von gelöschter Charakter_434 » 18 Dez 2025, 00:08
Jhea’kryna Ky’Alur stand am Fenster ihres Hauses und ließ den Blick lange, beinahe genüsslich, über die Straße unter sich gleiten, wo sich Stimmen, Schritte und das unruhige Flackern von Fackeln zu einem Bild verdichteten, das weniger Chaos als vielmehr eine rohe, ehrliche Form von Wahrheit darstellte. Denn Krawalle waren nichts anderes als der Moment, in dem Masken fielen und jene, die sonst brav schwiegen, endlich lernten zu schreien. Sie sah, wie sich ihre Dunkelelfen in kontrollierten Bewegungen zurückzogen, nicht hastig, nicht panisch, sondern mit der kalten Disziplin eines Volkes, das seit Generationen wusste, wie man überlebt, während zwischen ihnen und dem aufgebrachten Mob die Flüchtlinge gedrängt wurden, nicht aus Grausamkeit, sondern aus Pragmatismus, denn Schutzschilde aus Fleisch hatten sich schon immer als erstaunlich effektiv erwiesen, wenn Moral plötzlich wichtiger war als Ordnung.
Ein leises, beinahe amüsiertes Atmen entwich ihr, während sie beobachtete, wie die Situation sich verfestigte, und ohne den Blick vom Fenster zu lösen sprach sie den Namen, den man in ihrem Haus nie rufen musste. Er war ohnehin immer dort, wo Schatten sich sammelten. Tath’raen trat lautlos näher, und sie befahl ihm mit ruhiger Stimme, dass die Waffen ausgegeben werden sollten. Nicht versteckt, nicht heimlich, sondern offen und sichtbar, Armbrüste, Säbel, Dolche, Schilde und Kettenhemden, all das, was verfügbar war, solle an ihr Volk verteilt werden, nicht nur an eine Elite, nicht an eine kleine Garde, sondern an jene, die bereit waren, sich selbst zu verteidigen, wenn die Welt ihnen einmal mehr zeigte, dass sie kein Mitleid kannte. Sie fügte hinzu, dass Lyr’sa Tag und Nacht schmieden solle, ohne Unterlass, ohne Ausreden, und dass man ihr alles bereitstellen möge, was sie benötigte.
Tath’raen erhielt zudem den Auftrag, einige der Jaluken, unter ihnen Sarkul, sowie den Faern Maldrak dazu zu bewegen, Wache zu halten, und ihr umgehend zu berichten, sollte isch etwas ereignen.
Als der Sargtlin sich entfernte, blieb Jhea’kryna noch einen Moment stehen, lauschte dem gedämpften Lärm von draußen und spürte dieses vertraute Kribbeln, das sie immer dann befiel, wenn sich die Welt in eine Richtung bewegte, die zwar gefährlich war, ihr aber gleichzeitig Möglichkeiten eröffnete, die andere nicht einmal erkannten.
Schließlich wandte sie sich vom Fenster ab und trat an ihren Schreibtisch, wo Pergament, Tinte und Siegel bereitlagen, Symbole einer anderen Art von Macht, subtiler, aber nicht minder tödlich, denn Worte konnten Reiche stürzen, wenn man sie nur richtig setzte. Während sie sich setzte, dachte sie an die Dreistigkeit, mit der der Adel Velmorras ihr den Mord an dem Grafensohn Leuemund in die Schuhe geschoben hatte.Wie schnell sie reagiert hatten. Wie entschlossen und beinahe elegant sie vorgegangen waren, und sie musste sich eingestehen, dass es etwas Wunderschönes gehabt hatte, diese Klarheit, diese Skrupellosigkeit, dieses kompromisslose Handeln, das so viele für Unmoral hielten, während sie darin lediglich Effizienz sah.
Jhea’kryna liebte den Verrat, weil er ehrlich war, weil er nie vorgab, etwas anderes zu sein als ein Messer im Rücken, doch sie hasste den Verräter. Just so wie es das Sprichwort vorsah.
Es wurmte sie zutiefst, dass sie dieses Mal nicht selbst die Hand geführt hatte, dass man sie benutzt hatte, und schlimmer noch, dass sie sich hatte benutzen lassen, indem sie so bereitwillig in ein Spiel eingetreten war, dessen Regeln andere geschrieben hatten.
