Der namenlose Wächter

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Coragor
Beiträge: 12
Registriert: 30 Okt 2025, 14:20

Die Schwarze Weihe

Beitrag von Coragor »

Als Coragor aus der Tiefe zurückkehrte, war an seiner Gestalt kaum etwas verändert. Dieselben Knochen trugen dieselben Narben. Dieselbe Rüstung lag schwer auf seinen Schultern. Und doch blieb sein Mentor mitten im Gang stehen, als Coragor an ihm vorübergehen wollte. Sein Blick ruhte auf der Klinge an Coragors Seite. Ein matter, dunkler Schimmer lag noch immer auf dem Stahl.
'Er hat geantwortet', sagte der Ritter. Es war keine Frage. Coragor wandte den Schädel zu ihm. 'Ja.' Mehr musste er nicht sagen.
Noch in derselben Nacht wurde die Nachricht an die Ältesten des Ordens getragen. Doch niemand rief Coragor sofort zur Weihe. Drei Tage vergingen. Drei Tage, in denen er trainierte wie zuvor. Kein Bruder behandelte ihn anders. Niemand nannte ihn Paladin. Gerade darin lag die letzte Lektion: Eine Antwort des Lichelords war kein Schmuckstück, mit dem man sich vor anderen erhob.
Am vierten Abend öffneten sich die Türen zur Halle der Schwarzen Weihe. Coragor kannte diesen Ort bereits aus Erzählungen. Schwarzer Basalt bildete Boden und Wände. In den Stein waren Namen eingeritzt - Ritter, Kleriker und Paladine, deren Dienst lange vor Coragors Erwachen geendet hatte. Zwischen den Säulen brannten niedrige Flammen. Kein Licht fiel von außen herein.
Der Großmeister stand vor dem Altar. Zu beiden Seiten hatten sich die Mitglieder des Ordens versammelt. Coragor trat in die Mitte der Halle. Sein altes Schwert trug er offen in beiden Händen.
'Coragor', begann der Großmeister. 'Du hast gelernt zu kämpfen. Du hast gelernt, Befehle zu prüfen und einen Eid zu tragen. Du hast den Unterschied zwischen Zorn und Pflicht erkannt. All das kann einen Ritter formen.' Er ließ die Worte verhallen. 'Doch wir können keinen Paladin erschaffen.'
Coragor antwortete nicht.
'Ein Orden kann lehren. Ein Orden kann prüfen. Ein Orden kann Rang und Rüstung verleihen. Aber wenn die Macht eines Paladins nur aus seinem Orden käme, wäre sein Glaube nichts als ein Wappen auf Stahl.' Der Großmeister trat eine Stufe vom Altar herab. 'Darum frage ich dich nicht, ob du unsere Prüfungen bestanden hast.'
Sein Blick ruhte auf Coragor. 'Vor wem hast du gekniet?'
'Vor meinem Erschaffer.'
'Wer nahm deinen Eid?'
'Der Lichelord.'
'Wen erkennst du über ihm?'
'Westen, Norden und Süden. Die Drei Großen, deren Gesandter er ist.'
Ein leises Echo wanderte durch die Halle. Der Großmeister stellte die nächste Frage.
'Wem gehört deine Klinge?'
Coragor sah auf das Schwert in seinen Händen. 'Seinem Auftrag.'
Dann kam die letzte Frage. 'Und wem gehört dein Wille?'
Einige der anwesenden Ritter hoben den Blick. Coragor wusste, dass eine einfache Antwort erwartet werden konnte. Dem Lichelord. Dem Orden. Den Drei Großen. Doch keine davon wäre wahr gewesen.
'Mir.'
Stille.
Coragor hob den Schädel. 'Denn nur deshalb besitzt mein Eid einen Wert. Der Nekromant nahm meinen Willen und erhielt Gehorsam. Der Lichelord ließ mir meinen Willen - und erhielt meinen Glauben.'
Der Großmeister betrachtete ihn lange. Dann nickte er. 'So soll es sein.'
Coragor legte sein altes Schwert auf den Altar. Es war die Waffe eines Kriegers gewesen, später die eines Schülers. Sie hatte ihn durch seine ersten bewussten Entscheidungen begleitet. Nun ließ er sie los.
Zwei Ordensbrüder traten vor und brachten Teile einer geschwärzten Rüstung. Nicht jeder Panzer war neu. Manche Platten trugen Kerben und Spuren früherer Besitzer. Der Orden versprach keine Unsterblichkeit. Er erinnerte seine Träger daran, dass jeder Dienst irgendwann endete.
Eine Platte nach der anderen wurde angelegt. Brust, Schultern, Arme, Beine. Auf dem Metall befanden sich Zeichen des Ordens und Symbole, die Coragor an seinen Glauben erinnerten. Doch kein Zeichen beanspruchte, die Quelle seiner Macht zu sein.
Zuletzt brachte der Großmeister eine dunkle Klinge. Er hielt sie jedoch zurück. 'Bevor du diese Waffe trägst, sollst du wissen, was sie bedeutet. Sie macht dich nicht zum Paladin. Deine Rüstung macht dich nicht zum Paladin. Auch ich mache dich nicht zum Paladin.'
Coragor blickte ihn an.
'Wir erkennen lediglich an, was zwischen dir und deinem Erschaffer geschehen ist.'
Der Großmeister reichte ihm die Klinge.
In dem Augenblick, in dem Coragors Finger den Griff umschlossen, sprach er kein Zauberwort. Er versuchte nicht, die Kraft herbeizuzwingen. Stattdessen senkte er den Kopf. 'Lichelord. Mein Eid besteht.'
Für einen kurzen Augenblick zog sich ein dunkler Schimmer über den Stahl. Mehr nicht. Doch jeder in der Halle sah ihn.
Der Großmeister trat zurück. 'Dann erhebe dich, Coragor.'
Coragor stand auf.
'Nicht als Diener eines Nekromanten. Nicht als namenloser Krieger. Nicht mehr nur als Ritter unseres Ordens.'
Die Flammen an den Wänden flackerten.
'Erhebe dich als Dunkler Paladin.'
Coragor richtete sich vollständig auf. Kein Jubel folgte. Die Ritter schlugen lediglich ihre gepanzerten Fäuste gegen die Brust. Ein dumpfer Schlag erfüllte die Halle, dann ein zweiter, bis der gesamte Raum davon widerhallte.
Coragor blickte auf seine neue Klinge. Früher hatte er geglaubt, dieser Augenblick würde das Ende seines Weges darstellen. Nun verstand er, wie wenig er begriffen hatte.
Die Weihe war kein Ende.
Sie war die Verpflichtung, von nun an jeden Schritt an dem Eid messen zu lassen, den der Lichelord angenommen hatte.
Coragor
Beiträge: 12
Registriert: 30 Okt 2025, 14:20

