Es kam aus dem Berg...
Vel lag am Rand des Waldes, dort, wo die Bäume dünner standen und ein offenes Licht zwischen den Stämmen lag, das Kinn auf den Vorderläufen, und sah hinaus. Sie tat das öfter in letzter Zeit. Sie wusste nicht, warum. Der Wald war ihre Welt, der ganze, seit sie denken konnte: das Rudel, das irgendwo hinter ihr im Dickicht schlief, die alte Ziehmutter, der Leitwolf, die Geschwister. Die Fährten. Der Bach. Und die Mutter über allem, jede Nacht.
Sie war ein Wolf. Meistens. Groß für ihr Alter, mit etwas Halbfertigem in den langen Läufen, und mit Augen, die keine Wölfin hatte: blass, frostig, eisgrau. Die Ziehmutter hatte sie ihr als Welpe manchmal aus dem Fell geleckt, als könne man das abwaschen. Man konnte es nicht. Es hatte nie etwas bedeutet. Im Wald bedeutete so etwas nichts.
Sie war schon halb im Aufstehen, um zum Rudel zurückzugehen, als der Wind drehte.
Stein. Metall. Blut.
Stein, so alt, dass er keinen Namen mehr brauchte. Metall, viel davon, mehr, als sie je auf einmal gerochen hatte; sie kannte es von den Fallen, die die Menschen in die Lichtungen legten und aus denen sie Tiere zog, wenn niemand sah. Blut, das lange getrocknet war und immer noch Blut sein wollte. Und darunter … etwas Süßes. Etwas, das ihr Wolf nicht mochte, bevor sie wusste, warum.
Ihre Ohren gingen nach vorn. Ihr Nacken sträubte sich.
Der Wolf riecht was.
Ich auch.
Der Wolf will nachsehen.
Ich weiß.
Und dann, kälter, von weiter hinten, wo eine Stimme wohnte, die selten sprach und nie fragte:
Das kenne ich.
Vel hielt still. Die Kalte sprach nicht oft. Wenn sie sprach, hatte sie recht, und Vel mochte das nicht.
Was kennst du?
Den süßen Geruch. Das ist kein Tier. Das ist gemacht.
Und ganz hinten, dort, wo alle drei nie hinsahen, hob etwas den Kopf. Es sagte nichts. Es sagte nie etwas.
Der Geruch kam nicht vom Weg. Er kam von der anderen Seite, wo der Boden anstieg und der Wald gegen den Fels lief, und er kam von unten. Sie kannte Höhlen. Höhlen rochen nach Fuchs und nach Nässe und manchmal nach Bär. Diese hier roch nach etwas, das gegangen war, sehr lange, und jetzt kam. In ihren Wald. In der Nacht. Wenn die Mutter hoch stand.
Die kommen in unseren Wald, sagte der Wolf, und es klang wie ein Welpe, der einen Käfer gefunden hat. In der Nacht. Wenn die Mutter zusieht.
Dann sehen wir sie uns an.
Der Wolf will mehr als ansehen.
Erst ansehen.
Vel grinste, so wie Wölfe grinsen: mit den Ohren.
Sie ging. Nicht auf dem Weg, nie auf dem Weg. Durch den Wald, den sie kannte wie ihr eigenes Fell, von Schatten zu Schatten, und die Halme blieben stehen, wo sie gegangen war. Wittern, ducken, weiter. Wittern, ducken, weiter. Über ihr, zwischen den Kronen, ging die Mutter mit. Rund und weiß und wach. Da bist du. Solange sie zusah, war nichts falsch an der Welt.
Und da, leise, so leise, dass sie es fast für den Wind hielt, kam die vierte Stimme. Die, für die sie keinen Namen hatte. Die nie sagte, was sie war, und nie wollte, dass Vel etwas tat. Sie sagte nur:
Geh sacht. Sie haben einen weiten Weg hinter sich.
Vel wusste nicht, woher die Stimme das wusste. Sie wusste es nie. Sie ging sachter.
Dann öffnete sich der Wald, und Vel machte sich flach im Farn.
Nebel lag auf der Lichtung, kniehoch, wie er in kalten Nächten aus dem Boden kam, und das Licht der Mutter lag auf dem Nebel, und der Berg dahinter … atmete.
Es gab einen Spalt im Fels, schwarz, wo vorher kein Spalt gewesen war, und aus dem Spalt kamen Wesen. Sie kamen, wie die Ameisen aus einem Stamm kommen, wenn man ihn aufbricht: viele, still, in einer Ordnung, die sie nicht lesen konnte. Zweibeiner. Aufrecht. Sie gingen durch den Nebel, als gehörte er ihnen.
Und sie waren leise.
Das war das Erste, was Vel begriff, mit dem Teil von ihr, der Fährten las. Metall klirrt. Die Menschen, die manchmal am Waldrand vorbeizogen, klirrten bei jedem Schritt, so laut, dass der Wald sie lange vorher kannte. Diese hier klirrten nicht. Sie setzten die Füße, wie sie selbst die Pfoten setzte, und der Wald hörte sie nicht. So gehen Jäger. So geht ein Rudel, das weiß, was es tut.
Die glauben, sie sind hier die Jäger, sagte der Wolf, und er lachte dabei, lautlos, mit dem ganzen Bauch. Guck sie dir an. So leise. So stolz.
Lass sie glauben.
Der Wolf will ihnen zeigen, wem der Wald gehört.
Der Wald gehört niemandem.
Der Wald gehört uns.
