Die Saat von Düsterhafen

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Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 27 Sep 2026, 21:59

In den ersten Tagen nach der Namensgebung änderte sich erstaunlich wenig. Elly war noch immer Elly, nur dass Maranos sie nun tatsächlich so nannte. Anfangs kam ihm der Name manchmal noch fremd vor, besonders wenn er ihn beiläufig aussprach; ein „Elly, reich mir das Buch“ oder ein genervtes „Elly, lass das“ fühlte sich gänzlich anders an als das erste, bewusste Aussprechen des Namens im Labor. Doch mit jedem Tag wurde es selbstverständlicher. Und vielleicht war gerade diese Selbstverständlichkeit der Grund, weshalb Maranos begann, sich einer Frage zu widmen, die er bisher immer wieder beiseitegeschoben hatte: Was war sie eigentlich?

Nicht wer – das hatte sich inzwischen beinahe von selbst beantwortet. Sie war Elly, besaß einen eigenen Willen, eigene Gedanken und längst auch Eigenheiten, die Maranos mitunter mehr beschäftigten, als ihm lieb war. Aber was für ein Wesen war sie? Diese Frage ließ sich weniger leicht beantworten.

An einem Abend saß Maranos wieder über seinen Aufzeichnungen, während Elly auf der anderen Seite des Labors ein altes Werk über beschworene Geister durchblätterte. Seit ihr Machtzuwachs zum Stillstand gekommen war, hatte Maranos begonnen, ältere Texte hervorzuholen, die er seit Jahren nicht mehr angerührt hatte. Abhandlungen über Geister, Schattenwesen, körperlose Erscheinungen und Bindungsrituale lagen inzwischen neben seinen eigenen Notizen auf dem Tisch.

Irgendwann schloss Elly das Buch mit einem trockenen Geräusch. „Nichts“, stellte sie fest. Maranos sah nicht auf. „Das hast du vor einer Stunde bereits gesagt.“ „Weil vor einer Stunde schon nichts darin stand.“ „Du hast trotzdem weitergelesen.“ „Weil du behauptet hast, ich hätte etwas übersehen.“ Nun hob Maranos den Blick. „Möglich.“

Elly schob das Buch beiseite. „Ich bin kein Geist.“ „Das ist noch nicht bewiesen.“ „Ich kann Dinge anfassen, ich esse, ich schlafe und ich trinke deinen Wein.“ Maranos lehnte sich zurück. „Leider.“ Sie grinste. „Dann muss ich wohl sehr lebendig sein.“ „Oder ausgesprochen gut darin, so zu tun.“

Elly wurde etwas ernster. „Glaubst du das wirklich?“ Maranos sah sie lange an. „Nein.“ „Dann warum suchen wir überhaupt noch?“ Er legte die Feder beiseite. „Weil ich wissen will, was durch diesen Spalt gekommen ist.“ Elly hob eine Augenbraue. „Du meinst mich.“ „Dich eingeschlossen.“ „Das klang ausgesprochen beruhigend.“ „Sollte es nicht.“

Sie stand auf und kam zum Tisch. „Du hast damals geglaubt, der Spalt führt nach Iomen.“ Maranos nickte. „Ja.“ „Und jetzt?“ „Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher.“ Maranos zog eines der Pergamente zu sich, auf dem Zeichnungen des alten Ritualkreises und Notizen über die magische Resonanz festgehalten waren, die er während Ellys Erscheinen gemessen hatte. „Als du hindurchkamst, entsprach die Magie nicht vollständig dem, was ich aus Iomen kenne. Damals hielt ich die Abweichung für eine Folge des instabilen Portals.“ Elly setzte sich ihm gegenüber. „Und inzwischen?“ „Inzwischen glaube ich, dass ich mich geirrt habe.“ „Das hast du gerade tatsächlich gesagt.“ Maranos sah sie an. „Genieße den Augenblick.“

Sie grinste, während er auf das Pergament deutete. „Die Magie ist ähnlich – dunkel, kalt und schwer. Aber sie ist nicht gleich. Wenn ich Gewissheit will, müssen wir den Spalt erneut öffnen.“ Elly betrachtete ihn einige Augenblicke. „Mit besseren Sicherungen?“ „Selbstverständlich.“ „Gut.“ „Du klingst erleichtert.“ „Ich erinnere mich an deinen ersten Versuch.“ Maranos hob eine Augenbraue. „Du bist dabei entstanden.“ „Das macht ihn nicht automatisch gut.“

In den folgenden Tagen ließ Maranos den Ritualraum neu vorbereiten. Die alten Linien wurden entfernt und präziser gezogen, zusätzliche Sicherungen eingebaut und mehrere schwarze Steine so angeordnet, dass sie überschüssige Energie aufnehmen konnten. Auch die Verbindung zum Aderwerk begrenzte er bewusst; er wollte einen kontrollierten Spalt öffnen und nicht die gesamte Furcht Düsterhafens unkontrolliert in eine fremde Ebene drücken.

Der erste Versuch brachte kaum mehr als eine kurze Verdichtung der Luft hervor. Maranos stand anschließend schweigend im Kreis und betrachtete die Stelle, an der eigentlich der Riss hätte entstehen sollen. Elly lehnte einige Schritte entfernt an der Wand. „Soll ich etwas sagen?“, fragte sie. „Nein.“ „Gut.“ Eine kurze Pause folgte. „Es war enttäuschend.“ Maranos sah zu ihr. „Du solltest nichts sagen.“ „Ich weiß.“

Am folgenden Abend änderte er einige der Runen und leitete einen kleinen Teil der Kraft aus dem Aderwerk in den Kreis. Diesmal reagierte die Magie sofort. Vor ihnen entstand eine dünne schwarze Linie, die langsam breiter wurde, bis ein schmaler Riss in der Luft stand. Die Temperatur im Raum fiel schlagartig. Ellys spöttischer Ausdruck verschwand. „Das ist es“, flüsterte sie. Maranos nickte langsam. „Ja.“

Er trat näher, ohne den äußeren Kreis zu verlassen. Auf der anderen Seite war kaum etwas zu erkennen – keine Landschaft, kein Himmel, keine vertrauten Strukturen. Nur eine tiefe Dunkelheit, in der sich gelegentlich etwas bewegte. Maranos blickte zu Elly. „Was fühlst du?“ Sie schloss für einige Sekunden die Augen. „Vertraut.“ „Das ist zu ungenau.“ „Mehr kann ich dir nicht geben.“ Sie öffnete die Augen wieder. „Es ist, als würde ich einen Ort wiedererkennen, an den ich mich nicht erinnern kann.“

Maranos schwieg. Die Antwort war für ihn wenig zufriedenstellend, doch bevor er weiterfragen konnte, bewegte sich etwas hinter dem Spalt. Eine kleine Gestalt näherte sich. „Da ist etwas“, bemerkte Elly im selben Augenblick. „Ich sehe es.“ Maranos hielt den Zauber stabil. Die Gestalt kam näher und drückte sich schließlich durch den Riss, bevor sie auf den Steinboden fiel und der Spalt sofort wieder zusammenbrach.

Einige Sekunden lang sahen beide schweigend auf das Wesen. Es war kaum halb so groß wie ein erwachsener Mensch, dünn und beinahe ausgemergelt. Seine Gliedmaßen waren etwas zu lang für den schmalen Körper, die Haut besaß eine graue, schattenhafte Färbung, und wo Augen hätten sein sollen, lagen lediglich dunkle Flächen. Elly blickte zu Maranos. „Das bin eindeutig nicht ich.“ „Diese Erkenntnis hatte ich ebenfalls.“

Das Wesen bewegte sich unsicher und wich zurück, als Maranos näherkam. Elly hingegen ging langsam in die Hocke. „Es hat Angst.“ „Woher weißt du das?“ „Ich spüre es.“ Sie hielt vorsichtig eine Hand in seine Richtung. Das Wesen wich zunächst zurück, wurde jedoch merklich ruhiger, als Elly bei ihm blieb. Maranos beobachtete die Reaktion aufmerksam. „Es reagiert auf dich. Vielleicht kennt es dich.“ Elly schüttelte den Kopf. „Oder es erkennt etwas in mir, das ihm ähnlich ist.“

Das gefiel Maranos als Erklärung deutlich besser. Sie verbrachten mehrere Stunden damit, das Wesen zu untersuchen. Es reagierte auf Wärme, Licht und bestimmte Formen von Magie, doch seine Kraft war gering; neben Elly wirkte es beinahe bedeutungslos. Vor allem eines fiel Maranos auf: Je länger das Wesen in ihrer Welt blieb, desto schwächer wurde es. Elly hingegen zeigte keinerlei solche Anzeichen. Sie war stabil, ihr Körper war vollständig und ihre Verbindung zu dieser Welt schien inzwischen ebenso natürlich wie die eines gewöhnlichen Menschen.

In den folgenden Tagen wiederholte Maranos die Öffnung des Spalts nur noch wenige Male. Einmal kam überhaupt nichts hindurch, ein anderes Mal zeigte sich lediglich eine schemenhafte Gestalt, die kaum einige Minuten bestehen konnte. Es genügte. Die Ergebnisse änderten sich nicht: Keines der Wesen besaß auch nur annähernd Ellys Kraft oder ihre Stabilität. Und vor allem stimmte die magische Resonanz jedes Mal überein – nur eben nicht mit Iomen.

Eines Abends stand Maranos vor seiner großen Tafel, auf der Zeichnungen, Berechnungen und Beobachtungen befestigt waren. Elly saß auf der Kante eines Tisches. „Du bist schlecht gelaunt“, stellte sie fest. „Ich denke.“ „Bei dir sieht das oft gleich aus.“ Maranos ignorierte die Bemerkung, während sein Blick über die Aufzeichnungen wanderte. „Es ist nicht Iomen.“ Elly wurde ruhig. „Du bist dir sicher?“ „Ja.“ „Wie sicher?“ Maranos sah zu ihr. „Sicher genug.“ „Das klingt nach neunzig Prozent.“ „Fünfundneunzig.“ Elly grinste. „Besser.“

Maranos trat an die Tafel. „Iomen besitzt eine eigene Resonanz. Ich habe dort lange genug gelebt, um sie zu kennen. Selbst ein schwacher Übergang müsste Spuren davon tragen. Das hier tut es nicht.“ Elly betrachtete die Zeichnungen. „Dann wohin führt der Spalt?“ Maranos schwieg. Elly wartete. Schließlich sah er sie an. „Ich weiß es nicht.“ Sie hob langsam die Augenbrauen. „Das muss wehgetan haben.“ „Außerordentlich.“ Elly musste lachen. Maranos nahm eines der Bücher vom Tisch. „Vielleicht handelt es sich um eine Zwischenebene. Vielleicht einen abgeschlossenen Raum zwischen Welten. Vielleicht ist es etwas völlig anderes.“ „Also weißt du nichts.“ „Ich weiß inzwischen sehr genau, was es nicht ist.“ „Das klingt nach der Art von Antwort, die man gibt, wenn man eigentlich nichts weiß.“ Maranos legte das Buch etwas fester auf den Tisch. „Elly.“ „Schon gut.“ Sie grinste noch immer.

Nach einer Weile wurde sie wieder ernster. „Was bedeutet das für mich?“ Maranos sah zu ihr. „Dass du kein gewöhnlicher Geist bist. Kein einfacher Schatten und wahrscheinlich kein Dämon.“ Elly hob eine Augenbraue. „Wahrscheinlich?“ „Ich behalte mir einen Rest Unsicherheit vor.“ „Wie beruhigend.“ Maranos verschränkte die Arme. „Du bist etwas anderes.“ „Das gefällt mir.“ „Es ist keine Klassifikation.“ „Gerade deshalb.“

Maranos schnaubte leise, doch die Frage beschäftigte ihn weiterhin. Elly schien aus derselben Ebene zu stammen wie die schwächeren Wesen, doch sie unterschied sich grundlegend von ihnen. Ihre Macht, ihre Persönlichkeit und die Tatsache, dass sie bereits vor ihrer körperlichen Manifestation mit ihm hatte sprechen können, passten nicht in das Muster. Vielleicht war sie dort etwas Besonderes gewesen, oder sie stammte überhaupt nicht von dort und der Spalt hatte sie lediglich gefunden. Maranos mochte keine dieser Möglichkeiten, vor allem, weil er keine davon beweisen konnte.

„Du bist enttäuscht“, sagte Elly. Maranos sah zu ihr. „Ja.“ „Weil es nicht Iomen ist?“ „Unter anderem.“ „Warum war dir das überhaupt so wichtig?“ Maranos schwieg einen Moment. „Weil ein kontrollierbarer Zugang nach Iomen nützlich gewesen wäre.“ „Nützlich.“ „Sehr.“ „Und das hier ist es nicht?“ Maranos blickte zu den Unterlagen. „Das hier ist ein Tor zu etwas, das ich nicht verstehe.“ „Das klingt interessanter.“ „Es klingt nach einem Fehlschlag.“ Elly betrachtete ihn. „Ein Fehlschlag hat mich hierhergebracht.“ Sie lächelte leicht. „Also kann er nicht vollkommen misslungen sein.“ Er schwieg einige Sekunden. „Du bist die Ausnahme.“ „Das nehme ich als Kompliment.“ „War nicht so gemeint.“ „Zu spät.“

Einige Tage später räumte Maranos den Ritualraum wieder ab. Die schwarzen Steine verschwanden in Kisten, die Runen wurden entfernt und die Verbindung zum Aderwerk geschlossen. Elly lehnte in der Tür. „Du gibst auf.“ „Nein.“ „Natürlich nicht.“ Maranos hob eine der Kisten an. „Ich verschwende im Moment nur keine weitere Zeit darauf.“ „Das nennt man normalerweise Aufgeben.“ „Das nennt man Prioritäten.“ Elly lächelte. „Wie du meinst.“

Maranos trug seine Unterlagen zurück ins Labor. Der Spalt hatte ihm nicht gegeben, was er gesucht hatte: keinen Weg nach Iomen, keine klare Antwort auf Ellys Herkunft. Nur eine weitere unbekannte Ebene und noch mehr Fragen. Für Maranos war das zunächst nichts anderes als ein Fehlschlag. Und Fehlschläge hatten bei ihm eine unangenehme Eigenschaft: Sie ließen ihn nicht los.

Von diesem Abend an vergrub er sich noch tiefer in seinen Studien. Alte Berichte über Reisen zwischen den Welten lagen neben Schriften über körperlose Wesen, magische Zwischenräume und Ebenen, die angeblich ohne Sonne oder Zeit existierten. Maranos las, verglich, verwarf und begann von Neuem. Elly saß manchmal bei ihm und las ebenfalls, an anderen Abenden ließ sie ihn einfach arbeiten.

Eines Nachts stand sie in der Tür des Labors. Vor Maranos lagen mehrere aufgeschlagene Bücher, und mindestens zwei Kerzen waren bereits fast vollständig heruntergebrannt. „Kommst du irgendwann noch schlafen?“ Maranos schrieb weiter. „Später.“ „Das hast du gestern auch gesagt.“ „Dann war es gestern vermutlich richtig.“ „Maranos.“ Die Feder hielt inne. „Was?“ „Du musst nicht jedes Rätsel sofort lösen.“ Er sah nun zu ihr. „Nein.“ Elly wartete. Maranos lehnte sich leicht zurück. „Aber irgendwann.“ Sie lächelte schwach. „Natürlich.“

Dann verschwand sie wieder aus der Tür. Maranos blickte ihr kurz nach, ehe er sich erneut über seine Aufzeichnungen beugte. Der Spalt führte nicht nach Iomen; damit war sein ursprüngliches Experiment gescheitert. Doch irgendwo hinter jener Dunkelheit existierte etwas, das er nicht kannte. Und dort lag vielleicht auch die Antwort auf die Frage, was Elly wirklich war. Maranos tauchte die Feder erneut in die Tinte und schrieb weiter.

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 27 Sep 2026, 00:09

Als Maranos nach Düsterhafen zurückkehrte, war es bereits später Abend. Die Stadt hatte ihn längst wieder verschluckt, noch bevor er das Kloster erreichte. In den Straßen wurde gelacht, gestritten und gehandelt, als hätte es außerhalb der Mauern niemals ein altes Anwesen gegeben, das noch einmal unter seiner Wut zusammengebrochen war. Niemand wusste, wo er gewesen war; niemand wusste, was er dort gefunden hatte und schon gar nicht, was er dort verloren geglaubt hatte. Maranos war das recht.

Er ging ohne Begleitung durch die Straßen und hielt sich nicht lange auf. Die Kapuze seines Mantels lag tief im Gesicht, und obwohl er unterwegs mehrfach Männer seines eigenen Netzes bemerkte, gab er sich keinem von ihnen zu erkennen. Er wollte in diesem Moment keine Berichte, keine Fragen und keine Neuigkeiten über die Arena oder das Aderwerk. Er wollte nur zurück.

