Der Abend hatte sich längst über Britain gelegt, als im Rathaus endlich Ruhe eingekehrt war. Die letzten Gratulanten waren gegangen, die Bediensteten hatten die schweren Türen geschlossen, und auch auf dem Platz vor dem Gebäude waren nur noch vereinzelt Schritte zu hören. Stundenlang hatte Shezar Hände geschüttelt, Glückwünsche entgegengenommen und wohlgesetzten Worten über Verantwortung, Vertrauen und das Wohl der Stadt gelauscht. Die feierliche Vereidigung war vorüber. Die Stimmen waren verstummt. Was von diesem Tag geblieben war, waren die schwere Amtsrobe auf seinen Schultern.
Shezar hatte sich noch nicht zurückgezogen. Allein saß er in seiner Amtsstube, während das Rathaus um ihn herum zunehmend in Dunkelheit versank. Das Büro war großzügig und dem Amt entsprechend eingerichtet. Dunkles, schweres Holz bestimmte den Raum. Hohe Wandvertäfelungen reichten beinahe bis zur Decke, unterbrochen von gerahmten Karten Britains, alten Urkunden und wenigen sorgsam ausgewählten Gemälden. Zwei mächtige Bücherregale flankierten den schweren Schreibtisch und waren gefüllt mit Gesetzessammlungen, Verwaltungsbüchern, Chroniken und gebundenen Registern. Einige der unteren Fächer waren durch kleine Türen verschlossen, deren Messingbeschläge im schwachen Licht der Kerzen matt glänzten.
An einer Seitenwand stand ein langer Kartentisch. Darauf lag eine detaillierte Darstellung Britains, auf der Straßen, Stadttore, Hafen, Bank, Rathaus und die wichtigsten Gebäude sauber eingezeichnet waren. Kleine Markierungen zeigten Wachposten, Lagerstätten und Verkehrswege. Vor den hohen Fenstern hingen schwere Vorhänge aus dunklem Stoff. Nur einer war nicht vollständig geschlossen, sodass durch einen schmalen Spalt die vereinzelten Lichter der nächtlichen Stadt zu erkennen waren.
Im Kamin glomm nur noch wenig Holz. Das Feuer war beinahe heruntergebrannt und warf ein unstetes, rötliches Licht durch den Raum. Schatten zogen über die Vertäfelungen, verschwanden zwischen den Regalen und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Auf einem niedrigen Tisch neben dem Kamin standen eine geöffnete Flasche schweren Rotweins und ein Kristallglas. Das regelmäßige Ticken einer Standuhr war inzwischen das lauteste Geräusch im Raum.
Inmitten dieser Stille saß Shezar hinter dem mächtigen Schreibtisch.
Er trug noch immer die Amtsrobe, in der er wenige Stunden zuvor vereidigt worden war. Der schwere, kostbare Stoff lag über seinen Schultern, dunkel gehalten und mit den Zeichen seines neuen Amtes versehen. Feine Stickereien fingen gelegentlich das Licht des Kamins ein. Am Tage hatte die Robe noch wie etwas Zeremonielles gewirkt, bestimmt für die Vereidigung, für die Blicke der Bürger und die Würde des Amtes. Nun, allein in der Dunkelheit seiner Amtsstube, wirkte sie anders. Schwerer. Strenger. Beinahe so, als hätte sie nur darauf gewartet, dass die Türen geschlossen wurden.
Shezar lehnte sich langsam zurück. Das Leder des Stuhls gab unter seinem Gewicht ein leises Knarren von sich.
Vor ihm lagen die Hinterlassenschaften seines ersten Tages: Glückwünsche, erste Gesuche, Berichte und Schriftstücke, die am kommenden Morgen seine Aufmerksamkeit verlangen würden. Namen, Zahlen, Beschwerden, Anträge und offene Angelegenheiten.
Seine rechte Hand ruhte auf der Armlehne.
Das Licht des Kamins traf den Ring an seinem Finger.
