Re: Die Saat von Düsterhafen
Verfasst: 25 Sep 2026, 14:17
In den Tagen nach ihrer letzten Untersuchung hatte sich etwas verändert. Nicht im Kloster. Nicht im Aderwerk. Auch nicht in Düsterhafen.
Dort lief alles weiter wie zuvor. Die Arena füllte sich Abend für Abend, und tief unter ihren steinernen Rängen nahm das Netz die Furcht der Menschen auf. Die schwarzen Steine in den Gewölben pulsierten in ihrem ruhigen Takt, während Diener kamen und gingen, neue Gänge ausgebaut wurden und irgendwo hinter schweren Türen jene Arbeiten fortgeführt wurden, über die außerhalb des engsten Kreises niemand etwas wissen durfte.
Auch die Frau hatte sich mit ihrer Grenze abgefunden. Zumindest schien es so.
Sie stellte nicht mehr jeden Abend die gleichen Fragen und versuchte nicht mehr, mit Gewalt einen weiteren Schritt zu erzwingen. Die Macht, die sie inzwischen besaß, war ohnehin gewaltig. Ihre Anwesenheit allein genügte, um einen Raum zu verändern. Selbst jene Diener, die täglich mit ihr zu tun hatten, begegneten ihr mit einer Mischung aus Respekt und jener leisen Unsicherheit, die Maranos mittlerweile gut kannte.
Doch gerade weil sie sich verändert hatte, begann er selbst über etwas nachzudenken, dem er bisher erstaunlich wenig Bedeutung beigemessen hatte.
Sie hatte keinen Namen.
Natürlich hatte sie nie einen gebraucht. Als sie noch nichts weiter als eine Stimme aus der Dunkelheit gewesen war, wäre ein Name beinahe lächerlich erschienen. Maranos hatte mit ihr gesprochen, sie hatte geantwortet, und beide hatten jederzeit gewusst, wer gemeint war. Auch nachdem sie durch den Spalt gekommen war, hatte sich daran zunächst nichts geändert. Sie war einfach sie gewesen. Die Frau. Die Gestalt.
Für die Diener jene geheimnisvolle Person, die plötzlich an Maranos' Seite erschienen war und offenbar das Recht besaß, sich im Kloster beinahe ebenso frei zu bewegen wie er selbst.
Doch inzwischen störte ihn diese Namenlosigkeit.Vielleicht gerade deshalb, weil sie inzwischen so wirklich geworden war. Sie hatte einen Körper. Einen eigenen Willen. Eigene Ansichten.Sie widersprach ihm, verspottete ihn gelegentlich, saß mit ihm bei einem Glas Wein und konnte genauso gut stundenlang schweigend neben ihm stehen. Ein namenloses Wesen war sie längst nicht mehr.Und dennoch fand Maranos keinen Namen, der ihm richtig erschien.
Er hatte einige ausprobiert. Nur für sich. Keinen davon hatte er ausgesprochen. Manche klangen zu weich. Andere zu künstlich.Wieder andere erinnerten ihn zu sehr an die Namen irgendwelcher Dämonen aus alten Büchern, und genau das wollte er vermeiden. Sie war kein Dämon, den er aus einem Kreis gezwungen hatte. Keine beschworene Dienerin. Kein Werkzeug. Und vielleicht war genau das sein Problem. Er versuchte, einen Namen für etwas zu finden, das er selbst noch nicht vollständig verstanden hatte.
Eines Abends wurde ihm das alles zu eng.
Maranos legte die Feder beiseite, mit der er seit beinahe einer Stunde auf demselben Pergament herumgeschrieben hatte, ohne auch nur einen brauchbaren Satz zustande zu bringen.
Die Frau saß einige Schritte entfernt und las in einem seiner Bücher. Sie hatte offensichtlich bemerkt, dass er längst nicht mehr arbeitete.
„Du starrst seit geraumer Zeit auf dieselbe Stelle.“
Maranos blickte nicht zu ihr.
„Dann solltest du weniger auf mich achten und mehr lesen.“
„Ich kann beides.“
„Bedauerlich.“
Sie blätterte ruhig eine Seite um.
„Du bist unruhig.“
Diesmal sah er zu ihr.
„Ich bin nicht unruhig.“
„Natürlich nicht.“ Dieser Ton.
Maranos kannte ihn inzwischen. Sie glaubte ihm kein Wort. Er stand auf, griff nach seinem Mantel und zog ihn über. Nun legte auch sie das Buch beiseite.
„Wohin gehst du?“
„Hinaus.“
„Das habe ich beinahe vermutet.“
Maranos befestigte den Verschluss seines Mantels.
„Dann war die Frage unnötig.“
Sie beobachtete ihn einen Moment.
