Wo Schatten fehlen
Verfasst: 17 Aug 2026, 18:10
Moonglow hatte sich verändert. Nicht auf jene plumpe Weise, die selbst einem Menschen aufgefallen wäre, und vermutlich nicht einmal genug, um einen der Oberflächenelfen länger darüber nachdenken zu lassen. Doch Xull'rae bemerkte es bereits, ehe ihre Schritte sie zu jenem Teil der Stadt führten, den sie vor langer Zeit verlassen hatte. Es war weder der Geruch des Meeres noch das Pflaster unter ihren Stiefeln oder die neugierigen Blicke jener, die einer Dunkelelfe noch immer ein wenig zu lange nachsahen. Wobei die Blicke der gewöhnlichen Menschen Moonglows durchaus verändert verändert wirkten. Es war eine Abwesenheit, etwas kaum Greifbares, das dort fehlte, wo es hätte sein müssen. Viele Monde hatte ihre Reise gedauert. Sie war ausgezogen, um nach ihrer Vergangenheit zu suchen, nach den Resten eines Namens, den sie einst abgelegt hatte, weil er gefährlicher gewesen war als jede offen getragene Klinge. Zauviir. Stattdessen hatte sie zeitweise den Schutz eines fremden Qu'ellar angenommen, Ky'alur als Mantel und Werkzeug benutzt und Moonglow als Zuflucht ertragen. Antworten hatte sie auf ihrer Reise gesucht. Gefunden hatte sie etwas anderes. Was genau, darüber schwieg sie selbst vor sich.
Trotz einiger Wachen des Rates, gelang es ihr schnell, das seltsame Haus zu erreichen, welches die kümmerlichen Überreste des einstig mächtigsten Hauses außerhalb des Underdark aufgenommen hatte. Vor dem Anwesen des Hauses Ky'alur blieb sie schließlich stehen und betrachtete es lange. Dieses so unwahrscheinliche Gebäude, in dem kein Dunkelelf sich wahrlich sicherfühlen konnte. Alles was hier Schutz versprach, waren einige alte Holzbretter und der magische Schutz der Zauber und Gebete des Hauses. Keine meterhohe Mauer umgab das Anwesen, kein Stein bildete die Wände. Wie die jämmerlichen Oberflächenbewohner derartiges ertragen konnten, war ihr unbegreiflich. Vermutlich war es eben diese Exilenklave, die sie schließlich dazu gezwungen hatte, endlich nach den Resten ihres eigenen Hauses zu suchen.
Es war erfolglos geblieben und jetzt stand sie wieder hier und betrachtete vorsichtig Das Haus. Kein Wächter stand an seinem Platz, kein Licht drang durch die Fenster, kein gedämpftes Gespräch lag hinter den Mauern. Selbst die sonst allgegenwärtige Spannung eines drowischen Hauses fehlte. Ein Qu'ellar mochte still sein, doch niemals leer; hinter seiner Ruhe lauerten gewöhnlich Augen, Klingen und Absichten. Dieses Gebäude hingegen wirkte wie etwas, dem man das Herz herausgeschnitten und nur die Hülle zurückgelassen hatte. Als Xull'rae die Hand gegen den Hintereingang legte und dieser ohne Widerstand nachgab, verzogen sich ihre Lippen zu einem schmalen, missbilligenden Lächeln. Eine unverschlossene Tür war entweder Einladung oder Kapitulation. Für beides hatte sie wenig übrig.
Das Innere bestätigte ihren Verdacht. Man hatte Ky'alur nicht langsam aufgegeben und ebenso wenig sorgfältig geräumt. Wertvolles fehlte, ebenso persönliche Habe, Waffen und Dinge, die ein Haus auf eine längere Reise mitnehmen würde, doch anderes war zurückgeblieben, als hätte irgendwann nicht mehr die Frage gegolten, was mitgenommen werden sollte, sondern nur noch, wie schnell man verschwinden konnte. Schubladen standen offen, Pergamente lagen achtlos auf dem Boden, ein Möbelstück war beim Verrücken umgestürzt und nie wieder aufgerichtet worden. Hier und dort fanden sich deutlichere Narben der vergangenen Unruhe: beschädigtes Holz, ein dunkler alter Fleck, die Spuren eines kurzen Kampfes. Nichts davon erzählte von einer Niederlage innerhalb dieser Mauern. Es erzählte von Hast.