Der Schwarze Marsch

Beitrag von Coragor »

Die erste Mission nach seiner Weihe führte Coragor nicht zu einem großen Krieg und nicht vor die Tore einer mächtigen Stadt. Der Orden schickte ihn in ein abgelegenes Grenzgebiet, in dem mehrere Gruppen herrenloser Untoter gesichtet worden waren. Sie griffen Reisende an, plünderten Gräber und zogen ohne erkennbare Ordnung durch die Ruinen alter Dörfer.
Früher hätte Coragor darin kaum einen Unterschied zu seinem eigenen Dasein erkannt. Nun störte ihn gerade ihre Ziellosigkeit. Tod allein war noch kein Dienst. Ein Skelett, das ohne Auftrag und ohne Ordnung mordete, war nicht automatisch ein Werkzeug des Lichelords. Es konnte ebenso gut nur eine weitere Form des Chaos sein.
Drei Ordenskrieger begleiteten ihn. Keiner von ihnen nannte Coragor Anführer, doch die Blicke wanderten immer wieder zu ihm. Seine neue Rüstung und die dunkle Klinge machten sichtbar, was sich verändert hatte. Coragor empfand dabei keine Freude. Der Titel war schwerer als der Stahl.
Am dritten Tag erreichten sie ein zerstörtes Dorf. Türen waren aus den Angeln gerissen, Gräber geöffnet und Knochen über den Platz verstreut. Zwischen den Häusern fanden sie Spuren mehrerer Untoter, die nach Norden führten.
Coragor kniete neben einem zerbrochenen Schädel. Keine Erinnerung stieg in ihm auf. Dennoch dachte er an seine eigene Erweckung. An jene Zeit, in der sein Körper gehandelt hatte, ohne dass ein eigener Gedanke dahinterstand.
'Was siehst du?', fragte einer der Ritter.
'Verschwendung', antwortete Coragor.
Sie folgten den Spuren bis zu einer alten Kapelle. Dort hatten sich die herrenlosen Untoten gesammelt. Einige trugen Reste von Rüstungen, andere nur verrottete Stofffetzen. Zwischen ihnen stand ein größerer Krieger, dessen Knochen von fremder Nekromantie geschwärzt waren.
Der Kampf begann ohne Worte. Die ersten Skelette stürmten aus den Ruinen. Coragor hob den Schild und fing den Schlag einer Axt ab. Seine neue Klinge fuhr durch Rippen und Wirbelsäule. Ein Gegner zerfiel. Dann der nächste.
Doch die Überzahl wuchs. Aus der Krypta unter der Kapelle drängten weitere Untote hervor. Einer der Ordenskrieger wurde zu Boden gerissen. Coragor wollte zu ihm, doch der geschwärzte Krieger stellte sich ihm entgegen.
Die schwere Waffe des Gegners traf Coragors Schild. Metall kreischte. Coragor schlug zurück, doch sein Gegner wich kaum. Ein zweiter Hieb zwang ihn zurück.
Für einen Moment griff Coragor instinktiv nach jener dunklen Kraft, die er während seines Eides gespürt hatte. Er suchte sie wie ein Krieger nach einem vertrauten Muskel sucht.
Nichts geschah.
Der Gegner schlug erneut. Coragor fing den Hieb ab, doch der Aufprall ließ ihn auf ein Knie sinken.
Zorn regte sich in ihm. Warum antwortete die Macht nicht? Hatte der Lichelord seinen Eid nicht angenommen? War die Weihe bedeutungslos gewesen?
Dann erinnerte er sich an die Worte seines Gebets: Wenn mein Glaube unwürdig ist, verweigert mir Eure Kraft.
