Der Name, der blieb

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Thorus Ne'rul
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Der Name, der blieb

Beitrag von Thorus Ne'rul »

Langsam öffnete Thorus Ne’rul die Augen.
Blasses Morgenlicht drang durch die Ritzen der hölzernen Baracke und legte sich auf den staubigen Boden. Für einen Moment blieb er einfach liegen und starrte an die fremde Decke.
Wo war er?
Und vor allem …
Wer war er?
Thorus setzte sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sein Blick wanderte durch den kargen Raum. Ein Bett, ein kleiner Tisch, eine Waschschüssel. Nichts, was ihm vertraut erschien.
Er stand auf und begann, sich zu waschen. Während er das kalte Wasser über sein Gesicht laufen ließ, versuchte er sich zu erinnern.
Nichts.
Nur ein Name.
„Thorus Ne’rul.“
Er sprach ihn leise aus.
Das war alles, was ihm geblieben war.
Neben seinem Bett lag ein altes Stück Pergament. Vorsichtig nahm er es auf. Die Schrift war teilweise verblasst, doch ein Name sprang ihm sofort ins Auge.
Der Orden Malions.
Thorus las die wenigen Zeilen darunter. Offenbar hatte er diesem Orden einst angehört.
Oder zumindest schien es so.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihm aus. Er wusste nicht, was er getan hatte. Nicht, wem er gedient hatte. Nicht, woran er geglaubt hatte.
Aber eines wusste er.
Er wollte nicht länger jemand sein, dessen Weg von einer Vergangenheit bestimmt wurde, an die er sich nicht einmal erinnern konnte.
Thorus zerknüllte das Pergament.
Dann riss er es langsam entzwei.
„Sollte ich in meiner Vergangenheit etwas Falsches getan haben“, murmelte er, während die Fetzen zu Boden glitten, „hiermit entsage ich all dem.“
Er sah auf die Überreste hinab.
„Was auch immer ich war … ich werde selbst entscheiden, wer ich sein werde.“
Gerade wollte er zur Tür gehen, als plötzlich etwas den Raum veränderte.
Ein Licht erschien in einer Ecke der Baracke.
Thorus blieb stehen.
Es war kein gewöhnliches Licht.
Es flackerte nicht wie eine Flamme und fiel auch nicht wie Sonnenlicht durch ein Fenster. Es war vollkommen still und dennoch von einer Wärme erfüllt, die den ganzen Raum zu durchdringen schien.
Thorus wich keinen Schritt zurück.
Im Gegenteil.
Er fühlte sich seltsam dazu hingezogen.
Dann hörte er die Stimme.
Nicht mit seinen Ohren.
Sie erklang direkt in seinem Innersten.
„Dies ist der richtige Weg.“
Thorus Atem stockte.
Die Stimme war ruhig. Geduldig. Fast väterlich.
„Es hat gedauert, bis sich mein Werkzeug für den richtigen Weg entschieden hat.“
Thorus blickte in das Licht.
„Wer bist du?“
Keine Antwort.
Nur Wärme.
Eine Wärme, die langsam durch seinen Körper floss und etwas in ihm berührte, von dessen Existenz er bisher nichts gewusst hatte.
Dann verschwand das Licht.
Die Baracke war wieder dunkel.
Thorus stand noch immer an derselben Stelle.
„Mein Werkzeug …“
Er setzte sich langsam zurück auf die Bettkante.
Doch die Wärme war geblieben.
Sie lag noch immer in seiner Brust.
Nicht wie ein Feuer, das brannte.
Eher wie eine kleine Flamme, die jemand entzündet hatte.
Eine Flamme, die nicht wärmte, um zu verbrennen, sondern um den Weg zu zeigen.
Thorus legte eine Hand auf seine Brust.
Für einen kurzen Moment schloss er die Augen.
Und wieder sah er etwas.
Keine Gestalt.
Kein Gesicht.
Nur Licht.
Unendlich hell, weit und ruhig.
Darin lag ein Gefühl, das er nicht benennen konnte.
Frieden.
Hoffnung.
Und etwas, das sich beinahe wie Gnade anfühlte.
Dann war die Vision verschwunden.
Thorus öffnete die Augen.
Zum ersten Mal seit seinem Erwachen fühlte sich die Leere in seinem Kopf nicht mehr ganz so bedrückend an.
Vielleicht musste er seine Vergangenheit nicht finden.
Vielleicht musste er einen neuen Weg finden.
Er stand auf und öffnete die Tür.
Das erste Sonnenlicht des Tages traf sein Gesicht.
Thorus kniff die Augen zusammen.
Doch anstatt sich abzuwenden, blieb er stehen und ließ die Wärme auf sich wirken.
Irgendwo tief in seinem Herzen regte sich eine leise Ahnung.
Vielleicht war dieses Licht nicht zufällig zu ihm gekommen.
Vielleicht hatte es ihn schon lange gesucht.
Und vielleicht …
war dies der erste Schritt auf einem Weg, dessen Ende er noch nicht sehen konnte.
Aber zum ersten Mal wusste Thorus, in welche Richtung er gehen wollte.
Dem Licht entgegen.
Thorus Ne'rul
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Das Licht, das blieb

Beitrag von Thorus Ne'rul »

