Zwei Männer ohne Sippe [Entnstehung Hrafnheim]

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Torfin Gomirsson
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Neue Dächer neue Wege

Beitrag von Torfin Gomirsson »

Der nächste Morgen begann ungewöhnlich ruhig. Skar war schon früh aufgebrochen, denn die Jagd hatte gerufen. Wie es eben seine Art war, hatte er nicht lange darüber nachgedacht, seine Waffen genommen und war verschwunden. Torfin dagegen war geblieben. Das Dorf wartete schließlich noch immer auf sie, und es gab mehr als genug zu tun, wenn aus den verfallenen Hütten irgendwann wieder eine richtige Siedlung werden sollte.

Mit der Axt über der Schulter ging er von Gebäude zu Gebäude und nahm sich eines nach dem anderen vor. Hier musste ein morscher Balken ersetzt werden, dort fehlten Bretter an einer Wand und bei einem anderen Haus hing die Tür noch immer schief in den Angeln. Torfin stellte die Axt beiseite und stemmte einen schweren Balken an seinen Platz. Das Holz war widerspenstig und wollte sich zunächst keinen Fingerbreit bewegen, doch nach einigen Versuchen saß es schließlich dort, wo es hingehörte. „Wenn Skar das sieht, behauptet er am Ende wieder, er hätte das alles alleine gemacht“, murmelte Torfin und griff nach seiner Axt. „Dann kann er beim nächsten Mal auch alleine arbeiten.“ Mit einem kräftigen Schlag trieb er einen Holzkeil fest und trat anschließend ein paar Schritte zurück, um sein Werk zu begutachten.

Nicht schlecht, dachte er. Je länger er darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihm, wie sehr sich der Ort bereits verändert hatte. Wo vor kurzem noch halb verfallene Hütten gestanden hatten, entstanden langsam wieder richtige Häuser. Aus Schutt waren Wege geworden, aus morschen Balken neue Wände, und selbst die Dächer begannen wieder danach auszusehen, als könnten sie einem ordentlichen Sturm standhalten. Noch war vieles zu tun, doch das Dorf wirkte nicht länger wie ein Ort, den man längst aufgegeben hatte. Es bekam langsam wieder Leben. Vielleicht würde man es irgendwann sogar Heimat nennen können.

Während Torfin weiterarbeitete, wanderte sein Blick irgendwann hinüber in Richtung Cove. Dort war Bewegung zu erkennen, und nicht weit entfernt stand das Haus, das offenbar für die Zwergin bestimmt war. Torfin hielt kurz inne und beobachtete die Gegend. Ein breites Grinsen zog über sein Gesicht, als ihm klar wurde, was das bedeutete. Offenbar hatte die Zwergin ihre Entscheidung getroffen. Alles sah danach aus, als wollte sie tatsächlich bleiben und sich der Sippe anschließen.

„Na, sieh einer an“, sagte er leise und schüttelte zufrieden den Kopf. „Wusste ich doch.“

Viel mehr Gedanken machte er sich darüber nicht. Wenn sie kommen wollte, würde sie kommen, und wenn sie blieb, würde sie ihren Platz finden. Für Torfin war die Sache damit eigentlich schon entschieden. Er nahm seine Axt wieder auf und machte sich an die nächste Arbeit. „Dann haben wir wohl bald einen weiteren Grund, hier Ordnung reinzubringen.“ Viel weiter musste er dafür nicht gehen, denn auch Meridon und Travan waren längst damit beschäftigt, die Siedlung wieder aufzubauen. Die beiden Barbaren hatten sich ihre eigenen Baustellen gesucht und arbeiteten an weiteren Gebäuden. Torfin beobachtete sie einen Moment lang, während er einen neuen Balken anhob. „Die beiden sind wenigstens zu gebrauchen“, brummte er. „Wenn sie nur nicht jedes Mal so aussehen würden, als wollten sie das Haus gleich mit den Händen auseinanderreißen.“

Ob sie ihn gehört hatten, wusste er nicht, und eigentlich war es ihm auch egal. Die beiden arbeiteten weiter und Torfin ebenso. Stunde um Stunde verging, während Balken eingesetzt, Bretter angenagelt und Dächer ausgebessert wurden. Die Arbeit war anstrengend und hinterließ ihre Spuren, doch mit jedem Handgriff verschwand ein wenig mehr von dem alten Verfall. Langsam bekam die Siedlung wieder Struktur. Die Wege wurden begehbar, die Häuser stabiler und zwischen all dem alten Holz und dem neuen Baumaterial konnte man immer deutlicher erkennen, was hier einmal entstehen könnte.

