[Quest] Die dunklen Tage von Britain

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Re: [Quest] Die dunklen Tage von Britain

von Shezar » 26 Sep 2026, 19:19

Shezar stand vor dem Kamin und sah zu, wie das Papier verbrannte.

Die Flammen hatten bereits die Hälfte des Blattes erfasst. An den Rändern krümmte es sich nach innen; die Schrift wurde braun, dann schwarz und verschwand. Shezar hielt ein Glas Wein in der Hand. Er trank einen Schluck und beobachtete, wie auch die letzten Zeilen Feuer fingen. Erst als das Blatt in sich zusammenfiel, wandte er sich ab.

Ein paar Stunden zuvor hatte es an der Tür seines Dienstzimmers geklopft. Der Reichsgardist, der an diesem Tag die Berichte überbrachte, trat mit einer Mappe unter dem Arm ein.

Shezar deutete auf den freien Platz am Rand seines Schreibtisches. Der Gardist legte die Mappe dort ab, verabschiedete sich und schloss die Tür hinter sich. Shezar beendete zunächst die Verfügung, an der er gearbeitet hatte. Dann zog er die Berichte zu sich.

Er ging sie der Reihe nach durch. Eine Beschwerde über nächtlichen Lärm, die bereits geklärt war. Ein Streit zwischen zwei Händlern, zu dem noch eine Aussage fehlte. Eine Meldung der Abendstreife, die keiner weiteren Anweisung bedurfte. Shezar las, setzte knappe Vermerke an die Ränder und legte jedes Blatt auf den passenden Stapel.

Dann nahm er Crovax Donnerhalls Bericht zur Hand.

Drei Vermisstenanzeigen innerhalb einer Woche. Bei zwei der Betroffenen hatte man zunächst angenommen, sie seien weitergezogen. Der dritte, ein Minenarbeiter, war nach seiner Schicht nicht zu Hause angekommen. Sein Bruder hatte den gewöhnlichen Heimweg abgesucht und Bekannte befragt, ohne etwas zu erfahren. Crovax hatte die letzten bekannten Aufenthaltsorte auf einer Karte markiert und keinen gemeinsamen Weg feststellen können. Ob die Fälle zusammenhingen, ließ er offen.

Shezar las den Bericht bis zum Ende. Er wusste, warum diese Menschen vermisst wurden. Ohne eine Anmerkung daraufzusetzen, erhob er sich, ging zum Kamin und warf das Blatt ins Feuer..

Die Vermisstenanzeige

von Crovax Donnerhall » 26 Sep 2026, 19:07

Reichsfeldwebel Crovax Donnerhall saß in der Wachstube und ging den aktuellen Schichtplan durch. Zwei Streifen waren bereits unterwegs, eine weitere sollte zur Abendstunde aufbrechen. Er prüfte die eingeteilten Gardisten, die vorgesehenen Wege und die Zeiten ihrer Rückkehr. Während seiner Schicht führte er die Wachstube, koordinierte die Streifen und war für die Bürger Britains ansprechbar. Nur bei wichtigen Zwischenfällen verließ er seinen Platz, um selbst nach dem Rechten zu sehen.

Manchmal vermisste er die Streifengänge. Draußen verging die Zeit schneller, selbst wenn man stundenlang nichts anderes tat, als dieselben Straßen abzugehen. Doch diese Zeiten waren für ihn vorbei. Die regelmäßigen Streifen gehörten nun in der Regel zu den Aufgaben der einfachen Reichsgardisten. Crovax setzte gerade eine Änderung im Schichtplan an den Rand des Blattes, als es an der Tür klopfte.