Dieser Gedanke nagte an ihr. Dieser verletzte Stolz... Ihr Stolz war das Einzige, was sie sich niemals hatte nehmen lassen, und wer ihn angriff, tat gut daran, den nächsten Zug sehr sorgfältig zu planen, auch wenn er glaubte, bereits gewonnen zu haben.
Doch Jhea’kryna wäre nicht Jhea’kryna, wenn sie aus diesem Umstand nicht einen Vorteil zu ziehen wüsste, und so glitten ihre Gedanken zu Jolanda Pappmacher, der Schreiberin, die sie erst seit einigen wenigen Tagen „in Sicherheit“ gebracht hatte und die nun ihr Gast war. Wenn auch ein streng überwachter, denn Jolanda durfte ihr Gästezimmer nicht verlassen. Es fehlte ihr an nichts. Ganz im Gegenteil, sie war umsorgt, bewirtet und mit einer eigenen Dienerin versehen worden, die langsam am Rande der Verzweiflung stand, weil jede Mahlzeit zu einer Prüfung wurde, bei der der Toast weder zu dunkel noch zu hell sein durfte und die Butter bitte so beschaffen sein sollte, dass sie sich wie von selbst über das Brot verteilte, ein Umstand, der Jhea’kryna jedes Mal ein leises Lachen entlockte, wenn sie davon hörte.
Sie lächelte nun auch, als sie an diese Absurdität dachte, und entschied, dass Jolanda gehen durfte, nicht als Gefangene, nicht als gebrochene Frau, sondern als freie Zeugin, die etwas gesehen hatte, das andere lieber verborgen hielten. Sie würde ihr einen Brief mitgeben, sauber formuliert, ohne Flehen und ohne Rechtfertigung, in dem sie erklärte, dass sie selbst mit dem Mord an Leuemund nichts zu tun gehabt habe, dass sie Jolanda Schutz gewährt habe, weil es richtig gewesen sei, und dass sie nun erwarte, dass diese Wahrheit auch außerhalb ihrer Mauern Gehör finde, selbst wenn man sie dort nicht hören wollte.
Während sie begann, die Feder in die Tinte zu tauchen, formten sich die Sätze bereits in ihrem Kopf, verschachtelt, präzise und voller jener kleinen Andeutungen, die mehr sagten als jede offene Anschuldigung, und sie dachte daran, wie der Adel reagieren würde, wenn Jolanda auftauchte, lebend, wohlauf und mit Worten im Gepäck, die nicht ins gewünschte Narrativ passten. Vielleicht würde man sie ignorieren, vielleicht diskreditieren, vielleicht würde man sie als naive Schreiberin abtun, doch selbst dann wäre ein Samen gesät, und Jhea’kryna wusste nur zu gut, wie gefährlich Samen sein konnten, wenn sie erst einmal Wurzeln schlugen.
Draußen ebbte der Lärm langsam ab, nicht weil die Spannungen verschwunden waren, sondern weil sie sich neu sortierten, und Jhea’kryna schrieb weiter, ruhig und konzentriert, während sie innerlich bereits die nächsten Schritte plante, die Briefe, die noch folgen würden, die Gespräche, die sie führen musste, und die Wahrheiten, die sie je nach Empfänger anders färben würde, denn Wahrheit war kein fester Zustand, sondern ein Werkzeug, und sie verstand es meisterhaft, dieses Werkzeug zu führen, auch wenn man ihr gerade erst gezeigt hatte, wie scharf es sein konnte, wenn es gegen sie selbst gerichtet wurde.
Als sie schließlich innehielt und die Feder beiseitelegte, war ihr Lächeln verschwunden, ersetzt durch jene ruhige, gefährliche Gelassenheit, die sie immer dann ausstrahlte, wenn andere glaubten, sie in die Enge getrieben zu haben, und sie wusste, dass dieser Mord, dieser Verrat, diese öffentliche Schuldzuweisung nicht das Ende war, sondern der Anfang eines Spiels, das nun endlich interessant wurde, auch wenn sie sich insgeheim eingestand, dass sie es beim nächsten Mal besser machen würde, sehr viel besser, denn benutzt zu werden war eine Lehre, die sie sich nur ein einziges Mal erlaubte.