Den größten Teil des Tages verbrachte Thorus damit, durch Britain zu streifen.
Die Stadt war ihm noch immer fremd, und doch fühlte sie sich mit jeder Stunde ein wenig vertrauter an. Menschen gingen ihren Geschäften nach, Händler priesen ihre Waren an, Handwerker standen vor ihren Werkstätten und irgendwo schimpfte ein Kutscher lautstark über ein störrisches Pferd.
Thorus beobachtete das Treiben und versuchte, sich einen Reim auf diese Welt zu machen.
Er sprach mit einigen Leuten.
Mit einem alten Händler, der ihm ausführlich erklärte, warum seine Äpfel die besten der gesamten Stadt seien. Mit einer jungen Frau, die ihm den Weg zum Marktplatz zeigte und dabei mehr über ihre Familie erzählte, als Thorus eigentlich hatte wissen wollen. Und schließlich mit einem grauhaarigen Mann, der ihm bei einem Becher Wasser von den Gefahren außerhalb der Stadtmauern berichtete.
Es waren ganz gewöhnliche Gespräche.
Und gerade das gefiel Thorus.
Niemand erwartete etwas von ihm.
Niemand wusste etwas über seine Vergangenheit.
Er musste sich nicht erklären.
Zum ersten Mal seit seinem Erwachen hatte er das Gefühl, einfach nur ein gewöhnlicher Mann zu sein, der seinen Weg suchte.
Während er durch die Straßen ging, bemerkte er etwas an sich selbst.
Seit dem Erscheinen des Lichts hatte sich etwas verändert.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.
Seine Gedanken waren ruhiger geworden. Wo vorher nur Leere und Unsicherheit gewesen waren, war nun eine seltsame Zuversicht. Selbst die Tatsache, dass er sich an nichts erinnern konnte, machte ihm nicht mehr dieselbe Angst.
Immer wieder kehrte dieses Gefühl zurück.
Eine angenehme Wärme tief in seiner Brust.
Als würde dort etwas ruhen.
Etwas, das ihn daran erinnerte, dass er nicht allein war.
Am Abend beschloss Thorus, sich ein Zimmer in einer Schenke zu nehmen.
Das Gasthaus lag unweit des Marktplatzes und war deutlich belebter, als Thorus zunächst erwartet hatte. Stimmen drangen durch die schwere Holztür, begleitet vom Lachen einiger Gäste und dem Klirren von Krügen.
Der Wirt musterte ihn kurz, nannte einen Preis und schob ihm schließlich einen kleinen Schlüssel über den Tresen.
„Zimmer sechs. Oben links.“
Thorus bedankte sich und stieg die schmale Holztreppe hinauf.
Das Zimmer war einfach, aber gemütlich.
An der rechten Wand stand ein schmales Bett mit einer dicken, etwas abgenutzten Decke. Daneben befand sich ein kleiner Nachttisch, auf dem eine Kerze in einem alten Messinghalter stand. Gegenüber stand ein hölzerner Tisch mit zwei Stühlen. Das Fenster war klein und zeigte auf eine der belebteren Straßen Britains.
An der Wand hing ein verblasstes Landschaftsbild.
Ein grüner Hügel, ein weiter Himmel und darüber eine Sonne, die beinahe vollständig hinter den Wolken verschwand.
Thorus musste unwillkürlich lächeln.
„Passend“, murmelte er.
Er stellte seine wenigen Sachen ab und setzte sich auf das Bett.
Durch das Fenster drangen gedämpfte Geräusche aus der Stadt. Stimmen. Schritte. Gelächter. Das Klappern von Wagenrädern.
Ein ganz gewöhnlicher Abend.
Thorus zog seine Stiefel aus und lehnte sich zurück.
Doch dann geschah es.
Ein sanfter Schein erschien mitten im Zimmer.
Thorus richtete sich sofort auf.
Das Licht.
Es war wieder da.
Diesmal war es anders.
Es gab keine Stimme.
Keine Worte.
Keine Erscheinung.
Es stand einfach da.
Still und ruhig.
Ein heller, warmer Schein, der den Raum erfüllte, ohne dabei Schatten zu werfen. Die Wände, das Bett, der Tisch – alles schien für einen Moment von einer sanften Helligkeit umgeben.
Thorus sagte nichts.
Er spürte keine Angst.
Ganz im Gegenteil.
Seit jenem ersten Augenblick hatte er dieses Gefühl jedes Mal begleitet.
Frieden.
Geborgenheit.
Hoffnung.
Also blieb er einfach sitzen.
Minuten vergingen.
Das Licht blieb.
Thorus betrachtete es aufmerksam, als würde er darauf warten, dass etwas geschah.
Doch nichts geschah.
Keine Stimme.
Kein Bild.
Kein Zeichen.
Nur Licht.
Und vielleicht war genau das die Botschaft.
Nicht jede Antwort musste ausgesprochen werden.
Thorus lehnte sich langsam zurück.
Seine Augen wurden schwer.
Er wusste nicht, wie lange er so dort gesessen hatte, als der Schein schließlich schwächer wurde.
Langsam zog er sich zusammen.
Dann verschwand er.
Zurück blieb nur das matte Licht der Kerze.
Thorus atmete tief ein.
Und in diesem Moment veränderte sich etwas.
Die Wärme, die bisher immer tief in seiner Brust gelegen hatte, breitete sich aus.
Zuerst in seine Schultern.
Dann in seine Arme.
Weiter hinab durch seinen Körper.
Bis schließlich jede Faser seines Seins von dieser angenehmen Wärme erfüllt war.
Thorus schloss die Augen.
Er fühlte sich leicht.
Stark.
Klar.
Für einen Moment war da keine Angst vor seiner Vergangenheit. Keine Unsicherheit über seine Zukunft.
Nur dieses Gefühl.
Als würde irgendwo jemand über ihn wachen.
Thorus legte eine Hand auf seine Brust.
„Was willst du mir zeigen?“, flüsterte er.
Keine Antwort.
Doch tief in seinem Inneren glaubte er plötzlich, die Antwort bereits zu kennen.
Nicht heute.
Vielleicht auch nicht morgen.
Aber irgendwann würde er verstehen.
Er musste nur weitergehen.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Thorus das Gefühl, dass sein Weg nicht ins Dunkel führte.
Sondern ins Licht.
Thorus Ne'rul
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Das Zeichen, das erschien

Beitrag von Thorus Ne'rul »

