von Ithandor » 22 Sep 2026, 19:35
Die ersten Risse
Ithandor bemerkte die Veränderung zunächst nicht. Seit Tagen schlief er schlecht, doch in Düsterhafen war schlechter Schlaf nichts Ungewöhnliches. Wenn Ithandor am Morgen müde erwachte und das Gefühl hatte, kaum geschlafen zu haben, schob er es auf die Stadt, auf den Auftrag und auf all die Dinge, die ihn bis weit in die Nacht beschäftigten. Erst nach einigen Tagen kamen die Träume. Anfangs blieb kaum etwas von ihnen zurück. Wenn er die Augen öffnete, waren es nur einzelne Bilder, die bereits verblassten, bevor er sie richtig greifen konnte. Eine enge Gasse. Feuchtes Pflaster. Regen, der von einem Dach tropfte. Eine Mauer, wie es sie zu Hunderten in Düsterhafen gab. Und darauf ein schwarzer Stern. Nicht größer als jene Zeichen, die er tagsüber fand, mit dunkler Farbe auf den Stein gesetzt und an einigen Stellen bereits vom Wetter verlaufen. Nichts daran war außergewöhnlich, und doch blieb Ithandor im Traum immer davor stehen. Er wusste nie, warum. Er wusste nur, dass er ihn ansehen musste. Beim ersten Mal dachte er sich nichts dabei. Natürlich träumte er von den Zeichen. Seit seiner Ankunft beschäftigte er sich beinahe täglich mit ihnen. Er suchte nach ihnen, zeichnete ihre Fundorte in Karten ein und versuchte, eine Verbindung zwischen ihnen und den Vorfällen in der Stadt herzustellen. Dass sein Geist dieselben Bilder im Schlaf wiederholte, war kaum verwunderlich. Beim zweiten Traum war es ebenso. Wieder die Gasse, wieder die Mauer, wieder der Stern. Nur war diesmal etwas anders. Ithandor stand näher davor. So nahe, dass er die Spuren der schwarzen Farbe auf dem rauen Stein erkennen konnte. Einige Linien waren durch den Regen ausgewaschen, und doch wusste er genau, wie sie ursprünglich verlaufen waren. Im Traum hob er die Hand, um eine fehlende Spitze mit dem Finger nachzuzeichnen. Noch bevor er die Mauer berührte, wachte er auf. Lange lag er im Dunkeln und starrte zur Decke. Das Zimmer war still. Nur das entfernte Rauschen des Regens war zu hören. Ithandor schloss die Augen wieder, doch der Stern blieb für einige Herzschläge vor ihm, als hätte jemand die Linien auf die Innenseite seiner Lider gemalt. Als er erneut blinzelte, war er verschwunden. Am Morgen hielt er das Ganze bereits für bedeutungslos.
Seine Ermittlungen gingen weiter. Seit er das Kloster im Süden zunächst verworfen hatte, folgte Ithandor wieder den schwarzen Zeichen durch andere Teile der Stadt. Manche waren leicht zu finden, grob auf Türen oder Mauern gemalt. Andere waren so verwittert, dass er sie beinahe übersah. Eines entdeckte er auf einem alten Holzpfosten nahe des Hafens. Vom Regen war kaum mehr als die Hälfte erhalten. Ithandor ging bereits daran vorbei, als er plötzlich stehen blieb. Er wusste, was dort gewesen war, noch bevor er zurückblickte. Drei dunkle Linien waren geblieben. Der Rest fehlte. Trotzdem sah er den vollständigen Stern vor sich. Nicht wirklich auf dem Holz, sondern in seinem Kopf. Für einen Moment erschien ihm die fehlende Form so deutlich, dass er die Hand hob und die übrigen Linien mit dem Finger in der Luft ergänzte. Er bemerkte erst danach, was er getan hatte. Ithandor ließ die Hand sinken und sah sich um. Niemand schien ihn beobachtet zu haben. Ein paar Hafenarbeiter trugen Kisten auf einen Wagen, weiter hinten stritt ein Fischer mit einem Händler, und eine Frau zog ein Kind aus einer Pfütze. Niemand interessierte sich für einen jungen Elfen, der vor einem alten Pfosten stand. Ithandor betrachtete noch einmal die verblassten Linien. Sein Geist hatte lediglich eine bekannte Form ergänzt. Mehr nicht. Wer oft genug dasselbe Zeichen sah, erkannte es eben auch dann, wenn nur Teile davon übrig waren. Die Erklärung war so einfach, dass er keinen Grund sah, länger darüber nachzudenken.
