von Coragor » 06 Aug 2026, 22:13
Seit seiner Rückkehr von der Prüfung am alten Schrein war Coragor stiller geworden. Nicht schweigsamer - Schweigen gehörte ohnehin zu den Untoten -, sondern auf eine Weise, die selbst seinen Waffenbrüdern auffiel. Während andere ihre Klingen pflegten oder in den Hallen des Ordens ihre Übungen wiederholten, blieb Coragor oft vor den alten Zeichen stehen, die in Stein und Metall geritzt waren. Er hatte gelernt, einen Befehl von einem Eid zu unterscheiden. Er hatte gelernt, dass Disziplin mehr verlangte als Gehorsam. Und dennoch nagte eine Frage an ihm, die kein Schwertmeister beantworten konnte.
Er hatte den Weg eines Ritters beschritten. Doch ein Paladin war mehr als ein Ritter. Das hatten ihm die Ältesten nun unmissverständlich erklärt. Ein Paladin trug seinen Glauben nicht wie ein Abzeichen auf der Rüstung. Sein Glaube war die Quelle dessen, was ihn von einem gewöhnlichen Krieger unterschied. Wo der Ritter aus eigener Kraft stand, sollte der Paladin zum Gefäß einer Macht werden, die größer war als er selbst.
Coragor empfand bei diesem Gedanken etwas, das er lange nicht mehr gespürt hatte: Widerstand. Nicht gegen die Finsternis. Nicht gegen den Tod. Sondern gegen das Wort Hingabe. Zu deutlich waren die Erinnerungen an die Zeit, in der ein fremder Wille seine Knochen bewegt hatte. Damals hatte es kein Fragen gegeben. Kein Wollen. Kein Ich. Der Nekromant hatte befohlen, und Coragor hatte gehorcht. Sollte sein Weg nun tatsächlich darin enden, erneut vor einer höheren Macht niederzuknien?
Sein Mentor führte ihn schließlich tiefer in die unterirdischen Hallen, dorthin, wo die Geschichte der Skelette nicht in Büchern, sondern in Mauern bewahrt wurde. Er erzählte von den Drei Großen - Westen, Norden und Süden - und vom uralten Auftrag, der ihre Diener durch die Zeitalter getragen hatte. Und er sprach vom Lichelord: dem Erschaffer und Meister der Skelette, dem Gesandten der Drei, dessen Geist selbst nach dem Verlust seiner alten Gestalt fortbestand.
Coragor hörte zu, ohne zu unterbrechen. Zum ersten Mal betrachtete er seine eigene Existenz nicht nur als Ergebnis nekromantischer Gewalt. Hinter seiner Art stand eine Geschichte. Eine Ordnung. Ein Wille, der älter war als der Nekromant, der ihn einst geknechtet hatte. Doch Wissen war noch kein Glaube.
'Du suchst Gewissheit', sagte sein Mentor. Coragor wandte den leeren Blick zu ihm. 'Ich suche einen Grund.' - 'Für den Glauben?' - 'Für das Knien.' Der Ritter schwieg lange. Dann antwortete er: 'Dann kann ich dir nicht helfen. Niemand kann dir diesen Grund geben. Wenn ein anderer ihn dir befiehlt, ist es kein Glaube.'
Diese Worte begleiteten Coragor auf dem Weg zum Tempel des Todes. Je tiefer er hinabstieg, desto schwerer schien die Luft zu werden. Alte Säulen verschwanden in der Dunkelheit. Schädel und zerbrochene Waffen lagen in Nischen, nicht als Schmuck, sondern als Zeugnisse jener, die vor ihm gedient hatten. Schließlich öffnete sich die Halle, in deren Mitte der Kristall ruhte.
Coragor blieb stehen. Er hatte von ihm gehört. Vom Geist des Lichelords, der an diesen Ort gebunden war. Von seiner Fähigkeit, die Gläubigen zu erreichen, sie zu stärken und durch sie zu wirken. Nun stand Coragor vor jenem Wesen, dessen Name seit seiner Erweckung über seiner gesamten Art gelegen hatte.
Nichts geschah. Kein Donner. Keine Stimme. Keine Flamme. Nur das matte Licht des Kristalls lag auf seinen Knochen. Coragor wartete. Minuten wurden zu Stunden. Schließlich sank er auf ein Knie. Seine Hand ruhte auf dem Knauf seines Schwertes.