Der nächste Morgen begann für Thorus ruhiger, als er erwartet hatte.
Nachdem er die Schenke verlassen hatte, schlenderte er ohne bestimmtes Ziel durch die Straßen Britains. Langsam gewöhnte er sich an die Stadt. Die Stimmen der Händler, das geschäftige Treiben auf dem Markt und das Klappern der Wagenräder auf dem Pflaster wirkten inzwischen beinahe vertraut.
Vielleicht, dachte Thorus, würde Britain für eine Weile sein Zuhause werden.
Während er über den Marktplatz ging, fiel ihm wieder etwas ein, das ihm der Wirt am Vorabend erzählt hatte.
Die Bank.
Vielleicht gab es dort etwas, das ihm gehörte.
Also machte sich Thorus auf den Weg.
Die Bank von Britain war ein imposantes Gebäude. Zwischen den geschäftigen Straßen wirkte sie beinahe wie ein Ort, an dem selbst die Zeit etwas langsamer verging.
Hinter dem Tresen stand ein Mann namens Kalil.
Thorus trat näher.
„Ich suche nach meinem Bankfach. Thorus Ne’rul.“
Kalil sah ihn einen Moment lang an.
Dann nickte er.
„Natürlich. Euer Fach existiert noch.“
Diese Worte ließen Thorus aufhorchen.
Wenig später lagen mehrere Gegenstände vor ihm.
Eine Rüstung.
Ein Schwert.
Ein Schild.
Und ein Beutel mit Gold.
Thorus betrachtete die Sachen lange.
Sie fühlten sich fremd an.
Und gleichzeitig vertraut.
Er nahm das Schwert in die Hand.
Seine Finger schlossen sich wie von selbst um den Griff. Die Bewegung fühlte sich natürlich an, beinahe so, als hätte sein Körper nie vergessen, was sein Verstand längst verloren hatte.
Eine Erinnerung wollte sich zeigen.
Doch sie blieb verborgen.
Thorus ließ die Klinge langsam sinken.
„Vielleicht war ich tatsächlich jemand anderes.“
Er betrachtete die Rüstung.
„Aber ich muss nicht wieder dieser Mann werden.“
Mit seinen Sachen machte er sich auf den Weg.
Den Rest des Tages verbrachte er damit, alles auf Vordermann zu bringen. Die Rüstung wurde gereinigt, das Leder gepflegt und das Schwert sorgfältig poliert. Auch sein Schild erhielt wieder einen ansehnlichen Glanz.
Als Thorus schließlich vor dem Metall stand, spiegelte sich sein Gesicht darin.
Er erkannte den Mann darin noch immer nicht.
Doch zum ersten Mal störte ihn das nicht.
Vielleicht würde er seine Vergangenheit niemals vollständig zurückbekommen.
Vielleicht war das auch gar nicht nötig.
Auf dem Rückweg durch die Stadt begegnete ihm ein kleines Kind.
Es saß am Rand einer Straße, die Knie an den Körper gezogen, und hielt eine leere Schale in den Händen.
Thorus blieb stehen.
Das Kind sah zu ihm auf.
„Hast du etwas übrig?“
Thorus griff nach seinem Goldbeutel.
Einige Münzen wechselten den Besitzer.
Das Kind starrte ihn überrascht an.
„Danke.“
Thorus nickte nur und ging weiter.
Nach wenigen Schritten spürte er wieder die vertraute Wärme in seiner Brust.
Diesmal schien sie etwas stärker zu sein.
Er blieb kurz stehen und blickte zum Himmel.
Zwischen den Wolken brach ein Sonnenstrahl hervor.
Thorus musste lächeln.
Vielleicht war es Zufall.
Vielleicht auch nicht.
Am Abend kehrte er in die Schenke zurück.
Die Gaststube war gut besucht. Stimmen, Gelächter und das Klirren von Krügen erfüllten den Raum.
Thorus setzte sich an einen Tisch und ließ seinen Blick schweifen.
Dabei fiel ihm ein Zwerg auf.
Breite Schultern, kräftiger Bart und eine auffällige Ausstrahlung.
Ein Name drang aus einem Gespräch an Thorus’ Ohr.
Crovax Donnerhall.
Thorus konnte nicht sagen, warum, aber als er den Zwerg betrachtete, überkam ihn ein merkwürdiges Gefühl.
Vertrautheit.
Nicht stark genug, um eine Erinnerung hervorzurufen.
Aber stark genug, um seine Aufmerksamkeit zu halten.
Crovax schien ihn ebenfalls bemerkt zu haben.
Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke.
Thorus wollte gerade aufstehen, als plötzlich etwas geschah.
Zwischen ihnen erschien ein helles Licht.
Nur für einen Augenblick.
Es war klein, beinahe unscheinbar.
Doch Thorus erkannte es sofort.
Dasselbe Licht.
Dieselbe Wärme.
Dieselbe stille Präsenz, die ihn bereits seit seinem Erwachen begleitete.
Für einen Moment schien es, als würde das Licht genau zwischen den beiden stehen.
Dann verschwand es.
Einfach so.
Thorus blieb sitzen.
Crovax ebenfalls.
Keiner sagte etwas.
Doch Thorus konnte den Blick des Zwerges noch immer spüren.
Und irgendwo tief in seinem Inneren entstand ein Gedanke.
Vielleicht war es kein Zufall, dass dieses Licht gerade jetzt erschienen war.
Vielleicht hatte es ihn nicht nur hierhergeführt.
Vielleicht hatte es auch dafür gesorgt, dass sich ihre Wege kreuzten.
Thorus sah noch einmal zu Crovax hinüber.
Er wusste nicht, wer dieser Zwerg war.
Noch nicht.
Aber eines war ihm klar:
Ihre Geschichte hatte noch nicht begonnen.
Und vielleicht würde das Licht dafür sorgen, dass sie sich schon bald kennenlernen würden.
Thorus Ne'rul
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Der Glaube, der erwacht

Beitrag von Thorus Ne'rul »

Thorus hatte kaum Platz genommen, da krachte es auf dem Tisch.

Zwei schwere Krüge landeten vor ihm.

Der Inhalt schwappte über den Rand.

Thorus blickte auf die Krüge und anschließend zu dem Zwerg, der ihm gegenübersaß.

Crovax Donnerhall verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn mit einem prüfenden Blick an.

„Trink.“

Thorus hob eine Augenbraue.

„Guten Abend auch.“

Der Zwerg brummte.

„Trink.“

Ein kurzes Lächeln huschte über Thorus’ Gesicht. Er griff nach dem Krug und nahm einen Schluck.

Das Bier war kräftiger, als er erwartet hatte.

Crovax nickte zufrieden.

„Na also.“

Damit war offenbar das Wichtigste geklärt.

Was folgte, war ein Gespräch, wie es wohl nur mit einem Zwerg geführt werden konnte.

Crovax war direkt, laut und nicht sonderlich daran interessiert, seine Meinung schön zu verpacken. Er erzählte von Dingen, über die Thorus kaum etwas wusste, schimpfte über Menschen, die zu viel redeten, und behauptete nebenbei, dass ein gutes Bier mehr Wahrheit enthalte als die meisten Priester.

Thorus musste mehr als einmal lachen.

Es war seltsam.

Er kannte diesen Zwerg kaum.

Und trotzdem fühlte sich seine Gegenwart vertraut an.

Nicht wie eine Erinnerung.

Eher wie etwas, das schon immer an seinem Platz gewesen war und nun wiedergefunden wurde.

Eine Weile unterhielten sie sich über Britain, über die Menschen und über die merkwürdigen Wege, auf denen das Leben einen manchmal führte.

Dann geschah es.

Thorus verstummte.

Sein Blick wanderte plötzlich zur Seite.

Ein sanfter Schein hatte sich hinter Crovax gebildet.

Das Licht.

Schon wieder.

Crovax bemerkte Thorus’ Blick und drehte sich um.

Das Licht schwebte langsam durch den Raum.

Es bewegte sich nicht wie eine Flamme und auch nicht wie ein Zauber. Es glitt beinahe lautlos durch die Luft, bis es schließlich vor einem alten Bild stehen blieb.

An der Wand der Schenke hing ein Gemälde, das Thorus bisher gar nicht beachtet hatte.

Es zeigte einen Paladin.

Ein Mann in strahlender Rüstung, das Schwert in der einen Hand, einen Schild in der anderen. Hinter ihm war ein heller Himmel zu sehen, während sein Blick fest und ruhig über das Land zu wachen schien.

Das Licht schwebte direkt vor dem Bild.

