Thorus blieb.
Nach Tarions Worten hatte er nicht lange darüber nachdenken müssen. Wenn er wirklich verstehen wollte, was die Paladine des Mondes ausmachte, dann würde er es nicht erfahren, indem er nur Fragen stellte.
Er musste es erleben.
Die ersten Tage verbrachte er damit, sich in der Gemeinschaft zurechtzufinden.
Er lernte die Gesichter der Menschen kennen, die hier lebten und arbeiteten. Manche waren Paladine, andere Priester, wieder andere einfache Mitglieder der Gemeinschaft. Jeder hatte seine Aufgabe, und Thorus begann langsam zu verstehen, dass nicht jeder, der dem Licht diente, dafür ein Schwert tragen musste.
Zu den Mahlzeiten setzte er sich zu den anderen.
Anfangs sprach er wenig.
Er hörte zu.
Er beobachtete.
Mit der Zeit fiel es ihm leichter, sich an Gesprächen zu beteiligen. Man erzählte sich Geschichten vom vergangenen Tag, sprach über die Arbeit und manchmal auch über Dinge, die Thorus kaum verstand.
Crovax war ebenfalls dort.
Die Anwesenheit des Zwerges gab Thorus ein merkwürdig vertrautes Gefühl. Sie waren gemeinsam hierhergekommen, und auch wenn ihre Wege nicht immer dieselben waren, war es beruhigend, ein bekanntes Gesicht unter all den neuen zu sehen.
Thorus begann, sich ein wenig zuhause zu fühlen.
Doch er vergaß Tarions Worte nicht.
Lebt ihn.
Also suchte er nach Möglichkeiten, sich nützlich zu machen.
Als Hilfe auf den Feldern benötigt wurde, ging Thorus mit.
Die Arbeit war anstrengender, als er erwartet hatte. Erde unter den Fingernägeln, schwere Säcke, Holz und Werkzeuge – nichts davon hatte etwas mit einem glänzenden Schwert oder einer Rüstung zu tun.
Und gerade deshalb gefiel es ihm.
Er half den Bauern bei der täglichen Arbeit, schleppte Dinge von einem Ort zum anderen und packte dort mit an, wo zwei Hände mehr gebraucht wurden.
Niemand nannte ihn dafür einen Helden.
Niemand lobte ihn besonders.
Es war einfach Arbeit.
Doch während Thorus abends müde zurückkehrte, dachte er immer wieder über eine der Tugenden nach, von denen Tarion gesprochen hatte.
Demut.
Vielleicht bedeutete sie genau das.
Zu helfen, ohne dafür gesehen werden zu müssen.
An einem anderen Tag begleitete Thorus die Gemeinschaft zu einer Messe.
Der Priester, der die Messe hielt, hieß Deralon Fen’dur.
Thorus setzte sich und hörte aufmerksam zu.
Deralon sprach über Tyrael.
Über dessen Lehren, über den Glauben und über den Weg, den jene beschreiten sollten, die sich dem Licht verschrieben hatten.
Thorus verstand längst nicht alles.
Zu viele Namen, zu viele Geschichten und zu viele Zusammenhänge waren ihm noch unbekannt.
Doch einzelne Gedanken blieben bei ihm hängen.
Tyrael stand für etwas, das größer war als der Einzelne.
Für Schutz.
Für Gerechtigkeit.
Für die Bereitschaft, sich selbst zurückzunehmen, wenn es darum ging, anderen beizustehen.
Thorus wusste, dass er noch sehr viel lernen musste.
Eigentlich wusste er fast nichts.
Aber zum ersten Mal störte ihn das nicht.
Er hatte lange geglaubt, seine fehlende Vergangenheit sei das größte Problem seines Lebens.
Nun erkannte er, dass es vielleicht etwas anderes gab, das viel wichtiger war.
Seine Zukunft.
Nach der Messe blieb Thorus noch eine Weile sitzen.
Die anderen hatten den Raum bereits verlassen.
Er blickte auf das Zeichen Tyraels und versuchte, die Worte der Messe noch einmal in Gedanken zusammenzufügen.
Er verstand nur einen Teil.
Aber dieser Teil genügte, um eine weitere Frage in ihm entstehen zu lassen.
Was bedeutete es wirklich, an etwas zu glauben?
War Glaube nur das Vertrauen darauf, dass eine höhere Macht existierte?
Oder bedeutete er auch, nach deren Lehren zu leben, selbst wenn man keine unmittelbare Antwort erhielt?
Thorus wusste es noch nicht.
Vielleicht würde er es eines Tages verstehen.
Vielleicht musste er es erst lernen.