Am Abend fand er sich dabei wieder, den Stern aus dem Gedächtnis auf ein Stück Pergament zu zeichnen. Nicht für seinen Bericht und auch nicht für seine Aufzeichnungen über die Fundorte. Er wollte lediglich prüfen, ob er sich an die genaue Form erinnerte. Nachdem die Linien fertig waren, betrachtete er sie lange. Irgendetwas stimmte nicht. Die linke Spitze war zu kurz. Ithandor nahm die Feder erneut auf und verlängerte sie ein wenig. Dann störte ihn der Winkel der unteren Linie. Er korrigierte auch diesen und betrachtete das Ergebnis erneut. Erst als es ihm richtig erschien, legte er die Feder beiseite. Am nächsten Morgen verbrannte er das Pergament. Der Elf glaubte noch immer, er untersuche die Zeichen. Er begriff nicht, dass die Zeichen längst begonnen hatten, ihn zu verändern.
Zunächst waren es nur Kleinigkeiten, die sich leicht mit Müdigkeit erklären ließen. Ithandor wurde ungeduldiger. Fragen, die er zum zweiten oder dritten Mal stellen musste, reizten ihn plötzlich stärker als zuvor, und wenn ein Händler behauptete, sich nicht mehr an ein Gespräch erinnern zu können oder ein Hafenarbeiter mitten in einer Aussage verstummte, fiel es ihm zunehmend schwer, ruhig zu bleiben. Früher hatte er versucht, solche Menschen mit Geduld zum Reden zu bringen. Nun wurde seine Stimme schneller schärfer, und manchmal genügte bereits ein ausweichender Blick, damit Ärger in ihm aufstieg. Als ihm eines Nachmittags ein alter Händler zum wiederholten Mal versicherte, nichts über Edren Falk zu wissen, verlor Ithandor beinahe die Geduld. „Ihr wisst etwas“, sagte er, und als der Mann die Hände hob und beteuerte, ihm bereits alles gesagt zu haben, wurde Ithandors Blick kalt. „Nein. Ihr habt mir dreimal etwas anderes erzählt.“ Der Händler wich einen Schritt zurück. Für einen kurzen Moment empfand Ithandor darüber eine seltsame Befriedigung. Nicht viel, nur einen kleinen Anflug davon, weil der Mann endlich begriffen hatte, dass Ithandor sich nicht länger mit Ausflüchten zufriedengeben würde. Erst einige Straßen später fragte er sich, warum ihn dieser Augenblick überhaupt beschäftigte. Er war müde, gereizt und kam seit Tagen kaum voran. Es war nur natürlich, dass seine Geduld irgendwann nachließ.
Doch die Gereiztheit blieb. Geräusche störten ihn schneller. Das Lachen aus den Tavernen, das Geschrei der Händler, die Betrunkenen in den engen Straßen und die ständigen Ausflüchte der Bewohner gingen ihm zunehmend auf die Nerven. Besonders schwer fiel es ihm, geduldig zu bleiben, wenn jemand versuchte, ihm etwas Offensichtliches zu erklären. Mehr als einmal musste er sich daran erinnern, dass diese Menschen nicht wussten, was er wusste, und nicht sehen konnten, was er bereits gesehen hatte. Mit der Zeit wurde aus dieser Erkenntnis etwas anderes. Er ertappte sich dabei, ihre Aussagen schneller abzuwerten, ihre Zweifel als Unwissenheit abzutun und ihre Angst als Schwäche zu betrachten. Für einen Lichtelfen war eine gewisse Distanz zu Menschen nichts Ungewöhnliches, doch bei Ithandor bekam sie langsam eine Schärfe, die vorher nicht da gewesen war. Er bemerkte es nicht als Veränderung. Für ihn wirkte es eher so, als würde er die Menschen um sich herum endlich klarer sehen.