Die Ordnung kenne ich auch, sagte die Kalte, und sie sagte es, wie man eine Fährte liest, die man früher schon einmal gelesen hat. Vorne die, die Befehle gibt. Dann die Klingen. Dann das, was man tragen lässt. Sieh hin. So geht man, wenn man weiß, dass jeder hinter einem einen Dolch hat.
Woher weißt du das?
Die Kalte antwortete nicht. Sie antwortete nie auf diese Frage.
Sie glaubten, sie wären hier die Jäger. Sie kamen aus ihrem Loch, leise und stolz, und gingen durch den Nebel in einen Wald, der schon jemandem gehörte. Sie kannten den Bach nicht und die Fallen nicht und die Stelle, an der der Bär schlief. Sie kannten den Baum nicht. Vel kannte den Baum. Sie war der Baum … der eine, ganz am Ende des Waldes, in dessen Ästen alles hing, was sie war: der Wolf und die Kalte und die, die keinen Namen hatte, und der Bruder, den keine von ihnen ansah. Wer bis hierher kam, kam zu dem Baum. Ob er wollte oder nicht.
Sie leckte sich die Lefzen und wusste nicht, wann sie damit angefangen hatte.
Dann kamen die Tiere.
Der Geruch schlug ihr ins Gesicht wie eine Pfote: zottig, dumm, warm, stinkend. Beute. Beute, die nie gelaufen war. Beute, die man nicht jagen musste, weil sie einem hinterherging. Etwas in ihrem Magen drehte sich um, heiß, und der Speichel kam.
Die laufen nicht mal. Die laufen nicht mal weg. Der Wolf muss nur hingehen.
Wir sind satt.
Der Wolf ist nie satt. Der Wolf ist nur manchmal nicht hungrig.
Dann sei jetzt nicht hungrig.
Sie würden dich sehen, sagte die Kalte. Und dann wüssten sie, dass hier etwas ist, das größer ist als ein Wolf. Willst du das?
Nein.
Dann friss später. Es läuft dir nicht weg. Das ist das Schöne an Vieh.
Vel schluckte den Speichel hinunter und drückte den Bauch in die Erde. Satt. Sie war satt, sie war satt, sie war satt.
Dann kamen andere, die keuchten und gebückt gingen, und deren Angst konnte sie riechen bis hierher, und sie verstand nicht, warum die einen die anderen trieben. Wölfe treiben Beute. Diese trieben ihresgleichen.
Das sind nicht ihresgleichen, sagte die Kalte. Das ist, was man hat.
Sie haben Angst, sagte die Stimme ohne Namen. So wie du, wenn der Bär kommt. Genau so.
Angst ist Beute, sagte der Wolf.
Angst ist Angst, sagte die Stimme ohne Namen, und dann sagte sie nichts mehr, so wie immer, wenn Vel sie hätte fragen wollen.
Vel legte den Kopf schräg.
Und dann sah sie die Gesichter.
Das Licht der Mutter lag auf der Lichtung wie eine geöffnete Hand, und in diesem Licht sah Vel, was sie noch nie gesehen hatte. Nicht an den Menschen, deren Fallen sie aus den Lichtungen zog. Nicht am Rudel. Haut wie die Nacht. Haar wie Schnee. Sie kannte das. Sie kannte das von ihren eigenen Händen, in den seltenen Stunden, in denen sie sich die andere Gestalt überzog und hinunter sah auf zehn tapsige Finger, dunkel wie nasse Erde. Sie kannte das vom Spiegel im Bach, wenn der Wind stillstand: das helle Haar, das sie mit Beeren färbte, weil es ihr zu auffällig war im Wald. Sie hatte nie gewusst, dass es so aussehen sollte. Sie hatte nie gewusst, dass es überhaupt irgendwie aussehen sollte.
Meine Haut. Mein Haar.
Meine, sagte die Kalte, und zum ersten Mal, seit Vel sie kannte, klang sie nicht kalt. Das sind meine. Sieh, wie sie gehen. Sieh, wie sie den Kopf halten. Das ist meins.
Das ist unsers, sagte Vel, und wusste nicht, ob es stimmte.
Etwas in ihrer Brust wurde weit, so weit, dass es weh tat, und es war ein anderes Weh als der Hunger. Sie hatte nicht gewusst, dass es andere gab. Sie hatte nie gefragt, denn es gab niemanden, den man fragen konnte. Und jetzt kamen sie aus dem Berg, viele, mit ihrer Haut, mit ihrem Haar, in ihren Wald, zu ihrem Baum, und der Wolf hörte auf zu lachen, weil das andere in ihr etwas wollte, das der Wolf nicht kannte.
Was ist das, fragte der Wolf. Das ist kein Hunger.
Ich weiß nicht.
Der Wolf mag es nicht.
Es ist Sehnsucht, sagte die Stimme ohne Namen. Es tut nicht weh, weil es falsch ist. Es tut weh, weil es lange geschlafen hat.
Sei still, sagte die Kalte, und die Stimme ohne Namen war still.
Hingehen. Riechen, ob sie nach Rudel rochen.
Dann drehte eines der Gesichter sich, und sie sah die Augen.
Rot. Wie Glut, wenn das Feuer fast aus ist. Alle. Jedes Gesicht, das sie im Licht fand, trug diese Glut, und keines trug das, was sie im Bach sah: das Blasse, das Frostige, das nicht abzuwaschen war.
Nicht meine Augen.
Nein, sagte die Kalte. Deine sind falsch. Die würden das sofort sehen. Die würden denken, du bist blind. Oder krank. Oder beides.
Und dann?
Dann würden sie tun, was man mit Kranken tut.
Und sie sahen nicht hinauf.
