Der Name, der blieb

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Das Licht, das blieb

von Thorus Ne'rul » 19 Aug 2026, 10:36

Den größten Teil des Tages verbrachte Thorus damit, durch Britain zu streifen.
Die Stadt war ihm noch immer fremd, und doch fühlte sie sich mit jeder Stunde ein wenig vertrauter an. Menschen gingen ihren Geschäften nach, Händler priesen ihre Waren an, Handwerker standen vor ihren Werkstätten und irgendwo schimpfte ein Kutscher lautstark über ein störrisches Pferd.
Thorus beobachtete das Treiben und versuchte, sich einen Reim auf diese Welt zu machen.
Er sprach mit einigen Leuten.
Mit einem alten Händler, der ihm ausführlich erklärte, warum seine Äpfel die besten der gesamten Stadt seien. Mit einer jungen Frau, die ihm den Weg zum Marktplatz zeigte und dabei mehr über ihre Familie erzählte, als Thorus eigentlich hatte wissen wollen. Und schließlich mit einem grauhaarigen Mann, der ihm bei einem Becher Wasser von den Gefahren außerhalb der Stadtmauern berichtete.
Es waren ganz gewöhnliche Gespräche.
Und gerade das gefiel Thorus.
Niemand erwartete etwas von ihm.
Niemand wusste etwas über seine Vergangenheit.
Er musste sich nicht erklären.
Zum ersten Mal seit seinem Erwachen hatte er das Gefühl, einfach nur ein gewöhnlicher Mann zu sein, der seinen Weg suchte.
Während er durch die Straßen ging, bemerkte er etwas an sich selbst.
Seit dem Erscheinen des Lichts hatte sich etwas verändert.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.
Seine Gedanken waren ruhiger geworden. Wo vorher nur Leere und Unsicherheit gewesen waren, war nun eine seltsame Zuversicht. Selbst die Tatsache, dass er sich an nichts erinnern konnte, machte ihm nicht mehr dieselbe Angst.
Immer wieder kehrte dieses Gefühl zurück.
Eine angenehme Wärme tief in seiner Brust.
Als würde dort etwas ruhen.
Etwas, das ihn daran erinnerte, dass er nicht allein war.
Am Abend beschloss Thorus, sich ein Zimmer in einer Schenke zu nehmen.
Das Gasthaus lag unweit des Marktplatzes und war deutlich belebter, als Thorus zunächst erwartet hatte. Stimmen drangen durch die schwere Holztür, begleitet vom Lachen einiger Gäste und dem Klirren von Krügen.
Der Wirt musterte ihn kurz, nannte einen Preis und schob ihm schließlich einen kleinen Schlüssel über den Tresen.
„Zimmer sechs. Oben links.“
Thorus bedankte sich und stieg die schmale Holztreppe hinauf.
Das Zimmer war einfach, aber gemütlich.
An der rechten Wand stand ein schmales Bett mit einer dicken, etwas abgenutzten Decke. Daneben befand sich ein kleiner Nachttisch, auf dem eine Kerze in einem alten Messinghalter stand. Gegenüber stand ein hölzerner Tisch mit zwei Stühlen. Das Fenster war klein und zeigte auf eine der belebteren Straßen Britains.
An der Wand hing ein verblasstes Landschaftsbild.
Ein grüner Hügel, ein weiter Himmel und darüber eine Sonne, die beinahe vollständig hinter den Wolken verschwand.
Thorus musste unwillkürlich lächeln.
„Passend“, murmelte er.
Er stellte seine wenigen Sachen ab und setzte sich auf das Bett.
Durch das Fenster drangen gedämpfte Geräusche aus der Stadt. Stimmen. Schritte. Gelächter. Das Klappern von Wagenrädern.
Ein ganz gewöhnlicher Abend.
Thorus zog seine Stiefel aus und lehnte sich zurück.
Doch dann geschah es.
Ein sanfter Schein erschien mitten im Zimmer.
Thorus richtete sich sofort auf.
Das Licht.
Es war wieder da.
Diesmal war es anders.
Es gab keine Stimme.
Keine Worte.
Keine Erscheinung.
Es stand einfach da.
Still und ruhig.
Ein heller, warmer Schein, der den Raum erfüllte, ohne dabei Schatten zu werfen. Die Wände, das Bett, der Tisch – alles schien für einen Moment von einer sanften Helligkeit umgeben.
Thorus sagte nichts.
Er spürte keine Angst.
Ganz im Gegenteil.
Seit jenem ersten Augenblick hatte er dieses Gefühl jedes Mal begleitet.
Frieden.
Geborgenheit.
Hoffnung.
Also blieb er einfach sitzen.
Minuten vergingen.
Das Licht blieb.
Thorus betrachtete es aufmerksam, als würde er darauf warten, dass etwas geschah.
Doch nichts geschah.
Keine Stimme.
Kein Bild.
Kein Zeichen.
Nur Licht.
Und vielleicht war genau das die Botschaft.
Nicht jede Antwort musste ausgesprochen werden.
Thorus lehnte sich langsam zurück.
Seine Augen wurden schwer.
Er wusste nicht, wie lange er so dort gesessen hatte, als der Schein schließlich schwächer wurde.
Langsam zog er sich zusammen.
Dann verschwand er.
Zurück blieb nur das matte Licht der Kerze.
Thorus atmete tief ein.
Und in diesem Moment veränderte sich etwas.
Die Wärme, die bisher immer tief in seiner Brust gelegen hatte, breitete sich aus.
Zuerst in seine Schultern.
Dann in seine Arme.
Weiter hinab durch seinen Körper.
Bis schließlich jede Faser seines Seins von dieser angenehmen Wärme erfüllt war.
Thorus schloss die Augen.
Er fühlte sich leicht.
Stark.
Klar.
Für einen Moment war da keine Angst vor seiner Vergangenheit. Keine Unsicherheit über seine Zukunft.
Nur dieses Gefühl.
Als würde irgendwo jemand über ihn wachen.
Thorus legte eine Hand auf seine Brust.
„Was willst du mir zeigen?“, flüsterte er.
Keine Antwort.
Doch tief in seinem Inneren glaubte er plötzlich, die Antwort bereits zu kennen.
Nicht heute.
Vielleicht auch nicht morgen.
Aber irgendwann würde er verstehen.
Er musste nur weitergehen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Thorus das Gefühl, dass sein Weg nicht ins Dunkel führte.
Sondern ins Licht.

