Die Saat von Düsterhafen

Forum für den roten Faden der Schattenwelt, Events und Quests. Wissen aus diesem Forum kann im Spiel erarbeitet werden.
Maranos van Ascheberg
Beiträge: 12
Registriert: 29 Sep 2025, 21:35

Die Saat von Düsterhafen

Beitrag von Maranos van Ascheberg »

Wenige Tage waren vergangen, seit Nok’tau im Feuer des Kometen untergegangen war. Maranos und Paranax hatten die brennenden Ruinen hinter
sich gelassen und zogen nach Düsterhafen. Als sie die Stadt schließlich von einem Hügel aus erblickten, blieb Maranos stehen.

Unter ihnen lagen enge Gassen, dunkle Dächer und der vom Nebel verschluckte Hafen. Händler, Flüchtlinge und bewaffnete Männer drängten sich vor den Toren.

„Spürst du es, Paranax?“ Dieser blickte fragend zu ihm. „Furcht. Sie hängt über dieser Stadt wie Nebel.“

„Und was tun wir?“ Maranos lächelte kalt. „Nichts. Noch nicht.“

Sie betraten Düsterhafen ohne Aufsehen und fanden im heruntergekommenen Hafenviertel ein verlassenes Gebäude. Der Keller darunter war groß, verborgen und nur durch einen schmalen Zugang erreichbar.

Maranos betrachtete die steinernen Wände.
„Hier beginnen wir.“
In den folgenden Wochen mischte sich Paranax unter die Bewohner. Er hörte zu, sammelte Namen und brachte seinem Meister Informationen über Händler, Wachen, Priester und jene Menschen, die von der Stadt vergessen worden waren.

Maranos ordnete sie nach einfachen Kriterien:

**Nützlich. Formbar. Brechen.**

Eines Abends brachte Paranax einen jungen Hafenarbeiter namens Jarek zu ihm.

„Wovor hast du Angst?“, fragte Maranos.

„Vor nichts.“

Maranos lächelte.

„Jeder Mensch hat Angst.“

Er trat näher.

„Du fürchtest Hunger. Bedeutungslosigkeit. Und dass dein Leben niemals mehr sein wird als das hier.“

Jarek schwieg.

„Was wollt Ihr von mir?“

„Nichts. Ich gebe dir lediglich die Gelegenheit, deine Angst zu benutzen.“

Jarek wurde der Erste.

Er brachte weitere Männer mit. Aus einem wurden drei, aus drei wurden sieben und schließlich zwölf.
Gleichzeitig veränderte sich Düsterhafen. Ein Lagerhaus brannte. Ein Wachmann verschwand.

Ein Priester wurde zusammengeschlagen. Und in den Tavernen entstanden Gerüchte über schwarze Zeichen, nächtliche Gestalten und einen Mann mit roten Augen.

Maranos ließ die Menschen reden.

**Gerüchte waren besser als Wahrheit. Wahrheit hatte Grenzen. Angst nicht.**

Eines Nachts versammelte er seine ersten Anhänger im Keller. An der Wand hinter ihm prangte ein schwarzer Stern.

„Andere lehren euch, eure Angst zu überwinden“, sprach Maranos. Die Flammen der schwarzen Kerzen loderten auf.

„Ich lehre euch, sie zu benutzen.“ Dann erloschen die Kerzen.
Nur eine einzige Flamme blieb und beleuchtete seine blutroten Augen.
„Wer die Furcht anderer beherrscht, beherrscht auch sie.“

Jarek sank auf ein Knie.Die anderen folgten. Später betrachtete Paranax den schwarzen Stern.

„Ist dies der neue Orden?“

„Nein.“

„Was dann?“

Maranos blickte nach oben, als könne er durch die Mauern hindurch ganz Düsterhafen sehen.

„Eine Saat.“

„Und was soll daraus wachsen?“

Maranos lächelte.
„Wir glaubten, Macht müsse hinter Mauern geschützt werden. Das war unser Fehler.“

Seine Hand legte sich auf den schwarzen Stern.

