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Auf der Suche nach Tyrael - und sich selbst
Verfasst: 15 Sep 2026, 20:37
von Tarion Rontre
Prolog – Als die Götter schwiegen
Tyrael schwieg.
Nicht erst seit wenigen Tagen. Lange genug, dass sein Schweigen aufgehört hatte, lediglich die Abwesenheit einer Antwort zu sein. Es war zu einer Frage geworden.
Tarion hatte gebetet. Allein in seiner Kammer, wenn das Kloster längst zur Ruhe gekommen war. Gemeinsam mit seinen Brüdern und Schwestern in der Kirche vor den Mauern, vor dem Zeichen Tyraels, das dort noch immer über jenen wachte, die eintraten. Er hatte nicht um Macht gebeten, nicht um ein Wunder, nicht einmal um Gewissheit. Nur um irgendein Zeichen.
Nichts war gekommen.
Und Tyrael war nicht der Einzige. Überall standen die Tempel noch, Schreine wurden gepflegt, Gebete gesprochen und alte Riten vollzogen. Doch die Götter antworteten nicht. Sie waren fort, verschollen, und niemand wusste weshalb oder wohin.
⸻
Am Abend vor seiner Abreise saß Tarion mit Bruder Deralon zusammen. Der Hohepriester Tyraels hatte lange geschwiegen, nachdem Tarion ihm von seinem Vorhaben erzählt hatte.
Acht Schreine. Acht Tugenden: Rechtschaffenheit, Mitgefühl, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Opfer, Ehre, Spiritualität und Demut. Tarion wollte jeden von ihnen aufsuchen. Nicht weil er wusste, dass dort Antworten auf ihn warteten, sondern weil ihm kein besserer Ort einfiel, um nach ihnen zu suchen.
„Wie lange?“, fragte Deralon schließlich.
„Ich weiß es nicht.“
„Und wenn du nichts findest?“
Tarion senkte für einen Moment den Blick. „Dann kehre ich zurück und weiß wenigstens, dass wir gesucht haben.“
Deralon betrachtete seinen Bruder lange. „Du suchst nicht nur nach Tyrael.“
Es war keine Frage. Tarion lächelte schwach. Deralon kannte ihn zu gut.
„Nein.“
Seine Gedanken wanderten zu einem Mann ohne Vergangenheit, der vor nicht allzu langer Zeit vor ihm gesessen und eine erstaunlich einfache Frage gestellt hatte.
„Sucht Ihr vielleicht noch einen Knappen?“
Tarion hatte ihm eine Antwort gegeben. Für jetzt. Doch Thorus’ Frage hatte eine andere in ihm geweckt: War Tarion überhaupt noch bereit, einen Menschen diesen Weg entlangzuführen?
Er kannte die Tugenden. Er hatte nach ihnen gelebt, an ihnen gezweifelt, wegen ihnen gestritten und ihretwegen Entscheidungen getroffen, die er bis heute mit sich trug. Doch konnte er einem anderen Menschen noch erklären, was Glaube bedeutete, während sein eigener Gott schwieg?
„Wenn ich wieder einen Knappen annehme“, sagte Tarion, „dann werde ich von ihm verlangen, dass er sich an diesen Tugenden messen lässt.“
Deralon nickte.
„Dann sollte ich wissen, ob ich selbst noch bereit bin, dasselbe zu tun.“
Der Hohepriester lächelte. „Das klingt ausgesprochen nach dir.“
Tarion erwiderte das Lächeln, dann wurde er ernst. „Solange ich fort bin, liegt das Kloster in deinen Händen, Bruder Deralon.“
Deralon antwortete ohne Zögern. „Dann geh.“
⸻
Später am Abend ließ Tarion nach Thorus schicken. Dieser hatte Tarion seit ihrem ersten Gespräch noch einige Male gesehen, meist nur flüchtig. Das Kloster war groß genug, dass sich Wege nicht ständig kreuzten, und zugleich klein genug, dass niemand lange ein Fremder blieb.
Thorus hatte begonnen, seinen Platz darin zu suchen. Noch war er Gast, doch zunehmend einer, der wusste, wo er morgens gebraucht wurde, wo gemeinsam gegessen wurde und welchen Bruder man besser nicht während seiner Arbeit ansprach, wenn man keine ausführliche Erklärung darüber hören wollte, weshalb man gerade das falsche Werkzeug in der Hand hielt.
Tarion wartete im hinteren Klosterhof. Die Arbeit auf den Feldern war für diesen Tag beinahe beendet und über den Bergen lag bereits das letzte Licht des Abends. Als Thorus zu ihm trat, wandte Tarion sich ihm zu.
„Bruder Thorus.“
Die Anrede kam selbstverständlich.
„Ich wollte mit Euch sprechen, bevor ich morgen das Kloster verlasse.“
Tarion ließ ihm einen Augenblick. „Tyrael ist fort. Ihr wisst inzwischen, dass wir nicht wissen, weshalb und wohin.“
Sein Blick wanderte zu den Bergen. „Ich werde mit zwei unserer Brüder aufbrechen. Wir wollen die acht Schreine der Tugenden aufsuchen.“
Tarion verschwieg ihm nicht, wie wenig Gewissheit hinter diesem Vorhaben stand. „Vielleicht finden wir dort eine Spur. Vielleicht ein Zeichen. Vielleicht erfahren wir etwas über seinen Verbleib.“ Ein schwaches Lächeln. „Vielleicht finden wir auch nichts.“
Dann wurde sein Ausdruck ernster. „Aber ich muss gehen.“
Für einen Moment schwieg Tarion. „Und Eure Frage hat einen Anteil daran.“
Er sah, wie Thorus darauf reagierte, und hob leicht die Hand. „Nicht so, wie Ihr vielleicht denkt. Ich breche nicht auf, um herauszufinden, ob Ihr mein Knappe werden könnt.“
Das musste deutlich sein.
„Darauf kann mir kein Schrein eine Antwort geben. Diese Antwort könnt nur Ihr selbst geben – durch die Art, wie Ihr lebt.“
Tarion sah hinaus auf die Felder. „Aber Ihr habt mich etwas anderes gefragt, ohne es vermutlich zu wissen.“ Sein Blick kehrte zu Thorus zurück. „Ob ich noch bereit bin, einen Knappen anzunehmen.“
Diesmal dauerte das Schweigen länger.
„Als Ihr mich darum batet, hätte ich Euch leicht sagen können, dass ich schon andere ausgebildet habe. Dass ich die Tugenden kenne. Dass ich weiß, was einen Paladin ausmacht.“
Tarion schüttelte langsam den Kopf. „Aber das wäre keine Antwort gewesen.“
Er legte eine Hand auf das Siegel der Paladine des Mondes an seiner Schärpe. „Wenn ich einen Menschen lehren will, nach diesen Tugenden zu leben, dann möchte ich zuvor wissen, ob ich selbst noch bereit bin, mich an ihnen messen zu lassen.“
Keine Unsicherheit lag in seiner Stimme, eher Entschlossenheit. „Ich möchte wissen, was von meinem Glauben übrig bleibt, wenn Tyrael nicht antwortet. Ob ich noch immer derselbe Mann bin, der einem anderen erklären darf, was es bedeutet, diesen Weg zu gehen.“
Tarion ließ die Hand wieder sinken. „Und wenn ich zurückkehre, Thorus, werde ich Euch darauf eine Antwort geben können.“
Nicht die Antwort auf die Frage, ob Thorus sein Knappe werden würde. Das versprach Tarion bewusst nicht. Aber vielleicht auf die Frage, ob Tarion bereit war, überhaupt wieder einen zu führen.