Thorus stand langsam auf.

Crovax ebenfalls.

Beide starrten auf die Erscheinung.

„Du siehst es auch?“, fragte Thorus leise.

Der Zwerg kniff die Augen zusammen.

„Wenn du dieses verdammte Leuchten meinst … ja.“

Thorus sah ihn überrascht an.

Zum ersten Mal seit dem Erscheinen des Lichts wusste er mit Sicherheit:

Er war nicht der Einzige, der es sehen konnte.

Eine Weile sagte keiner der beiden etwas.

Das Licht blieb vor dem Bild.

Dann verblasste es langsam.

Zurück blieb nur das Gemälde.

Thorus setzte sich wieder.

Sein Blick ruhte auf dem Paladin.

„Warum ausgerechnet dieses Bild?“

Crovax brummte.

„Vielleicht will uns irgendwer einen Wink geben.“

„Wer?“

Der Zwerg zuckte mit den Schultern.

„Wenn ich das wüsste, würde ich wohl nicht hier sitzen und Bier trinken.“

Thorus musste erneut schmunzeln.

Doch dann wurde sein Blick ernst.

Er betrachtete die Rüstung des Paladins.

Den Schild.

Das Schwert.

Die ruhige Haltung.

Etwas daran berührte ihn.

„Vielleicht wollte es uns nicht den Mann zeigen“, sagte Thorus langsam. „Vielleicht wollte es uns zeigen, was er war.“

Crovax sah ihn an.

„Ein Paladin.“

Das Wort blieb zwischen ihnen hängen.

Thorus sprach es leise nach.

„Paladin.“

Es fühlte sich seltsam an.

Nicht fremd.

Aber auch nicht vertraut genug, um eine Erinnerung auszulösen.

Nur dieses warme Gefühl in seiner Brust kehrte zurück.

Ein Gast am Nebentisch hatte offenbar einen Teil ihres Gesprächs mitbekommen. Ein älterer Mann drehte sich zu ihnen um.

„Wenn ihr euch für Paladine interessiert, solltet ihr euch einmal nach den Paladinen des Mondes erkundigen.“

Thorus wandte sich ihm zu.

„Paladine des Mondes?“

Der Mann nickte.

„Eine Lichtgilde. Sie stehen für den Schutz der Menschen und dienen dem Licht. Soweit ich weiß, haben sie ihren Sitz nicht weit von hier.“

Crovax nahm einen weiteren Schluck.

„Und wo findet man diese Burschen?“

Der Mann nannte ihnen den Ort und erklärte grob den Weg dorthin. Er erzählte außerdem, dass dort nicht nur Krieger zu finden seien, sondern auch Priester und andere Diener des Lichts. Die Paladine des Mondes sind tatsächlich als Lichtgilde geführt; unter ihren Mitgliedern finden sich unter anderem Paladine und ein Priester Tyraels. (Schattenwelt)

Thorus hörte aufmerksam zu.

Paladine.

Licht.

Tyrael.

Wieder spürte er die Wärme.

Diesmal deutlicher als zuvor.

Er blickte hinüber zu dem Bild an der Wand.

Der Paladin darauf schien ihn noch immer anzusehen.

Und plötzlich fragte sich Thorus, ob das Licht wirklich nur zufällig erschienen war.

Vielleicht hatte es ihm eine Richtung gezeigt.

Vielleicht sogar eine Aufgabe.

Er wusste noch nicht, was ein Paladin war.

Noch wusste er nicht, was Tyrael bedeutete.

Aber eines wusste er inzwischen:

Immer wenn das Licht erschien, führte es ihn ein kleines Stück weiter.

Und diesmal hatte es ihm einen Namen gezeigt.

Paladine des Mondes.

Thorus nahm seinen Krug und trank einen Schluck.

Dann sah er zu Crovax.

Der Zwerg sagte nichts.

Doch auch sein Blick lag noch immer auf dem Bild.

Vielleicht würden sie dem Hinweis folgen.

Vielleicht würden sie ihn ignorieren.

Doch tief in Thorus wusste er bereits, dass seine Füße ihn eines Tages zu diesem Ort tragen würden.

Denn wenn das Licht ihn bisher eines gelehrt hatte, dann dies:

Manchmal muss man einer Antwort nicht hinterherlaufen.

Manchmal muss man nur dorthin gehen, wohin sie zeigt.
Thorus Ne'rul
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Das Vorbild, das blieb

Beitrag von Thorus Ne'rul »

Der Hinweis aus der Schenke ließ Thorus nicht mehr los.

Paladine des Mondes.

Seit das Licht ihm zum ersten Mal erschienen war, hatte er gelernt, auf solche Zeichen zu achten. Bisher hatte es ihn immer nur ein kleines Stück weitergeführt. Nie hatte es ihm eine klare Antwort gegeben.

Diesmal aber schien die Richtung eindeutig.

Gemeinsam mit Crovax machte er sich auf den Weg zu dem Ort, den der Fremde ihnen beschrieben hatte.

Der Weg führte sie aus dem geschäftigen Teil Britains hinaus. Mit jedem Schritt wurden die Stimmen der Stadt leiser. Schließlich tauchten vor ihnen die Mauern auf.

Thorus blieb einen Augenblick stehen.

Er wusste nicht genau, was er erwartet hatte.

Vielleicht einen Tempel.

Vielleicht eine gewaltige Festung.

Vielleicht gar nichts Besonderes.

Doch als er den Ort betrat, spürte er etwas, das ihm inzwischen vertraut vorkam.

Ruhe.

Nicht die Stille eines verlassenen Ortes.

Es war vielmehr eine Ruhe, die von den Menschen auszugehen schien, die hier lebten und wirkten.

Hier trafen sie auf Tarion.

Sein Auftreten unterschied sich von allem, was Thorus bisher in Britain gesehen hatte. In seiner Haltung lag eine Selbstverständlichkeit, die nicht aus Hochmut entstand, sondern aus Erfahrung.

Tarion war ein hoher Paladin.

Allein diese Tatsache ließ Thorus aufmerksam werden.

Er hörte ihm zu und nahm die Worte in sich auf.

Schließlich gewährte Tarion ihnen Zuflucht.

Für Thorus war das mehr, als es zunächst schien.

Er hatte keinen Namen vorzuweisen, der etwas bedeutete.

Keine Erinnerung.

Keine Vergangenheit, auf die er stolz sein konnte.

Und trotzdem wurde ihm hier eine Tür geöffnet.

Man gab ihm nicht nur einen Platz, an dem er bleiben konnte.

Man gab ihm die Möglichkeit, selbst herauszufinden, wer er sein wollte.

Dann erhielten Thorus und Crovax jeweils eine Robe.

Sie war schlicht gehalten, doch für Thorus bedeutete sie weit mehr als nur ein Kleidungsstück.