Jhea’kryna Ky’Alur stand am Fenster ihres Hauses und ließ den Blick lange, beinahe genüsslich, über die Straße unter sich gleiten, wo sich Stimmen, Schritte und das unruhige Flackern von Fackeln zu einem Bild verdichteten, das weniger Chaos als vielmehr eine rohe, ehrliche Form von Wahrheit darstellte. Denn Krawalle waren nichts anderes als der Moment, in dem Masken fielen und jene, die sonst brav schwiegen, endlich lernten zu schreien. Sie sah, wie sich ihre Dunkelelfen in kontrollierten Bewegungen zurückzogen, nicht hastig, nicht panisch, sondern mit der kalten Disziplin eines Volkes, das seit Generationen wusste, wie man überlebt, während zwischen ihnen und dem aufgebrachten Mob die Flüchtlinge gedrängt wurden, nicht aus Grausamkeit, sondern aus Pragmatismus, denn Schutzschilde aus Fleisch hatten sich schon immer als erstaunlich effektiv erwiesen, wenn Moral plötzlich wichtiger war als Ordnung.
Ein leises, beinahe amüsiertes Atmen entwich ihr, während sie beobachtete, wie die Situation sich verfestigte, und ohne den Blick vom Fenster zu lösen sprach sie den Namen, den man in ihrem Haus nie rufen musste. Er war ohnehin immer dort, wo Schatten sich sammelten. Tath’raen trat lautlos näher, und sie befahl ihm mit ruhiger Stimme, dass die Waffen ausgegeben werden sollten. Nicht versteckt, nicht heimlich, sondern offen und sichtbar, Armbrüste, Säbel, Dolche, Schilde und Kettenhemden, all das, was verfügbar war, solle an ihr Volk verteilt werden, nicht nur an eine Elite, nicht an eine kleine Garde, sondern an jene, die bereit waren, sich selbst zu verteidigen, wenn die Welt ihnen einmal mehr zeigte, dass sie kein Mitleid kannte. Sie fügte hinzu, dass Lyr’sa Tag und Nacht schmieden solle, ohne Unterlass, ohne Ausreden, und dass man ihr alles bereitstellen möge, was sie benötigte.
Tath’raen erhielt zudem den Auftrag, einige der Jaluken, unter ihnen Sarkul, sowie den Faern Maldrak dazu zu bewegen, Wache zu halten, und ihr umgehend zu berichten, sollte isch etwas ereignen.
Als der Sargtlin sich entfernte, blieb Jhea’kryna noch einen Moment stehen, lauschte dem gedämpften Lärm von draußen und spürte dieses vertraute Kribbeln, das sie immer dann befiel, wenn sich die Welt in eine Richtung bewegte, die zwar gefährlich war, ihr aber gleichzeitig Möglichkeiten eröffnete, die andere nicht einmal erkannten.
Schließlich wandte sie sich vom Fenster ab und trat an ihren Schreibtisch, wo Pergament, Tinte und Siegel bereitlagen, Symbole einer anderen Art von Macht, subtiler, aber nicht minder tödlich, denn Worte konnten Reiche stürzen, wenn man sie nur richtig setzte. Während sie sich setzte, dachte sie an die Dreistigkeit, mit der der Adel Velmorras ihr den Mord an dem Grafensohn Leuemund in die Schuhe geschoben hatte.Wie schnell sie reagiert hatten. Wie entschlossen und beinahe elegant sie vorgegangen waren, und sie musste sich eingestehen, dass es etwas Wunderschönes gehabt hatte, diese Klarheit, diese Skrupellosigkeit, dieses kompromisslose Handeln, das so viele für Unmoral hielten, während sie darin lediglich Effizienz sah.
Jhea’kryna liebte den Verrat, weil er ehrlich war, weil er nie vorgab, etwas anderes zu sein als ein Messer im Rücken, doch sie hasste den Verräter. Just so wie es das Sprichwort vorsah.
Es wurmte sie zutiefst, dass sie dieses Mal nicht selbst die Hand geführt hatte, dass man sie benutzt hatte, und schlimmer noch, dass sie sich hatte benutzen lassen, indem sie so bereitwillig in ein Spiel eingetreten war, dessen Regeln andere geschrieben hatten.