„Soll ich mitkommen?“
Er hielt kurz inne.Nicht lange.
„Nein.“
Es lag keine Härte in seiner Antwort. Gerade das ließ sie aufmerksamer werden. Normalerweise hätte sie eine Bemerkung gemacht. Vielleicht etwas Spöttisches. Vielleicht hätte sie einfach beschlossen, trotzdem mitzukommen.
Diesmal tat sie es nicht. Maranos ging zur Tür. Er hatte sie bereits geöffnet, als ihre Stimme hinter ihm erklang.
„Maranos.“
Er blieb stehen.
„Was?“
„Komm zurück.“
Für einen Augenblick sagte er nichts.Dann sah er über die Schulter. Sie saß noch immer dort, das Buch vor sich, aber ihre Augen ruhten auf ihm. Es war eine seltsame Bitte.
Fast menschlich. Vielleicht war gerade deshalb seine Antwort ungewöhnlich ruhig.
„Das hatte ich vor.“
Dann ging er. Düsterhafen wirkte in dieser Nacht anders. Vielleicht lag es nur daran, dass Maranos diesmal kein Ziel hatte. Normalerweise ging er durch diese Straßen und sah Möglichkeiten.
Er beobachtete Wachwege, Menschenansammlungen, Handelsplätze und jene unscheinbaren Ecken, an denen sich eines seiner Zeichen besonders gut verbergen ließ. Er wusste inzwischen, an welchen Häusern Runen verborgen waren und unter welchen Straßen das Aderwerk verlief. Heute versuchte er, nichts davon zu sehen. Er ging einfach. Ohne Diener. Ohne Begleitung. Die Kapuze seines Mantels tief im Gesicht. Niemand schenkte ihm besondere Aufmerksamkeit.
Ein Mann ging an ihm vorbei und fluchte über seinen verlorenen Einsatz in der Arena. Zwei Seeleute stritten am Eingang einer Taverne darüber, wer am nächsten Morgen Dienst hatte. Eine Frau schloss die Fensterläden ihres Hauses, während irgendwo in einer Seitengasse jemand laut lachte. Normales Leben.
Maranos blieb für einen Moment stehen und betrachtete die Menschen. Wie wenig sie wussten. Unter ihren Füßen verliefen seine Linien. Ihre Sorgen flossen durch seine Steine. Ihre Furcht nährte etwas, dessen Existenz sie nicht einmal erahnten.
Früher hätte ihm dieser Gedanke Genugtuung bereitet. Heute dachte er kaum darüber nach. Er ging weiter. Je weiter er sich vom Zentrum entfernte, desto ruhiger wurden die Straßen. Die Stimmen verschwanden hinter ihm, und irgendwann hörte er nur noch seine eigenen Schritte auf dem Pflaster. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu ihr zurück. Zu der Frau. Zu der namenlosen Gestalt, die inzwischen beinahe selbstverständlich Teil seines Lebens geworden war.
Wann war das geschehen? Maranos wusste es nicht. Vielleicht bereits damals, als sie nur eine Stimme gewesen war. Vielleicht noch früher. Manche ihrer Bemerkungen hatten sich schon damals merkwürdig vertraut angefühlt.
Ihre Art, ihm zu widersprechen.
Dieses gelegentliche Lachen, wenn er wieder einmal glaubte, etwas vollkommen unter Kontrolle zu haben. Die Geduld, mit der sie ihn beobachtete. Und gleichzeitig die bemerkenswerte Fähigkeit, ihm mit wenigen Worten auf die Nerven zu gehen.
Er blieb erneut stehen. Sein Blick fiel auf eines der Häuser. Im oberen Stockwerk brannte noch Licht. Hinter einem dünnen Vorhang bewegten sich zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Einer der beiden stellte offenbar etwas auf einen Tisch, der andere setzte sich dazu.
Eine vollkommen belanglose Szene.
Maranos sah länger hin, als notwendig gewesen wäre. Dann ging er weiter. Irgendwann führten ihn seine Schritte aus Düsterhafen hinaus. Er hatte noch immer kein Ziel. Zumindest redete er sich das ein. Doch als die ersten Mauern der alten Festung in der Dunkelheit sichtbar wurden, wusste er, dass das nicht stimmte. Die Festung war still. Vieles hatte sich verändert. Manches war verfallen, anderes nur noch eine Erinnerung an das, was hier früher gewesen war. Der Wind zog durch offene Mauern und über alte Steine, auf denen einst Männer gestanden hatten, deren Namen heute kaum noch jemand kannte. Maranos ging langsam hindurch. Er kannte diesen Ort. Nicht nur die Wege. Die Erinnerungen. Manche davon lagen so weit zurück, dass sie ihm beinahe wie das Leben eines anderen Mannes erschienen.