„Herein.“
Ein Mann trat ein, hielt jedoch gleich hinter der Schwelle inne. Seine Kleidung war schlicht und staubig, und er drehte eine Mütze zwischen den Händen. Crovax legte die Feder beiseite und deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Was führt Euch zur Reichsgarde?“

Der Mann setzte sich nicht. „Mein Bruder ist verschwunden“, sagte er. „Er arbeitet in der Mine. Vorgestern hat man ihn nach seiner Schicht noch gesehen, aber zu Hause ist er nie angekommen. Wir haben den Weg abgesucht. Seine Freunde gefragt. Niemand weiß, wo er ist.“

Crovax zog ein leeres Blatt heran. Er ließ sich den Namen des Vermissten nennen, sein Alter, seine Beschreibung und die Kleidung, die er zuletzt getragen hatte. Dann fragte er nach der Schicht, nach dem üblichen Heimweg und danach, wer ihn als Letzter gesehen hatte. Der Mann beantwortete alles, was er konnte. Als Crovax wissen wollte, ob sein Bruder Streit mit jemandem gehabt oder angekündigt hatte, die Stadt zu verlassen, schüttelte er den Kopf.

Es war die dritte Vermisstenanzeige in dieser Woche. Bei den ersten beiden hatte sich noch vermuten lassen, dass die Betroffenen weitergezogen waren, ohne jemandem Bescheid zu geben. Doch nun fehlte auch ein Mann, der nach seiner Arbeit auf dem Heimweg gewesen war. Drei Fälle innerhalb weniger Tage warfen Fragen auf, die Crovax nicht länger beiseiteschieben konnte.

„Man redet schon darüber“, sagte der Bürger, als Crovax die Angaben noch einmal mit ihm durchging. „Am Markt heißt es, dass Leute einfach verschwinden. Keiner will am Abend noch allein unterwegs sein.“
Crovax sah von seinem Blatt auf. „Hat jemand etwas beobachtet, das mit Eurem Bruder zu tun haben könnte?“

„Nein. Sonst wäre ich doch längst bei Euch gewesen.“

Crovax nickte und schrieb auch das nieder. Die Sorge des Mannes war verständlich; die Gespräche auf dem Markt würden weitere Gerüchte hervorbringen. Bislang gab es in keinem der drei Fälle eine Spur, die zeigte, wohin die Vermissten gegangen waren oder ob ihnen etwas zugestoßen war. Ebenso wenig ließ sich sagen, ob die Fälle zusammenhingen. Dass sie sich innerhalb einer Woche häuften, konnte er dennoch nicht übersehen.
Nachdem der Mann gegangen war, holte Crovax eine Karte von Britain hervor. Er markierte den Ort, an dem der Minenarbeiter zuletzt gesehen worden war, und betrachtete die beiden anderen Einträge, die er in den vergangenen Tagen gesetzt hatte. Die Markierungen lagen an verschiedenen Orten der Stadt. Auf der Karte zeichnete sich kein gemeinsamer Weg ab. Crovax blieb eine Weile davor stehen, dann setzte er sich wieder und fasste die drei Anzeigen in einem Bericht zusammen. Er hielt fest, was über jede vermisste Person bekannt war, wer sie zuletzt gesehen hatte und welche Nachfragen bereits ohne Ergebnis geblieben waren. Die Vermutung eines Zusammenhangs nahm er ausdrücklich als offene Frage auf.

Als Schichtführer konnte er die Streifen anweisen, auf Meldungen und mögliche Zeugen zu achten. Für weitergehende Ermittlungen wollte er dem Hauptmann jedoch erst die gesammelten Angaben vorlegen. Solange kein Hinweis auf eine unmittelbare Gefahr vorlag, hatte dieser über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Crovax versah den Bericht mit seinem Namen und legte ihn zu den Unterlagen, die noch am selben Tag weitergegeben werden sollten. Danach wandte er sich wieder dem Schichtplan zu. Die nächste Streife musste bald aufbrechen.