Das war das Zweite, das Vel begriff, und es war schwerer als das Erste. Die Mutter stand hoch und voll über der Lichtung, so hell, wie sie nur in den besten Nächten war, und sie legte ihr Licht auf jeden von ihnen, auf die Schultern, auf das Haar, auf die roten Augen. Und keiner sah hin. Sie sahen auf den Boden. Sie sahen in den Wald. Einer sah hinauf, ein Einziger, und blieb hängen, wie sie selbst immer hängen blieb … und dann kam ein Laut von einem anderen, leise und scharf, und der Eine senkte den Kopf, als hätte man ihn geschlagen.
Die Mutter sah ihnen zu, und sie wollten es nicht.
Jäger, sagte der Wolf. Jäger sehen weg vom Licht. Sonst sieht die Beute die Augen.
Wir sehen zur Mutter.
Wir sind keine Jäger wie die.
Sie sehen nicht weg, weil sie jagen, sagte die Kalte. Sie sehen weg, weil man es ihnen beigebracht hat.
Sie haben es verlernt, sagte die Stimme ohne Namen, ganz leise. Das ist alles. Man kann es wieder lernen.
Nein, sagte die Kalte. Kann man nicht.
Man sah zur Mutter. Man sah immer zur Mutter. Man lag im Gras und ließ sich ansehen, und dann war man nicht mehr allein, egal wie leer der Wald war. Wer sah weg?
Da war die eine, die stillstand.
Alle anderen bewegten sich. Nur die eine stand, ganz vorn, mit dem Rücken zum Berg, und rührte sich nicht, als wäre sie ein Stein, der schon da gewesen war, bevor der Berg sich geöffnet hatte. Vel sah, wie die anderen um sie herum langsamer wurden. Wie sie den Kopf senkten, wenn sie an ihr vorbeikamen. So wird ein Rudel langsam um die Leitwölfin, ohne dass jemand knurrt.
Die da, sagte die Kalte. Die ist es. Die anderen sind nur, was sie hat.
Und die Leitwölfin hatte eine Hand am Fels. Vel sah es nur, weil sie Bewegung las wie andere Spuren: die Hand hielt sich fest. Einen Atemzug lang. Dann löste sie sich, und die eine stand wieder, als hätte sie nie etwas gehalten.
Vel kannte das. Von sich selbst. Am Waldrand, wenn sie weiter hinaussah, als sie zu gehen wagte.
Sie hat Angst, sagte die Stimme ohne Namen. Nur einen Atemzug lang. Aber sie hat.
Sie darf nicht, sagte die Kalte. Nicht die. Wenn die Angst hat, sind alle anderen tot.
Trotzdem hat sie.
Und da kam die Frage, für die sie kein Wort hatte, so wie sie für so vieles kein Wort hatte. Sie kam nicht als Frage. Sie kam als Bild: dass sie aufstand und hinüberging, durch den Nebel, mit ihrer Haut und ihrem Haar und ihren falschen Augen, und dass eines der roten Gesichter sich drehte und … was? Ob sie eines wie sie ins Rudel ließen. Ob sie es täten, wenn sie wüssten, was im Baum hing.
Frag nicht, sagte der Wolf, ganz leise. Der Wolf weiß es. Du weißt es.
Sie würden dich nehmen, sagte die Kalte. Für die Haut. Für das Haar. Und dann würden sie dich benutzen, bis nichts mehr übrig ist. So machen wir das.
Wir?
Sie. Ich meinte sie.
Vielleicht nicht alle, sagte die Stimme ohne Namen. Nie alle.
Und der da hinten wusste es am besten. Der Bruder sagte nichts. Er sagte nie etwas. Er wurde nur wach.
Etwas bewegte sich am Rand der Lichtung, und es bewegte sich wie kein Tier.
Sie sah es zu spät, und das erschreckte sie mehr als alles andere: dass sie es zu spät sah, in ihrem Wald, an ihrem Baum. Ein Schatten hatte sich von den anderen gelöst und war zwischen die Bäume gegangen, lautlos, und kam jetzt am Rand entlang, näher, so nah, dass der süße Geruch wieder in ihrer Nase war, stärker, und darunter Metall, das nicht schlief. Er ging, wie sie ging. Von Schatten zu Schatten. Er suchte.
Und das Lachen kam zurück, für einen Herzschlag, böse und warm.
Der sucht uns, sagte der Wolf. Der sucht uns, und er weiß nicht, was er findet. Lass ihn näher. Lass ihn laufen. Der Wolf mag es, wenn sie laufen.
Nein.
Weglaufen geht jetzt nicht mehr. Für den nicht.
Der läuft nicht, sagte die Kalte. Der ist nicht die Sorte, die läuft. Der ist die Sorte, die zurückkommt. Mit den anderen. Sei Stein.
Für uns geht es auch nicht mehr, sagte Vel. Alle still. Sei Stein.
Sei Wald, sagte die Stimme ohne Namen. Du bist Wald. Er sieht nur Wald.
Dann drückte sie es hinunter. Mit allem, was sie hatte.
Vel wurde Stein. Sie hörte auf zu atmen, so wie man aufhört, wenn der Bär vorbeikommt. Ihr Herz schlug gegen die Erde, und sie drückte es hinunter, drückte alles hinunter, das Weite in der Brust und das Heiße im Bauch und den Bruder, der wach geworden war und sich streckte, langsam, wie einer, der lange geschlafen hat und jetzt ein Spiel riecht. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht der. Sie war ein Wolf. Ein Wolf im Farn war nichts. Ein Wolf im Farn war der Wald selbst.
