Der Glaube, der blieb

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Crovax Donnerhall
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Der Glaube, der blieb

Beitrag von Crovax Donnerhall »

Der Schnee war in der Nacht gekommen.
Als der Morgen graute, lag er bereits schwer auf den Dächern der kleinen Siedlung, umhüllte die kahlen Äste der Bäume und legte sich wie ein Leichentuch über die Gräber hinter der Kapelle.
Dort stand Crovax. Seit Sonnenaufgang verharrte er dort, den Kopf tief gesenkt, die schwieligen Hände auf den schweren Griff seiner Kriegsaxt gestützt. Vor ihm zeichnete sich die frische Erde ab. Kein besonders tiefes Grab – der Boden war steinhart gefroren gewesen. Er selbst hatte die eisige Erde mit aufgebrochen.
Wie lange er schon hier oben stand? Er wusste es nicht mehr. An den Spitzen seines Bartes glitzerte weißer Frost, doch die Kälte berührte ihn nicht. Sie war ihm sogar recht; Kälte war wenigstens ehrlich. Über den fernen Berggipfeln wich das Schwarz des Himmels langsam einem fahlen Grau. Ein neuer Tag brach an. Wieder einer.
Seine Gedanken wanderten zu dem Toten, doch er schnitt sie schnell ab. In den vergangenen Jahren hatte er schmerzhaft gelernt, den Blick nicht zu lange auf den Verstorbenen ruhen zu lassen. Manche Lasten ertragen sich leichter, wenn man sie genau dort zurücklässt, wo man sie vergraben hat.
Sein Blick wanderte hinüber zur kleinen Kapelle, deren Tür im Wind leise knarrte und noch immer offen stand. Früher hätte er jetzt gebetet. Er wäre auf die Knie gesunken, hätte die Hände gefaltet und vielleicht sogar geweint...früher.

Der Zwerg schnaubte verächtlich und wandte sich ab.
Er war einmal ein guter Kleriker gewesen. Selbst hätte er das so natürlich nie formuliert – er hätte gesagt, dass er bloß seine Pflicht erfüllte, den Glauben ernst nahm und ein Mann des Herrn schließlich nicht dafür da sei, beliebt zu sein.
Crovax war ein Schlachtenprediger gewesen:
Wenn seine Truppe vor dem Ansturm zögerte, hatte er gesprochen. Wenn nackte Angst die Reihen zu zerreißen drohte, hatte seine Stimme sie zusammengehalten. Und wenn ein junger Krieger zweifelte, ob es richtig sei, den Feind gnadenlos niederzustrecken, hatte er die Antwort parat gehabt. Immer.
Vielleicht war genau das sein Ruin gewesen: Er hatte einfach zu viele Antworten gehabt.
Am Rand der Siedlung hielt er noch einmal inne. Hinter ihm die tote Kapelle, vor ihm die endlose Straße. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, trat er in den Matsch und ging einfach los.

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Der Abend kam, und mit ihm der schneidende Wind. Unter einem kahlen Felsvorsprung fand er schließlich Schutz, entzündete ein kleines Feuer und setzte sich davor. Seine gesamte Ausrüstung passte in einen einzigen Beutel: ein wettergegerbter Mantel, spärlicher Proviant, sein treuer Hammer und ein paar wertlose Habseligkeiten. Er streifte die schweren Stiefel ab und streckte die tauben Füße den Flammen entgegen. Eine bleierne Müdigkeit drückte ihn zu Boden – aber es war nicht die Erschöpfung eines langen Fußmarsches. Es war diese andere, tiefe Müdigkeit, die sich in den Knochen festfrisst und die selbst der tiefste Schlaf nicht mehr vertreiben kann.
Seine Axt lag griffbereit neben ich, immer. Seine Finger tasteten wie von selbst nach dem Holz, strichen über eine tiefe Kerbe im Schaft. Die Waffe war ihm vertraut, fast schon unheimlich vertraut. Lange starrte er in die tanzenden Flammen und fragte sich, wie oft er dieses Holz wohl umklammert hatte, als er noch an irgendetwas glaubte.