Eines Abends stieß ihn in einer schmalen Straße ein betrunkener Mann an. Es war kaum der Rede wert. Der Fremde taumelte, murmelte etwas und wollte weitergehen, doch Ithandor packte ihn am Arm. „Passt auf, wohin Ihr geht.“ Der Mann sah überrascht zu ihm und versuchte sich loszumachen. „Schon gut.“ Ithandors Griff wurde fester. „Ich sagte, Ihr sollt aufpassen.“ Für einen Moment standen sie einander gegenüber. Dann sah Ithandor die Unsicherheit im Gesicht des Mannes und ließ ihn los. Der Betrunkene verschwand hastig zwischen den Häusern. Ithandor blieb zurück und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Nicht vor Schreck. Er hatte sich gut gefühlt. Die Erkenntnis missfiel ihm, aber er fand schnell eine Erklärung. Der Mann war betrunken gewesen, unhöflich und vielleicht gefährlich. Ithandor hatte lediglich verhindert, dass aus der Sache mehr wurde. Es war nichts geschehen. Niemand war verletzt worden. Trotzdem dachte er später noch an den Blick des Mannes.
Mit jedem Tag häuften sich solche kleinen Augenblicke. Ithandor bemerkte sie nie als Ganzes. Für jeden einzelnen fand sich eine vernünftige Erklärung. Zu wenig Schlaf, zu viele erfolglose Befragungen, der Druck seines ersten größeren Auftrags und die Gewissheit, dass irgendwo in dieser Stadt jemand seine Nachforschungen beobachtete. Jeder hätte unter solchen Umständen gereizter reagiert. Eines Abends fiel ihm jedoch beim Durchsehen seiner Aufzeichnungen etwas auf. Neben mehreren Aussagen hatte er Bemerkungen geschrieben, an die er sich nicht erinnern konnte. Feige. Nutzlos. Zu dumm, um zu verstehen, was er gesehen hat. Ithandor betrachtete die Worte lange. Seine Handschrift war eindeutig. Er nahm die Feder und strich das Wort dumm durch. Dann hielt er inne. Der Mann war tatsächlich dumm gewesen. Nach einigen Sekunden legte Ithandor die Feder beiseite und schob das Blatt unter die übrigen Aufzeichnungen.
In dieser Nacht schlief er spät ein. Als der Traum kam, befand er sich nicht in seinem Zimmer und auch nicht in einer der vertrauten Gassen. Er stand auf einem weiten Platz irgendwo in Düsterhafen. Die Häuser ringsum waren dunkel, die Fenster leer, und selbst der Nebel schien reglos zwischen den Mauern zu stehen. Kein Wind war zu hören, keine Möwe, kein entferntes Rufen vom Hafen. Ithandor drehte sich langsam um und bemerkte am Rand des Platzes einen Mann. Zunächst war er nur eine dunkle Gestalt, groß und in einen langen Mantel gehüllt. Ithandor konnte sein Gesicht nicht erkennen, wusste aber dennoch, dass der Fremde ihn ansah.
„Wer seid Ihr?“, fragte er.
Seine Stimme klang seltsam gedämpft, als würde der Nebel sie verschlucken.
Der Mann antwortete nicht. Stattdessen begann er auf Ithandor zuzugehen. Langsam, ohne jede Eile. Ithandor hörte keine Schritte, obwohl die Gestalt mit jedem Augenblick näher kam. Er wollte zurückweichen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Etwas hielt ihn an diesem Ort fest. Als der Fremde nur noch wenige Schritte entfernt war, konnte Ithandor endlich Teile seines Gesichtes erkennen. Die Züge blieben im Schatten, doch die Augen waren deutlich. Dunkelrot. Kein helles Leuchten, eher eine tiefe Glut, die unter der Oberfläche brannte.
