Tinstar Etion – Der widerwillige Lehrmeister

Allgemeines Rollenspiel Forum für Geschichten und Geschehen.
Tinstar Etion
Beiträge: 1
Registriert: 30 Aug 2026, 14:39

Tinstar Etion – Der widerwillige Lehrmeister

Beitrag von Tinstar Etion »

Tinstar Etion hatte nie behauptet, das Alter mache einen Menschen weiser.

Es mache ihn langsamer, sagte er. Müder. Und vor allem weniger bereit, sich mit dem Unsinn anderer Leute herumzuschlagen.

Mit neunundsechzig Jahren hatte er sich seinen Ruhestand redlich verdient. Jahrzehnte hatte er über alten Schriften gebrütet, magische Theorien geprüft, Zauberformeln zerlegt und wieder zusammengesetzt und jungen Magiern versucht beizubringen, dass ein Feuerball zwar beeindruckend aussah, aber noch lange keinen guten Magier aus einem machte.

Nun war damit Schluss.

Zumindest hatte Tinstar das beschlossen.

Sein Zuhause lag einige Minuten außerhalb Britains. Ein kleines Landhaus aus grauem Stein und dunklem Holz, umgeben von einem niedrigen Zaun, Feldern und einigen alten Bäumen. Es war weder besonders groß noch besonders prächtig, doch für Tinstar und seine Frau war es vollkommen ausreichend.

Hinter dem Haus standen ein paar Ziegen und Schafe auf der Weide. Einige Hühner liefen meist dort herum, wo sie nach Tinstars Meinung ausdrücklich nicht herumlaufen sollten, und in einem kleinen Garten wuchsen Kartoffeln, Kohl, Zwiebeln, Kräuter und allerlei andere Dinge, von denen Tinstar behauptete, sie schmeckten nur deshalb besser als das Zeug vom Markt, weil er sie selbst angebaut hatte.

Seine Tage waren einfach geworden.

Am Morgen fütterte er die Tiere.

Danach kümmerte er sich um den Garten, reparierte Zäune oder saß auf der kleinen Bank vor dem Haus und las eines seiner unzähligen Bücher.

Gelegentlich führte er auch noch kleinere magische Experimente durch.

Zumindest nannte er es so.

Seine Frau bezeichnete einen Vorfall mit einem explodierten Wasserkessel dagegen als „vollkommen unnötigen Unsinn“.

Tinstar war ein Hochgelehrter der Magie gewesen. Ein Mann, der alte arkane Sprachen lesen konnte, über die Struktur magischer Ströme debattiert hatte und mehr Zauberformeln kannte, als die meisten jungen Magier jemals lernen würden.

Doch inzwischen war er vor allem eines: ein alter Grummelbär.

Sein graues Haar war meist etwas zerzaust, seine Kleidung bequem und zweckmäßig. Fremden begegnete er häufig mit zusammengezogenen Augenbrauen, tiefem Seufzen und der unausgesprochenen Frage, warum sie ihn überhaupt störten.
Wer ihn jedoch länger kannte, wusste, dass hinter der rauen Schale ein gutmütiger Mann steckte. Tinstar half Nachbarn, wenn ein Tier krank war.
Er heilte gelegentlich Verletzungen, ohne eine Münze dafür zu verlangen.

Und wenn im Winter bei einer armen Familie das Feuerholz knapp wurde, tauchte am nächsten Morgen manchmal ein sauber gestapelter Haufen Holz vor deren Tür auf.
Natürlich würde Tinstar niemals zugeben, damit etwas zu tun zu haben.
„Muss wohl jemand verloren haben“, pflegte er zu sagen.

Eines Nachmittags änderte sich sein ruhiges Leben.

Ein Bote erschien vor dem Haus.

Der junge Mann sah müde aus und hielt ein zusammengerolltes Pergament in der Hand.

„Tinstar Etion?“

Tinstar sah von seinem Garten auf.

„Kommt darauf an, wer fragt.“

Der Bote blinzelte.

„Ich bringe Euch eine Nachricht.“

„Das sehe ich.“

„Von der Academia Ars Magice ad Moonglow.“

Tinstar erstarrte für einen Moment.

Dann brummte er.