Die Vermissten von Britain

von Erzaehler » 16 Sep 2026, 13:57

In den folgenden Tagen ereigneten sich in Britain mehrere zunächst voneinander unabhängige Vorfälle. Menschen, die zuvor regelmäßig an bestimmten Orten der Stadt anzutreffen gewesen waren, erschienen nicht mehr. Zunächst betraf es einige der Obdachlosen, die in den Straßen Britains lebten und ihren Lebensunterhalt durch Almosen bestritten. Zwei von ihnen hatten seit längerer Zeit beinahe täglich dieselben Plätze aufgesucht. Ein weiterer hielt sich gewöhnlich im Bereich des Marktes auf. Innerhalb weniger Tage blieben ihre gewohnten Plätze leer. Keiner der drei kehrte dorthin zurück.

Wenig später wurde ein weiterer Bewohner Britains vermisst. Ein Minenarbeiter hatte seine Arbeit wie gewöhnlich angetreten und seine Schicht beendet. Andere Arbeiter hatten ihn an diesem Tag noch gesehen. Anschließend machte er sich auf den Heimweg, erreichte sein Zuhause jedoch nicht. Auch in den folgenden Stunden und am nächsten Morgen kehrte er nicht zurück. Eine Suche entlang seines gewöhnlichen Weges blieb ohne Ergebnis.

Einige Tage darauf verschwand ein Holzfäller, der am Morgen zum Arbeiten in den Wald außerhalb der Stadt aufgebrochen war. Als er nicht zurückkehrte, wurde nach ihm gesucht. An seinem üblichen Arbeitsort fand man schließlich seine Axt. Wenige Schritte davon entfernt lag ein Beutel mit Proviant, den er für den Arbeitstag mitgenommen hatte. Von dem Holzfäller selbst fehlte jede Spur.
Damit waren innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit mehrere Menschen aus Britain und der unmittelbaren Umgebung verschwunden. Zwischen den einzelnen Fällen bestand zunächst keine erkennbare Verbindung. Die Vermissten gingen unterschiedlichen Tätigkeiten nach und waren zuletzt an verschiedenen Orten gesehen worden. Es lagen weder Berichte über gemeinsame Begleiter noch über eine Person vor, die im Zusammenhang mit mehreren der Vermissten aufgefallen wäre.

Zurück blieben lediglich die Orte, an denen man sie gewöhnlich gesehen hatte: die inzwischen leeren Plätze der Bettler in den Straßen Britains, der nicht zurückgekehrte Arbeitsplatz des Minenarbeiters und im Wald eine zurückgelassene Axt neben einem Beutel mit Proviant.

Von den Vermissten selbst fehlte jede Spur.

Re: [Quest] Die dunklen Tage von Britain

von Shezar » 14 Sep 2026, 17:32

Ein Bericht unter vielen

Der Nachmittag war bereits weit fortgeschritten, als Shezar noch immer an seinem Schreibtisch saß. Das Dienstzimmer unterschied sich deutlich von jenem verborgenen Gewölbe tief unter den Straßen Britains, in dem er einen beträchtlichen Teil seiner Nächte verbrachte. Hier gab es keine anatomischen Zeichnungen zwischen alchemistischen Gerätschaften, keine konservierten Präparate und keine Leichname auf schwarzem Stein. Stattdessen lagen vor ihm die alltäglichen Angelegenheiten einer Stadt und ihrer Garde: Schreiben von Bürgern, Wachpläne, Meldungen über kleinere Zwischenfälle, Anträge, Beschwerden und jene Berichte, die aufgrund seiner Stellung früher oder später auf seinem Tisch landeten. Als Bürgermeister von Britain und Hauptmann der Reichsgarde war es Shezars Aufgabe, Entscheidungen zu treffen, die andere zuvor vorbereitet hatten. Manche Vorgänge benötigten lediglich seine Kenntnisnahme. Bei anderen waren weitere Ermittlungen anzuordnen, zusätzliche Kräfte einzusetzen oder Maßnahmen zu verfügen. Wieder andere endeten hier, wenn sich weder ein hinreichender Verdacht noch ein sinnvoller Ermittlungsansatz ergeben hatte.