Er ließ die Finger über eine alte Mauer gleiten. Kalter Stein. Nichts weiter. Und doch blieb er einen Moment dort stehen. Früher hatte er geglaubt, Festungen müssten aus Mauern bestehen, Aus Türmen, Toren und Soldaten.
Heute wusste er es besser.
Seine neue Festung lag unter einer Stadt, die nicht einmal wusste, dass sie Teil davon war. Vielleicht war er klüger geworden. Vielleicht nur vorsichtiger. Oder älter. Diesen Gedanken mochte er nicht besonders.
Er ging weiter bis dorthin, wo sich vor ihm das Meer öffnete. Dunkel lag es vor ihm. Der Himmel darüber war beinahe ebenso schwarz, sodass Horizont und Wasser stellenweise ineinander verschwammen.
Maranos setzte sich auf einen alten Stein. Zum ersten Mal seit langer Zeit tat er nichts. Keine Pläne.
Er sah einfach hinaus.
Das Meer hatte ihn immer fasziniert. Man konnte darüber herrschen wollen. Häfen bauen. Schiffe schicken. Karten zeichnen. Und trotzdem blieb es etwas, das sich niemals wirklich kontrollieren ließ.
Vielleicht war es gerade deshalb so beruhigend. Maranos zog den Mantel enger. Seine Gedanken wanderten weiter. Zurück. Weiter zurück.
Lange bevor Düsterhafen.
Lange bevor das Kloster.
Bevor das Labor.
Bevor jene schwarze Flamme.
Und schließlich kam eine Erinnerung, die er seit Jahren kaum noch zugelassen hatte. Ein Haus. Ein Kamin. Ein anderer Maranos. Er stand auf.Diesmal wusste er genau, wohin er wollte.
Der Weg war weit. Er hätte ein Pferd nehmen können. Er hätte Magie nutzen können. Tat er aber nicht.Maranos ging zu Fuß. Stunde um Stunde. Vielleicht brauchte er die Zeit.
Vielleicht hatte er Angst davor, zu schnell anzukommen. Auch diesen Gedanken hätte er jedem anderen gegenüber bestritten. Gegen Morgen erschien schließlich das alte Anwesen der Familie.
Es stand noch. Gerade so. Der Garten war längst verwildert. Efeu hatte Teile der Mauern erobert und einige Fenster waren blind geworden. Wo früher Wege gewesen waren, wuchs hohes Gras.
Maranos blieb vor dem Tor stehen. Lange. Dann drückte er es auf. Das alte Eisen gab mit einem krächzenden Laut nach. Er erinnerte sich an dieses Geräusch. Natürlich klang es inzwischen anders.
Und trotzdem erinnerte er sich. Seine Schritte wurden langsamer, als er auf das Haus zuging. Hier hatte niemand Runen gesetzt. Niemand hatte schwarze Steine verborgen. Keine Diener warteten hinter Türen.
Es gab keine Angst zu ernten. Nur Vergangenheit. Die Haustür klemmte. Maranos drückte stärker dagegen, bis sie sich schließlich öffnete. Staub lag auf dem Boden.
Der Geruch alten Holzes erfüllte die Räume. Er ging langsam hindurch. Manche Möbel waren noch vorhanden. Andere fehlten. Einige Türen standen offen.
Er wusste noch, was hinter jeder gelegen hatte. Das Arbeitszimmer. Der Speiseraum. Die kleine Kammer neben der Küche. Er blieb nicht stehen. Sein Weg führte ihn in den großen Wohnraum.
Dort stand der Kamin.Maranos blieb an der Tür stehen.
Nun wusste er endgültig, weshalb er hierher gekommen war.Er hatte seit Jahren nicht daran gedacht. Zumindest hatte er versucht, nicht daran zu denken. Langsam ging er zum Kamin.
Seine Hand strich über den Sims. Staub blieb an seinen Fingern hängen.
„Natürlich“, murmelte er. Fast hätte er gelacht.
Manche Dinge änderten sich offenbar niemals. Er kniete sich hin. Links neben dem Kamin befand sich ein kleiner Stein. Für jeden anderen Teil der Mauer. Maranos drückte dagegen.
Nichts. Er runzelte die Stirn. Noch einmal. Dann erinnerte er sich. Nicht drücken. Erst drehen. Der Stein gab nach. Dahinter öffnete sich ein schmaler Hohlraum. Maranos griff hinein.
Seine Finger ertasteten Holz. Eine kleine Schatulle. Er zog sie heraus. Für einige Augenblicke hielt er sie einfach in den Händen. Dann öffnete er sie. Darin lag ein Ring. Schlicht.
Ohne großen Stein. Ohne auffällige Verzierung. Nur ein Hochzeitsring.
