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im Arbeitszimmer des Grafen

Verfasst: 02 Jan 2026, 17:28
von Graf Answin Leobold von Rothenstein
Das Kaminfeuer in seinem Arbeitszimmer war beinahe herabgebrannt, als der Bote aus Moonglow eintraf. Graf Answin von Rothenstein legte die Feder beiseite, ordnete die Pergamente vor sich und brach die frischen Siegel. Erneut Berichte aus der Stadt der Magier – nüchtern verfasst, militärisch korrekt, ohne jedes unnötige Wort. Und doch lag zwischen den Zeilen mehr Gewicht, als es der sachliche Ton vermuten ließ.
„Die Lage innerhalb der Stadtgrenzen ist angespannt, jedoch stabil. Festsetzungen wurden durchgeführt, die Präsenz der Garde erhöht. Trotz vereinzelter Unruhen aus der Bürgerschaft heraus zeigen die Drow bislang keine koordinierten feindseligen Handlungen. Es kam zu keiner offenen Eskalation.“
Der Graf lehnte sich zurück und ließ den Blick einen Moment über die Karten Britains und seiner Randgebiete schweifen. Der Status quo also – fragil, unbequem, aber nicht ohne Nutzen. Er wusste um die laufenden Gespräche, um Boten, Abwägungen und das vorsichtige Tasten auf diplomatischer Ebene. Mehr als eine Fraktion beobachtete die Entwicklung mit gespannter Aufmerksamkeit. In diesem Licht war der Erhalt des gegenwärtigen Zustands nicht gänzlich unerwünscht.

Und doch blieb etwas zurück, das ihn stutzig machte. Nicht das, was berichtet wurde – sondern das, was ausblieb. Keine gezielten Provokationen. Keine offenen Drohgebärden. Kein Versuch, die Lage bewusst zum Kippen zu bringen.
„Bis zum Zeitpunkt dieses Schreibens konnten keine belastbaren Hinweise auf eine gezielte Steuerung der jüngsten Vorfälle durch die Drow festgestellt werden. Ihre Bewegungen bleiben defensiv, teils sogar zurückhaltend. Die Mehrheit der Zwischenfälle ist auf Angst, Gerüchte und unkontrollierte Reaktionen der Bevölkerung zurückzuführen.“
Answin von Rothenstein schwieg einen Moment länger, als es nötig gewesen wäre. Es war seltsam. Fast beunruhigend. Zu lange hatte man sich an klare Feindbilder gewöhnt, an einfache Schuldzuweisungen und eindeutige Fronten. Die Geschichte lehrte jedoch, dass gerade solche Phasen trügerischer Ruhe selten zufällig waren.

Und nun drängte sich ein Gedanke auf, den er bislang nur ungern zugelassen hatte:
Was, wenn die Drow nicht die treibende Kraft hinter all dem waren?

Noch änderte diese Überlegung nichts. Noch blieb alles, wie es war. Die Berichte würden gesammelt, verglichen, geprüft werden. Doch der Graf wusste, dass ein Zustand, der nur aus Gewohnheit erhalten wird, selten von Dauer ist – und dass jede Entscheidung, die vertagt wird, früher oder später ihren Preis fordert.

Re: Erlass von Graf Answin Leobold von Rothenstein - Im Namen der Krone

Verfasst: 02 Jan 2026, 20:43
von Tath'raen
Der Befehl kam leise zu ihm. Kein Ausruf, kein Trommelschlag, sondern ein schmales Stück Pergament, überbracht von einem Läufer, der den Blick gesenkt hielt und ging, noch ehe man ihm eine Frage hätte stellen können. Tath’raen nahm das Schreiben entgegen, während um ihn herum die Vorbereitungen weiterliefen, das gedämpfte Klirren von Metall, das Murmeln geduldiger Stimmen, der Geruch von Öl und kaltem Stein. Er las die Zeilen einmal, dann noch einmal, langsamer, als ließe sich zwischen den Worten etwas finden, das dort nicht stand, und doch war alles gesagt, was gesagt werden musste.
„Aber Moonglow ist noch nicht gesichert“, sprach er halblaut, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst, und seine Stimme trug weder Trotz noch Empörung, sondern jene nüchterne Feststellung, die man macht, wenn man weiß, dass der Würfel längst gefallen ist. Er faltete das Pergament sorgfältig, steckte es an die Innenseite seines Panzers und spürte für einen Moment das alte, vertraute Ziehen zwischen Pflicht und Instinkt. Dann schob er den Gedanken beiseite. Die Ilharess befahl nicht, um Meinungen einzuholen. Sie befahl, weil der nächste Zug bereits gedacht war.
Er wählte seine Leute mit Bedacht. Keine Helden, keine Namen, die man später singen würde, sondern Kämpfer, die verstanden, dass Lärm manchmal wertvoller war als Sieg und Rückzug mehr Mut erforderte als der Angriff. Der Plan war schlicht, fast grob, und genau darin lag seine Stärke: ein harter, sichtbarer Stoß gegen die Garde, laut genug, um ihre Aufmerksamkeit zu binden, unberechenbar genug, um ihre Ordnung zu zerreißen. Während sie reagierten, würden andere handeln, tiefer unten, dort, wo kein Licht und kein Ruf sie erreichte.
Als die Nacht schwerer wurde und die Schatten länger, setzte Tath’raen sich in Bewegung. Die Gassen nahmen sie auf wie alte Bekannte, der Stein unter ihren Stiefeln kannte ihr Gewicht. Der erste Angriff war ein Funke, absichtlich gesetzt, der zweite ein Schlag, der die Wachen zusammenzucken ließ, und binnen weniger Atemzüge brach das Chaos los, auf das er gesetzt hatte. Befehle wurden gerufen, Schilde erhoben, Linien gebildet und wieder verworfen, während Tath’raen seine Leute führte wie Wasser durch Risse im Fels, immer präsent, nie greifbar. Und während Stahl auf Stahl traf und Schreie die Nacht zerrissen, wusste er, dass der eigentliche Zweck dieser Stunde an einem ganz anderen Ort erfüllt wurde, jenseits der Sicht, jenseits der Klingen, die hier gezogen waren.
Als schließlich das vereinbarte Zeichen kam, unscheinbar und leicht zu überhören, gab Tath’raen den Befehl zum Rückzug. So plötzlich, wie sie erschienen waren, lösten sich die Drow wieder auf, verschwanden in Nebenwegen und Schatten, ließen verwirrte Wachen zurück, die nicht sicher waren, ob sie gesiegt oder nur überlebt hatten. Die Ablenkung hatte geglückt.