Es klopfte an der Tür. Auf Shezars Aufforderung trat der an diesem Tag für den Schriftverkehr eingeteilte Reichsgardist ein. Unter seinem Arm trug er eine schmale Mappe mit den jüngsten Berichten aus der Wachstube. „Die letzten Meldungen des Tages, Herr Hauptmann.“ Shezar hob nur kurz den Blick von dem Schreiben, das vor ihm lag. „Legt sie dort ab.“ Der Gardist trat an den Schreibtisch, legte die Unterlagen auf die dafür vorgesehene Seite und entfernte sich nach einer knappen Verabschiedung wieder. Erst als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, zog Shezar die Mappe zu sich.

Es war Routine. Genau das machte den Vorgang so gewöhnlich. Ein Bericht über einen Streit, bei dem keine weiteren Maßnahmen notwendig erschienen. Eine Meldung über einen nächtlichen Zwischenfall, dessen Beteiligte bereits festgestellt worden waren. Ein Vorgang, bei dem Shezar am Rand einige Worte für eine ergänzende Befragung notierte. Die Schreiben wanderten nacheinander von einer Seite seines Tisches auf die andere, versehen mit kurzen Anmerkungen, Unterschriften oder den notwendigen Anweisungen für das weitere Vorgehen. Dann nahm er das nächste Blatt aus der Mappe.

Schon die ersten Zeilen ließen seine Hand für einen kaum merklichen Augenblick ruhen.

Friedhof von Britain.

Shezar las weiter.

Mehrere Gräber waren während der Nacht geöffnet worden. Aus den betroffenen Särgen fehlten die darin bestatteten Leichname. Wertgegenstände und Grabbeigaben waren zurückgelassen worden, weshalb ein gewöhnlicher Diebstahl als Motiv zumindest fragwürdig erschien. Reichsfeldwebel Crovax Donnerhall hatte den Tatort persönlich in Augenschein genommen und Reichsgardist Thorus Ne'rul mit der Suche nach möglichen Zeugen sowie deren Befragung beauftragt. Die bisherigen Ermittlungen hatten keine verwertbaren Ergebnisse erbracht. Niemand hatte einen Täter gesehen. Niemand konnte eine verdächtige Person beschreiben. Geräusche, die einzelne Bewohner in der Nacht gehört haben wollten, ließen sich weder zeitlich noch örtlich zuverlässig zuordnen. Auch die Untersuchung des Friedhofs hatte keine eindeutigen Spuren ergeben. Die vorhandenen Fußabdrücke waren durch Besucher und Totengräber nicht mehr zuverlässig der Tatzeit zuzuordnen. Werkzeugspuren ließen keine Rückschlüsse auf eine bestimmte Person zu. Es gab keine zurückgelassenen Gegenstände und keinen Hinweis darauf, auf welchem Weg die verschwundenen Leichname abtransportiert worden waren.

Shezar las den Bericht vollständig. Jede einzelne Feststellung.

Ermittlung gegen Unbekannt.

Sein Blick blieb einen Moment auf den letzten Zeilen ruhen. Crovax hatte sauber gearbeitet. Der Friedhof war überprüft worden, mögliche Zeugen waren gesucht und befragt worden, die vorhandenen Spuren waren bewertet worden. Es gab gegenwärtig keinen Namen, keinen Verdächtigen und keinen brauchbaren Ermittlungsansatz. Unter gewöhnlichen Umständen hätte Shezar vermutlich eine kurze Verfügung daruntergesetzt. Weitere Ermittlungen bei neuen Erkenntnissen. Vorgang zunächst offenhalten. Vielleicht zusätzliche Aufmerksamkeit der nächtlichen Streifen im Umfeld des Friedhofs. Nichts Außergewöhnliches.

Nur waren die Umstände nicht gewöhnlich.