„Bis dahin habt auch Ihr eine Aufgabe.“ Ein kleines Lächeln erschien. „Keine Prüfung.“
Tarion kannte inzwischen genug von Thorus, um zu ahnen, was dieser aus dem Wort Aufgabe hätte machen können.
„Und Ihr müsst niemandem etwas beweisen.“
Er deutete hinter sich auf das Kloster. „Lebt hier.“
„Lernt die Brüder und Schwestern kennen. Arbeitet mit ihnen. Betet mit ihnen, wenn Ihr das möchtet. Streitet mit ihnen, wenn es notwendig wird. Helft ihnen und lasst Euch von ihnen helfen.“
Tarions Lächeln wurde etwas deutlicher. „Und findet heraus, welcher Bruder Euch während meiner Abwesenheit erklären wird, dass Ihr einen Besen falsch haltet.“
Dann wurde er wieder ernst. „Ihr wolltet wissen, was es bedeutet, Teil dieses Ordens zu sein.“
Tarion breitete leicht die Hand aus. Um sie herum lagen die Felder, weiter vorn die Werkstätten, die Bibliothek und die Wohnräume. Auf den Mauern hielten Brüder und Schwestern Wache, jenseits davon stand die Kirche.
„Hier könnt Ihr es herausfinden.“
Tarion sah Thorus ruhig an. „Wenn ich zurückkehre, möchte ich nicht hören, wie sehr Ihr Euch bemüht habt, ein Paladin zu werden.“
Eine kurze Pause.
„Erzählt mir dann, ob Ihr hier ein Zuhause gefunden habt.“
Tarion ließ die Worte wirken. „Und wenn Ihr danach noch immer glaubt, dass der Weg eines Paladins der Eure sein könnte, dann sprechen wir erneut über Eure Frage.“
Er reichte Thorus die Hand. „Bis dahin geht Euren Weg.“
Ein schwaches Lächeln. „Und ich gehe meinen.“
⸻
Noch vor Sonnenaufgang standen drei Männer am Tor: Tarion, ein weiterer Paladin des Ordens und ein Priester Tyraels. Sie reisten mit nicht mehr, als sie für einen langen Weg benötigten.
Jeder führte sein eigenes Reitpferd. Zwei Packpferde trugen den größten Teil ihrer gemeinsamen Ausrüstung: ein Zelt, das drei Männern Schutz vor Wind und Regen bieten konnte, Decken, Proviant, Kochgeschirr, Werkzeug, Seile, Ersatzkleidung und einige Dinge, auf deren Fehlen man erst aufmerksam wurde, wenn man sie fernab jeder Siedlung benötigte.
Auch Schreibzeug und mehrere leere Bücher gehörten dazu. Der Priester hatte darauf bestanden; was immer sie fanden – oder nicht fanden –, sollte festgehalten werden.
Die schweren Rüstungen der beiden Paladine lagen ebenfalls sorgfältig verstaut auf den Packtieren. Tarion hatte nicht vor, die gesamte Reise in voller Rüstung zu verbringen. Auf den sicheren Straßen und in bewohnten Gegenden würde leichte Bewaffnung genügen. Erst wenn ihr Weg sie durch Land führte, in dem Vorsicht mehr verlangte als eine Hand am Schwert, würden sie Platte und Kettenzeug anlegen. Ihre Waffen dagegen blieben stets in Reichweite. Nicht jeder Weg zu einem heiligen Ort war deshalb auch ein sicherer.
Mehrere Brüder und Schwestern hatten sich trotz der frühen Stunde eingefunden. Niemand hielt eine große Rede. Einige umarmten die Reisenden, andere wünschten ihnen das Licht auf ihrem Weg. Ein alter Bruder drückte dem Priester noch einen zusätzlichen Laib Brot in die Hände, obwohl dieser erklärte, dass ihre Taschen bereits gefüllt seien.
„Dann esst mehr.“
Tarion lächelte und sein Blick wanderte schließlich zu Deralon. Der Hohepriester stand am Tor. Für die kommende Zeit würde dies seine Gemeinschaft sein, die er führte. Tarion hatte keine Anweisungen für jeden möglichen Zwischenfall hinterlassen. Das wäre kein Vertrauen gewesen.
„Das Kloster gehört dir, bis ich zurückkehre.“
Deralon hob eine Braue. „Nein.“
Tarion sah ihn fragend an. Deralon deutete auf die Brüder und Schwestern hinter sich.
„Es gehört ihnen. Ich passe nur darauf auf.“
Tarion musste lachen. Ausgerechnet Deralon.
„Dann weiß ich es in guten Händen.“
Tarion trat vor das Tor und nahm die Zügel seines Pferdes. Vor ihnen führte der Weg durch den Pass hinab in Richtung Britain. Hinter ihm lagen die Mauern des Klosters: sein Zuhause, seine Verantwortung, seine Brüder und Schwestern. Und irgendwo dort stand auch Thorus.
Tarion drehte sich noch einmal um. „Haltet die Türen offen.“
Dann stieg er in den Sattel und die anderen beiden folgten. Langsam setzte sich die kleine Reisegruppe in Bewegung: drei Reiter, zwei Packpferde, keine Banner, keine Prozession und keine Gewissheit, dass am Ende ihres Weges überhaupt eine Antwort auf sie wartete.
Der erste Schrein lag viele Tagesreisen entfernt: der Schrein der Rechtschaffenheit. Tarion hatte beschlossen, mit ihm zu beginnen. Nicht weil Rechtschaffenheit wichtiger war als die anderen Tugenden, sondern weil jede Suche nach Wahrheit mit der Bereitschaft beginnen musste, sie auch dann anzunehmen, wenn sie einem nicht gefiel.
Auf dem Weg würden sieben weitere Schreine folgen: Mitgefühl, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Opfer, Ehre, Spiritualität und schließlich Demut.
Tarions Tugend.
Als hinter ihnen die Mauern des Klosters langsam zwischen den Bergen verschwanden, dachte Tarion noch einmal an Thorus, an seine Frage und an seine eigene. Er wusste nicht, ob Tyrael am Ende dieses Weges auf ihn wartete, und ebenso wenig, ob er als derselbe Mann zurückkehren würde, der heute aufgebrochen war. Aber vielleicht war genau das der Sinn dieser Reise.
Thorus würde während seiner Abwesenheit herausfinden müssen, ob das Leben im Orden tatsächlich jenes Leben war, nach dem er gesucht hatte. Und Tarion würde herausfinden müssen, ob er noch immer der Mann war, der ihn eines Tages auf diesem Weg führen konnte.
Vor ihm lag der Weg zum ersten Schrein. Tarion richtete den Blick nach vorn.
Die Pilgerreise hatte begonnen.
