Wo kein Haus hinwill

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Eine ohne Haus

von Selyndiira Noquar » 24 Sep 2026, 09:08

Es waren keine Menschenspuren.
Das war das Erste, was der Sargtlin sagte, er sagte es bevor er den Kopf hob, da er wusste, dass alles danach nur noch Beiwerk war.

Ein Abdruck im feuchten Boden, zwei Nächte alt. Zu schmal für einen Menschen. Zu leicht für ein Tier, das so tief einsinkt. Weiter westlich derselbe, älter.
Weiter nördlich, frischer. Immer dieselbe Größe, immer dieselbe eine, das Profil passt nur zu einer Frau.
Kein Lager. Keine Feuerstelle, keine Asche.

Eine. Allein. Seit Tagen.
Selyndiira ließ es sich ein zweites Mal sagen, langsamer... fragte diesmal nach den Stellen:
Wo genau ?
In welchem Abstand ?
Wie tief ?

Und da stimmte etwas nicht...

Die Anfrage

Der Waldboden ist weich. Er nimmt alles auf was auf ihn tritt und behält es mehrere Tage lang.
Wer seit Tagen darin lebt und sieben Abdrücke hinterlässt hat nicht sieben mal einen Fehler gemacht.

Er hat sieben Signaturen hinterlassen und das mit Absicht.

Sie lagen zu gleichmäßig. An Stellen, wo ein Fuß nicht einsinken müsste.
Direkt neben Wurzeln, neben Steinen, genau dort wo man hätte ausweichen können und in jedem anderen Schritt auch nicht notwendig war.
Und sie lagen genau dort, wo Sarkuls Leute seit drei Nächten lang gingen.

Nicht auf ihrem Weg. Einen Schritt daneben.

Das ist keine Fährte. Das ist eine Anfrage.

Der Name

Am Ende der Meldung kam das was der Sargtlin beinahe vergessen hätte, weil es nicht am Boden lag.
An einem Stamm, direkt auf Schulterhöhe, ein Zeichen.
Frisch geritzt mit einer schmalen Klinge.
Er las ab, was darunter stand, wie man Wörter abliest, die einem nichts bedeuten.

Shaelra. Ky'Alur. Jabbress.

Jabbress. Herrin, der Titel, den ein Haus einer gibt, die ihm etwas wert war und die trotzdem keine Priesterin ist.
Man bekommt ihn nicht mit bei der Geburt.
Man bekommt ihn für Dienste die man geleistet hat, man bekommt ihn selten.

Sie trug ihn immer noch. Das war das Erste was Selyndiira wirklich über sie erfuhr.
Denn ein Titel den niemand mehr bestätigt, ist kein Titel mehr.
Er ist nur eine Erinnerung die man mit sich herumträgt.
Wer ihn in einen Baum schneidet, sagt zweierlei:

Ich war wer. Und: Ich bin es nicht mehr.

Der Hausname sagte ihr nichts. Vermutlich eines, das hier oben etwas gewesen war.
Es gab viele Häuser, die sie nicht kannte, in der Tiefe wie hier und die meisten davon waren bedeutungslos geworden, lange bevor irgendjemand aufgehört hatte ihre Namen auszusprechen.

Sie legte ihn ab, wie sie alles ablegte. Er lag leicht in der Schale. Er war nur ein Wort.

„Merk ihn dir", sagte sie. „Und frag niemanden danach, bevor ich es sage."

Die Rechnung

Es gibt vier Möglichkeiten, wenn eine allein durch einen Wald geht und ihren Namen in einen Baum schneidet.

-Sie ist eine Späherin und das Zeichen ist der Köder. Dann sitzt hier oben ein Haus, von dem Noquar nichts weiß.
- Die ist eine die dem Lied nachgegangen ist. Dann sagt das Dogma, was geschieht und das Dogma ist in dieser Frage nicht auslegbar.
- Sie ist verrückt geworden, wie es welche werden die zu lange allein unter diesem offenen Himmel sind.
- Oder sie ist das was der Baum behauptet: eine, der das Haus abhandengekommen ist – und die lange genug oben lebt, um zu wissen, dass man ein Drow-Lager nicht überrascht, sondern anklopft.

Vier Möglichkeiten. Drei davon enden damit, dass sie stirbt, sagte sie lächelnd.


Selyndiira entschied sich für keine.
Man entscheidet nicht was etwas ist... Man entscheidet, wie man es herausfindet.


Die Antwort

„Sucht sie nicht." - Der Sargtlin sah auf.

„Sie hat sieben Mal gefragt. Man antwortet nicht, indem man mit vierzig Kriegern durch den Wald läuft und alles zertritt, was sie uns gezeigt hat." - Sie sagte es freundlich, wie man Selbstverständliches erklärt.
„Zwei schneiden ein Zeichen in denselben Stamm. Darunter. Kein Name. Nur den Weg."

„Und wenn sie kommt, Ilharess?"

„Dann kommt sie. Niemand fasst sie an."

Er wartete, weil er merkte, dass da noch etwas war.

„Und sie wird genommen..."

Er überlegte etwas zu fragen, doch ließ es.
Er hätte fragen dürfen; die Antwort wäre kurz gewesen. Ein Haus, das dünn ist, zählt keine Herkunft.
Es zählt Hände.

Unten hätte man drei Jahre über eine Fremde beraten, Blutlinien geprüft, Gefälligkeiten abgewogen – und sie am Ende abgewiesen, weil man es sich leisten konnte.

Noquar kann sich nichts leisten, außer zu wachsen.

„Eine Sache noch", sagte Selyndiira, in genau demselben Ton. „Von dem, was auf dem Stamm steht, bleibt der nur vordere Teil. Der Rest wird entfernt."

„Ilharess?"

„Sie kommt als Shaelra. Nicht als etwas anderes. Der Hausname wird hier nicht ausgesprochen – nicht von ihr, nicht von euch.
Und was vorher war, erzählt sie niemandem. Wer fragt, bekommt nichts von Ihr. Wer weiterfragt, dem Antworte ich..."

Sie sagte es, wie man eine Vorsichtsmaßnahme erklärt und als Vorsichtsmaßnahme war es auch gemeint.
Ein Haus, das einer Fremden ohnehin nicht traut, braucht keinen zweiten Hausnamen im Lager, an dem es sich festbeißen kann.
Man nimmt jemandem den Namen nicht um ihn zu demütigen.
Man nimmt ihn ihm damit die anderen nichts haben, keine Schwächen.

Das war die Hälfte, die sie aussprach.