Das Licht der Mutter lag auf ihrem Fell, silbern, und machte sie zu einem Fleck aus Helligkeit zwischen Flecken aus Helligkeit.
Der Schatten blieb stehen. Drei Sprünge weit. Er sah in ihre Richtung, und sie sah seine Augen, rot, nah, und dann glitt sein Blick über sie hinweg wie Wasser über einen Stein … und weiter, in den Wald, und er ging. Als wäre da nichts gewesen als Farn und Mondlicht und ein Tier, das schlief.
Vel atmete erst wieder, als er lange fort war.
Schade, sagte der Wolf.
Nein.
Ein bisschen schade.
Er hat dich nicht gesehen, sagte die Stimme ohne Namen. Sie hat dich gehalten. Hast du es gespürt?
Wer?
Aber die Stimme ohne Namen war schon wieder still, und die Kalte sagte: Der Nebel. Das Licht. Glück. Nenn es, wie du willst, und geh nie wieder so nah.
Der Bruder legte sich hin. Nicht ganz.
Die Lichtung leerte sich. Die Dunklen gingen in den Wald und an den Berg und in die Schatten, und die eine, die stillgestanden hatte, ging als Letzte, allein, in eine andere Richtung, und niemand folgte ihr. Vel sah ihr nach, bis der Nebel sie nahm.
Dann war die Lichtung leer, und das Licht der Mutter lag darauf wie vorher.
Sie blieb liegen. Über ihr stand die Mutter, rund und weiß und wach, und Vel sah hinauf, so wie immer, und diesmal war es anders, weil sie jetzt wusste, dass man auch wegsehen konnte. Dass es welche gab, die es taten. Die ihre Haut hatten und ihr Haar und wegsahen — und die in ihren Wald gekommen waren, zu ihrem Baum, ohne es zu wissen.
Und ohne dass sie es wollte, kam der Laut aus ihrer Kehle. Leise. Zweistimmig. Das Summen, das sie immer summte, wenn die Mutter hoch stand, das sich mit dem Wind in den Blättern verwob und das nie jemand hörte außer dem Wald. Ein kleines Lied. Ein Lied, wie man es einem Welpen summt, damit er schläft. Es ging hinaus über die Lichtung. Es ging, wo der Wind es hintrug. Zum Berg. Zum Spalt. Hinunter.
Hör auf, sagte die Kalte. Hör sofort auf. Die dürfen das nicht hören.
Warum nicht?
Weil sie es kennen
Lass sie, sagte die Stimme ohne Namen. Es ist für sie. Es war immer für sie.
Vel hörte auf, als sie merkte, dass sie es tat.
Irgendwo am Rand der Lichtung, weit, hatte sich ein Kopf gedreht. Vielleicht. Vielleicht war es nur ein Zweig gewesen.
Vel lag noch lange im Farn, das Kinn auf den Läufen, und sah hinauf.
Solange sie zusieht, ist nichts falsch an der Welt.
Zum ersten Mal, seit sie denken konnte, war sie sich nicht ganz sicher.
Kommen die wieder?, fragte der Wolf.
Ich glaube schon.
Gut, sagte der Wolf.
Gut, sagte die Kalte, und meinte etwas anderes damit.
Die Stimme ohne Namen sagte nichts. Aber Vel hatte das Gefühl, dass sie lächelte.
Und sie wusste nicht, welche von ihnen es zuerst gedacht hatte.
Die, die nicht hinaufsehen
-
Velvexa Syl'Dr
- Beiträge: 85
- Registriert: 07 Mai 2025, 18:45
- Kontaktdaten:
-
Velvexa Syl'Dr
- Beiträge: 85
- Registriert: 07 Mai 2025, 18:45
- Kontaktdaten:
Die, die nicht bleibt
Es ging nicht weg.
Drei Nächte. Vielleicht mehr. Vel zählte Nächte nicht, sie zählte Monde und der Mond war noch immer so gut wie rund. Das Gefühl in der Brust war geblieben. Es lag da wie ein Stein, den man verschluckt hat.
Sie jagte. Sie schlief im Rudel. Sie rangelte mit dem kleinen Frechen Welpen, bis er quiekte. Es half nicht. Nichts half.
Der Wolf versteht das nicht, sagte der Wolf, zum dritten Mal in dieser Nacht.
Ich auch nicht.
Der Wolf will, dass es aufhört.
Ich auch.
Dann lass es, sagte die Kalte. Es ist nichts. Es ist ein Geruch, der nicht mehr da ist. Man vergisst Gerüche.
Nicht diesen, sagte die Stimme ohne Namen.
Also ging Vel.
Nicht zum Berg. Der Wolf hatte hin gewollt, jede Nacht, und die Kalte hatte jedes Mal nein gesagt, und Vel hatte auf die Kalte gehört, weil die Kalte recht hatte. Sie ging in die andere Richtung. Tief hinein in den Wald. Dorthin, wo kein Weg war und keine Fallen und keine Menschen, wo der Wald so dicht stand, dass die Mutter nur in Fetzen hereinkam.
Bis zu der kleinen Lichtung.
Sie war nicht viel. Ein Loch im Wald, wo ein Baum gefallen war, vor langer Zeit; Moos auf dem Stamm, Farn, ein Stück freier Himmel. Vel hatte diese Lichtung als Welpe gefunden. Sie hatte nie jemandem davon erzählt, denn es gab niemanden, dem man erzählte. Es war die Stelle, an der man die Mutter ganz sah und ihr Nah war, näher wie sonst.
Sie stand hoch, als Vel ankam. Rund. Fast rund. Ihr Licht fiel durch das Loch im Wald und lag auf dem Moos wie etwas, das man anfassen könnte.
