Der Graf lehnte sich zurück und ließ den Blick einen Moment über die Karten Britains und seiner Randgebiete schweifen. Der Status quo also – fragil, unbequem, aber nicht ohne Nutzen. Er wusste um die laufenden Gespräche, um Boten, Abwägungen und das vorsichtige Tasten auf diplomatischer Ebene. Mehr als eine Fraktion beobachtete die Entwicklung mit gespannter Aufmerksamkeit. In diesem Licht war der Erhalt des gegenwärtigen Zustands nicht gänzlich unerwünscht.„Die Lage innerhalb der Stadtgrenzen ist angespannt, jedoch stabil. Festsetzungen wurden durchgeführt, die Präsenz der Garde erhöht. Trotz vereinzelter Unruhen aus der Bürgerschaft heraus zeigen die Drow bislang keine koordinierten feindseligen Handlungen. Es kam zu keiner offenen Eskalation.“
Und doch blieb etwas zurück, das ihn stutzig machte. Nicht das, was berichtet wurde – sondern das, was ausblieb. Keine gezielten Provokationen. Keine offenen Drohgebärden. Kein Versuch, die Lage bewusst zum Kippen zu bringen.
Answin von Rothenstein schwieg einen Moment länger, als es nötig gewesen wäre. Es war seltsam. Fast beunruhigend. Zu lange hatte man sich an klare Feindbilder gewöhnt, an einfache Schuldzuweisungen und eindeutige Fronten. Die Geschichte lehrte jedoch, dass gerade solche Phasen trügerischer Ruhe selten zufällig waren.„Bis zum Zeitpunkt dieses Schreibens konnten keine belastbaren Hinweise auf eine gezielte Steuerung der jüngsten Vorfälle durch die Drow festgestellt werden. Ihre Bewegungen bleiben defensiv, teils sogar zurückhaltend. Die Mehrheit der Zwischenfälle ist auf Angst, Gerüchte und unkontrollierte Reaktionen der Bevölkerung zurückzuführen.“
Und nun drängte sich ein Gedanke auf, den er bislang nur ungern zugelassen hatte:
Was, wenn die Drow nicht die treibende Kraft hinter all dem waren?
Noch änderte diese Überlegung nichts. Noch blieb alles, wie es war. Die Berichte würden gesammelt, verglichen, geprüft werden. Doch der Graf wusste, dass ein Zustand, der nur aus Gewohnheit erhalten wird, selten von Dauer ist – und dass jede Entscheidung, die vertagt wird, früher oder später ihren Preis fordert.