Xull'rae bewegte sich schweigend durch die verlassenen Räume und ließ ihren Blick über die Hinterlassenschaften gleiten. Sie empfand keine Rührung bei dem Anblick. Ky'alur war nie ihr Haus gewesen. Seine Ilharess war nicht ihre Mutter gewesen, seine Ahnen nicht die ihren und seine Ehre nichts, wofür sie freiwillig Blut vergossen hätte. Dennoch reizte sie die Vorstellung, dass jemand ein ganzes drowisches Qu'ellar aus Moonglow hatte verschwinden lassen können, ohne dass sie auch nur davon erfahren hatte. Nicht aus Verbundenheit, sondern weil Unwissenheit eine Schwäche war, und die dunkelelfische Kriegerin hasste kaum etwas mehr, als zu erkennen, dass andere mehr wussten als sie.
Die Bewohner Moonglows erwiesen sich dabei als ebenso nützlich, wie sie es erwartet hatte: kaum. Aus widersprüchlichen Gerüchten, hastig beendeten Gesprächen und Menschen, deren Mut mit jedem Augenblick ihres Blickes ein wenig weiter schrumpfte, ließ sich dennoch ein Bild zusammensetzen. Es hatte Unruhen gegeben. Angehörige Ky'alurs waren in großer Zahl verschwunden. An einem Tag noch gab es Auseinandersetzungen mit dem Rat zu Moonglow, bereits am nächsten gab es keinen Dunkelelfen mehr in der Stadt. Einige nannten es Flucht, bis Xull'rae ihnen Gelegenheit gab, über ihre Wortwahl nachzudenken. Andere sprachen von einer Expedition. Schließlich fiel der Name, der ihren Blick schmal werden ließ: **Elashinn**. Die Ilharess selbst hatte nach der verlorenen Stadt suchen lassen und war mit einem beträchtlichen Teil ihres Hauses aufgebrochen. Danach hatte niemand mehr etwas von ihnen gehört. Nur ab und an hörte man noch von einzelnen Drow, die weiterhin auf Moonglow herumliefen. Genaueres schien Niemand zu wissen, als wäre es besser, nicht genau hinzusehen, was Dunkelelfen trieben. Diese Vorsicht ließ die Dunkelelfe nicht nur innerlich grinsen, was meist zu einem eiligen Verschwinden der befragten Bewohner führte.
Erst außerhalb des Anwesens fand Xull'rae Spuren, denen sie mehr Vertrauen schenkte als den Zungen der Oberflächenbewohner. Selbst nach all der vergangenen Zeit waren Reste des Aufbruchs zu erkennen: die alten Furchen schwerer Wagen, verdichtete Erde und jene kleinen Unregelmäßigkeiten, die nur dann bedeutungslos erschienen, wenn man nicht wusste, wonach man suchte. Sie folgte ihnen aus Moonglow hinaus und fand mit zunehmender Entfernung immer mehr Hinweise darauf, dass die Reise anders verlaufen war, als ihre Teilnehmer geplant hatten. Ein zurückgelassenes Stück Ausrüstung, ein zerbrochenes Rad, verstreute Gegenstände und schließlich die ersten alten Spuren von Gewalt. Nichts davon allein war bemerkenswert. Zusammen jedoch erzählten sie eine Geschichte, die Xull'rae deutlich besser gefiel als die Gerüchte der Stadt.
Xull'rae kehrte um und trat erneut in das verlassene Haus zurück. Die Stille, die sie zuvor nur registriert hatte, wirkte nun nicht mehr wie ein Mangel, sondern wie eine Bestätigung. Wer auch immer alles zurückließ, hatte es nicht in Eile getan, die Spuren waren bereits gelesen worden – doch nicht vollständig.
Im Obergeschoss fand sie, wonach sie nicht gesucht hatte, aber was sie nun mit Sicherheit erwartete. Ein Raum, halb Arbeitszimmer, halb vergessener Rückzugsort, dessen Ordnung nur noch in Ansätzen existierte. Zwischen offenen Schubladen und verstreuten Schriftrollen lag ein einzelnes Dokument, sorgfältiger verwahrt als der Rest, als hätte jemand es zuletzt bewusst zurückgelassen, ein Spähbericht.
