Der Name, der blieb

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Thorus Ne'rul
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Der Name, der blieb

Beitrag von Thorus Ne'rul »

Langsam öffnete Thorus Ne’rul die Augen.
Blasses Morgenlicht drang durch die Ritzen der hölzernen Baracke und legte sich auf den staubigen Boden. Für einen Moment blieb er einfach liegen und starrte an die fremde Decke.
Wo war er?
Und vor allem …
Wer war er?
Thorus setzte sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sein Blick wanderte durch den kargen Raum. Ein Bett, ein kleiner Tisch, eine Waschschüssel. Nichts, was ihm vertraut erschien.
Er stand auf und begann, sich zu waschen. Während er das kalte Wasser über sein Gesicht laufen ließ, versuchte er sich zu erinnern.
Nichts.
Nur ein Name.
„Thorus Ne’rul.“
Er sprach ihn leise aus.
Das war alles, was ihm geblieben war.
Neben seinem Bett lag ein altes Stück Pergament. Vorsichtig nahm er es auf. Die Schrift war teilweise verblasst, doch ein Name sprang ihm sofort ins Auge.
Der Orden Malions.
Thorus las die wenigen Zeilen darunter. Offenbar hatte er diesem Orden einst angehört.
Oder zumindest schien es so.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihm aus. Er wusste nicht, was er getan hatte. Nicht, wem er gedient hatte. Nicht, woran er geglaubt hatte.
Aber eines wusste er.
Er wollte nicht länger jemand sein, dessen Weg von einer Vergangenheit bestimmt wurde, an die er sich nicht einmal erinnern konnte.
Thorus zerknüllte das Pergament.
Dann riss er es langsam entzwei.
„Sollte ich in meiner Vergangenheit etwas Falsches getan haben“, murmelte er, während die Fetzen zu Boden glitten, „hiermit entsage ich all dem.“
Er sah auf die Überreste hinab.
„Was auch immer ich war … ich werde selbst entscheiden, wer ich sein werde.“
Gerade wollte er zur Tür gehen, als plötzlich etwas den Raum veränderte.
Ein Licht erschien in einer Ecke der Baracke.
Thorus blieb stehen.
Es war kein gewöhnliches Licht.
Es flackerte nicht wie eine Flamme und fiel auch nicht wie Sonnenlicht durch ein Fenster. Es war vollkommen still und dennoch von einer Wärme erfüllt, die den ganzen Raum zu durchdringen schien.
Thorus wich keinen Schritt zurück.
Im Gegenteil.
Er fühlte sich seltsam dazu hingezogen.
Dann hörte er die Stimme.
Nicht mit seinen Ohren.
Sie erklang direkt in seinem Innersten.
„Dies ist der richtige Weg.“
Thorus Atem stockte.
Die Stimme war ruhig. Geduldig. Fast väterlich.
„Es hat gedauert, bis sich mein Werkzeug für den richtigen Weg entschieden hat.“
Thorus blickte in das Licht.
„Wer bist du?“
Keine Antwort.
Nur Wärme.
Eine Wärme, die langsam durch seinen Körper floss und etwas in ihm berührte, von dessen Existenz er bisher nichts gewusst hatte.
Dann verschwand das Licht.
Die Baracke war wieder dunkel.
Thorus stand noch immer an derselben Stelle.
„Mein Werkzeug …“
Er setzte sich langsam zurück auf die Bettkante.
Doch die Wärme war geblieben.
Sie lag noch immer in seiner Brust.
Nicht wie ein Feuer, das brannte.
Eher wie eine kleine Flamme, die jemand entzündet hatte.
Eine Flamme, die nicht wärmte, um zu verbrennen, sondern um den Weg zu zeigen.
Thorus legte eine Hand auf seine Brust.
Für einen kurzen Moment schloss er die Augen.
Und wieder sah er etwas.
Keine Gestalt.
Kein Gesicht.
Nur Licht.
Unendlich hell, weit und ruhig.
Darin lag ein Gefühl, das er nicht benennen konnte.
Frieden.
Hoffnung.
Und etwas, das sich beinahe wie Gnade anfühlte.
Dann war die Vision verschwunden.
Thorus öffnete die Augen.
Zum ersten Mal seit seinem Erwachen fühlte sich die Leere in seinem Kopf nicht mehr ganz so bedrückend an.
Vielleicht musste er seine Vergangenheit nicht finden.
Vielleicht musste er einen neuen Weg finden.
Er stand auf und öffnete die Tür.
Das erste Sonnenlicht des Tages traf sein Gesicht.
Thorus kniff die Augen zusammen.
Doch anstatt sich abzuwenden, blieb er stehen und ließ die Wärme auf sich wirken.
Irgendwo tief in seinem Herzen regte sich eine leise Ahnung.
Vielleicht war dieses Licht nicht zufällig zu ihm gekommen.
Vielleicht hatte es ihn schon lange gesucht.
Und vielleicht …
war dies der erste Schritt auf einem Weg, dessen Ende er noch nicht sehen konnte.
Aber zum ersten Mal wusste Thorus, in welche Richtung er gehen wollte.
Dem Licht entgegen.
Thorus Ne'rul
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Das Licht, das blieb