Da bist du.
Und dann, was sie sonst nie dachte, weil es nicht zu Ende gedacht werden wollte:
Und da gehst du. So wie jedesmal.
Jede Nacht kam sie. Jede Nacht öffnete sie die Arme, und das Licht lag auf allem, und Vel lag darin, und nichts war falsch. Und jeden Morgen ging sie. Sie ging immer. Sie wurde blass und dünn und dann war sie fort, und der Tag kam, und der Tag war nicht ihre Mutter. Vel hatte das nie gezählt. Man zählt nicht, was immer war.
Sie geht nicht, sagte die Stimme ohne Namen. Sie kommt nur von der anderen Seite wieder.
Sie geht, sagte die Kalte. Alles geht. Gewöhn dich dran.
Vel stand im Licht und wusste nicht, was sie hier wollte.
Der Wolf wusste es auch nicht. Der Wolf wollte jagen, rangeln, schlafen, und das hier war nichts davon.
Also zog sie sich die andere Gestalt über.
Es tat weh, wie immer. Nicht viel. Wie wenn man sich zu lange nicht bewegt hat und dann alles knackt. Das Fell ging. Die Läufe wurden lang und falsch. Die Welt roch weniger, mit einem Schlag, wie wenn jemand eine Tür zumacht. Vel stand auf zwei Beinen im Moos, tapsig, und sah hinunter auf zehn Finger, dunkel wie nasse Erde.
Ihre Haut. Ihr Haar, hell, mit Beerensaft gefärbt, der langsam ausging.
Sie hatte diese Gestalt nie gemocht. Sie war zu langsam, zu leise in der Nase, zu laut mit den Füßen. Aber sie hatte Hände. Und heute Nacht brauchte sie … etwas. Sie wusste nicht, was. Etwas, das der Wolf nicht hatte.
Sie ging in die Mitte der Lichtung, und das Licht der Mutter lag auf ihr. Auf den Schultern. Auf dem Haar. Auf der Haut, die so aussah wie die von denen, die nicht hinaufsahen.
Es war kalt. Es war die Sorte Kälte, die nicht friert.
Und sie fing an, sich zu bewegen.
Erst nur, weil sie nicht stillstehen konnte. Weil das Weite in der Brust irgendwohin musste. Sie drehte sich, tapsig, wie der kleine freche Wolf sich dreht, wenn er seinem eigenen Schwanz nachjagt, und beinahe hätte sie gelacht, und dann lachte sie nicht, denn die Drehung wurde anders.
Sie wusste nicht, woher.
Die Füße fanden das Moos, als kennten sie es. Die Arme hoben sich, ohne dass sie es befahl, und gingen auf, weit, wie man sie aufmacht, wenn man jemanden auffangen will. Sie drehte sich, und das Licht drehte sich mit ihr, und für einen Atemzug sah es aus, als hielte sie es. Als hielte sie etwas.
Was tust du da, fragte der Wolf. Nicht böse. Ratlos.
Ich weiß nicht.
Das hat dir niemand gezeigt.
Ich weiß.
Hör auf, sagte die Kalte, und ihre Stimme war eng. Hör sofort auf damit. Ich kenne das.
Lass sie, sagte die Stimme ohne Namen, ganz nah, so nah wie nie. Sie hat es nicht gelernt. Man lernt es nicht. Man hat es.
Vel hörte nicht auf.
Sie drehte sich, und das Licht lag auf ihr, und die Arme gingen auf und zu und auf, und irgendwann war es kein Drehen mehr, sondern etwas, das durch sie hindurchging, von den Füßen bis in die Finger, und sie war nur noch die Stelle, an der es hindurchging. Barfuß im Moos. Im Licht. Mit falschen Augen, die niemand sah.
Und dann kam der Laut.
Nicht das Summen. Nicht das Heulen. Etwas dazwischen, aus einer Kehle, die gerade keine Wolfskehle war: eine Stimme. Ihre. Dünn zuerst, wie ein Welpe, der zum ersten Mal ruft, und dann fester, und dann trug sie. Ohne Worte. Sie hatte keine, die passten. Sie sang, wie man einem Welpen singt, damit er schläft, nur lauter, nur hinauf, nur zu der einen, die zusah.
Sie sang zur Mutter.
Sie sang, was sie nicht sagen konnte: da bist du und da gehst du und bleib. Sie sang es hinauf durch das Loch im Wald, und die Bäume nahmen es und trugen es weiter, und irgendwo weit hinter ihr, am Rand, wo die Dunklen waren, nahm es der Wind.
Hör auf zu singen, sagte die Kalte. Die hören das. Die hören so etwas. Das ist ein Lied, das die kennen, und die hassen es.
Warum?
Frag mich nicht
Sing, sagte die Stimme ohne Namen. Es ist für sie. Es war immer für sie. Für die, die es hassen, am meisten.
Vel sang, bis sie nicht mehr konnte. Dann fiel sie ins Moos, auf den Rücken, mit offenen Armen, und sah hinauf, und die Mutter sah herunter, und nichts war falsch an der Welt.
Sie schlief ein, bevor sie es merkte.
Und sie träumte, was sie immer träumte.
Sie hatte es nie jemandem erzählt. Es gab niemanden. Sie hatte es nie zu Ende gedacht, denn es wollte nicht zu Ende gedacht werden. Es war immer dasselbe, seit sie klein war, seit vor dem Rudel, seit vor allem:
Eine Stimme. Zuerst nur eine Stimme, die sang, ohne Worte, so wie sie selbst gerade gesungen hatte, nur dass die Stimme es konnte.