Der erste Schrein
Verfasst: 16 Sep 2026, 05:27
von Tarion Rontre
Akt I – Rechtschaffenheit
Am dritten Morgen konnte Tarion das Kloster nicht mehr sehen. Am ersten Tag hatte ein Blick zurück genügt, um zwischen den Bergen noch die vertrauten Höhen auszumachen, hinter denen die Mauern lagen. Am zweiten waren selbst diese Konturen undeutlicher geworden. Nun lag hinter ihnen nur noch der Weg, den sie bereits gegangen waren, während vor ihnen ein anderer weiter nach Norden führte.
Tarion saß schweigend im Sattel. Neben ihm ritt der andere Paladin, einige Schritte hinter ihnen der Priester. Die beiden Packpferde trotteten zwischen den Reitern und hatten sich längst in den ruhigen Takt der Reise eingefunden. Vielleicht waren sie bislang sogar diejenigen unter den fünf Pferden und drei Männern, die am genauesten wussten, was von ihnen erwartet wurde: weitergehen, fressen, trinken, schlafen und am nächsten Morgen wieder weitergehen.
Bei den Menschen war die Sache komplizierter. Sie wussten, wohin sie wollten.
Mehr nicht.
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Die ersten Tage verliefen ruhig. Noch führte ihr Weg durch bewohntes Land. Sie kamen an Höfen vorbei, begegneten Händlern, Reisenden und Bauern und fanden am Abend meistens ein Dach über dem Kopf. Wo dies nicht möglich war, suchten sie rechtzeitig einen Platz für ihr Lager.
Bereits beim ersten Mal stellte sich heraus, dass drei Männer gemeinsam ein Zelt tragen konnten, ohne deshalb dieselbe Vorstellung davon zu besitzen, wie dieses Zelt aufzustellen war.
„Der Hering gehört weiter nach links.“
Tarion hielt inne, betrachtete den Hering und dann den Priester. „Er steht seit fünf Atemzügen dort.“
„Und seit fünf Atemzügen steht er falsch.“
Der andere Paladin saß bereits neben der Feuerstelle und beobachtete die beiden. „Ich werde mich aus dieser Glaubensfrage heraushalten.“
Tarion sah zu ihm. „Sehr weise.“
Der Priester zeigte wortlos nach links. Tarion versetzte den Hering und das Zelt stand. Am folgenden Abend überließ er diese Aufgabe dem Priester.
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Mit jedem Tag entstand eine Ordnung. Einer kümmerte sich um die Pferde, einer bereitete das Lager vor und der Dritte um Feuer und Nahrung. Niemand hatte diese Aufgaben verteilt. Sie hatten sich ergeben, und ebenso selbstverständlich wechselten sie.
Tarion genoss diese Einfachheit mehr, als er erwartet hatte. Im Kloster warteten morgens Schreiben. Vorräte mussten geprüft, Reparaturen entschieden, Arbeiten verteilt und Fragen beantwortet werden. Manche Probleme waren groß, andere bestanden lediglich darin, dass zwei Brüder mit beeindruckender Überzeugung erklären konnten, weshalb ausgerechnet der jeweils andere für eine bestimmte Arbeit verantwortlich war.
Hier draußen waren die Fragen kleiner: Wo schlafen wir? Wie weit kommen wir morgen? Wo finden wir Wasser für die Pferde? Wer hat den Topf nicht ausgespült?
Letztere Frage führte zu einer erstaunlich langen Diskussion, deren Ergebnis niemand freiwillig in die Reisechronik eintrug.
Die Reisechronik selbst entwickelte sich dagegen schnell zu einem festen Bestandteil ihrer Abende. Der Priester schrieb über Orte, Wege, Wetter, Menschen, denen sie begegneten, Hinweise über den Schrein und alles, was später von Bedeutung sein konnte.
Tarion hatte am ersten Abend lediglich zugesehen, am zweiten eine Beschreibung ihres Weges korrigiert. Am dritten hatte der Priester ihm wortlos Feder, Tinte und ein zweites Buch gereicht.
„Was soll ich damit?“
„Schreiben.“
„Du schreibst bereits.“
„Ich schreibe, wo wir gewesen sind.“ Der Priester schob ihm das Buch hin. „Du solltest schreiben, weshalb.“
Tarion betrachtete es eine Weile und öffnete dann die erste Seite. Sie blieb lange leer, bis er schließlich einen Satz schrieb.
Wir suchen Tyrael.
Er betrachtete die Worte und fügte darunter hinzu:
Und ich weiß nicht, ob er gefunden werden will.
Für diesen Abend genügte das.
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Je weiter sie nach Norden kamen, desto mehr veränderte sich das Land. Die Nächte wurden kühler, morgens lag Feuchtigkeit schwer auf Gras und Mänteln und der Atem der Pferde stand länger sichtbar in der Luft. Auch die Wege wurden stiller. Die Abstände zwischen Höfen und kleinen Ansiedlungen wuchsen, die Wälder wurden dichter und an manchen Tagen begegneten sie über Stunden keinem anderen Reisenden.
Der Schrein der Rechtschaffenheit lag nicht auf dem Festland. Das hatten sie gewusst, bevor sie aufgebrochen waren. Doch eine Linie auf einer Karte vermittelte nur schlecht, was es bedeutete, einen Ort aufzusuchen, der jenseits des Meeres lag.
Spätestens als sie die Küste erreichten, endete der Teil ihrer Reise, den sie vollständig selbst bestimmen konnten. Vor ihnen lag graues Wasser, weit dahinter und jenseits des Horizonts die Insel. Der Wind roch nach Salz.
Der Priester stand neben Tarion und blickte hinaus. „Ich hoffe, du hast daran gedacht, das Meer um eine ruhige Überfahrt zu bitten.“
Tarion sah ihn an. „Ich dachte, dafür hätten wir einen Priester mitgenommen.“
„Ich bin Priester Tyraels.“
„Dann bitte überzeugend.“
Der andere Paladin schnaubte. „Wenn ihr beide fertig seid, sollten wir vielleicht jemanden suchen, der ein Schiff besitzt.“
Das erwies sich als die vernünftigste Idee des Morgens.
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Sie fanden einen Mann, der bereit war, sie überzusetzen. Nicht sofort, nicht mit fünf Pferden und ganz sicher nicht zu dem Preis, den Tarion zunächst für angemessen gehalten hatte. Die Verhandlung dauerte länger als erwartet. Am Ende blieb von Tarions Vorstellung einer einfachen Überfahrt vor allem die Erkenntnis übrig, dass ein Mann mit einem Schiff an einer Küste einen bemerkenswerten Vorteil gegenüber drei Männern besaß, die auf die andere Seite wollten.
Die Pferde würden zurückbleiben. Für Tarion war diese Entscheidung unangenehmer, als sie eigentlich hätte sein dürfen. Nicht weil er um die Tiere fürchtete; sie konnten für einige Tage sicher untergebracht werden. Es war die Ausrüstung.
Zum ersten Mal mussten sie entscheiden, was wirklich notwendig war. Das Zelt blieb zurück, ebenso ein großer Teil der Vorräte, Werkzeuge, zusätzliche Kleidung und die schweren Rüstungen. Alles, was auf dem Festland sinnvoll gewesen war, wurde plötzlich zu Gewicht, das drei Männer über Schnee und Eis tragen mussten.