Schwarzer Stein, eingefasst in dunkles Metall.
Der Siegelring des Blackrocksyndikats.
Shezar hob die Hand langsam an und betrachtete ihn. Das schwache Feuer spiegelte sich auf der polierten Oberfläche, wanderte über das eingearbeitete Zeichen und verschwand wieder, sobald er die Hand nur wenige Fingerbreit bewegte. Langsam drehte er den Ring an seinem Finger.
Der Raum schien mit jeder Minute dunkler zu werden. Das Feuer verlor weiter an Kraft, und die Schatten zwischen den Regalen wurden tiefer. Das rötliche Licht fiel nur noch stellenweise auf seine Amtsrobe und ließ die Konturen seines Gesichts immer wieder zwischen Licht und Dunkelheit verschwinden.
Britain gehörte jetzt ihm.
Shezar griff nach seinem Glas und ließ den Wein langsam darin kreisen. Das tiefe Rot erschien im schwachen Licht beinahe schwarz.
Seine Entscheidung, nach dem Amt zu greifen, war niemals aus einem plötzlichen Verlangen nach Ansehen oder gesellschaftlichem Rang entstanden. Titel beeindruckten ihn wenig. Er hatte genug Männer erlebt, die sich mit Ämtern, Abstammungen und Wappen schmückten und dennoch kaum etwas zu entscheiden vermochten. Ein Titel allein war wertlos, wenn mit ihm keine tatsächliche Möglichkeit verbunden war, Dinge zu verändern.
Das Bürgermeisteramt hingegen bot genau diese Möglichkeit.
Blackrock hatte sich seinen Einfluss über lange Zeit auf andere Weise erarbeiten müssen. Durch Handel und Verträge. Durch Gold und Gefälligkeiten. Durch Informationen, Beziehungen und Menschen an den richtigen Stellen. Das Syndikat hatte gelernt, Entscheidungen zu beeinflussen, ohne selbst an den Tischen zu sitzen, an denen sie getroffen wurden. Es hatte gelernt zuzuhören, während andere redeten, und zu handeln, während andere noch darüber stritten, was getan werden sollte.
Das hatte funktioniert.
Doch es hatte Grenzen.
Shezar hatte diese Grenzen früh erkannt. Es war aufwendig, andere Menschen von einer Entscheidung überzeugen zu müssen. Es kostete Zeit, Gold oder Gefälligkeiten. Und am Ende blieb stets ein Rest Unsicherheit. Menschen konnten ihre Meinung ändern. Verbündete konnten schwach werden. Absprachen konnten gebrochen werden. Wer außerhalb der eigentlichen Machtstrukturen stand, war letztlich darauf angewiesen, dass andere die gewünschten Entscheidungen trafen.
Wesentlich effizienter war es, selbst dort zu sitzen, wo die Entscheidungen zusammenliefen.
Genau deshalb hatte er dieses Amt gewollt.
Nun musste Blackrock nicht länger ausschließlich von außen versuchen, Einfluss auf die Geschicke Britains zu nehmen. Einer der wichtigsten Schreibtische der Stadt wurde von dem Mann geführt, der zugleich den schwarzen Siegelring an seiner Hand trug.
Sein Blick fiel erneut auf den Ring.
Ein kaum sichtbares Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab.
Shezar nahm einen letzten Schluck Wein und stellte das Glas langsam auf den Tisch zurück. Das Kristall erzeugte ein leises, beinahe unnatürlich klares Geräusch in der ansonsten vollkommen stillen Amtsstube.
Was bisher vorbereitet worden war, konnte nun fortgeführt werden – aus einer Position heraus, die Blackrock zuvor niemals besessen hatte. Shezar war dort angekommen, wo er sein musste. Jetzt galt es, diese Stellung zu nutzen, sie zu festigen und Schritt für Schritt weiter auszubauen.
Er zog die ersten Pergamente näher zu sich.
Draußen lag Britain still unter der Dunkelheit.
Die eigentliche Arbeit begann erst jetzt.