Der Name, der blieb

von Thorus Ne'rul » 17 Aug 2026, 17:21

Langsam öffnete Thorus Ne’rul die Augen.
Blasses Morgenlicht drang durch die Ritzen der hölzernen Baracke und legte sich auf den staubigen Boden. Für einen Moment blieb er einfach liegen und starrte an die fremde Decke.
Wo war er?
Und vor allem …
Wer war er?
Thorus setzte sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sein Blick wanderte durch den kargen Raum. Ein Bett, ein kleiner Tisch, eine Waschschüssel. Nichts, was ihm vertraut erschien.
Er stand auf und begann, sich zu waschen. Während er das kalte Wasser über sein Gesicht laufen ließ, versuchte er sich zu erinnern.
Nichts.
Nur ein Name.
„Thorus Ne’rul.“
Er sprach ihn leise aus.
Das war alles, was ihm geblieben war.
Neben seinem Bett lag ein altes Stück Pergament. Vorsichtig nahm er es auf. Die Schrift war teilweise verblasst, doch ein Name sprang ihm sofort ins Auge.
Der Orden Malions.
Thorus las die wenigen Zeilen darunter. Offenbar hatte er diesem Orden einst angehört.
Oder zumindest schien es so.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihm aus. Er wusste nicht, was er getan hatte. Nicht, wem er gedient hatte. Nicht, woran er geglaubt hatte.
Aber eines wusste er.
Er wollte nicht länger jemand sein, dessen Weg von einer Vergangenheit bestimmt wurde, an die er sich nicht einmal erinnern konnte.
Thorus zerknüllte das Pergament.
Dann riss er es langsam entzwei.
„Sollte ich in meiner Vergangenheit etwas Falsches getan haben“, murmelte er, während die Fetzen zu Boden glitten, „hiermit entsage ich all dem.“
Er sah auf die Überreste hinab.
„Was auch immer ich war … ich werde selbst entscheiden, wer ich sein werde.“
Gerade wollte er zur Tür gehen, als plötzlich etwas den Raum veränderte.
Ein Licht erschien in einer Ecke der Baracke.
Thorus blieb stehen.
Es war kein gewöhnliches Licht.
Es flackerte nicht wie eine Flamme und fiel auch nicht wie Sonnenlicht durch ein Fenster. Es war vollkommen still und dennoch von einer Wärme erfüllt, die den ganzen Raum zu durchdringen schien.
Thorus wich keinen Schritt zurück.
Im Gegenteil.
Er fühlte sich seltsam dazu hingezogen.
Dann hörte er die Stimme.
Nicht mit seinen Ohren.
Sie erklang direkt in seinem Innersten.
„Dies ist der richtige Weg.“
Thorus Atem stockte.
Die Stimme war ruhig. Geduldig. Fast väterlich.
„Es hat gedauert, bis sich mein Werkzeug für den richtigen Weg entschieden hat.“
Thorus blickte in das Licht.
„Wer bist du?“
Keine Antwort.
Nur Wärme.
Eine Wärme, die langsam durch seinen Körper floss und etwas in ihm berührte, von dessen Existenz er bisher nichts gewusst hatte.
Dann verschwand das Licht.
Die Baracke war wieder dunkel.
Thorus stand noch immer an derselben Stelle.
„Mein Werkzeug …“
Er setzte sich langsam zurück auf die Bettkante.
Doch die Wärme war geblieben.
Sie lag noch immer in seiner Brust.
Nicht wie ein Feuer, das brannte.
Eher wie eine kleine Flamme, die jemand entzündet hatte.
Eine Flamme, die nicht wärmte, um zu verbrennen, sondern um den Weg zu zeigen.
Thorus legte eine Hand auf seine Brust.
Für einen kurzen Moment schloss er die Augen.
Und wieder sah er etwas.
Keine Gestalt.
Kein Gesicht.
Nur Licht.
Unendlich hell, weit und ruhig.
Darin lag ein Gefühl, das er nicht benennen konnte.
Frieden.
Hoffnung.
Und etwas, das sich beinahe wie Gnade anfühlte.
Dann war die Vision verschwunden.
Thorus öffnete die Augen.
Zum ersten Mal seit seinem Erwachen fühlte sich die Leere in seinem Kopf nicht mehr ganz so bedrückend an.
Vielleicht musste er seine Vergangenheit nicht finden.
Vielleicht musste er einen neuen Weg finden.
Er stand auf und öffnete die Tür.
Das erste Sonnenlicht des Tages traf sein Gesicht.
Thorus kniff die Augen zusammen.
Doch anstatt sich abzuwenden, blieb er stehen und ließ die Wärme auf sich wirken.
Irgendwo tief in seinem Herzen regte sich eine leise Ahnung.
Vielleicht war dieses Licht nicht zufällig zu ihm gekommen.
Vielleicht hatte es ihn schon lange gesucht.
Und vielleicht …
war dies der erste Schritt auf einem Weg, dessen Ende er noch nicht sehen konnte.
Aber zum ersten Mal wusste Thorus, in welche Richtung er gehen wollte.
Dem Licht entgegen.

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