Sie war ein Zeichen.

Wer sie trug, konnte innerhalb der Mauern erkannt werden. Sie zeigte anderen, dass er hier willkommen war und diesen Ort betreten durfte.

Thorus strich langsam über den Stoff.

So wenig.

Und doch fühlte es sich für ihn wie der erste wirkliche Besitz an, der eine Bedeutung hatte.

Nicht etwas, das er aus seiner verlorenen Vergangenheit zurückbekommen hatte.

Sondern etwas, das er in seiner neuen Zukunft erhielt.

Er zog die Robe an.

Sein Blick fiel dabei auf Tarion.

Zum ersten Mal sah Thorus einen Mann, der das verkörperte, was er selbst noch nicht einmal benennen konnte.

Stärke, ohne sie zur Schau zu stellen.

Autorität, ohne andere kleinzumachen.

Und vor allem eine Ruhe, die Thorus tief beeindruckte.

Tarion schien seinen Platz gefunden zu haben.

Thorus hingegen suchte seinen noch.

Vielleicht war genau das der Unterschied.

Der eine wusste bereits, wohin sein Weg führte.

Der andere hatte gerade erst begonnen, ihn zu erkennen.

Thorus beobachtete den hohen Paladin eine Weile.

Nicht aus blinder Bewunderung.

Vielmehr entstand in ihm ein Wunsch.

Ein Gedanke, der zunächst kaum mehr als ein Flüstern war.

So möchte ich eines Tages auch sein.

Er stellte sich vor, irgendwann selbst in einer solchen Rüstung zu stehen.

Nicht wegen des Schwertes.

Nicht wegen der Macht.

Sondern wegen dessen, wofür diese Dinge standen.

Schutz.

Verantwortung.

Glaube.

Und vielleicht auch Hoffnung für jene, die selbst keinen Weg mehr sahen.

Thorus senkte den Blick auf seine Hände.

Die Hände eines Mannes, der nicht wusste, was er gestern getan hatte.

Aber vielleicht wusste er nun, was er morgen tun wollte.

In diesem Moment spürte er wieder die vertraute Wärme in seiner Brust.

Diesmal war sie nicht plötzlich gekommen.

Sie war einfach da.

Still.

Beständig.

Fast so, als würde etwas in ihm zustimmen.

Thorus sah noch einmal zu Tarion.

Er kannte diesen Mann kaum.

Und trotzdem hatte er das Gefühl, dass diese Begegnung etwas in seinem Leben verändert hatte.

Vielleicht war Tarion nicht die Antwort auf all seine Fragen.

Vielleicht war er nur ein Beispiel dafür, wohin ein Mensch gelangen konnte, wenn er sich dem Licht verschrieb.

Doch für Thorus genügte das.

Er hatte lange genug nicht gewusst, wer er war.

Nun hatte er zum ersten Mal eine Vorstellung davon, wer er werden wollte.

Noch war es nur ein Gedanke.

Ein Wunsch.

Ein fernes Ziel.

Doch irgendwo begann jeder Weg mit einem einzigen Schritt.

Und Thorus hatte diesen Schritt gerade getan.
Tarion Rontre
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Eine offene Tür

Beitrag von Tarion Rontre »

Unweit der Hauptstadt Britain durchschnitt ein schmaler Pass das Gebirge.

Wer ihn erreichen wollte, musste den kleinen Wald hinter dem Friedhof der Hauptstadt durchqueren. Dahinter stieg das Land allmählich an, bis die bewaldeten Hänge den ersten schroffen Felsen wichen und der Weg schließlich zwischen den Bergen hindurchführte.

Dort lag das Kloster.

Schon seine Lage machte deutlich, dass dieser Ort nicht allein für Gebet und Einkehr geschaffen worden war. Massive Mauern schlossen das Klostergelände gegen den Pass ab und verbanden sich an mehreren Stellen beinahe mit dem natürlichen Fels. Wehrgänge verliefen entlang der Befestigungen. Von dort aus ließ sich der Zugang zum Pass ebenso gut überblicken wie der Weg, der aus Richtung Britain heraufführte.

Der Schutz des Klosters lag in den Händen des Ordens selbst.

Wachen patrouillierten auf den Mauern. Bogenschützen hielten von erhöhten Positionen aus den Pass im Blick, während weitere Brüder und Schwestern das große Tor sicherten.

Nicht jeder, der hier eine Waffe trug, war ein Paladin oder Kleriker.

Das musste er auch nicht sein.

Unter den Verteidigern des Klosters fanden sich einfache Kämpfer ebenso wie erfahrene Bogenschützen. Selbst der eine oder andere Magier hatte seinen Platz innerhalb der Gemeinschaft gefunden.

Sie alle dienten demselben Ort.

Und sollte es notwendig werden, würden sie ihn gemeinsam verteidigen.

Doch wer aus Richtung der Hauptstadt kam, begegnete zunächst nicht den Mauern des Klosters.

Am Weg davor stand eine Kirche.

Anders als das eigentliche Kloster lag sie außerhalb der Befestigungen und ihre Türen standen den Menschen Britains und jedem friedlichen Reisenden offen. Niemand musste Bruder oder Schwester des Klosters sein, um dort zu beten, eine Kerze zu entzünden oder den Rat eines Geistlichen zu suchen.

An ihren Mauern war weithin sichtbar das Zeichen Tyraels angebracht.

Es ließ keinen Zweifel daran, welchem Glauben dieser Ort verbunden war.

Die Mauern schützten die Gemeinschaft.

Nicht den Zugang zum Glauben.

An diesem Tag waren es zwei Fremde, die schließlich vor das bewachte Tor des Klosters traten.

Thorus Nerul, ein Mensch.

Und Crovax Donnerhall, ein Zwerg.

Die Wachen hatten sie bereits lange vor ihrer Ankunft kommen sehen. Dennoch wurden weder Waffen gezogen noch Warnrufe über die Mauern geschickt.

Einer der Brüder am Tor trat ihnen entgegen.

„Das Licht mit euch.“

Sein Blick wanderte aufmerksam über die beiden Reisenden.

„Was führt euch zu unserem Kloster?“

Ihr Anliegen war zunächst bescheiden.

Sie suchten eine Unterkunft.

Einen Ort, an dem sie vorerst bleiben konnten.

Doch es war nicht allein die Aussicht auf ein Dach über dem Kopf, die sie bis hierher geführt hatte. In Britain hatten sie vom Orden der Paladine des Mondes erfahren. Nun wollten sie mehr über jene Gemeinschaft erfahren, die hinter diesen Mauern lebte.

Wer waren diese Paladine?

Welchem Leben hatten sie sich verschrieben?

Und wie sah das Leben an diesem Ort aus?