Und so begann er, immer wieder zu den Messen zu gehen.
Jedes Mal nahm er etwas Neues mit.
Manchmal nur einen einzelnen Gedanken.
Manchmal eine Frage.
Manchmal auch nur das Gefühl, dass sich in ihm langsam etwas veränderte.
Das Licht erschien während dieser Zeit nicht.
Zumindest nicht so, wie Thorus es bisher gekannt hatte.
Und trotzdem dachte er immer wieder daran.
Er fragte sich, ob es ihn tatsächlich zu den Paladinen des Mondes geführt hatte.
Oder ob er selbst nur nach einem Sinn suchte, weil ihm seine Vergangenheit fehlte.
Eine Antwort darauf hatte er nicht.
Noch nicht.
Aber er begann, mit der Unsicherheit zu leben.
Er half den Bauern.
Er aß mit der Gemeinschaft.
Er hörte den Messen zu.
Er lernte die Menschen kennen.
Und er lernte langsam die ersten Grundzüge des Glaubens kennen, den er bisher kaum verstanden hatte.
Eines Abends saß Thorus nach einem langen Tag wieder bei den anderen.
Seine Robe trug bereits die ersten Spuren seiner Arbeit.
Ein wenig Staub am Saum.
Etwas Erde an den Händen.
Nichts davon störte ihn.
Im Gegenteil.
Er betrachtete die Robe und musste an Tarions Worte denken.
Zeigt durch Eure Entscheidungen, welche Stärke in Eurem Charakter liegt.
Thorus lächelte leicht.
Er wusste noch immer nicht, ob er eines Tages ein Paladin werden würde.
Er wusste nicht einmal, ob er würdig genug war, diesen Weg zu gehen.
Aber zum ersten Mal hatte er verstanden, dass er darauf nicht sofort eine Antwort brauchte.
Er musste nur den nächsten Schritt gehen.
Und den danach.
Vielleicht würde das Licht ihm irgendwann wieder zeigen, wohin.
Bis dahin würde Thorus lernen.
Arbeiten.
Zuhören.
Und helfen.
Denn vielleicht begann der Weg zum Paladin nicht mit einem Schwert.
Vielleicht begann er genau hier.
Mit zwei Händen, die bereit waren, anderen zu helfen.
Wo das Licht führt
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Thorus Ne'rul
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Crovax Donnerhall
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Zwischen Glaube und Zweifel
Crovax war während des gesamten Gesprächs ungewöhnlich still geblieben. Für einen Zwerg war das beinahe schon auffällig, doch weder Thorus noch Tarion schienen sich daran zu stören. Er hatte beiden aufmerksam zugehört und sich nur selten bewegt, während Thorus von seiner Vergangenheit, der seltsamen Stimme und dem Licht erzählt hatte, das ihn schließlich hierhergeführt hatte.
Vielleicht war es gut, dass Thorus etwas gefunden hatte, wonach er suchen konnte. Einen Weg, der vor ihm lag, auch wenn er noch nicht wusste, wohin er ihn führen würde. Crovax gönnte ihm das von Herzen, doch für sich selbst wusste er nicht, ob er noch von einem Weg sprechen konnte.
Besonders ein Satz Tarions wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Glaube wäre eine einfache Sache, wenn er nur dann bestehen müsste, solange die Götter antworten.
Crovax hatte diesen Gedanken schon oft gehabt, auch wenn er ihn sich selbst gegenüber nie so deutlich ausgesprochen hatte. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb er so lange geschwiegen hatte. Er kannte den Glauben nicht aus Büchern oder aus Geschichten, sondern aus einem Leben, in dem er selbst an vorderster Front gestanden hatte.
Früher war seine Stimme sein wichtigstes Werkzeug gewesen. Als Kleriker und Schlachtenprediger hatte er seine Kameraden durch Kämpfe begleitet, hatte Verwundete versorgt, Gebete gesprochen und den Männern Mut gemacht, wenn die Angst drohte, sie zu überwältigen. Doch Crovax war nie einer gewesen, der sich hinter anderen versteckte. Wenn die Schlacht begann, hatte er Axt oder Schwert gezogen und dort gekämpft, wo seine Kameraden ihn brauchten. Er hatte zwischen ihnen gestanden, Blut und Schweiß im Gesicht, und seine Stimme hatte sich über den Lärm der Schlacht erhoben.
Damals hatte er daran geglaubt, dass seine Worte etwas bewirkten.