Sein Hochzeitsring. Maranos bewegte sich nicht. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Nur wenig. Ein Fremder hätte es wahrscheinlich nicht bemerkt. Doch hier war niemand.
Niemand, vor dem er etwas verbergen musste. Er nahm den Ring zwischen Daumen und Zeigefinger. Das Metall war kalt. Er erinnerte sich daran, wann er ihn zuletzt getragen hatte.
Oder glaubte sich zu erinnern. Manche Dinge verschwammen nach so vielen Jahren. Andere nicht. Eine Stimme. Ein Lachen. Ein Blick.
Ein Streit wegen irgendeiner vollkommen belanglosen Sache, die ihm damals wichtig erschienen war. Ein gemeinsames Essen. Eine Hand in seiner.
Maranos setzte sich vor den Kamin auf den staubigen Boden.
Der mächtige Magier. Der Diener Malions. Der Mann, unter dessen Kloster schwarze Feuer brannten und dessen Netz inzwischen die Furcht einer ganzen Stadt sammelte.
Er saß auf dem Boden seines alten Hauses und hielt einen Ring in der Hand. Lange geschah nichts.
Er drehte ihn zwischen den Fingern.
„Was würde sie dazu sagen?“
Seine Stimme klang seltsam in dem leeren Raum. Keine Antwort. Natürlich nicht. Maranos schnaubte leise.
„Wahrscheinlich etwas Unverschämtes.“
Diesmal musste er tatsächlich kurz lächeln. Doch das Lächeln verschwand schnell wieder. Seine Gedanken wanderten zu der Frau im Kloster. Zu ihr und ihrer Namenlosigkeit.
Er hatte nach mächtigen Namen gesucht. Alten Namen. Dunklen Namen. Namen, die zu ihrer Aura passten. Wie dumm. Vielleicht brauchte sie keinen Namen, der erklärte, was sie war.
Vielleicht brauchte sie einfach einen Namen. Einen, den er aussprechen konnte, ohne jedes Mal an das Wesen hinter dem Namen zu denken. Er betrachtete den Ring.
Und plötzlich verstand er, weshalb ihn ihre Art manchmal so irritierte. Nicht weil sie jemandem vollkommen glich.
Das tat sie nicht. Ihre Stimme war anders. Ihr Gesicht war anders. Ihr Lachen war anders. Und trotzdem gab es diese kleinen Augenblicke.
Diese Art, ihn anzusehen, wenn er sich wieder einmal in irgendeiner Idee verrannte. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihm widersprach.
Dieses beinahe amüsierte Schweigen, wenn sie längst wusste, dass er falsch lag, ihn aber noch ein wenig weiterreden ließ.
Maranos schloss die Hand um den Ring. Nein. Sie war nicht dieselbe. Er würde niemals so töricht sein, sich das einzureden. Vielleicht war gerade das der Punkt.
Er wollte ihr keinen Namen geben, um jemanden zurückzuholen. Vergangenheit ließ sich nicht zurückholen. Auch nicht mit schwarzer Magie.
Auch nicht mit all der Macht, die inzwischen unter Düsterhafen floss. Und vielleicht war es eine der wenigen Grenzen, die selbst er irgendwann akzeptieren musste.
Doch Namen trugen Erinnerungen. Nicht Körper. Nicht Seelen. Erinnerungen. Maranos blieb noch lange vor dem alten Kamin sitzen. Als draußen langsam das erste fahle Licht durch die schmutzigen Fenster fiel, steckte er den Ring nicht zurück in die Schatulle. Er betrachtete ihn ein letztes Mal. Dann schob er ihn in eine kleine Innentasche seines Mantels. Dorthin, wo er ihn nicht verlieren würde. Er erhob sich langsam. Sein Blick wanderte noch einmal durch den Raum.
„Also gut.“
Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Er dachte an die Frau, die im Kloster auf ihn wartete. Vielleicht saß sie inzwischen wieder an seinem Tisch.
Vielleicht hatte sie längst eines seiner Bücher genommen, obwohl er ihr schon mehrfach gesagt hatte, sie solle seine Aufzeichnungen nicht ohne ihn durchsehen.
Wahrscheinlich würde sie ihn fragen, wo er gewesen war. Er würde ihr vermutlich keine vernünftige Antwort geben. Sie würde ihn ansehen.
Dieses leichte Lächeln. Diese hochgezogene Augenbraue. Und irgendwann würde sie wahrscheinlich wieder fragen, ob er endlich einen Namen für sie gefunden hatte.
Maranos ging zur Tür. Kurz davor blieb er noch einmal stehen. Seine Hand glitt unbewusst zu jener Stelle seines Mantels, an der der Ring lag. Er schloss die Augen.