„Diesmal bauen wir keine Festung.“
Seine Augen glühten dunkelrot.
„Diesmal machen wir die Stadt selbst zu unserer Festung.“
Ithandor
Beiträge: 2
Registriert: 07 Mai 2025, 10:48

Re: Die Saat von Düsterhafen

Beitrag von Ithandor »

Die Spur der Furcht

Der Regen hatte Düsterhafen schon erreicht, lange bevor Ithandor die ersten Dächer der Stadt sah. Er fiel nicht in schweren Tropfen vom Himmel, sondern hing wie feiner, kalter Staub in der Luft, setzte sich auf Mantel, Haar und Leder und kroch irgendwann durch jede Naht. Die Straße vor ihm war zu einem dunklen Band aus Schlamm geworden. Tiefe Wagenrinnen zogen sich zwischen kahlen Bäumen hindurch, deren Äste schwarz und verdreht gegen den grauen Himmel standen.

Ithandor zog den Kragen seines Mantels höher und setzte seinen Weg fort. Seit zwei Tagen war er unterwegs, und seit zwei Tagen dachte er immer wieder über dieselben drei Worte nach.

Beobachten. Prüfen. Berichten.

So hatte der Auftrag gelautet. Kurz, nüchtern, ohne jedes Pathos.

Die Jäger der Schatten wussten, dass Worte gefährlich werden konnten, wenn man ihnen zu viel Gewicht gab. Deshalb hatte der Mann, der Ithandor den Auftrag überbracht hatte, nicht von einem Kult gesprochen. Nicht von Dämonen, verbotenen Ritualen oder dunkler Magie. Er hatte lediglich von Vorfällen berichtet.

Ein Lagerhaus war niedergebrannt. Ein Wachmann namens Edren Falk war seit fast drei Wochen verschwunden. Ein Priester war nachts auf dem Weg zu seinem Tempel überfallen und so schwer zusammengeschlagen worden, dass er kaum noch sprechen konnte. An mehreren Orten hatte man schwarze Zeichen gefunden. Sterne, Kreise und andere einfache Symbole. Manche nur mit Kohle auf Holz gemalt, andere in Türen geritzt. Eines hatte man mit dunkler Farbe auf die Wand eines Armenhauses geschmiert.

Für sich allein genommen war nichts davon außergewöhnlich.

Städte wie Düsterhafen fraßen Menschen.

Manche verschwanden. Manche wurden erschlagen. Manche Häuser brannten, weil jemand zu betrunken gewesen war, eine Laterne zu löschen, oder weil eine alte Rechnung mit Feuer beglichen wurde.

Doch die Berichte hatten etwas gemeinsam.

Etwas, das zwischen den Zeilen lag.

Die Menschen hatten Angst.

Nicht die gewöhnliche Furcht vor Dieben, Hunger oder Krankheit. Es war etwas anderes. Etwas Unbestimmtes. Fast jeder Zeuge hatte davon gesprochen, dass sich die Stadt verändert habe. Dass nachts Schritte zu hören seien, obwohl niemand auf der Straße stand. Dass Männer in Tavernen plötzlich verstummten, sobald bestimmte Namen fielen. Dass Bettler aus dem Hafenviertel manche Gassen nach Sonnenuntergang nicht mehr betreten wollten.

Und immer wieder tauchte dasselbe Gerücht auf.

Ein Mann.

Groß. Dunkel gekleidet. Mit roten Augen.

Ithandor hatte die Berichte zweimal gelesen. Beim ersten Mal hatte er darüber geschmunzelt. Beim zweiten Mal nicht mehr.

Menschen erfanden Monster gern dort, wo ihnen Erklärungen fehlten. Das wusste er. Ein Schatten in einer Gasse wurde mit jeder Erzählung größer, ein unbekannter Mann irgendwann zum Mörder und ein seltsames Licht in der Nacht zur verbotenen Magie.

Doch Geschichten entstanden selten vollkommen grundlos.

Irgendwo zwischen Lüge und Wahrheit lag fast immer etwas, das es wert war, gefunden zu werden.

Als Ithandor schließlich den letzten Hügel erreichte, blieb er stehen.

Düsterhafen lag unter ihm.

Die Stadt wirkte aus der Entfernung weniger wie ein Ort, der erbaut worden war, sondern eher wie etwas, das sich über viele Jahrzehnte an die Küste geklammert hatte. Schiefe Dächer drängten sich dicht aneinander. Rauch stieg aus zahllosen Kaminen und vermischte sich mit dem Nebel, der vom Meer zwischen die Häuser kroch. Weiter unten lagen die Hafenbecken wie schwarze Wunden im Grau, und die Masten der Schiffe ragten daraus hervor wie dürre Finger.