Der Bruder hörte sich ihr Gesuch an und stellte einige Fragen danach, was sie nach Britain und schließlich zum Kloster geführt hatte.

Es war keine Befragung, wie sie ein Gefangener über sich hätte ergehen lassen müssen.

Doch ein befestigtes Kloster konnte seine Tore ebenso wenig jedem Fremden öffnen, ohne wenigstens zu erfahren, wem es Einlass gewährte.

Schließlich nickte der Mann.

„Dann kommt herein.“

Auf sein Zeichen hin wurde das Tor geöffnet.

„Wer in Frieden an unsere Tore kommt und um ein Dach bittet, soll seine Bitte nicht davor vortragen müssen.“

Thorus und Crovax überschritten die Schwelle.

Hinter ihnen schloss sich das Tor wieder.

---

Erst innerhalb der Mauern offenbarte sich, dass hinter den Befestigungen weit mehr lag als ein Sitz von Priestern und Paladinen.

Das Kloster war eine kleine Gemeinschaft für sich.

Zwischen den steinernen Gebäuden verliefen Wege und kleine Gassen. Aus einer geöffneten Werkstatt drang das regelmäßige Schlagen eines Hammers. An anderer Stelle wurden Vorräte getragen, Werkzeuge instand gesetzt oder die alltäglichen Arbeiten verrichtet, die nötig waren, damit ein Ort wie dieser bestehen konnte.

Brüder und Schwestern kümmerten sich um die Gebäude und Befestigungen. Andere gingen ihren Wachdiensten nach. Auf den Wehrgängen bewegten sich Bogenschützen entlang der Mauern, während am Tor jene wachten, die Thorus und Crovax bereits bei ihrer Ankunft gesehen hatten.

Paladine und Priester waren dabei nur ein Teil dieser Gemeinschaft.

Hier lebten Kämpfer und Bogenschützen.

Magier.

Handwerker.

Bauern.

Geistliche.

Und Menschen, deren Aufgabe vielleicht weniger leicht an ihrer Kleidung zu erkennen war.

Jeder trug auf seine Weise zum Leben innerhalb dieser Mauern bei.

Der Bruder führte die beiden weiter durch das Kloster.

Erst als sie tiefer in die Anlage gelangten, öffnete sich vor ihnen der hintere Klosterhof.

Hier änderte sich das Bild.

Eingerahmt von den Gebäuden des Klosters und geschützt durch die umliegenden Felsen des Gebirges erstreckten sich die Ackerflächen der Gemeinschaft.

Die Lage machte diesen Teil des Klosters von außen beinahe uneinsehbar. Während die vorderen Mauern den Zugang durch den Pass sicherten, bildete das Gebirge selbst einen natürlichen Schutz um die rückwärtigen Flächen.

Hier wurde angebaut, was die Gemeinschaft zum Leben benötigte.

Die Felder waren groß genug, um die Bewohner des Klosters zu versorgen und in guten Zeiten zusätzliche Vorräte für den Winter oder andere Notzeiten anzulegen.

Mehr sollten sie auch nicht leisten.

Die Ernte war nicht für die Märkte Britains bestimmt.

Das Kloster betrieb keinen Handel mit seinen Feldern.

Was hier wuchs, blieb innerhalb der Gemeinschaft und diente jenen, die sie trugen.

Einige Brüder und Schwestern arbeiteten zwischen den Reihen. Andere waren damit beschäftigt, bereits Geerntetes in Körben fortzutragen.

Der Bruder grüßte einen der Männer auf dem Feld.

„Bruder.“

Der Bauer richtete sich kurz auf.

„Bruder.“

Ein paar Schritte weiter kam ihnen eine Frau entgegen.

„Schwester.“

„Bruder.“

Kein Titel verriet dabei, wer einen Acker bestellte, wer ein Schwert führte, wer die Lehren des Glaubens verkündete oder wer die arkanen Künste beherrschte.

Hier waren sie Brüder und Schwestern.

Der Bruder führte Thorus und Crovax schließlich an einen ruhigeren Ort und ließ sich ihr Anliegen genauer schildern.

Thorus erklärte, dass sie fürs Erste vor allem einen Platz zum Bleiben suchten.

Crovax ergänzte, dass sie mehr über das Kloster erfahren wollten.

Über die Menschen, die hier lebten.

Und über den Orden der Paladine des Mondes.

Der Bruder hörte aufmerksam zu.

„Dann seid ihr zumindest schon einmal am richtigen Ort.“

Ein leichtes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht.

Sein Blick wechselte zwischen dem Menschen und dem Zwerg.

„Wenn ihr allerdings mehr über unseren Orden und unser Leben erfahren wollt, solltet ihr wohl mit Bruder Tarion sprechen.“

Thorus sah ihn fragend an.

„Bruder Tarion?“

„Das Oberhaupt unseres Klosters.“

Mehr fügte er nicht hinzu.

„Wartet hier.“

Der Mann erhob sich.

„Ich werde sehen, ob er Zeit für euch hat.“

---

Die große Bibliothek gehörte zu den ruhigsten Orten innerhalb des Klosters.

Hohe Regale standen dicht an dicht. Bücher, Schriftrollen und Aufzeichnungen füllten sie, gesammelt über viele Jahre und bewahrt für jene, die nach Wissen suchten.

Nur gelegentlich wurde die Stille vom Umblättern einer Seite oder den leisen Schritten eines Bruders oder einer Schwester unterbrochen.

Hinter der Bibliothek befand sich die Schreibstube.

Dort saß Tarion.

Keine Rüstung bedeckte seine Schultern.

Kein Schwert hing an seiner Seite.

Innerhalb dieser Mauern bestand wenig Grund, den Tag in Stahl gekleidet zu verbringen.

Tarion trug eine schlichte weiße Robe.

Vor ihm lagen mehrere Berichte und Briefe.

Einige waren bereits gelesen und ordentlich an einer Seite des Tisches abgelegt worden. Ein weiteres Schreiben lag unmittelbar vor ihm, daneben ein Tintenfass.

Tarion führte die Feder über das Papier.

Die Führung eines Klosters bestand nur zu einem erstaunlich kleinen Teil daraus, mit gezogenem Schwert gegen die Dunkelheit zu kämpfen.

Vorräte mussten erfasst werden.

Korrespondenz mit dem Königreich wollte beantwortet sein.

Reparaturen mussten geplant werden.

Ernten, Ausgaben und benötigte Materialien verschwanden nicht deshalb, weil der Mann, auf dessen Tisch die entsprechenden Berichte landeten, ein Paladin war.

Tarion setzte gerade seine Unterschrift unter eines der Schriftstücke, als es an der Tür klopfte.

„Herein.“

Die Tür öffnete sich.

Ein Bruder trat ein.