Die andere sprach sie nicht aus: Wer seine Vergangenheit niemandem erzählen darf teilt sie mit niemandem.
Und wer sie mit niemandem teilt, hat auch niemanden mit dem er sie eines Nachts gegen jemanden verwenden kann.

„Drei Nächte", sagte sie noch. „Kommt sie bis dahin nicht, war es doch ein Köder. Dann Antworten wir anders."

Was ein Rücken ist

Später, als der Gang wieder leer war und Zar'eth draußen sein Standbein gewechselt hatte, ging sie die andere Rechnung durch.

Noquar ist oben blind.
Der Wald ist eine Sprache, die keiner von ihnen spricht und jede Nacht in der sie ihn nicht verstehen, ist eine Nacht in der ihn jemand anderes gegen sie verwenden kann.

Eine Drow die den Wald kennt, ist mehr wert als zehn Sargtlin die den Stein kennen.
Und genau darum ist Misstrauen geboten. Wer den Wald so gut kennt, war lange oben.
Wer lange oben war, war lange entfernt vom Netz. Und was oben auf die wartet, die zu lange fort sind hängt jede Nacht über ihnen und singt Lieder.

Das ist die eine Hälfte.

Die andere: Das Haus wird ihr nicht trauen. Nicht in diesem Winter, nicht im nächsten.
Man wird sie nicht grüßen, nicht ausschließen, nur genau beobachten.

Und das ist der Punkt.

Eine der niemand traut, hat im Haus keine Freunde.
Keine Schuld bei jemandem...
keine Gefälligkeit offen... niemanden, mit dem sich am Rand eines Ganges flüstern lässt.

Sie kann nicht konspirieren – es gibt keinen.
Und wem alle misstrauen, der hat nur eine Richtung in die er treu sein kann.

Nach oben.

Selyndiira hatte unten genug Leibwächter sterben sehen, die aus den besten Familien des Hauses kamen.
Sie starben selten für ihre Herrin.

Und da war die andere leere Stelle. Der Tempel.

Wenn sie irgendwann eine Zweite ausbildet – und irgendwann wird sie müssen, oder das Haus endet mit ihr... dann braucht sie zwischen sich und dieser Zweiten jemanden, der nicht zum Haus gehört.
Eine Wache aus den eigenen Reihen müsste an dem Tag wählen. Jede würde wählen. Sie würden es nur unterschiedlich schnell tun.

Eine Fremde hat nichts zu wählen.

Das ist kein Vertrauen. Vertrauen ist ein Wort für Leute, die sich Überraschungen leisten können.

Sie würde ihr davon nichts sagen. Nicht in dieser Nacht, nicht in der nächsten, vielleicht nie.
Wer erfährt, wofür man ihn vorgesehen hat, fängt an, sich danach zu verhalten und dann sieht man nicht mehr, was er ist, sondern nur noch was er werden möchte.

Erst kommt sie. Dann sieht man sie an. Dann entscheidet man.

Sie stand auf, ging die drei Schritte zu der Karte im Staub und setzte mit der Fußspitze einen Strich an den westlichen Rand.
Keinen Kreis.
Keinen Namen.
Nur einen Strich, dort wo jemand geht der kein Lager macht.

Drei Dunkel...

Irgendwo da draußen entschied gerade jemand, ob sie den Weg geht.

Was im Dunkeln bleibt

von Selyndiira Noquar » 23 Sep 2026, 11:25

Es gab kein Licht mehr im Berg.

Das war ihr Befehl, und Befehle, die man in derselben Nacht durchsetzt, halten länger als die, die man wiederholen muss.
Die Fackeln waren aus. Die Mulde war zugedeckt. Wer nicht schlief, stand und sah hinaus.

Selyndiira saß in einer Kammer ohne Ausgang zum Himmel, den Rücken am Stein, und rührte sich nicht.
Man sah nichts von ihr. Nur die Augen.

Von weitem war sie rot wie jeder andere. Man musste schon nah kommen, um den anderen Ton zu sehen – dunkler, weiter weg vom Feuer, näher an dem, was Blut ist, wenn es getrocknet ist.
So nah kam niemand.

Sie hatte nie gehungert.
Noquar war klein gewesen, nie arm.
Ein Bett aus dem man sie nicht warf.
Ein Name, den man im Qu'ellar aussprach.
Fleisch, wenn andere Pilze bekamen.
Und trotzdem war da diese Sache in ihr gewesen, seit sie denken konnte... etwas, das sich nicht satt werden ließ.

Ihre Mutter hatte ihr genau einen Rat gegeben, bevor sie sie in die Arach-Tinilith schickte.
Eine Zweitgeborene, die nach oben sieht, sieht in ihr eigenes Grab.
Selyndiira hatte das gehört, wie man eine Wegbeschreibung hört.

Vor der Kammer standen zwei.
Zar'eth links. Alt für einen, der noch steht; das halbe rechte Ohr fehlt, sauber abgetrennt, nicht abgerissen.
Er lehnte sich nicht an. Er lehnte sich nie an.
Er hatte zwei Ilharessen vor ihr dienen sehen und über keine ein Wort verloren, sie wusste noch nicht, ob das der beste oder der gefährlichste Mann im Berg war.
Nym'ril rechts. Jung. Die Rüstung zu sauber für jemanden, der aus dem Fels gekommen war.
Er sah sie an, wenn sie vorbeiging... einen Atemzug zu lang, jedes Mal.
Er wollte gesehen werden und hielt das für einen Weg nach oben.

Man braucht solche...
Man stellt sie nur nicht dorthin, wo Nachdenken gebraucht wird.

Die Ordnung

Draußen holten sie die drei Menschen.
Bis eine Meldung kam, war jede Stunde Warten eine verlorene Stunde

Also arbeitete sie.
Ein Haus ist keine Zahl. Das ist der Fehler der Verlierer:
Sie zählen Klingen und halten das für Stärke.
Ein Haus ist eine Ordnung. Wer wem gehorcht, ohne dass man es sagen muss.
Wer wen ersetzt, wenn jemand fällt.

Sie ging nicht die Gesichter durch. Sie ging die Stellen durch.
Waffenmeister. Hausmagier. Schattenmeister. Der, der die Mörder führt. Die Priesterin.

Fünf Stellen. Zwei, die sie füllen konnte. Eine, die sie nicht füllen durfte.
Und eine, an die sie nicht dachte.

Das Haus, das sie bekommen hatte. Die Namen, die sie gestrichen hatte.
Der Wein, den ein Cousin nicht zu Ende trank.
Die Gasse, in der ein Waffenmeister liegen blieb. Die Stille danach, die alle für Ordnung hielten.
Je mehr sie weggenommen hatte, desto weniger war übrig, das man führen konnte. Das ist keine Reue. Das ist einfache Arithmetik.