Als er schließlich das Kloster betrat, begegnete ihm im oberen Teil kaum jemand. Einige Diener waren bereits in die tieferen Bereiche abgezogen, andere hielten sich in den kleinen Nebenräumen auf. Einer der Männer wollte ihn ansprechen, doch Maranos hob nur die Hand. „Später“, sagte er kurz. Der Diener nickte sofort und trat zurück.

Je tiefer Maranos stieg, desto ruhiger wurde es. Die Fackeln warfen lange Schatten über die Wände, und irgendwo weit unter ihm hörte er das langsame Pulsieren eines der Sammelsteine. Das Aderwerk war aktiv; die Stadt lieferte ihre Furcht wie immer. Normalerweise hätte er sofort bemerkt, wie stark der Strom war, doch heute interessierte es ihn kaum.

Vor der Tür zu seinem Labor blieb er kurz stehen. Seine Hand lag bereits auf dem Griff, als er bemerkte, dass die Tür einen Spalt weit offen stand. Maranos hob leicht eine Augenbraue. Natürlich. Er drückte die Tür auf.

Die Frau saß auf seinem Stuhl. Nicht auf irgendeinem Stuhl, sondern auf seinem. Sie hatte die Füße auf eine zweite Sitzfläche gelegt und hielt eines seiner Bücher in der Hand. Maranos blieb in der Tür stehen. „Das ist mein Platz.“ Sie sah nicht auf. „Das weiß ich.“ „Dann erhebe dich.“ „Nein.“

Maranos schloss die Tür hinter sich. „Du liest außerdem meine Aufzeichnungen.“ „Auch das weiß ich.“ „Und?“ Nun blickte sie über den Rand des Buches zu ihm. „Du bist schlecht darin, etwas wirklich zu verstecken.“ Maranos zog langsam den Mantel aus. „Ich verstecke nichts vor dir.“ „Das ist fast freundlich.“ „Gewöhn dich nicht daran.“

Sie schloss das Buch und sah ihn nun genauer an. Ihr Gesicht veränderte sich nur wenig, doch Maranos bemerkte es sofort. „Was?“, fragte er. Sie legte das Buch auf den Tisch. „Du riechst nach Rauch.“ Maranos antwortete nicht. „Nicht nach deinem Labor“, fügte sie hinzu. Er ging an ihr vorbei. „Beeindruckend“, sagte sie ihm hinterher. „Und deine Kleidung ist voller Staub.“ Maranos nahm einen Becher vom Regal. „Noch etwas?“ „Ja.“ Sie stand auf. „Du bist seit gestern verschwunden.“ „Ich war beschäftigt.“ „Womit?“ Maranos goss Wein ein. „Nachdenken.“ Sie trat näher. „Das erklärt den Rauch nicht.“ „Nachdenken kann anstrengend sein.“

Sie sah ihn lange an, dann bemerkte sie etwas anderes. „Du hast die Kontrolle verloren.“ Maranos hielt inne. Nur ganz kurz. Dann nahm er einen Schluck. „Eine erstaunlich konkrete Schlussfolgerung.“ „Weil ich recht habe.“ „Vielleicht.“ „Du sagst sonst nie ‚vielleicht‘.“ „Dann genieße den Augenblick.“

Sie ging langsam um ihn herum – nicht wie jemand, der ihn untersuchte, sondern wie jemand, der auf eine Antwort wartete. „Was ist passiert?“ Maranos setzte den Becher ab. „Nichts, das dich betreffen muss.“ „Das habe ich nicht gefragt.“ „Dann war die Antwort trotzdem ausreichend.“

Sie schwieg. Maranos kannte dieses Schweigen inzwischen; es war nie ein gutes Zeichen. Schließlich ging sie zurück zum Tisch und setzte sich diesmal nicht auf seinen Stuhl, sondern auf die Tischkante. „Du bist anders.“ Maranos sah zu ihr. „Inwiefern?“ „Ruhiger.“ „Das wäre eine Verbesserung.“ „Nein.“ Sie neigte leicht den Kopf. „Nicht diese Art von ruhig.“ Maranos nahm den Becher wieder. „Du analysierst mich zu viel.“ „Du analysierst mich seit Wochen.“ „Das ist etwas anderes.“ „Natürlich.“ Ein leichtes Lächeln lag auf ihren Lippen.

Maranos wandte den Blick ab. Seine Hand glitt fast unbewusst an die Innenseite seines Mantels. Die Bewegung war klein, aber sie bemerkte sie. „Was hast du da?“ „Nichts“, antwortete er. Sie grinste. „Du bist wirklich schlecht im Lügen.“ „Ich lüge hervorragend.“ „Nicht bei mir.“

Maranos schwieg. Sie sprang von der Tischkante. „Zeig es mir.“ „Nein.“ „Dann ist es also wichtig.“ „Oder ich möchte nur nicht, dass du alles bekommst, was du verlangst.“ „Das wäre möglich“, erwiderte sie und kam näher, „aber unwahrscheinlich.“ Maranos schnaubte. „Du wirst langsam anstrengend.“ „Langsam?“ Er musste fast lächeln. Fast. Dann wurde sein Blick wieder ernst, was die Frau bemerkte. Sie blieb stehen. „Was ist passiert?“ Diesmal lag kein Spott in ihrer Stimme.

Maranos antwortete nicht sofort. Er ging zum Tisch, stellte den Becher ab und zog langsam den Ring aus der Innentasche seines Mantels. Das Metall lag klein in seiner Hand, schlicht und unspektakulär. Die Frau betrachtete es. „Ein Ring“, stellte sie fest. „Sehr aufmerksam.“ „Ein Ehering.“ Maranos sah zu ihr. „Woher weißt du das?“ „Ich kenne Menschen.“ Sie schwieg kurz. „Und ich kenne dich.“

Maranos drehte den Ring langsam zwischen den Fingern. Die Frau trat näher. „Deiner?“ „Ja.“ Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung wirkte sie wirklich überrascht. Nicht erschrocken oder verunsichert, sondern schlichtweg überrascht. „Du warst verheiratet.“ Maranos sagte nichts. Sie wartete und wiederholte dann leiser: „Du warst verheiratet.“ „Ja.“ „Das hast du nie erzählt.“ Maranos hob eine Augenbraue. „Du hast nie gefragt.“ „Ich hätte nicht gedacht, dass es nötig wäre.“ Er sah sie lange an. „Warum?“ „Weil du nicht wirkst wie ein Mann, der einmal verheiratet war.“ „Wie wirkt so ein Mann?“ „Weniger unerträglich.“

Maranos lachte kurz, mehr aus Reflex als aus wirklicher Belustigung. Dann wurde es wieder still. Sie sah auf den Ring. „Wie hieß sie?“ Maranos’ Blick sank auf das Metall in seiner Hand. Diesmal brauchte er länger für die Antwort. „Elly.“ Die Frau wiederholte den Namen nicht sofort. „Elly.“ „Ja.“ „Sie ist tot.“ Es war keine Frage. „Ja.“

Die Frau zog einen der Stühle heran und setzte sich. Sie machte keine Bemerkung, kein Spott, keine Nachfrage. Maranos bemerkte die Veränderung sofort. „Du willst nichts sagen?“ „Doch.“ „Und?“ „Ich warte.“ „Worauf?“ „Darauf, ob du erzählen willst.“ Maranos sah sie einen Moment lang an. „Das ist ungewöhnlich zurückhaltend.“ „Ich kann überraschend sein.“ „Selten.“ Sie lächelte schwach und deutete auf den Ring. „Also?“

Maranos blieb stehen. Er wusste nicht, warum er überhaupt damit begonnen hatte. Vielleicht, weil er den Namen bereits auf dem Rückweg ausgesprochen hatte. Vielleicht, weil er ihr den Namen geben wollte und wusste, dass er es nicht tun konnte, ohne etwas zu erklären. Oder vielleicht, weil es ihn plötzlich störte, dass sie nichts von diesem Teil seines Lebens wusste. „Wir waren jung“, begann er. Die Frau schwieg. Maranos ging langsam durch das Labor, nicht rastlos, sondern eher suchend. „Ich war noch an der Akademie.“ „Academia Ars Magica?“ „Ja.“ „Das erklärt einiges.“ Maranos sah sie an. „Was soll das heißen?“ „Du klingst bis heute manchmal wie ein Dozent.“ „Ich war ein guter Student.“ „Natürlich warst du das.“ „Ich war besser als die meisten.“ „Natürlich warst du auch das.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Willst du die Geschichte hören oder nicht?“ „Sehr sogar.“

Maranos setzte sich schließlich ihr gegenüber. „Ich kannte sie vom Hafen.“ „Eine Magierin?“ „Seefahrerin.“ Die Frau hob leicht die Augenbrauen. „Das hätte ich nicht erwartet.“ „Sie auch nicht.“ „Was?“ „Mich.“ Ein kleines Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Die Frau sah es, und diesmal sagte sie nichts dazu.

Maranos erzählte. Nicht alles, aber mehr, als er ursprünglich vorgehabt hatte. Er erzählte vom Hafenfest, davon, wie Elly ihn angerempelt und ihm anschließend die Schuld gegeben hatte. Von ihrer Art, ihn nicht ernst zu nehmen, wenn er sich selbst zu ernst nahm. Er sprach vom Anwesen, von seinen Brüdern und von den Abenden am Kamin. Mit jeder Erinnerung wurde seine Stimme etwas ruhiger, und die Frau hörte wirklich zu.

„Sie hatte keine Angst vor dir“, sagte sie irgendwann. Maranos sah auf den Ring. „Damals gab es weniger Gründe.“ „Das glaube ich nicht.“ Er sah sie an. „Nein?“ „Ich glaube, sie hatte einfach keine Angst vor dir.“ Maranos schwieg. „Vielleicht.“

Die Frau lehnte sich zurück. „Das erklärt einiges.“ „Du sagst das häufig.“ „Weil du häufig Dinge erklärst, ohne es zu merken.“ „Zum Beispiel?“ Sie deutete auf ihn. „Warum du Menschen hasst, die dir widersprechen, aber diejenigen bei dir behältst, die es trotzdem tun.“ Maranos hob eine Augenbraue. „Das ist eine sehr gewagte Theorie.“ „Und doch sitze ich noch hier.“ „Noch.“ Sie grinste. „Genau.“

Wieder entstand dieses seltsame Schweigen zwischen ihnen, das jedoch nicht unangenehm war. Maranos sah auf den Ring und sagte dann: „Das Schiff kam nie zurück.“ Die Frau wurde ernst. „Sturm?“ „Ja.“ „Keine Überlebenden?“ „Keine, die gefunden wurden.“ „Und du hast gewartet.“ Maranos sah zu ihr. „Woher weißt du das?“ „Weil du so bist.“ Er wollte widersprechen, tat es jedoch nicht. „Ja. Ich habe gewartet.“ Die Frau sah ihn an. „Lange?“ „Zu lange.“ „Nein.“ Maranos blickte auf, und sie schüttelte leicht den Kopf. „Nicht zu lange. Wenn du jemanden liebst, gibt es kein vernünftiges Maß dafür, wie lange du hoffen darfst.“

Maranos betrachtete sie. Es war ein bemerkenswert menschlicher Satz für jemanden, der einst nur eine Stimme in der Dunkelheit gewesen war. „Woher hast du das?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht lerne ich.“ Maranos sah wieder auf den Ring. „Ich habe danach das Anwesen zerstört.“ „Das erklärt den Rauch.“ „Nicht damals.“ Sie verstand sofort. „Du warst heute dort. Und hast es noch einmal getan.“ Maranos hob den Blick. „Zum Teil.“ Sie musste lachen. „Zum Teil?“ „Es war vorher bereits eine Ruine.“ „Maranos.“ „Was?“ „Du hast eine Ruine zerstört.“ „Sie stand noch.“ „Natürlich.“ Maranos konnte diesmal sein Lächeln nicht verbergen. Die Frau schüttelte den Kopf. „Du bist unmöglich.“ „Das wurde mir schon gesagt.“ „Von ihr?“ Sein Lächeln wurde schwächer. „Oft.“

Wieder kehrte Stille ein, dann legte Maranos den Ring auf den Tisch. Die Frau betrachtete ihn. „Warum zeigst du mir das?“ Nun war sie da, die Frage, der er die ganze Zeit ausgewichen war. Maranos lehnte sich zurück. „Weil du einen Namen brauchst.“ Sie sah ihn an. „Was hat der Ring mit meinem Namen zu tun?“ „Mehr, als mir lieb ist.“ „Das klingt gefährlich.“ „Ist es nicht.“ „Bei dir klingt alles Gefährliche so.“

Maranos ignorierte die Bemerkung. „Ich habe versucht, einen Namen für dich zu finden.“ „Das ist mir aufgefallen.“ „Woher?“ „Du murmelst.“ Maranos starrte sie an, während sie unschuldig lächelte. „Nur manchmal.“ „Ich murmele nicht.“ „Natürlich nicht.“ „Jedenfalls“, fuhr er fort, „hat nichts gepasst.“ „Weil du versucht hast, etwas Großes zu finden“, entgegnete sie. Maranos schwieg. Sie grinste. „Einen Namen, der Angst macht. Etwas Altes. Etwas, das klingt, als würde es in einem verbotenen Buch stehen.“ Maranos hob langsam eine Augenbraue. „Du bist heute ungewöhnlich mutig.“ „Ich bin immer mutig.“ „Das ist nicht dasselbe wie klug.“

Sie ignorierte ihn. „Und jetzt?“ Maranos sah auf den Ring. „Jetzt glaube ich, dass ich falsch gesucht habe. Du brauchst keinen Namen, der erklärt, was du bist.“ „Was bin ich denn?“ Maranos betrachtete sie. „Das versuche ich noch herauszufinden.“ „Charmant.“ „Du brauchst einen Namen, mit dem ich dich ansprechen kann.“ „Nur du?“ „Nein.“ Er lehnte sich zurück. „Aber ich muss damit leben.“ Sie lachte leise. „Das klingt fast wie eine Beschwerde.“ „Ist es.“

Dann wurde Maranos ernst. „Der Name soll nichts verändern. Ich will nicht, dass du glaubst, ich sehe in dir jemanden, der du nicht bist.“ Sie sah auf den Ring, dann wieder zu ihm. „Du willst mir ihren Namen geben.“ Es war keine Frage. Maranos nickte. „Ja.“ Für einen Moment war ihr Gesicht völlig unbewegt. „Warum?“ Maranos antwortete diesmal sofort. „Nicht weil du sie bist. Du bist ihr nicht ähnlich.“ Die Frau hob eine Augenbraue. „Das klang fast beleidigend.“ „So war es nicht gemeint.“ „Schade.“ Maranos atmete langsam aus. „Du erinnerst mich manchmal an etwas, das ich verloren hatte.“ Sie wurde still. „Nicht an sie“, fügte er hinzu und suchte nach Worten, was ihm sichtlich schwerfiel. „An mich. An einen Teil von mir, den ich für erledigt hielt.“

Die Frau sah ihn sehr genau an, ohne Spott oder Ironie. „Das ist der Grund?“ „Zum Teil.“ „Und der andere Teil?“ Maranos blickte auf den Ring. „Ich will den Namen wieder hören, ohne dass danach nur das Meer kommt.“ Die Antwort blieb zwischen ihnen stehen. Die Frau sah ihn lange an, dann stand sie langsam auf, ging um den Tisch herum und blieb vor ihm stehen. „Wenn du mich so nennst, wirst du jedes Mal an sie denken.“ „Vielleicht.“ „Und an den Sturm.“ „Vielleicht.“ „Und an das, was danach kam.“ Maranos nickte. „Ja.“ „Warum willst du dir das antun?“ Maranos hob den Blick zu ihr. „Vielleicht will ich nicht mehr davor weglaufen.“ Sie sah ihn an. „Du läufst vor wenig Dingen weg.“ „Vor diesem schon.“

Die Ehrlichkeit kam so direkt, dass selbst sie kurz überrascht wirkte. Maranos bemerkte es. „Sag nichts.“ „Ich wollte nichts sagen.“ „Gut.“ Sie lächelte leicht, dann ging sie zum Tisch und nahm den Ring in die Hand. Maranos' Blick folgte ihr sofort. „Vorsichtig.“ Sie sah ihn an. „Jetzt weiß ich wenigstens, was dir wirklich Angst macht.“ Sein Gesicht wurde augenblicklich härter, doch die Frau hob beschwichtigend die Hand. „Nicht so.“ Maranos entspannte sich ein wenig. Sie betrachtete den Ring. „Ich werde sie nicht ersetzen.“ „Das verlange ich nicht.“ „Ich werde auch nicht versuchen, ihr ähnlich zu sein.“ „Das will ich nicht.“ „Und wenn ich den Namen nicht mag?“ Maranos sah sie an. „Dann finden wir einen anderen.“ Sie lächelte. „Das war unerwartet vernünftig.“ „Genieße den Augenblick.“