Nicht, dass jeder Mann gerettet werden konnte. Das hatte er schon damals gewusst. Aber er glaubte daran, dass es einen Unterschied machte, ob jemand in seinen letzten Augenblicken allein war oder die Stimme eines Kameraden hörte, die ihm Mut zusprach. Er glaubte daran, dass ein Gebet auch dann seinen Wert hatte, wenn die Antwort anders ausfiel, als man gehofft hatte.
Doch mit den Jahren waren die Schlachten mehr geworden und irgendwann hatten sich die einzelnen Erinnerungen kaum noch voneinander unterscheiden lassen. Immer wieder hatte er dieselben Dinge gesehen: Männer, die morgens noch neben ihm gestanden hatten und am Abend nicht mehr aufstanden, Verwundete, deren Hände er gehalten hatte, während um sie herum weitergekämpft wurde, und Kameraden, denen seine Worte zwar für einen Moment Halt gaben, die er am Ende aber trotzdem nicht nach Hause bringen konnte.
Crovax hatte weitergemacht. Er hatte gekämpft, gebetet und gesprochen, weil genau das seine Aufgabe gewesen war. Er war derjenige gewesen, der den anderen Mut zusprach, selbst wenn ihm längst danach war, die eigene Stimme zu verlieren.
Irgendwann jedoch begann er sich zu fragen, was seine Worte eigentlich noch bedeuteten. Er konnte ihnen Hoffnung geben, konnte ihnen sagen, dass ihr Opfer nicht vergeblich war und dass Tyrael über sie wachte. Aber wenn die Schlacht vorüber war und die Toten auf dem Feld lagen, blieb diese Hoffnung manchmal erschreckend still.
Er hatte Tyrael dafür nie gehasst. Zumindest nicht bewusst. Es war eher eine Müdigkeit gewesen, die sich langsam in ihm ausgebreitet hatte. Zuerst betete er weniger, dann ging er seltener in einen Tempel. Wenn er merkte, dass ihm etwas fehlte, redete er sich ein, dass er später wieder anfangen würde. Es gab schließlich immer etwas zu tun, immer einen nächsten Auftrag, eine weitere Reise oder einen anderen Ort, an dem seine Axt gebraucht wurde.
Aus diesem später wurden Jahre.
Vielleicht hatte Crovax seinen Glauben deshalb nie wirklich verloren. Vielleicht hatte er ihn nur so lange beiseitegeschoben, bis er irgendwann vergessen hatte, wie es sich anfühlte, ihn zu tragen.
Der Gedanke ließ ihn nicht los, als er das Kloster betrachtete. Hier beteten die Menschen noch immer, obwohl Tyrael verschwunden war. Sie arbeiteten, halfen einander und kümmerten sich um Kranke und Verletzte, ohne ständig darauf zu warten, dass ein Wunder geschah. Niemand schien zu verlangen, dass die Götter ihnen jeden Schritt abnahmen.
Vielleicht war das der Punkt, den Tarion ihm hatte zeigen wollen:
Nicht eine Antwort, die plötzlich vom Himmel kam, sondern ein Glaube, der auch dann weiterlebte, wenn der Himmel schwieg.
Crovax sagte nichts dazu. Er wusste selbst noch nicht, was er davon halten sollte. Stattdessen blieb er, als Tarion ihnen anbot, eine Zeit lang Teil der Gemeinschaft zu sein.
Die ersten Tage vergingen unspektakulär. Crovax trug Holz, half bei den Vorräten, reparierte Werkzeuge und packte dort mit an, wo gerade jemand gebraucht wurde. Diese Arbeit war ihm vertraut und tat ihm gut. Es war leichter, seine Hände zu beschäftigen, als über Dinge nachzudenken, für die er seit Jahren keine Worte mehr gefunden hatte.
Beim gemeinsamen Essen bemerkte er bald, dass hier niemand besonders darauf achtete, welchen Rang der andere hatte. Wachen saßen neben Bauern, Handwerker neben Heilern und Magier neben Menschen, die auf den Feldern arbeiteten. Sie aßen zusammen, unterhielten sich, stritten manchmal über Kleinigkeiten und lachten im nächsten Augenblick wieder darüber. Es erinnerte Crovax an etwas, das er lange nicht mehr erlebt hatte.
Auch das Beten fiel ihm zunächst schwerer, als er erwartet hatte. Er saß oft einfach nur dabei und hörte den anderen zu. Einige der Worte kannte er noch aus seiner Zeit als Kleriker, andere hatte er längst vergessen. Doch hin und wieder ertappte er sich dabei, dass er einen Satz in Gedanken mitsprach, bevor er überhaupt darüber nachgedacht hatte.