Tarion blickte von seinem Schreiben auf.

„Bruder.“

„Bruder Tarion.“

Der Mann trat einige Schritte näher.

„Verzeih die Störung.“

Tarion legte die Feder neben das Tintenfass.

„Du störst nicht. Was gibt es?“

„Wir haben zwei Gäste.“

Tarion wartete.

„Sie kamen vor kurzer Zeit am Tor an. Ein Mensch und ein Zwerg. Thorus Nerul und Crovax Donnerhall.“

Die Namen sagten ihm nichts.

„Sie baten um Unterkunft. Wir haben ihnen Einlass gewährt.“

Tarion nickte.

„Gut.“

Der Bruder fuhr fort.

„Sie haben in Britain von unserem Kloster erfahren. Und von den Paladinen des Mondes.“

Nun schenkte Tarion ihm seine volle Aufmerksamkeit.

„Was suchen sie?“

„Vorerst wohl nicht mehr als ein Dach über dem Kopf.“

Der Bruder hielt kurz inne.

„Aber sie möchten mehr über uns erfahren. Über den Orden und darüber, wie wir hier leben.“

Tarion blickte für einen Moment auf die Schriftstücke vor sich.

„Verstehe.“

„Ich dachte, sie sollten mit dir sprechen.“

Tarion nickte.

„Das sollen sie.“

Er legte das Schreiben zu den bereits bearbeiteten Schriftstücken und verschloss das Tintenfass.

„Wo sind sie?“

„Ich habe sie warten lassen.“

Tarion erhob sich.

Die übrigen Berichte und Briefe würden auch später noch dort liegen.

Zwei Gäste, die zum ersten Mal innerhalb ihrer Mauern standen, sollten ihren ersten Eindruck vom Kloster hingegen nicht wartend in irgendeinem Raum gewinnen.

„Dann wollen wir unsere Gäste nicht länger allein lassen.“

Tarion trat um den Tisch herum.

Gemeinsam gingen die beiden Brüder durch die große Bibliothek.

Noch bevor sie diese verließen, blieb Tarion jedoch stehen.

„Einen Augenblick, Bruder.“

Der andere Mann sah ihn fragend an.

„Ich möchte zuvor noch etwas holen.“

Tarion schlug nicht unmittelbar den Weg zu den beiden Gästen ein. Stattdessen führte ihn sein Weg zunächst zu seiner eigenen Kammer.

Es wäre leicht gewesen, ihnen so gegenüberzutreten, wie er gerade aus der Schreibstube gekommen war.

In seiner weißen Robe.

Unbewaffnet.

Innerhalb der Mauern seines eigenen Klosters.

Doch Tarion hatte zu viele Jahre im Kampf gegen die Finsternis verbracht, um sich von der scheinbaren Harmlosigkeit einer Situation täuschen zu lassen.

Zwei Fremde standen innerhalb ihrer Mauern.

Sie hatten höflich um Unterkunft gebeten.

Sie hatten keinen Anlass zu Misstrauen gegeben.

Und vielleicht waren sie tatsächlich nichts weiter als genau das, was sie vorgaben zu sein.

Zwei Reisende auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf und Antworten auf einige Fragen.

Tarion hoffte es.

Aber Hoffnung war kein Ersatz für Vorsicht.

Die Finsternis hatte viele Gesichter.

Nicht alle davon zeigten ihre Zähne, bevor sie zuschlugen.

Er hatte in all den Jahren zu oft erlebt, wie etwas Harmloses sich als List erwiesen hatte. Wie Vertrauen ausgenutzt und Gutgläubigkeit gegen jene verwendet worden war, die nur hatten helfen wollen.

Das hatte ihn nicht gelehrt, seine Tür vor Fremden zu verschließen.

Aber es hatte ihn gelehrt, vorbereitet zu sein, wenn er sie öffnete.

In seiner Kammer legte Tarion die weiße Robe ab und griff nach seiner Kettenrüstung.

Das Metall schimmerte in einem hellen Blau, einer der Farben der Paladine des Mondes. Ring für Ring legte sich das Geflecht über seinen Körper.

Darüber befestigte er eine strahlend weiße Schärpe.

An ihr befand sich das Siegel der Paladine des Mondes.

Dann nahm Tarion den Schwertgurt auf.

Die Scheide war ebenso wenig prunkvoll wie die Waffe, die darin ruhte. Kein reich verzierter Griff und keine Edelsteine ließen vermuten, dass das Schwert an der Seite eines hohen Paladins getragen wurde.

Es wirkte beinahe gewöhnlich.

Ein Werkzeug.

Nicht mehr.

Tarion legte den Gurt an und ließ die Scheide an seiner Seite zur Ruhe kommen.

Zuletzt nahm er den weißen Umhang.

Der Stoff fiel über seine Schultern und bildete einen deutlichen Kontrast zum metallischen Blau der Kettenrüstung.

Blau und Weiß.

Die Farben des Ordens.

Tarion betrachtete sich nicht im Spiegel.

Es gab keinen Grund dazu.

Er wusste, wie die Rüstung saß.

Er hatte sie oft genug getragen.

Dann öffnete er die Tür.

„Wir können.“

Der Bruder wartete noch immer auf ihn.

Sein Blick fiel kurz auf die Rüstung, doch er stellte keine Frage.

Auch das gehörte zu diesem Ort.

Wer lange genug mit Männern und Frauen zusammenlebte, die gegen die Finsternis kämpften, lernte, dass Vorsicht keine Beleidigung eines Gastes sein musste.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

---

Thorus und Crovax mussten nicht lange warten.

Schritte näherten sich.

Der Bruder, der sie zuvor verlassen hatte, erschien wieder.

Doch diesmal kam er nicht allein.

Neben ihm ging ein Mann in einer hellblau schimmernden Kettenrüstung.

Ein strahlend weißer Umhang lag über seinen Schultern. Über der Rüstung verlief eine ebenso weiße Schärpe, an der das Siegel der Paladine des Mondes zu erkennen war.

An seiner Seite hing ein Schwert.

Wer aufgrund der übrigen Erscheinung eine prachtvolle Waffe erwartet hätte, mochte davon überrascht sein.

Das Schwert wirkte schlicht.

Fast gewöhnlich.

Tarion trat zu den beiden Fremden.

Sein Blick wanderte zunächst zu Thorus, dann zu Crovax.

Aufmerksam.

Nicht feindselig.

Aber auch nicht achtlos.

Dann wandte er sich zuerst an seinen Begleiter.

„Danke, Bruder.“

Der Mann nickte.

„Natürlich, Bruder Tarion.“

„Ich kümmere mich um unsere Gäste. Geh ruhig wieder deinen Aufgaben nach.“

„Wie du wünschst.“

Tarion sah ihm einen Moment nach, während der Bruder sich entfernte.