Sie gab ihm den Ring zurück. „Dann sag ihn.“ „Was?“ „Den Namen.“ Er blieb sitzen. „Du kennst ihn bereits.“ „Ich will ihn von dir hören.“ Maranos betrachtete sie. „Warum?“ „Weil du offensichtlich die halbe Nacht durch die Gegend gelaufen bist, ein altes Anwesen zerstört und jahrzehntelange Erinnerungen ausgegraben hast.“ Sie verschränkte die Arme. „Da kannst du jetzt auch den letzten Schritt machen.“ Maranos schnaubte leise. „Du machst diesen Augenblick kaputt.“ „Dann beeil dich.“

Er sah sie lange an und stand dann auf. Nun standen sie sich gegenüber, nur wenige Schritte voneinander entfernt. Die schwarzen Steine in den Wänden pulsierten leise. Irgendwo durch das Aderwerk floss die Furcht der Stadt, doch zum ersten Mal seit langer Zeit achtete keiner von beiden darauf. Maranos hielt den Ring in der Hand. Seine Stimme war ruhig, als er sagte: „Elly.“ Die Frau bewegte sich nicht. Der Name hing für einen Moment zwischen ihnen. Maranos wartete. Sie ließ sich Zeit – natürlich. Dann wiederholte sie ihn. „Elly.“ Es klang anders in ihrer Stimme. Nicht wie damals, nicht wie die Erinnerung. Neu. Maranos merkte es sofort, und genau das war gut. Die Frau sah ihn an. „Kurz.“ „Ja.“ „Einfach.“ „Ja.“ „Überhaupt nicht bedrohlich.“ „Nein.“ Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Gefällt mir.“

Maranos hob eine Augenbraue. „So einfach?“ „Du wirkst enttäuscht.“ „Ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet.“ „Dann kann ich noch anfangen.“ „Lass es.“ Sie lachte, dann wurde ihr Blick wieder ruhiger. „Also Elly.“ Maranos nickte. „Elly.“

Sie trat an ihm vorbei und nahm wieder das Buch vom Tisch. Maranos beobachtete sie. „Das ist alles?“ Sie schlug das Buch auf. „Was erwartest du?“ „Nichts.“ „Gut.“ Sie setzte sich erneut auf seinen Stuhl. Maranos starrte sie an. „Elly.“ Sie sah auf. „Ja?“ Er zeigte auf den Stuhl. „Das ist immer noch mein Platz.“ Sie lehnte sich zurück. „Dann musst du wohl lernen zu teilen.“ Maranos schüttelte den Kopf. „Das war ein Fehler.“ „Der Name?“ „Nein.“ Er nahm den zweiten Stuhl. „Dich herzulassen.“ Elly lächelte. „Zu spät.“

Maranos setzte sich ihr gegenüber. Für eine Weile sprach keiner von beiden. Sie las, er betrachtete seine Aufzeichnungen. Draußen lebte Düsterhafen weiter, im Aderwerk floss die Furcht, und die Arena brüllte irgendwo in der Ferne. Tief unter dem Kloster saßen zwei Gestalten an einem Tisch, die auf sehr verschiedene Weise zu dem geworden waren, was sie heute waren.

Maranos ließ die Hand an die Innentasche seines Mantels gleiten, in der der Ring wieder lag. Diesmal kam nicht sofort das Bild eines untergehenden Schiffes, nicht der Sturm, nicht der leere Hafen. Er hörte stattdessen eine Stimme, nicht aus der Vergangenheit, sondern direkt vor sich. „Maranos.“ Er sah auf. Elly hielt das Buch hoch. „Deine Notizen hier ergeben keinen Sinn.“ Maranos starrte sie an. „Natürlich ergeben sie Sinn.“ „Nein.“ „Du verstehst sie nur nicht.“ „Dann erklär sie.“ Maranos stand auf. „Gib her.“ Elly zog das Buch zurück. „Nein.“ „Elly.“ Sie grinste. Und obwohl Maranos sich darüber ärgerte, bemerkte er etwas, das ihn für einen Moment still werden ließ.

Der Name tat weh. Natürlich tat er das. Aber er fühlte sich nicht mehr nur wie Verlust an. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit gehörte er nicht ausschließlich der Vergangenheit. Und vielleicht war genau das der Grund gewesen, weshalb Maranos ihn hatte aussprechen müssen.

keine Kontrolle

von Maranos van Ascheberg » 26 Sep 2026, 02:36

Der Ring lag noch immer in seiner Hand.

Maranos saß vor dem alten Kamin, den Rücken gegen den kalten Stein gelehnt, und drehte das schlichte Stück Metall langsam zwischen Daumen und Zeigefinger. Draußen fiel fahles Morgenlicht durch die blinden Fenster des Anwesens und zeichnete helle Streifen in den Staub. Es war so still, dass er das leise Knacken im alten Gebälk hören konnte.

Eigentlich hatte er nur kommen wollen, um nachzusehen, ob das Versteck noch existierte. Mehr nicht. So zumindest hatte er es sich eingeredet. Doch nun saß er dort, den Ring in der Hand, und mit einem Mal schien die Distanz zwischen heute und damals fast verschwunden zu sein.

Er sah nicht länger die Ruine. Er sah das Haus, wie es einmal gewesen war: den gepflegten Hof, die Fenster, in denen abends Licht brannte, und die Diener, die geschäftig kamen und gingen. Er sah den Garten, über den er sich viel zu oft beschwert hatte, weil Elly dort Dinge pflanzte, die seiner Meinung nach an vollkommen anderen Stellen hätten wachsen sollen.

Und dann sah er sich selbst. Jünger. Sehr viel jünger.

Zu jener Zeit war Maranos noch Studioso an der Academia Ars Magica gewesen. Er war ehrgeizig, wissbegierig und besaß jene unangenehme Art von Selbstsicherheit, die nur junge Männer haben, die bereits wissen, dass sie begabt sind. Seine Brüder hatten ihm früh den Weg zu den Nok’Tau gezeigt; sie waren Malion längst tiefer ergeben als er selbst. Maranos war ihnen gefolgt – zunächst weniger aus Überzeugung als aus Loyalität. Es war Familie. Was seine Brüder taten, nahm er ernst; was sie glaubten, stellte er nicht offen infrage. Er besuchte die Zusammenkünfte, lernte die Gebete und hörte den Lehren zu.

Doch damals war Malion noch nicht das Zentrum seiner Welt. Wenn eine Versammlung endete, legte Maranos seine Robe ab, schob die Gedanken an den Orden beiseite und kehrte an die Akademie zurück. Dort stritt er mit Lehrmeistern über Zaubertheorie, verbrachte Nächte über alten Büchern und erklärte anderen Studenten ungefragt, warum ihre Herangehensweise falsch war. Er war damals schon schwierig – nur auf eine andere Art.

Und dann kam dieses Hafenfest. Rückblickend konnte er nicht einmal mehr sagen, weshalb er überhaupt hingegangen war. Wahrscheinlich hatte ihn ein Mitstudent überredet, mit dem Argument, ein Mann seines Alters müsse gelegentlich unter Menschen. Maranos hatte entgegnet, dass er täglich von Menschen umgeben sei.
„Bücher zählen nicht“, hatte sein Begleiter geantwortet.
„Das war auch nicht meine Behauptung.“
„Du weißt genau, was ich meine.“
„Leider.“

Trotzdem war er mitgegangen. Der Hafen war an diesem Abend überfüllt. Händler hatten Stände aufgebaut, irgendwo spielte eine kleine Gruppe Musik, und die Luft roch nach Salzwasser, Rauch, gebratenem Fisch und zu viel Wein. Maranos hatte sich kaum zehn Minuten dort aufgehalten, als er mit jemandem zusammenstieß. Eine kleine Holzkiste rutschte beinahe zu Boden, doch Maranos fing sie reflexartig auf.

„Kannst du nicht aufpassen?“, fragte eine Stimme.
Er sah auf. Vor ihm stand eine junge Frau mit windzerzaustem Haar und einem Ausdruck, als wäre es selbstverständlich, dass er schuld war. Maranos hielt ihr die Kiste hin. „Du bist in mich hineingelaufen.“
Sie nahm die Kiste zurück. „Das behauptest du.“
„Weil es passiert ist.“
Die Frau musterte ihn einen Moment lang. „Du klingst wie jemand, der immer recht haben muss.“
„Ich habe häufig recht.“
„Das beantwortet meine Frage.“
„Du hast keine Frage gestellt.“

Für einen Moment starrten sie sich an, dann grinste sie. „Du bist anstrengend.“
Maranos hob eine Augenbraue. „Wir kennen uns seit ungefähr einer halben Minute.“
„Und trotzdem bin ich mir bereits sicher.“ Damit ging sie an ihm vorbei.

Maranos blieb stehen und starrte ihr hinterher. Sein Begleiter trat neben ihn und lachte. „Die gefällt dir.“
„Unsinn.“
„Du starrst ihr hinterher.“
„Ich überlege lediglich, weshalb manche Menschen glauben, Unhöflichkeit sei Persönlichkeit.“

Später am Abend fand er sie wieder. Sie saß auf einer Kaimauer, einen Becher Wein neben sich, die Beine über dem Wasser baumeln lassend. Der Wind hatte zugenommen und drückte die Geräusche des Festes vom Hafen weg. Maranos blieb neben ihr stehen.
„Du schon wieder“, sagte sie und sah zu ihm hoch.
„Offensichtlich.“
„Hast du diesmal wenigstens einen Grund?“

Maranos überlegte kurz, zog dann ein Stück dünne Schnur aus seiner Tasche und hielt es ihr hin. „Du hast das verloren.“
Sie betrachtete die Schnur, dann ihn. „Die gehört mir nicht.“
„Ich weiß.“
Sie blinzelte. „War das gerade wirklich dein Versuch, ein Gespräch anzufangen?“
Maranos setzte sich neben sie. „Es hat funktioniert.“
Sie musste lachen. „Das ist fast traurig.“
„Fast reicht.“

Sie reichte ihm ihren Becher. „Elly.“
„Maranos.“
„Das klingt nach einem Namen für jemanden, der in großen Häusern lebt.“
„Tue ich.“
„Natürlich.“
„Und Elly klingt nach jemandem, der fremde Leute anrempelt.“
„Auch richtig.“

So begann es. Ohne Prophezeiung, ohne Zeichen, ohne Malion. Einfach mit einem schlechten Gesprächsversuch an einem Hafen.

Elly fuhr zur See. Nicht als Kapitänin oder Besitzerin eines Schiffes, sondern als Matrosin auf Handelsschiffen. Sie kannte Häfen, Strömungen, zwielichtige Wirte, gefährliche Routen und vermutlich mehr Flüche als die Hälfte der Männer, mit denen sie segelte. Sie kam aus einfachen Verhältnissen; Maranos hingegen aus einer angesehenen Familie. Anfangs fand Elly das eher amüsant als beeindruckend.

Als er sie zum ersten Mal auf das Familienanwesen brachte, stand sie in der großen Eingangshalle und ließ den Blick über die hohen Wände, den Steinboden und die breite Treppe gleiten. Maranos wartete gespannt auf ihre Reaktion. Elly nickte langsam.
„Groß.“
„Das ist alles?“
„Was soll ich sagen?“
„Ich weiß nicht.“
Sie sah noch einmal herum. „Viel zu putzen.“
Maranos starrte sie an, doch Elly grinste nur. Dann zog sie ihre nassen Stiefel aus und stellte sie mitten in die Halle. Maranos sah auf die Wasserflecken, dann auf sie.
„Du machst das absichtlich.“
„Was?“
„Genau das.“
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst.“

Sie ging weiter, und Maranos musste lachen. Vielleicht hatte er sie genau deshalb so schnell geliebt. Elly machte sich nichts aus seinem Namen, seinem Stand oder den Erwartungen seiner Familie. Sie sprach mit ihm nicht anders als mit irgendeinem Matrosen am Hafen. Wenn er arrogant wurde, sagte sie es ihm. Wenn er zu viel arbeitete, nahm sie ihm ein Buch aus der Hand. Wenn er glaubte, einen Streit gewonnen zu haben, stellte sie einfach fest, dass er sich das gern einreden könne.

Seine Brüder beobachteten diese Beziehung sehr genau. Elly war ihnen fremd; sie gehörte nicht zum Orden, hatte keinen politischen Nutzen und keine Familie, die man für Bündnisse hätte nutzen können. Maranos wusste, dass sie beobachtet wurde, und Elly wusste es ebenfalls.

Eines Abends saßen sie gemeinsam auf der niedrigen Mauer hinter dem Anwesen. „Deine Brüder glauben immer noch, ich bemerke es nicht“, sagte sie.
„Sie beobachten jeden“, entgegnete Maranos.
„Mich besonders.“
„Ja.“
„Warum?“
Maranos zuckte mit den Schultern. „Du bist unberechenbar.“
Elly sah ihn empört an. „Ich? Ich bin eine ausgesprochen vernünftige Frau!“
„Du hast gestern einen unserer Stallknechte überredet, mit dir auf einem Fass den Hügel hinunterzufahren.“
„Er wollte das.“
„Er hat sich den Arm verstaucht.“
„Das war mangelndes Talent.“

Maranos schüttelte den Kopf, woraufhin Elly sich an seine Schulter lehnte. „Sie glauben, ich könnte dich vom Orden wegziehen.“
Nun wurde Maranos ernster. „Das wirst du nicht.“
„Ich weiß. Du hast mich nie darum gebeten.“
„Warum sollte ich?“
Elly zuckte die Schultern. „Du hast deinen Glauben. Ich muss ihn nicht verstehen.“
„Malion ist mehr als nur irgendein Glaube.“
„Für dich vielleicht.“
Bevor Maranos antworten konnte, legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Ich sage nicht, dass er dir nichts bedeutet. Ich sage nur, dass er dir gehört.“ Dann grinste sie. „Ich heirate schließlich dich und nicht deinen Gott.“
Maranos verschluckte sich beinahe am Wein. Elly lachte so laut, dass einer der Diener vom Hof herüberblickte.

Wenige Monate später heirateten sie. Seine Brüder duldeten die Verbindung – mehr konnte man kaum erwarten. Elly verlangte nie, dass Maranos sich zwischen ihr und dem Orden entschied, und vielleicht war das der Grund, weshalb beides so lange nebeneinander bestehen konnte.

Tagsüber studierte und arbeitete Maranos. Er wurde besser – sehr viel besser. Aus dem jungen Studioso wurde ein vollwertiger Magier, und aus einem guten Magier wurde jemand, über den man an der Akademie sprach. Vor allem seine Beherrschung des Feuers entwickelte sich ungewöhnlich schnell. Maranos interessierte sich weniger für die Ästhetik der Magie als für ihre Wirkung. Wo andere eine Flamme erschufen, wollte er wissen, wie heiß sie werden konnte; wo andere eine Feuerwand erzeugten, fragte er sich, ob man die Hitze dahinter kontrollieren konnte. Seine Lehrer lobten sein Verständnis, kritisierten jedoch seine mangelnde Geduld.

Innerhalb der Nok’Tau fiel er ebenfalls auf – zunächst wegen seines Wissens, später wegen seiner Härte. Die ersten echten Kämpfe veränderten ihn stetig. Maranos lernte, dass Theorie und Schlachtfeld zwei vollkommen verschiedene Dinge waren. Ein Lehrmeister wartete, bis man den Zauber vorbereitet hatte; ein Gegner tat das nicht. Maranos passte sich an. Vielleicht zu schnell.

Wenn gekämpft wurde, war er erbarmungslos. Er suchte nicht nach ruhmreichen Duellen, er wollte den Sieg. Wer gegen die Nok’Tau stand, war ein Feind, und wer seine Männer angriff, sollte keinen zweiten Versuch erhalten. Seine Brüder sahen, wie sich etwas in ihm entwickelte, das ihnen gefiel.