Sarkul.

Er hatte drei Menschen an einem Feuer gefunden und nicht angerührt, weil man es ihm nicht befohlen hatte.
Er hatte etwas im Laub gesehen und war nicht darauf zugegangen.
Und er hatte am Ende von sich aus berichtet, dass das eigene Lager von draußen zu sehen war.
Das war eine Beobachtung, die niemandem nützte außer ihr und ihm selbst am wenigsten.

Nicht Mut. Mut ist billig und stirbt jung.
Nicht Treue. Treue ist ein Wort, das man benutzt, wenn man nichts Besseres hat.

Es war Präzision...

Ein Waffenmeister muss nicht der Beste mit der Klinge sein.
Er muss wissen, wie viele er hat, wen er verheizen darf und wen nicht, er muss der Ilharess sagen, was sie nicht hören will.
Noch bevor sie es von jemand anderem hört.

Qu'el'Saruk.

Sie sprach es nicht aus. Sie schrieb es nirgendwo hin.
Ein Rang, den man noch nicht vergeben hat, ist ein Rang, mit dem man noch etwas kaufen kann.

Ränge kosten nichts. Das ist das Schöne an ihnen.
Man gibt einem Mann ein Wort und bekommt einen Mann, der etwas zu verlieren hat.
Vorher hatte er nur etwas zu gewinnen... Nun auch zu verlieren.

Und Xireth ging mit ihm. Immer. Ohne Absprache, ohne Zeichen.
Zwei, die sich so bewegen, sind mehr wert als sechs, die einander beobachten... und gefährlicher als einer.

Die Kleinen

Ilviss hatte die Arbeit der Toten übernommen.
Niemand hatte es angeordnet. Sie näht schlechter als die Tote.
Die Junge, T'lara, war im Ring gewesen.
Sie hatte nicht weggesehen, als das Feuer erstickte – nicht aus Mut, sondern weil sie nicht wusste, dass man das darf.
Seitdem hielt sie beim Gehen die Hände an sich als wären sie ihr im Weg.

Selyndiira ließ keine von beiden knien.
Das hatte nichts mit Güte zu tun. Wer kniet, sieht zu Boden, und ein Gesicht sagt in einem Atemzug mehr als ein Rücken in einer Stunde.
Sie wollte ihnen in die Augen sehen, sehen was sie Denken und ihre Emotionen lesen.

Das Loch

Blieb die Stelle, die sie sich aufgehoben hatte, weil man das mit Stellen macht, die man nicht füllen kann.

Der Tempel.

Ein Qu'ellar ohne Priesterin ist in den Augen der Spinnenkönigin kein Haus.
Die Gunst fließt durch die Yathrin, das Haus lebt von der Gunst, und eine Linie ohne Priesterin hat aufgehört, eine Linie zu sein.
So wurde es ihr in der Arach-Tinilith in den Rücken geschlagen, bis sie es auswendig wusste.

Noquar hatte eine Priesterin. Eine einzige.
Sie hatte den Tempel selbst leer gemacht.

Es war richtig gewesen. Ilyndra hatte auf eine Tote gewartet, und wer wartet, hat schon verloren.
Aber eine Rechnung bleibt eine Rechnung, auch wenn sie stimmt.

Sie könnte eine ausbilden...
Und in dem Augenblick, in dem die Erste eine Priesterin wäre, stünde neben ihr etwas, das ohne sie weiterleben kann.

Eine zweite Priesterin ist ein Messer, das man sich selbst schleift.
Man weiß genau, wie scharf es ist. Man hat es ja gemacht.
Doch wäre es auch eine potenzielle Gefahr.

Die andere Möglichkeit hieß:
keine. Dann gibt es keine Zweite, keine, die eines Nachts vor der Obsidianstatue kniet und plant, so wie sie selbst geplant hatte.

Dann stirbt das Haus mit ihr.

Das war kein Gedanke. Das war Vorhersage.

Häuser vergisst man.
Von den Qu'ellaren, die vor tausend Jahren in der Tiefe standen, ist kein Stein übrig, und niemand nennt noch ihre Namen.

Sie würde das Haus wieder groß machen. Das war der Plan, den sie vor dem Haus aussprach, und er stimmte sogar.
Er war nur nicht der ganze.

Sie hätte ihn zu Ende denken können, in dieser Kammer, in der niemand war.
Sie tat es nicht. Manches denkt man nicht zu Ende... nicht einmal für die Göttin, die angeblich ohnehin alles sieht.

Draußen wechselte Zar'eth das Standbein. Ein Geräusch, kaum eines.
Nym'ril rührte sich nicht, weil er glaubte, dass Stillstehen etwas beweist.

Sie wartete auf eine Meldung.

Sie kam noch nicht.

Re: Wo kein Haus hinwill

von Selyndiira Noquar » 23 Sep 2026, 09:39

Ein Feuer ist eine Einladung.

Die Menschen der Oberwelt wissen nichts über die Dunkelheit.
Sie machen ihre Feuer gegen die Kälte, dem Dunkel und sie setzen sich hinein als wären sie zuhause.

Sie glauben, das Licht gehöre ihnen. - Wie Töricht.

Sie sehen nicht, was das Licht macht, es schneidet einen Kreis aus der Dunkelheit um sie herum,
gelb, klein und alles außerhalb wird noch schwärzer. Alles, drumherum, sieht herein, ohne je gesehen zu werden.

Das war die erste Lehre, die die Oberwelt dem Haus Noquar gab. Und sie gab sie zweimal in derselben Nacht.

Der Bericht

Sarkul kam vor dem Morgengrauen zurück zum Lager und Xireth kam mit ihm, keiner von beiden war lauter als der Wind.

Selyndiira ließ sie sprechen.
Sie ließ sie ausreden, was selten war; sie hatte die Erfahrung gemacht, dass Krieger, die man unterbricht, beim nächsten Mal kürzer berichten, als sie sollten.
Also stand sie im Halbdunkel des Höhleneingangs und hörte zu, wie zwei die Schatten die Welt in Stücke zerlegten.

Wasser, ein Bach, schmal, der nicht versiegte. Fährten, die sich kreuzten.
Ein Pfad, breiter als die anderen, nicht befestigt, aber begangen — regelmäßig, von Füßen und von Hufen, an seinem Rand Spuren von Menschen, klein genug für Menschen.
Einen Fußabdruck im feuchten Boden, zu regelmäßig für ein Tier, frisch genug, um wichtig zu sein. Und Rauch...

Drei Menschen an einem Feuer.
Zwei saßen, einer hielt Wache.