Shezar wusste, wer die Gräber geöffnet hatte.

Er wusste, weshalb die Wertgegenstände noch dort lagen.

Und er wusste auch, wohin die verschwundenen Toten gebracht worden waren.

Sein Gesicht zeigte nichts davon.

Shezar legte den Bericht auf den Schreibtisch und nahm für einen Augenblick die Feder zur Hand. Die Spitze schwebte über dem unteren Rand des Blattes. Eine Verfügung zur Fortführung der Ermittlungen wäre leicht gewesen. Ebenso hätte er den Vorgang mangels weiterer Ansätze vorläufig einstellen können. Beides hätte auf dem Papier vollkommen gewöhnlich ausgesehen.

Doch jedes Schriftstück besaß die unangenehme Eigenschaft, erhalten zu bleiben. Shezar legte die Feder wieder ab.

Er nahm stattdessen den Bericht in die Hand und erhob sich. Ohne Hast ging er durch das Dienstzimmer. Seine Schritte führten ihn an den Regalen und den ordentlich abgelegten Akten vorbei bis zu dem Kamin, in dem ein ruhiges Feuer brannte. Noch während er darauf zuging, zerriss er den Bericht.

Einmal. Dann ein zweites Mal.

Die einzelnen Stücke hielt er noch einen Augenblick zwischen den Fingern, bevor er sie in die Flammen fallen ließ.

Das trockene Papier fing schnell Feuer. Zuerst rollten sich die Ränder zusammen, dann fraß sich das Orange der Flammen durch die Schrift. Der Name des Friedhofs verschwand, anschließend die Feststellungen der Reichsgarde, die Aussagen der Befragten und schließlich die letzten Zeilen der Ermittlung gegen Unbekannt. Shezar blieb vor dem Kamin stehen, bis aus dem Bericht nur noch dunkle, zerfallende Reste geworden waren.

Shezar wandte sich vom Kamin ab und ging zu seinem Platz zurück. Die nächste Akte lag bereits vor ihm. Er schlug sie auf, nahm die Feder wieder zur Hand und setzte seine Arbeit fort.

Im Kamin zerfiel der letzte Rest des Berichts zu Asche.

Die Reichsgarde ermittelt

von Crovax Donnerhall » 14 Sep 2026, 15:19

Reichsfeldwebel Crovax Donnerhall hatte die ersten Gerüchte zunächst nicht weiter beachtet. In einer Stadt wie Britain entstanden Geschichten schnell, und gerade Dinge, die sich nachts auf einem Friedhof abgespielt haben sollten, wurden mit jedem Erzähler größer. Von beschädigten Gräbern war die Rede, von offenen Särgen, manche behaupteten gar, Tote seien verschwunden. Solange niemand eine offizielle Meldung machte, blieb es für ihn jedoch genau das: Gerede. Erst als im Laufe des Tages mehrere besorgte Bewohner bei der Reichsgarde vorsprachen und unabhängig voneinander von aufgewühlten Grabstellen berichteten, änderte sich die Lage. Einer der Männer gab an, das Grab eines Verwandten am Morgen in einem Zustand vorgefunden zu haben, der ihm merkwürdig erschienen war. Die Erde habe anders gelegen als zuvor, frischer, unruhiger, an den Rändern teilweise eingesunken. Eine weitere Bewohnerin berichtete von einem benachbarten Grab, an dem es ähnlich ausgesehen habe. Niemand hatte jemanden auf dem Friedhof gesehen, niemand konnte eine Person beschreiben, doch die übereinstimmenden Angaben reichten aus, damit Crovax die Sache selbst überprüfte.
Noch bevor er sich zum Friedhof begab, wandte sich Reichsfeldwebel Crovax Donnerhall an Reichsgardist Thorus Ne'rul. Während Crovax den Tatort selbst in Augenschein nehmen wollte, sollte Thorus die Befragung möglicher Zeugen übernehmen. Er erhielt den Befehl, sich im Umfeld des Friedhofs und in den angrenzenden Straßen umzuhören, Personen ausfindig zu machen, die sich während der Nacht noch draußen aufgehalten hatten, und jede Beobachtung festzuhalten, die mit den Vorkommnissen in Verbindung stehen könnte. Besonders sollte er darauf achten, ob jemand fremde Personen, Licht auf dem Friedhof, ungewöhnliche Geräusche, Fuhrwerke oder andere Auffälligkeiten bemerkt hatte. Crovax machte deutlich, dass auch scheinbar belanglose Aussagen aufgenommen werden sollten. Ob sie von Bedeutung waren, konnte später entschieden werden.