Elly sah es ebenfalls, nur anders. Es gab Abende, an denen Maranos spät nach Hause kehrte. Seine Kleidung roch nach Rauch, manchmal klebte Blut daran – nicht immer sein eigenes. Einmal kam er nach Mitternacht durch die Tür, während Elly noch in der Küche saß.
„Du bist spät“, stellte sie fest.
„Das ist eine beeindruckende Beobachtung.“
„Und du bist schlecht gelaunt.“
„Noch eine.“
Sie deutete mit dem Kinn auf seine Stiefel. „Aus.“
„Elly…“
„Du bringst den halben Weg hier hinein.“
„Ich bin gerade von einem Kampf zurückgekommen. Mehrere Männer sind heute gestorben.“
„Das tut mir leid.“
„Und du redest über meine Stiefel!“

Elly stand auf. „Weil du sonst die ganze Nacht herumläufst, als wärst du noch dort.“
Maranos schwieg. Sie kam zu ihm und sagte ruhig: „Zieh sie aus.“
Er tat es. Elly nahm seinen Mantel und bemerkte einen dunklen Fleck an seiner Seite. „Dein Blut?“
„Teilweise.“
„Setz dich.“
„Es ist nichts.“
„Maranos.“
Er setzte sich. Elly holte Wasser und Verbandszeug. Während sie die Verletzung reinigte, herrschte Schweigen. Nach einer Weile fragte sie: „War es schlimm?“
„Ja.“
„Willst du darüber sprechen?“
Maranos sah sie an. „Nein.“
„Gut.“

Sie verband seine Seite und stellte ihm Essen auf den Tisch. Keine Fragen, keine Predigt. Nur das Essen. Maranos sah auf den Teller, dann zu ihr. „Warum bist du noch wach?“
Elly setzte sich ihm gegenüber. „Weil du noch nicht zuhause warst.“

Es waren solche Augenblicke, die er später am meisten vermissen würde.

Die Welt draußen wurde dunkler, und Maranos’ Glaube an Malion wuchs. Er sah nun, was Furcht bewirkte – bei Feinden, bei Soldaten, bei ganzen Heeren. Er erkannte, dass ein Gegner, der Angst hatte, Fehler machte und dass Unsicherheit häufig stärker wirkte als physischer Schmerz. Er wurde meisterhaft darin. Auf dem Schlachtfeld war Maranos kein freundlicher Mann; seine Magie war hart und präzise. Er verbrannte Fluchtwege, trieb Gegner auseinander und konnte grausam werden, wenn es notwendig war, um andere zur Kapitulation zu zwingen. Seine Kameraden respektierten ihn, einige fürchteten ihn. Seine Brüder sahen in ihm nicht mehr den kleinen Bruder, sondern einen gleichwertigen Mann des Ordens.

Und trotzdem kam er immer nach Hause. Er kümmerte sich um das Anwesen, als hätte es mit seinem anderen Leben nichts zu tun. Er prüfte Rechnungen, stritt mit Handwerkern und wusste genau, welcher Teil des Daches repariert werden musste. Elly machte sich darüber lustig.
„Du hast heute Morgen einen Mann angeschrien, weil drei Dachziegel falsch lagen“, spottete sie.
„Sie lagen falsch.“
„Drei!“
„Heute drei. In zehn Jahren dreißig.“
„Du klingst wie ein alter Mann.“
„Ich bin jünger als du.“
Woran Elly erinnerte, indem sie ihm ein Tuch ins Gesicht warf.

Am Abend saßen sie oft am Kamin. Elly erzählte von ihren Reisen, von schlechtem Bier in teuren Häfen und von exzentrischen Kapitänen. Maranos erzählte ihr von der Akademie und manchmal vom Orden, nie jedoch von allem. Einmal beobachtete sie ihn lange Zeit, während er in einem Buch blätterte.
„Du wirst anders“, sagte sie.
„Wir alle werden älter.“
„Das meine ich nicht. Du kommst manchmal heim und bist noch Stunden später dort.“
„Wo?“
„Auf dem Schlachtfeld. Du sitzt hier, aber eigentlich bist du noch bei den Männern, die du bekämpft hast.“
„Ich tue, was notwendig ist.“
„Das habe ich nicht bestritten. Ich will nur, dass du wieder heimkommst.“
Maranos runzelte die Stirn. „Ich sitze direkt vor dir.“
Sie lächelte traurig. „Ich weiß.“

Damals hatte er nicht verstanden, was sie meinte. Oder er wollte es nicht verstehen. Trotzdem waren sie glücklich. Nicht vollkommen, aber echt. Elly blieb Seefahrerin. Maranos hätte ihr ein Leben in Luxus bieten können, doch sie hätte ihn ausgelacht. Die See gehörte zu ihr.

Bis zu jener Fahrt.

Es sollte eine längere Handelsreise werden auf einem großen, schwer beladenen Schiff. Am Morgen der Abreise begleitete Maranos sie zum Hafen.
„Du hast alles?“, fragte er.
„Ja.“
„Geld?“
„Ja.“
„Heiltrank?“
„Ja.“
„Ersatzstiefel?“
Elly blieb stehen. „Maranos, ich fahre seit Jahren zur See. Du benimmst dich, als würde ich zum ersten Mal ein Schiff sehen.“
„Ich frage lediglich.“
„Du kontrollierst.“
„Das ist ein Unterschied.“
„Nein.“
Sie grinste, und als das Schiff zur Abfahrt bereit war, trat sie näher zu ihm. „Einige Wochen.“
„Vielleicht länger.“
„Dann eben länger.“
Maranos nickte. Elly legte die Arme um seinen Hals und hielt ihn fest, länger als er es normalerweise zugegeben hätte.
„Ich komme wieder“, versprach sie.
„Das solltest du.“
„Schon wieder dieser Befehlston!“
„Ich meine es ernst.“
Sie küsste ihn und ging über die Planke. Auf halbem Weg drehte sie sich noch einmal um: „Und räum nicht meine Sachen weg!“
„Dann lass sie nicht überall liegen!“, rief er zurück.

Das Schiff legte ab, und Maranos blieb am Kai stehen, bis es nur noch ein dunkler Punkt am Horizont war.

Die ersten Tage verliefen normal. Er arbeitete, besuchte den Orden und las. Abends war das Haus ungewohnt still, aber er kannte das. Dann kamen die ersten Nachrichten über einen schweren Sturm. Zwei Schiffe waren beschädigt eingelaufen, ein weiteres wurde vermisst. Maranos fragte nach Ellys Schiff.
„Verspätung“, hieß es.
Das war möglich. Also wartete er. Er kam jeden Tag zum Hafen. Zunächst kannten die Arbeiter ihn nur als den gut gekleideten Mann, der nach einem bestimmten Schiff fragte; nach einigen Tagen kannten sie seinen Namen.
„Noch nichts, Herr von Ascheberg.“
„Morgen“, antwortete er immer.
„Vielleicht.“
Doch Maranos hörte nur das erste Wort: Morgen.

Dann kamen Seeleute zurück, die den Sturm überlebt hatten. „Habt ihr die Silbermöwe gesehen?“, fragte er.
„Nein.“
„Irgendein Schiff auf ihrer Route?“
„Nur Trümmer.“

Maranos begann, Karten auszubreiten. Er analysierte Strömungen, Routen und Windrichtungen. Für alles fand er eine Erklärung, nur nicht für eine einzige Sache: Warum keine Nachricht kam. Dann fand man Trümmer. Kisten, Stoffballen, ein Stück des Rumpfes. Das Zeichen war eindeutig.

Im Hafenbüro erklärte ihm der Hafenmeister vorsichtig: „Wir gehen davon aus, dass das Schiff im Sturm gesunken ist.“
Maranos sah ihn an. „Davon geht ihr aus. Ihr wisst es nicht.“
Der Hafenmeister schwieg.
„Dann sucht weiter. Bis ihr sie findet.“
„Herr von Ascheberg…“
„Bis ihr sie findet!“

Sie suchten. Tage lang war Maranos jeden Morgen am Hafen. Bei Regen, vor Sonnenaufgang, bis tief in die Nacht. Ein alter Arbeiter brachte ihm wortlos einen Stuhl. Die Leute begannen, ihm aus dem Weg zu gehen – nicht aus Angst, sondern aus Mitleid. Das war schlimmer.

Nach vier Wochen hörte Maranos auf zu fragen. Nicht, weil er es akzeptiert hatte, sondern weil er wusste, welche Antwort er bekommen würde. Er ging nach Hause in das stille Anwesen. Im Wohnzimmer lag Ellys Buch. Zwischen den Seiten steckte ein Zettel mit einer Einkaufsliste und einem Hinweis an einen Diener. Am unteren Rand stand in ihrer Schrift: *Maranos daran erinnern, nicht alle Bücher auf meinem Platz abzulegen.*

Er las den Satz dreimal. Sein Atem veränderte sich. Er setzte sich, legte die Hände vor das Gesicht und flüsterte ein einziges Wort: „Verdammt.“
Danach kam nichts. Keine große Rede, keine Magie. Nur Stille, bis der Kamin beinahe ausgebrannt war. Eine ältere Dienerin fragte leise: „Herr?“
„Geht“, antwortete er, ohne sich umzudrehen. „Geht!“

Maranos griff nach Ellys Becher, der noch dort stand, als würde sie gleich zurückkehren. Die Stille wurde unerträglich.
„Du hast gesagt, du kommst zurück“, flüsterte er. Keine Antwort. „Du hast es gesagt!“
Er schleuderte den Becher gegen die Wand. Das Metall schlug hart auf den Stein. Maranos sprang auf, sein Stuhl kippte um. „Du hast es mir versprochen!“

Die Worte hallten durch das Haus. Er schrie die Diener hinaus, bis er allein war. Und dann brach etwas in ihm auf, das er Wochen lang zusammengehalten hatte. Die erste Welle Magie kam unkontrolliert; die Fenster zerbarsten, Glas flog in den Hof. Doch statt sich zu beruhigen, machte ihn der Kontrollverlust nur noch wütender.
„Warum?!“

Feuer entstand an seinen Händen. Es war nicht mehr die disziplinierte Magie des Magiers, es war ein Toben. Eine Wand fing Feuer, ein Tisch zerbrach, die Wut fand kein Ziel und nahm daher alles. Er riss Ellys Mantel vom Haken und warf ihn zu Boden. Das Feuer griff auf die Treppe über, eine Tür schlug aus den Angeln, die Decke begann zu bröckeln.

Draußen im Hof standen die Diener und wagten es nicht, sich ihm zu nähern. Maranos schrie erneut, und die Magie antwortete mit einer Explosion. Mauern rissen, der Dachstuhl fing Feuer, ein Baum im Garten brannte. Das Familienanwesen, das Generationen überstanden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zerstört.

Maranos bemerkte es kaum. Er stand mitten in der Halle, umgeben von Flammen, Trümmer und Rauch. In seinem Kopf hämmerte nur ein Satz: *Ich komme zurück. Ich komme zurück. Ich komme zurück.*

Als ein Teil der Decke einbrach, sank Maranos auf die Knie. Er weinte offen und unkontrolliert. Niemand sah es. Es war das letzte Mal seit sehr langer Zeit, dass Maranos van Ascheberg sich erlaubte, einfach nur zu trauern.

Als er den Kopf hob, spiegelte sich das Feuer in seinen Augen. Doch das Rot verschwand nicht, als er sich abwandte. Er sah in eine Glasscherbe: Seine Augen waren blutrot. Nicht leuchtend, nicht als Effekt – einfach rot.

Er sah sein Spiegelbild lange an: ein junger Mann mit Ruß im Gesicht, Tränen in den Augen und einem brennenden Haus hinter sich. Etwas in ihm war fort. Vielleicht die Hoffnung oder der Glaube, dass am Ende alles gut wird. Malion hatte ihm nie versprochen, dass es gut werden würde. Malion sprach von Furcht, Macht und dem Überleben. Zum ersten Mal verstand Maranos diese Lehren nicht nur mit dem Verstand; er fühlte sie. Er war machtlos gewesen, und dieses Gefühl hasste er mehr als alles andere.

Er erhob sich langsam. „Nie wieder“, sagte er. Es war ein Versprechen an sich selbst. Nie wieder sollte er hilflos warten. Nie wieder sollte er verlieren, weil andere Mächte stärker waren.

Von jener Nacht an folgte er dem Orden nicht mehr aus Loyalität, sondern aus tiefer Überzeugung. Die Furcht war keine Lehre mehr, sie war die Wahrheit. In den Jahren danach wurde er zu einem Mann, dessen Name auf Schlachtfeldern geflüstert wurde. Er verlor die letzte Zurückhaltung. Wer ihm gegenüberstand, erhielt keine Gnade. Er wollte, dass seine Feinde Angst bekamen, sobald sie seinen Namen hörten.

Irgendwann führten ihn seine Schritte an die Spitze der Nok’Tau. Doch tief in ihm blieb immer das Haus, der Kamin, der Hafen und Elly.

***

Maranos öffnete die Augen. Er war wieder in der Ruine. Der Ring lag in seiner Hand, seine Finger hatten sich so fest darum geschlossen, dass das Metall einen Abdruck in seiner Haut hinterlassen hatte.
„Genug“, atmete er schwer. Doch die Erinnerung ließ ihn nicht los. Elly am Hafen, Elly im Garten, Elly mit diesem verdammten Grinsen. Und dann wieder das Meer. Leeres Wasser. Wrackteile. Das Hafenbüro.

Maranos stand abrupt auf, wobei der alte Stuhl neben ihm umkippte. „Genug!“
Diesmal schrie er es. Er schloss die Augen, doch sofort war sie wieder da: *Ich komme zurück.*
„Genug!“
Die Magie brach aus ihm heraus – ungeplant, unkontrolliert. Jahrzehnte lagen zwischen damals und heute, doch es war dasselbe Feuer. Die alten Fenster zerbarsten, eine Druckwelle ging durch das Gebäude. Maranos taumelte zurück, doch er hielt nicht inne. Seine Wut war zurückgekehrt, unverändert und tiefer als je zuvor.

„Ihr habt mir alles genommen!“
Er wusste nicht, wen er meinte: die Welt, das Meer, das Schicksal oder Gott. Feuer raste durch die Räume, Steine stürzten herab. Maranos hob die Hände, und die Erde unter dem Haus erzitterte. Das letzte Dachstück stürzte ein. Maranos ließ es geschehen; er wollte es sogar. Jeder fallende Stein fühlte sich an wie ein Schlag gegen den Sturm, gegen das Meer, gegen die Vergangenheit.

Die Ruine wurde endgültig zerstört. Erst dann merkte Maranos, dass er zu weit gegangen war. Er stand im Hof, seine Hände brannten magisch, die roten Augen glühten im Rauch. Er sah die Verwüstung – nicht als Triumph, sondern einfach als Trümmerhaufen.

Er senkte langsam die Hände. Die Flammen erloschen allmählich. Er blieb lange stehen, dann hörte er sich selbst bitter lachen. „Sehr erwachsen.“

Er sah zum ehemaligen Garten. Elly hätte ihn beschimpft. Ausführlich. Wegen der Bäume, wegen des Hauses, wegen allem. Wahrscheinlich hätte sie die Hände in die Hüften gestemmt und gefragt: „Bist du jetzt fertig?“

Maranos schloss die Augen und ließ die Erinnerung zu. Nicht den Sturm, nicht den Tod, sondern nur sie. Elly am Hafen. Das erste Grinsen. *„Du klingst wie jemand, der immer recht haben muss.“*
Maranos sah auf den Ring. „Ich hatte recht“, flüsterte er mit einem schwachen Lächeln. „Meistens.“

Er ging zurück zum zerstörten Kamin und blieb davor stehen. Die namenlose Frau im Kloster kam ihm in den Sinn. Ihre Art zu widersprechen, ihr ruhiger Spott, die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn behandelte, ohne sich einschüchtern zu lassen. Sie war nicht Elly – das wusste er. Sie sah nicht aus wie sie, sie sprach nicht wie sie. Aber vielleicht hatte gerade deshalb dieser Gedanke so lange in ihm gearbeitet. Nicht, weil er glaubte, Elly zurückholen zu können – Maranos war nicht dumm, die Vergangenheit war tot und schwarze Magie änderte daran nichts.

Doch ein Name konnte etwas anderes sein. Keine Wiederbelebung, keine Täuschung, sondern eine Erinnerung. Ein kleiner Teil von etwas, das er jahrzehntelang in sich eingeschlossen hatte.

Maranos steckte den Ring vorsichtig in die Innentasche seines Mantels und überprüfte, ob sie richtig geschlossen war. Dann sah er ein letztes Mal über die Ruinen.
„Du würdest sie mögen“, sagte er leise. „Vermutlich. Oder ihr würdet euch gegen mich verbünden.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit lachte Maranos ehrlich.

Dann drehte er sich um. Der Weg zurück nach Düsterhafen lag vor ihm. Dort warteten das Kloster, das Labor und sie. Maranos machte einige Schritte, blieb dann aber stehen. Er hatte über mächtige, alte Namen nachgedacht, Namen, die Furcht erzeugten. Völliger Unsinn. Sie brauchte keinen Namen, der anderen erklärte, was sie war. Sie brauchte einen Namen, mit dem er sie ansprechen konnte. Einen Namen, der etwas bedeutete – nur für ihn.