Ithandor spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte.
„Wer seid Ihr?“
Der Mann blieb stehen. Für einen langen Moment sagte er nichts. Dann erschien ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht.
„Du suchst nach mir.“
Ithandor wollte antworten, doch kein Wort kam über seine Lippen.
Der Fremde trat noch einen Schritt näher. Seine roten Augen waren nun das Einzige, worauf Ithandor sich konzentrieren konnte.
„Und jedes Mal“, sagte der Mann ruhig, „kommst du ein wenig näher.“
Hinter ihm begann sich der Nebel zu bewegen. Für einen kurzen Augenblick glaubte Ithandor darin weitere Gestalten zu erkennen, reglose Schatten zwischen den Häusern. Dann wandte der Mann den Kopf leicht zur Seite, als würde er etwas hören, das Ithandor verborgen blieb.
„Bald“, sagte er.
Ithandor erwachte.
Er saß aufrecht im Bett, der Atem ging schnell und kalter Schweiß lag auf seiner Stirn. Das Zimmer war dunkel und still. Für einige Sekunden wusste er nicht, wo er war. Dann erkannte er den Tisch, den Stuhl, das kleine Fenster und die undeutlichen Umrisse seiner Kleidung. Er griff nach der Kerze und entzündete sie mit zitternden Fingern. Niemand war dort. Keine Gestalt. Keine roten Augen. Nur sein Zimmer in der Salzkrähe.
Ithandor atmete langsam aus. Es war nur ein Traum.
Doch als er sich wieder hinlegte, blieb die Stimme des Fremden bei ihm.
Du suchst nach mir.
Und zum ersten Mal fiel es ihm schwer, sich selbst davon zu überzeugen, dass es wirklich nur ein Traum gewesen war.
[b]Die ersten Risse
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Ithandor bemerkte die Veränderung zunächst nicht. Seit Tagen schlief er schlecht, doch in Düsterhafen war schlechter Schlaf nichts Ungewöhnliches. Wenn Ithandor am Morgen müde erwachte und das Gefühl hatte, kaum geschlafen zu haben, schob er es auf die Stadt, auf den Auftrag und auf all die Dinge, die ihn bis weit in die Nacht beschäftigten. Erst nach einigen Tagen kamen die Träume. Anfangs blieb kaum etwas von ihnen zurück. Wenn er die Augen öffnete, waren es nur einzelne Bilder, die bereits verblassten, bevor er sie richtig greifen konnte. Eine enge Gasse. Feuchtes Pflaster. Regen, der von einem Dach tropfte. Eine Mauer, wie es sie zu Hunderten in Düsterhafen gab. Und darauf ein schwarzer Stern. Nicht größer als jene Zeichen, die er tagsüber fand, mit dunkler Farbe auf den Stein gesetzt und an einigen Stellen bereits vom Wetter verlaufen. Nichts daran war außergewöhnlich, und doch blieb Ithandor im Traum immer davor stehen. Er wusste nie, warum. Er wusste nur, dass er ihn ansehen musste. Beim ersten Mal dachte er sich nichts dabei. Natürlich träumte er von den Zeichen. Seit seiner Ankunft beschäftigte er sich beinahe täglich mit ihnen. Er suchte nach ihnen, zeichnete ihre Fundorte in Karten ein und versuchte, eine Verbindung zwischen ihnen und den Vorfällen in der Stadt herzustellen. Dass sein Geist dieselben Bilder im Schlaf wiederholte, war kaum verwunderlich. Beim zweiten Traum war es ebenso. Wieder die Gasse, wieder die Mauer, wieder der Stern. Nur war diesmal etwas anders. Ithandor stand näher davor. So nahe, dass er die Spuren der schwarzen Farbe auf dem rauen Stein erkennen konnte. Einige Linien waren durch den Regen ausgewaschen, und doch wusste er genau, wie sie ursprünglich verlaufen waren. Im Traum hob er die Hand, um eine fehlende Spitze mit dem Finger nachzuzeichnen. Noch bevor er die Mauer berührte, wachte er auf. Lange lag er im Dunkeln und starrte zur Decke. Das Zimmer war still. Nur das entfernte Rauschen des Regens war zu hören. Ithandor schloss die Augen wieder, doch der Stern blieb für einige Herzschläge vor ihm, als hätte jemand die Linien auf die Innenseite seiner Lider gemalt. Als er erneut blinzelte, war er verschwunden. Am Morgen hielt er das Ganze bereits für bedeutungslos.