Erst dann wandte er seine ungeteilte Aufmerksamkeit den beiden Fremden zu.

Für einen kurzen Augenblick herrschte Stille.

Tarion ließ seinen Blick noch einmal über beide Männer gleiten.

Ein Mensch.

Ein Zwerg.

Zwei Namen, die ihm bis vor wenigen Augenblicken vollkommen unbekannt gewesen waren.

Dann neigte er leicht den Kopf.

„Das Licht mit euch.“

Seine Stimme war ruhig.

„Mein Name ist Tarion Rontre. Die Brüder und Schwestern hier nennen mich Bruder Tarion.“

Er deutete mit einer offenen Hand auf die Plätze vor ihnen.

„Wie ich hörte, seid ihr Thorus Nerul und Crovax Donnerhall.“

Sein Blick wechselte zwischen ihnen.

„Man sagte mir, ihr sucht für eine Weile Unterkunft bei uns.“

Tarion nahm ihnen gegenüber Platz.

Die Scheide seines Schwertes legte sich dabei seitlich an den Stuhl.

„Und ihr möchtet etwas über unseren Orden erfahren.“

Er lehnte sich leicht zurück.

Nicht wie ein Richter, der zwei Bittsteller vor sich hatte.

Eher wie ein Mann, der sich Zeit genommen hatte, zwei Fremden zuzuhören.

„Dann erzählt mir zunächst von euch.“

Tarion sah die beiden ruhig an.

„Was hat euch zu uns geführt?“

Und dann schwieg er.

Nicht, weil ihm weitere Fragen fehlten.

Sondern weil es nun an der Zeit war, zuzuhören.
Thorus Ne'rul
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Der erste Schritt

Beitrag von Thorus Ne'rul »

Thorus saß Tarion gegenüber und ließ dessen letzte Worte einen Moment auf sich wirken.
Was hat euch zu uns geführt?
Eine einfache Frage.
Und doch wusste Thorus nicht recht, wie er darauf antworten sollte.
Was ihn hierhergeführt hatte, war schließlich nicht nur ein Wunsch nach Unterkunft.
Es war das Licht.
Doch wie sollte man jemandem von einem Licht erzählen, das einfach erschien, ohne zu wissen, woher es kam oder was es von ihm wollte?
Thorus entschied sich zunächst für das, was er mit Sicherheit wusste.
Er erzählte von seiner fehlenden Erinnerung. Von dem Namen, der ihm geblieben war. Von dem alten Pergament, das ihn mit dem Orden Malions in Verbindung gebracht hatte, obwohl er selbst keine Erinnerung daran besaß.
Er berichtete davon, wie er das Schriftstück zerrissen hatte.
Und schließlich erzählte er von dem Licht.
Von seinem ersten Erscheinen.
Von der Stimme.
Von der Wärme, die seitdem immer wieder durch seinen Körper zog.
Und auch von dem seltsamen Ereignis in der Schenke.
Wie das Licht plötzlich zwischen ihm und Crovax erschienen war und anschließend zu dem Bild eines Paladins geschwebt war.
Thorus verschwieg nichts.
Nicht, weil er bereits verstand, was all das bedeutete.
Sondern weil er hoffte, dass vielleicht jemand anderes eine Antwort darauf hatte.
Nachdem er davon erzählt hatte, wanderte sein Blick für einen Augenblick durch den Raum.
Dann blieb er wieder bei Tarion.
„Ich möchte mehr über die Paladine des Mondes erfahren.“
Thorus sprach ruhig, aber seine Stimme verriet, wie ernst es ihm damit war.
„Was genau bedeutet es, ein Paladin zu sein?“
Er wartete einen Augenblick, bevor er die nächste Frage stellte.
„Und wie wird man einer?“
Zum ersten Mal fühlte sich die Frage für Thorus größer an als all die Fragen nach seiner Vergangenheit.
Er wollte nicht wissen, wer er gewesen war.
Nicht mehr.
Er wollte wissen, wer er werden konnte.
Also fragte er weiter.
Wie man Mitglied der Gemeinschaft werden konnte.
Was von einem Anwärter erwartet wurde.
Ob man bereits kämpfen können musste.
Ob der Glaube an das Licht Voraussetzung war oder ob man ihn erst auf dem Weg dorthin fand.
Und schließlich wollte Thorus wissen, ob ein Mann ohne Vergangenheit überhaupt eine Chance hatte, diesen Weg zu beschreiten.
Er hörte aufmerksam zu und versuchte, sich jedes Wort zu merken.
Dabei fiel sein Blick immer wieder auf Tarions Ausrüstung.
Die Rüstung.
Das Schwert.
Das Zeichen der Paladine des Mondes.
Alles wirkte auf Thorus plötzlich weniger wie ein bloßes Zeichen von Rang und mehr wie das Ergebnis eines langen Weges.
Eines Weges, den er selbst vielleicht noch vor sich hatte.
Er dachte an seine erste Begegnung mit dem Licht zurück.
An die Stimme, die ihm gesagt hatte, dass dies der richtige Weg sei.
Vielleicht war es tatsächlich eine Antwort gewesen.
Nicht auf die Frage, wer er einmal gewesen war.
Sondern auf die Frage, wer er eines Tages sein sollte.
Thorus senkte kurz den Blick.
Er wusste, dass zwischen ihm und einem Paladin noch vieles lag.
Ausbildung.
Glaube.
Disziplin.
Erfahrung.
Vielleicht Prüfungen, die er sich noch nicht einmal vorstellen konnte.
Doch zum ersten Mal hatte er ein Ziel, das sich richtig anfühlte.
Nicht wegen der Rüstung.
Nicht wegen des Schwertes.
Sondern wegen dessen, was dahinterstand.
Ein Paladin konnte für andere einstehen.
Schutz bieten.
Den Schwachen helfen.
Und vielleicht ein Licht sein, wenn andere keines mehr sahen.
Thorus dachte an das bettelnde Kind in Britain.
An die Wärme, die er gespürt hatte, nachdem er ihm geholfen hatte.
Vielleicht war es genau das, was ihn an diesem Weg so sehr faszinierte.
Nicht Macht.
Sondern die Möglichkeit, etwas Gutes zu bewirken.
Er hob den Blick wieder.
Für einen Moment schwieg er.
Dann fasste er einen Entschluss.
Wenn dieser Weg tatsächlich seiner sein sollte, musste er irgendwo beginnen.
Thorus atmete tief durch.
Sein Blick blieb auf Tarion gerichtet.
„Tarion …“
Er zögerte kurz.
Dann stellte er die Frage, die ihm seit einiger Zeit durch den Kopf ging.
„Sucht Ihr vielleicht noch einen Knappen?“
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