„Was ist nur aus uns geworden?“

Das Flüstern verhallte ungehört. Er wusste selbst nicht, ob er sich selbst oder seine Axt meinte.
Das Holz im Feuer knackte laut. Crovax lehnte sich seufzend zurück und schloss die Augen…und dann kam die Wärme.
Zuerst dachte er, das Feuer sei plötzlich aufgeflammt. doch als er die Lider hob züngelten die Flammen unverändert schwach vor ihm. Die Hitze kam nicht von außen. Sie pulsierte tief in seiner eigenen Brust.
Erschrocken richtete der massige Zwerg sich auf, presste die flache Hand gegen die Rüstung. Kein Schmerz, kein Fieberbrennen, sondern eine sanfte, fast schüchterne Wärme, die dennoch unerschütterlich real war. Sie breitete sich langsam aus, floss durch seine Schultern bis in die Fingerspitzen.
Plötzlich schien die Welt für ihn zu erstarren. Das Feuer regte sich nicht mehr, der Wind schwieg, und selbst sein eigener Atem schien in der Luft einzufrieren.
Dann war da diese Stimme.
Sie drang nicht an seine Ohren. Sie erklang direkt in seinem Innersten – ruhig, unendlich geduldig, frei von Zorn oder Forderung.

„Meine Stimme.“

Der Schlachtenprediger hielt den Atem an.
So schnell sie gekommen war, verflog die Wärme wieder. Das Feuer knackte, der Wind heulte auf und in der Ferne schrie ein Nachtvogel. Eine gefühlte halbe Ewigkeit saß Crovax einfach nur da und starrte fassungslos in die Glut. Schließlich blickte er auf seine zitternden Hände hinab. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt.
Er packte seine Axt und zog sie eng an sich. Nicht, weil Gefahr drohte, sondern weil er in diesem Moment der absoluten Hilflosigkeit nicht wusste, was er tun sollte…so hatte er es schon immer getan
„Meine Stimme“, sprach er es laut aus. Das Wort klang holzig. Fast schon lächerlich.
Er schüttelte wütend den Kopf. Was sollte das bedeuten? Und warum jagte ihm ausgerechnet dieser eine Satz eine solche Heidenangst ein? Es war nicht die Stimme selbst oder das plötzliche Licht. Es war die schreckliche Erkenntnis, dass ein Teil von ihm die Worte verstanden hatte – obwohl sein Verstand keine Ahnung hatte, wie.

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In den Tagen darauf geschah: Nichts.
Der Zwerg zog weiter, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, und verlor kein Wort darüber. Warum auch? Was hätte er den Leuten erzählen sollen? Dass er Geister hörte? Dass eine Stimme in seinem Kopf ihn „seine Stimme“ genannt hatte? Man hätte ihn für verrückt erklärt und weggesperrt. Vielleicht war er es ja auch. Er war sich selbst nicht mehr sicher.
Doch die Wärme kehrte zurück.
Drei Tage später das erste Mal, dann nach einer Woche wieder. Immer nur für den Bruchteil eines Herzschlags, immer unerwartet. Einmal flammte sie auf, als er einen verletzten Reisenden am Wegrand versorgte. Ein anderes Mal, als er einen zittrigen Greis über einen vereisten Pass lotste. Und einmal überkam sie ihn mitten in der Nacht, als er schweißgebadet aus dem Albtraum einer längst vergangenen Schlacht hochschreckte.
Die Stimme schwieg fortan. Nur diese zwei Worte hallten nach.

„Meine Stimme.“

Je mehr er darüber nachdachte, desto widerwärtiger wurde ihm der Gedanke. Denn eine Stimme war dazu da, zu sprechen. Und er hatte aufgehört zu predigen. Vor Jahren schon.
Vielleicht lag genau darin die bittere Wahrheit: Er hatte im Leben einfach zu viel geredet und zu wenig zugehört. Er wusste es nicht. Sicher war er sich nur in einer Sache: Einen Teufel würde er tun und wieder für jemanden den Prediger spielen. Schon gar nicht für einen Gott, dessen Namen er längst aus seinem Herzen getilgt hatte.