Sie nahmen warme Kleidung, Decken, Nahrung, Wasser, Seile, Feuerzeug, das Nötigste zur Versorgung kleinerer Verletzungen, die Reisechronik, Tarions Buch und ihre Waffen.
Der andere Paladin betrachtete den kleiner gewordenen Stapel. „Erstaunlich.“
Tarion zog seinen Mantel enger. „Was?“
„Wie wenig von dem, was man unbedingt braucht, noch unbedingt nötig ist, sobald man es selbst tragen muss.“
Der Priester hob seinen Rucksack an. „Diesen Gedanken solltest du dir für den Schrein der Demut aufheben.“
„Wenn wir dort ankommen, trägst du meine Sachen.“
„Dann werden wir dort wohl ohne deine Sachen ankommen.“
Tarion schüttelte lächelnd den Kopf. Wenig später legte das Schiff ab.
---
Die Überfahrt nahm Stunden in Anspruch. Das Land hinter ihnen wurde kleiner und verschwand schließlich, bis es eine Weile nichts außer Wasser gab. Tarion stand am Rand des kleinen Schiffes und blickte hinaus.
Er war es gewohnt, Wege zu sehen: eine Straße, einen Pfad, eine Spur durch den Wald. Auf dem Meer gab es nichts davon, und dennoch wusste der Mann am Steuer offenbar genau, wohin er fuhr.
Tarion fand den Gedanken beruhigend. Vielleicht auch deshalb, weil er auf ihre eigene Reise nicht zutraf.
Am späten Nachmittag erschien etwas Helles am Horizont. Zuerst hielt Tarion es für Wolken, dann wurden daraus Konturen: Schnee, Felsen und eine weiße Küste.
Die Insel der Rechtschaffenheit.
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Die Kälte traf sie bereits beim Anlanden. Nicht jene feuchte Kühle, die sie auf dem Festland begleitet hatte. Diese Kälte biss. Sie kroch durch Kleidung, fand jede schlecht geschlossene Stelle und erinnerte einen bei jedem Atemzug daran, dass Menschen nicht für jede Landschaft gemacht waren, die sie unbedingt betreten wollten.
Der Priester zog seine Kapuze tiefer. „Ich beginne zu verstehen, weshalb hier nur wenige Pilger unterwegs sind.“
Der andere Paladin sah auf die verschneite Landschaft. „Vielleicht kommen sie im Sommer.“
Der Mann vom Schiff lachte. Keiner der drei fragte weshalb.
Das Boot sollte zwei Tage später zurückkehren, falls das Wetter es zuließ. Falls nicht, mussten sie warten. Tarion bedankte sich, dann standen sie zu dritt am Rand einer weißen Welt und sahen dem Schiff nach.
Zum ersten Mal seit ihrem Aufbruch gab es keinen einfachen Weg zurück.
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Sie gingen. Der Schnee verlangsamte jeden Schritt. Wo der Wind ihn fortgetragen hatte, lagen vereiste Steine frei, an anderen Stellen sanken ihre Stiefel tief ein. Bäume standen nur vereinzelt und Felsen ragten dunkel aus dem Weiß. Der Himmel darüber war bleich und weit.
Es war eine Landschaft, in der selbst Geräusche kleiner wirkten. Das Knirschen ihrer Schritte, der Wind und ihr Atem waren manchmal minutenlang alles, was sie hörten.
Sie fanden den Schrein an diesem Tag nicht. Als das Licht zu schwinden begann, suchten sie ohne Zelt Schutz zwischen zwei Felswänden. Sie entzündeten ein kleines Feuer, legten die Decken dicht zusammen und aßen schweigend. Der Priester schrieb nur wenige Zeilen, weil seine Finger zu kalt für mehr waren. Tarion öffnete sein eigenes Buch überhaupt nicht.
In dieser Nacht schlief keiner von ihnen besonders gut. Am nächsten Morgen gingen sie weiter.
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Gegen Mittag entdeckte Tarion die ersten Steine. Zunächst hielt er sie für natürliche Felsen, dann erkannte er die Ordnung. Halb vom Schnee verschluckt standen sie in einem weiten Bogen, in ihrer Mitte befand sich ein niedriger Altar.
Der Schrein der Rechtschaffenheit.
Tarion blieb stehen. So weit für das hier: kein Licht, keine Stimme, keine wartende Erscheinung. Nur alter Stein im Schnee.
Sie gingen näher. Der Priester strich mit seiner behandschuhten Hand über den Altar und entfernte Schnee. Darunter kam das Zeichen der Tugend zum Vorschein, verwittert, aber noch deutlich zu erkennen.
„Lange her.“
Tarion nickte. „Aber noch da.“
Sie reinigten den Schrein. Nicht weil irgendein Ritus es verlangte, sondern weil es ihnen einfach falsch erschien, an einem Ort um eine Antwort zu bitten und nicht einmal bereit zu sein, den Schnee von seinem Altar zu entfernen.
Danach beteten sie. Der Priester sprach die alten Worte, die Tarion und der andere Paladin ebenfalls kannten. Ihre Stimmen verschwanden im Wind.
Nichts geschah.
Sie warteten, doch wieder geschah nichts. Der Priester sprach ein zweites Gebet. Tarion legte die Hand auf den Stein.
Kalt. Nur Stein.
Sie blieben eine Stunde und dann eine weitere. Irgendwann setzte sich der andere Paladin auf einen der schneebedeckten Steine, während der Priester erneut in seinen Aufzeichnungen zu lesen begann, als könnte er dort etwas finden, das sie übersehen hatten.
Tarion stand vor dem Altar.
Der Schrein schwieg.
So wie Tyrael.
---
Als die Dunkelheit näher rückte, gingen sie zurück zu ihrem geschützten Lagerplatz. Sie hätten am folgenden Morgen zum vereinbarten Ort an der Küste zurückkehren können. Das Schiff würde kommen. Vielleicht. Sie konnten wieder aufs Festland und zum nächsten Schrein.
Niemand schlug es vor.
Nach dem Essen saß Tarion vor dem kleinen Feuer. Der Priester schlief bereits und der andere Paladin hatte sich in eine Decke gehüllt und die Augen geschlossen.
Tarion nahm sein Buch.
Wir suchen Tyrael.
Darunter:
Und ich weiß nicht, ob er gefunden werden will.
Er las beide Sätze und setzte dann die Feder an.
Ich suche ihn für den Orden.
Tarion hielt inne, betrachtete die Worte und strich sie schließlich durch. Nicht weil sie falsch waren, sondern weil sie nicht vollständig waren.
Er suchte Tyrael für den Orden, für Deralon, für seine Brüder und Schwestern, für jene, die noch immer in die Kirche vor den Mauern kamen und unter einem Zeichen beteten, dessen Gott nicht mehr antwortete. Für Menschen, die wissen wollten, ob ihr Glaube noch irgendwo ein Gegenüber besaß.
Alles wahr. Alles rechtschaffen.
Und alles bequem.