Seine Ermittlungen gingen weiter. Seit er das Kloster im Süden zunächst verworfen hatte, folgte Ithandor wieder den schwarzen Zeichen durch andere Teile der Stadt. Manche waren leicht zu finden, grob auf Türen oder Mauern gemalt. Andere waren so verwittert, dass er sie beinahe übersah. Eines entdeckte er auf einem alten Holzpfosten nahe des Hafens. Vom Regen war kaum mehr als die Hälfte erhalten. Ithandor ging bereits daran vorbei, als er plötzlich stehen blieb. Er wusste, was dort gewesen war, noch bevor er zurückblickte. Drei dunkle Linien waren geblieben. Der Rest fehlte. Trotzdem sah er den vollständigen Stern vor sich. Nicht wirklich auf dem Holz, sondern in seinem Kopf. Für einen Moment erschien ihm die fehlende Form so deutlich, dass er die Hand hob und die übrigen Linien mit dem Finger in der Luft ergänzte. Er bemerkte erst danach, was er getan hatte. Ithandor ließ die Hand sinken und sah sich um. Niemand schien ihn beobachtet zu haben. Ein paar Hafenarbeiter trugen Kisten auf einen Wagen, weiter hinten stritt ein Fischer mit einem Händler, und eine Frau zog ein Kind aus einer Pfütze. Niemand interessierte sich für einen jungen Elfen, der vor einem alten Pfosten stand. Ithandor betrachtete noch einmal die verblassten Linien. Sein Geist hatte lediglich eine bekannte Form ergänzt. Mehr nicht. Wer oft genug dasselbe Zeichen sah, erkannte es eben auch dann, wenn nur Teile davon übrig waren. Die Erklärung war so einfach, dass er keinen Grund sah, länger darüber nachzudenken.
Am Abend fand er sich dabei wieder, den Stern aus dem Gedächtnis auf ein Stück Pergament zu zeichnen. Nicht für seinen Bericht und auch nicht für seine Aufzeichnungen über die Fundorte. Er wollte lediglich prüfen, ob er sich an die genaue Form erinnerte. Nachdem die Linien fertig waren, betrachtete er sie lange. Irgendetwas stimmte nicht. Die linke Spitze war zu kurz. Ithandor nahm die Feder erneut auf und verlängerte sie ein wenig. Dann störte ihn der Winkel der unteren Linie. Er korrigierte auch diesen und betrachtete das Ergebnis erneut. Erst als es ihm richtig erschien, legte er die Feder beiseite. Am nächsten Morgen verbrannte er das Pergament. Der Elf glaubte noch immer, er untersuche die Zeichen. Er begriff nicht, dass die Zeichen längst begonnen hatten, ihn zu verändern.