Dann ein Name. Nicht ihrer. Einer, den sie nicht kannte und den sie im Traum jedes Mal rief, laut, mit einer Kehle, die ihr nicht gehörte.
Dann die Frau.
Haut wie Nacht. Haar wie das Licht der Mutter, lang, bis auf den Boden. Kein Gesicht, nie ein Gesicht, nur das Haar und die Haut und die Arme, die aufgingen. Weit. Wie man sie aufmacht, wenn man jemanden auffangen will.
Und Vel ging hin. Jedes Mal ging sie hin. Sie lief, sie rannte, sie hatte Pfoten und dann Füße und dann wieder Pfoten, und die Arme blieben offen, und sie war fast da, sie war so nah, dass sie das Haar riechen konnte, es roch nach dem Moos auf dieser Lichtung …
Und dann war es weg.
So wie jedesmal.
Vel wachte auf, weil ihr Gesicht nass war.
Es war noch Nacht. Die Mutter stand tiefer. Vel lag im Moos, und etwas lief ihr aus den Augen über die Schläfen ins Haar, und sie wusste nicht, was das war. Sie hob die Hand und fasste hin. Nass. Salzig, als sie die Finger an den Mund führte. Wie der Bach, nur warm.
Sie sah die Finger an. Im Licht der Mutter war ihre Haut schwarz, und das Nasse darauf war schwarz.
Was ist das, fragte der Wolf. Bist du verletzt? Der Wolf riecht kein Blut.
Ich weiß nicht.
Wölfe weinen nicht, sagte der Wolf, und es klang, als hätte er es gerade erst gelernt.
Wir weinen nicht, sagte die Kalte, hart, schnell, als könne sie es damit aufhalten. Nicht wir. Nie. Hör auf damit. Sofort.
Du darfst, sagte die Stimme ohne Namen.
Und dann sagte lange niemand etwas.
Vel weinte. Sie wusste nicht, wie man aufhört. Es tat nicht weh. Es war nur das Weite in der Brust, das endlich irgendwohin lief. Sie lag im Moos, und die Mutter sah zu, und Vel sah hinauf, mit nassen, falschen Augen, und dachte zum ersten Mal in ihrem Leben den Gedanken zu Ende, den sie nie zu Ende gedacht hatte:
Sie hatte ihre Mutter noch nie berührt.
Jede Nacht die Arme. Jeden Morgen fort. Und nie, nicht ein einziges Mal, einmal nur, nur einmal, mit der Hand.
Der Bruder, ganz hinten, war wach. Er sagte nichts. Er sah nur zu, wie sie weinte, und zum ersten Mal wollte er nichts beschützen.
Am Rand der Lichtung stand ein Reh.
Vel hatte es nicht kommen hören. Es stand im Farn, dort, wo sie sonst lag, und sah sie an, mit Augen, die im Licht nass glänzten, und es lief nicht weg. Rehe liefen immer weg. Rehe liefen vor ihr weg, bevor sie wussten, dass sie da war; das war das Erbe, das sie mit sich trug und für das sie kein Wort hatte. Dieses hier stand.
Sie sahen sich an, das Reh und sie, lange.
Dann senkte das Reh den Kopf und fraß.
Das ist nicht normal, sagte die Kalte.
Nein, sagte die Stimme ohne Namen. Ist es nicht.
Als die Mutter blass wurde und das Grau kam, fror Vel in ihrer dünnen Robe. Die Tränen waren getrocknet und hatten zwei helle Spuren auf ihrer Haut gelassen, vom Auge bis ins Haar, wie von Salz. Sie rieb sie nicht weg.
Die Narben von den Dornen waren noch da, überall, wie immer. Die hier war neu. Man sah sie nicht. Sie blieb trotzdem.
Vel zog sich das Fell wieder über — knacken, Läufe, die Welt roch wieder, mit einem Schlag, wie wenn jemand eine Tür aufmacht — und ging zurück zum Rudel, das nichts gemerkt hatte.
Kommst du wieder her, fragte der Wolf. Zum Singen?
Ich glaube schon.
Der Wolf versteht es immer noch nicht.
Ich auch nicht.
Sie hat zugesehen, sagte die Stimme ohne Namen. Die ganze Zeit. Das reicht für heute.
Die Kalte sagte nichts. Aber sie hatte, ganz kurz, so geklungen, als hätte sie es auch gewusst.
Weit hinter ihr, am Rand des Waldes, wo der Berg war, hatte ein Schatten die halbe Nacht stillgestanden und zugehört. Vel wusste es nicht.
Der Schatten ging zurück zum Berg, um es zu melden.
Drei Nächte. Vielleicht mehr. Vel zählte Nächte nicht, sie zählte Monde und der Mond war noch immer so gut wie rund. Das Gefühl in der Brust war geblieben. Es lag da wie ein Stein, den man verschluckt hat.
Sie jagte. Sie schlief im Rudel. Sie rangelte mit dem kleinen Frechen Welpen, bis er quiekte. Es half nicht. Nichts half.
Der Wolf versteht das nicht, sagte der Wolf, zum dritten Mal in dieser Nacht.
Ich auch nicht.
Der Wolf will, dass es aufhört.
Ich auch.
Dann lass es, sagte die Kalte. Es ist nichts. Es ist ein Geruch, der nicht mehr da ist. Man vergisst Gerüche.
Nicht diesen, sagte die Stimme ohne Namen.
Also ging Vel.