Sie hatten sie nicht angerührt.
Der Auftrag war Erkenntnis gewesen, nicht Blut.
Sarkul sagte es ohne Rechtfertigung, wie einer, der einen Befehl erhalten und nicht ausgelegt hat.

Sie sagte nichts dazu. Man lobt einen Sargtlin nicht dafür, dass er einen Befehl versteht.
Dann kam der Teil, an dem Sarkul langsamer sprach.

Zwischen den Bäumen, weiter hinten, hinter den Menschen, hatte sich etwas bewegt.
Einmal. Dann noch einmal, im Laub, so schwach, dass ein schlechteres Auge es verpasst hätte.
Kein Tier... oder eines, das sich nicht wie ein Tier bewegte.
Xireth hatte es auch gesehen.
Sie hatten einen Blick gewechselt und sich zurückgezogen, weit im Bogen, und später, im stiller gewordenen Wald, war ein trockenes Knacken gekommen, und dann nichts mehr.

Etwas, das sie nicht bestimmen konnten.
Selyndiira legte einen Stein in die Schale, zu den anderen, und er lag falsch darin, weil es keine Form hatte.

„Die drei Menschen", wiederholte sie. „Sie werden geholt.
In dieser Nacht. Lebend, alle drei, und leise — wenn einer schreit, soll der Wald es für ein Tier halten.
Nichts bleibt zurück als kalte Asche." Sie sah in die Nacht hinaus, nicht auf die beiden.
„Was sich im Laub bewegt hat, lasst in Ruhe. Man greift nicht nach etwas, von dem man nicht weiß, wie viele Zähne es hat... Noch nicht."

„A'dos quarth."

Und dann, weil ein guter Kundschafter alles berichtet und nicht nur das, was ihn gut aussehen lässt, sagte er den letzten Satz.
Er sagte ihn ohne Betonung, als sei es die kleinste seiner Beobachtungen:

Auf dem Rückweg, noch weit draußen zwischen den Stämmen, hatte er das Lager des Hauses bemerkt.
Feuerlicht, schwach, durch das Unterholz. Und Stimmen, gedämpft, aber da.

Er sagte beides. Das Licht zuerst.

Das eigene Licht

Bel'la", sagte Selyndiira.

Sie sagte es freundlich. Sie sagte fast alles freundlich;
sie hatte früh gelernt, dass eine Stimme, die nie härter wird, weit mehr Aufmerksamkeit bekommt als eine, die schreit, dass Menschen und Drow gleichermaßen auf das Lächeln hören und nicht auf das Wort.
Sarkul und Xireth traten zurück und verschwanden dorthin, wo sie hergekommen waren.

Selyndiira ging ins Lager.

Es brannte klein, in einer Mulde, gut gelegt — ordentlich gelegt, von jemandem, der etwas vom Handwerk verstand.
Darüber hing ein Kessel, und es roch nach gekochtem Moos und nach Rothé, es war beinahe ein Geruch von zu Hause.

„Wem gehört das?"


Es dauerte nur einen Atemzug. Dann trat eine Wanre aus der Gruppe der Bediensteten und kniete: keine Sklavin, aber auch nichts, was einen Rang hatte, den man aussprach.
Eine, die Wasser holte und Fell nähte, Wunden auswusch und das Vieh versorgte.

„Mir, Ilharess."

„Steh auf. Du musst nicht knien, wenn ich mit dir rede."
Selyndiira wartete, bis sie stand, und sah sie an, wie man jemanden ansieht, den man schätzt.
„Du hast es gut gelegt. Das ist kein kleines Lob. Ich habe Sargtlin gesehen, die drei Nächte lang nicht mehr zustande gebracht haben als Rauch."

Die Wanre sagte nichts. Manchmal weiß man, dass man nichts sagen soll, und weiß nicht, warum.

„Die Rothé, nehme ich an. Sie fressen das Moos hier nicht.
Ich habe es kommen sehen; sie werden dünn, wir werden anderes Vieh brauchen."

Selyndiira schaute zum Kessel hinauf, beinahe anerkennend. „Und du hast nicht gewartet, bis es jemand befiehlt.
Das ist selten. Das Haus ist dünn, und wer mitdenkt, ist mehr wert als drei, die auf einen Befehl warten."


Das Haus sammelte sich.
So geht das: Es braucht kein Wort und keinen Ruf; man merkt, wann etwas geschieht, und man ist dort, bevor man darüber nachgedacht hat, warum.
Sie standen im Ring, außerhalb des Feuerscheins, und ihre Augen lagen in der Dunkelheit wie glühende Kohle in der Asche.

Gut. Sie sollten alle hier sein.

„Eine Kleinigkeit ist dabei allerdings zu kurz gekommen", sagte Selyndiira, in genau demselben Ton.
„Ich hatte gesagt, dass niemand von uns ein Feuer macht, das man vom Waldrand aus sieht.
Erinnerst du dich? Es war in der ersten Nacht. Du hast danebengestanden, glaube ich, bei den Tieren."


„Ilharess, ich —"

„Nicht doch." Eine Handbewegung, klein, beruhigend.
„Ich mache dir keinen Vorwurf. Es ist ein Befehl, der unten keinen Sinn ergeben hätte, und wir sind alle noch nicht lange oben.
Unten ist Feuer ein Werkzeug. Es fällt schwer, sich daran zu gewöhnen, dass dasselbe Werkzeug hier ein Ruf in die Dunkelheit ist."


Sie lächelte. Es war kein hässliches Lächeln. Es war das Lächeln einer Frau, die einem zeigt, dass alles in Ordnung ist.

„Und zum Glück ist ja nichts geschehen. Es hat nur einer von uns gesehen. Ein Wald voller Menschen hätte es sehen können, und Menschen, die uns finden, bevor wir sie finden, wären eine unangenehme Nacht geworden... aber es war nur Sarkul, und Sarkul gehört zu uns."
Sie hob die Schultern, ganz leicht. „Also ist es gar nicht schlimm. Ein Feuer kann man löschen. Das ist das Schöne an Feuern."

Die Wanre atmete aus. Man sah es. Man sah, wie etwas in ihr sich löste, das seit dem Wort Befehl festgesessen hatte, sie machte den Fehler, den in diesem Lager jeder gemacht hätte: Sie glaubte ihr.

„Ich lösche es sofort, Ilharess. Erde ist genug da, ich —"

„Erde", sagte Selyndiira, als denke sie darüber nach. „Erde geht. Erde raucht nur so lange, und Rauch spricht fast so laut wie Licht."
Sie sah nachdenklich in die Mulde. „Nein. Wir machen es ordentlich. Es soll ersticken."