Möwen kreisten über den Kais. Ihr Kreischen trug der Wind bis zu ihm herauf.

Ithandor ließ den Blick lange über die Stadt schweifen.

Er wusste nicht genau, wonach er suchte. Vielleicht nach einem Zeichen. Nach irgendeiner Spur jener Beklemmung, die in den Berichten beschrieben worden war.

Natürlich spürte er nichts.

Eine Stadt besaß keine Seele. Zumindest keine, die sich auf dieselbe Weise lesen ließ wie die eines Menschen.

Und trotzdem lag etwas über Düsterhafen.

Vielleicht war es nur der Nebel. Vielleicht der Regen. Vielleicht die Art, wie die Häuser am Hafen so eng zusammengedrängt standen, als wollten sie einander vor etwas schützen.

„Also gut“, murmelte Ithandor.

Seine Stimme verschwand beinahe im Wind.

„Zeigt mir, was euch Angst macht.“

Dann ging er weiter.
Maranos van Ascheberg
Beiträge: 12
Registriert: 29 Sep 2025, 21:35

Re: Die Saat von Düsterhafen

Beitrag von Maranos van Ascheberg »

Die neue Festung und der Jäger

Während Düsterhafen noch über Brände, verschwundene Wachen und schwarze Zeichen sprach, begann Maranos im Süden der Stadt mit dem Aufbau eines neuen Stützpunktes.

Unweit der großen Arena erwarb er mit seinem Privatvermögen ein altes Kloster. Die Lage war ideal. Händler, Kämpfer und Besucher sorgten Tag und Nacht für Lärm und Bewegung. Niemand achtete darauf, welche Arbeiter das Kloster betraten oder welche Wagen dort entladen wurden. Nach außen wurde das Gebäude lediglich instand gesetzt. Doch das kleine Kellergewölbe darunter genügte Maranos nicht.

„Wir bauen nicht unter der Stadt“, erklärte er Paranax.
Seine Hand ruhte auf der feuchten Außenwand.

„Wir bauen unter dem Meer.“
Vom Keller aus wurde ein Gang in den Fels geschlagen. Nach und nach entstanden unter der Küste mehrere verborgene Kammern, Lagerräume, eine Bibliothek und schließlich eine größere Halle für die ersten Anhänger.

An ihrer Wand ließ Maranos den schwarzen Stern in den Stein schlagen.

„Wir waren sichtbar“, sagte er.
„Diese Festung wird niemand belagern, weil niemand wissen wird, dass sie existiert.“

Doch noch während die Arbeiten liefen, erreichten Maranos erste Berichte über einen Fremden.



Er stellte Fragen über das abgebrannte Lagerhaus, den verschwundenen Edren Falk, den verletzten Priester und vor allem über die schwarzen Zeichen.

Paranax wollte ihn beobachten lassen. Maranos widersprach.

„Nein.“

„Ihr wollt ihn selbst beobachten?“

Ein schwaches Lächeln erschien auf Maranos’ Gesicht.

„Ich will wissen, was er weiß.“

In den folgenden Nächten verließ Maranos das Kloster allein. Er bewegte sich durch die dunklen Straßen Düsterhafens wie ein Schatten.

Aus Hauseingängen beobachtete er, Von Dächern, Aus dunklen Gassen.

Zwischen den Menschen vor der Arena.
Ithandor sprach mit Wachen, Bettlern und Händlern. Er besuchte das ausgebrannte Lagerhaus und suchte jene Orte auf, an denen der schwarze Stern erschienen war.

Maranos blieb stets weit genug entfernt. Er hörte. Beobachtete. Prägte sich jeden Namen ein, mit dem Ithandor sprach.

Und mit jedem Tag wurde deutlicher, dass dieser Fremde nicht zufällig in Düsterhafen war.
Eines Abends stand Ithandor auf der anderen Straßenseite des Klosters.
Sein Blick ruhte einen Moment zu lange auf dem alten Gebäude.

Maranos beobachtete ihn aus einer schmalen Seitengasse. Regentropfen liefen über seinen Mantel.

Ithandor sah zum Kloster. Dann zur Arena. Dann wieder zum Kloster.

Maranos’ Augen verengten sich, für einen moment lang begannen seine Blutroten Augen zu glühen.