Nur für einen Moment. Dann sagte er den Namen zum ersten Mal laut.
„Elly.“
Dort lief alles weiter wie zuvor. Die Arena füllte sich Abend für Abend, und tief unter ihren steinernen Rängen nahm das Netz die Furcht der Menschen auf. Die schwarzen Steine in den Gewölben pulsierten in ihrem ruhigen Takt, während Diener kamen und gingen, neue Gänge ausgebaut wurden und irgendwo hinter schweren Türen jene Arbeiten fortgeführt wurden, über die außerhalb des engsten Kreises niemand etwas wissen durfte.
Auch die Frau hatte sich mit ihrer Grenze abgefunden. Zumindest schien es so.
Sie stellte nicht mehr jeden Abend die gleichen Fragen und versuchte nicht mehr, mit Gewalt einen weiteren Schritt zu erzwingen. Die Macht, die sie inzwischen besaß, war ohnehin gewaltig. Ihre Anwesenheit allein genügte, um einen Raum zu verändern. Selbst jene Diener, die täglich mit ihr zu tun hatten, begegneten ihr mit einer Mischung aus Respekt und jener leisen Unsicherheit, die Maranos mittlerweile gut kannte.
Doch gerade weil sie sich verändert hatte, begann er selbst über etwas nachzudenken, dem er bisher erstaunlich wenig Bedeutung beigemessen hatte.
Sie hatte keinen Namen.
Natürlich hatte sie nie einen gebraucht. Als sie noch nichts weiter als eine Stimme aus der Dunkelheit gewesen war, wäre ein Name beinahe lächerlich erschienen. Maranos hatte mit ihr gesprochen, sie hatte geantwortet, und beide hatten jederzeit gewusst, wer gemeint war. Auch nachdem sie durch den Spalt gekommen war, hatte sich daran zunächst nichts geändert. Sie war einfach sie gewesen. Die Frau. Die Gestalt.
Für die Diener jene geheimnisvolle Person, die plötzlich an Maranos' Seite erschienen war und offenbar das Recht besaß, sich im Kloster beinahe ebenso frei zu bewegen wie er selbst.
Doch inzwischen störte ihn diese Namenlosigkeit.Vielleicht gerade deshalb, weil sie inzwischen so wirklich geworden war. Sie hatte einen Körper. Einen eigenen Willen. Eigene Ansichten.Sie widersprach ihm, verspottete ihn gelegentlich, saß mit ihm bei einem Glas Wein und konnte genauso gut stundenlang schweigend neben ihm stehen. Ein namenloses Wesen war sie längst nicht mehr.Und dennoch fand Maranos keinen Namen, der ihm richtig erschien.
Er hatte einige ausprobiert. Nur für sich. Keinen davon hatte er ausgesprochen. Manche klangen zu weich. Andere zu künstlich.Wieder andere erinnerten ihn zu sehr an die Namen irgendwelcher Dämonen aus alten Büchern, und genau das wollte er vermeiden. Sie war kein Dämon, den er aus einem Kreis gezwungen hatte. Keine beschworene Dienerin. Kein Werkzeug. Und vielleicht war genau das sein Problem. Er versuchte, einen Namen für etwas zu finden, das er selbst noch nicht vollständig verstanden hatte.
Eines Abends wurde ihm das alles zu eng.
Maranos legte die Feder beiseite, mit der er seit beinahe einer Stunde auf demselben Pergament herumgeschrieben hatte, ohne auch nur einen brauchbaren Satz zustande zu bringen.
Die Frau saß einige Schritte entfernt und las in einem seiner Bücher. Sie hatte offensichtlich bemerkt, dass er längst nicht mehr arbeitete.
„Du starrst seit geraumer Zeit auf dieselbe Stelle.“
Maranos blickte nicht zu ihr.
„Dann solltest du weniger auf mich achten und mehr lesen.“
„Ich kann beides.“
„Bedauerlich.“
Sie blätterte ruhig eine Seite um.
„Du bist unruhig.“
Diesmal sah er zu ihr.
„Ich bin nicht unruhig.“
„Natürlich nicht.“ Dieser Ton.
Maranos kannte ihn inzwischen. Sie glaubte ihm kein Wort. Er stand auf, griff nach seinem Mantel und zog ihn über. Nun legte auch sie das Buch beiseite.
„Wohin gehst du?“
„Hinaus.“
„Das habe ich beinahe vermutet.“
Maranos befestigte den Verschluss seines Mantels.
„Dann war die Frage unnötig.“
Sie beobachtete ihn einen Moment.
„Soll ich mitkommen?“
Er hielt kurz inne.Nicht lange.