Sie wandte den Kopf, ein wenig, zu den zwei Sargtlin, die dem Ring am nächsten standen, sagte es so beiläufig, wie man um Wasser bittet:

„Nehmt sie und legt sie darauf."


Für einen Herzschlag geschah nichts. Nicht weil jemand gezögert hätte sondern weil es einen Moment dauerte, bis ein Satz ankommt, der in demselben Ton gesagt wurde wie das Lob davor.

Dann kamen die beiden.

Die Wanre begriff es, als die erste Hand sie berührte.
Sie sah nicht die Krieger an. Sie sah Selyndiira an, mit offenem Mund, mit dem Blick eines Wesens, das gerade nachrechnet und feststellt, dass die Rechnung die ganze Zeit gestimmt hat und nur sie sie falsch gelesen hat.

„Ich..."

„Ich weiß...", sagte Selyndiira sanft. „Es ist nicht deine Schuld. Du hast an die Tiere gedacht."

Es ging schnell, weil es bei ihr nichts zu lernen gab und Selyndiira nichts ausgab, das nichts brachte.
Ein Griff, ein Ruck, ein Laut, der kürzer war als ein Wort.
Dann hob man sie und legte sie in die Mulde, auf die Glut, sorgfältig, wie man einen Deckel auflegt.

Es zischte. Es roch sofort anders. Das Licht ging aus wie ein Auge das sich schloss.

Niemand im Ring bewegte sich. Das Haus sah zu und das Haus verstand, das war der ganze Zweck.

„Deckt Erde darüber, wenn es kalt ist", sagte Selyndiira völlig emotionslos.
„Und den Kessel nehmt herunter, das Moos ist gar. Es wäre schade drum."


Sie sah in die Runde, ihre Stimme blieb genau so, wie sie die ganze Zeit gewesen war: ruhig, freundlich, ohne jede Schärfe, als spräche sie über das Wetter.

„Sie hat gute Arbeit geleistet, ich sage das ungern über jemanden der gerade eine Mulde abdichtet. Wir werden sie vermissen. Sie hat gut genäht."

Ein kleines, beinahe bedauerndes Nicken.

Und dann, als sie schon halb im Gehen war, über die Schulter, als falle es ihr gerade erst ein:

„Und wenn einer von euch meint, ich hätte es nicht ernst gemeint, weil ich dabei gelächelt habe: Ich lächle immer."

Dann ging sie, hinter ihr blieb ein Lager ohne Licht.

A'dos quarth...

von Sarkul Tal'vharin » 22 Sep 2026, 18:46

Sarkul wartete nicht, bis sich der Blick der Ilharess endgültig von ihm löste. Ihre Anweisung war eindeutig gewesen, und mehr Worte bedurfte es zwischen einem Sargtlin und seiner Ilharess nicht. Die Schatten hier gehörten noch niemandem. Also würde er herausfinden, wem sie vielleicht bereits etwas anderes bedeuteten.
Er entgegnete seiner Ilharess ein ruhiges und selbstverständliches "A'dos quarth", ehe er sich ohne Hast abwandte und seinen Blick über das Gelände schweifen ließ.

Dann ein kaum merkliches Nicken gen Xireth, einem weiteren Sargtlin des Q'ellars. Die beiden kannten einander lange genug, um keine weiteren Absprachen zu benötigen. Xireth war schnell, präzise und tödlich. Vielleicht harmonierten die beiden deswegen so gut miteinander. Sofort schloss dieser zu ihm auf, ohne ein Geräusch zu verursachen und gemeinsam verschwanden sie zwischen den ersten Bäumen. Ihre Bögen lagen griffbereit, die Bewegungen waren ruhig und kontrolliert. Anders als die meisten Angehörigen des Hauses hatten sie keinen Grund, sich von der fremden Umgebung beeindrucken zu lassen. Sie mussten sie lediglich verstehen.

Das war schwieriger, als es zunächst wirkte.

Die Oberwelt besaß keine Decke aus Stein über ihren Köpfen, keine engen Gänge, keine vertrauten Geräusche, die einem Drow verrieten, was sich hinter der nächsten Biegung befand. Stattdessen erstreckte sich der Wald in beinahe alle Richtungen, durchbrochen von Licht, Wind und einer Vielzahl unbekannter Geräusche. Für einen Moment blieben die beiden stehen und ließen die Umgebung auf sich wirken. Nicht, weil sie zögerten, sondern weil sie nichts als selbstverständlich ansahen...dann setzten sich beide wieder in Bewegung.

Sie hielten sich zunächst abseits der deutlichsten Wege und suchten den Schutz dichterer Vegetation. Dort, wo der Boden weicher war, achteten sie auf Spuren. Wo Gras niedergetreten war, prüften sie, ob es durch Tiere oder durch Füße verursacht worden war. Immer wieder blieben sie stehen, wechselten ihre Positionen und beobachteten, bevor sie weitergingen.

Die erste deutliche Spur ließ nicht lange auf sich warten:
Im feuchten Boden zeichnete sich ein Fußabdruck ab, der nicht von einem Tier stammen konnte. Die Form war zu regelmäßig, das Gewicht hatte sich deutlich in die Erde gedrückt. Sarkul ging in die Hocke und betrachtete die Spur, ohne sie zu berühren. Xireth trat neben ihn, musterte ebenfalls den Abdruck und hob schließlich den Blick.

Keiner von beiden musste aussprechen, was sie dachten:
Hier bewegten sich Menschen oder zumindest Wesen, die sich ähnlich fortbewegten. Die Spur war noch frisch genug, dass sie ihre Aufmerksamkeit verdiente. Trotzdem folgten sie ihr nicht unmittelbar. Ein offensichtlicher Weg konnte ebenso gut eine Falle sein wie eine nützliche Verbindung. Stattdessen zogen sie einen Bogen um die Stelle und suchten nach weiteren Hinweisen.

Wenig später stießen sie auf fließendes Wasser.
Ein schmaler Bach zog sich zwischen den Bäumen hindurch und verschwand weiter entfernt wieder im dichten Unterholz. Sarkul blieb am Rand stehen und betrachtete das Wasser, während Xireth die Umgebung absuchte. Die Stelle war geeignet, um Tiere anzulocken, und damit auch jene, die Tiere jagten oder andere Gründe hatten, sich in diesem Gebiet aufzuhalten. Wasser bedeutete Leben, und Leben bedeutete Bewegung...Sie merkten sich den Ort genau.