Beitrag von Thorus Ne'rul »

Den größten Teil des Tages verbrachte Thorus damit, durch Britain zu streifen.
Die Stadt war ihm noch immer fremd, und doch fühlte sie sich mit jeder Stunde ein wenig vertrauter an. Menschen gingen ihren Geschäften nach, Händler priesen ihre Waren an, Handwerker standen vor ihren Werkstätten und irgendwo schimpfte ein Kutscher lautstark über ein störrisches Pferd.
Thorus beobachtete das Treiben und versuchte, sich einen Reim auf diese Welt zu machen.
Er sprach mit einigen Leuten.
Mit einem alten Händler, der ihm ausführlich erklärte, warum seine Äpfel die besten der gesamten Stadt seien. Mit einer jungen Frau, die ihm den Weg zum Marktplatz zeigte und dabei mehr über ihre Familie erzählte, als Thorus eigentlich hatte wissen wollen. Und schließlich mit einem grauhaarigen Mann, der ihm bei einem Becher Wasser von den Gefahren außerhalb der Stadtmauern berichtete.
Es waren ganz gewöhnliche Gespräche.
Und gerade das gefiel Thorus.
Niemand erwartete etwas von ihm.
Niemand wusste etwas über seine Vergangenheit.
Er musste sich nicht erklären.
Zum ersten Mal seit seinem Erwachen hatte er das Gefühl, einfach nur ein gewöhnlicher Mann zu sein, der seinen Weg suchte.
Während er durch die Straßen ging, bemerkte er etwas an sich selbst.
Seit dem Erscheinen des Lichts hatte sich etwas verändert.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.
Seine Gedanken waren ruhiger geworden. Wo vorher nur Leere und Unsicherheit gewesen waren, war nun eine seltsame Zuversicht. Selbst die Tatsache, dass er sich an nichts erinnern konnte, machte ihm nicht mehr dieselbe Angst.
Immer wieder kehrte dieses Gefühl zurück.
Eine angenehme Wärme tief in seiner Brust.
Als würde dort etwas ruhen.
Etwas, das ihn daran erinnerte, dass er nicht allein war.
Am Abend beschloss Thorus, sich ein Zimmer in einer Schenke zu nehmen.
Das Gasthaus lag unweit des Marktplatzes und war deutlich belebter, als Thorus zunächst erwartet hatte. Stimmen drangen durch die schwere Holztür, begleitet vom Lachen einiger Gäste und dem Klirren von Krügen.
Der Wirt musterte ihn kurz, nannte einen Preis und schob ihm schließlich einen kleinen Schlüssel über den Tresen.
„Zimmer sechs. Oben links.“
Thorus bedankte sich und stieg die schmale Holztreppe hinauf.
Das Zimmer war einfach, aber gemütlich.
An der rechten Wand stand ein schmales Bett mit einer dicken, etwas abgenutzten Decke. Daneben befand sich ein kleiner Nachttisch, auf dem eine Kerze in einem alten Messinghalter stand. Gegenüber stand ein hölzerner Tisch mit zwei Stühlen. Das Fenster war klein und zeigte auf eine der belebteren Straßen Britains.
An der Wand hing ein verblasstes Landschaftsbild.