Als die Sonne bereits tiefer stand und das Licht lange Schatten zwischen den Häusern warf, hörte Torfin schließlich Schritte hinter sich. Er richtete sich auf und drehte sich um. Skar war zurückgekehrt und trug seine Beute über der Schulter. Dem Gewicht nach zu urteilen, hatte sich die Jagd durchaus gelohnt. Torfin ließ seinen Blick über den Haufen wandern und konnte sich einen trockenen Kommentar nicht verkneifen. „Du hast tatsächlich etwas mitgebracht.“ Skar grinste. „Du klingst überrascht.“ Torfin schnaubte. „Ich hatte eher damit gerechnet, dass du den halben Wald verprügelst und trotzdem mit leerem Magen zurückkommst.“ Skar ließ die Beute fallen und grinste noch breiter. „Ich kann eben mehr, als nur große Sprüche machen.“ Torfin betrachtete die Beute noch einmal und nickte widerwillig. „Das muss ich dir wohl lassen.“

Skar deutete auf das reparierte Gebäude hinter ihm. „Und du hast währenddessen nicht alles abgefackelt.“ Torfin sah ihn trocken an. „Nur weil du nicht da warst, heißt das nicht, dass ich plötzlich vernünftig werde.“ Skar lachte, und Torfin musste selbst kurz grinsen. Nach der langen Arbeit tat es gut, den anderen wieder vor sich zu haben. Für einen Moment standen sie einfach zwischen den halbfertigen Häusern und sahen sich an, bevor Torfin schließlich wieder an die Zwergin denken musste.

„Ich hab übrigens etwas gesehen“, sagte er.

Skar hob eine Augenbraue. „Was?“

Torfin deutete in Richtung Cove. „Die Zwergin.“

„Was ist mit ihr?“

„Sie scheint sich entschieden zu haben.“

Skar sah ihn fragend an. „Für was?“

Torfin grinste. „Für uns.“

Skar folgte seinem Blick und sah hinüber zu dem Haus. Einen Moment lang sagte er nichts, dann nickte er langsam. „Dann hat sie sich wohl entschieden.“

„Sieht ganz danach aus“, antwortete Torfin. Er lehnte sich kurz auf seine Axt und ließ den Blick über die Siedlung wandern. „Wir sollten bald noch einmal zu ihr.“

Skar sah ihn von der Seite an. „Um uns zu bedanken?“

„Auch.“ Torfin nahm die Axt wieder auf und legte sie sich über die Schulter. „Aber vor allem, um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine ist, wenn sie zur Sippe gehört.“

Skar nickte zustimmend. „Dann machen wir das.“

Torfin wollte noch etwas sagen, doch sein Blick fiel auf die Beute, die noch immer vor ihnen lag. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie hungrig er nach der langen Arbeit eigentlich war. „Aber zuerst wird gegessen.“ Skar grinste breit. „Endlich sagst du mal etwas Vernünftiges.“ Torfin schnaubte und wandte sich bereits der Beute zu. „Gewöhn dich nicht daran.“

Gemeinsam machten sie sich daran, die Beute ins Dorf zu bringen. Hinter ihnen standen die neuen Balken fest in den Häusern, während vor ihnen noch immer genug Arbeit lag, um sie für viele weitere Tage zu beschäftigen. Trotzdem war die Veränderung inzwischen nicht mehr zu übersehen. Das Dorf war längst nicht mehr der verlassene Ort, den sie einst gefunden hatten. Überall zeugten neue Bretter, befestigte Wände und reparierte Dächer davon, dass hier wieder Leben entstand. Es würde noch lange dauern, bis alles fertig war, doch vielleicht war genau das der Punkt. Eine Heimat entstand nicht an einem einzigen Tag. Sie wuchs langsam, mit jeder Arbeit, die man hineinsteckte, und mit jedem Menschen, der sich entschied, zu bleiben.

Und irgendwo in Cove begann offenbar ebenfalls ein neues Kapitel. Die Zwergin hatte ihre Entscheidung getroffen, und wenn sie tatsächlich bei der Sippe bleiben wollte, würde sie ihren Platz unter ihnen finden. Torfin war sich jedenfalls sicher, dass sie dabei nicht alleine sein würde. Dafür hatte die Sippe inzwischen zu viel gemeinsam erlebt, und vielleicht war genau das der Anfang von etwas Neuem.
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