Zunächst waren es nur Kleinigkeiten, die sich leicht mit Müdigkeit erklären ließen. Ithandor wurde ungeduldiger. Fragen, die er zum zweiten oder dritten Mal stellen musste, reizten ihn plötzlich stärker als zuvor, und wenn ein Händler behauptete, sich nicht mehr an ein Gespräch erinnern zu können oder ein Hafenarbeiter mitten in einer Aussage verstummte, fiel es ihm zunehmend schwer, ruhig zu bleiben. Früher hatte er versucht, solche Menschen mit Geduld zum Reden zu bringen. Nun wurde seine Stimme schneller schärfer, und manchmal genügte bereits ein ausweichender Blick, damit Ärger in ihm aufstieg. Als ihm eines Nachmittags ein alter Händler zum wiederholten Mal versicherte, nichts über Edren Falk zu wissen, verlor Ithandor beinahe die Geduld. „Ihr wisst etwas“, sagte er, und als der Mann die Hände hob und beteuerte, ihm bereits alles gesagt zu haben, wurde Ithandors Blick kalt. „Nein. Ihr habt mir dreimal etwas anderes erzählt.“ Der Händler wich einen Schritt zurück. Für einen kurzen Moment empfand Ithandor darüber eine seltsame Befriedigung. Nicht viel, nur einen kleinen Anflug davon, weil der Mann endlich begriffen hatte, dass Ithandor sich nicht länger mit Ausflüchten zufriedengeben würde. Erst einige Straßen später fragte er sich, warum ihn dieser Augenblick überhaupt beschäftigte. Er war müde, gereizt und kam seit Tagen kaum voran. Es war nur natürlich, dass seine Geduld irgendwann nachließ.
Doch die Gereiztheit blieb. Geräusche störten ihn schneller. Das Lachen aus den Tavernen, das Geschrei der Händler, die Betrunkenen in den engen Straßen und die ständigen Ausflüchte der Bewohner gingen ihm zunehmend auf die Nerven. Besonders schwer fiel es ihm, geduldig zu bleiben, wenn jemand versuchte, ihm etwas Offensichtliches zu erklären. Mehr als einmal musste er sich daran erinnern, dass diese Menschen nicht wussten, was er wusste, und nicht sehen konnten, was er bereits gesehen hatte. Mit der Zeit wurde aus dieser Erkenntnis etwas anderes. Er ertappte sich dabei, ihre Aussagen schneller abzuwerten, ihre Zweifel als Unwissenheit abzutun und ihre Angst als Schwäche zu betrachten. Für einen Lichtelfen war eine gewisse Distanz zu Menschen nichts Ungewöhnliches, doch bei Ithandor bekam sie langsam eine Schärfe, die vorher nicht da gewesen war. Er bemerkte es nicht als Veränderung. Für ihn wirkte es eher so, als würde er die Menschen um sich herum endlich klarer sehen.
Eines Abends stieß ihn in einer schmalen Straße ein betrunkener Mann an. Es war kaum der Rede wert. Der Fremde taumelte, murmelte etwas und wollte weitergehen, doch Ithandor packte ihn am Arm. „Passt auf, wohin Ihr geht.“ Der Mann sah überrascht zu ihm und versuchte sich loszumachen. „Schon gut.“ Ithandors Griff wurde fester. „Ich sagte, Ihr sollt aufpassen.“ Für einen Moment standen sie einander gegenüber. Dann sah Ithandor die Unsicherheit im Gesicht des Mannes und ließ ihn los. Der Betrunkene verschwand hastig zwischen den Häusern. Ithandor blieb zurück und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Nicht vor Schreck. Er hatte sich gut gefühlt. Die Erkenntnis missfiel ihm, aber er fand schnell eine Erklärung. Der Mann war betrunken gewesen, unhöflich und vielleicht gefährlich. Ithandor hatte lediglich verhindert, dass aus der Sache mehr wurde. Es war nichts geschehen. Niemand war verletzt worden. Trotzdem dachte er später noch an den Blick des Mannes.