Ein grüner Hügel, ein weiter Himmel und darüber eine Sonne, die beinahe vollständig hinter den Wolken verschwand.
Thorus musste unwillkürlich lächeln.
„Passend“, murmelte er.
Er stellte seine wenigen Sachen ab und setzte sich auf das Bett.
Durch das Fenster drangen gedämpfte Geräusche aus der Stadt. Stimmen. Schritte. Gelächter. Das Klappern von Wagenrädern.
Ein ganz gewöhnlicher Abend.
Thorus zog seine Stiefel aus und lehnte sich zurück.
Doch dann geschah es.
Ein sanfter Schein erschien mitten im Zimmer.
Thorus richtete sich sofort auf.
Das Licht.
Es war wieder da.
Diesmal war es anders.
Es gab keine Stimme.
Keine Worte.
Keine Erscheinung.
Es stand einfach da.
Still und ruhig.
Ein heller, warmer Schein, der den Raum erfüllte, ohne dabei Schatten zu werfen. Die Wände, das Bett, der Tisch – alles schien für einen Moment von einer sanften Helligkeit umgeben.
Thorus sagte nichts.
Er spürte keine Angst.
Ganz im Gegenteil.
Seit jenem ersten Augenblick hatte er dieses Gefühl jedes Mal begleitet.
Frieden.
Geborgenheit.
Hoffnung.
Also blieb er einfach sitzen.
Minuten vergingen.
Das Licht blieb.
Thorus betrachtete es aufmerksam, als würde er darauf warten, dass etwas geschah.
Doch nichts geschah.
Keine Stimme.
Kein Bild.
Kein Zeichen.
Nur Licht.
Und vielleicht war genau das die Botschaft.
Nicht jede Antwort musste ausgesprochen werden.
Thorus lehnte sich langsam zurück.
Seine Augen wurden schwer.
Er wusste nicht, wie lange er so dort gesessen hatte, als der Schein schließlich schwächer wurde.
Langsam zog er sich zusammen.
Dann verschwand er.
Zurück blieb nur das matte Licht der Kerze.
Thorus atmete tief ein.
Und in diesem Moment veränderte sich etwas.
Die Wärme, die bisher immer tief in seiner Brust gelegen hatte, breitete sich aus.
Zuerst in seine Schultern.
Dann in seine Arme.
Weiter hinab durch seinen Körper.
Bis schließlich jede Faser seines Seins von dieser angenehmen Wärme erfüllt war.
Thorus schloss die Augen.
Er fühlte sich leicht.
Stark.
Klar.
Für einen Moment war da keine Angst vor seiner Vergangenheit. Keine Unsicherheit über seine Zukunft.
Nur dieses Gefühl.
Als würde irgendwo jemand über ihn wachen.
Thorus legte eine Hand auf seine Brust.
„Was willst du mir zeigen?“, flüsterte er.
Keine Antwort.
Doch tief in seinem Inneren glaubte er plötzlich, die Antwort bereits zu kennen.
Nicht heute.
Vielleicht auch nicht morgen.
Aber irgendwann würde er verstehen.
Er musste nur weitergehen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Thorus das Gefühl, dass sein Weg nicht ins Dunkel führte.
Sondern ins Licht.
Thorus Ne'rul
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Das Zeichen, das erschien

Beitrag von Thorus Ne'rul »