„Nein.“
Es lag keine Härte in seiner Antwort. Gerade das ließ sie aufmerksamer werden. Normalerweise hätte sie eine Bemerkung gemacht. Vielleicht etwas Spöttisches. Vielleicht hätte sie einfach beschlossen, trotzdem mitzukommen.
Diesmal tat sie es nicht. Maranos ging zur Tür. Er hatte sie bereits geöffnet, als ihre Stimme hinter ihm erklang.
„Maranos.“
Er blieb stehen.
„Was?“
„Komm zurück.“
Für einen Augenblick sagte er nichts.Dann sah er über die Schulter. Sie saß noch immer dort, das Buch vor sich, aber ihre Augen ruhten auf ihm. Es war eine seltsame Bitte.
Fast menschlich. Vielleicht war gerade deshalb seine Antwort ungewöhnlich ruhig.
„Das hatte ich vor.“
Dann ging er. Düsterhafen wirkte in dieser Nacht anders. Vielleicht lag es nur daran, dass Maranos diesmal kein Ziel hatte. Normalerweise ging er durch diese Straßen und sah Möglichkeiten.
Er beobachtete Wachwege, Menschenansammlungen, Handelsplätze und jene unscheinbaren Ecken, an denen sich eines seiner Zeichen besonders gut verbergen ließ. Er wusste inzwischen, an welchen Häusern Runen verborgen waren und unter welchen Straßen das Aderwerk verlief. Heute versuchte er, nichts davon zu sehen. Er ging einfach. Ohne Diener. Ohne Begleitung. Die Kapuze seines Mantels tief im Gesicht. Niemand schenkte ihm besondere Aufmerksamkeit.
Ein Mann ging an ihm vorbei und fluchte über seinen verlorenen Einsatz in der Arena. Zwei Seeleute stritten am Eingang einer Taverne darüber, wer am nächsten Morgen Dienst hatte. Eine Frau schloss die Fensterläden ihres Hauses, während irgendwo in einer Seitengasse jemand laut lachte. Normales Leben.
Maranos blieb für einen Moment stehen und betrachtete die Menschen. Wie wenig sie wussten. Unter ihren Füßen verliefen seine Linien. Ihre Sorgen flossen durch seine Steine. Ihre Furcht nährte etwas, dessen Existenz sie nicht einmal erahnten.
Früher hätte ihm dieser Gedanke Genugtuung bereitet. Heute dachte er kaum darüber nach. Er ging weiter. Je weiter er sich vom Zentrum entfernte, desto ruhiger wurden die Straßen. Die Stimmen verschwanden hinter ihm, und irgendwann hörte er nur noch seine eigenen Schritte auf dem Pflaster. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu ihr zurück. Zu der Frau. Zu der namenlosen Gestalt, die inzwischen beinahe selbstverständlich Teil seines Lebens geworden war.
Wann war das geschehen? Maranos wusste es nicht. Vielleicht bereits damals, als sie nur eine Stimme gewesen war. Vielleicht noch früher. Manche ihrer Bemerkungen hatten sich schon damals merkwürdig vertraut angefühlt.
Ihre Art, ihm zu widersprechen.
Dieses gelegentliche Lachen, wenn er wieder einmal glaubte, etwas vollkommen unter Kontrolle zu haben. Die Geduld, mit der sie ihn beobachtete. Und gleichzeitig die bemerkenswerte Fähigkeit, ihm mit wenigen Worten auf die Nerven zu gehen.
Er blieb erneut stehen. Sein Blick fiel auf eines der Häuser. Im oberen Stockwerk brannte noch Licht. Hinter einem dünnen Vorhang bewegten sich zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Einer der beiden stellte offenbar etwas auf einen Tisch, der andere setzte sich dazu.
Eine vollkommen belanglose Szene.
Maranos sah länger hin, als notwendig gewesen wäre. Dann ging er weiter. Irgendwann führten ihn seine Schritte aus Düsterhafen hinaus. Er hatte noch immer kein Ziel. Zumindest redete er sich das ein. Doch als die ersten Mauern der alten Festung in der Dunkelheit sichtbar wurden, wusste er, dass das nicht stimmte. Die Festung war still. Vieles hatte sich verändert. Manches war verfallen, anderes nur noch eine Erinnerung an das, was hier früher gewesen war. Der Wind zog durch offene Mauern und über alte Steine, auf denen einst Männer gestanden hatten, deren Namen heute kaum noch jemand kannte. Maranos ging langsam hindurch. Er kannte diesen Ort. Nicht nur die Wege. Die Erinnerungen. Manche davon lagen so weit zurück, dass sie ihm beinahe wie das Leben eines anderen Mannes erschienen.