„Dann nehmt sie wieder mit.“

Der Bote sah verwirrt auf das Pergament.

„Aber… ich soll sie Euch überreichen.“

„Habt Ihr doch versucht.“

„Ihr müsst den Empfang bestätigen.“

Tinstar seufzte so tief, als hätte man ihm gerade persönlich den Untergang der Welt angekündigt.
Schließlich nahm er das Pergament entgegen, setzte seine Unterschrift unter das Dokument des Boten und verschwand wortlos wieder im Haus.

Das Pergament legte er auf einen Tisch. Dort blieb es liegen. Ungeöffnet.

Am ersten Tag ignorierte er es.
Am zweiten ebenfalls.
Am dritten legte er ein Buch darauf.
Am vierten stellte seine Frau eine Schale Obst daneben.
Am fünften fragte sie schließlich:

„Willst du den Brief eigentlich irgendwann lesen?“

Tinstar blätterte in seinem Buch.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich weiß, was darin steht.“

„Du hast ihn nicht geöffnet.“

„Muss ich auch nicht.“

Seine Frau verschränkte die Arme. Tinstar kannte diesen Blick. Es war ein gefährlicher Blick.

„Tinstar.“

„Hm.“

„Öffne das Pergament.“

„Später.“

„Jetzt.“

Er blickte langsam über den Rand seines Buches.

„Ich bin neunundsechzig Jahre alt.“

„Das weiß ich.“

„Ich bin im Ruhestand.“

„Das weiß ich ebenfalls.“

„Dann verstehe ich nicht, warum ich diesen Brief öffnen sollte.“

Seine Frau lächelte.
„Weil du sonst die nächsten drei Wochen darüber nachdenken wirst.“

Tinstar brummte etwas Unverständliches. Wenige Augenblicke später brach er das Siegel.

Die Zeilen waren höflich formuliert. Beinahe zu höflich.

Die Academia Ars Magice ad Moonglow berichtete von einem zunehmenden Mangel an erfahrenem Lehrpersonal. Mehrere Lehrmeister seien verhindert, andere hätten ihre Tätigkeit aufgegeben, während gleichzeitig immer mehr Schüler um Aufnahme ersuchten.

Man erinnerte sich offenbar an Tinstar Etion.

An seine Erfahrung. An seine Kenntnisse.

Und, wie es im Schreiben hieß, an seine „außergewöhnliche Fähigkeit, selbst komplexe magische Zusammenhänge verständlich zu vermitteln“.

Tinstar las diesen Satz zweimal. Dann schnaubte er.

„Die lügen.“

Seine Frau lächelte.

„Vielleicht mögen sie dich.“

„Dann sind sie noch verzweifelter, als ich dachte.“

Die Akademie bat ihn nicht darum, seinen Ruhestand vollständig aufzugeben.

Lediglich einige Stunden in der Woche.

Grundlagen der Magietheorie.

Runenkunde.

Geschichte der arkanen Künste.

Vielleicht gelegentlich Unterricht für fortgeschrittene Schüler.

Tinstar legte das Pergament auf den Tisch.

„Nein.“

Seine Frau sagte nichts.

„Ich fahre nicht nach Moonglow.“

Sie schwieg weiterhin.

„Ich werde ganz sicher nicht wieder vor einem Haufen junger Leute stehen, die glauben, sie könnten nach drei Wochen Studium Dämonen beschwören.“

Noch immer keine Antwort.

Tinstar sah sie an.

„Du willst doch irgendetwas sagen.“

„Nein.“

„Das ist schlimmer.“

In den folgenden Tagen ließ ihn das Schreiben nicht los.

Während er die Ziegen fütterte, dachte er daran.

Während er Unkraut aus dem Garten zog, dachte er daran.

Sogar beim Abendessen ertappte er sich dabei, darüber nachzudenken, wie man einem unerfahrenen Schüler wohl am besten erklären konnte, warum man niemals einen Beschwörungskreis begann, bevor man wusste, wie man ihn wieder schloss.

Schließlich setzte sich seine Frau eines Abends zu ihm.

„Du vermisst es.“

Tinstar blickte ins Kaminfeuer.