Mit jedem Tag häuften sich solche kleinen Augenblicke. Ithandor bemerkte sie nie als Ganzes. Für jeden einzelnen fand sich eine vernünftige Erklärung. Zu wenig Schlaf, zu viele erfolglose Befragungen, der Druck seines ersten größeren Auftrags und die Gewissheit, dass irgendwo in dieser Stadt jemand seine Nachforschungen beobachtete. Jeder hätte unter solchen Umständen gereizter reagiert. Eines Abends fiel ihm jedoch beim Durchsehen seiner Aufzeichnungen etwas auf. Neben mehreren Aussagen hatte er Bemerkungen geschrieben, an die er sich nicht erinnern konnte. Feige. Nutzlos. Zu dumm, um zu verstehen, was er gesehen hat. Ithandor betrachtete die Worte lange. Seine Handschrift war eindeutig. Er nahm die Feder und strich das Wort dumm durch. Dann hielt er inne. Der Mann war tatsächlich dumm gewesen. Nach einigen Sekunden legte Ithandor die Feder beiseite und schob das Blatt unter die übrigen Aufzeichnungen.
In dieser Nacht schlief er spät ein. Als der Traum kam, befand er sich nicht in seinem Zimmer und auch nicht in einer der vertrauten Gassen. Er stand auf einem weiten Platz irgendwo in Düsterhafen. Die Häuser ringsum waren dunkel, die Fenster leer, und selbst der Nebel schien reglos zwischen den Mauern zu stehen. Kein Wind war zu hören, keine Möwe, kein entferntes Rufen vom Hafen. Ithandor drehte sich langsam um und bemerkte am Rand des Platzes einen Mann. Zunächst war er nur eine dunkle Gestalt, groß und in einen langen Mantel gehüllt. Ithandor konnte sein Gesicht nicht erkennen, wusste aber dennoch, dass der Fremde ihn ansah.
„Wer seid Ihr?“, fragte er.
Seine Stimme klang seltsam gedämpft, als würde der Nebel sie verschlucken.
Der Mann antwortete nicht. Stattdessen begann er auf Ithandor zuzugehen. Langsam, ohne jede Eile. Ithandor hörte keine Schritte, obwohl die Gestalt mit jedem Augenblick näher kam. Er wollte zurückweichen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Etwas hielt ihn an diesem Ort fest. Als der Fremde nur noch wenige Schritte entfernt war, konnte Ithandor endlich Teile seines Gesichtes erkennen. Die Züge blieben im Schatten, doch die Augen waren deutlich. Dunkelrot. Kein helles Leuchten, eher eine tiefe Glut, die unter der Oberfläche brannte.
Ithandor spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte.
„Wer seid Ihr?“
Der Mann blieb stehen. Für einen langen Moment sagte er nichts. Dann erschien ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht.
„Du suchst nach mir.“
Ithandor wollte antworten, doch kein Wort kam über seine Lippen.
Der Fremde trat noch einen Schritt näher. Seine roten Augen waren nun das Einzige, worauf Ithandor sich konzentrieren konnte.
„Und jedes Mal“, sagte der Mann ruhig, „kommst du ein wenig näher.“
Hinter ihm begann sich der Nebel zu bewegen. Für einen kurzen Augenblick glaubte Ithandor darin weitere Gestalten zu erkennen, reglose Schatten zwischen den Häusern. Dann wandte der Mann den Kopf leicht zur Seite, als würde er etwas hören, das Ithandor verborgen blieb.
„Bald“, sagte er.
Ithandor erwachte.
Er saß aufrecht im Bett, der Atem ging schnell und kalter Schweiß lag auf seiner Stirn. Das Zimmer war dunkel und still. Für einige Sekunden wusste er nicht, wo er war. Dann erkannte er den Tisch, den Stuhl, das kleine Fenster und die undeutlichen Umrisse seiner Kleidung. Er griff nach der Kerze und entzündete sie mit zitternden Fingern. Niemand war dort. Keine Gestalt. Keine roten Augen. Nur sein Zimmer in der Salzkrähe.
Ithandor atmete langsam aus. Es war nur ein Traum.
Doch als er sich wieder hinlegte, blieb die Stimme des Fremden bei ihm.
Du suchst nach mir.
Und zum ersten Mal fiel es ihm schwer, sich selbst davon zu überzeugen, dass es wirklich nur ein Traum gewesen war.