Tarion sah in das Feuer und dachte an die unzähligen Male, in denen er Tyraels Namen ausgesprochen hatte: an Gebete, an Zweifel, an Entscheidungen und an Augenblicke, in denen er geglaubt hatte, seine Nähe zu spüren.
Und dann an das Schweigen.
Er setzte die Feder wieder an.
Ich vermisse ihn.
Tarion betrachtete die drei Worte. Sie wirkten klein, fast unangemessen klein für einen Weg, der sie über Berge, Straßen und schließlich über das Meer geführt hatte. Doch kein Satz, den er bislang geschrieben hatte, fühlte sich wahrer an.
Er schrieb weiter.
Ich möchte wissen, dass er noch existiert.
Seine Hand hielt inne.
Ich möchte wissen, dass wir nicht zu einem Zeichen an einer Wand sprechen.
Der nächste Satz fiel schwerer. Tarion schrieb ihn trotzdem.
Ich fürchte mich davor, ihn nicht zu finden.
Er legte die Feder zur Seite.
„Das klingt schon ehrlicher.“
Tarion blickte auf. Der andere Paladin hatte die Augen geöffnet.
Tarion sah auf das Buch. „Du liest über Kopf?“
„Nur wenn jemand groß genug schreibt.“
Tarion schloss das Buch. Für einige Augenblicke hörten sie nur das Feuer.
Dann fragte sein Bruder: „Morgen noch einmal?“
Tarion sah hinaus in die Dunkelheit. Dort irgendwo lag der Schrein.
„Morgen noch einmal.“
---
Am nächsten Morgen fiel Schnee. Nicht viel; feine Flocken trieben beinahe waagerecht durch die Luft. Die drei Männer gingen erneut zum Schrein.
Diesmal nahm Tarion kein Gebetbuch, keine alten Verse und keine vorbereiteten Worte mit. Der Priester und der andere Paladin blieben einige Schritte zurück, während Tarion vor den Altar trat, einen Handschuh auszog und die bloße Hand auf den Stein legte.
Die Kälte schmerzte beinahe sofort.
„Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst.“
Der Wind antwortete.
„Und ich weiß nicht, ob ich überhaupt mit dir spreche oder nur mit einem Stück Stein.“
Tarion sah auf das Zeichen. „Ich habe mir eingeredet, dass ich hier bin, weil der Orden Antworten braucht.“
Eine kurze Pause.
„Das stimmt.“
Er atmete langsam aus und sein Atem wurde zu weißem Dunst. „Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.“
Tarion schloss für einen Augenblick die Augen und sprach dann jene Worte aus, die ihm auf Papier leichter gefallen waren.
„Ich bin auch hier, weil ich dich vermisse.“
Nichts.
„Weil ich wissen will, dass du noch da bist.“
Seine Finger lagen auf dem eisigen Stein.
„Und weil ich Angst davor habe, dass du es nicht bist.“
Stille. Keine Stimme, kein Wunder.
Tarion senkte den Kopf. Vielleicht war das die einzige Antwort, die Rechtschaffenheit ihm geben würde.
Seine eigene.
Dann spürte er etwas.
Wärme.
So schwach, dass er zunächst glaubte, seine Hand habe sich lediglich an die Kälte gewöhnt. Tarion öffnete die Augen.
Unter seinen Fingern erschien eine feine weiße Linie. Sie zog sich langsam und zögernd durch eine der verwitterten Vertiefungen des Zeichens, als müsse sich das Licht seinen Weg durch den Stein erst suchen.
Tarion bewegte sich nicht. Hinter ihm hörte er den Priester scharf einatmen.
Die Linie erreichte die Mitte des Zeichens und weitere feine Linien folgten. Für wenige Herzschläge leuchtete das Symbol der Rechtschaffenheit. Nicht hell, nicht blendend, kaum mehr als ein Schimmer im fallenden Schnee.
Und gerade deshalb konnte keiner von ihnen den Blick davon lösen.
Dann erlosch es. Der Stein unter Tarions Hand wurde wieder kalt.
Niemand sprach.
Tarion drehte sich langsam um. Der Priester starrte auf den Altar, der andere Paladin sah Tarion an.
„Hast du das…“
„Ja.“
Mehr brachte Tarion nicht hervor.
Der Priester trat an den Stein und legte seine Hand darauf. Nichts.
Er sah Tarion an. „Noch einmal.“
Tarion berührte das Zeichen erneut. Nichts geschah.
Der andere Paladin begann zu lächeln. „Offenbar wiederholt sich ein Wunder nicht nur deshalb, weil ein Priester darum bittet.“
Der Priester warf ihm einen Blick zu. „Ich wollte sicher sein.“
Tarion betrachtete das Zeichen. „Dann sollten wir gerade jetzt vorsichtig damit sein, wessen wir uns sicher sind.“
Er erinnerte sich an seine eigenen Worte gegenüber Thorus: Nicht alles, was im Licht erschien, diente auch dem Licht. Er würde nicht denselben Fehler begehen, vor dem er einen anderen gewarnt hatte.
Sie wussten nicht, was dieses Licht gewesen war, und ebenso wenig, ob Tyrael es geschickt hatte. Aber Tarion würde auch nicht leugnen, was drei Männer mit eigenen Augen gesehen hatten.
Etwas hatte geantwortet.
Zum ersten Mal.
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An der Küste mussten sie länger warten als vereinbart. Das Meer war unruhiger geworden und das Schiff kam erst am folgenden Morgen. Keiner der drei beklagte sich darüber.
Der Priester nutzte die Zeit für seine Chronik. Er schrieb lange und reichte Tarion schließlich das Buch. Unter seinem Bericht stand:
Am Schrein der Rechtschaffenheit erschien ein Licht, nachdem Bruder Tarion ausgesprochen hatte, weshalb er Tyrael wirklich sucht.
Tarion las den Satz zweimal und gab das Buch zurück.
„Lass es so stehen.“
Der Priester nickte.
Tarion öffnete sein eigenes Buch und schrieb unter die Worte der vergangenen Nacht:
Heute hat etwas geantwortet.
Er wartete und setzte dann eine zweite Zeile darunter.
Ich weiß nicht, was.
Er schloss das Buch.
Rechtschaffenheit verlangte nicht, aus Hoffnung Gewissheit zu machen. Sie verlangte Wahrheit. Und die Wahrheit war: Tyrael blieb verschwunden. Sie wussten nicht, ob er lebte, ob er sie hören konnte oder ob das Licht überhaupt von ihm gekommen war.
Aber zum ersten Mal seit Beginn ihrer Suche wussten sie eines.
Sie waren nicht vollkommen ohne Spur.
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Als das Schiff schließlich die Küste des Festlandes erreichte, warteten ihre Pferde dort, wo sie sie zurückgelassen hatten. Der Priester begrüßte sein Tier mit deutlich mehr Herzlichkeit, als Tarion nach wenigen Tagen Trennung für angemessen hielt, während der andere Paladin damit begann, die Packpferde wieder vorzubereiten.
Tarion blieb einen Moment an der Küste stehen. Hinter ihm lag das Meer und dahinter die weiße Insel mit dem ersten Schrein. Vor ihm lag ein Kontinent und irgendwo darauf sieben weitere.
