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Gerüchte und Berichte

Verfasst: 01 Okt 2026, 00:17
von Drache
Bareti hatte ein Problem, über das sich vermutlich nur wenige Menschen ernsthaft beklagt hätten: Sie besaß mehr Geld, als sie brauchte.

Den Grundstein dafür hatte sie schon lange vor der Taverne gelegt. Ihre Arbeit als Magierin hatte ihr gutes Gold eingebracht, ebenso der Handel mit Reagenzien. Später waren der An- und Verkauf unterschiedlichster Waren hinzugekommen, und über die Jahre hatte sich ein beträchtliches Vermögen angesammelt. Nur hatte Bareti irgendwann festgestellt, dass ihr dieser Weg nicht mehr gefiel.

Die Taverne war ein Teil dessen gewesen, was danach kam. Von Anfang an hatte sie dabei jedoch keinerlei Interesse daran gehabt, mit ihr noch mehr Gold anzuhäufen. Davon hatte sie schließlich bereits genug. Wer bei ihr aß oder trank, sollte ihr deshalb nicht zwangsläufig Münzen auf den Tresen legen. Viel lieber waren ihr Geschichten.

So war irgendwann aus einer beiläufigen Idee eine feste Eigenart der Taverne geworden. Wer etwas zu erzählen hatte, konnte damit bezahlen. Reiseberichte, Erlebnisse, seltsame Begegnungen oder einfach eine gute Geschichte waren Bareti mehr wert als ein paar Goldstücke, und die Menschen hatten dieses Angebot erstaunlich bereitwillig angenommen. 

Mit den Geschichten kamen bald auch die Gerüchte. Ein Händler erzählte beim Essen, was er auf seiner letzten Reise gesehen hatte. Ein Abenteurer bezahlte seinen Becher mit der Geschichte über eine Ruine, die er irgendwo entdeckt haben wollte. Seeleute brachten Neuigkeiten aus fernen Häfen mit, Reisende berichteten von seltsamen Vorkommnissen auf den Straßen und manch einer hatte längst verstanden, dass eine ungewöhnliche Information bei Bareti für einen deutlich angenehmeren Abend sorgen konnte als eine Handvoll Münzen.

Bareti gefiel diese Entwicklung ausgesprochen gut. Mit der Zeit kamen manche ihrer Gäste sogar ganz gezielt mit Gerüchten zu ihr. Sie hatten irgendwo etwas gehört und es sich gemerkt, weil sie wussten, dass die Wirtin der Taverne daran Gefallen finden könnte. Aus Geschichten wurden Hinweise, aus Hinweisen entstanden Nachfragen und irgendwann kannte Bareti Menschen, die wiederum andere Menschen kannten, die Augen und Ohren an Orten hatten, an denen sie selbst niemals gewesen war. Niemand hatte dieses Netz geplant; es war schlicht über die Zeit entstanden.

Die ungewöhnliche Erzmagierin hatte schon vor der Taverne großen gefallen an verschiedenen Artefakten gefunden und war stets bemüht, einige davon in ihren Besitz zu bringen. Gerade magische Artefakte und Relikte vergangener Zeiten, waren stets etwas, was sie sogar aktiv suchte.

So hatte Bareti irgendwann damit begonnen, besonders interessante Informationen auch außerhalb der Taverne zu bezahlen. Es stellte sich heraus, dass man viel öfter auf ungewöhnliche Stücke stieß, wenn man auch Gerüchten zu diesen folgte. Den um etwas zu erwerben, musste sie zunächst wissen, dass dieses überhaupt existierten. Also bezahlte sie für Hinweise darauf. Daraus wurden Berichte über mögliche Fundorte, alte Ruinen und vergessene Orte, bis die Grenze zwischen einer Information, die zu einem Artefakt führte, und einer Information, die schlicht für sich genommen interessant war, bedeutungslos geworden war. Seitdem sammelte Bareti beides: Geschichten und Wissen.
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So erreichten die Taverne inzwischen regelmäßig Briefe, Berichte und kleine Notizen. Einige hatte Bareti ausdrücklich angefordert, andere wurden ihr von Reisenden mitgebracht oder von Menschen geschickt, die inzwischen wussten, dass sich eine interessante Beobachtung durchaus lohnen konnte. Vieles davon war belanglos, manches offensichtlich erfunden, doch hin und wieder fand sich darunter etwas, das tatsächlich interessant war. Auf diese Weise war auch der kleine Stapel Papier entstanden, der an diesem Abend vor ihr lag.

Bareti widmete ihm nur einen Teil ihrer Aufmerksamkeit. Sie saß hinter der Theke und arbeitete sich durch die jüngsten Berichte, während der Schankraum allmählich ruhiger wurde. Ein Becher Most stand neben ihr, und jedes gelesene Blatt wanderte auf einen von zwei Stapeln. Eine Streitigkeit zwischen zwei Handelshäusern, ungewöhnliche Schiffsbewegungen vor irgendeiner Küste, ein verschwundener Händler und schließlich ein Bericht über eine seltsame Krankheit, die irgendwo fernab der Taverne erstmals aufgetreten sein sollte. 

Der Verfasser schrieb von ungewöhnlichen Beschwerden und einer auffallend schnellen Ausbreitung unter jenen, die mit den Erkrankten in Kontakt gekommen waren. Woher die Krankheit stammte, wusste offenbar niemand. Bareti überflog auch den Rest des Schreibens, fand darin jedoch nichts, das für sie von Bedeutung gewesen wäre und so wanderte das Blatt zur Seite. 

