten Worte waren noch immer dieselben und Crovax wusste noch immer nicht, wann genau er aufgehört hatte zu glauben.
Womöglich war das aber auch nicht die richtige Frage.
Vielleicht hatte er seinen Glauben nie verloren und er hatte nur irgendwann aufgehört, ihm zuzuhören.
Crovax schloss das Buch und legte es zurück an seinen Platz. Draußen wartete bereits die nächste Arbeit auf ihn, und später würde wieder gemeinsam gebetet werden.
Er wusste noch immer nicht, wohin dieser Weg ihn führen würde, aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er nicht mehr das Bedürfnis, es sofort wissen zu müssen.