Nicht zum Berg. Der Wolf hatte hin gewollt, jede Nacht, und die Kalte hatte jedes Mal nein gesagt, und Vel hatte auf die Kalte gehört, weil die Kalte recht hatte. Sie ging in die andere Richtung. Tief hinein in den Wald. Dorthin, wo kein Weg war und keine Fallen und keine Menschen, wo der Wald so dicht stand, dass die Mutter nur in Fetzen hereinkam.
Bis zu der kleinen Lichtung.
Sie war nicht viel. Ein Loch im Wald, wo ein Baum gefallen war, vor langer Zeit; Moos auf dem Stamm, Farn, ein Stück freier Himmel. Vel hatte diese Lichtung als Welpe gefunden. Sie hatte nie jemandem davon erzählt, denn es gab niemanden, dem man erzählte. Es war die Stelle, an der man die Mutter ganz sah und ihr Nah war, näher wie sonst.
Sie stand hoch, als Vel ankam. Rund. Fast rund. Ihr Licht fiel durch das Loch im Wald und lag auf dem Moos wie etwas, das man anfassen könnte.
Da bist du.
Und dann, was sie sonst nie dachte, weil es nicht zu Ende gedacht werden wollte:
Und da gehst du. So wie jedesmal.
Jede Nacht kam sie. Jede Nacht öffnete sie die Arme, und das Licht lag auf allem, und Vel lag darin, und nichts war falsch. Und jeden Morgen ging sie. Sie ging immer. Sie wurde blass und dünn und dann war sie fort, und der Tag kam, und der Tag war nicht ihre Mutter. Vel hatte das nie gezählt. Man zählt nicht, was immer war.
Sie geht nicht, sagte die Stimme ohne Namen. Sie kommt nur von der anderen Seite wieder.
Sie geht, sagte die Kalte. Alles geht. Gewöhn dich dran.
Vel stand im Licht und wusste nicht, was sie hier wollte.
Der Wolf wusste es auch nicht. Der Wolf wollte jagen, rangeln, schlafen, und das hier war nichts davon.
Also zog sie sich die andere Gestalt über.
Es tat weh, wie immer. Nicht viel. Wie wenn man sich zu lange nicht bewegt hat und dann alles knackt. Das Fell ging. Die Läufe wurden lang und falsch. Die Welt roch weniger, mit einem Schlag, wie wenn jemand eine Tür zumacht. Vel stand auf zwei Beinen im Moos, tapsig, und sah hinunter auf zehn Finger, dunkel wie nasse Erde.
Ihre Haut. Ihr Haar, hell, mit Beerensaft gefärbt, der langsam ausging.
Sie hatte diese Gestalt nie gemocht. Sie war zu langsam, zu leise in der Nase, zu laut mit den Füßen. Aber sie hatte Hände. Und heute Nacht brauchte sie … etwas. Sie wusste nicht, was. Etwas, das der Wolf nicht hatte.
Sie ging in die Mitte der Lichtung, und das Licht der Mutter lag auf ihr. Auf den Schultern. Auf dem Haar. Auf der Haut, die so aussah wie die von denen, die nicht hinaufsahen.
Es war kalt. Es war die Sorte Kälte, die nicht friert.
Und sie fing an, sich zu bewegen.
Erst nur, weil sie nicht stillstehen konnte. Weil das Weite in der Brust irgendwohin musste. Sie drehte sich, tapsig, wie der kleine freche Wolf sich dreht, wenn er seinem eigenen Schwanz nachjagt, und beinahe hätte sie gelacht, und dann lachte sie nicht, denn die Drehung wurde anders.
Sie wusste nicht, woher.
Die Füße fanden das Moos, als kennten sie es. Die Arme hoben sich, ohne dass sie es befahl, und gingen auf, weit, wie man sie aufmacht, wenn man jemanden auffangen will. Sie drehte sich, und das Licht drehte sich mit ihr, und für einen Atemzug sah es aus, als hielte sie es. Als hielte sie etwas.
Was tust du da, fragte der Wolf. Nicht böse. Ratlos.
Ich weiß nicht.
Das hat dir niemand gezeigt.
Ich weiß.
Hör auf, sagte die Kalte, und ihre Stimme war eng. Hör sofort auf damit. Ich kenne das.
Lass sie, sagte die Stimme ohne Namen, ganz nah, so nah wie nie. Sie hat es nicht gelernt. Man lernt es nicht. Man hat es.
Vel hörte nicht auf.
Sie drehte sich, und das Licht lag auf ihr, und die Arme gingen auf und zu und auf, und irgendwann war es kein Drehen mehr, sondern etwas, das durch sie hindurchging, von den Füßen bis in die Finger, und sie war nur noch die Stelle, an der es hindurchging. Barfuß im Moos. Im Licht. Mit falschen Augen, die niemand sah.
Und dann kam der Laut.
Nicht das Summen. Nicht das Heulen. Etwas dazwischen, aus einer Kehle, die gerade keine Wolfskehle war: eine Stimme. Ihre. Dünn zuerst, wie ein Welpe, der zum ersten Mal ruft, und dann fester, und dann trug sie. Ohne Worte. Sie hatte keine, die passten. Sie sang, wie man einem Welpen singt, damit er schläft, nur lauter, nur hinauf, nur zu der einen, die zusah.
Sie sang zur Mutter.
Sie sang, was sie nicht sagen konnte: da bist du und da gehst du und bleib. Sie sang es hinauf durch das Loch im Wald, und die Bäume nahmen es und trugen es weiter, und irgendwo weit hinter ihr, am Rand, wo die Dunklen waren, nahm es der Wind.
Hör auf zu singen, sagte die Kalte. Die hören das. Die hören so etwas. Das ist ein Lied, das die kennen, und die hassen es.