Xull'rae las ihn ohne Hast. Ihre Augen folgten den knappen, disziplinierten Zeilen, die von einer Entdeckung berichteten, die weit mehr Gewicht hatte als die übrigen Verluste des Hauses. Ein Zugang war gefunden worden. Kein natürlicher, kein zufälliger Riss in der Welt, sondern ein klar identifizierter Übergang, der in das Unterreich führte. Die Beschreibung war präzise genug, um keinen Zweifel zu lassen – und zugleich vorsichtig genug, um zu verraten, dass der Schreiber wusste, was er dort berührte.
Als ehemalige Späherin verstand sie die angedeuteten Hinweise des Schreibers sehr genau. Sie las von einigen aufflligen Merkmalen der Gegend und recht zügig wob ihr Verstand ein Bild dazu, der Harpienwald.
Eine jener Quellen, die sie aus früheren Aufträgen kannte, ein Gebiet, das für die meisten nur aus Geschichten bestand, für sie jedoch aus Federn, Krallen und dem unangenehmen Echo zu vieler Begegnungen, die besser nicht in Erinnerung blieben. Ein Ort, den man nicht ohne Grund aufsuchte – und noch seltener ohne Grund wieder verließ.
Langsam senkte Xull'rae den Bericht. Ihr Blick blieb einen Augenblick lang auf dem vergilbten Papier ruhen, als könnte es ihr noch mehr verraten, wenn sie es nur lange genug anstarrte. Doch die Wahrheit war bereits vollständig.
Das Haus Ky'alur war nicht verschwunden, es war aufgebrochen. Sie waren gegangen, weil sie etwas gefunden hatten, das sie tiefer führte, als Moonglow es je hätte halten können. Sie hatten zurückgelassen, was ihre Pläne gestört hatte und hatten, in typisch dunkelelfischer Natur, vermutlich nicht einen Gedanken daran verschwendet, was oder auch wen, sie auf Moonglow zurückließen.
Aber Xull'rae wusste nun, wohin das Haus aufgebrochen war. Die verstreuten Spuren, die Gerüchte und die bruchstückhaften Hinweise hatten sich zu einer klaren Richtung verdichtet, auch wenn noch vieles im Dunkeln lag. Es war kein vollständiges Bild, aber genug, um ihr Ziel zu bestimmen. Sie füllte noch einige ihrer Vorräte im Anwesen auf, nahm das Nötigste an Proviant, Ausrüstung und Ersatz mit, ohne sich länger als nötig aufzuhalten. Nichts an diesem Ort hielt sie noch zurück, und selbst die angenehme Stille des verlassenen Hauses bot ihr keinen Grund zum Verweilen.
Einen letzten Blick warf sie in die leeren Räume, dann wandte sie sich ab. Dieses Mal verließ sie Moonglow vermutlich endgültig. Kein Abschied, keine Sentimentalität – nur die nüchterne Feststellung eines Weges, der sich nicht mehr zurückführen würde. Sie würde der Expedition folgen und ins Underdark zurückkehren, dorthin, wo alle dunkelelfischen Häuser ihren Ursprung hatten und ihr eine neue Zukunft bevorstehen würde.
Trotz einiger Wachen des Rates, gelang es ihr schnell, das seltsame Haus zu erreichen, welches die kümmerlichen Überreste des einstig mächtigsten Hauses außerhalb des Underdark aufgenommen hatte. Vor dem Anwesen des Hauses Ky'alur blieb sie schließlich stehen und betrachtete es lange. Dieses so unwahrscheinliche Gebäude, in dem kein Dunkelelf sich wahrlich sicherfühlen konnte. Alles was hier Schutz versprach, waren einige alte Holzbretter und der magische Schutz der Zauber und Gebete des Hauses. Keine meterhohe Mauer umgab das Anwesen, kein Stein bildete die Wände. Wie die jämmerlichen Oberflächenbewohner derartiges ertragen konnten, war ihr unbegreiflich. Vermutlich war es eben diese Exilenklave, die sie schließlich dazu gezwungen hatte, endlich nach den Resten ihres eigenen Hauses zu suchen.
Es war erfolglos geblieben und jetzt stand sie wieder hier und betrachtete vorsichtig Das Haus. Kein Wächter stand an seinem Platz, kein Licht drang durch die Fenster, kein gedämpftes Gespräch lag hinter den Mauern. Selbst die sonst allgegenwärtige Spannung eines drowischen Hauses fehlte. Ein Qu'ellar mochte still sein, doch niemals leer; hinter seiner Ruhe lauerten gewöhnlich Augen, Klingen und Absichten. Dieses Gebäude hingegen wirkte wie etwas, dem man das Herz herausgeschnitten und nur die Hülle zurückgelassen hatte. Als Xull'rae die Hand gegen den Hintereingang legte und dieser ohne Widerstand nachgab, verzogen sich ihre Lippen zu einem schmalen, missbilligenden Lächeln. Eine unverschlossene Tür war entweder Einladung oder Kapitulation. Für beides hatte sie wenig übrig.