Er dachte an den schwachen Schimmer im Schnee.
Keine Antwort.
Noch nicht.
Aber eine Spur.
Tarion nahm die Zügel seines Pferdes.
„Wohin?“, fragte der Priester.
Tarion sah auf die Karte. Der nächste Weg würde sie zurück durch kälteres Nordland und anschließend weiter nach Westen führen, dorthin, wo die Wälder dichter wurden und zwischen den Höhenzügen der Schrein des Mitgefühls lag.
Er faltete die Karte zusammen.
„Zum Mitgefühl.“
Sie stiegen in die Sättel. Hinter ihnen lag eine Insel aus Schnee und Stein, vor ihnen lagen wieder Straßen, Wälder und Berge.
Drei Männer waren aufgebrochen, um einen verschwundenen Gott zu suchen. Am ersten Schrein hatten sie ihn nicht gefunden.
Tarion hatte dort zunächst etwas anderes gefunden.
Eine Wahrheit über sich selbst.
Und irgendwo in einer weißen Landschaft hatte darauf für wenige Herzschläge ein Licht geantwortet.
Der zweite Schrein
Verfasst: 19 Sep 2026, 11:24
von Tarion Rontre
Akt 2 – Mitgefühl
Das Meer lag seit drei Tagen hinter ihnen, die Kälte noch nicht ganz.
Mit jedem Tag, den sie weiter nach Westen ritten, verlor der Winter jedoch seinen Griff. Zuerst verschwand der Schnee, dann das Eis. Bald standen wieder Bäume dicht an den Wegen, und wo Sonnenlicht durch ihre Kronen fiel, roch die feuchte Erde stärker als das Salz, das noch immer in Kleidung und Ausrüstung zu hängen schien.
Nach den Tagen auf der verschneiten Insel tat es gut, wieder im Sattel zu sitzen und einen Weg unter sich zu haben. Die Landschaft wurde vertrauter, doch die Gedanken der drei Männer blieben häufig bei dem zurück, was sie am Schrein der Rechtschaffenheit erlebt hatten.
Der Priester hatte seinen Bericht mehrfach gelesen, die Reihenfolge der Ereignisse geprüft und Tarions Worte möglichst genau festgehalten. Der andere Paladin beteiligte sich seltener an diesen Überlegungen. Für ihn genügte zunächst, was sie mit eigenen Augen gesehen hatten. Tarion hielt es ähnlich: Etwas hatte auf ihn reagiert. Das Zeichen hatte geleuchtet, und drei Männer hatten es gesehen. Mehr wussten sie nicht.
Keiner von ihnen hatte Tyrael gesehen oder seine Stimme gehört. Niemand konnte sagen, ob das Licht tatsächlich von ihm gekommen war.
Hoffnung war erlaubt.
Gewissheit nicht.
Am zweiten Abend nach ihrer Rückkehr aufs Festland öffnete Tarion sein Buch. Unter seinem letzten Eintrag standen noch immer die beiden Sätze:
Heute hat etwas geantwortet.
Ich weiß nicht, was.
Eine Weile betrachtete er die Worte, dann setzte er die Feder an.
Aber ich hoffe, dass du es warst.
Diesmal strich er nichts durch.
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Der Weg zum Schrein des Mitgefühls führte sie durch zunehmend bewaldetes Land. Die größeren Straßen lagen bald hinter ihnen und wichen schmaleren Wegen, die sich zwischen Hügeln, Wäldern und kleinen Wasserläufen hindurchzogen. An manchen Stellen waren die Pfade kaum noch mehr als Spuren zwischen den Bäumen. Die Karte half ihnen, die Richtung zu halten, konnte aber nicht jeden umgestürzten Stamm und jede überwucherte Abzweigung verzeichnen.
So verloren sie eines Nachmittags mehrere Stunden, bevor ihnen auffiel, dass sie einen Teil des Weges bereits kannten.
Der andere Paladin hielt sein Pferd an und deutete auf einen mächtigen Baum am Wegesrand. „Hier waren wir schon.“
Der Priester sah erst zum Baum, dann auf seine Karte. „Bist du sicher?“
„Vor zwei Stunden bin ich genau dort abgestiegen.“
Für einige Augenblicke herrschte Schweigen. Dann faltete der Priester die Karte zusammen.
„Dann haben wir eine Abzweigung übersehen.“
Das war alles. Sie ritten zurück.
Die Abzweigung fanden sie schließlich hinter einem umgestürzten Baum, der einen großen Teil des schmalen Pfades verdeckte. Dahinter führte der Weg weiter nach Westen.
Am späten Nachmittag begann sich der Wald zu lichten und zwischen den Bäumen taten sich kleinere Felder auf. In einiger Entfernung stieg Rauch aus einem Schornstein. Tarion wollte gerade vorschlagen, dort nach dem weiteren Weg zu fragen, als sein Pferd unruhig wurde. Kurz darauf hörte er Stimmen, zuerst die einer Frau, dann die eines Kindes.
Er hob die Hand und die anderen hielten an.
„Da vorne.“
Wenige Augenblicke später sahen sie den Wagen. Er stand schief am Rand des Weges, eines seiner Räder war gebrochen und ein Teil der Ladung lag verstreut im Gras. Neben dem Wagen kniete eine Frau. Zwei Kinder standen dicht bei ihr.
Zwischen ihnen lag ein Mann.
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Tarion war aus dem Sattel, noch bevor sein Pferd vollständig zum Stehen gekommen war. Die Frau fuhr erschrocken herum, doch als sie Tarions weiße Schärpe und den Priester hinter ihm erkannte, wich ein Teil der Angst aus ihrem Gesicht.
„Bitte.“
Der Priester kniete bereits neben dem Mann.
„Was ist geschehen?“, fragte Tarion.
„Er ist seit gestern krank. Fieber. Heute wurde es schlimmer. Wir wollten zur nächsten Ansiedlung.“
Ihr Blick wanderte zum beschädigten Wagen.
„Dann brach das Rad.“
Der Priester fühlte die Stirn des Mannes, stellte einige Fragen und begann anschließend, seine Tasche zu öffnen. Sein Gesicht verriet Tarion genug.
Tarion sah zum Himmel. Noch lagen einige Stunden Tageslicht vor ihnen und der Schrein konnte nicht mehr weit entfernt sein. Wenn sie sofort weiterzogen, bestand die Möglichkeit, ihn noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen.
Sein Blick wanderte zu den Kindern. Das jüngere hielt die Hand seiner Mutter, während das ältere danebenstand und sichtbar darum bemüht war, seine Angst nicht zu zeigen.
Tarion wandte sich an den anderen Paladin. „Sieh dir das Rad an.“
Dieser nickte, zögerte aber einen Augenblick. „Und der Schrein?“
Tarion sah noch einmal zu der Familie.
„Der steht morgen auch noch.“
Das Rad erwies sich als schwerer beschädigt, als sie zunächst gehofft hatten. Die Achse war unversehrt, doch mehrere Speichen und ein Teil des äußeren Holzreifens waren gebrochen. Für eine richtige Reparatur fehlten ihnen Werkzeug und Material, aber mit geeignetem Holz, Seilen und einigen Metallbeschlägen aus ihrer Ausrüstung gelang es Tarion und dem anderen Paladin, das Rad zumindest provisorisch wiederherzustellen.
