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Haus Noquar

Verfasst: 03 Sep 2026, 10:51
von Wanderer der Leere
Die Chronik der Rückkehr: Der Aufstieg der Selyndiira
Die Neuschmiedung des Hauses Noquar

Menzoberranzan ist kein Ort der Stille. Es ist ein Tempel der erstickten Schreie.

In den tiefsten Schatten der Stalaktiten, wo das fahle, kalte Licht der Faerzress-Pilze kaum die scharfen Umrisse der aufragenden Türme nachzeichnet, herrscht ein unumstößliches Gesetz, älter als der Stein selbst: Überleben ist ein Privileg. Kein Recht.

Für das Haus Noquar war dieses Privileg Jahrzehnte in weite Ferne gerückt. Während die verblendeten Völker der Oberwelt ihre törichten Geschichten in Sonnenzyklen zählen, misst die Unterwelt die Zeit in Litern vergossenen Blutes, in fein gesponnenen Intrigen und dem langsamen Verblassen großer Namen.

Dies ist die Chronik einer Rückkehr. Der Aufstieg der Selyndiira und die Neuschmiedung eines Namens, der beinahe im Staub der Geschichte zermahlen worden wäre.

Das Echo der Verschollenen
Alles begann, wie so oft in den Netzen Lloths, mit einer Stille, die ohrenbetäubender war als der wilde Schlachtruf eines heranstürmenden Heeres. Vor vielen Jahren entsandte das Haus Noquar eine mächtige Expedition an die verhasste Oberwelt. Es war eine Zeit des Aufbruchs für Felyndiira, die damalige Ilharess des Hauses – getrieben von einer unstillbaren Gier nach Macht und dem absoluten Willen der Spinnenkönigin.

Doch die feinen Fäden rissen.
Die Späher kehrten nie zurück.
Die magischen Spiegel trübten sich zu undurchdringlichem Onyx, und die Portale in die feindselige Welt des Lichts schlossen sich zischend.

In Menzoberranzan bedeutet das Verschwinden einer Ilharess Schwäche. Und Schwäche ist wie die blutige Fährte eines angeschlagenen Rothé – sie lockt unweigerlich die Jäger an. Ohne Felyndiiras eiserne Führung und beraubt der treuesten Klingen, die im Staub der Oberwelt verschollen waren, begann der schleichende Verfall. Die rivalisierenden Häuser blickten mit kaum verhohlener Verachtung auf die zuckenden Überreste von Noquar herab, während interne Kämpfe das Haus von innen heraus wie ein unheilbarer Pilz zerfraßen.

Die Schatten von Tier Breche
Doch tief in den Hallen von Tier Breche, in der gnadenlosen Dunkelheit der Arach-Tinilith, regte sich etwas Neues.

Selyndiira, eine ehrgeizige Yathalla des Hauses, erkannte die Wahrheit: Das Verstummen der Oberwelt war kein Fluch. Es war ein Geschenk. Während die Narren des Hauses über das Schicksal der „Verschwundenen“ wehklagten, begann Selyndiira längst, neue, weitaus tödlichere Fäden zu spinnen. Sie dachte nicht daran, auf die Rückkehr einer schwachen Herrscherin zu warten. Ob Felyndiira lebte oder im Schmutz der Oberfläche verrottete, spielte keine Rolle mehr – sie war bei Lloth in Ungnade gefallen. Das allein zählte.

Selyndiira nutzte die Gunst der Schatten für eine Symphonie gezielter Attentate. Sie füllte die Taschen lautloser Mörder, um ihre eigene Machtposition auszubauen, ohne das Haus in einem offenen Bürgerkrieg restlos ausbluten zu lassen. Es war eine stille Reinigung. Ein Tropfen seltenen Giftes im gewürzten Wein eines aufmüpfigen Cousins. Ein feiner Dolchstoß in die Nieren eines starrsinnigen Waffenmeisters in den verwinkelten Gassen von Narbondel.

Den Zweiflern flüsterte Selyndiira süßes Gift in die Ohren: Die alte Führung habe Noquar und Lloth verraten. Sie seien im Sonnenlicht verweichlicht. Sie selbst hingegen sei die rettende Hand, die das Haus zurück in das klebrige Netz der Gunst der Spinnenkönigin führen würde.

Das letzte Gebet der Ilyndra
Die Stille im Thronsaal war trügerisch, schwer wie dicker Samt. Selyndiira thronte im Halbschatten einer gewaltigen Spinnenstatue aus nachtschwarzem Adamant. Ihre purpurnen Augen ruhten auf ihrer letzten großen Rivalin: Ilyndra, ebenfalls eine Hohepriesterin des Hauses. Ilyndra klammerte sich fanatisch an die Hoffnung auf Felyndiiras Rückkehr. Konservativ. Starrsinnig. Ein lästiges Insekt im Netz der neuen Ordnung.