Während Thorus mit der Suche nach möglichen Zeugen begann, machte sich Crovax selbst auf den Weg zum Friedhof. Vor Ort verschaffte er sich zunächst einen Überblick über das Gelände. Er begann nicht sofort bei den gemeldeten Grabstellen, sondern betrachtete zunächst Wege, Zugänge und die nähere Umgebung. Der Boden war an einigen Stellen feucht und weich genug, dass gewöhnliche Spuren hätten erhalten bleiben können. Allerdings waren seit dem Morgen bereits Besucher, Angehörige und Totengräber über Teile des Geländes gegangen, sodass sich nur schwer feststellen ließ, welche Abdrücke aus der vergangenen Nacht stammten und welche erst im Laufe des Tages entstanden waren.
Crovax ließ sich die auffälligen Grabstellen zeigen und untersuchte jede davon einzeln. Bei mehreren Gräbern war deutlich zu erkennen, dass die Erde vor nicht allzu langer Zeit bewegt worden war. Zwar hatte jemand versucht, die Oberfläche wieder zu schließen, doch die Arbeit war nicht sauber genug gewesen, um einen genaueren Blick zu täuschen. Die Erde war lockerer als bei den umliegenden Gräbern, Grasnarben lagen an einigen Stellen verschoben, und die Ränder der Grabstellen wirkten unregelmäßig. An wenigstens einem Grab zeigten sich zudem Beschädigungen am Holz darunter, die darauf hindeuteten, dass der Sarg nach der Bestattung erneut geöffnet worden war.

Crovax ließ schließlich zwei der auffälligsten Gräber überprüfen. Dabei bestätigte sich, was zunächst nur als Gerücht durch Britain gegangen war. Die Särge waren geöffnet worden, und die darin bestatteten Leichname fehlten. Auffällig war jedoch, dass kein gewöhnlicher Grabräuber am Werk gewesen zu sein schien. Persönliche Gegenstände, einfache Schmuckstücke und andere Grabbeigaben waren zurückgelassen worden. Es fehlten die Toten selbst. Crovax nahm diesen Umstand besonders genau zur Kenntnis. Wer sich nachts die Mühe machte, Gräber zu öffnen und anschließend wieder zu schließen, nur um die Leichname zu entfernen, hatte offensichtlich einen anderen Grund als bloße Bereicherung.
Er suchte den unmittelbaren Bereich um die betroffenen Gräber systematisch nach weiteren Hinweisen ab. Im feuchten Boden fanden sich zahlreiche Abdrücke, doch keiner davon ließ sich mit Sicherheit der Tatnacht zuordnen. Werkzeugspuren waren entweder zu undeutlich oder durch die nachfolgenden Arbeiten bereits teilweise verwischt worden. Es gab keine zurückgelassenen Werkzeuge, keine Stoffreste, keine persönlichen Gegenstände und keine eindeutigen Schleifspuren, aus denen sich hätte erkennen lassen, auf welchem Weg die Leichname vom Friedhof geschafft worden waren. Auch über die Anzahl der Täter ließ sich nichts sagen. Es war ebenso möglich, dass eine einzelne Person mit genügend Zeit gearbeitet hatte, wie dass mehrere Beteiligte gemeinsam vorgegangen waren.