Währenddessen kümmerte sich der Priester um den Kranken. Er kühlte ihn, gab ihm Wasser und versuchte, das hohe Fieber unter Kontrolle zu bringen.
Die Kinder hatten sich irgendwann an den Rand des Weges gesetzt. Tarion holte Brot und etwas getrocknetes Fleisch aus den Vorräten und reichte es dem älteren. Das Kind nahm beides entgegen, sah jedoch zunächst zu seiner Mutter.
„Für euch alle.“
Erst dann nickte es und teilte das Essen mit seinem jüngeren Geschwister.
Tarion setzte sich für einen Augenblick zu ihnen. „Weißt du, was mit deinem Vater ist?“
Das Kind schüttelte den Kopf. „Mama sagt, er wird wieder gesund.“
Tarion blickte zum Priester, der seine Aufmerksamkeit weiterhin vollständig dem Kranken widmete. Als er Tarions Blick bemerkte, gab er keine Antwort.
Tarion wandte sich wieder dem Kind zu.
„Dann sorgen wir dafür, dass er die beste Gelegenheit dazu bekommt.“
Mehr versprach er nicht.
Als die Sonne hinter den Bäumen verschwand, war klar, dass sie an diesem Tag nicht weiterreisen würden. Der Priester wollte den Kranken nicht bewegen, solange sein Zustand so instabil war. Sie bauten das Zelt auf und überließen es der Familie. Die drei Männer würden die Nacht draußen verbringen.
Es war eine einfache Entscheidung und niemand diskutierte darüber.
Später saßen Tarion und der andere Paladin am Feuer, während der Priester bei dem Kranken blieb. Als er schließlich aus dem Zelt trat, sah Tarion sofort zu ihm.
„Und?“
„Das Fieber ist noch hoch.“
„Kannst du ihm helfen?“
Der Priester setzte sich zu ihnen. „Ich kann versuchen, seinen Körper dabei zu unterstützen, dagegen anzukämpfen.“
Tarion wartete. Der Priester verstand.
„Ich weiß es nicht.“
Tarion nickte. Es war eine Antwort, die ihnen auf dieser Reise offenbar häufiger begegnen würde.
⸻
In der Nacht verschlechterte sich der Zustand des Mannes. Der Priester weckte Tarion, weil das Wasser knapp wurde. Gemeinsam mit dem anderen Paladin machte er sich auf den Weg zu einem Bach, den sie einige Zeit zuvor überquert hatten.
Im Dunkeln wirkte der Wald dichter als am Tag. Das Licht ihrer Laterne reichte kaum über den unmittelbaren Weg hinaus, während zwischen den Bäumen Geräusche zu hören waren, deren Ursprung sie nicht erkennen konnten. Am Bach knieten beide nieder und füllten schweigend ihre Behälter.
Nach einer Weile sagte der andere Paladin: „Wir verlieren mindestens einen Tag.“
Tarion verschloss seinen Behälter. „Ja.“
„Vielleicht mehr.“
„Vielleicht.“
Sein Bruder schwieg kurz. „Und wenn das Licht am ersten Schrein wirklich von Tyrael kam?“
Tarion sah ihn an. „Was dann?“
„Dann könnte jede Stunde zählen.“
Tarion antwortete nicht sofort. Er hatte sich dieselbe Frage längst gestellt. Tyrael war verschwunden. Vielleicht war er gefangen, vielleicht verletzt, vielleicht befand er sich in einer Lage, die sie nicht einmal begreifen konnten. Zum ersten Mal seit seinem Verschwinden hatten sie etwas gefunden, das eine Spur sein konnte.
Und nun saßen sie wegen eines gebrochenen Wagenrades und eines kranken Fremden in einem Wald.
Tarion stand auf und nahm den Wasserbehälter.
„Wenn Tyrael von uns erwartet, dass wir einen kranken Mann und seine Kinder am Weg zurücklassen, damit wir schneller zu einem Schrein des Mitgefühls gelangen…“
Er ließ den Satz einen Moment stehen.
„…dann haben wir nach dem falschen Gott gesucht.“
Der andere Paladin nickte. Keiner von beiden sagte auf dem Rückweg noch etwas dazu.
⸻
Der Mann überlebte die Nacht. Am Morgen war das Fieber noch immer da, aber es war gesunken. Als der Priester der Frau sagte, dass ihr Mann vor allem Ruhe brauche und sein Zustand sich zumindest stabilisiert habe, schloss sie für einen Moment die Augen.
Dann begann sie leise zu weinen.
Tarion wandte den Blick ab. Manche Augenblicke gehörten nicht denen, die geholfen hatten.
Sie blieben bis zum Mittag. Der Mann war inzwischen wieder bei Bewusstsein, wenn auch noch zu schwach, um ohne Hilfe zu stehen. Das provisorisch reparierte Rad schien zu halten und die nächste Ansiedlung lag nur wenige Stunden entfernt. Tarion entschied, die Familie bis dorthin zu begleiten. Niemand widersprach.
Langsam folgten sie dem Wagen, bis schließlich die ersten Häuser zwischen den Feldern sichtbar wurden. Das Rad hatte gehalten und der Kranke konnte dort untergebracht werden.
Erst als die Frau erfuhr, wohin die drei Reisenden unterwegs waren, sah sie Tarion überrascht an.
„Zum alten Schrein?“
„Ihr kennt ihn?“
„Mein Vater hat mich als Kind dorthin gebracht.“
Sie deutete auf den Weg, über den sie gekommen waren. „Wenn Ihr dem großen Weg folgt, braucht Ihr fast einen ganzen Tag. Hinter den Feldern gibt es aber einen alten Pfad durch den Wald. Kaum jemand benutzt ihn noch.“
Der Priester holte die Karte hervor, doch der beschriebene Weg war darauf nicht eingezeichnet.
Die Frau zeigte in Richtung der Felder. „Folgt dem Pfad bis zum Bach und dann dem Wasser nach Süden. Zwischen zwei bewaldeten Höhen führt ein Durchgang hindurch. Dahinter liegt der Schrein.“
Tarion blickte zu seinen Begleitern. Wenn die Beschreibung stimmte, konnten sie ihr Ziel noch am selben Tag erreichen.
Bevor sie aufbrachen, trat die Frau noch einmal zu ihnen.
„Ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll.“
Tarion sah zu ihrem Mann, der in eine Decke gehüllt vor einem der Häuser saß. Die beiden Kinder waren bei ihm.
„Dann tut es nicht.“
Sie sah ihn fragend an.
„Wenn Ihr irgendwann jemanden am Weg findet, der Eure Hilfe braucht, bleibt stehen.“
Die Frau nickte.
Das genügte.
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Der alte Pfad war tatsächlich kaum mehr als eine Spur zwischen Feldern und Bäumen. Ohne die Beschreibung hätten sie ihn vermutlich nicht bemerkt. Nach einiger Zeit erreichten sie den Bach und folgten seinem Verlauf. Das Gelände stieg allmählich an, bis sich zu beiden Seiten bewaldete Höhen erhoben und der schmale Weg zwischen ihnen hindurchführte.