Maranos legte kurz die Hand auf die Innentasche seines Mantels und ging weiter. Während hinter ihm die letzten Überreste seines alten Lebens im Rauch verschwanden, sprach er den Namen zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder aus. Ganz leise, als müsse er erst hören, wie er heute klang.

„Elly.“

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 25 Sep 2026, 14:17

In den Tagen nach ihrer letzten Untersuchung hatte sich etwas verändert. Nicht im Kloster. Nicht im Aderwerk. Auch nicht in Düsterhafen.
Dort lief alles weiter wie zuvor. Die Arena füllte sich Abend für Abend, und tief unter ihren steinernen Rängen nahm das Netz die Furcht der Menschen auf. Die schwarzen Steine in den Gewölben pulsierten in ihrem ruhigen Takt, während Diener kamen und gingen, neue Gänge ausgebaut wurden und irgendwo hinter schweren Türen jene Arbeiten fortgeführt wurden, über die außerhalb des engsten Kreises niemand etwas wissen durfte.
Auch die Frau hatte sich mit ihrer Grenze abgefunden. Zumindest schien es so.

Sie stellte nicht mehr jeden Abend die gleichen Fragen und versuchte nicht mehr, mit Gewalt einen weiteren Schritt zu erzwingen. Die Macht, die sie inzwischen besaß, war ohnehin gewaltig. Ihre Anwesenheit allein genügte, um einen Raum zu verändern. Selbst jene Diener, die täglich mit ihr zu tun hatten, begegneten ihr mit einer Mischung aus Respekt und jener leisen Unsicherheit, die Maranos mittlerweile gut kannte.
Doch gerade weil sie sich verändert hatte, begann er selbst über etwas nachzudenken, dem er bisher erstaunlich wenig Bedeutung beigemessen hatte.

Sie hatte keinen Namen.

Natürlich hatte sie nie einen gebraucht. Als sie noch nichts weiter als eine Stimme aus der Dunkelheit gewesen war, wäre ein Name beinahe lächerlich erschienen. Maranos hatte mit ihr gesprochen, sie hatte geantwortet, und beide hatten jederzeit gewusst, wer gemeint war. Auch nachdem sie durch den Spalt gekommen war, hatte sich daran zunächst nichts geändert. Sie war einfach sie gewesen. Die Frau. Die Gestalt.
Für die Diener jene geheimnisvolle Person, die plötzlich an Maranos' Seite erschienen war und offenbar das Recht besaß, sich im Kloster beinahe ebenso frei zu bewegen wie er selbst.
Doch inzwischen störte ihn diese Namenlosigkeit.Vielleicht gerade deshalb, weil sie inzwischen so wirklich geworden war. Sie hatte einen Körper. Einen eigenen Willen. Eigene Ansichten.Sie widersprach ihm, verspottete ihn gelegentlich, saß mit ihm bei einem Glas Wein und konnte genauso gut stundenlang schweigend neben ihm stehen. Ein namenloses Wesen war sie längst nicht mehr.Und dennoch fand Maranos keinen Namen, der ihm richtig erschien.

Er hatte einige ausprobiert. Nur für sich. Keinen davon hatte er ausgesprochen. Manche klangen zu weich. Andere zu künstlich.Wieder andere erinnerten ihn zu sehr an die Namen irgendwelcher Dämonen aus alten Büchern, und genau das wollte er vermeiden. Sie war kein Dämon, den er aus einem Kreis gezwungen hatte. Keine beschworene Dienerin. Kein Werkzeug. Und vielleicht war genau das sein Problem. Er versuchte, einen Namen für etwas zu finden, das er selbst noch nicht vollständig verstanden hatte.

Eines Abends wurde ihm das alles zu eng.
Maranos legte die Feder beiseite, mit der er seit beinahe einer Stunde auf demselben Pergament herumgeschrieben hatte, ohne auch nur einen brauchbaren Satz zustande zu bringen.
Die Frau saß einige Schritte entfernt und las in einem seiner Bücher. Sie hatte offensichtlich bemerkt, dass er längst nicht mehr arbeitete.

„Du starrst seit geraumer Zeit auf dieselbe Stelle.“

Maranos blickte nicht zu ihr.
„Dann solltest du weniger auf mich achten und mehr lesen.“

„Ich kann beides.“

„Bedauerlich.“

Sie blätterte ruhig eine Seite um.
„Du bist unruhig.“

Diesmal sah er zu ihr.
„Ich bin nicht unruhig.“

„Natürlich nicht.“ Dieser Ton.

Maranos kannte ihn inzwischen. Sie glaubte ihm kein Wort. Er stand auf, griff nach seinem Mantel und zog ihn über. Nun legte auch sie das Buch beiseite.

„Wohin gehst du?“

„Hinaus.“

„Das habe ich beinahe vermutet.“

Maranos befestigte den Verschluss seines Mantels.
„Dann war die Frage unnötig.“

Sie beobachtete ihn einen Moment.
„Soll ich mitkommen?“

Er hielt kurz inne.Nicht lange.
„Nein.“

Es lag keine Härte in seiner Antwort. Gerade das ließ sie aufmerksamer werden. Normalerweise hätte sie eine Bemerkung gemacht. Vielleicht etwas Spöttisches. Vielleicht hätte sie einfach beschlossen, trotzdem mitzukommen.
Diesmal tat sie es nicht. Maranos ging zur Tür. Er hatte sie bereits geöffnet, als ihre Stimme hinter ihm erklang.
„Maranos.“

Er blieb stehen.
„Was?“

„Komm zurück.“

Für einen Augenblick sagte er nichts.Dann sah er über die Schulter. Sie saß noch immer dort, das Buch vor sich, aber ihre Augen ruhten auf ihm. Es war eine seltsame Bitte.
Fast menschlich. Vielleicht war gerade deshalb seine Antwort ungewöhnlich ruhig.

„Das hatte ich vor.“

Dann ging er. Düsterhafen wirkte in dieser Nacht anders. Vielleicht lag es nur daran, dass Maranos diesmal kein Ziel hatte. Normalerweise ging er durch diese Straßen und sah Möglichkeiten.
Er beobachtete Wachwege, Menschenansammlungen, Handelsplätze und jene unscheinbaren Ecken, an denen sich eines seiner Zeichen besonders gut verbergen ließ. Er wusste inzwischen, an welchen Häusern Runen verborgen waren und unter welchen Straßen das Aderwerk verlief. Heute versuchte er, nichts davon zu sehen. Er ging einfach. Ohne Diener. Ohne Begleitung. Die Kapuze seines Mantels tief im Gesicht. Niemand schenkte ihm besondere Aufmerksamkeit.
Ein Mann ging an ihm vorbei und fluchte über seinen verlorenen Einsatz in der Arena. Zwei Seeleute stritten am Eingang einer Taverne darüber, wer am nächsten Morgen Dienst hatte. Eine Frau schloss die Fensterläden ihres Hauses, während irgendwo in einer Seitengasse jemand laut lachte. Normales Leben.
Maranos blieb für einen Moment stehen und betrachtete die Menschen. Wie wenig sie wussten. Unter ihren Füßen verliefen seine Linien. Ihre Sorgen flossen durch seine Steine. Ihre Furcht nährte etwas, dessen Existenz sie nicht einmal erahnten.
Früher hätte ihm dieser Gedanke Genugtuung bereitet. Heute dachte er kaum darüber nach. Er ging weiter. Je weiter er sich vom Zentrum entfernte, desto ruhiger wurden die Straßen. Die Stimmen verschwanden hinter ihm, und irgendwann hörte er nur noch seine eigenen Schritte auf dem Pflaster. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu ihr zurück. Zu der Frau. Zu der namenlosen Gestalt, die inzwischen beinahe selbstverständlich Teil seines Lebens geworden war.
Wann war das geschehen? Maranos wusste es nicht. Vielleicht bereits damals, als sie nur eine Stimme gewesen war. Vielleicht noch früher. Manche ihrer Bemerkungen hatten sich schon damals merkwürdig vertraut angefühlt.
Ihre Art, ihm zu widersprechen.

Dieses gelegentliche Lachen, wenn er wieder einmal glaubte, etwas vollkommen unter Kontrolle zu haben. Die Geduld, mit der sie ihn beobachtete. Und gleichzeitig die bemerkenswerte Fähigkeit, ihm mit wenigen Worten auf die Nerven zu gehen.
Er blieb erneut stehen. Sein Blick fiel auf eines der Häuser. Im oberen Stockwerk brannte noch Licht. Hinter einem dünnen Vorhang bewegten sich zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Einer der beiden stellte offenbar etwas auf einen Tisch, der andere setzte sich dazu.
Eine vollkommen belanglose Szene.

Maranos sah länger hin, als notwendig gewesen wäre. Dann ging er weiter. Irgendwann führten ihn seine Schritte aus Düsterhafen hinaus. Er hatte noch immer kein Ziel. Zumindest redete er sich das ein. Doch als die ersten Mauern der alten Festung in der Dunkelheit sichtbar wurden, wusste er, dass das nicht stimmte. Die Festung war still. Vieles hatte sich verändert. Manches war verfallen, anderes nur noch eine Erinnerung an das, was hier früher gewesen war. Der Wind zog durch offene Mauern und über alte Steine, auf denen einst Männer gestanden hatten, deren Namen heute kaum noch jemand kannte. Maranos ging langsam hindurch. Er kannte diesen Ort. Nicht nur die Wege. Die Erinnerungen. Manche davon lagen so weit zurück, dass sie ihm beinahe wie das Leben eines anderen Mannes erschienen.
Er ließ die Finger über eine alte Mauer gleiten. Kalter Stein. Nichts weiter. Und doch blieb er einen Moment dort stehen. Früher hatte er geglaubt, Festungen müssten aus Mauern bestehen, Aus Türmen, Toren und Soldaten.

Heute wusste er es besser.

Seine neue Festung lag unter einer Stadt, die nicht einmal wusste, dass sie Teil davon war. Vielleicht war er klüger geworden. Vielleicht nur vorsichtiger. Oder älter. Diesen Gedanken mochte er nicht besonders.
Er ging weiter bis dorthin, wo sich vor ihm das Meer öffnete. Dunkel lag es vor ihm. Der Himmel darüber war beinahe ebenso schwarz, sodass Horizont und Wasser stellenweise ineinander verschwammen.
Maranos setzte sich auf einen alten Stein. Zum ersten Mal seit langer Zeit tat er nichts. Keine Pläne.


Er sah einfach hinaus.
Das Meer hatte ihn immer fasziniert. Man konnte darüber herrschen wollen. Häfen bauen. Schiffe schicken. Karten zeichnen. Und trotzdem blieb es etwas, das sich niemals wirklich kontrollieren ließ.
Vielleicht war es gerade deshalb so beruhigend. Maranos zog den Mantel enger. Seine Gedanken wanderten weiter. Zurück. Weiter zurück.

Lange bevor Düsterhafen.
Lange bevor das Kloster.
Bevor das Labor.
Bevor jene schwarze Flamme.

Und schließlich kam eine Erinnerung, die er seit Jahren kaum noch zugelassen hatte. Ein Haus. Ein Kamin. Ein anderer Maranos. Er stand auf.Diesmal wusste er genau, wohin er wollte.



Der Weg war weit. Er hätte ein Pferd nehmen können. Er hätte Magie nutzen können. Tat er aber nicht.Maranos ging zu Fuß. Stunde um Stunde. Vielleicht brauchte er die Zeit.
Vielleicht hatte er Angst davor, zu schnell anzukommen. Auch diesen Gedanken hätte er jedem anderen gegenüber bestritten. Gegen Morgen erschien schließlich das alte Anwesen der Familie.
Es stand noch. Gerade so. Der Garten war längst verwildert. Efeu hatte Teile der Mauern erobert und einige Fenster waren blind geworden. Wo früher Wege gewesen waren, wuchs hohes Gras.
Maranos blieb vor dem Tor stehen. Lange. Dann drückte er es auf. Das alte Eisen gab mit einem krächzenden Laut nach. Er erinnerte sich an dieses Geräusch. Natürlich klang es inzwischen anders.
Und trotzdem erinnerte er sich. Seine Schritte wurden langsamer, als er auf das Haus zuging. Hier hatte niemand Runen gesetzt. Niemand hatte schwarze Steine verborgen. Keine Diener warteten hinter Türen.

Es gab keine Angst zu ernten. Nur Vergangenheit. Die Haustür klemmte. Maranos drückte stärker dagegen, bis sie sich schließlich öffnete. Staub lag auf dem Boden.
Der Geruch alten Holzes erfüllte die Räume. Er ging langsam hindurch. Manche Möbel waren noch vorhanden. Andere fehlten. Einige Türen standen offen.
Er wusste noch, was hinter jeder gelegen hatte. Das Arbeitszimmer. Der Speiseraum. Die kleine Kammer neben der Küche. Er blieb nicht stehen. Sein Weg führte ihn in den großen Wohnraum.
Dort stand der Kamin.Maranos blieb an der Tür stehen.

Nun wusste er endgültig, weshalb er hierher gekommen war.Er hatte seit Jahren nicht daran gedacht. Zumindest hatte er versucht, nicht daran zu denken. Langsam ging er zum Kamin.
Seine Hand strich über den Sims. Staub blieb an seinen Fingern hängen.

„Natürlich“, murmelte er. Fast hätte er gelacht.

Manche Dinge änderten sich offenbar niemals. Er kniete sich hin. Links neben dem Kamin befand sich ein kleiner Stein. Für jeden anderen Teil der Mauer. Maranos drückte dagegen.
Nichts. Er runzelte die Stirn. Noch einmal. Dann erinnerte er sich. Nicht drücken. Erst drehen. Der Stein gab nach. Dahinter öffnete sich ein schmaler Hohlraum. Maranos griff hinein.
Seine Finger ertasteten Holz. Eine kleine Schatulle. Er zog sie heraus. Für einige Augenblicke hielt er sie einfach in den Händen. Dann öffnete er sie. Darin lag ein Ring. Schlicht.
Ohne großen Stein. Ohne auffällige Verzierung. Nur ein Hochzeitsring.

Sein Hochzeitsring. Maranos bewegte sich nicht. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Nur wenig. Ein Fremder hätte es wahrscheinlich nicht bemerkt. Doch hier war niemand.
Niemand, vor dem er etwas verbergen musste. Er nahm den Ring zwischen Daumen und Zeigefinger. Das Metall war kalt. Er erinnerte sich daran, wann er ihn zuletzt getragen hatte.
Oder glaubte sich zu erinnern. Manche Dinge verschwammen nach so vielen Jahren. Andere nicht. Eine Stimme. Ein Lachen. Ein Blick.
Ein Streit wegen irgendeiner vollkommen belanglosen Sache, die ihm damals wichtig erschienen war. Ein gemeinsames Essen. Eine Hand in seiner.
Maranos setzte sich vor den Kamin auf den staubigen Boden.

Der mächtige Magier. Der Diener Malions. Der Mann, unter dessen Kloster schwarze Feuer brannten und dessen Netz inzwischen die Furcht einer ganzen Stadt sammelte.
Er saß auf dem Boden seines alten Hauses und hielt einen Ring in der Hand. Lange geschah nichts.
Er drehte ihn zwischen den Fingern.

„Was würde sie dazu sagen?“

Seine Stimme klang seltsam in dem leeren Raum. Keine Antwort. Natürlich nicht. Maranos schnaubte leise.

„Wahrscheinlich etwas Unverschämtes.“
Diesmal musste er tatsächlich kurz lächeln. Doch das Lächeln verschwand schnell wieder. Seine Gedanken wanderten zu der Frau im Kloster. Zu ihr und ihrer Namenlosigkeit.
Er hatte nach mächtigen Namen gesucht. Alten Namen. Dunklen Namen. Namen, die zu ihrer Aura passten. Wie dumm. Vielleicht brauchte sie keinen Namen, der erklärte, was sie war.
Vielleicht brauchte sie einfach einen Namen. Einen, den er aussprechen konnte, ohne jedes Mal an das Wesen hinter dem Namen zu denken. Er betrachtete den Ring.
Und plötzlich verstand er, weshalb ihn ihre Art manchmal so irritierte. Nicht weil sie jemandem vollkommen glich.

Das tat sie nicht. Ihre Stimme war anders. Ihr Gesicht war anders. Ihr Lachen war anders. Und trotzdem gab es diese kleinen Augenblicke.
Diese Art, ihn anzusehen, wenn er sich wieder einmal in irgendeiner Idee verrannte. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihm widersprach.
Dieses beinahe amüsierte Schweigen, wenn sie längst wusste, dass er falsch lag, ihn aber noch ein wenig weiterreden ließ.

