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Nach dem Krieg

Verfasst: 09 Sep 2026, 02:36
von Minora Vincenzo
Düsterhafen – Festung der Lords of War[/center]

Der Krieg war vorbei.

Zumindest nannte man es so.

Minora hatte aufgehört, den Worten derer zu vertrauen, die glaubten, ein Krieg ende in dem Augenblick, in dem die Schwerter wieder in ihre Scheiden glitten. Ein Krieg endete nicht mit dem letzten Schlag. Nicht mit dem letzten gefallenen Soldaten. Nicht mit einem Abkommen, das von Männern und Frauen unterzeichnet wurde, die sich gegenseitig noch wenige Stunden zuvor den Tod gewünscht hatten.

Ein Krieg endete erst dann, wenn die Menschen aufhörten, nachts aufzuschrecken.

Wenn die Wachen an den Toren nicht mehr bei jedem entfernten Geräusch nach ihren Waffen griffen.

Wenn die Händler wieder ihre Waren auslegten, ohne ständig über die Schulter zu blicken.

Wenn die Kinder wieder auf den Straßen spielten.

Düsterhafen war davon noch weit entfernt.

Sehr weit.

Minora stand hinter einem der hohen Fenster der Festung der Lords of War und blickte schweigend über die Stadt.

Die Nacht hatte sich bereits über Düsterhafen gelegt.

Eine schwere, feuchte Dunkelheit lag zwischen den Häusern und Gassen. Nebel kroch vom Wasser herauf und legte sich wie ein grauer Schleier über die tiefer gelegenen Straßen. Einzelne Laternen kämpften gegen die Finsternis an, ihre schwachen Lichter spiegelten sich auf nassem Kopfsteinpflaster und verschwanden wenige Schritte später wieder im Nebel.

Von hier oben wirkte die Stadt beinahe friedlich.

Beinahe.

Wenn man wusste, wonach man suchen musste, konnte man die Narben noch immer erkennen.

Ein ausgebranntes Gebäude.

Eine eingestürzte Mauer.

Ein Dach, das notdürftig mit Holz und Planen repariert worden war.

An manchen Stellen waren die Straßen noch immer von den Spuren schwerer Kämpfe gezeichnet.

Und dort, wo früher Lärm geherrscht hatte, war inzwischen etwas anderes eingezogen.

Stille.

Keine friedliche Stille.

Eine, die darauf wartete, gebrochen zu werden.

Minora legte eine Hand auf das kalte Fensterbrett.

Sie hatte die vergangenen Wochen damit verbracht, diese Stille zu beobachten.

Nicht als Zuschauerin.

Als jemand, der dafür sorgen musste, dass sie nicht wieder in Krieg umschlug.

Die Lords of War waren nach wie vor eine Macht in Düsterhafen.

Zumindest auf dem Papier.

In der Realität waren viele der Lords verschwunden, abwesend oder anderweitig gebunden. Die Festung, die einst von Stimmen, Befehlen und dem ständigen Kommen und Gehen ihrer Mitglieder erfüllt gewesen war, war stiller geworden.

Zu still.

Minora hatte diese Stille nie gemocht.

Sie erinnerte sie daran, wie schnell Macht verschwinden konnte.

Ein Name, der nicht mehr ausgesprochen wurde.

Ein Banner, das niemand mehr sah.

Ein Sitz am Tisch, der irgendwann leer blieb.

Und irgendwann fragte niemand mehr, wem er eigentlich gehört hatte.

Vergessenheit war eine gefährlichere Waffe als jedes Schwert.

Vielleicht sogar die gefährlichste überhaupt.

Minora wusste, dass die Lords of War nicht einfach darauf hoffen konnten, dass ihr Einfluss von selbst bestehen blieb.

Also hatte sie übernommen, was übernommen werden musste.

Sie empfing Boten.

Sie führte Gespräche.

Sie prüfte Berichte.

Sie sorgte dafür, dass die Wachen ihre Posten besetzten.

Sie achtete darauf, dass niemand die momentane Schwäche der Gilde mit einer Einladung verwechselte.

Und vor allem hielt sie die Türen offen.

Nicht für jeden.

Aber für jene, mit denen ein Gespräch momentan sinnvoller war als eine Schlacht.

Die Servants of Chaos gehörten dazu.

Mit ihnen waren in den vergangenen Tagen vorsichtige Absprachen getroffen worden. Keine Freundschaft. Dafür war Düsterhafen ein zu gefährlicher Ort.