Als sie die andere Seite erreichten, stand die Sonne bereits tief. Der Priester entdeckte den Schrein zuerst.
Zwischen den Bäumen öffnete sich eine kleine Lichtung, auf der mehrere alte Steine einen niedrigen Altar umgaben.
Der Schrein des Mitgefühls.
Tarion hielt sein Pferd an und blickte zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Der Umweg hatte sie beinahe einen ganzen Tag gekostet. Und nun hatte gerade die Familie, für die sie diesen Tag aufgegeben hatten, ihnen einen Weg gezeigt, durch den sie einen großen Teil der verlorenen Zeit wiedergewannen.
Der andere Paladin sprach den Gedanken schließlich aus. „Wenn wir gestern weitergeritten wären, wären wir vermutlich ungefähr jetzt ebenfalls hier.“
Tarion stieg vom Pferd. „Dann hat uns die Hilfe nichts gekostet.“
Der Priester schüttelte den Kopf.
„Doch.“
Tarion sah ihn an.
„Als wir geblieben sind, wussten wir nicht, dass sie uns diesen Weg zeigen würde. Wir haben geglaubt, einen Tag zu verlieren.“
Tarion verstand, worauf er hinauswollte.
Der Priester blickte zum Schrein.
„Sonst wäre es Handel gewesen.“
Sie führten die Pferde auf die Lichtung. Der Schrein war in besserem Zustand als jener auf der verschneiten Insel, obwohl auch hier die Jahre deutliche Spuren hinterlassen hatten. Moos bedeckte Teile der Steine und Wurzeln hatten sich zwischen ihnen hindurchgeschoben. Das Zeichen des Mitgefühls auf dem Altar war jedoch noch klar zu erkennen.
Tarion trat davor. Diesmal öffnete der Priester kein Gebetbuch und niemand sprach die alten Verse. Nach dem, was auf dem Weg geschehen war, erschien Tarion jedes vorbereitete Wort unnötig.
Er legte die Hand auf den Stein und dachte an die Familie, an den Mann im Gras, an seine Kinder und an den Augenblick, in dem sie sich entschieden hatten zu bleiben. Kein Zeichen hatte ihnen gesagt, dass dies richtig war, und keine Stimme hatte es verlangt. Sie hatten nicht gewusst, ob der Mann die Nacht überleben würde, ob ihre Hilfe etwas bewirken oder wie viel Zeit sie verlieren würden.
Sie waren trotzdem geblieben.
Tarion schloss die Augen.
„Wenn du uns etwas zeigen willst, Tyrael, dann sehen wir hin.“
Zunächst geschah nichts. Dann spürte er Wärme unter seiner Hand. Sie war schwach, doch sie breitete sich langsam aus. Anders als am Schrein der Rechtschaffenheit blieb sie nicht im Stein. Tarion spürte sie in seiner Hand, dann im Arm und schließlich wie einen kaum wahrnehmbaren Hauch in seiner Brust.
Als er die Augen öffnete, leuchtete das Zeichen auf dem Altar. Schwach und weiß.
Keiner seiner Begleiter sprach.
Das Licht wurde nicht heller, doch die Wärme nahm zu. Für einen einzigen Augenblick glaubte Tarion, etwas darin wahrzunehmen.
Kein Wort. Nicht einmal eine Stimme.
Einen Atemzug.
Tief, schwach und unendlich fern.
Dann erlosch das Licht und die Wärme verschwand. Tarion nahm langsam die Hand vom Stein.
„Habt ihr das gehört?“
Der Priester sah ihn fragend an. „Was?“
Der andere Paladin schüttelte den Kopf.
Tarion blickte zurück auf das Zeichen. „Einen Atemzug.“
Der Priester trat neben ihn. „Tyrael?“
Tarion schwieg lange genug, dass die Hoffnung in dieser Frage nicht zu seiner eigenen Gewissheit werden konnte.
„Ich weiß es nicht.“
Mehr ließ sich nicht sagen.
⸻
Sie blieben über Nacht am Schrein. Nachdem die Pferde versorgt und das Lager errichtet war, saßen die drei Männer lange am Feuer. Der Priester hatte seine Chronik auf den Knien und schrieb, bis das Licht kaum noch ausreichte.
Schließlich las er zwei Sätze vor.
„Der erste Schrein antwortete auf eine Wahrheit. Der zweite auf eine Entscheidung.“
Der andere Paladin sah zu ihm. „Du glaubst, darin liegt eine Ordnung?“
Der Priester schloss die Chronik. „Ich glaube, dass wir zwei Schreine gesehen haben. Für alles Weitere ist es noch zu früh.“
Tarion nickte. Genau deshalb war der Priester mitgekommen: nicht nur wegen seines Wissens über Tyrael und die alten Riten, sondern weil Hoffnung einen Menschen ebenso leicht täuschen konnte wie Angst.
Später, als seine Begleiter schliefen, öffnete Tarion sein eigenes Buch. Unter den letzten Eintrag schrieb er:
Heute hat das Licht wieder geantwortet.
Nach kurzem Zögern folgte:
Vielleicht habe ich deinen Atem gehört.
Tarion betrachtete den Satz und fügte schließlich hinzu:
Vielleicht wollte ich ihn auch nur hören.
Er lehnte sich zurück und blickte zum dunklen Schrein. Dann schrieb er eine letzte Zeile.
Mitgefühl erwartet keine Belohnung.
Er schloss das Buch.
⸻
Am folgenden Morgen brachen sie früh auf. Die Pferde waren ausgeruht, ihre Vorräte dagegen merklich kleiner geworden. Ein Teil davon lag nun bei Menschen, die ihn dringender gebraucht hatten.
Der Weg würde sie weiter nach Süden führen. Vor ihnen lagen rauere Landschaften, längere Strecken abseits sicherer Straßen und schließlich eine Überfahrt, denn auch der Schrein der Tapferkeit lag nicht auf dem Festland.
Tarion blickte ein letztes Mal zurück zur Lichtung. Zwei Schreine lagen nun hinter ihnen. Am ersten hatte ein Zeichen im Schnee geleuchtet, nachdem er eine Wahrheit ausgesprochen hatte, die er selbst lange nicht hatte aussprechen wollen. Am zweiten hatten sie Wärme gespürt, nachdem sie auf dem Weg dorthin eine Entscheidung getroffen hatten, ohne zu wissen, ob sie dafür etwas erhalten würden.
Vielleicht hatte Tarion sogar einen Atemzug gehört.
Vielleicht.
Noch immer wussten sie nicht, ob Tyrael lebte. Sie wussten nicht, ob er sie hören konnte, und nicht einmal, ob die Zeichen tatsächlich von ihm stammten.
Doch sein Schweigen fühlte sich nicht mehr vollkommen leer an.
Tarion wandte sein Pferd nach Süden. Der nächste Weg würde sie zu einer Tugend führen, die leicht mit Furchtlosigkeit verwechselt wurde.
Tarion wusste es besser.
Tapferkeit begann nicht dort, wo die Angst endete.
Sie begann dort, wo man trotz ihrer weiterging.