Maranos schloss die Hand um den Ring. Nein. Sie war nicht dieselbe. Er würde niemals so töricht sein, sich das einzureden. Vielleicht war gerade das der Punkt.
Er wollte ihr keinen Namen geben, um jemanden zurückzuholen. Vergangenheit ließ sich nicht zurückholen. Auch nicht mit schwarzer Magie.
Auch nicht mit all der Macht, die inzwischen unter Düsterhafen floss. Und vielleicht war es eine der wenigen Grenzen, die selbst er irgendwann akzeptieren musste.
Doch Namen trugen Erinnerungen. Nicht Körper. Nicht Seelen. Erinnerungen. Maranos blieb noch lange vor dem alten Kamin sitzen. Als draußen langsam das erste fahle Licht durch die schmutzigen Fenster fiel, steckte er den Ring nicht zurück in die Schatulle. Er betrachtete ihn ein letztes Mal. Dann schob er ihn in eine kleine Innentasche seines Mantels. Dorthin, wo er ihn nicht verlieren würde. Er erhob sich langsam. Sein Blick wanderte noch einmal durch den Raum.

„Also gut.“

Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Er dachte an die Frau, die im Kloster auf ihn wartete. Vielleicht saß sie inzwischen wieder an seinem Tisch.
Vielleicht hatte sie längst eines seiner Bücher genommen, obwohl er ihr schon mehrfach gesagt hatte, sie solle seine Aufzeichnungen nicht ohne ihn durchsehen.
Wahrscheinlich würde sie ihn fragen, wo er gewesen war. Er würde ihr vermutlich keine vernünftige Antwort geben. Sie würde ihn ansehen.
Dieses leichte Lächeln. Diese hochgezogene Augenbraue. Und irgendwann würde sie wahrscheinlich wieder fragen, ob er endlich einen Namen für sie gefunden hatte.

Maranos ging zur Tür. Kurz davor blieb er noch einmal stehen. Seine Hand glitt unbewusst zu jener Stelle seines Mantels, an der der Ring lag. Er schloss die Augen.
Nur für einen Moment. Dann sagte er den Namen zum ersten Mal laut.

„Elly.“

Die Fremde

von Maranos van Ascheberg » 24 Sep 2026, 13:54

Das Labor lag still. Nur das dumpfe Glimmen einiger Runen durchbrach die Dunkelheit des Gewölbes. Der Riss, der sich zuvor mit solcher Gewalt geöffnet hatte, war längst wieder verschwunden.
Doch etwas war geblieben. Sie oder war es doch mehr ein wirklich ...ES. Maranos stand einige Schritte von der Fremden entfernt und betrachtete sie schweigend.
Seit Stunden hatte er versucht, eine Erklärung für ihre Existenz zu finden. Er hatte alte Schriften hervorgeholt. Aufzeichnungen aus Iomen. Fragmente über Beschwörungen,
Dämonologie und Wesen, deren Namen längst aus den Büchern der Menschen verschwunden waren. Nichts passte, Keine der bekannten Beschwörungsformeln erklärte, warum sie den Übergang überlebt hatte.
Keine Rune an ihrem Körper verriet ihre Herkunft. Keine Spur einer gewöhnlichen Bindung war vorhanden. Maranos schloss langsam eines der Bücher.

Sein Blick wanderte wieder zu ihr.
„Was bist du?“

Die Fremde sah ihn an. Keine Angst und keine Unterwürfigkeit. Aber auch keine offene Feindseligkeit. Nur dieses seltsame, beinahe neugierige Schweigen.
Maranos trat näher. Er hatte Dämonen gesehen und er hatte sie beschworen. Er hatte sie gebunden, vernichtet und gegeneinander gehetzt.
Doch bei ihr war etwas anders. Sie war kein Dämon, wie er sie kannte. Keine beschworene Dienerin. Kein Werkzeug.Nicht einmal die Art von Wesen, die gewöhnlich auf einen Ruf aus den anderen Ebenen antwortete.
Und dennoch war da etwas in ihr. Etwas Dunkles. Etwas Altes. Maranos konnte es spüren. Wie einen Schatten hinter einem Schatten.

„Du bist durch meinen Riss gekommen.“
Zum ersten Mal antwortete sie.
„Vielleicht.“

Maranos hob leicht eine Braue.
„Vielleicht?“

Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Vielleicht hast du den Riss geöffnet.“

Sie machte eine kurze Pause.
„Vielleicht habe ich ihn nur benutzt.“

Maranos schwieg. Eine Antwort, die ihn normalerweise verärgert hätte. Doch diesmal nicht. Im Gegenteil, sie weckte seine Neugier. Er umrundete sie langsam.
Seine magischen Sinne tasteten nach ihrer Aura. Doch jedes Mal, wenn er glaubte, etwas greifen zu können, entzog es sich ihm wieder.
Als würde etwas in ihr bewusst verhindern, dass er ihre wahre Natur erkannte.

Seine Augen ruhten auf ihr:
„Du erinnerst dich an nichts?“

Ein leichtes einatmen:
„An Dinge.“

kurz hob er seine Augenbraue:
„Welche Dinge?“

Sie sah ihn lange an.

„Nicht an die, die du wissen möchtest.“

Wieder dieses Lächeln. Maranos blieb vor ihr stehen. Andere Wesen hätten für eine solche Antwort längst Schmerz erfahren. Doch bei ihr verspürte er keinen Zorn.
Das störte ihn beinahe mehr als ihre Existenz selbst. Die folgenden Tage verbrachte er damit, sie zu beobachten. Er stellte Fragen. Viele davon beantwortete sie nicht.
Andere beantwortete sie auf eine Weise, die nur weitere Fragen hinterließ. Manchmal saß sie stundenlang schweigend im Labor und beobachtete Maranos bei seiner Arbeit.
Sie berührte nichts. Störte ihn nicht. Und dennoch bemerkte er ihre Anwesenheit ständig. Mehr als einmal ertappte er sich dabei, wie sein Blick von seinen Büchern zu ihr wanderte.
Nicht aus Misstrauen. Zumindest redete er sich das ein. Eines Abends legte Maranos die Feder zur Seite.
„Du brauchst einen Namen.“

Die Fremde sah zu ihm.

„Warum?“

„Weil ich dich nicht für den Rest deiner Existenz mit ‚du dort‘ ansprechen werde.“

Ein schwaches Lächeln.

„Und welchen Namen würdest du mir geben?“

Maranos antwortete nicht sofort. Zum ersten Mal seit langer Zeit war eine Frage gestellt worden, auf die kein Buch und kein Ritual eine Antwort geben konnte.
Er betrachtete sie. Die Fremde aus dem Riss. Das Wesen, das nicht in seine Aufzeichnungen passte. Ein Rätsel, das eigentlich nur ein weiterer Gegenstand seiner Forschung hätte sein sollen.
Doch längst war sie mehr als das geworden. Noch wusste Maranos nicht, was. Und vielleicht war genau das der Grund, warum er sie nicht fortschickte. Warum er sie nicht band.
Warum er sie nicht vernichtete. Er wandte sich wieder seinen Büchern zu.

„Ich werde darüber nachdenken.“

Hinter ihm hörte er ihre Stimme.

„Dann lass dir etwas Besseres einfallen als ‚Fremde‘.“

Maranos hielt kurz inne. Ein kaum sichtbares Lächeln zog über sein Gesicht. Dann blätterte er weiter.

Doch an diesem Abend las er keine einzige Zeile wirklich.

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 23 Sep 2026, 15:11

Die ersten verschwanden beinahe unbemerkt. Ein Trinker, der seine Nächte ohnehin in den Gassen verbrachte. Ein Reisender ohne Familie. Ein Dieb, dessen Fehlen niemand meldete.
Später wurden die Opfer sorgfältiger gewählt. Menschen mit ungewöhnlicher Widerstandskraft. Magiebegabte und solche, die schon einmal mit dunklen Kräften in Berührung gekommen waren.
Maranos ließ niemanden wahllos holen. Jeder hatte einen Zweck und jeder war Teil einer Frage und jede Frage verlangte eine Antwort.

Die Zellen unter dem Kloster füllten sich langsam. Man hörte nachts Schritte. Das Öffnen schwerer Türen. Das Klirren von Ketten. Dann wieder Stille. Die Diener erledigten ihre Arbeit, ohne nach Gründen zu fragen.
Einige hatten gelernt, dass es besser war, nicht in die Gesichter derer zu sehen, die in die Tiefe gebracht wurden. Andere betrachteten sie überhaupt nicht mehr als Menschen. Nur noch als Material.
Maranos hingegen betrachtete sie sehr genau. Nicht aus Grausamkeit oder aus Mitleid, sondern mit der ruhigen Aufmerksamkeit eines Gelehrten. Er studierte ihre Reaktionen.
Auf Angst, auf die Magie, auf Dunkelheit, auf Feuer und auf jene Kräfte, die durch den Spalt drangen. Die ersten Versuche scheiterten, undzwar Vollständig.
Etwas veränderte sich in den Körpern der Gefangenen. Doch niemals so, wie Maranos es vorgesehen hatte. Manche wurden still, zu still.
Andere begannen, sich zu verändern. Ihre Bewegungen passten irgendwann nicht mehr zu ihren Körpern. Ihre Schatten folgten ihnen nicht mehr richtig. Ihre Stimmen klangen fremd.
Einige ertrugen das Licht nicht mehr. Andere wandten sich von jeder Flamme ab, obwohl sie keinerlei Hitze mehr wahrnahmen.#

Dann kamen die schlimmeren Fehlversuche.

Dinge, die nur noch entfernt an das erinnerten, was sie einmal gewesen waren. Körper, in denen zwei Wirklichkeiten gleichzeitig zu leben schienen. Maranos betrachtete sie lange.
Machmal schrieb er noch etwas auf. Eine Beobachtung oder eine Vermutung. Eine Korrektur.
Dann hob er die Hand und die Flammen kamen. Nicht hastig oder wütend. Fast feierlich. Schwarzes Feuer legte sich um die misslungenen Geschöpfe und verschlang sie vollständig.
Nichts durfte übrig bleiben. Die Diener nannten diesen Vorgang irgendwann nur noch die Reinigung.
Maranos nannte ihn Korrektur.

Die Stimme hingegen lachte. „Du wirst ungeduldig.“
Maranos schloss ein Buch. „Ich lerne.“

„Du verbrennst.“

„Das eine schließt das andere nicht aus.“

Aus der Dunkelheit kam ein leises, zufriedenes Geräusch.„Jetzt klingst du wieder wie früher.“

Maranos sah zur schwarzen Wand. „Vielleicht solltest du dich endlich zeigen.“

Eine Pause in der nur das knistern des Feuers zu hören war.

„Vielleicht solltest du endlich lernen, eine Tür richtig zu öffnen.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit lächelte Maranos.

„Dann hilf mir.“ sein Ton wurde herrischer, und schallte wieder in der größe des Labors.
„Das tue ich längst.“ Danach änderte sich die Arbeit. Die Kreise wurden größer. Die Zeichen komplizierter.
Zwölf Kerzen wurden zu vierundzwanzig. Silber wurde durch schwarzes Eisen ersetzt. Asche wurde mit Blut vermischt.
Alte Symbole wurden gelöscht und durch neue ersetzt. Maranos begann, die Magie nicht mehr gegen die Grenze zu drücken.
Er begann, sie auseinanderzuziehen, Langsam, Vorsichtig. Wie zwei schwere Vorhänge. Der erste Versuch endete in Feuer.

Der zweite ließ alle Kerzen gleichzeitig zerbersten. Beim dritten Versuch verschwand ein ganzer Tisch. Nicht verbrannt und nicht zerstört.
Einfach fort. Beim vierten Versuch wurde es für einige Herzschläge vollkommen still. Nicht nur im Labor, sondern im gesamten Gewölbe.

Kein Schritt oder Atem, nicht einmal das tropfen des Wasser. Dann kam alles zurück, auf einmal.
Beim fünften Versuch öffnete sich der Spalt.

Nicht nur einen handbreit, nicht für einen Augenblick. Er blieb, Schwarz und tief wie die Nacht. Fast unwirklich verzerrte sich die Luft darum.
Das Feuer streubte sich auf und neigte sich ihm entgegen. Selbst die Schatten schienen auf ihn zu reagieren.

Maranos stand direkt davor sein Blick und leer Ohne Angst. Auf der anderen Seite war nichts zu erkennen. Nur Dunkelheit.

Dann erklang die Stimme, nicht mehr fern, nicht mehr hinter einer unsichtbaren Grenze. Sondern direkt vor ihm.
„Du hast lange gebraucht.“

Maranos lächelte schwach.
„Du hättest auch selbst klopfen können.“

Ein leises Lachen.
„Das wäre unhöflich gewesen.“

Dann kam eine Hand durch den Spalt.

Blass und Schlank, fast makellos. Die Finger legten sich um den Rand der Dunkelheit und eine zweite Hand folgte.
Und langsam trat die Gestalt hindurch, zuerst war da nur eine Silhouette. Dann ein Gesicht. Eine Frau.
Wunderschön.

Nicht auf eine sanfte oder zerbrechliche Weise. Ihre Schönheit hatte etwas Gefährliches.Etwas Unnahbares. Etwas, das sofort den Wunsch weckte, näherzukommen und gleichzeitig Abstand zu halten.
Ihr Haar fiel dunkel über ihre Schultern, ihre Augen wirkten beinahe schwarz, bis das Feuer sich darin spiegelte. Dann zeigte sich tief darin ein dunkles Rot. Nicht unähnlich dem von Maranos.
Als ihr zweiter Fuß den Boden berührte, flackerten sämtliche Flammen im Raum. Die Diener in den äußeren Gängen blieben stehen. Keiner wusste warum, doch jeder spürte es.
Eine Präsenz, diese Macht. Eine Aura, die sich durch das Gewölbe legte, alt und schwer, forsch beherrschend

Und Maranos ebenbürtig. Zum ersten Mal seit Jahren stand jemand neben ihm, dessen Gegenwart seine eigene nicht überdeckte.
Die von seiner Macht nicht verschluckt wurde, jetzt standen beiden Kräfte nebeneinander.

Wie zwei Feuer, unterschlich Verschieden, Aber gleich groß. Die Frau sah sich im Labor um. Dann zum Ritualkreis. Zu den Büchern.
Zu den verbrannten Spuren. Schließlich wieder zu Maranos.

„Du hast es dir gemütlich gemacht.“

Maranos hob eine Augenbraue.
„Du bist undankbar.“

„Du hast fünf Versuche gebraucht.“

„Sechs.“

Sie lächelte.

„Der erste zählt nicht.“

Maranos trat näher, Kein Misstrauen. Keine Unterwürfigkeit.
Nur dieses merkwürdig vertraute Verhältnis, das schon in ihren Gesprächen gelegen hatte.

„Du siehst anders aus.“

„Du auch.“

„Ich bin älter geworden.“

„Nein.“

Sie betrachtete ihn einen Moment.

„Nur härter.“

Maranos nahm zwei Becher. Wie schon so oft. Diesmal musste er den zweiten nicht auf einen leeren Platz stellen.Sie nahm ihn selbst.

„Darauf also“, sagte sie.

„Worauf?“

Sie sah zum Spalt.

Der sich hinter ihr langsam schloss.

„Dass du endlich gelernt hast.“

Maranos hob seinen Becher.
„Darauf, dass du endlich aufgehört hast, dich zu verstecken.“

Die Becher berührten sich leise. Von diesem Tag an blieb sie in seiner Nähe. Nicht wie eine Dienerin. Nicht wie eine Gefangene. Nicht wie eine Beschworene.
Sie ging, wohin sie wollte. Sie betrat Maranos' Labor ohne Erlaubnis. Sie unterbrach seine Arbeit. Widersprach ihm. Verspottete ihn. Und manchmal saßen beide einfach schweigend im Dunkel.
Die Diener wussten nicht, wer sie war. Sie kannten keinen Namen. Niemand wagte danach zu fragen.

Doch sie lernten sehr schnell etwas anderes. Wenn Maranos den Raum betrat, senkten sie den Blick. Wenn sie den Raum betrat, taten sie dasselbe. Und wenn beide gemeinsam durch die Gänge gingen, wurde es still.
Denn unter Düsterhafen lebte nun nicht mehr nur eine Macht. Es waren zwei, Und irgendwo tief in den verbliebenen Schatten des Ritualraumes bewegte sich etwas.
Als hätte der Spalt bei seiner Schließung nicht alles zurückgelassen. Oder vielleicht...

etwas mit hindurchgelassen.