Coragor begriff seinen Fehler. Er hatte nicht gebetet. Er hatte versucht zu befehlen. Der geschwärzte Krieger hob seine Waffe.
Coragor senkte für einen Augenblick den Kopf.
'Erschaffer.'
Die Waffe raste herab. Coragor rollte zur Seite. Stein splitterte dort, wo eben noch sein Schädel gewesen war.
Er erhob sich.
'Mein Arm ist der Eure.'
Noch immer geschah nichts.
Der Feind kam erneut.
Coragor hob sein Schwert mit beiden Händen. Dieses Mal verlangte er nicht nach Macht. Er erinnerte sich an seinen Eid, an die Drei Großen und an die Entscheidung, die ihn vor dem Kristall auf die Knie gebracht hatte.
'Wenn mein Glaube Euren Auftrag trägt - dann wirkt durch mich.'
Kälte durchfuhr seine Knochen.
Die dunkle Energie kam nicht aus seinem Inneren. Sie strömte durch ihn hindurch. Schwarze Schlieren liefen über seine Arme und sammelten sich auf der Klinge. Das Leuchten war schwach, doch die Gegenwart dahinter war unverkennbar.
Coragor schlug.
Seine Klinge traf die Waffe des Gegners. Der geschwärzte Stahl zerbrach. Der zweite Hieb durchtrennte den Brustkorb des Untoten. Für einen Augenblick stand der Krieger noch aufrecht, dann brach sein Körper auseinander.
Die Kraft verschwand sofort.
Coragor taumelte einen Schritt zurück. Nicht aus körperlicher Erschöpfung. Etwas anderes hatte ihn getroffen: Erkenntnis. Diese Macht gehörte ihm nicht. Er konnte sie nicht wie einen gewöhnlichen Zauber aus einem Vorrat schöpfen. Sie war Antwort, nicht Besitz.
Der gefallene Ordenskrieger kämpfte sich wieder auf die Beine. Gemeinsam vernichteten sie die verbliebenen Untoten. Als schließlich Stille über der Kapelle lag, steckte Coragor sein Schwert nicht sofort ein.
Er ging in die Krypta hinab. Dort fand er die Quelle der Erweckungen: Reste eines nekromantischen Rituals, alt und instabil. Runen glommen zwischen aufgebrochenen Gräbern.
Einer seiner Begleiter hob die Waffe. 'Zerstören wir es.'
Coragor betrachtete die Runen. Früher hätte er zugeschlagen, weil es zweckmäßig erschien. Jetzt stellte er sich eine andere Frage: Diente diese Macht dem Auftrag seines Erschaffers - oder erzeugte sie nur willenlose Körper ohne Zweck?
Er hob die Klinge. 'Es dient niemandem. Es vermehrt nur das Chaos.'
Mit einem einzigen Schlag zerbrach er den zentralen Runenstein. Das Leuchten erlosch.
Später, als die Gruppe das Dorf verließ, fragte der Ritter, der zu Boden gegangen war:
'Was hast du dort oben getan?'
Coragor sah ihn an.
'Ich habe gebetet.'
'Und der Lichelord hat dir diese Kraft gegeben?'
Coragor schwieg einen Moment. Dann schüttelte er langsam den Kopf.
'Nein.'
Der Ritter wirkte irritiert.
Coragor blickte auf seine Klinge. 'Er hat sie mir geliehen.'
Sie marschierten weiter. Hinter ihnen lagen die zerstörte Kapelle und die verstummten Gräber. Vor ihnen erstreckte sich die Dunkelheit des Grenzlandes.
Zum ersten Mal trug Coragor den Titel Dunkler Paladin nicht nur auf seiner Rüstung.
Er hatte verstanden, was er bedeutete.
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