Von dort aus arbeiteten sich die beiden Drow weiter durch das Gelände. Je länger sie unterwegs waren, desto deutlicher wurden die Spuren, die der Wald verbarg. Tierfährten kreuzten sich, kleinere Abdrücke führten zwischen den Bäumen hindurch, und an manchen Stellen war das Unterholz so niedergetreten, dass regelmäßig jemand oder etwas diesen Weg benutzte.

Schließlich stießen sie auf einen breiteren Pfad.
Er war nicht befestigt und keineswegs mit den Straßen der Unterwelt zu vergleichen, doch er war deutlich genug, um nicht zufällig entstanden zu sein. Mehrere Tierfährten verliefen entlang seines Randes. Dazwischen fanden sich kleinere humanoide Spuren. Sarkul ging ein Stück in die Hocke und ließ die Finger knapp über dem Boden schweben, ohne die Abdrücke zu beschädigen.

Xireth deutete in eine Richtung.

Sarkul folgte der Bewegung mit den Augen. Der Pfad führte tiefer in den Wald und schien sich später zu teilen. Sie entschieden sich, nicht direkt darauf weiterzugehen. Wer einen solchen Weg regelmäßig nutzte, konnte ebenso leicht bemerken, wenn plötzlich zwei Fremde darauf auftauchten.

Also blieben sie im Schutz des Waldes.

Die Vegetation wurde dichter, und einige der Pflanzen waren ihnen völlig unbekannt. Der Sargtlin achtete darauf, nichts davon unnötig zu berühren. Die Oberwelt mochte offen wirken, doch offen bedeutete nicht sicher. Gifte konnten in Blättern verborgen liegen, in Dornen, in Pilzen oder in unscheinbaren Blüten. Ein Fehler hier draußen wäre weitaus schwerwiegender als einer in einem vertrauten Abschnitt der Unterwelt.

Dann veränderte sich die Luft: Rauch.

Die beiden Kundschafter blieben gleichzeitig stehen.

Sarkul hob eine Hand und Xireth ging sofort tiefer in Deckung. Gemeinsam bewegten sie sich in einem weiten Bogen auf die Quelle des Geruchs zu. Dabei achteten sie darauf, keine Zweige zu brechen und das Unterholz möglichst unberührt zu lassen. Schließlich erreichten sie eine leichte Erhebung, von der aus sich ein Teil des Waldes überblicken ließ.
Dort unten brannte ein kleines Feuer.

Drei Menschen befanden sich bei der Feuerstelle. Zwei saßen nahe an den Flammen, während der dritte etwas abseits stand und immer wieder den Waldrand absuchte. Sie wirkten nicht wie eine größere Gruppe und trugen offenbar keine auffällige Bewaffnung, soweit sich aus der Entfernung erkennen ließ.

Der Sargtlin beobachtete seine Ziele lange.

Xireth lag einige Schritte entfernt und hatte einen anderen Winkel gewählt. Dadurch konnten sie gleichzeitig die Menschen und einen Teil des umliegenden Waldes im Auge behalten. Keiner der beiden zeigte Interesse daran, sich ihnen unnötig zu nähern. Ihr Auftrag war Erkenntnis, nicht ein Kampf.

Während sie die Männer beobachteten, bemerkte Sarkul eine weitere Bewegung.

Weiter hinten zwischen den Bäumen hatte sich etwas verändert.
Nur für einen Augenblick war dort etwas zu sehen gewesen. Eine Bewegung, die nicht eindeutig einem Tier zuzuordnen war. Der Drow verengte die Augen und wartete. Nichts. Dann bewegte sich das Laub erneut, diesmal so schwach, dass selbst ein ungeübtes Auge es hätte übersehen können.

Xireth hatte es ebenfalls bemerkt.

Die beiden wechselten einen kurzen Blick. Mehr brauchten sie nicht. Es gab zu viele unbekannte Faktoren. Sie wussten nicht, was sich dort bewegte, wie viele Wesen sich möglicherweise in der Umgebung aufhielten oder ob ihre Anwesenheit bereits bemerkt worden war..Sie würden deshalb nicht angreifen.

Stattdessen zogen sie sich langsam zurück und vergrößerten den Abstand zu dem Lager. Ein weiter Bogen führte sie um die menschliche Feuerstelle herum. Dabei fanden sie weitere Spuren, konnten jedoch nicht mit Sicherheit feststellen, ob sie zu den drei Männern gehörten oder von früheren Reisenden stammten.

Dann wurde der Wald wieder stiller.

Für einige Zeit hörten sie nichts außer dem Wind in den Blättern und den entfernten Geräuschen von Tieren. Dann durchschnitt ein trockenes Knacken die Stille.
Beide erstarrten wieder reflexartig.

Xireth verschwand beinahe vollständig zwischen den Schatten, während Sarkul seinen Blick über die Baumreihen gleiten ließ. Jeder Muskel blieb angespannt, doch keiner von ihnen machte eine hastige Bewegung. Ein paar Herzschläge vergingen. Dann noch einige.

Nichts zeigte sich.

Xireth überprüfte einen anderen Abschnitt des Waldes, während Sarkul den Bereich vor ihnen beobachtete. Schließlich gab sein Begleiter ihm ein kaum sichtbares Zeichen. Sie hatten genug gesehen, um der Ilharess einen ersten Überblick geben zu können. Mehr zu riskieren, ohne zu wissen, was sich in den tieferen Bereichen des Waldes verbarg, wäre unnötig gewesen.

Gemeinsam traten sie den Rückweg an.

Sie wählten nicht denselben Weg, den sie gekommen waren. Stattdessen legten sie erneut einen weiten Bogen zurück, vermieden den menschlichen Lagerplatz und hielten sich von dem breiteren Pfad fern. Wo ihre Spuren unvermeidbar waren, achteten sie darauf, keine eindeutigen Hinweise auf ihre Richtung zu hinterlassen.

Xireth bewegte sich dabei ebenso lautlos wie zuvor. Zwischen den Bäumen war kaum mehr als eine dunkle Bewegung zu erkennen, wenn überhaupt. Der Sargtlin folgte ihm mit demselben ruhigen Schritt, den er bereits auf dem Hinweg gewählt hatte.

Das Lager des Hauses lag noch immer dort, wo sie es zurückgelassen hatten.
Aus der Entfernung waren die ersten Anzeichen der Lagerstelle zwischen den Bäumen zu erkennen. Feuerlicht schimmerte schwach durch das Unterholz, Stimmen drangen gedämpft zu ihnen herüber. Sarkul verlangsamte seinen Schritt, bevor er den letzten Abschnitt zurücklegte, und warf noch einmal einen Blick über den Wald.

Die Oberwelt hatte ihnen bereits mehr gezeigt, als ihnen lieb sein konnte:
Menschen, Wasser, Wege, Tiere, Spuren...Und etwas, dessen Anwesenheit sie noch nicht hatten bestimmen können.