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Das Innere bestätigte ihren Verdacht. Man hatte Ky'alur nicht langsam aufgegeben und ebenso wenig sorgfältig geräumt. Wertvolles fehlte, ebenso persönliche Habe, Waffen und Dinge, die ein Haus auf eine längere Reise mitnehmen würde, doch anderes war zurückgeblieben, als hätte irgendwann nicht mehr die Frage gegolten, was mitgenommen werden sollte, sondern nur noch, wie schnell man verschwinden konnte. Schubladen standen offen, Pergamente lagen achtlos auf dem Boden, ein Möbelstück war beim Verrücken umgestürzt und nie wieder aufgerichtet worden. Hier und dort fanden sich deutlichere Narben der vergangenen Unruhe: beschädigtes Holz, ein dunkler alter Fleck, die Spuren eines kurzen Kampfes. Nichts davon erzählte von einer Niederlage innerhalb dieser Mauern. Es erzählte von Hast.
Xull'rae bewegte sich schweigend durch die verlassenen Räume und ließ ihren Blick über die Hinterlassenschaften gleiten. Sie empfand keine Rührung bei dem Anblick. Ky'alur war nie ihr Haus gewesen. Seine Ilharess war nicht ihre Mutter gewesen, seine Ahnen nicht die ihren und seine Ehre nichts, wofür sie freiwillig Blut vergossen hätte. Dennoch reizte sie die Vorstellung, dass jemand ein ganzes drowisches Qu'ellar aus Moonglow hatte verschwinden lassen können, ohne dass sie auch nur davon erfahren hatte. Nicht aus Verbundenheit, sondern weil Unwissenheit eine Schwäche war, und die dunkelelfische Kriegerin hasste kaum etwas mehr, als zu erkennen, dass andere mehr wussten als sie.
Die Bewohner Moonglows erwiesen sich dabei als ebenso nützlich, wie sie es erwartet hatte: kaum. Aus widersprüchlichen Gerüchten, hastig beendeten Gesprächen und Menschen, deren Mut mit jedem Augenblick ihres Blickes ein wenig weiter schrumpfte, ließ sich dennoch ein Bild zusammensetzen. Es hatte Unruhen gegeben. Angehörige Ky'alurs waren in großer Zahl verschwunden. An einem Tag noch gab es Auseinandersetzungen mit dem Rat zu Moonglow, bereits am nächsten gab es keinen Dunkelelfen mehr in der Stadt. Einige nannten es Flucht, bis Xull'rae ihnen Gelegenheit gab, über ihre Wortwahl nachzudenken. Andere sprachen von einer Expedition. Schließlich fiel der Name, der ihren Blick schmal werden ließ: **Elashinn**. Die Ilharess selbst hatte nach der verlorenen Stadt suchen lassen und war mit einem beträchtlichen Teil ihres Hauses aufgebrochen. Danach hatte niemand mehr etwas von ihnen gehört. Nur ab und an hörte man noch von einzelnen Drow, die weiterhin auf Moonglow herumliefen. Genaueres schien Niemand zu wissen, als wäre es besser, nicht genau hinzusehen, was Dunkelelfen trieben. Diese Vorsicht ließ die Dunkelelfe nicht nur innerlich grinsen, was meist zu einem eiligen Verschwinden der befragten Bewohner führte.
Erst außerhalb des Anwesens fand Xull'rae Spuren, denen sie mehr Vertrauen schenkte als den Zungen der Oberflächenbewohner. Selbst nach all der vergangenen Zeit waren Reste des Aufbruchs zu erkennen: die alten Furchen schwerer Wagen, verdichtete Erde und jene kleinen Unregelmäßigkeiten, die nur dann bedeutungslos erschienen, wenn man nicht wusste, wonach man suchte. Sie folgte ihnen aus Moonglow hinaus und fand mit zunehmender Entfernung immer mehr Hinweise darauf, dass die Reise anders verlaufen war, als ihre Teilnehmer geplant hatten. Ein zurückgelassenes Stück Ausrüstung, ein zerbrochenes Rad, verstreute Gegenstände und schließlich die ersten alten Spuren von Gewalt. Nichts davon allein war bemerkenswert. Zusammen jedoch erzählten sie eine Geschichte, die Xull'rae deutlich besser gefiel als die Gerüchte der Stadt.