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 22 Sep 2026, 20:58

Die Nächte unter dem Kloster wurden länger. Nicht wirklich. Doch für jene, die dort unten dienten, verloren Stunden irgendwann ihre Bedeutung. Es gab kein Tageslichtund keine Fenster. Nur Fackeln.
Glut und Schatten. Und die Arbeit. Maranos hatte begonnen, sein Labor nicht mehr nur vorzubereiten. Er nutzte es. Zunächst waren es kleine Versuche gewesen. Zeichen, die auf Pergament gezogen wurden.
Flammen, die ohne Brennstoff entstanden. Schatten, die sich gegen das Licht bewegten. Doch schon bald reichte ihm das nicht mehr. Er begann mit Dingen, die selbst erfahrene Magier niemals freiwillig angerührt hätten.
Nicht weil sie unmöglich waren.
Sondern weil sie wussten, dass manche Türen besser geschlossen blieben.

Maranos sah das anders. Für ihn war eine verschlossene Tür eine Einladung. Ein Rätsel, Eine Beleidigung und so begann er, die Grenzen zu verschieben.
Im Zentrum seines Labors brannten keine gewöhnlichen Feuer mehr, die Flammen dort waren schwarz.
Nicht dunkelrot oder violett. Schwarz, sie warfen kein Licht. Sie fraßen es.

Wer ihnen zu nahekam, spürte keine Hitze auf der Haut. Nur Kälte und Tiefe. Eine Kälte, die nicht aus der Luft kam.
Sondern aus etwas anderem. Etwas, das hinter der Welt lag.
Die Diener behaupteten später, selbst das Höllenfeuer würde vor diesen Flammen zurückweichen.

Nicht weil sie heißer waren, sondern weil sie älter wirkten. Hungriger. Fremder.
Maranos experimentierte mit Kreisen, die niemals vollständig geschlossen wurden.
Mit Runen, die in keiner bekannten Sprache geschrieben standen. Mit Asche, die sich bewegte, obwohl kein Wind ging. Mit Metall, das sich in den Händen krümmte, ohne zu glühen und mit Schatten.
Vor allem mit Schatten, er stellte Kerzen auf. Zwölf, immer zwölf. Dann löschte er elf davon. Die letzte ließ er brennen.

Und obwohl sie die einzige Lichtquelle im Raum war, wurde es dunkler. Viel dunkler. Die Schatten wurden länger. Tiefe Winkel entstanden dort, wo eigentlich keine sein konnten.
Einmal stand ein Diener an der Tür und sah, wie der Schatten Maranos’ sich von seinen Füßen löste. Nur für wenige Atemzüge. Dann stand er plötzlich an der gegenüberliegenden Wand.

Aufrecht und Reglos.
Maranos selbst hatte sich keinen Schritt bewegt.
Der Diener erzählte niemandem davon. Nicht freiwillig.
Denn alle wussten inzwischen:

Wer zu viel sah, stellte irgendwann keine Fragen mehr.

Maranos arbeitete oft allein. Zumindest glaubten das die meisten. Doch diejenigen, die nachts durch die tieferen Gänge mussten, bemerkten bald etwas.
Stimmen. Nicht viele. Nur Zwei. Eine davon gehörte Maranos.
Die andere...

...nicht.

Man konnte sie kaum hören. Tief. Ruhig. Manchmal fast spöttisch. Aber niemals laut. Und niemals so deutlich, dass jemand hätte sagen können, woher sie kam.

Sie kam nicht von hinter einer Tür. Nicht aus einem Nebenraum. Nicht aus einem Gang. Sie war einfach da. Mitten im Labor. Maranos sprach mit ihr.
Nicht wie mit einem Diener. Nicht wie mit einem Geist, und ganz sicher nicht wie mit etwas, das er fürchtete.Er sprach mit ihr wie mit einem Gleichgestellten.

Manchmal sogar beinahe freundschaftlich. „Du wirst nachlässig“, sagte die Stimme eines Abends. Maranos stand über einem offenen Buch und lächelte schwach.
„Und du bist immer noch zu ungeduldig.“ Ein leises Lachen erklang aus dem Dunkel. Nicht höhnisch, eher vertraut. „Das sagtest du schon damals.“

Maranos hob den Blick.

„Damals hattest du auch Unrecht.“

„Nicht vollständig.“

„Vollständig genug.“

Wieder Stille. Dann ein leises Schaben. Obwohl sich nichts im Raum bewegte. Maranos setzte sich. Goss Wein in zwei Becher. Einen stellte er vor sich.
Den anderen auf die gegenüberliegende Seite des Tisches. Der zweite Becher blieb unberührt. Zumindest für einige Zeit. Später war er leer.
Niemand sah je, wie.

Manchmal diskutierten sie. Über Magie, Über Macht, Über alte Fehler und über Dinge, die niemand sonst verstand.
Sie sprachen von Namen, die in keinem Buch standen. Von Orten, die auf keiner Karte existierten.
Von Wesen, deren Erwähnung selbst in den ältesten Schriften fehlte.

Und manchmal lachte Maranos. Nur Leise, fast entspannt.
Als würde er mit einem alten Freund zusammensitzen. Nicht mit etwas, das aus dem Nichts antwortete.

Einmal sagte die Stimme:

„Du hast dich verändert.“

Maranos betrachtete die schwarze Flamme vor sich.

„Jeder verändert sich.“

„Du nicht.“

Er lächelte.

„Dann hast du schlecht aufgepasst.“

Ein tiefes Geräusch erklang aus dem Schatten. Vielleicht ein Lachen. Vielleicht etwas anderes.

„Nein“, sagte die Stimme. „Ich habe sehr genau aufgepasst.“

Maranos hob den Becher. „Das war schon immer dein Problem.“ Und wieder dieses leise, fast vertraute Lachen.
Für die Diener war das Gespräch beunruhigender als jedes Ritual. Denn Maranos wirkte dabei niemals unsicher.
Niemals verwirrt. Niemals, als würde er mit sich selbst reden. Es war ein Gespräch, ein echtes Gespräch.

Frage. Antwort. Widerspruch. Spott. Erinnerungen.

Manchmal sogar Schweigen, das nur zwei Personen verstanden. Maranos begann, seine Experimente nach diesen Gesprächen zu verändern. Er zeichnete neue Symbole.
Er setzte Kreise anders. Er verband Feuer mit Schatten. Licht mit Leere. Er ließ Flammen brennen, die keine Wärme kannten. Er erzeugte schwarze Funken, die nach oben fielen.
Einmal öffnete sich in der Mitte des Raumes ein Spalt. Nur handbreit. Doch dahinter war nichts. Keine Wand oder Dunkelheit. Das reine Nichts. Ein vollkommenes Fehlen von allem.
Maranos betrachtete es lange. Dann sagte die Stimme: „Zu weit.“

Maranos antwortete:„Noch nicht.“

„Zu weit.“

Maranos schwieg. Zum ersten Mal wirkte er nachdenklich. Dann hob er die Hand.Der Spalt schloss sich.

„Zufrieden?“

„Für heute.“

Maranos schnaubte.

„Du wirst alt.“

„Und du wirst übermütig.“

„Auch das sagtest du früher.“

„Damals hattest du Narben weniger.“

Maranos grinste.

„Und du hattest bessere Argumente.“

Wieder dieses tiefe, vertraute Lachen. Danach wurde es still. Die schwarze Flamme erlosch. Nur eine kleine Kerze blieb zurück. Maranos saß noch lange dort. Allein.
Zumindest sah es so aus. Dann sagte er leise: „Morgen versuchen wir es erneut.“

Aus dem Dunkel kam die Antwort. Ruhig. Fast amüsiert.
„Natürlich.“

Und irgendwo tief unter Düsterhafen begann etwas zu klopfen. Nicht an einer Tür. Nicht an einer Wand. Sondern von der anderen Seite.

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Ithandor » 22 Sep 2026, 19:35

Die ersten Risse

Ithandor bemerkte die Veränderung zunächst nicht. Seit Tagen schlief er schlecht, doch in Düsterhafen war schlechter Schlaf nichts Ungewöhnliches. Wenn Ithandor am Morgen müde erwachte und das Gefühl hatte, kaum geschlafen zu haben, schob er es auf die Stadt, auf den Auftrag und auf all die Dinge, die ihn bis weit in die Nacht beschäftigten. Erst nach einigen Tagen kamen die Träume. Anfangs blieb kaum etwas von ihnen zurück. Wenn er die Augen öffnete, waren es nur einzelne Bilder, die bereits verblassten, bevor er sie richtig greifen konnte. Eine enge Gasse. Feuchtes Pflaster. Regen, der von einem Dach tropfte. Eine Mauer, wie es sie zu Hunderten in Düsterhafen gab. Und darauf ein schwarzer Stern. Nicht größer als jene Zeichen, die er tagsüber fand, mit dunkler Farbe auf den Stein gesetzt und an einigen Stellen bereits vom Wetter verlaufen. Nichts daran war außergewöhnlich, und doch blieb Ithandor im Traum immer davor stehen. Er wusste nie, warum. Er wusste nur, dass er ihn ansehen musste. Beim ersten Mal dachte er sich nichts dabei. Natürlich träumte er von den Zeichen. Seit seiner Ankunft beschäftigte er sich beinahe täglich mit ihnen. Er suchte nach ihnen, zeichnete ihre Fundorte in Karten ein und versuchte, eine Verbindung zwischen ihnen und den Vorfällen in der Stadt herzustellen. Dass sein Geist dieselben Bilder im Schlaf wiederholte, war kaum verwunderlich. Beim zweiten Traum war es ebenso. Wieder die Gasse, wieder die Mauer, wieder der Stern. Nur war diesmal etwas anders. Ithandor stand näher davor. So nahe, dass er die Spuren der schwarzen Farbe auf dem rauen Stein erkennen konnte. Einige Linien waren durch den Regen ausgewaschen, und doch wusste er genau, wie sie ursprünglich verlaufen waren. Im Traum hob er die Hand, um eine fehlende Spitze mit dem Finger nachzuzeichnen. Noch bevor er die Mauer berührte, wachte er auf. Lange lag er im Dunkeln und starrte zur Decke. Das Zimmer war still. Nur das entfernte Rauschen des Regens war zu hören. Ithandor schloss die Augen wieder, doch der Stern blieb für einige Herzschläge vor ihm, als hätte jemand die Linien auf die Innenseite seiner Lider gemalt. Als er erneut blinzelte, war er verschwunden. Am Morgen hielt er das Ganze bereits für bedeutungslos.

Seine Ermittlungen gingen weiter. Seit er das Kloster im Süden zunächst verworfen hatte, folgte Ithandor wieder den schwarzen Zeichen durch andere Teile der Stadt. Manche waren leicht zu finden, grob auf Türen oder Mauern gemalt. Andere waren so verwittert, dass er sie beinahe übersah. Eines entdeckte er auf einem alten Holzpfosten nahe des Hafens. Vom Regen war kaum mehr als die Hälfte erhalten. Ithandor ging bereits daran vorbei, als er plötzlich stehen blieb. Er wusste, was dort gewesen war, noch bevor er zurückblickte. Drei dunkle Linien waren geblieben. Der Rest fehlte. Trotzdem sah er den vollständigen Stern vor sich. Nicht wirklich auf dem Holz, sondern in seinem Kopf. Für einen Moment erschien ihm die fehlende Form so deutlich, dass er die Hand hob und die übrigen Linien mit dem Finger in der Luft ergänzte. Er bemerkte erst danach, was er getan hatte. Ithandor ließ die Hand sinken und sah sich um. Niemand schien ihn beobachtet zu haben. Ein paar Hafenarbeiter trugen Kisten auf einen Wagen, weiter hinten stritt ein Fischer mit einem Händler, und eine Frau zog ein Kind aus einer Pfütze. Niemand interessierte sich für einen jungen Elfen, der vor einem alten Pfosten stand. Ithandor betrachtete noch einmal die verblassten Linien. Sein Geist hatte lediglich eine bekannte Form ergänzt. Mehr nicht. Wer oft genug dasselbe Zeichen sah, erkannte es eben auch dann, wenn nur Teile davon übrig waren. Die Erklärung war so einfach, dass er keinen Grund sah, länger darüber nachzudenken.

Am Abend fand er sich dabei wieder, den Stern aus dem Gedächtnis auf ein Stück Pergament zu zeichnen. Nicht für seinen Bericht und auch nicht für seine Aufzeichnungen über die Fundorte. Er wollte lediglich prüfen, ob er sich an die genaue Form erinnerte. Nachdem die Linien fertig waren, betrachtete er sie lange. Irgendetwas stimmte nicht. Die linke Spitze war zu kurz. Ithandor nahm die Feder erneut auf und verlängerte sie ein wenig. Dann störte ihn der Winkel der unteren Linie. Er korrigierte auch diesen und betrachtete das Ergebnis erneut. Erst als es ihm richtig erschien, legte er die Feder beiseite. Am nächsten Morgen verbrannte er das Pergament. Der Elf glaubte noch immer, er untersuche die Zeichen. Er begriff nicht, dass die Zeichen längst begonnen hatten, ihn zu verändern.

Zunächst waren es nur Kleinigkeiten, die sich leicht mit Müdigkeit erklären ließen. Ithandor wurde ungeduldiger. Fragen, die er zum zweiten oder dritten Mal stellen musste, reizten ihn plötzlich stärker als zuvor, und wenn ein Händler behauptete, sich nicht mehr an ein Gespräch erinnern zu können oder ein Hafenarbeiter mitten in einer Aussage verstummte, fiel es ihm zunehmend schwer, ruhig zu bleiben. Früher hatte er versucht, solche Menschen mit Geduld zum Reden zu bringen. Nun wurde seine Stimme schneller schärfer, und manchmal genügte bereits ein ausweichender Blick, damit Ärger in ihm aufstieg. Als ihm eines Nachmittags ein alter Händler zum wiederholten Mal versicherte, nichts über Edren Falk zu wissen, verlor Ithandor beinahe die Geduld. „Ihr wisst etwas“, sagte er, und als der Mann die Hände hob und beteuerte, ihm bereits alles gesagt zu haben, wurde Ithandors Blick kalt. „Nein. Ihr habt mir dreimal etwas anderes erzählt.“ Der Händler wich einen Schritt zurück. Für einen kurzen Moment empfand Ithandor darüber eine seltsame Befriedigung. Nicht viel, nur einen kleinen Anflug davon, weil der Mann endlich begriffen hatte, dass Ithandor sich nicht länger mit Ausflüchten zufriedengeben würde. Erst einige Straßen später fragte er sich, warum ihn dieser Augenblick überhaupt beschäftigte. Er war müde, gereizt und kam seit Tagen kaum voran. Es war nur natürlich, dass seine Geduld irgendwann nachließ.

Doch die Gereiztheit blieb. Geräusche störten ihn schneller. Das Lachen aus den Tavernen, das Geschrei der Händler, die Betrunkenen in den engen Straßen und die ständigen Ausflüchte der Bewohner gingen ihm zunehmend auf die Nerven. Besonders schwer fiel es ihm, geduldig zu bleiben, wenn jemand versuchte, ihm etwas Offensichtliches zu erklären. Mehr als einmal musste er sich daran erinnern, dass diese Menschen nicht wussten, was er wusste, und nicht sehen konnten, was er bereits gesehen hatte. Mit der Zeit wurde aus dieser Erkenntnis etwas anderes. Er ertappte sich dabei, ihre Aussagen schneller abzuwerten, ihre Zweifel als Unwissenheit abzutun und ihre Angst als Schwäche zu betrachten. Für einen Lichtelfen war eine gewisse Distanz zu Menschen nichts Ungewöhnliches, doch bei Ithandor bekam sie langsam eine Schärfe, die vorher nicht da gewesen war. Er bemerkte es nicht als Veränderung. Für ihn wirkte es eher so, als würde er die Menschen um sich herum endlich klarer sehen.

Eines Abends stieß ihn in einer schmalen Straße ein betrunkener Mann an. Es war kaum der Rede wert. Der Fremde taumelte, murmelte etwas und wollte weitergehen, doch Ithandor packte ihn am Arm. „Passt auf, wohin Ihr geht.“ Der Mann sah überrascht zu ihm und versuchte sich loszumachen. „Schon gut.“ Ithandors Griff wurde fester. „Ich sagte, Ihr sollt aufpassen.“ Für einen Moment standen sie einander gegenüber. Dann sah Ithandor die Unsicherheit im Gesicht des Mannes und ließ ihn los. Der Betrunkene verschwand hastig zwischen den Häusern. Ithandor blieb zurück und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Nicht vor Schreck. Er hatte sich gut gefühlt. Die Erkenntnis missfiel ihm, aber er fand schnell eine Erklärung. Der Mann war betrunken gewesen, unhöflich und vielleicht gefährlich. Ithandor hatte lediglich verhindert, dass aus der Sache mehr wurde. Es war nichts geschehen. Niemand war verletzt worden. Trotzdem dachte er später noch an den Blick des Mannes.