Er ließ die Finger über eine alte Mauer gleiten. Kalter Stein. Nichts weiter. Und doch blieb er einen Moment dort stehen. Früher hatte er geglaubt, Festungen müssten aus Mauern bestehen, Aus Türmen, Toren und Soldaten.
Heute wusste er es besser.
Seine neue Festung lag unter einer Stadt, die nicht einmal wusste, dass sie Teil davon war. Vielleicht war er klüger geworden. Vielleicht nur vorsichtiger. Oder älter. Diesen Gedanken mochte er nicht besonders.
Er ging weiter bis dorthin, wo sich vor ihm das Meer öffnete. Dunkel lag es vor ihm. Der Himmel darüber war beinahe ebenso schwarz, sodass Horizont und Wasser stellenweise ineinander verschwammen.
Maranos setzte sich auf einen alten Stein. Zum ersten Mal seit langer Zeit tat er nichts. Keine Pläne.
Er sah einfach hinaus.
Das Meer hatte ihn immer fasziniert. Man konnte darüber herrschen wollen. Häfen bauen. Schiffe schicken. Karten zeichnen. Und trotzdem blieb es etwas, das sich niemals wirklich kontrollieren ließ.
Vielleicht war es gerade deshalb so beruhigend. Maranos zog den Mantel enger. Seine Gedanken wanderten weiter. Zurück. Weiter zurück.
Lange bevor Düsterhafen.
Lange bevor das Kloster.
Bevor das Labor.
Bevor jene schwarze Flamme.
Und schließlich kam eine Erinnerung, die er seit Jahren kaum noch zugelassen hatte. Ein Haus. Ein Kamin. Ein anderer Maranos. Er stand auf.Diesmal wusste er genau, wohin er wollte.
Der Weg war weit. Er hätte ein Pferd nehmen können. Er hätte Magie nutzen können. Tat er aber nicht.Maranos ging zu Fuß. Stunde um Stunde. Vielleicht brauchte er die Zeit.
Vielleicht hatte er Angst davor, zu schnell anzukommen. Auch diesen Gedanken hätte er jedem anderen gegenüber bestritten. Gegen Morgen erschien schließlich das alte Anwesen der Familie.
Es stand noch. Gerade so. Der Garten war längst verwildert. Efeu hatte Teile der Mauern erobert und einige Fenster waren blind geworden. Wo früher Wege gewesen waren, wuchs hohes Gras.
Maranos blieb vor dem Tor stehen. Lange. Dann drückte er es auf. Das alte Eisen gab mit einem krächzenden Laut nach. Er erinnerte sich an dieses Geräusch. Natürlich klang es inzwischen anders.
Und trotzdem erinnerte er sich. Seine Schritte wurden langsamer, als er auf das Haus zuging. Hier hatte niemand Runen gesetzt. Niemand hatte schwarze Steine verborgen. Keine Diener warteten hinter Türen.
Es gab keine Angst zu ernten. Nur Vergangenheit. Die Haustür klemmte. Maranos drückte stärker dagegen, bis sie sich schließlich öffnete. Staub lag auf dem Boden.
Der Geruch alten Holzes erfüllte die Räume. Er ging langsam hindurch. Manche Möbel waren noch vorhanden. Andere fehlten. Einige Türen standen offen.
Er wusste noch, was hinter jeder gelegen hatte. Das Arbeitszimmer. Der Speiseraum. Die kleine Kammer neben der Küche. Er blieb nicht stehen. Sein Weg führte ihn in den großen Wohnraum.
Dort stand der Kamin.Maranos blieb an der Tür stehen.
Nun wusste er endgültig, weshalb er hierher gekommen war.Er hatte seit Jahren nicht daran gedacht. Zumindest hatte er versucht, nicht daran zu denken. Langsam ging er zum Kamin.
Seine Hand strich über den Sims. Staub blieb an seinen Fingern hängen.
„Natürlich“, murmelte er. Fast hätte er gelacht.
Manche Dinge änderten sich offenbar niemals. Er kniete sich hin. Links neben dem Kamin befand sich ein kleiner Stein. Für jeden anderen Teil der Mauer. Maranos drückte dagegen.
Nichts. Er runzelte die Stirn. Noch einmal. Dann erinnerte er sich. Nicht drücken. Erst drehen. Der Stein gab nach. Dahinter öffnete sich ein schmaler Hohlraum. Maranos griff hinein.
Seine Finger ertasteten Holz. Eine kleine Schatulle. Er zog sie heraus. Für einige Augenblicke hielt er sie einfach in den Händen. Dann öffnete er sie. Darin lag ein Ring. Schlicht.
Ohne großen Stein. Ohne auffällige Verzierung. Nur ein Hochzeitsring.