Er begann außerdem, den Klerikern bei ihrer Arbeit zu helfen. Es waren keine großen Dinge. Verbände wechseln, einen Kranken stützen, Wasser bringen oder einfach bei jemandem sitzen, der Angst hatte. Trotzdem stellte Crovax dabei fest, dass vieles von dem, was er längst verloren geglaubt hatte, noch immer in ihm steckte.
Eines Tages verbrachte er einige Zeit in der Bibliothek und fand zwischen alten Schriften ein Buch, auf dessen Einband das Zeichen Tyraels zu sehen war. Er nahm es mit an einen Tisch und begann darin zu lesen. Er hatte gehofft, vielleicht eine Antwort zu finden, etwas, das ihm erklären konnte, warum er sich so weit von seinem Glauben entfernt hatte.
Doch natürlich fand er sie nicht.
Tyrael war noch immer verschwunden. Die alten Worte waren noch immer dieselben und Crovax wusste noch immer nicht, wann genau er aufgehört hatte zu glauben.
Womöglich war das aber auch nicht die richtige Frage.
Vielleicht hatte er seinen Glauben nie verloren und er hatte nur irgendwann aufgehört, ihm zuzuhören.
Crovax schloss das Buch und legte es zurück an seinen Platz. Draußen wartete bereits die nächste Arbeit auf ihn, und später würde wieder gemeinsam gebetet werden.
Er wusste noch immer nicht, wohin dieser Weg ihn führen würde, aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er nicht mehr das Bedürfnis, es sofort wissen zu müssen.
Vielleicht war es gut, dass Thorus etwas gefunden hatte, wonach er suchen konnte. Einen Weg, der vor ihm lag, auch wenn er noch nicht wusste, wohin er ihn führen würde. Crovax gönnte ihm das von Herzen, doch für sich selbst wusste er nicht, ob er noch von einem Weg sprechen konnte.
Besonders ein Satz Tarions wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Glaube wäre eine einfache Sache, wenn er nur dann bestehen müsste, solange die Götter antworten.
Crovax hatte diesen Gedanken schon oft gehabt, auch wenn er ihn sich selbst gegenüber nie so deutlich ausgesprochen hatte. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb er so lange geschwiegen hatte. Er kannte den Glauben nicht aus Büchern oder aus Geschichten, sondern aus einem Leben, in dem er selbst an vorderster Front gestanden hatte.
Früher war seine Stimme sein wichtigstes Werkzeug gewesen. Als Kleriker und Schlachtenprediger hatte er seine Kameraden durch Kämpfe begleitet, hatte Verwundete versorgt, Gebete gesprochen und den Männern Mut gemacht, wenn die Angst drohte, sie zu überwältigen. Doch Crovax war nie einer gewesen, der sich hinter anderen versteckte. Wenn die Schlacht begann, hatte er Axt oder Schwert gezogen und dort gekämpft, wo seine Kameraden ihn brauchten. Er hatte zwischen ihnen gestanden, Blut und Schweiß im Gesicht, und seine Stimme hatte sich über den Lärm der Schlacht erhoben.
Damals hatte er daran geglaubt, dass seine Worte etwas bewirkten.
Nicht, dass jeder Mann gerettet werden konnte. Das hatte er schon damals gewusst. Aber er glaubte daran, dass es einen Unterschied machte, ob jemand in seinen letzten Augenblicken allein war oder die Stimme eines Kameraden hörte, die ihm Mut zusprach. Er glaubte daran, dass ein Gebet auch dann seinen Wert hatte, wenn die Antwort anders ausfiel, als man gehofft hatte.
Doch mit den Jahren waren die Schlachten mehr geworden und irgendwann hatten sich die einzelnen Erinnerungen kaum noch voneinander unterscheiden lassen. Immer wieder hatte er dieselben Dinge gesehen: Männer, die morgens noch neben ihm gestanden hatten und am Abend nicht mehr aufstanden, Verwundete, deren Hände er gehalten hatte, während um sie herum weitergekämpft wurde, und Kameraden, denen seine Worte zwar für einen Moment Halt gaben, die er am Ende aber trotzdem nicht nach Hause bringen konnte.
Crovax hatte weitergemacht. Er hatte gekämpft, gebetet und gesprochen, weil genau das seine Aufgabe gewesen war. Er war derjenige gewesen, der den anderen Mut zusprach, selbst wenn ihm längst danach war, die eigene Stimme zu verlieren.
Irgendwann jedoch begann er sich zu fragen, was seine Worte eigentlich noch bedeuteten. Er konnte ihnen Hoffnung geben, konnte ihnen sagen, dass ihr Opfer nicht vergeblich war und dass Tyrael über sie wachte. Aber wenn die Schlacht vorüber war und die Toten auf dem Feld lagen, blieb diese Hoffnung manchmal erschreckend still.