Der nächste Morgen begann für Thorus ruhiger, als er erwartet hatte.
Nachdem er die Schenke verlassen hatte, schlenderte er ohne bestimmtes Ziel durch die Straßen Britains. Langsam gewöhnte er sich an die Stadt. Die Stimmen der Händler, das geschäftige Treiben auf dem Markt und das Klappern der Wagenräder auf dem Pflaster wirkten inzwischen beinahe vertraut.
Vielleicht, dachte Thorus, würde Britain für eine Weile sein Zuhause werden.
Während er über den Marktplatz ging, fiel ihm wieder etwas ein, das ihm der Wirt am Vorabend erzählt hatte.
Die Bank.
Vielleicht gab es dort etwas, das ihm gehörte.
Also machte sich Thorus auf den Weg.
Die Bank von Britain war ein imposantes Gebäude. Zwischen den geschäftigen Straßen wirkte sie beinahe wie ein Ort, an dem selbst die Zeit etwas langsamer verging.
Hinter dem Tresen stand ein Mann namens Kalil.
Thorus trat näher.
„Ich suche nach meinem Bankfach. Thorus Ne’rul.“
Kalil sah ihn einen Moment lang an.
Dann nickte er.
„Natürlich. Euer Fach existiert noch.“
Diese Worte ließen Thorus aufhorchen.
Wenig später lagen mehrere Gegenstände vor ihm.
Eine Rüstung.
Ein Schwert.
Ein Schild.
Und ein Beutel mit Gold.
Thorus betrachtete die Sachen lange.
Sie fühlten sich fremd an.
Und gleichzeitig vertraut.
Er nahm das Schwert in die Hand.
Seine Finger schlossen sich wie von selbst um den Griff. Die Bewegung fühlte sich natürlich an, beinahe so, als hätte sein Körper nie vergessen, was sein Verstand längst verloren hatte.
Eine Erinnerung wollte sich zeigen.
Doch sie blieb verborgen.
Thorus ließ die Klinge langsam sinken.
„Vielleicht war ich tatsächlich jemand anderes.“
Er betrachtete die Rüstung.
„Aber ich muss nicht wieder dieser Mann werden.“
Mit seinen Sachen machte er sich auf den Weg.
Den Rest des Tages verbrachte er damit, alles auf Vordermann zu bringen. Die Rüstung wurde gereinigt, das Leder gepflegt und das Schwert sorgfältig poliert. Auch sein Schild erhielt wieder einen ansehnlichen Glanz.
Als Thorus schließlich vor dem Metall stand, spiegelte sich sein Gesicht darin.
Er erkannte den Mann darin noch immer nicht.
Doch zum ersten Mal störte ihn das nicht.
Vielleicht würde er seine Vergangenheit niemals vollständig zurückbekommen.
Vielleicht war das auch gar nicht nötig.
Auf dem Rückweg durch die Stadt begegnete ihm ein kleines Kind.
Es saß am Rand einer Straße, die Knie an den Körper gezogen, und hielt eine leere Schale in den Händen.
Thorus blieb stehen.
Das Kind sah zu ihm auf.
„Hast du etwas übrig?“
Thorus griff nach seinem Goldbeutel.
Einige Münzen wechselten den Besitzer.
Das Kind starrte ihn überrascht an.
„Danke.“
Thorus nickte nur und ging weiter.
Nach wenigen Schritten spürte er wieder die vertraute Wärme in seiner Brust.
Diesmal schien sie etwas stärker zu sein.
Er blieb kurz stehen und blickte zum Himmel.
Zwischen den Wolken brach ein Sonnenstrahl hervor.
Thorus musste lächeln.
Vielleicht war es Zufall.
Vielleicht auch nicht.
Am Abend kehrte er in die Schenke zurück.
Die Gaststube war gut besucht. Stimmen, Gelächter und das Klirren von Krügen erfüllten den Raum.
Thorus setzte sich an einen Tisch und ließ seinen Blick schweifen.
Dabei fiel ihm ein Zwerg auf.
Breite Schultern, kräftiger Bart und eine auffällige Ausstrahlung.
Ein Name drang aus einem Gespräch an Thorus’ Ohr.
Crovax Donnerhall.
Thorus konnte nicht sagen, warum, aber als er den Zwerg betrachtete, überkam ihn ein merkwürdiges Gefühl.
Vertrautheit.
Nicht stark genug, um eine Erinnerung hervorzurufen.
Aber stark genug, um seine Aufmerksamkeit zu halten.
Crovax schien ihn ebenfalls bemerkt zu haben.
Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke.
Thorus wollte gerade aufstehen, als plötzlich etwas geschah.
Zwischen ihnen erschien ein helles Licht.
Nur für einen Augenblick.
Es war klein, beinahe unscheinbar.
Doch Thorus erkannte es sofort.
Dasselbe Licht.
Dieselbe Wärme.
Dieselbe stille Präsenz, die ihn bereits seit seinem Erwachen begleitete.
Für einen Moment schien es, als würde das Licht genau zwischen den beiden stehen.
Dann verschwand es.
Einfach so.
Thorus blieb sitzen.
Crovax ebenfalls.
Keiner sagte etwas.
Doch Thorus konnte den Blick des Zwerges noch immer spüren.
Und irgendwo tief in seinem Inneren entstand ein Gedanke.
Vielleicht war es kein Zufall, dass dieses Licht gerade jetzt erschienen war.
Vielleicht hatte es ihn nicht nur hierhergeführt.
Vielleicht hatte es auch dafür gesorgt, dass sich ihre Wege kreuzten.
Thorus sah noch einmal zu Crovax hinüber.
Er wusste nicht, wer dieser Zwerg war.
Noch nicht.
Aber eines war ihm klar:
Ihre Geschichte hatte noch nicht begonnen.
Und vielleicht würde das Licht dafür sorgen, dass sie sich schon bald kennenlernen würden.
Thorus Ne'rul
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Der Glaube, der erwacht