Warum?
Frag mich nicht
Sing, sagte die Stimme ohne Namen. Es ist für sie. Es war immer für sie. Für die, die es hassen, am meisten.
Vel sang, bis sie nicht mehr konnte. Dann fiel sie ins Moos, auf den Rücken, mit offenen Armen, und sah hinauf, und die Mutter sah herunter, und nichts war falsch an der Welt.
Sie schlief ein, bevor sie es merkte.
Und sie träumte, was sie immer träumte.
Sie hatte es nie jemandem erzählt. Es gab niemanden. Sie hatte es nie zu Ende gedacht, denn es wollte nicht zu Ende gedacht werden. Es war immer dasselbe, seit sie klein war, seit vor dem Rudel, seit vor allem:
Eine Stimme. Zuerst nur eine Stimme, die sang, ohne Worte, so wie sie selbst gerade gesungen hatte, nur dass die Stimme es konnte.
Dann ein Name. Nicht ihrer. Einer, den sie nicht kannte und den sie im Traum jedes Mal rief, laut, mit einer Kehle, die ihr nicht gehörte.
Dann die Frau.
Haut wie Nacht. Haar wie das Licht der Mutter, lang, bis auf den Boden. Kein Gesicht, nie ein Gesicht, nur das Haar und die Haut und die Arme, die aufgingen. Weit. Wie man sie aufmacht, wenn man jemanden auffangen will.
Und Vel ging hin. Jedes Mal ging sie hin. Sie lief, sie rannte, sie hatte Pfoten und dann Füße und dann wieder Pfoten, und die Arme blieben offen, und sie war fast da, sie war so nah, dass sie das Haar riechen konnte, es roch nach dem Moos auf dieser Lichtung …
Und dann war es weg.
So wie jedesmal.
Vel wachte auf, weil ihr Gesicht nass war.
Es war noch Nacht. Die Mutter stand tiefer. Vel lag im Moos, und etwas lief ihr aus den Augen über die Schläfen ins Haar, und sie wusste nicht, was das war. Sie hob die Hand und fasste hin. Nass. Salzig, als sie die Finger an den Mund führte. Wie der Bach, nur warm.
Sie sah die Finger an. Im Licht der Mutter war ihre Haut schwarz, und das Nasse darauf war schwarz.
Was ist das, fragte der Wolf. Bist du verletzt? Der Wolf riecht kein Blut.
Ich weiß nicht.
Wölfe weinen nicht, sagte der Wolf, und es klang, als hätte er es gerade erst gelernt.
Wir weinen nicht, sagte die Kalte, hart, schnell, als könne sie es damit aufhalten. Nicht wir. Nie. Hör auf damit. Sofort.
Du darfst, sagte die Stimme ohne Namen.
Und dann sagte lange niemand etwas.
Vel weinte. Sie wusste nicht, wie man aufhört. Es tat nicht weh. Es war nur das Weite in der Brust, das endlich irgendwohin lief. Sie lag im Moos, und die Mutter sah zu, und Vel sah hinauf, mit nassen, falschen Augen, und dachte zum ersten Mal in ihrem Leben den Gedanken zu Ende, den sie nie zu Ende gedacht hatte:
Sie hatte ihre Mutter noch nie berührt.
Jede Nacht die Arme. Jeden Morgen fort. Und nie, nicht ein einziges Mal, einmal nur, nur einmal, mit der Hand.
Der Bruder, ganz hinten, war wach. Er sagte nichts. Er sah nur zu, wie sie weinte, und zum ersten Mal wollte er nichts beschützen.
Am Rand der Lichtung stand ein Reh.
Vel hatte es nicht kommen hören. Es stand im Farn, dort, wo sie sonst lag, und sah sie an, mit Augen, die im Licht nass glänzten, und es lief nicht weg. Rehe liefen immer weg. Rehe liefen vor ihr weg, bevor sie wussten, dass sie da war; das war das Erbe, das sie mit sich trug und für das sie kein Wort hatte. Dieses hier stand.
Sie sahen sich an, das Reh und sie, lange.
Dann senkte das Reh den Kopf und fraß.
Das ist nicht normal, sagte die Kalte.
Nein, sagte die Stimme ohne Namen. Ist es nicht.
Als die Mutter blass wurde und das Grau kam, fror Vel in ihrer dünnen Robe. Die Tränen waren getrocknet und hatten zwei helle Spuren auf ihrer Haut gelassen, vom Auge bis ins Haar, wie von Salz. Sie rieb sie nicht weg.
Die Narben von den Dornen waren noch da, überall, wie immer. Die hier war neu. Man sah sie nicht. Sie blieb trotzdem.
Vel zog sich das Fell wieder über — knacken, Läufe, die Welt roch wieder, mit einem Schlag, wie wenn jemand eine Tür aufmacht — und ging zurück zum Rudel, das nichts gemerkt hatte.
Kommst du wieder her, fragte der Wolf. Zum Singen?
Ich glaube schon.
Der Wolf versteht es immer noch nicht.
Ich auch nicht.
Sie hat zugesehen, sagte die Stimme ohne Namen. Die ganze Zeit. Das reicht für heute.
Die Kalte sagte nichts. Aber sie hatte, ganz kurz, so geklungen, als hätte sie es auch gewusst.
Weit hinter ihr, am Rand des Waldes, wo der Berg war, hatte ein Schatten die halbe Nacht stillgestanden und zugehört. Vel wusste es nicht.
Der Schatten ging zurück zum Berg, um es zu melden.
Wer ist online?
Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste