Der Aufstieg hatte länger gedauert, als die Kundschafter versprochen hatten. Kundschafter versprechen immer zu viel, das liegt in ihrer Natur. Kundschafter sprechen nur ein einziges Mal die Wahrheit: wenn sie sagen, ein anderer Kundschafter lügt. Selyndiira hatte das eingerechnet.
Drei Tage mehr. Ein Sklave weniger. Er hatte in einer Spalte den Halt verlor und sein Schrei fiel so lange, dass die Kolonne stehen blieb, um zuzuhören, wie tief es eigentlich hinabging. Sie hatte nicht befohlen, weiterzugehen. Sie hatte gewartet, bis der Schrei verklungen war – dann ging sie weiter, und das Haus folgte ihr.
Man befiehlt nicht, was von selbst geschieht. Das verschwendet Befehle.
Den Ausgang roch sie, bevor sie ihn sah. Das war das Erste, was die Oberwelt ihr gab: einen Geruch. Nass. Grün. Etwas Faulendes darunter, aber nicht das saubere Faulen der Tiefe. Kein Pilz, kein nackter Stein oder altes Blut. Es war der Gestank von etwas, das noch lebte, während es innerlich verrottete.
Der Wind trug es ihr durch den Spalt entgegen, und der Wind selbst war fremd. Unten bewegt sich die Luft nur, wenn jemand sie bewegt – ein unbestechliches Zeichen dafür, dass man nicht allein ist. Hier bewegte sie sich von selbst, und nichts versteckte sich darin, das man hätte töten können.
Dann der letzte Stein. Danach war nichts mehr über ihr.
Sie trat hinaus. Die Nacht war nicht wie die Dunkelheit, die in den Höhlen immer und verlässlich lauerte. Das war der einzige Gedanke, den sie sich in diesem Augenblick erlaubte, und sie erlaubte ihn nur, weil er nützlich war. Zu groß. Kein Gewölbe. Keine Decke, an der das Glühen der Faerzress hing – jener tiefenmagischen Strahlung im Fels, in die hinein die Drow ihre Städte bauten, weil kein fremder Zauber durch sie hindurchblicken konnte.
Über ihr spannte sich etwas Schwarzes, das kein Stein war. Darin brannten Punkte. Weiß, still und vor allem viel zu viele. Dazwischen hing ein bleiches, zerfressenes Rund, das sie aus den Schriften kannte.
Sie kannte auch den Namen, der dazugehörte. Arach-Tinilith, die Tempelschule Lloths auf dem Plateau von Tier Breche, lehrt ihre Töchter die Feinde der Göttin, lange bevor sie ihnen ihre Freunde zeigt: die Abtrünnige, die Tänzerin, die Verräterin des Netzes. Und dies dort oben war ihr Zeichen, ihr Auge, ihre Domäne. Es hing über der gesamten Oberwelt wie ein Versprechen, das nur für die Schwachen bestimmt ist. Man sagt, sie singt. Man sagt, wer ihr Lied hört, vergisst, wem er gehört.
Selyndiira sah hinauf. Lange genug, um es sich zu merken. Dann sah sie weg.
Ihre Hand hatte sich am nackten Fels des Ausgangs festgekrallt, ohne dass sie es befohlen hatte. Sie löste den Griff.
Hinter ihr quoll das Haus aus dem Berg. Sie hörte es, ohne sich umzudrehen: das Schaben der Rüstungen, das dumpfe Stampfen der Rothé, des zottigen Viehs der Tiefe. Das Keuchen der Sklaven. Die leisen Flüche in der fließenden Sprache des Unterreichs, wenn einer der Krieger zum ersten Mal nach oben blickte und an diesem Anblick hängen blieb. Sie zählte die Schritte in ihrem Rücken. Sie kam auf eine Zahl, doch sie ließ sie fallen, bevor sie den Gedanken beendet hatte.
Genug. Es sind genug, um neu anzufangen.
Die Rechnung
Sie ließ sie kommen. Sie ließ sie sehen, dass sie bereits dort stand. Ganz so, als hätte sie nie etwas anderes getan, als unter diesem deckenlosen Himmel zu verweilen und auf ihr Haus zu warten.
Das ist die erste Regel: Die Ilharess ist nie angekommen. Die Ilharess war schon immer da.
Und während sie dort stand und wartete, lief die Rechnung in ihr weiter. Sie lief seit jenem Tag, an dem Ilyndra vor der Obsidianstatue zu Boden gegangen war.
Das Haus war wütend. Das Haus war hungrig. Das hatte sie ihnen gesagt, und es stimmte. Aber es war nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte lautete: Das Haus war ausgedünnt. Eine Säuberung hinterlässt niemals ein volles Haus. Sie hinterlässt eines, in dem jeder Zweite fehlt und jeder Erste genau weiß, warum.
Sie hatte Cousins vergiftet. Sie hatte einen Waffenmeister in einer Gasse verbluten lassen, der noch zwanzig herausragende Krieger ausgebildet hätte, wären ihm zwanzig weitere Jahre geblieben. Sie hatte es getan, weil es getan werden musste, und sie würde es wieder tun. Doch es hatte ein Loch in die Mauern von Noquar gefressen, das man von außen noch nicht sah.
Von außen. Noch nicht.
Unten sieht man solche Löcher. Unten ist ein dünnes Haus eine verräterische Fährte im Staub, und die rivalisierenden Häuser lasen Fährten seit Jahrtausenden. Keine offene Fehde. Kein Krieg, den man riskieren und verlieren könnte. Nur ein Brunnen, der eines Nachts plötzlich bitter schmeckt. Ein Tor, das sich nicht mehr verriegeln lässt. Ein Bündnis, das drei Tage vor dem Angriff aus dem Nichts zerfällt.
Sie hätten Noquar nicht in einer großen Schlacht vernichtet. Sie hätten es aufgesammelt, Stück für Stück, wie man ein sterbendes Tier zerlegt – und niemand hätte sich dafür die Hände schmutzig machen müssen. Unten gibt es keinen Mord. Unten gibt es nur Zeugen.
So lautet das Gesetz von Menzoberranzan, das eigentlich gar keines ist: Ein Haus darf ein anderes auslöschen. Restlos. Mit jeder Tochter, jedem Sklaven, jeder Spinne im Gebälk – und niemand wird danach fragen. Wo kein Zeuge überlebt, hat kein Verbrechen stattgefunden. Nur wer einen Einzigen übrig lässt, hat versagt. Dann fällt der Regierende Rat über den Angreifer her, nicht aus einem absurden Sinn für Gerechtigkeit, sondern weil „Ungeschick“ bestraft werden muss. Ein volles Haus lässt sich schwer fehlerfrei auslöschen. Ein ausgedünntes Haus ist eine Einladung.
Sie wusste das so genau, weil sie an der Stelle ihrer Feinde haargenau dasselbe getan hätte.
Also blieb nur der einzige Ort, an den kein Haus freiwillig wollte: die Oberwelt. Für Menzoberranzan ist sie ein Todesurteil. Wer hinaufgeht, den hat Lloth aus ihrem Netz geschnitten. Dort oben leben die Verstoßenen, die Verräter, die erbärmlichen Anhänger der Tänzerin. Kein Haus von Rang steigt jemals hinauf, es sei denn, um Sklaven zu jagen oder aus perverse „Sport“. Aber man versteckt sich nicht vor Jägern in deren eigenem Revier. Man geht dorthin, wohin die Jäger nicht einmal blicken, weil sie es für unter ihrer Würde halten. Und man wächst dort, geschützt im Schatten ihrer grenzenlosen Verachtung, bis man wieder stark genug ist, um zurückzukehren.
Lloth hatte es erlaubt. Selyndiira hatte gefragt, in der einzigen Sprache, in der man die Spinnenkönigin etwas fragen darf: mit frischem Blut auf dem Altar und einem Plan, der auf Härte basierte, nicht auf Hoffnung. Und die Göttin hatte geschwiegen. Schweigen ist Erlaubnis, wenn man mächtig genug ist, es so zu deuten.
Sie hat nicht Nein gesagt.
Das musste reichen. Es reichte.
Wer ist Selyndiira Noquar?
Eine, die ein ganzes Haus auf den Rücken nahm und damit durch den nackten Fels stieg. Nicht, weil sie floh. Sondern weil sie das Schicksal längst berechnet hatte.
Das gesamte Haus stand hinter ihr versammelt. Nicht in geordneten Reihen – dafür war das Gelände zu unwegsam –, aber in jener tiefen Stille, wie sie nur jene beherrschen, die gelernt haben, dass Lärm den Tod bedeuten kann. Langsam und ohne jede Eile drehte sie sich zu ihnen um. Ganz so, als bliebe ihr alle Zeit dieser Welt; einer Welt, die ihr noch immer keinen Namen gegeben hatte.
Sie ließ den Blick über ihre Gefolgschaft gleiten. Einen nach dem anderen. Sie registrierte, wer ihrem Blick standhielt und wer auf den feuchten Boden starrte. Sie sah, wessen Hand ruhig am Schwertgriff lag und wessen Finger zitterten. Sie merkte sich alles, während sich in ihrem eigenen Gesicht nicht ein Muskel bewegte.
Dann sprach sie. Ihre Stimme war nicht laut. Sie war nie laut. Lautstärke ist ein Werkzeug für jene, die fürchten, sonst überhört zu werden.
„Ihr steht auf der Oberwelt. Sie wird versuchen, euch zu töten. Mit Licht, mit Kälte, mit Wesen, die nicht wissen, was ihr seid, und mit solchen, die es genau wissen. Lasst sie es versuchen.“
Eine kurze Pause. Nicht für sie, sondern damit das Gesagte bei den anderen einsickern konnte.
„Sarkul. Die Schatten hier gehören noch niemandem. Nimm sie dir. Ich will wissen, was in jede Richtung liegt – und ich will es wissen, bevor irgendetwas dort draußen unsere Anwesenheit bemerkt hat.“
„Maldrak. Die Wache. Zwei Ringe. Der äußere sieht, der innere tötet. Niemand schläft, der nicht abgelöst wurde.“
„Der Rest von euch: Die Höhle deckt unseren Rücken. Lager, Wasser, die Tiere, die Sklaven – bis zum nächsten Dunkel will ich exakt wissen, was wir haben und wie lange es reicht.“
Sie hob den Blick und sah sie nun alle gleichzeitig an.
„Und noch etwas. Da oben hängt das Auge der Verräterin. Ihr kennt die Lehre. Wer in der Nacht ein Lied hört, das keiner von uns singt, meldet es mir. Wer es mitsingt, verliert sein Leben.“
Niemand sah nach oben. Das war die einzig richtige Antwort.
„Was ihr findet, gehört Noquar. Was ihr verliert, zahlt ihr selbst.“
Damit wandte sie sich ab. Hinter ihr geriet das Haus lautlos in Bewegung. In Aufgaben, in geflüsterte Befehle, die hastig weitergegeben wurden. Und niemand wagte es zu fragen, wohin die Ilharess ging.
Es gab hier keinen Altar. Es gab nur einen Felsblock, flach, kalt und feucht von diesem Tau, den sie nur aus Schriften kannte. Sie kniete nicht davor nieder. Vor einem profanen Stein kniet keine Ilharess. Mutter Oberin heißt dieser Rang, und Mutter ist in Menzoberranzan kein weiches Wort. Sie legte die Hand auf die kalte Oberfläche und sprach leise in den Stein. In der scharfen Sprache der Tiefe. Was sie sprach, war kein Gebet.
Es war ein Rapport.
Das Haus ist oben. Verluste beim Aufstieg: einer, ohne Wert. Das Gelände ist unbekannt, der Himmel ist … der Himmel ist offen. Die Befehle sind erteilt. Die Wachen stehen. Bis zum nächsten Dunkel wissen wir, was uns umgibt.
Sie bittet nie. Wer bittet, hat bereits verloren.
Über ihr schwebte das Auge der Verräterin. Sein Licht war keine Faerzress – es war kälter, unfassbar weit weg, und es lag auf ihren Händen wie eine Gabe, die sie nicht bestellt hatte. Sie sah nicht hinauf. Man richtet den Blick nur nach oben, wenn man genau weiß, was man dort will.
Irgendwo hinter ihr fluchte ein Krieger leise über den beißenden Wind. Jemand brachte ihn hart zum Schweigen, dann war es wieder still.
Genug. Es sind genug, um anzufangen.
Sie hatte diesen Gedanken in dieser Nacht schon einmal gedacht. Nun dachte sie ihn ein zweites Mal. Gründlich. Bis er unwiderruflich stimmte.
Wo kein Haus hinwill
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Selyndiira Noquar
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Sarkul Tal'vharin
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A'dos quarth...
Sarkul wartete nicht, bis sich der Blick der Ilharess endgültig von ihm löste. Ihre Anweisung war eindeutig gewesen, und mehr Worte bedurfte es zwischen einem Sargtlin und seiner Ilharess nicht. Die Schatten hier gehörten noch niemandem. Also würde er herausfinden, wem sie vielleicht bereits etwas anderes bedeuteten.
Er entgegnete seiner Ilharess ein ruhiges und selbstverständliches "A'dos quarth", ehe er sich ohne Hast abwandte und seinen Blick über das Gelände schweifen ließ.
Dann ein kaum merkliches Nicken gen Xireth, einem weiteren Sargtlin des Q'ellars. Die beiden kannten einander lange genug, um keine weiteren Absprachen zu benötigen. Xireth war schnell, präzise und tödlich. Vielleicht harmonierten die beiden deswegen so gut miteinander. Sofort schloss dieser zu ihm auf, ohne ein Geräusch zu verursachen und gemeinsam verschwanden sie zwischen den ersten Bäumen. Ihre Bögen lagen griffbereit, die Bewegungen waren ruhig und kontrolliert. Anders als die meisten Angehörigen des Hauses hatten sie keinen Grund, sich von der fremden Umgebung beeindrucken zu lassen. Sie mussten sie lediglich verstehen.
Das war schwieriger, als es zunächst wirkte.
Die Oberwelt besaß keine Decke aus Stein über ihren Köpfen, keine engen Gänge, keine vertrauten Geräusche, die einem Drow verrieten, was sich hinter der nächsten Biegung befand. Stattdessen erstreckte sich der Wald in beinahe alle Richtungen, durchbrochen von Licht, Wind und einer Vielzahl unbekannter Geräusche. Für einen Moment blieben die beiden stehen und ließen die Umgebung auf sich wirken. Nicht, weil sie zögerten, sondern weil sie nichts als selbstverständlich ansahen...dann setzten sich beide wieder in Bewegung.
Sie hielten sich zunächst abseits der deutlichsten Wege und suchten den Schutz dichterer Vegetation. Dort, wo der Boden weicher war, achteten sie auf Spuren. Wo Gras niedergetreten war, prüften sie, ob es durch Tiere oder durch Füße verursacht worden war. Immer wieder blieben sie stehen, wechselten ihre Positionen und beobachteten, bevor sie weitergingen.
Die erste deutliche Spur ließ nicht lange auf sich warten:
Im feuchten Boden zeichnete sich ein Fußabdruck ab, der nicht von einem Tier stammen konnte. Die Form war zu regelmäßig, das Gewicht hatte sich deutlich in die Erde gedrückt. Sarkul ging in die Hocke und betrachtete die Spur, ohne sie zu berühren. Xireth trat neben ihn, musterte ebenfalls den Abdruck und hob schließlich den Blick.
Keiner von beiden musste aussprechen, was sie dachten:
Hier bewegten sich Menschen oder zumindest Wesen, die sich ähnlich fortbewegten. Die Spur war noch frisch genug, dass sie ihre Aufmerksamkeit verdiente. Trotzdem folgten sie ihr nicht unmittelbar. Ein offensichtlicher Weg konnte ebenso gut eine Falle sein wie eine nützliche Verbindung. Stattdessen zogen sie einen Bogen um die Stelle und suchten nach weiteren Hinweisen.
Wenig später stießen sie auf fließendes Wasser.
Ein schmaler Bach zog sich zwischen den Bäumen hindurch und verschwand weiter entfernt wieder im dichten Unterholz. Sarkul blieb am Rand stehen und betrachtete das Wasser, während Xireth die Umgebung absuchte. Die Stelle war geeignet, um Tiere anzulocken, und damit auch jene, die Tiere jagten oder andere Gründe hatten, sich in diesem Gebiet aufzuhalten. Wasser bedeutete Leben, und Leben bedeutete Bewegung...Sie merkten sich den Ort genau.
Von dort aus arbeiteten sich die beiden Drow weiter durch das Gelände. Je länger sie unterwegs waren, desto deutlicher wurden die Spuren, die der Wald verbarg. Tierfährten kreuzten sich, kleinere Abdrücke führten zwischen den Bäumen hindurch, und an manchen Stellen war das Unterholz so niedergetreten, dass regelmäßig jemand oder etwas diesen Weg benutzte.
Schließlich stießen sie auf einen breiteren Pfad.
Er war nicht befestigt und keineswegs mit den Straßen der Unterwelt zu vergleichen, doch er war deutlich genug, um nicht zufällig entstanden zu sein. Mehrere Tierfährten verliefen entlang seines Randes. Dazwischen fanden sich kleinere humanoide Spuren. Sarkul ging ein Stück in die Hocke und ließ die Finger knapp über dem Boden schweben, ohne die Abdrücke zu beschädigen.
Xireth deutete in eine Richtung.
Sarkul folgte der Bewegung mit den Augen. Der Pfad führte tiefer in den Wald und schien sich später zu teilen. Sie entschieden sich, nicht direkt darauf weiterzugehen. Wer einen solchen Weg regelmäßig nutzte, konnte ebenso leicht bemerken, wenn plötzlich zwei Fremde darauf auftauchten.
Also blieben sie im Schutz des Waldes.
Die Vegetation wurde dichter, und einige der Pflanzen waren ihnen völlig unbekannt. Der Sargtlin achtete darauf, nichts davon unnötig zu berühren. Die Oberwelt mochte offen wirken, doch offen bedeutete nicht sicher. Gifte konnten in Blättern verborgen liegen, in Dornen, in Pilzen oder in unscheinbaren Blüten. Ein Fehler hier draußen wäre weitaus schwerwiegender als einer in einem vertrauten Abschnitt der Unterwelt.
Dann veränderte sich die Luft: Rauch.
Die beiden Kundschafter blieben gleichzeitig stehen.
Sarkul hob eine Hand und Xireth ging sofort tiefer in Deckung. Gemeinsam bewegten sie sich in einem weiten Bogen auf die Quelle des Geruchs zu. Dabei achteten sie darauf, keine Zweige zu brechen und das Unterholz möglichst unberührt zu lassen. Schließlich erreichten sie eine leichte Erhebung, von der aus sich ein Teil des Waldes überblicken ließ.
Dort unten brannte ein kleines Feuer.
Drei Menschen befanden sich bei der Feuerstelle. Zwei saßen nahe an den Flammen, während der dritte etwas abseits stand und immer wieder den Waldrand absuchte. Sie wirkten nicht wie eine größere Gruppe und trugen offenbar keine auffällige Bewaffnung, soweit sich aus der Entfernung erkennen ließ.
Der Sargtlin beobachtete seine Ziele lange.
Xireth lag einige Schritte entfernt und hatte einen anderen Winkel gewählt. Dadurch konnten sie gleichzeitig die Menschen und einen Teil des umliegenden Waldes im Auge behalten. Keiner der beiden zeigte Interesse daran, sich ihnen unnötig zu nähern. Ihr Auftrag war Erkenntnis, nicht ein Kampf.
Während sie die Männer beobachteten, bemerkte Sarkul eine weitere Bewegung.
Weiter hinten zwischen den Bäumen hatte sich etwas verändert.
Nur für einen Augenblick war dort etwas zu sehen gewesen. Eine Bewegung, die nicht eindeutig einem Tier zuzuordnen war. Der Drow verengte die Augen und wartete. Nichts. Dann bewegte sich das Laub erneut, diesmal so schwach, dass selbst ein ungeübtes Auge es hätte übersehen können.
Xireth hatte es ebenfalls bemerkt.
Die beiden wechselten einen kurzen Blick. Mehr brauchten sie nicht. Es gab zu viele unbekannte Faktoren. Sie wussten nicht, was sich dort bewegte, wie viele Wesen sich möglicherweise in der Umgebung aufhielten oder ob ihre Anwesenheit bereits bemerkt worden war..Sie würden deshalb nicht angreifen.
Stattdessen zogen sie sich langsam zurück und vergrößerten den Abstand zu dem Lager. Ein weiter Bogen führte sie um die menschliche Feuerstelle herum. Dabei fanden sie weitere Spuren, konnten jedoch nicht mit Sicherheit feststellen, ob sie zu den drei Männern gehörten oder von früheren Reisenden stammten.
Dann wurde der Wald wieder stiller.
Für einige Zeit hörten sie nichts außer dem Wind in den Blättern und den entfernten Geräuschen von Tieren. Dann durchschnitt ein trockenes Knacken die Stille.
Beide erstarrten wieder reflexartig.
Xireth verschwand beinahe vollständig zwischen den Schatten, während Sarkul seinen Blick über die Baumreihen gleiten ließ. Jeder Muskel blieb angespannt, doch keiner von ihnen machte eine hastige Bewegung. Ein paar Herzschläge vergingen. Dann noch einige.
Nichts zeigte sich.
Xireth überprüfte einen anderen Abschnitt des Waldes, während Sarkul den Bereich vor ihnen beobachtete. Schließlich gab sein Begleiter ihm ein kaum sichtbares Zeichen. Sie hatten genug gesehen, um der Ilharess einen ersten Überblick geben zu können. Mehr zu riskieren, ohne zu wissen, was sich in den tieferen Bereichen des Waldes verbarg, wäre unnötig gewesen.
Gemeinsam traten sie den Rückweg an.
Sie wählten nicht denselben Weg, den sie gekommen waren. Stattdessen legten sie erneut einen weiten Bogen zurück, vermieden den menschlichen Lagerplatz und hielten sich von dem breiteren Pfad fern. Wo ihre Spuren unvermeidbar waren, achteten sie darauf, keine eindeutigen Hinweise auf ihre Richtung zu hinterlassen.
Xireth bewegte sich dabei ebenso lautlos wie zuvor. Zwischen den Bäumen war kaum mehr als eine dunkle Bewegung zu erkennen, wenn überhaupt. Der Sargtlin folgte ihm mit demselben ruhigen Schritt, den er bereits auf dem Hinweg gewählt hatte.
Das Lager des Hauses lag noch immer dort, wo sie es zurückgelassen hatten.
Aus der Entfernung waren die ersten Anzeichen der Lagerstelle zwischen den Bäumen zu erkennen. Feuerlicht schimmerte schwach durch das Unterholz, Stimmen drangen gedämpft zu ihnen herüber. Sarkul verlangsamte seinen Schritt, bevor er den letzten Abschnitt zurücklegte, und warf noch einmal einen Blick über den Wald.
Die Oberwelt hatte ihnen bereits mehr gezeigt, als ihnen lieb sein konnte:
Menschen, Wasser, Wege, Tiere, Spuren...Und etwas, dessen Anwesenheit sie noch nicht hatten bestimmen können.
Dann setzten sich die beiden Drow wieder in Bewegung und kehrten zu ihrem Haus zurück, um der Ilharess Bericht zu erstatten.
Das Haus Noquar war gekommen, um zu bleiben...und die Oberwelt hatte gerade erst begonnen, ihnen zu zeigen, was sie verbarg.
Er entgegnete seiner Ilharess ein ruhiges und selbstverständliches "A'dos quarth", ehe er sich ohne Hast abwandte und seinen Blick über das Gelände schweifen ließ.
Dann ein kaum merkliches Nicken gen Xireth, einem weiteren Sargtlin des Q'ellars. Die beiden kannten einander lange genug, um keine weiteren Absprachen zu benötigen. Xireth war schnell, präzise und tödlich. Vielleicht harmonierten die beiden deswegen so gut miteinander. Sofort schloss dieser zu ihm auf, ohne ein Geräusch zu verursachen und gemeinsam verschwanden sie zwischen den ersten Bäumen. Ihre Bögen lagen griffbereit, die Bewegungen waren ruhig und kontrolliert. Anders als die meisten Angehörigen des Hauses hatten sie keinen Grund, sich von der fremden Umgebung beeindrucken zu lassen. Sie mussten sie lediglich verstehen.
Das war schwieriger, als es zunächst wirkte.
Die Oberwelt besaß keine Decke aus Stein über ihren Köpfen, keine engen Gänge, keine vertrauten Geräusche, die einem Drow verrieten, was sich hinter der nächsten Biegung befand. Stattdessen erstreckte sich der Wald in beinahe alle Richtungen, durchbrochen von Licht, Wind und einer Vielzahl unbekannter Geräusche. Für einen Moment blieben die beiden stehen und ließen die Umgebung auf sich wirken. Nicht, weil sie zögerten, sondern weil sie nichts als selbstverständlich ansahen...dann setzten sich beide wieder in Bewegung.
Sie hielten sich zunächst abseits der deutlichsten Wege und suchten den Schutz dichterer Vegetation. Dort, wo der Boden weicher war, achteten sie auf Spuren. Wo Gras niedergetreten war, prüften sie, ob es durch Tiere oder durch Füße verursacht worden war. Immer wieder blieben sie stehen, wechselten ihre Positionen und beobachteten, bevor sie weitergingen.
Die erste deutliche Spur ließ nicht lange auf sich warten:
Im feuchten Boden zeichnete sich ein Fußabdruck ab, der nicht von einem Tier stammen konnte. Die Form war zu regelmäßig, das Gewicht hatte sich deutlich in die Erde gedrückt. Sarkul ging in die Hocke und betrachtete die Spur, ohne sie zu berühren. Xireth trat neben ihn, musterte ebenfalls den Abdruck und hob schließlich den Blick.
Keiner von beiden musste aussprechen, was sie dachten:
Hier bewegten sich Menschen oder zumindest Wesen, die sich ähnlich fortbewegten. Die Spur war noch frisch genug, dass sie ihre Aufmerksamkeit verdiente. Trotzdem folgten sie ihr nicht unmittelbar. Ein offensichtlicher Weg konnte ebenso gut eine Falle sein wie eine nützliche Verbindung. Stattdessen zogen sie einen Bogen um die Stelle und suchten nach weiteren Hinweisen.
Wenig später stießen sie auf fließendes Wasser.
Ein schmaler Bach zog sich zwischen den Bäumen hindurch und verschwand weiter entfernt wieder im dichten Unterholz. Sarkul blieb am Rand stehen und betrachtete das Wasser, während Xireth die Umgebung absuchte. Die Stelle war geeignet, um Tiere anzulocken, und damit auch jene, die Tiere jagten oder andere Gründe hatten, sich in diesem Gebiet aufzuhalten. Wasser bedeutete Leben, und Leben bedeutete Bewegung...Sie merkten sich den Ort genau.
Von dort aus arbeiteten sich die beiden Drow weiter durch das Gelände. Je länger sie unterwegs waren, desto deutlicher wurden die Spuren, die der Wald verbarg. Tierfährten kreuzten sich, kleinere Abdrücke führten zwischen den Bäumen hindurch, und an manchen Stellen war das Unterholz so niedergetreten, dass regelmäßig jemand oder etwas diesen Weg benutzte.
Schließlich stießen sie auf einen breiteren Pfad.
Er war nicht befestigt und keineswegs mit den Straßen der Unterwelt zu vergleichen, doch er war deutlich genug, um nicht zufällig entstanden zu sein. Mehrere Tierfährten verliefen entlang seines Randes. Dazwischen fanden sich kleinere humanoide Spuren. Sarkul ging ein Stück in die Hocke und ließ die Finger knapp über dem Boden schweben, ohne die Abdrücke zu beschädigen.
Xireth deutete in eine Richtung.
Sarkul folgte der Bewegung mit den Augen. Der Pfad führte tiefer in den Wald und schien sich später zu teilen. Sie entschieden sich, nicht direkt darauf weiterzugehen. Wer einen solchen Weg regelmäßig nutzte, konnte ebenso leicht bemerken, wenn plötzlich zwei Fremde darauf auftauchten.
Also blieben sie im Schutz des Waldes.
Die Vegetation wurde dichter, und einige der Pflanzen waren ihnen völlig unbekannt. Der Sargtlin achtete darauf, nichts davon unnötig zu berühren. Die Oberwelt mochte offen wirken, doch offen bedeutete nicht sicher. Gifte konnten in Blättern verborgen liegen, in Dornen, in Pilzen oder in unscheinbaren Blüten. Ein Fehler hier draußen wäre weitaus schwerwiegender als einer in einem vertrauten Abschnitt der Unterwelt.
Dann veränderte sich die Luft: Rauch.
Die beiden Kundschafter blieben gleichzeitig stehen.
Sarkul hob eine Hand und Xireth ging sofort tiefer in Deckung. Gemeinsam bewegten sie sich in einem weiten Bogen auf die Quelle des Geruchs zu. Dabei achteten sie darauf, keine Zweige zu brechen und das Unterholz möglichst unberührt zu lassen. Schließlich erreichten sie eine leichte Erhebung, von der aus sich ein Teil des Waldes überblicken ließ.
Dort unten brannte ein kleines Feuer.
Drei Menschen befanden sich bei der Feuerstelle. Zwei saßen nahe an den Flammen, während der dritte etwas abseits stand und immer wieder den Waldrand absuchte. Sie wirkten nicht wie eine größere Gruppe und trugen offenbar keine auffällige Bewaffnung, soweit sich aus der Entfernung erkennen ließ.
Der Sargtlin beobachtete seine Ziele lange.