Zum ersten Mal war Ithandor der Wahrheit nahe. Doch nur nahe.
Noch wusste er nicht, dass tief unter diesem unscheinbaren Gebäude ein Gang begann, der hinaus unter das Meer führte.
Er wusste nicht, dass dort bereits die ersten Männer des neuen Ordens warteten.
Und vor allem wusste er nicht, dass der Mann, nach dem er suchte, nur wenige Schritte entfernt im Schatten stand und jede seiner Bewegungen beobachtete.

Ithandor ging schließlich weiter. Maranos blieb zurück.

Ein kaltes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Such weiter. Zeig mir, wie viel du wirklich weißt.“
Ithandor
Beiträge: 2
Registriert: 07 Mai 2025, 10:48

Re: Die Saat von Düsterhafen

Beitrag von Ithandor »

Zwischen Neugier und Pflicht

In den Tagen nach seiner Ankunft begann Ithandor zu verstehen, dass Düsterhafen anders auf Fragen reagierte, als er es aus seinen bisherigen Einsätzen kannte. Viel Erfahrung besaß er ohnehin noch nicht. Für einen Lichtelfen war er jung, kaum mehr als ein Jugendlicher, und auch bei den Jägern der Schatten hatte er bisher vor allem Berichte geprüft, Zeugen befragt und erfahrenere Ermittler begleitet. Düsterhafen war das erste Mal, dass er allein entscheiden musste, ob hinter einigen scheinbar gewöhnlichen Verbrechen tatsächlich etwas Größeres steckte.

Auch seine Ausbildung zum Seelenmagier hatte gerade erst begonnen. Ithandor konnte starke Gefühle wahrnehmen und manchmal erkennen, wie tief sich Furcht oder Zorn in einer Seele festgesetzt hatten. Doch er wusste ebenso, dass zwischen einem Novizen und einem ausgebildeten Seelenmagier Welten lagen. Seine Lehrer hatten ihn oft genug davor gewarnt, dass ein wenig Wissen leicht dazu verleiten konnte, sich für fähiger zu halten, als man war.

In Düsterhafen schienen sich diese Warnungen schneller zu bewahrheiten, als ihm lieb gewesen wäre.

Ithandor sprach mit Hafenarbeitern, Händlern und Bettlern, suchte erneut das abgebrannte Lagerhaus auf und besuchte jene Straßen, an denen schwarze Zeichen gefunden worden waren. Zunächst bekam er kaum mehr als Gerüchte. Doch bald fiel ihm auf, dass sich nach seinen Gesprächen etwas veränderte.

Ein Bettler, der ihm von Edren Falk erzählt hatte, war am nächsten Morgen verschwunden. Ein Kaufmann, der zwei dunkel gekleidete Gestalten in der Nacht des Lagerhausbrandes gesehen haben wollte, bestritt einen Tag später, jemals mit Ithandor darüber gesprochen zu haben. Als Ithandor ihn genauer betrachtete, spürte er deutlich die Angst in dem Mann. Für einen Augenblick war er versucht, seine seelenmagische Wahrnehmung tiefer nach ihr auszustrecken, zog sich jedoch zurück. Dafür war seine Ausbildung noch nicht weit genug.

Am nächsten Morgen fand er wenige Schritte vom Laden des Kaufmanns entfernt einen schwarzen Stern an einer Hauswand.

Ithandor blieb lange davor stehen. Das Zeichen selbst war vollkommen unscheinbar. Ein wenig schwarze Farbe auf grauem Stein, keine Rune, keine erkennbare Magie. Trotzdem sah er, wie Menschen den Blick abwandten, ihre Schritte beschleunigten oder sogar die Straßenseite wechselten.

Vielleicht lag genau darin seine Bedeutung.

Der Stern musste niemandem etwas antun. Er erinnerte die Menschen an das brennende Lagerhaus, den verschwundenen Wachmann, den verletzten Priester und die Geschichten über Gestalten in dunklen Straßen. Die Furcht entstand nicht durch das Symbol selbst, sondern durch alles, was die Menschen bereits damit verbanden.

Dieser Gedanke faszinierte Ithandor.

Je länger er ermittelte, desto stärker beschlich ihn der Verdacht, dass manche Spuren nicht zufällig vor ihm auftauchten. Aussagen wurden zurückgenommen, Menschen verschwanden und neue Zeichen erschienen dort, wo er kurz zuvor Fragen gestellt hatte. Vielleicht beobachtete ihn jemand längst.