Mit jedem Tag häuften sich solche kleinen Augenblicke. Ithandor bemerkte sie nie als Ganzes. Für jeden einzelnen fand sich eine vernünftige Erklärung. Zu wenig Schlaf, zu viele erfolglose Befragungen, der Druck seines ersten größeren Auftrags und die Gewissheit, dass irgendwo in dieser Stadt jemand seine Nachforschungen beobachtete. Jeder hätte unter solchen Umständen gereizter reagiert. Eines Abends fiel ihm jedoch beim Durchsehen seiner Aufzeichnungen etwas auf. Neben mehreren Aussagen hatte er Bemerkungen geschrieben, an die er sich nicht erinnern konnte. Feige. Nutzlos. Zu dumm, um zu verstehen, was er gesehen hat. Ithandor betrachtete die Worte lange. Seine Handschrift war eindeutig. Er nahm die Feder und strich das Wort dumm durch. Dann hielt er inne. Der Mann war tatsächlich dumm gewesen. Nach einigen Sekunden legte Ithandor die Feder beiseite und schob das Blatt unter die übrigen Aufzeichnungen.

In dieser Nacht schlief er spät ein. Als der Traum kam, befand er sich nicht in seinem Zimmer und auch nicht in einer der vertrauten Gassen. Er stand auf einem weiten Platz irgendwo in Düsterhafen. Die Häuser ringsum waren dunkel, die Fenster leer, und selbst der Nebel schien reglos zwischen den Mauern zu stehen. Kein Wind war zu hören, keine Möwe, kein entferntes Rufen vom Hafen. Ithandor drehte sich langsam um und bemerkte am Rand des Platzes einen Mann. Zunächst war er nur eine dunkle Gestalt, groß und in einen langen Mantel gehüllt. Ithandor konnte sein Gesicht nicht erkennen, wusste aber dennoch, dass der Fremde ihn ansah.

„Wer seid Ihr?“, fragte er.

Seine Stimme klang seltsam gedämpft, als würde der Nebel sie verschlucken.

Der Mann antwortete nicht. Stattdessen begann er auf Ithandor zuzugehen. Langsam, ohne jede Eile. Ithandor hörte keine Schritte, obwohl die Gestalt mit jedem Augenblick näher kam. Er wollte zurückweichen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Etwas hielt ihn an diesem Ort fest. Als der Fremde nur noch wenige Schritte entfernt war, konnte Ithandor endlich Teile seines Gesichtes erkennen. Die Züge blieben im Schatten, doch die Augen waren deutlich. Dunkelrot. Kein helles Leuchten, eher eine tiefe Glut, die unter der Oberfläche brannte.

Ithandor spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte.

„Wer seid Ihr?“

Der Mann blieb stehen. Für einen langen Moment sagte er nichts. Dann erschien ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht.

„Du suchst nach mir.“

Ithandor wollte antworten, doch kein Wort kam über seine Lippen.

Der Fremde trat noch einen Schritt näher. Seine roten Augen waren nun das Einzige, worauf Ithandor sich konzentrieren konnte.

„Und jedes Mal“, sagte der Mann ruhig, „kommst du ein wenig näher.“

Hinter ihm begann sich der Nebel zu bewegen. Für einen kurzen Augenblick glaubte Ithandor darin weitere Gestalten zu erkennen, reglose Schatten zwischen den Häusern. Dann wandte der Mann den Kopf leicht zur Seite, als würde er etwas hören, das Ithandor verborgen blieb.

„Bald“, sagte er.

Ithandor erwachte.

Er saß aufrecht im Bett, der Atem ging schnell und kalter Schweiß lag auf seiner Stirn. Das Zimmer war dunkel und still. Für einige Sekunden wusste er nicht, wo er war. Dann erkannte er den Tisch, den Stuhl, das kleine Fenster und die undeutlichen Umrisse seiner Kleidung. Er griff nach der Kerze und entzündete sie mit zitternden Fingern. Niemand war dort. Keine Gestalt. Keine roten Augen. Nur sein Zimmer in der Salzkrähe.

Ithandor atmete langsam aus. Es war nur ein Traum.

Doch als er sich wieder hinlegte, blieb die Stimme des Fremden bei ihm.

Du suchst nach mir.

Und zum ersten Mal fiel es ihm schwer, sich selbst davon zu überzeugen, dass es wirklich nur ein Traum gewesen war.

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 21 Sep 2026, 21:51

Unter dem Kloster hatte sich längst mehr gebildet als ein Keller.

Was einst aus wenigen grob behauenen Kammern bestanden hatte, war zu einem verschlungenen Geflecht aus Gängen, Treppen und Gewölben geworden. Manche Korridore verliefen so eng, dass zwei Männer kaum aneinander vorbeikamen, andere öffneten sich unvermittelt zu hohen Hallen, deren Decken im Dunkel verschwanden. Nur wenige kannten den vollständigen Verlauf. Und genau das war beabsichtigt.

Die Arbeiter hatten auf Maranos' Anweisung niemals ganze Pläne erhalten. Jeder Trupp kannte nur seinen eigenen Abschnitt. Einer brach Stein aus dem Fels, ein anderer mauerte Wände, wieder andere verstärkten Decken oder zogen neue Türen ein.
Diener eilten durch die Gänge. Manche trugen Holzkisten, andere Säcke, Eisenketten, Kerzen oder Bündel alter Pergamente. Sie sprachen wenig. Wenn überhaupt, dann nur leise.
Niemand wollte hier unten unnötig Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Je tiefer man kam, desto mehr veränderte sich das Gewölbe.

Die Mauern waren nicht länger nur einfache Steine.

Schwarze Linien zogen sich über den Boden. Kreise, Zeichen und Symbole waren in den Fels geschlagen worden. An einigen Stellen befanden sich eiserne Halterungen für Fackeln, an anderen hingen schwere Vorhänge vor Seitengängen, hinter denen niemand ohne Erlaubnis verschwinden durfte. Dann kamen die Käfige, Sie standen in einer langen, schmalen Halle. Eisen. Dunkel. Einige klein, andere groß genug, dass mehrere Personen darin Platz finden konnten.

Noch waren viele davon leer. Doch das änderte nichts an ihrer Wirkung.

Daneben befanden sich mehrere verschlossene Zellen. Dicke Türen, kaum mehr als ein kleines Gitter auf Augenhöhe. Keine Fenster. Keine Möglichkeit zu erkennen, wie tief man sich unter der Erde befand.
Die Diener nannten diesen Bereich nur die **Stille**. Nicht weil es dort wirklich still war. Sondern weil niemand Fragen stellte.

Weiter hinten begann der Teil, den Maranos ausschließlich für sich hatte anlegen lassen.


Sein Labor.
Eine schwere Tür aus dunklem Holz und Eisen trennte es vom restlichen Gewölbe. In die Oberfläche war ein schwarzer Stern eingelassen worden.
Wer dort hineintrat, betrat eine andere Welt. Der Raum war groß, doch durch Säulen und halbhohe Mauern in mehrere Bereiche geteilt. Dadurch wirkte er wie ein Labyrinth innerhalb des Labyrinths.
Überall standen Tische. Auf ihnen lagen Pergamente, Schalen, metallene Instrumente, Fläschchen und Gefäße. Einige enthielten Pulver, andere dunkle Flüssigkeiten. Bündel getrockneter Pflanzen hingen von den Deckenbalken.
An einer Wand standen Regale voller Bücher. Viele waren alt. Einige so alt, dass selbst die Schrift kaum noch zu erkennen war.

Andere waren neu.Maranos hatte sie selbst beschrieben. Notizen über Feuer. Über Angst. Über die Grenzen des Geistes.

Über die Schattenwelt.

Und darüber, wie dünn die Grenze zwischen den Welten manchmal werden konnte.
Im Zentrum des Labors befand sich ein großer steinerner Kreis. Er war in den Boden eingelassen.

Mehrere Ringe verliefen ineinander, dazwischen Zeichen und Runen. Kerzenhalter standen in regelmäßigen Abständen am Rand.
Noch war der Kreis unbenutzt. Doch die Vorbereitung war abgeschlossen.

Neben ihm standen Truhen.

Darin lagen Gewänder, Kreiden, Ketten, Schalen und andere Dinge, die nur zu bestimmten Stunden hervorgeholt wurden.
Rituale sollten hier stattfinden, nicht die einfachen Zeremonien, die Anhänger beeindruckten.

Sondern jene, die Maranos für sich selbst vorgesehen hatte.

Experimente und Versuche.
Fragen, auf die nur wenige Magier überhaupt Antworten suchten. In einem anderen Teil des Raumes standen mehrere eiserne Gestelle.

Dazwischen Käfige noch waren sie leer.
Maranos hatte sie anfertigen lassen, ohne jemandem zu erklären, wofür sie bestimmt waren.

Die Diener hatten gelernt, nicht zu fragen. Ganz hinten befand sich ein Bereich, den kaum jemand betreten durfte.
Dort war das Licht schwächer. Die Wände waren schwarz vom Rauch. Auf dem Boden verliefen verbrannte Spuren.

Hier übte Maranos seine Magie.

Feuer gehorchte ihm. Nicht wie einem Handwerker sein Werkzeug.
Sondern wie einem Tier seinem Herrn.
Flammen entstanden aus dem Nichts, krochen über Stein, teilten sich, verbanden sich wieder und erloschen erst, wenn Maranos es wollte.

Manchmal stand er dort stundenlang. Allein. Die Hände hinter dem Rücken und beobachtete das Feuer.

Dann ließ er es wachsen bis selbst die Steine glühten.
Die Diener wussten, wann er dort arbeitete. Man spürte es im gesamten Gewölbe. Die Luft wurde wärmer.

Manchmal vibrierte der Boden leicht und niemand wagte es, ihn dann zu stören.
Es gab Nächte, in denen Maranos das Labor erst kurz vor Sonnenaufgang verließ.

Seine Robe roch nach Rauch. Seine Hände waren schwarz vom Ruß, und in seinen blutroten Augen lag etwas, das selbst seine treuesten Diener dazu brachte, den Blick zu senken.
Der Ausbau ging währenddessen weiter. Hinter einer Wand wurde ein neuer Gang geschlagen. Unter einem Lagerraum entstand eine weitere Kammer.

Ein alter Abwasserkanal wurde verbreitert und führte nun tief unter die Stadt, Andere Tunnel gingen in Richtung Meer.
Niemand wusste, wie groß das Gewölbe am Ende werden sollte.

Vielleicht wusste es nicht einmal Maranos selbst.

Doch eines war sicher. Das Kloster über ihnen war längst nur noch eine Hülle.Ein freundliches Gesicht für eine Stadt, die nicht wusste, was unter ihren Füßen wuchs.
Unten hingegen entstand etwas anderes. Langsam. Stein für Stein. Gang für Gang. Zelle für Zelle.

Ein Ort für die Diener des schwarzen Sterns. Ein Ort für Rituale. Ein Ort für Gefangene.
Und vor allem ein Ort, an dem Maranos van Ascheberg niemandem Rechenschaft schuldete.
Hier unten gab es keine Gesetze von Düsterhafen. Keine Wachen. Keine Priester. Keine neugierigen Augen. Hier unten gab es nur seinen Willen.

Und tief im Labor, zwischen schwarzen Mauern, Eisen und flackernden Flammen, stand Maranos vor dem steinernen Ritualkreis.
Lange betrachtete er die Zeichen. Dann hob er langsam eine Hand. Eine einzelne Flamme entstand über seiner Handfläche.
Und mit ihr erschien ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht.

„Bald“, murmelte er. Die Flamme spiegelte sich in seinen roten Augen. „Sehr bald.“

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 08 Sep 2026, 20:27

Zu nah an der Wahrheit

Die falschen Spuren erfüllten ihren Zweck.
Mehrere schwarze Sterne führten Ithandor durch verschiedene Teile Düsterhafens. Manche waren kaum sichtbar, andere so verwittert, dass er sie beinahe übersehen hätte.

Doch irgendwann bemerkte er etwas. Die Spur war zu sauber. Zu passend.
Fast so, als wolle jemand, dass er ihr folgte.

Also begann Ithandor, nicht mehr den Zeichen zu folgen, sondern den Lücken zwischen ihnen.
Und damit kam er der Wahrheit gefährlich nahe.



Eines Abends führte ihn sein Weg zurück in den Süden Düsterhafens.

Zur Arena.
Zwischen Händlern, Kämpfern und Betrunkenen fiel ihm erneut das alte Kloster auf.
Er hatte es bereits mehrfach gesehen. Ein schlichtes Gebäude. Teilweise frisch ausgebesserte Mauern.
Neue Fenster. Handwerker, die noch immer ein- und ausgingen.
Nichts Besonderes.

Und doch blieb Ithandor stehen. Sein Blick wanderte über das Gebäude.
Zu viele Lieferungen. Zu viele Arbeiter.

Und für ein einfaches Kloster erstaunlich viele Wagen mit Stein, Holz und Werkzeug.

Er trat näher.

Auf einer niedrigen Mauer neben dem Kloster entdeckte er etwas.
Fast vollständig vom Regen abgewaschen.
Ein schwarzer Stern.

Ithandor blieb stehen. Lange.
Das Zeichen lag beinahe direkt vor ihm. Nahe genug, um kein Zufall zu sein. Sein Blick ging vom Stern zum Kloster.
Dann zur Arena.

Dann wieder zum Kloster.
Für einen Moment war er sich sicher. Hier. Hier musste etwas sein.



Doch je länger Ithandor den Ort betrachtete, desto weniger passte er in sein Bild.
Ein geheimer Orden?

Hier?
Nur wenige Schritte von einer der meistbesuchten Arenen Düsterhafens entfernt?
Mit Händlern vor der Tür?

Betrunkenen in den Gassen?
Wachen, die ständig durch das Viertel zogen?

Es war zu offen. Zu belebt. Zu offensichtlich.
Ein verborgenes Versteck musste fernab liegen.

In Ruinen. Unter verlassenen Lagerhäusern.

Vielleicht in alten Tunneln außerhalb der Stadt.

Aber sicher nicht hier. Ithandor betrachtete den schwarzen Stern erneut.

Dann schüttelte er langsam den Kopf.

„Zu einfach.“

Er ging weiter.



Nur wenige Schritte entfernt stand einer von Maranos’ Männern zwischen den Besuchern der Arena.

Er hatte Ithandor die ganze Zeit beobachtet.Später berichtete er Paranax davon. Dieser brachte die Nachricht noch am selben Abend tief unter das Kloster.
Maranos stand in einem der neuen Gewölbe und betrachtete die Bauarbeiten.Der Gang war inzwischen weit unter das Meer vorgedrungen.
Neue Kammern entstanden. Steinmetze verstärkten die Wände. Über ihnen war das dumpfe Rauschen des Wassers zu hören.

„Er war hier“, sagte Paranax.

Maranos wandte sich langsam um.

„Wie nah?“

„Vor dem Kloster.“

Eine kurze Pause.

„Er hat den Stern gefunden.“

Maranos schwieg.

„Und?“

„Er ist gegangen.“

Nun erschien ein schwaches Lächeln auf Maranos’ Gesicht.

„Warum?“

Paranax zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht hielt er es für zu offensichtlich.“

Maranos sah zur steinernen Decke. Über ihnen lag das Meer.
Darüber das Kloster.

Und nur wenige Straßen weiter tobte die Arena.

„Gut.“

Paranax blickte ihn fragend an.

„Gut?“

„Menschen glauben, Geheimnisse müssten verborgen aussehen.“ Maranos ging langsam weiter.

„Sie suchen Dunkelheit in verlassenen Ruinen und unter alten Friedhöfen.“

Dann blieb er stehen. „Aber niemand erwartet sie dort, wo jeder hinsehen kann.“

Die Arbeiten gingen weiter. Der Hauptgang wurde verbreitert.

Neue Räume entstanden. Eine Bibliothek. Lagerräume. Versammlungskammern.

Und tief im Inneren die große Halle mit dem schwarzen Stern.

Währenddessen begann Ithandor erneut, den Spuren nach Norden zu folgen.

Er war der Wahrheit näher gewesen, als er selbst ahnte.

Nur wenige Schritte hatten ihn vom Eingang getrennt.

Doch gerade weil alles so offensichtlich erschien, hatte er den Gedanken verworfen.

Und tief unter dem Meer erfuhr Maranos davon.

Er blickte auf die Karte Düsterhafens und legte einen Finger auf das Kloster.

„Er stand direkt davor.“

Paranax nickte.

Maranos lächelte kalt.

„Und hat es nicht gesehen.“

Dann wandte er sich wieder den Bauplänen zu.

„Manchmal ist das beste Versteck kein Ort, den niemand findet.“

Seine roten Augen glommen im Licht der schwarzen Kerzen.

„Sondern ein Ort, den jeder sieht und niemand für möglich hält.“

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