Während Crovax den Friedhof untersuchte, führte Thorus Ne'rul die angeordneten Befragungen durch. Totengräber, Bewohner der angrenzenden Straßen und Personen, die angaben, in der betreffenden Nacht noch spät unterwegs gewesen zu sein, wurden nach möglichen Beobachtungen gefragt. Die Ergebnisse blieben jedoch dürftig. Niemand hatte eine verdächtige Person auf dem Friedhof gesehen. Ein Bewohner glaubte, in der Nacht ein dumpfes Geräusch gehört zu haben, konnte jedoch weder die genaue Zeit noch die Richtung bestimmen. Ein anderer berichtete, Hunde hätten ungewöhnlich lange angeschlagen, doch auch daraus ließ sich nichts Verwertbares ableiten. Niemand konnte von Licht auf dem Friedhof berichten, niemand hatte ein verdächtiges Fuhrwerk gesehen, und niemand konnte eine Person nennen oder beschreiben, die mit den geöffneten Gräbern in Verbindung gebracht werden konnte.
Nachdem Crovax seine Untersuchung vor Ort abgeschlossen hatte und die Ergebnisse der Befragungen durch Thorus zusammengetragen worden waren, blieb nur ein ernüchterndes Bild. Mehrere Gräber waren nachweislich geöffnet worden. Aus den betroffenen Särgen fehlten die Leichname. Hinweise auf gewöhnlichen Diebstahl lagen nicht vor, da Wertgegenstände und Grabbeigaben zurückgelassen worden waren. Verwertbare Spuren am Tatort konnten nicht gesichert werden. Die vorhandenen Abdrücke ließen sich aufgrund des nachfolgenden Besucherverkehrs nicht eindeutig zuordnen. Es gab weder glaubwürdige Augenzeugen noch eine Beschreibung möglicher Täter. Auch über Anzahl, Motiv und Fluchtrichtung ließ sich keine belastbare Aussage treffen.

Am Abend setzte sich Crovax daran, die bisherigen Erkenntnisse für den Hauptmann in einem Bericht zusammenzufassen. Der Sachverhalt ließ sich trotz aller Gerüchte recht knapp festhalten: Mehrere Gräber auf dem Friedhof von Britain waren in der Nacht geöffnet worden, die darin bestatteten Leichname fehlten, Wertgegenstände waren zurückgelassen worden. Die Befragung möglicher Zeugen hatte keine verwertbaren Hinweise erbracht. Am Tatort hatten sich keine eindeutigen Spuren sichern lassen, die Rückschlüsse auf Täter, Anzahl der Beteiligten oder deren weiteren Weg ermöglichten.

Crovax las den Bericht ein letztes Mal, ehe er ihn versah und zur Weitergabe vorbereitete.

Ermittlung gegen Unbekannt.

Mehr ließ sich zu diesem Zeitpunkt nicht feststellen. Die Gräber waren geschändet worden, die Toten verschwunden, und wer auch immer dafür verantwortlich war, hatte nichts zurückgelassen, das unmittelbar zu ihm führte. Für die Reichsgarde blieb damit vorerst nur, den Vorgang festzuhalten, weitere Meldungen aufmerksam zu verfolgen und darauf zu achten, ob sich auf dem Friedhof oder an anderer Stelle in Britain ein ähnliches Muster wiederholen würde.

[Quest] Die dunklen Tage von Britain

von Erzaehler » 10 Sep 2026, 19:56

Die Vorkommnisse auf dem Friedhof

In den späten Stunden der Nacht lag der Friedhof von Britain beinahe vollkommen still. Der Lärm der Stadt drang nur noch gedämpft bis zwischen die Grabsteine, und selbst das Licht der wenigen Laternen an den angrenzenden Straßen verlor sich rasch zwischen alten Mauern, Bäumen und verwitterten Monumenten. Es war jene Stunde, in der kaum jemand einen Grund hatte, diesen Ort aufzusuchen.