Darauf folgte ein angeblich verfluchter Brunnen. Bareti überflog die Beschreibung und legte auch dieses Blatt beiseite. Brunnen waren erstaunlich häufig verflucht, sobald irgendein Bauer zu viel getrunken hatte und hineingefallen war.
Der nächste Bericht handelte von einer Kreatur, die irgendwo in einem Wald gesehen worden sein sollte. Die Beschreibung wechselte innerhalb weniger Zeilen von einem ungewöhnlich großen Wolf zu etwas, das angeblich auf zwei Beinen gegangen war, und Bareti entschied, dass sie auch ohne die Auflösung dieses Rätsels würde weiterleben können.

Dann kam sie zum Bericht eines Seefahrers. Zunächst deutete wenig darauf hin, dass dieses Blatt länger vor ihr liegen würde als die übrigen. Der Mann berichtete von einer Reise durch weit entfernte Gewässer und von einer Insel, an der sie nicht angelegt hatten. Das Wetter sei schlecht gewesen, die Sicht zeitweise noch schlechter, und eigentlich hatte Bareti bereits damit begonnen, die nächsten Zeilen nur noch zu überfliegen. Erst die Beschreibung dessen, was über der Insel geflogen sein sollte, ließ sie wieder genauer hinsehen.

Ein Drache.

Das allein genügte kaum, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Drachen waren selten und zweifellos beeindruckend, aber weder unbekannt noch etwas, mit dem Bareti sich nicht bereits beschäftigt hatte. Die folgenden Zeilen ließen ihre Finger dennoch auf dem Papier verharren. Der Seefahrer beschrieb die Gestalt als ungewöhnlich blass. Zuerst habe er geglaubt, das Tier lediglich durch Nebel zu sehen. Doch auch dort, wo die Sicht klar gewesen sei, hätten Teile des Körpers beinahe durchsichtig gewirkt. Die Umrisse seien erkennbar geblieben, während Licht und Landschaft dahinter stellenweise durch die gewaltige Gestalt hindurchgeschimmert hätten.

Bareti zog das Blatt ein wenig näher zu sich und las weiter. Zwischen den durchscheinenden Schuppen habe etwas geleuchtet. Der Mann hatte Schwierigkeiten gehabt, die Farbe zu beschreiben. Blau sei es nicht gewesen, Grün ebenfalls nicht. An einer Stelle hatte er schließlich einen Vergleich mit dem hellen Wasser einer südlichen Lagune gezogen: Türkis.

Bareti las das Wort ein zweites Mal und begann anschließend wieder oben auf der Seite. Dieses Mal überflog sie nichts. Die Beobachtung war kurz gewesen. Das Schiff hatte seinen Kurs nicht geändert und niemand an Bord hatte offenbar den Wunsch verspürt, wegen einer ungewöhnlichen Drachensichtung eine unbekannte Insel anzusteuern. Der Verfasser selbst räumte ein, dass Entfernung und Wetter eine Täuschung möglich machten, was zumindest für ihn sprach. Bareti mochte Berichte lieber, deren Verfasser zugaben, wenn sie etwas nicht wussten.

Nachdem sie die letzte Zeile erreicht hatte, blieb das Blatt vor ihr liegen. Ein durchscheinender Drache war ungewöhnlich. Ein türkis schimmernder, durchscheinender Drache war ausgesprochen ungewöhnlich, und dass ausgerechnet diese Farbe ihre Neugier zusätzlich reizte, konnte Bareti schwerlich leugnen. Sie nahm ihren Becher, trank einen Schluck und betrachtete den Bericht noch einmal.

Vielleicht hatte der Mann lediglich Nebel gesehen. Vielleicht war das Licht ungünstig gefallen. Vielleicht existierte die Insel, aber der Drache nicht. Es gab genügend vernünftige Erklärungen, und die Wirtin kannte keinen Grund, weshalb sie ausgerechnet der abenteuerlichsten davon glauben sollte. Nur hatte sie sich dieses Netz aus Geschichten und Gerüchten nicht über all die Zeit aufgebaut, um interessante Gerüchte anschließend zu ignorieren.

Sie legte den Bericht deshalb nicht auf den Stapel mit den erledigten Papieren, sondern zog ein leeres Blatt heran und schrieb einige wenige Zeilen. Die Insel ließ sich anhand der beschriebenen Route zumindest ungefähr eingrenzen. Seeleute, Händler und Kartographen konnten vielleicht mehr wissen. Auch ältere Reiseberichte mochten etwas enthalten, sofern jemand wusste, wonach er suchen sollte. Bareti hielt kurz inne, betrachtete noch einmal die Beschreibung der Farbe und ergänzte schließlich ihre Anfrage.

Gesucht wurden sämtliche Berichte über ungewöhnliche Drachen in jener Region. Alter und Herkunft der Aufzeichnungen spielten keine Rolle. Für glaubhafte Hinweise würde sie bezahlen.

Erst danach legte sie die Feder beiseite. Noch war es nicht mehr als die Geschichte eines Seefahrers, aber genau so hatte alles einmal angefangen: mit Geschichten und mit Baretis Neugier darauf, ob irgendwo zwischen ihnen die Wahrheit lag.