Xireth lag einige Schritte entfernt und hatte einen anderen Winkel gewählt. Dadurch konnten sie gleichzeitig die Menschen und einen Teil des umliegenden Waldes im Auge behalten. Keiner der beiden zeigte Interesse daran, sich ihnen unnötig zu nähern. Ihr Auftrag war Erkenntnis, nicht ein Kampf.
Während sie die Männer beobachteten, bemerkte Sarkul eine weitere Bewegung.
Weiter hinten zwischen den Bäumen hatte sich etwas verändert.
Nur für einen Augenblick war dort etwas zu sehen gewesen. Eine Bewegung, die nicht eindeutig einem Tier zuzuordnen war. Der Drow verengte die Augen und wartete. Nichts. Dann bewegte sich das Laub erneut, diesmal so schwach, dass selbst ein ungeübtes Auge es hätte übersehen können.
Xireth hatte es ebenfalls bemerkt.
Die beiden wechselten einen kurzen Blick. Mehr brauchten sie nicht. Es gab zu viele unbekannte Faktoren. Sie wussten nicht, was sich dort bewegte, wie viele Wesen sich möglicherweise in der Umgebung aufhielten oder ob ihre Anwesenheit bereits bemerkt worden war..Sie würden deshalb nicht angreifen.
Stattdessen zogen sie sich langsam zurück und vergrößerten den Abstand zu dem Lager. Ein weiter Bogen führte sie um die menschliche Feuerstelle herum. Dabei fanden sie weitere Spuren, konnten jedoch nicht mit Sicherheit feststellen, ob sie zu den drei Männern gehörten oder von früheren Reisenden stammten.
Dann wurde der Wald wieder stiller.
Für einige Zeit hörten sie nichts außer dem Wind in den Blättern und den entfernten Geräuschen von Tieren. Dann durchschnitt ein trockenes Knacken die Stille.
Beide erstarrten wieder reflexartig.
Xireth verschwand beinahe vollständig zwischen den Schatten, während Sarkul seinen Blick über die Baumreihen gleiten ließ. Jeder Muskel blieb angespannt, doch keiner von ihnen machte eine hastige Bewegung. Ein paar Herzschläge vergingen. Dann noch einige.
Nichts zeigte sich.
Xireth überprüfte einen anderen Abschnitt des Waldes, während Sarkul den Bereich vor ihnen beobachtete. Schließlich gab sein Begleiter ihm ein kaum sichtbares Zeichen. Sie hatten genug gesehen, um der Ilharess einen ersten Überblick geben zu können. Mehr zu riskieren, ohne zu wissen, was sich in den tieferen Bereichen des Waldes verbarg, wäre unnötig gewesen.
Gemeinsam traten sie den Rückweg an.
Sie wählten nicht denselben Weg, den sie gekommen waren. Stattdessen legten sie erneut einen weiten Bogen zurück, vermieden den menschlichen Lagerplatz und hielten sich von dem breiteren Pfad fern. Wo ihre Spuren unvermeidbar waren, achteten sie darauf, keine eindeutigen Hinweise auf ihre Richtung zu hinterlassen.
Xireth bewegte sich dabei ebenso lautlos wie zuvor. Zwischen den Bäumen war kaum mehr als eine dunkle Bewegung zu erkennen, wenn überhaupt. Der Sargtlin folgte ihm mit demselben ruhigen Schritt, den er bereits auf dem Hinweg gewählt hatte.
Das Lager des Hauses lag noch immer dort, wo sie es zurückgelassen hatten.
Aus der Entfernung waren die ersten Anzeichen der Lagerstelle zwischen den Bäumen zu erkennen. Feuerlicht schimmerte schwach durch das Unterholz, Stimmen drangen gedämpft zu ihnen herüber. Sarkul verlangsamte seinen Schritt, bevor er den letzten Abschnitt zurücklegte, und warf noch einmal einen Blick über den Wald.
Die Oberwelt hatte ihnen bereits mehr gezeigt, als ihnen lieb sein konnte:
Menschen, Wasser, Wege, Tiere, Spuren...Und etwas, dessen Anwesenheit sie noch nicht hatten bestimmen können.
Dann setzten sich die beiden Drow wieder in Bewegung und kehrten zu ihrem Haus zurück, um der Ilharess Bericht zu erstatten.
Das Haus Noquar war gekommen, um zu bleiben...und die Oberwelt hatte gerade erst begonnen, ihnen zu zeigen, was sie verbarg.
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