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Xull'rae kehrte um und trat erneut in das verlassene Haus zurück. Die Stille, die sie zuvor nur registriert hatte, wirkte nun nicht mehr wie ein Mangel, sondern wie eine Bestätigung. Wer auch immer alles zurückließ, hatte es nicht in Eile getan, die Spuren waren bereits gelesen worden – doch nicht vollständig.
Im Obergeschoss fand sie, wonach sie nicht gesucht hatte, aber was sie nun mit Sicherheit erwartete. Ein Raum, halb Arbeitszimmer, halb vergessener Rückzugsort, dessen Ordnung nur noch in Ansätzen existierte. Zwischen offenen Schubladen und verstreuten Schriftrollen lag ein einzelnes Dokument, sorgfältiger verwahrt als der Rest, als hätte jemand es zuletzt bewusst zurückgelassen, ein Spähbericht.
Xull'rae las ihn ohne Hast. Ihre Augen folgten den knappen, disziplinierten Zeilen, die von einer Entdeckung berichteten, die weit mehr Gewicht hatte als die übrigen Verluste des Hauses. Ein Zugang war gefunden worden. Kein natürlicher, kein zufälliger Riss in der Welt, sondern ein klar identifizierter Übergang, der in das Unterreich führte. Die Beschreibung war präzise genug, um keinen Zweifel zu lassen – und zugleich vorsichtig genug, um zu verraten, dass der Schreiber wusste, was er dort berührte.
Als ehemalige Späherin verstand sie die angedeuteten Hinweise des Schreibers sehr genau. Sie las von einigen aufflligen Merkmalen der Gegend und recht zügig wob ihr Verstand ein Bild dazu, der Harpienwald.
Eine jener Quellen, die sie aus früheren Aufträgen kannte, ein Gebiet, das für die meisten nur aus Geschichten bestand, für sie jedoch aus Federn, Krallen und dem unangenehmen Echo zu vieler Begegnungen, die besser nicht in Erinnerung blieben. Ein Ort, den man nicht ohne Grund aufsuchte – und noch seltener ohne Grund wieder verließ.
Langsam senkte Xull'rae den Bericht. Ihr Blick blieb einen Augenblick lang auf dem vergilbten Papier ruhen, als könnte es ihr noch mehr verraten, wenn sie es nur lange genug anstarrte. Doch die Wahrheit war bereits vollständig.
Das Haus Ky'alur war nicht verschwunden, es war aufgebrochen. Sie waren gegangen, weil sie etwas gefunden hatten, das sie tiefer führte, als Moonglow es je hätte halten können. Sie hatten zurückgelassen, was ihre Pläne gestört hatte und hatten, in typisch dunkelelfischer Natur, vermutlich nicht einen Gedanken daran verschwendet, was oder auch wen, sie auf Moonglow zurückließen.
Aber Xull'rae wusste nun, wohin das Haus aufgebrochen war. Die verstreuten Spuren, die Gerüchte und die bruchstückhaften Hinweise hatten sich zu einer klaren Richtung verdichtet, auch wenn noch vieles im Dunkeln lag. Es war kein vollständiges Bild, aber genug, um ihr Ziel zu bestimmen. Sie füllte noch einige ihrer Vorräte im Anwesen auf, nahm das Nötigste an Proviant, Ausrüstung und Ersatz mit, ohne sich länger als nötig aufzuhalten. Nichts an diesem Ort hielt sie noch zurück, und selbst die angenehme Stille des verlassenen Hauses bot ihr keinen Grund zum Verweilen.
Einen letzten Blick warf sie in die leeren Räume, dann wandte sie sich ab. Dieses Mal verließ sie Moonglow vermutlich endgültig. Kein Abschied, keine Sentimentalität – nur die nüchterne Feststellung eines Weges, der sich nicht mehr zurückführen würde. Sie würde der Expedition folgen und ins Underdark zurückkehren, dorthin, wo alle dunkelelfischen Häuser ihren Ursprung hatten und ihr eine neue Zukunft bevorstehen würde.