„Dies ist nur eine Prüfung Lloths“, hatte Ilyndra wieder und wieder gepredigt. „Sie wird mit den Schätzen der Oberwelt zurückkehren. Wehe jenen, die ihren Thron besetzen wollen!“
Selyndiira hatte damals nur milde gelächelt. Es war das Lächeln, das Ilyndras Todesurteil besiegelte.

In dieser Nacht hatte Selyndiira Sarkul und Rhyl’tar zu sich gerufen. Zwei Meister des Todes, lautlos wie ein sterbender Atemzug.
„Die Zeit ist gekommen“, zischte Selyndiira leise. „Ilyndra wird heute ihr letztes Gebet sprechen – und sie wird nicht die Einzige sein, die heute verstummt.“

Ohne ein Wort verschmolz Sarkul mit der Dunkelheit. Seine Klingen würden jene Wachen korrumpieren oder bluten lassen, die noch dem alten Banner die Treue hielten. Rhyl’tar hingegen widmete sich dem „Groben“ – den ehrgeizigen, jungen Kriegern, die sich an Ilyndras Rockzipfel hängten.

Als Selyndiira den Raum betrat, kniete Ilyndra gerade in tiefer Andacht vor einer perfekten Obsidianstatue Lloths. Die alte Priesterin bemerkte die drohende Gefahr erst, als der süßliche, kupferne Geruch von frischem Blut den Tempelraum flutete. Es war das Blut ihrer eigenen Elitegardisten, die Rhyl’tar soeben geräuschlos geschlachtet hatte.

„Lloth belohnt keine Wartenden, meine liebe Ilyndra. Sie labt sich nicht an der Geduld der Schwachen. Sie belohnt jene, die sich nehmen, was ihnen zusteht.“

Eine einzige, beiläufige Handbewegung Selyndiiras genügte. Es gab kein episches Duell, keinen ritterlichen Schlagabtausch. In Menzoberranzan ist Fairness eine Illusion der Narren.

Sarkul schälte sich aus den Schatten direkt hinter der Statue und trieb einen kristallinen, vor Gift triefenden Dolch zielsicher zwischen Ilyndras Schulterblätter. Die Hohepriesterin brach augenblicklich zusammen. Ihre Lippen zuckten, formten einen stummen Fluch, doch das Gift legte ihre Stimmbänder bereits in eiskalte Ketten. Selyndiira trat bedächtig näher, packte die Sterbende grob am Kinn und zwang sie, in ihre triumphierenden Augen zu sehen:

„Richte Felyndiira meine tiefste Verachtung aus, wenn du sie im Abyss triffst. Falls Lloth sich überhaupt noch an ihren Namen erinnert.“

Die Neugeburt des Hauses Noquar
Als das letzte Röcheln des Widerstands in den obsidian-schwarzen Mauern von Noquar erstickt war, trat Selyndiira endgültig aus den Schatten. Sie rief die Architekten des Umsturzes zusammen: Rhyl’tar, Yas’Raena, Maldrak, Sarkul und Vern’na. Meister des Todes, der Täuschung und des Stahls, deren absolute Kaltblütigkeit den Weg für Selyndiiras Aufstieg über Leichen geebnet hatte.

Das Haus Noquar wurde nicht bloß restauriert. Es wurde in Blut und Gift neu geschmiedet. Die alte Ilharess? Nichts weiter als ein gefallener Name, den zu flüstern nun den sicheren Tod bedeutet. Ein erbärmlicher Geist der Vergangenheit.

Nach Jahren der brutalen, darwinistischen Selektion ist das Haus Noquar hungriger und schärfer als je zuvor. Die Kundschafter bringen neue, aufregende Kunde: Die verborgenen Pfade zur Oberwelt sind wieder passierbar.

Die einstige Expedition, jene Narren an der Oberfläche, werden nicht länger als Anführer gesucht. Sie sind nun verlorene Söhne und Töchter, Ausgestoßene, die sich der neuen, absoluten Ordnung Selyndiiras zu unterwerfen haben – oder durch ihre Klingen fallen werden.

Selyndiira führt das Haus Noquar nun mit eiserner, giftiger Hand. Ihr Ziel ist nicht nur die Rückkehr zu vergangenem Glanz. Es ist totale Dominanz. Die verhasste Oberwelt wird bald den Zorn, den Schatten und die gnadenlose List jener Drow zu spüren bekommen, die viel zu lange in der Dunkelheit gewartet haben.