Dann setzten sich die beiden Drow wieder in Bewegung und kehrten zu ihrem Haus zurück, um der Ilharess Bericht zu erstatten.
Das Haus Noquar war gekommen, um zu bleiben...und die Oberwelt hatte gerade erst begonnen, ihnen zu zeigen, was sie verbarg.

Wo kein Haus hinwill

von Selyndiira Noquar » 14 Sep 2026, 10:15

Der Aufstieg hatte länger gedauert, als die Kundschafter versprochen hatten. Kundschafter versprechen immer zu viel, das liegt in ihrer Natur. Kundschafter sprechen nur ein einziges Mal die Wahrheit: wenn sie sagen, ein anderer Kundschafter lügt. Selyndiira hatte das eingerechnet.

Drei Tage mehr. Ein Sklave weniger. Er hatte in einer Spalte den Halt verlor und sein Schrei fiel so lange, dass die Kolonne stehen blieb, um zuzuhören, wie tief es eigentlich hinabging. Sie hatte nicht befohlen, weiterzugehen. Sie hatte gewartet, bis der Schrei verklungen war – dann ging sie weiter, und das Haus folgte ihr.

Man befiehlt nicht, was von selbst geschieht. Das verschwendet Befehle.

Den Ausgang roch sie, bevor sie ihn sah. Das war das Erste, was die Oberwelt ihr gab: einen Geruch. Nass. Grün. Etwas Faulendes darunter, aber nicht das saubere Faulen der Tiefe. Kein Pilz, kein nackter Stein oder altes Blut. Es war der Gestank von etwas, das noch lebte, während es innerlich verrottete.

Der Wind trug es ihr durch den Spalt entgegen, und der Wind selbst war fremd. Unten bewegt sich die Luft nur, wenn jemand sie bewegt – ein unbestechliches Zeichen dafür, dass man nicht allein ist. Hier bewegte sie sich von selbst, und nichts versteckte sich darin, das man hätte töten können.

Dann der letzte Stein. Danach war nichts mehr über ihr.

Sie trat hinaus. Die Nacht war nicht wie die Dunkelheit, die in den Höhlen immer und verlässlich lauerte. Das war der einzige Gedanke, den sie sich in diesem Augenblick erlaubte, und sie erlaubte ihn nur, weil er nützlich war. Zu groß. Kein Gewölbe. Keine Decke, an der das Glühen der Faerzress hing – jener tiefenmagischen Strahlung im Fels, in die hinein die Drow ihre Städte bauten, weil kein fremder Zauber durch sie hindurchblicken konnte.

Über ihr spannte sich etwas Schwarzes, das kein Stein war. Darin brannten Punkte. Weiß, still und vor allem viel zu viele. Dazwischen hing ein bleiches, zerfressenes Rund, das sie aus den Schriften kannte.

Sie kannte auch den Namen, der dazugehörte. Arach-Tinilith, die Tempelschule Lloths auf dem Plateau von Tier Breche, lehrt ihre Töchter die Feinde der Göttin, lange bevor sie ihnen ihre Freunde zeigt: die Abtrünnige, die Tänzerin, die Verräterin des Netzes. Und dies dort oben war ihr Zeichen, ihr Auge, ihre Domäne. Es hing über der gesamten Oberwelt wie ein Versprechen, das nur für die Schwachen bestimmt ist. Man sagt, sie singt. Man sagt, wer ihr Lied hört, vergisst, wem er gehört.

Selyndiira sah hinauf. Lange genug, um es sich zu merken. Dann sah sie weg.

Ihre Hand hatte sich am nackten Fels des Ausgangs festgekrallt, ohne dass sie es befohlen hatte. Sie löste den Griff.

Hinter ihr quoll das Haus aus dem Berg. Sie hörte es, ohne sich umzudrehen: das Schaben der Rüstungen, das dumpfe Stampfen der Rothé, des zottigen Viehs der Tiefe. Das Keuchen der Sklaven. Die leisen Flüche in der fließenden Sprache des Unterreichs, wenn einer der Krieger zum ersten Mal nach oben blickte und an diesem Anblick hängen blieb. Sie zählte die Schritte in ihrem Rücken. Sie kam auf eine Zahl, doch sie ließ sie fallen, bevor sie den Gedanken beendet hatte.

Genug. Es sind genug, um neu anzufangen.

Die Rechnung

Sie ließ sie kommen. Sie ließ sie sehen, dass sie bereits dort stand. Ganz so, als hätte sie nie etwas anderes getan, als unter diesem deckenlosen Himmel zu verweilen und auf ihr Haus zu warten.

Das ist die erste Regel: Die Ilharess ist nie angekommen. Die Ilharess war schon immer da.

Und während sie dort stand und wartete, lief die Rechnung in ihr weiter. Sie lief seit jenem Tag, an dem Ilyndra vor der Obsidianstatue zu Boden gegangen war.

Das Haus war wütend. Das Haus war hungrig. Das hatte sie ihnen gesagt, und es stimmte. Aber es war nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte lautete: Das Haus war ausgedünnt. Eine Säuberung hinterlässt niemals ein volles Haus. Sie hinterlässt eines, in dem jeder Zweite fehlt und jeder Erste genau weiß, warum.

Sie hatte Cousins vergiftet. Sie hatte einen Waffenmeister in einer Gasse verbluten lassen, der noch zwanzig herausragende Krieger ausgebildet hätte, wären ihm zwanzig weitere Jahre geblieben. Sie hatte es getan, weil es getan werden musste, und sie würde es wieder tun. Doch es hatte ein Loch in die Mauern von Noquar gefressen, das man von außen noch nicht sah.

Von außen. Noch nicht.

Unten sieht man solche Löcher. Unten ist ein dünnes Haus eine verräterische Fährte im Staub, und die rivalisierenden Häuser lasen Fährten seit Jahrtausenden. Keine offene Fehde. Kein Krieg, den man riskieren und verlieren könnte. Nur ein Brunnen, der eines Nachts plötzlich bitter schmeckt. Ein Tor, das sich nicht mehr verriegeln lässt. Ein Bündnis, das drei Tage vor dem Angriff aus dem Nichts zerfällt.

Sie hätten Noquar nicht in einer großen Schlacht vernichtet. Sie hätten es aufgesammelt, Stück für Stück, wie man ein sterbendes Tier zerlegt – und niemand hätte sich dafür die Hände schmutzig machen müssen. Unten gibt es keinen Mord. Unten gibt es nur Zeugen.