Eigentlich hätte ihn das beunruhigen müssen.

Stattdessen machte es ihn neugierig.

Wenn jemand auf seine Nachforschungen reagierte, dann bedeutete das zumindest, dass er etwas berührte, das verborgen bleiben sollte.

Seine Suche führte ihn schließlich häufiger in den Süden der Stadt. Mehrere Hinweise deuteten in die Gegend um die große Arena, und dort fiel ihm ein altes Kloster auf, das offenbar instand gesetzt wurde. Arbeiter trugen Stein und Holz hinein, Wagen wurden entladen, Gerüste standen an den Mauern.

Nichts daran war ungewöhnlich.

Trotzdem blieb Ithandor stehen.

Die Lage war auffallend günstig. Rund um die Arena herrschte ständig Lärm. Händler, Kämpfer, Arbeiter und Fremde kamen und gingen. Niemand achtete auf jedes Gesicht oder jeden Wagen. Selbst langes Hämmern auf Stein ging im Lärm der Umgebung unter.

Wenn jemand etwas verbergen wollte, dachte Ithandor, wäre dies kein schlechter Ort dafür.

Er bemerkte, dass sein Blick immer wieder zu dem Kloster zurückkehrte. Etwas an diesem Ort hielt ihn fest, ein kaum greifbares Unbehagen, für das er keine Erklärung fand.

Dann kam dieses unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden.

Ithandor drehte sich um. Zwischen den Menschen glaubte er für einen kurzen Augenblick eine dunkle Gestalt in einer Seitengasse zu erkennen. Groß, reglos, halb im Schatten verborgen. Ein Wagen rollte vorüber, und als Ithandor wieder freie Sicht hatte, war die Gasse leer.

Er blieb noch einen Moment stehen.

Am Abend saß er in seinem Zimmer in der Salzkrähe und schrieb seinen ersten Bericht. Er bestätigte das Verschwinden Edren Falks, den Brand, den Angriff auf den Priester und die schwarzen Zeichen. Auch die auffällige Angst unter den Bewohnern erwähnte er.

Dann hielt seine Feder inne.

Sein Auftrag war eindeutig gewesen. Wenn sich der Verdacht auf etwas Größeres erhärtete, sollte er Verstärkung anfordern.

Und inzwischen gab es genug Gründe dafür.

Ithandor wusste es.

Doch wenn er jetzt Unterstützung verlangte, würden erfahrenere Jäger kommen. Sie würden seine Aufzeichnungen prüfen, eigene Befragungen durchführen und vermutlich die Untersuchung übernehmen. Vielleicht würden sie innerhalb weniger Tage erkennen, wofür Ithandor selbst so lange gebraucht hatte.

Der Gedanke traf seinen Stolz.

Er hatte noch nichts Greifbares. Nur verängstigte Zeugen, schwarze Sterne, ein verdächtig wirkendes Kloster und das Gefühl, beobachtet zu werden.

Nur ein paar weitere Tage, sagte er sich.

Dann würde er mehr wissen.

Ithandor setzte die Feder wieder an.

Eine abschließende Einschätzung ist derzeit nicht möglich. Mehrere Hinweise sprechen für einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen. Ich werde die Untersuchung fortsetzen und berichten, sobald sich der Verdacht erhärten lässt.

Er las den Satz noch einmal.

Er war nicht gelogen.

Aber er verschwieg genug.

Vom Kloster schrieb er nichts. Ebenso wenig davon, dass Zeugen nach seinen Befragungen verstummten oder verschwanden. Vor allem schrieb er nicht den einen Satz, der eigentlich in diesen Bericht gehört hätte.

Ich fordere Verstärkung an.

Ithandor faltete das Schreiben zusammen und legte es beiseite.

Ein Teil von ihm wusste, dass diese Entscheidung falsch war. Seine Lehrer hätten sie vermutlich Ungeduld genannt, ein erfahrener Jäger Leichtsinn.

Ithandor nannte es Gründlichkeit.

Nur noch ein paar Tage.

Dann würde er berichten.

Dann würde er Verstärkung anfordern.

Noch ahnte er nicht, dass dies sein erster wirklicher Fehler gewesen war.
Antworten