Aber Frieden musste nicht aus Vertrauen bestehen.

Manchmal reichte es, wenn beide Seiten verstanden, dass der andere von einem Krieg momentan mehr zu verlieren als zu gewinnen hatte.

Auch der Schwertbund des dunklen Engels war ein Name, der in den vergangenen Wochen häufiger durch die Hallen der Festung getragen worden war.

Gespräche.

Absprachen.

Vorsichtige Annäherungen.

Worte, die zwischen den Zeilen mindestens ebenso viel bedeuteten wie das, was tatsächlich ausgesprochen wurde.

Minora hatte gelernt, zwischen solchen Zeilen zu lesen.

Es war eine Fähigkeit, die man in Friedenszeiten ebenso dringend benötigte wie im Krieg.

Vielleicht sogar dringender.

Denn im Krieg wusste man wenigstens, woher der nächste Pfeil kam.

Sie wandte sich vom Fenster ab.

Hinter ihr wartete ihr Schreibtisch.

Er sah aus, als hätte jemand beschlossen, Papier könne eine Festung erobern.

Briefe lagen übereinander.

Berichte stapelten sich.

Einige Siegel waren bereits gebrochen, andere warteten noch darauf, geöffnet zu werden.

Eine Nachricht aus dem südlichen Teil der Stadt.

Eine Anfrage bezüglich Handelswegen.

Ein Bericht über Patrouillen.

Eine weitere diplomatische Notiz.

Und irgendwo darunter vermutlich noch mindestens drei Dinge, die eigentlich gestern hätten erledigt werden müssen.

Minora seufzte leise.

„Großartig.“

Ihre Stimme verlor sich im Raum.

Sie griff nach dem nächsten Schreiben.

Die Flamme einer Kerze flackerte dabei leicht und warf ihren Schatten über die Wände.

Für einen kurzen Augenblick schien es, als würde sich etwas hinter ihr bewegen.

Minora hielt inne.

Sie drehte den Kopf.

Nichts.

Nur die langen Schatten der Möbel.

Die Flammen.

Die Dunkelheit vor dem Fenster.

Sie schüttelte kaum merklich den Kopf und wandte sich wieder dem Schreiben zu.

Zu wenig Schlaf.

Zu viele Gedanken.

Das war alles.

Sie las die ersten Zeilen.

Ein Problem mit einer Lieferung.

Natürlich.

Minora legte das Schreiben wieder ab.

Für einen Moment schloss sie die Augen.

Sie hätte in dieser Nacht schlafen können.

Vielleicht sogar müssen.

Doch Schlaf war in den vergangenen Tagen etwas geworden, das sie sich nur selten erlaubte.

Zu vieles blieb ungeklärt.

Der Krieg war vorbei.

Aber was kam danach?

Das war die Frage, auf die niemand eine Antwort hatte.

Diejenigen, die den Krieg begonnen hatten, würden nicht plötzlich verschwinden.

Diejenigen, die verloren hatten, würden ihre Niederlage nicht vergessen.

Und diejenigen, die gewonnen zu haben glaubten, würden früher oder später feststellen, dass ein Krieg ohne Sieger selten einen echten Frieden hervorbrachte.

Düsterhafen würde sich verändern.

Die Frage war nur, in welche Richtung.

Minora trat wieder an das Fenster.

Der Nebel war dichter geworden.

Unten auf der Straße bewegte sich eine einzelne Gestalt.

Ein Mann vielleicht.

Oder eine Frau.

Schwer zu erkennen.

Die Person ging langsam durch den Nebel und verschwand schließlich hinter einer Häuserecke.

Minoras Blick blieb noch einen Moment dort hängen.

Dann hörte sie es.

Klopfen.

Dreimal.

Ruhig.

Nicht hastig.

Nicht zögerlich.

Minora wandte sich zur Tür.

„Herein.“

Die Tür öffnete sich.

Einer der Bediensteten der Festung trat ein.

Er wirkte müde.

Nicht ungewöhnlich.

Alle wirkten müde.

In seiner Hand hielt er einen Brief.

„Für Euch.“

Minora sah ihn an.

„Von wem?“

„Das weiß ich nicht.“

Sie hob eine Augenbraue.

„Das ist ungewöhnlich.“

„Ja.“

Er trat näher und legte den Brief auf den Tisch.

Minora betrachtete ihn.

Kein Wappen.

Kein bekanntes Siegel.

Kein Zeichen einer Gilde.

Das Papier selbst war ungewöhnlich dunkel. Nicht schwarz, aber deutlich dunkler als gewöhnliches Pergament.