So lautet das Gesetz von Menzoberranzan, das eigentlich gar keines ist: Ein Haus darf ein anderes auslöschen. Restlos. Mit jeder Tochter, jedem Sklaven, jeder Spinne im Gebälk – und niemand wird danach fragen. Wo kein Zeuge überlebt, hat kein Verbrechen stattgefunden. Nur wer einen Einzigen übrig lässt, hat versagt. Dann fällt der Regierende Rat über den Angreifer her, nicht aus einem absurden Sinn für Gerechtigkeit, sondern weil „Ungeschick“ bestraft werden muss. Ein volles Haus lässt sich schwer fehlerfrei auslöschen. Ein ausgedünntes Haus ist eine Einladung.

Sie wusste das so genau, weil sie an der Stelle ihrer Feinde haargenau dasselbe getan hätte.

Also blieb nur der einzige Ort, an den kein Haus freiwillig wollte: die Oberwelt. Für Menzoberranzan ist sie ein Todesurteil. Wer hinaufgeht, den hat Lloth aus ihrem Netz geschnitten. Dort oben leben die Verstoßenen, die Verräter, die erbärmlichen Anhänger der Tänzerin. Kein Haus von Rang steigt jemals hinauf, es sei denn, um Sklaven zu jagen oder aus perverse „Sport“. Aber man versteckt sich nicht vor Jägern in deren eigenem Revier. Man geht dorthin, wohin die Jäger nicht einmal blicken, weil sie es für unter ihrer Würde halten. Und man wächst dort, geschützt im Schatten ihrer grenzenlosen Verachtung, bis man wieder stark genug ist, um zurückzukehren.

Lloth hatte es erlaubt. Selyndiira hatte gefragt, in der einzigen Sprache, in der man die Spinnenkönigin etwas fragen darf: mit frischem Blut auf dem Altar und einem Plan, der auf Härte basierte, nicht auf Hoffnung. Und die Göttin hatte geschwiegen. Schweigen ist Erlaubnis, wenn man mächtig genug ist, es so zu deuten.

Sie hat nicht Nein gesagt.

Das musste reichen. Es reichte.

Wer ist Selyndiira Noquar?

Eine, die ein ganzes Haus auf den Rücken nahm und damit durch den nackten Fels stieg. Nicht, weil sie floh. Sondern weil sie das Schicksal längst berechnet hatte.

Das gesamte Haus stand hinter ihr versammelt. Nicht in geordneten Reihen – dafür war das Gelände zu unwegsam –, aber in jener tiefen Stille, wie sie nur jene beherrschen, die gelernt haben, dass Lärm den Tod bedeuten kann. Langsam und ohne jede Eile drehte sie sich zu ihnen um. Ganz so, als bliebe ihr alle Zeit dieser Welt; einer Welt, die ihr noch immer keinen Namen gegeben hatte.

Sie ließ den Blick über ihre Gefolgschaft gleiten. Einen nach dem anderen. Sie registrierte, wer ihrem Blick standhielt und wer auf den feuchten Boden starrte. Sie sah, wessen Hand ruhig am Schwertgriff lag und wessen Finger zitterten. Sie merkte sich alles, während sich in ihrem eigenen Gesicht nicht ein Muskel bewegte.

Dann sprach sie. Ihre Stimme war nicht laut. Sie war nie laut. Lautstärke ist ein Werkzeug für jene, die fürchten, sonst überhört zu werden.

„Ihr steht auf der Oberwelt. Sie wird versuchen, euch zu töten. Mit Licht, mit Kälte, mit Wesen, die nicht wissen, was ihr seid, und mit solchen, die es genau wissen. Lasst sie es versuchen.“

Eine kurze Pause. Nicht für sie, sondern damit das Gesagte bei den anderen einsickern konnte.

„Sarkul. Die Schatten hier gehören noch niemandem. Nimm sie dir. Ich will wissen, was in jede Richtung liegt – und ich will es wissen, bevor irgendetwas dort draußen unsere Anwesenheit bemerkt hat.“

„Maldrak. Die Wache. Zwei Ringe. Der äußere sieht, der innere tötet. Niemand schläft, der nicht abgelöst wurde.“

„Der Rest von euch: Die Höhle deckt unseren Rücken. Lager, Wasser, die Tiere, die Sklaven – bis zum nächsten Dunkel will ich exakt wissen, was wir haben und wie lange es reicht.“

Sie hob den Blick und sah sie nun alle gleichzeitig an.

„Und noch etwas. Da oben hängt das Auge der Verräterin. Ihr kennt die Lehre. Wer in der Nacht ein Lied hört, das keiner von uns singt, meldet es mir. Wer es mitsingt, verliert sein Leben.“

Niemand sah nach oben. Das war die einzig richtige Antwort.

„Was ihr findet, gehört Noquar. Was ihr verliert, zahlt ihr selbst.“

Damit wandte sie sich ab. Hinter ihr geriet das Haus lautlos in Bewegung. In Aufgaben, in geflüsterte Befehle, die hastig weitergegeben wurden. Und niemand wagte es zu fragen, wohin die Ilharess ging.

Es gab hier keinen Altar. Es gab nur einen Felsblock, flach, kalt und feucht von diesem Tau, den sie nur aus Schriften kannte. Sie kniete nicht davor nieder. Vor einem profanen Stein kniet keine Ilharess. Mutter Oberin heißt dieser Rang, und Mutter ist in Menzoberranzan kein weiches Wort. Sie legte die Hand auf die kalte Oberfläche und sprach leise in den Stein. In der scharfen Sprache der Tiefe. Was sie sprach, war kein Gebet.

Es war ein Rapport.

Das Haus ist oben. Verluste beim Aufstieg: einer, ohne Wert. Das Gelände ist unbekannt, der Himmel ist … der Himmel ist offen. Die Befehle sind erteilt. Die Wachen stehen. Bis zum nächsten Dunkel wissen wir, was uns umgibt.

Sie bittet nie. Wer bittet, hat bereits verloren.

Über ihr schwebte das Auge der Verräterin. Sein Licht war keine Faerzress – es war kälter, unfassbar weit weg, und es lag auf ihren Händen wie eine Gabe, die sie nicht bestellt hatte. Sie sah nicht hinauf. Man richtet den Blick nur nach oben, wenn man genau weiß, was man dort will.

Irgendwo hinter ihr fluchte ein Krieger leise über den beißenden Wind. Jemand brachte ihn hart zum Schweigen, dann war es wieder still.

Genug. Es sind genug, um anzufangen.

Sie hatte diesen Gedanken in dieser Nacht schon einmal gedacht. Nun dachte sie ihn ein zweites Mal. Gründlich. Bis er unwiderruflich stimmte.

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