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Viele Wochen später erreichte er schließlich die Küste. Die grauen Berge lagen nun weit hinter ihm, und vor ihm erstreckte sich das Meer – ein endloses, bleiernes Grau. Der Wind schmeckte nach Salz und peitschte ihm die ersten schweren Regentropfen ins Gesicht.
Lange stand er am Ufer, die Brandung zu seinen Füßen, und starrte auf den Horizont. Er wusste selbst nicht genau, was ihn hierhergetrieben hatte. Er hätte längst umkehren können. Niemand befahl ihm weiterzugehen, kein Gott hatte ihm einen Auftrag erteilt. Und doch hatte er jeden verdammten Morgen stur die Straße nach Westen gewählt.
Jetzt begriff er, warum.
Die Wärme flutete seinen Körper, heftiger als je zuvor. Crovax schloss die Augen.
Diesmal hörte er keine Worte. Stattdessen brannte sich das Bild eines Ortes in seinen Geist: Ein ferner, fremder Hafen. Grüne, sanfte Hügel. Mächtige Mauern und stolze Türme – eine gewaltige Stadt, die sich bis zum Horizont erstreckte.
Dann verblasste das Bild in einem hellen, gleißenden Licht.
Als er die Lider wieder hob, war da nur das schäumende, kalte Meer. Doch die Ungewissheit war verflogen. Er wusste jetzt, wohin die Reise ging.
Britain.
Er verstand das Warum nicht. Er wusste nicht, was ihn in dieser Stadt erwartete oder was diese Stimme, die Wärme und das Licht von einem gebrochenen Zwerg wollten. Aber zum ersten Mal seit einer Ewigkeit spürte er, dass seine Schritte wieder einen Sinn ergaben.
Die Axt hing schwer an seiner Schulter. Crovax nahm sie ab, wog das vertraute Eisen in der Hand und steckte sie mit einem entschlossenen Ruck zurück in die Halterung. Dann blickte er hinaus aufs offene Meer.

„Meine Stimme.“

Diesmal flüsterte er die Worte nicht. Und sie klangen auch nicht mehr fremd.
Hinter ihm lag die Asche seiner Vergangenheit. Vor ihm das unruhige Wasser und irgendwo dort drüben lag Britain. Er hatte seinen Glauben lange abgelegt und vielleicht würde er ihn auch nie wiederfinden. Aber irgendetwas hatte ihn gerufen.
Ob er die Kraft besaß, diesem Ruf zu folgen, wusste er nicht. Er wusste nur, dass er ihn gehört hatte. Und manchmal, so dachte er sich der alte Sturkopf, musste das verdammt noch mal genügen.
Crovax Donnerhall
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Das Misstrauen, das blieb

Beitrag von Crovax Donnerhall »

Britain.

Crovax hatte sich den Ort anders vorgestellt. Nicht unbedingt schöner, nicht kleiner und auch nicht größer, einfach anders.
Als das Schiff endlich im Hafen angelegt hatte, blieb der Zwerg einen Moment auf dem Steg stehen und ließ seinen Blick über die Stadt wandern: Mauern, Türme und Häuser, so weit das Auge reichte. Dazwischen bewegten sich Menschen in alle Richtungen, als hätten sie allesamt irgendwohin zu müssen und dabei vergessen, dass es außer ihnen noch andere Leute gab.
Crovax zog die Kapuze ein Stück tiefer ins Gesicht. „Na großartig.“, brummte er in seinen Bart.
Das war also Britain. Der Ort, an dem er sein sollte?
Er hatte grüne Hügel gesehen, mächtige Mauern und stolze Türme, eine gewaltige Stadt, die sich beinahe bis zum Horizont erstreckte. Die Wirklichkeit war deutlich lauter…und sie roch mehr nach Fisch.
Crovax verzog das Gesicht, schulterte seinen Beutel und machte sich auf den Weg. Schon nach wenigen Schritten stellte er fest, dass Britain offenbar beschlossen hatte, ihm die Ankunft so unangenehm wie möglich zu machen. Menschen kamen ihm von allen Seiten entgegen, gingen langsam, schnell oder kreuz und quer, und schienen dabei nicht den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, dass andere Leute ebenfalls irgendwohin wollten.

Crovax wich einem Mann aus, dann einem zweiten. Beim dritten blieb ihm nur noch, die Schulter einzusetzen. Der Zusammenstoß war kräftig und sein Gegenüber taumelte zwei Schritte zur Seite.

„He!“

Crovax blieb stehen und sah ihn an. Der Mann blickte empört zurück, während der Zwerg zunächst an sich hinunter und dann wieder zu seinem Gegenüber sah. Breite Schultern, schwere Rüstung, Axt. Viel mehr musste man eigentlich nicht wissen.

„Du bist gegen mich gelaufen.“'

„Ihr seid einfach durch mich durchgelaufen!“, entgegnete der Mann aufgeregt.

Crovax brummte nur. „Dann warst du im Weg!“

Der Mann öffnete bereits den Mund, überlegte es sich dann aber offenbar anders und ging kopfschüttelnd weiter. Crovax setzte seinen Weg fort und murmelte etwas von „Menschen“, das vermutlich niemand hören sollte.
Er hatte noch nicht einmal eine Stunde in der Stadt verbracht und vermisste bereits die Einsamkeit der Straße.
Trotzdem musste er zugeben, dass Britain beeindruckend war. Die Stadt lebte auf eine Weise, die er beinahe vergessen hatte. Händler priesen ihre Waren an, Handwerker hämmerten irgendwo auf Metall, Wagen rumpelten über das Pflaster und Kinder schossen zwischen den Erwachsenen hindurch, während ihre Eltern ihnen hinterherriefen. Überall waren Stimmen, Bewegung und Leben.
Crovax blieb für einen Moment stehen und ließ das Treiben auf sich wirken.
Es war lange her, dass er eine Stadt dieser Größe gesehen hatte. Noch länger, dass er an einem Ort gewesen war, an dem sich so viele Menschen einfach damit beschäftigten, zu leben. Jeder schien seinen eigenen kleinen Weg zu gehen, seine eigenen Sorgen zu haben und seinen eigenen Grund, hier zu sein.
Es war ihm schleierhaft, warum ihn dieser Gedanke berührte, also schob er ihn beiseite.
Er war schließlich nicht nach Britain gekommen, um über das Leben anderer Leute nachzudenken. Er war hier, weil irgendeine Stimme in seinem Kopf ihn nach Westen geschickt hatte. Eine Stimme, die sich bisher nicht die Mühe gemacht hatte, ihm zu erklären, warum.
„Sehr hilfreich“, brummelte er in gewohnter Zwergenmanier vor sich hin.
Ein Händler am Straßenrand sah ihn fragend an. Crovax ignorierte ihn und ging weiter.
Am Markt wurde das Gedränge noch schlimmer. Crovax schlängelte sich zwischen den Ständen hindurch, wobei er mehr als einmal jemanden mit der Schulter streifte. Einmal drehte sich eine Frau empört nach ihm um, doch als sie den Zwerg in seiner Montur ansah, behielt sie ihren Ärger lieber für sich. Crovax bemerkte es und grinste kurz.
Schließlich blieb er vor einem Stand stehen, an dem frisches Brot verkauft wurde. Der Duft stieg ihm in die Nase, und als sein Magen kurz darauf lautstark knurrte, grinste der Händler.

„Hungrig?“

Crovax sah ihn trocken an und brummte nur.

Der Händler blinzelte, musste dann aber lachen. „Was darf es sein?“

Crovax deutete auf einen Laib Brot. „Was kostet der?“
„Drei Kupfer.“, sprach der Händler freundlich.
Der Zwerg legte zwei Münzen auf den Tisch und schmatze kurz. „Zwei.“
„Drei.“, entgegnete der Händler etwas verdutzt und blinzelte dabei.
„Zwei.“, wurde Ihm von dem Zwerg erneut entgegnet.
„Ähh, nein nein, Drei.“ sagte der Händler abermals etwas verlegen und sichtlich irritiert.
Crovax starrte den Mann mit zusammengekniffenen Augen an. Der Händler starrte zurück. Einen Augenblick lang schien keiner von beiden gewillt, nachzugeben. Schließlich legte Crovax eine dritte Münze dazu, begleitet von einem genervten Grummeln.
Er nahm den Laib Brot an sich.

„Wenn das Brot schlecht ist, komme ich wieder“, sagte er.
Der Händler grinste. „Das klingt wie eine Drohung.“
Crovax war bereits am Gehen und hatte den ersten Bissen von seinem Laib Brot gemacht: „Mhmhm war auch eine!“, sprach der Zwerg rüpelhaft mit vollem Mund rücklinks über seine Schulter.
Er kaute langsam…und es war gut. Leider.
Mit dem Brot in der Hand setzte Crovax seinen Weg fort. Britain war seltsam. Laut, hektisch und viel zu voll, aber gleichzeitig auf eine merkwürdige Art lebendig. Vielleicht, dachte er, konnte man es hier eine Weile aushalten.
Zumindest so lange, bis diese verdammte Stimme sich wieder dazu entschied, ihm mitzuteilen, was sie eigentlich von ihm wollte.
Den Rest des Tages verbrachte er damit, sich in der Stadt zurechtzufinden. Er lernte schnell, wo der Markt lag, welche Straßen wohin führten und welche Gegenden er vermutlich besser mied, wenn die Sonne untergegangen war..außer man wollte Ärger.

Nach dem Weg fragte er niemanden. Nicht, weil er besonders stolz darauf gewesen wäre, sich allein zurechtzufinden – obwohl das sicherlich auch eine Rolle spielte –, sondern weil er grundsätzlich der Meinung war, dass man eine Stadt am besten kennenlernte, wenn man sie selbst erkundete.
Und wenn er dafür dreimal im Kreis laufen musste, dann war das eben so, was er natürlich nicht tat. Zumindest nicht absichtlich.
Am späten Nachmittag fand er schließlich wieder zum Hafen zurück. Crovax hielt kurz inne und blickte hinaus auf das Wasser. Hinter ihm lag Britain, vor ihm das Meer, und irgendwo dazwischen lag die Reise, die ihn hierhergeführt hatte.
Nichts war geschehen. Keine Stimme, Keine Wärme, kein sonstiges Zeichen, nichts. Einfach nichts.
Nur das Rauschen der Wellen und das Geschrei der Möwen konnte er vernehmen.
Vielleicht war es das gewesen.
Vielleicht hatte er sich die ganze Sache tatsächlich eingebildet. Vielleicht war er einfach nur einem Wunsch gefolgt, der sich als göttliche Eingebung verkleidet hatte. Der Gedanke hätte ihn früher erschreckt. Jetzt machte er ihn nur müde.
„Dann eben nicht.“, dachte er.

Er wandte sich vom Wasser ab. Wenn ein Gott ihn tatsächlich hierhergeschickt hatte, würde er sich schon bemerkbar machen. Und wenn nicht, dann würde Crovax eben selbst entscheiden, was als Nächstes kam.
Am Abend führte ihn sein Weg schließlich in eine Schänke. Schon von draußen drangen Stimmen und Gelächter durch die Tür. Crovax blieb kurz stehen und sog die Luft ein.
Sie war erfüllt von ihm vertrauten Aromen: Bier, Fleisch, Holzrauch. Das war zumindest eine Sprache, die er verstand.
Er trat ein. Die warme, stickige Luft schlug ihm sofort entgegen und ließ seine Schultern ein wenig entspannen. Crovax zog die Kapuze zurück und sah sich um. Die Schänke war gut besucht: Menschen saßen an Tischen, tranken, lachten und redeten durcheinander. Einige bemerkten den Zwerg beim Eintreten, verloren aber schnell wieder das Interesse.
Ihm selbst war das nur recht.
Er schob sich durch die Menge und war gerade dabei, einen freien Tisch zu suchen, als plötzlich ein Mann direkt vor ihm stehen blieb. Crovax machte einen Schritt zur Seite, der Mann ebenfalls. Der Zwerg wich in die andere Richtung aus, woraufhin sein Gegenüber genau dasselbe tat.
Beide blieben stehen.
Crovax seufzte.
„Geh!“, fuhr der Zwerg seinen Gegenüber an.
Der Mann sah ihn irritiert an. „Ihr geht doch in die falsche Richtung.“
„Das weiß ich selbst!“
„Warum macht Ihr es dann?
Crovax musterte ihn einen Augenblick. „Weil du im Weg stehst!“
Ein sinnloser Dialog wie er sich im Nachhinein selbst eingestehen würde…durfte natürlich keiner wissen.
Der Zwerg aber wartete keine Antwort ab und schob sich einfach an seinem Widersacher vorbei. So eine kleine Kneipenschlägerei am Abend hätte die Stimmung bestimmt etwas gelockert, dachte er sich. Dabei musste er kurz selbst über seine Gedanken schmunzeln, verwarf diese aber dann schnell wieder.

Schließlich fand er einen freien Tisch etwas abseits und ließ sich auf die Bank fallen. Seine Axt stellte er griffbereit neben sich, dann bestellte er ein Bier. Der erste Schluck war besser als erwartet, der zweite ebenfalls. Beim dritten hörte Crovax auf, darüber nachzudenken, und ließ den Blick stattdessen durch den Raum wandern.
Dann blieb er an einem Mann hängen.
Jünger als Crovax, menschlich, soweit er erkennen konnte. Nichts Besonderes an seinem Aussehen und doch hatte der Zwerg sofort das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
Er kannte diesen Mann nicht. Ganz sicher nicht. Trotzdem war da diese seltsame Vertrautheit. Es war nicht sein Gesicht, nicht seine Kleidung. Es war eher ein Gefühl, das irgendwo tief in Crovax' Innerem saß und sich nicht erklären ließ. So schwach, dass er es beinahe ignoriert hätte.
Dann sah der Mann zu ihm herüber, Ihre Blicke trafen sich.
Crovax hielt den Blick. Der Fremde ebenfalls.
Und plötzlich kam die Wärme wieder.
Der Zwerg erstarrte. Seine Hand schloss sich fester um den Krug, während sich die vertraute Wärme von seiner Brust aus durch seinen Körper ausbreitete. Sie war stärker als jemals zuvor, aber nicht unangenehm.
Er kannte dieses Gefühl. Er hatte es auf der Straße gespürt, bei dem verletzten Reisenden und bei dem alten Mann am Pass. Er hatte es sogar nach manchen seiner Albträume erlebt.
Aber diesmal war etwas anders, diesmal war es nicht nur Wärme.
Zwischen ihm und dem Fremden erschien ein Licht, für ihn nur für die Dauer eines Herzschlags sichtbar. Hell und still, beinahe unwirklich.
Als der Zwerg blinzelte, war das Licht verschwunden.
Die Schänke war wieder da. Das Stimmengewirr, das Lachen, das Klirren von Krügen und der schwere Geruch nach Bier und Essen. Alles war wie zuvor, nur Crovax nicht.
Er saß reglos da und starrte den Fremden an, der ihn noch immer betrachtete.
Langsam wanderte seine Hand zur Axt. Nicht, um sie zu ziehen, sndern weil er es immer so tat wenn er nicht wusste was er sonst hätte tun sollen. Er musste lediglich das vertraute Holz unter seinen Fingern spüren. Eine alte Gewohnheit, die ihm Sicherheit gab, wenn etwas geschah, das er nicht verstand.


Für Crovax war das kein Zufall.
Er hatte das Meer überquert, war wochenlang gelaufen und einer Stimme gefolgt, die ihm gerade einmal zwei Worte geschenkt hatte.
„Meine Stimme.“, äffte der Zwerg die Stimme murmelnd nach.
Und jetzt saß er hier, in einer fremden Schänke, in einer fremden Stadt und ein völlig fremder starrt ihn an, während zwischen Ihnen ein seltsames Licht seinen Tanz aufführt.
Das alles klang mehr als absurd!
Crovax nahm einen weiteren Schluck und stellte den Krug langsam wieder ab. Sein Blick blieb auf dem Fremden ruhen.
Vielleicht war das hier der Grund.
Vielleicht hatte die Stimme ihn nicht einfach nach Britain gerufen, sondern hatte ihn zu diesem Mann geführt.
Der Gedanke gefiel ihm überhaupt nicht.
„Wenn das dein großer Plan ist“, murmelte Crovax in seinen Bart, „dann hättest du dir auch was Einfacheres einfallen lassen können.“
Natürlich antwortete niemand. Wer auch.
Crovax brummte nur und lehnte sich zurück.
Die Axt lag schwer an seiner Seite. Der Fremde saß noch immer dort, und irgendwo tief in seiner Brust war die Wärme noch nicht ganz verschwunden.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Crovax das Gefühl, dass er vielleicht nicht mehr allein herausfinden musste, wohin sein Weg führte.
Der Gedanke war dennoch irgendwie beruhigend und gleichzeitig verdammt beunruhigend.
Er nahm seinen Krug wieder auf und betrachtete den Fremden noch einmal.
„Na schön“, murmelte er leise.
Crovax erhob sich, schulterte seine Axt und stapfte auf den Tisch des, für iohn geheimnisvollen, Fremden zu.
Auf dem kurzen Weg dorthin dachte er kurz darüber nach, wie er das Eis brechen sollte, entschied sich dann aber dafür, dass das sein Zwergencharme schon regeln würde.

Am Tisch angekommen blieb er direkt davor stehen, schnappte sich zwei Bierkrüge vom Tablett einer vorbeihuschenden Bedienung und nahm den fremden Mann, der alleine am Tisch saß, scharf ins Visier.

„Was gibt’s denn die ganze Zeit so zu glotzen?“ war der erste Satz dem der Zwerg den mann engegenranzte. Im gleichen Zuge stelle er die beiden Bierkrüge unsanft auf dem Tisch ab. Bier spritze auf den Tisch.

Zwergencharme eben.
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