Sein Hochzeitsring. Maranos bewegte sich nicht. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Nur wenig. Ein Fremder hätte es wahrscheinlich nicht bemerkt. Doch hier war niemand.
Niemand, vor dem er etwas verbergen musste. Er nahm den Ring zwischen Daumen und Zeigefinger. Das Metall war kalt. Er erinnerte sich daran, wann er ihn zuletzt getragen hatte.
Oder glaubte sich zu erinnern. Manche Dinge verschwammen nach so vielen Jahren. Andere nicht. Eine Stimme. Ein Lachen. Ein Blick.
Ein Streit wegen irgendeiner vollkommen belanglosen Sache, die ihm damals wichtig erschienen war. Ein gemeinsames Essen. Eine Hand in seiner.
Maranos setzte sich vor den Kamin auf den staubigen Boden.
Der mächtige Magier. Der Diener Malions. Der Mann, unter dessen Kloster schwarze Feuer brannten und dessen Netz inzwischen die Furcht einer ganzen Stadt sammelte.
Er saß auf dem Boden seines alten Hauses und hielt einen Ring in der Hand. Lange geschah nichts.
Er drehte ihn zwischen den Fingern.
„Was würde sie dazu sagen?“
Seine Stimme klang seltsam in dem leeren Raum. Keine Antwort. Natürlich nicht. Maranos schnaubte leise.
„Wahrscheinlich etwas Unverschämtes.“
Diesmal musste er tatsächlich kurz lächeln. Doch das Lächeln verschwand schnell wieder. Seine Gedanken wanderten zu der Frau im Kloster. Zu ihr und ihrer Namenlosigkeit.
Er hatte nach mächtigen Namen gesucht. Alten Namen. Dunklen Namen. Namen, die zu ihrer Aura passten. Wie dumm. Vielleicht brauchte sie keinen Namen, der erklärte, was sie war.
Vielleicht brauchte sie einfach einen Namen. Einen, den er aussprechen konnte, ohne jedes Mal an das Wesen hinter dem Namen zu denken. Er betrachtete den Ring.
Und plötzlich verstand er, weshalb ihn ihre Art manchmal so irritierte. Nicht weil sie jemandem vollkommen glich.
Das tat sie nicht. Ihre Stimme war anders. Ihr Gesicht war anders. Ihr Lachen war anders. Und trotzdem gab es diese kleinen Augenblicke.
Diese Art, ihn anzusehen, wenn er sich wieder einmal in irgendeiner Idee verrannte. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihm widersprach.
Dieses beinahe amüsierte Schweigen, wenn sie längst wusste, dass er falsch lag, ihn aber noch ein wenig weiterreden ließ.
Maranos schloss die Hand um den Ring. Nein. Sie war nicht dieselbe. Er würde niemals so töricht sein, sich das einzureden. Vielleicht war gerade das der Punkt.
Er wollte ihr keinen Namen geben, um jemanden zurückzuholen. Vergangenheit ließ sich nicht zurückholen. Auch nicht mit schwarzer Magie.
Auch nicht mit all der Macht, die inzwischen unter Düsterhafen floss. Und vielleicht war es eine der wenigen Grenzen, die selbst er irgendwann akzeptieren musste.
Doch Namen trugen Erinnerungen. Nicht Körper. Nicht Seelen. Erinnerungen. Maranos blieb noch lange vor dem alten Kamin sitzen. Als draußen langsam das erste fahle Licht durch die schmutzigen Fenster fiel, steckte er den Ring nicht zurück in die Schatulle. Er betrachtete ihn ein letztes Mal. Dann schob er ihn in eine kleine Innentasche seines Mantels. Dorthin, wo er ihn nicht verlieren würde. Er erhob sich langsam. Sein Blick wanderte noch einmal durch den Raum.
„Also gut.“
Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Er dachte an die Frau, die im Kloster auf ihn wartete. Vielleicht saß sie inzwischen wieder an seinem Tisch.
Vielleicht hatte sie längst eines seiner Bücher genommen, obwohl er ihr schon mehrfach gesagt hatte, sie solle seine Aufzeichnungen nicht ohne ihn durchsehen.
Wahrscheinlich würde sie ihn fragen, wo er gewesen war. Er würde ihr vermutlich keine vernünftige Antwort geben. Sie würde ihn ansehen.
Dieses leichte Lächeln. Diese hochgezogene Augenbraue. Und irgendwann würde sie wahrscheinlich wieder fragen, ob er endlich einen Namen für sie gefunden hatte.
Maranos ging zur Tür. Kurz davor blieb er noch einmal stehen. Seine Hand glitt unbewusst zu jener Stelle seines Mantels, an der der Ring lag. Er schloss die Augen.
Nur für einen Moment. Dann sagte er den Namen zum ersten Mal laut.
„Elly.“