Dennoch bewegte sich eine einzelne Gestalt zwischen den Gräbern.

Sie trug dunkle Kleidung und hielt sich abseits der Wege. Ihr Gang war weder hastig noch unsicher. Immer wieder blieb sie vor einzelnen Grabstätten stehen, betrachtete die Inschriften und verglich sie offenbar mit einigen Notizen, die sie bei sich führte. Nicht jedes Grab schien von Interesse zu sein. Manche wurden nach einem kurzen Blick verworfen, andere eingehender betrachtet. Besonders die jüngeren Gräber schienen die Aufmerksamkeit des nächtlichen Besuchers auf sich zu ziehen.

Schließlich fiel die Wahl.

Was daraufhin geschah, hatte wenig von der Hast eines gewöhnlichen Grabräubers. Die unbekannte Person arbeitete ruhig und zielgerichtet. Erde wurde beiseitegeschafft, bis der darunterliegende Sarg erreicht werden konnte. Dabei schien es nicht darum zu gehen, Wertgegenstände oder Grabbeigaben an sich zu nehmen. Schmuck, persönliche Gegenstände und alles, was einen gewöhnlichen Dieb hätte interessieren können, blieb zurück.

Das eigentliche Ziel war der Leichnam.

Noch in derselben Nacht wurden weitere Grabstätten geöffnet. Auch hier zeigte sich dasselbe Muster. Die Toten verschwanden, während alles andere weitgehend unangetastet blieb. Die Auswahl schien keineswegs zufällig zu erfolgen. Manche Gräber wurden geöffnet, andere unmittelbar daneben nicht einmal angerührt. Was die unbekannte Gestalt zu ihrer Auswahl bewog, ließ sich von außen nicht erkennen.

Bei aller Sorgfalt ließ sich eine solche Arbeit jedoch nicht vollständig verbergen.
Frisch bewegte Erde unterschied sich selbst im schwachen Licht von einem Grab, das seit Wochen unberührt gelegen hatte. An einigen Stellen waren Abdrücke im feuchten Boden zurückgeblieben. Gras war niedergetreten worden, Erde lag dort, wo sie nicht hingehörte, und an wenigstens einem Grab zeigte das Holz Spuren davon, dass der Sarg nach seiner Bestattung erneut geöffnet worden war. Die Gräber waren anschließend wieder geschlossen worden, doch nicht mit jener Sorgfalt, mit der ein Totengräber seine Arbeit beendet hätte.

Noch vor dem ersten Licht des Morgens verließ die Gestalt den Friedhof.

Mit ihr verschwanden mehrere Tote.

Zurück blieben scheinbar geschlossene Gräber und ein Friedhof, der auf den ersten Blick kaum verändert wirkte. Erst bei genauerem Hinsehen offenbarte sich, dass in dieser Nacht etwas geschehen war. Und spätestens als die ersten Besucher am folgenden Tag zwischen den Grabreihen entlanggingen, ließ sich nicht mehr übersehen, dass einige Stellen ungewöhnlich frisch aufgewühlt wirkten.

Was zunächst wie eine einzelne beschädigte Grabstätte erscheinen mochte, wiederholte sich an anderer Stelle. Dann an einer weiteren.

Mehrere Gräber waren geöffnet worden.

Wertsachen schienen nicht das Ziel gewesen zu sein.

Und dort, wo eigentlich die Toten Britains hätten ruhen sollen, fehlten die Leichname.

Warum jemand ausgerechnet die Körper der Verstorbenen benötigte und wohin sie gebracht worden waren, blieb zunächst unbekannt. Für die Bewohner Britains gab es vorerst nur die sichtbaren Spuren jener Nacht.

Und die beunruhigende Gewissheit, dass jemand begonnen hatte, die Toten aus ihren Gräbern zu holen.

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