Das Siegel war schlicht.

Ein schwarzer Wachsklecks.

Keine Initialen.

Kein Symbol.

Nichts, das einen Hinweis darauf gegeben hätte, wer ihn verschickt hatte.

„Wer hat ihn gebracht?“

„Ein Mann.“

„Name?“

„Hat er nicht genannt.“

„Aussehen?“

Der Bedienstete überlegte.

„Dunkler Mantel. Kapuze. Nicht besonders groß. Ich habe ihn nicht lange gesehen.“

„Und er hat den Brief einfach hier abgegeben?“

„Er sagte, er sei für Euch.“

„Hat er etwas gesagt?“

Der Mann zögerte.

„Nur einen Satz.“

Minora wartete.

„Welchen?“

„Er meinte, Ihr würdet wissen, warum Ihr ihn bekommen habt.“

Minora sah wieder auf den Brief.

Das war interessant.

Nicht unbedingt wegen der Worte.

Sondern wegen der Sicherheit, mit der sie ausgesprochen worden waren.

Sie nahm den Brief in die Hand.

Das Papier fühlte sich ungewöhnlich kühl an.

Kälter, als es sein sollte.

Minora betrachtete das Siegel noch einen Augenblick.

Dann brach sie es.

Das Geräusch des brechenden Wachses war in der Stille des Raumes erstaunlich laut.

Sie entfaltete das Papier.

Die Nachricht war kurz.

Sehr kurz.

„Man sagte mir, Ihr sucht nach Antworten, die man Euch nicht geben möchte.“

Darunter stand eine Adresse.

Eine alte Straße im unteren Teil Düsterhafens.

Und ein Zeitpunkt.

Morgen.

Kurz vor Mitternacht.

Keine Unterschrift.

Kein Name.

Minora las die Nachricht ein zweites Mal.

Dann ein drittes.

Ihr Gesicht blieb ruhig.

Doch ihre Gedanken arbeiteten bereits.

Wer wusste, wonach sie suchte?

Und vor allem:

Wonach suchte sie überhaupt?

Sie legte den Brief auf den Tisch.

„Hat der Mann noch etwas gesagt?“

Der Bedienstete schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Hat er nach jemandem gefragt?“

„Nein.“

„Hat er versucht, in die Festung zu gelangen?“

„Nein.“

Minora nickte langsam.

„Gut.“

Der Mann wartete.

„Ihr könnt gehen.“

Er verneigte sich und verließ den Raum.

Die Tür fiel ins Schloss.

Wieder war Minora allein.

Sie nahm den Brief erneut in die Hand.

Draußen schlug irgendwo in der Stadt eine Glocke.

Einmal.

Dann ein zweites Mal.

Die letzten Schläge verhallten zwischen den Häusern.

Minora blickte zum Fenster.

Mitternacht rückte näher.

Düsterhafen schlief nicht.

Das hatte die Stadt vermutlich noch nie getan.

Sie schloss die Augen für einen Moment.

Vielleicht war der Brief nichts.

Eine Falle.

Eine Drohung.

Ein Scherz.

Oder lediglich ein Versuch, die Hochmagierin der Lords of War in eine Angelegenheit hineinzuziehen, die sie nichts anging.

Vielleicht war es aber auch etwas anderes.

Eine Tür.

Eine Möglichkeit.

Eine Antwort.

Und Minora wusste nur zu gut, dass Antworten manchmal gefährlicher waren als Fragen.

Sie faltete den Brief sorgfältig zusammen und steckte ihn ein.

Dann löschte sie eine der Kerzen.

Die Dunkelheit nahm sofort einen Teil des Raumes ein.

Minora blieb noch einen Augenblick stehen.

Dann nahm sie ihren Mantel.

Wenn jemand glaubte, sie würde einer unbekannten Spur folgen, nur weil man ihr ein Stück Papier und eine Adresse vor die Füße geworfen hatte, hatte dieser Jemand vermutlich noch einiges über sie zu lernen.

Aber sie würde hingehen.

Nicht aus Vertrauen.

Nicht aus Neugier.

Sondern weil sie wissen wollte, wer in Düsterhafen glaubte, etwas über sie zu wissen, das sie selbst nicht wusste.

Sie öffnete die Tür.

Der kalte Wind des Korridors empfing sie.

Hinter ihr blieb der Raum dunkel zurück.

Und auf dem Tisch lag nur noch das zerbrochene schwarze Siegel.

Fortsetzung folgt …