Er hatte Tyrael dafür nie gehasst. Zumindest nicht bewusst. Es war eher eine Müdigkeit gewesen, die sich langsam in ihm ausgebreitet hatte. Zuerst betete er weniger, dann ging er seltener in einen Tempel. Wenn er merkte, dass ihm etwas fehlte, redete er sich ein, dass er später wieder anfangen würde. Es gab schließlich immer etwas zu tun, immer einen nächsten Auftrag, eine weitere Reise oder einen anderen Ort, an dem seine Axt gebraucht wurde.
Aus diesem später wurden Jahre.
Vielleicht hatte Crovax seinen Glauben deshalb nie wirklich verloren. Vielleicht hatte er ihn nur so lange beiseitegeschoben, bis er irgendwann vergessen hatte, wie es sich anfühlte, ihn zu tragen.
Der Gedanke ließ ihn nicht los, als er das Kloster betrachtete. Hier beteten die Menschen noch immer, obwohl Tyrael verschwunden war. Sie arbeiteten, halfen einander und kümmerten sich um Kranke und Verletzte, ohne ständig darauf zu warten, dass ein Wunder geschah. Niemand schien zu verlangen, dass die Götter ihnen jeden Schritt abnahmen.
Vielleicht war das der Punkt, den Tarion ihm hatte zeigen wollen:
Nicht eine Antwort, die plötzlich vom Himmel kam, sondern ein Glaube, der auch dann weiterlebte, wenn der Himmel schwieg.
Crovax sagte nichts dazu. Er wusste selbst noch nicht, was er davon halten sollte. Stattdessen blieb er, als Tarion ihnen anbot, eine Zeit lang Teil der Gemeinschaft zu sein.
Die ersten Tage vergingen unspektakulär. Crovax trug Holz, half bei den Vorräten, reparierte Werkzeuge und packte dort mit an, wo gerade jemand gebraucht wurde. Diese Arbeit war ihm vertraut und tat ihm gut. Es war leichter, seine Hände zu beschäftigen, als über Dinge nachzudenken, für die er seit Jahren keine Worte mehr gefunden hatte.
Beim gemeinsamen Essen bemerkte er bald, dass hier niemand besonders darauf achtete, welchen Rang der andere hatte. Wachen saßen neben Bauern, Handwerker neben Heilern und Magier neben Menschen, die auf den Feldern arbeiteten. Sie aßen zusammen, unterhielten sich, stritten manchmal über Kleinigkeiten und lachten im nächsten Augenblick wieder darüber. Es erinnerte Crovax an etwas, das er lange nicht mehr erlebt hatte.
Auch das Beten fiel ihm zunächst schwerer, als er erwartet hatte. Er saß oft einfach nur dabei und hörte den anderen zu. Einige der Worte kannte er noch aus seiner Zeit als Kleriker, andere hatte er längst vergessen. Doch hin und wieder ertappte er sich dabei, dass er einen Satz in Gedanken mitsprach, bevor er überhaupt darüber nachgedacht hatte.
Er begann außerdem, den Klerikern bei ihrer Arbeit zu helfen. Es waren keine großen Dinge. Verbände wechseln, einen Kranken stützen, Wasser bringen oder einfach bei jemandem sitzen, der Angst hatte. Trotzdem stellte Crovax dabei fest, dass vieles von dem, was er längst verloren geglaubt hatte, noch immer in ihm steckte.
Eines Tages verbrachte er einige Zeit in der Bibliothek und fand zwischen alten Schriften ein Buch, auf dessen Einband das Zeichen Tyraels zu sehen war. Er nahm es mit an einen Tisch und begann darin zu lesen. Er hatte gehofft, vielleicht eine Antwort zu finden, etwas, das ihm erklären konnte, warum er sich so weit von seinem Glauben entfernt hatte.
Doch natürlich fand er sie nicht.
Tyrael war noch immer verschwunden. Die alten Worte waren noch immer dieselben und Crovax wusste noch immer nicht, wann genau er aufgehört hatte zu glauben.
Womöglich war das aber auch nicht die richtige Frage.
Vielleicht hatte er seinen Glauben nie verloren und er hatte nur irgendwann aufgehört, ihm zuzuhören.
Crovax schloss das Buch und legte es zurück an seinen Platz. Draußen wartete bereits die nächste Arbeit auf ihn, und später würde wieder gemeinsam gebetet werden.
Er wusste noch immer nicht, wohin dieser Weg ihn führen würde, aber zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er nicht mehr das Bedürfnis, es sofort wissen zu müssen.
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