Beitrag von Thorus Ne'rul »

Thorus hatte kaum Platz genommen, da krachte es auf dem Tisch.

Zwei schwere Krüge landeten vor ihm.

Der Inhalt schwappte über den Rand.

Thorus blickte auf die Krüge und anschließend zu dem Zwerg, der ihm gegenübersaß.

Crovax Donnerhall verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn mit einem prüfenden Blick an.

„Trink.“

Thorus hob eine Augenbraue.

„Guten Abend auch.“

Der Zwerg brummte.

„Trink.“

Ein kurzes Lächeln huschte über Thorus’ Gesicht. Er griff nach dem Krug und nahm einen Schluck.

Das Bier war kräftiger, als er erwartet hatte.

Crovax nickte zufrieden.

„Na also.“

Damit war offenbar das Wichtigste geklärt.

Was folgte, war ein Gespräch, wie es wohl nur mit einem Zwerg geführt werden konnte.

Crovax war direkt, laut und nicht sonderlich daran interessiert, seine Meinung schön zu verpacken. Er erzählte von Dingen, über die Thorus kaum etwas wusste, schimpfte über Menschen, die zu viel redeten, und behauptete nebenbei, dass ein gutes Bier mehr Wahrheit enthalte als die meisten Priester.

Thorus musste mehr als einmal lachen.

Es war seltsam.

Er kannte diesen Zwerg kaum.

Und trotzdem fühlte sich seine Gegenwart vertraut an.

Nicht wie eine Erinnerung.

Eher wie etwas, das schon immer an seinem Platz gewesen war und nun wiedergefunden wurde.

Eine Weile unterhielten sie sich über Britain, über die Menschen und über die merkwürdigen Wege, auf denen das Leben einen manchmal führte.

Dann geschah es.

Thorus verstummte.

Sein Blick wanderte plötzlich zur Seite.

Ein sanfter Schein hatte sich hinter Crovax gebildet.

Das Licht.

Schon wieder.

Crovax bemerkte Thorus’ Blick und drehte sich um.

Das Licht schwebte langsam durch den Raum.

Es bewegte sich nicht wie eine Flamme und auch nicht wie ein Zauber. Es glitt beinahe lautlos durch die Luft, bis es schließlich vor einem alten Bild stehen blieb.

An der Wand der Schenke hing ein Gemälde, das Thorus bisher gar nicht beachtet hatte.

Es zeigte einen Paladin.

Ein Mann in strahlender Rüstung, das Schwert in der einen Hand, einen Schild in der anderen. Hinter ihm war ein heller Himmel zu sehen, während sein Blick fest und ruhig über das Land zu wachen schien.

Das Licht schwebte direkt vor dem Bild.

Thorus stand langsam auf.

Crovax ebenfalls.

Beide starrten auf die Erscheinung.

„Du siehst es auch?“, fragte Thorus leise.

Der Zwerg kniff die Augen zusammen.

„Wenn du dieses verdammte Leuchten meinst … ja.“

Thorus sah ihn überrascht an.

Zum ersten Mal seit dem Erscheinen des Lichts wusste er mit Sicherheit:

Er war nicht der Einzige, der es sehen konnte.

Eine Weile sagte keiner der beiden etwas.

Das Licht blieb vor dem Bild.

Dann verblasste es langsam.

Zurück blieb nur das Gemälde.

Thorus setzte sich wieder.

Sein Blick ruhte auf dem Paladin.

„Warum ausgerechnet dieses Bild?“

Crovax brummte.

„Vielleicht will uns irgendwer einen Wink geben.“

„Wer?“

Der Zwerg zuckte mit den Schultern.

„Wenn ich das wüsste, würde ich wohl nicht hier sitzen und Bier trinken.“

Thorus musste erneut schmunzeln.

Doch dann wurde sein Blick ernst.

Er betrachtete die Rüstung des Paladins.

Den Schild.

Das Schwert.

Die ruhige Haltung.

Etwas daran berührte ihn.

„Vielleicht wollte es uns nicht den Mann zeigen“, sagte Thorus langsam. „Vielleicht wollte es uns zeigen, was er war.“

Crovax sah ihn an.

„Ein Paladin.“

Das Wort blieb zwischen ihnen hängen.

Thorus sprach es leise nach.

„Paladin.“

Es fühlte sich seltsam an.

Nicht fremd.

Aber auch nicht vertraut genug, um eine Erinnerung auszulösen.

Nur dieses warme Gefühl in seiner Brust kehrte zurück.

Ein Gast am Nebentisch hatte offenbar einen Teil ihres Gesprächs mitbekommen. Ein älterer Mann drehte sich zu ihnen um.

„Wenn ihr euch für Paladine interessiert, solltet ihr euch einmal nach den Paladinen des Mondes erkundigen.“

Thorus wandte sich ihm zu.

„Paladine des Mondes?“

Der Mann nickte.

„Eine Lichtgilde. Sie stehen für den Schutz der Menschen und dienen dem Licht. Soweit ich weiß, haben sie ihren Sitz nicht weit von hier.“

Crovax nahm einen weiteren Schluck.

„Und wo findet man diese Burschen?“

Der Mann nannte ihnen den Ort und erklärte grob den Weg dorthin. Er erzählte außerdem, dass dort nicht nur Krieger zu finden seien, sondern auch Priester und andere Diener des Lichts. Die Paladine des Mondes sind tatsächlich als Lichtgilde geführt; unter ihren Mitgliedern finden sich unter anderem Paladine und ein Priester Tyraels. (Schattenwelt)

Thorus hörte aufmerksam zu.

Paladine.

Licht.

Tyrael.

Wieder spürte er die Wärme.

Diesmal deutlicher als zuvor.

Er blickte hinüber zu dem Bild an der Wand.

Der Paladin darauf schien ihn noch immer anzusehen.

Und plötzlich fragte sich Thorus, ob das Licht wirklich nur zufällig erschienen war.

Vielleicht hatte es ihm eine Richtung gezeigt.

Vielleicht sogar eine Aufgabe.

Er wusste noch nicht, was ein Paladin war.

Noch wusste er nicht, was Tyrael bedeutete.

Aber eines wusste er inzwischen:

Immer wenn das Licht erschien, führte es ihn ein kleines Stück weiter.

Und diesmal hatte es ihm einen Namen gezeigt.

Paladine des Mondes.

Thorus nahm seinen Krug und trank einen Schluck.

Dann sah er zu Crovax.

Der Zwerg sagte nichts.

Doch auch sein Blick lag noch immer auf dem Bild.

Vielleicht würden sie dem Hinweis folgen.

Vielleicht würden sie ihn ignorieren.

Doch tief in Thorus wusste er bereits, dass seine Füße ihn eines Tages zu diesem Ort tragen würden.

Denn wenn das Licht ihn bisher eines gelehrt hatte, dann dies:

Manchmal muss man einer Antwort nicht hinterherlaufen.

Manchmal muss man nur dorthin gehen, wohin sie zeigt.
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