Dieser Gedanke nagte an ihr. Dieser verletzte Stolz... Ihr Stolz war das Einzige, was sie sich niemals hatte nehmen lassen, und wer ihn angriff, tat gut daran, den nächsten Zug sehr sorgfältig zu planen, auch wenn er glaubte, bereits gewonnen zu haben.
Doch Jhea’kryna wäre nicht Jhea’kryna, wenn sie aus diesem Umstand nicht einen Vorteil zu ziehen wüsste, und so glitten ihre Gedanken zu Jolanda Pappmacher, der Schreiberin, die sie erst seit einigen wenigen Tagen „in Sicherheit“ gebracht hatte und die nun ihr Gast war. Wenn auch ein streng überwachter, denn Jolanda durfte ihr Gästezimmer nicht verlassen. Es fehlte ihr an nichts. Ganz im Gegenteil, sie war umsorgt, bewirtet und mit einer eigenen Dienerin versehen worden, die langsam am Rande der Verzweiflung stand, weil jede Mahlzeit zu einer Prüfung wurde, bei der der Toast weder zu dunkel noch zu hell sein durfte und die Butter bitte so beschaffen sein sollte, dass sie sich wie von selbst über das Brot verteilte, ein Umstand, der Jhea’kryna jedes Mal ein leises Lachen entlockte, wenn sie davon hörte.
Sie lächelte nun auch, als sie an diese Absurdität dachte, und entschied, dass Jolanda gehen durfte, nicht als Gefangene, nicht als gebrochene Frau, sondern als freie Zeugin, die etwas gesehen hatte, das andere lieber verborgen hielten. Sie würde ihr einen Brief mitgeben, sauber formuliert, ohne Flehen und ohne Rechtfertigung, in dem sie erklärte, dass sie selbst mit dem Mord an Leuemund nichts zu tun gehabt habe, dass sie Jolanda Schutz gewährt habe, weil es richtig gewesen sei, und dass sie nun erwarte, dass diese Wahrheit auch außerhalb ihrer Mauern Gehör finde, selbst wenn man sie dort nicht hören wollte.
Während sie begann, die Feder in die Tinte zu tauchen, formten sich die Sätze bereits in ihrem Kopf, verschachtelt, präzise und voller jener kleinen Andeutungen, die mehr sagten als jede offene Anschuldigung, und sie dachte daran, wie der Adel reagieren würde, wenn Jolanda auftauchte, lebend, wohlauf und mit Worten im Gepäck, die nicht ins gewünschte Narrativ passten. Vielleicht würde man sie ignorieren, vielleicht diskreditieren, vielleicht würde man sie als naive Schreiberin abtun, doch selbst dann wäre ein Samen gesät, und Jhea’kryna wusste nur zu gut, wie gefährlich Samen sein konnten, wenn sie erst einmal Wurzeln schlugen.
Draußen ebbte der Lärm langsam ab, nicht weil die Spannungen verschwunden waren, sondern weil sie sich neu sortierten, und Jhea’kryna schrieb weiter, ruhig und konzentriert, während sie innerlich bereits die nächsten Schritte plante, die Briefe, die noch folgen würden, die Gespräche, die sie führen musste, und die Wahrheiten, die sie je nach Empfänger anders färben würde, denn Wahrheit war kein fester Zustand, sondern ein Werkzeug, und sie verstand es meisterhaft, dieses Werkzeug zu führen, auch wenn man ihr gerade erst gezeigt hatte, wie scharf es sein konnte, wenn es gegen sie selbst gerichtet wurde.
Als sie schließlich innehielt und die Feder beiseitelegte, war ihr Lächeln verschwunden, ersetzt durch jene ruhige, gefährliche Gelassenheit, die sie immer dann ausstrahlte, wenn andere glaubten, sie in die Enge getrieben zu haben, und sie wusste, dass dieser Mord, dieser Verrat, diese öffentliche Schuldzuweisung nicht das Ende war, sondern der Anfang eines Spiels, das nun endlich interessant wurde, auch wenn sie sich insgeheim eingestand, dass sie es beim nächsten Mal besser machen würde, sehr viel besser, denn benutzt zu werden war eine Lehre, die sie sich nur ein einziges Mal erlaubte.