„Was?“

„Das Lehren.“

„Unsinn.“

„Natürlich.“

„Die Schüler waren laut.“

„Ja.“

„Unaufmerksam.“

„Sicher.“

„Und ständig hat irgendeiner versucht, etwas zu beschwören, das er nicht beherrschen konnte.“

Seine Frau lächelte.

„Du vermisst es.“

Tinstar schwieg lange.

Dann brummte er:

„Vielleicht ein wenig.“

Eine Woche später stand ein Reisekoffer vor der Tür.

Nicht besonders groß.

Tinstar wollte schließlich nur einige Tage nach Moonglow.

Zumindest redete er sich das ein.

Seine besten Roben hatte seine Frau bereits herausgelegt.

„Die nehme ich nicht.“

„Doch.“

„Die sind unbequem.“

„Du wirst dort unterrichten.“

„Ich kann auch in diesem Mantel unterrichten.“

„Der Mantel riecht nach Ziege.“

Tinstar sah den Mantel an.

Dann zur Ziege neben dem Zaun.

„Die Ziege riecht nach Mantel.“

Seine Frau schüttelte lachend den Kopf.

Am nächsten Morgen machte sich Tinstar Etion auf den Weg.

Je näher er Moonglow kam, desto mehr Zweifel bekam er.

Was sollte ein alter Mann wie er dort noch?

Die Welt der Magie hatte sich verändert.

Neue Theorien waren entstanden.

Neue Zauber waren entwickelt worden.

Junge Magier benutzten Begriffe, bei denen Tinstar gelegentlich das Gefühl hatte, sie würden Dinge nur deshalb umbenennen, damit sie behaupten konnten, etwas Neues erfunden zu haben.

Doch als er schließlich die Hallen der Academia Ars Magice ad Moonglow betrat, war etwas seltsam vertraut.

Der Geruch alter Bücher.

Das leise Murmeln von Schülern.

Das Kratzen von Federn auf Pergament.

Und irgendwo in einem entfernten Raum hörte man einen dumpfen Knall.

Tinstar blieb stehen.

Ein junger Magier kam hustend aus einem Seitengang.

Rauch stieg aus seinem Haar.

Tinstar schloss für einen Moment die Augen.

„Natürlich.“

Wenig später stand er vor seiner ersten Klasse.

Vor ihm saßen vielleicht ein Dutzend Schüler.

Einige erwartungsvoll.

Andere nervös.

Einer eindeutig gelangweilt.

Tinstar legte seine Bücher auf das Pult.

Dann sah er die Schüler lange an.

„Mein Name ist Tinstar Etion.“

Stille.

„Man hat mich darum gebeten, euch Magie beizubringen.“

Er blickte durch den Raum.

„Ich möchte gleich zu Beginn etwas klarstellen.“

Ein Schüler richtete sich neugierig auf.

Tinstar hob einen Finger.

„Wenn einer von euch versucht, während meines Unterrichts ohne Erlaubnis einen Dämon zu beschwören, werfe ich ihn persönlich aus dem Fenster.“

Einige Schüler lachten unsicher.

Tinstar verzog keine Miene.

„Das war kein Scherz.“

Die Klasse wurde augenblicklich still.

Tinstar nahm ein Stück Kreide.

Dann wandte er sich zur Tafel.

Für einen kurzen Moment musste er lächeln.

Nur ganz leicht.

So wenig, dass es niemand bemerkte.

„Also gut.“

Er schrieb die ersten arkanen Zeichen an die Tafel.

„Beginnen wir mit den Grundlagen.“

Und so wurde aus einigen Stunden Unterricht in der Woche langsam wieder ein fester Bestandteil seines Lebens.

Tinstar blieb der grummelige alte Mann vom Land.

Er beschwerte sich über seine Schüler.

Über die Reise nach Moonglow.

Über schlechte Handschrift.

Über moderne Lehrmethoden.

Und ganz besonders über junge Magier, die zuerst einen Zauber ausprobieren und erst danach im Buch nachlesen wollten, wie er eigentlich funktionierte.

Doch er kam jede Woche wieder.

Denn tief in seinem Herzen wusste Tinstar Etion etwas, das er vermutlich niemals laut aussprechen würde:

Er brauchte die Akademie vielleicht genauso sehr, wie die Akademie ihn brauchte.