'Lichelord', sprach er in die Stille. Das Wort klang fremd. 'Erschaffer. Meister. Gesandter der Drei.' Wieder keine Antwort. Coragor senkte den Schädel. 'Ich bin nicht gekommen, um Macht zu verlangen. Ich bin gekommen, weil andere sagen, dass ich Euch dienen soll. Das genügt mir nicht.'
Er erwartete beinahe, für diese Worte vernichtet zu werden. Doch die Halle blieb still. Also sprach er weiter. 'Ich habe bereits einem Meister gedient, ohne ihn gewählt zu haben. Meine Knochen bewegten sich nach seinem Willen. Meine Klinge tötete, weil er es befahl. Wenn ich Euch dienen soll, dann darf es nicht dasselbe sein.'
Ein kaum wahrnehmbares Flackern lief durch den Kristall. Coragor hob den Kopf. Vielleicht war es nur ein Spiel des Lichtes. Vielleicht auch nicht.
'Ich weiß noch nicht, ob ich glaube', sagte er. 'Aber ich will verstehen.'
Da bewegte sich etwas in der Dunkelheit. Kein Körper trat aus dem Kristall, keine Gestalt erschien. Doch für einen einzigen Augenblick fühlte Coragor eine fremde Gegenwart. Gewaltig, alt und kalt. Sie drängte ihn nicht zu Boden. Sie zwang ihn nicht. Sie war einfach da.
Und in Coragors Geist entstand ein Gedanke, der nicht der seine war: Ein willenloser Diener kann gehorchen. Nur ein Wesen mit eigenem Willen kann glauben.
Coragor blieb noch lange vor dem Kristall knien. Als er sich schließlich erhob, besaß er keine Antworten. Aber zum ersten Mal wusste er, dass seine Fragen gehört worden waren.
Seit seiner Rückkehr von der Prüfung am alten Schrein war Coragor stiller geworden. Nicht schweigsamer - Schweigen gehörte ohnehin zu den Untoten -, sondern auf eine Weise, die selbst seinen Waffenbrüdern auffiel. Während andere ihre Klingen pflegten oder in den Hallen des Ordens ihre Übungen wiederholten, blieb Coragor oft vor den alten Zeichen stehen, die in Stein und Metall geritzt waren. Er hatte gelernt, einen Befehl von einem Eid zu unterscheiden. Er hatte gelernt, dass Disziplin mehr verlangte als Gehorsam. Und dennoch nagte eine Frage an ihm, die kein Schwertmeister beantworten konnte.
Er hatte den Weg eines Ritters beschritten. Doch ein Paladin war mehr als ein Ritter. Das hatten ihm die Ältesten nun unmissverständlich erklärt. Ein Paladin trug seinen Glauben nicht wie ein Abzeichen auf der Rüstung. Sein Glaube war die Quelle dessen, was ihn von einem gewöhnlichen Krieger unterschied. Wo der Ritter aus eigener Kraft stand, sollte der Paladin zum Gefäß einer Macht werden, die größer war als er selbst.
Coragor empfand bei diesem Gedanken etwas, das er lange nicht mehr gespürt hatte: Widerstand. Nicht gegen die Finsternis. Nicht gegen den Tod. Sondern gegen das Wort Hingabe. Zu deutlich waren die Erinnerungen an die Zeit, in der ein fremder Wille seine Knochen bewegt hatte. Damals hatte es kein Fragen gegeben. Kein Wollen. Kein Ich. Der Nekromant hatte befohlen, und Coragor hatte gehorcht. Sollte sein Weg nun tatsächlich darin enden, erneut vor einer höheren Macht niederzuknien?
Sein Mentor führte ihn schließlich tiefer in die unterirdischen Hallen, dorthin, wo die Geschichte der Skelette nicht in Büchern, sondern in Mauern bewahrt wurde. Er erzählte von den Drei Großen - Westen, Norden und Süden - und vom uralten Auftrag, der ihre Diener durch die Zeitalter getragen hatte. Und er sprach vom Lichelord: dem Erschaffer und Meister der Skelette, dem Gesandten der Drei, dessen Geist selbst nach dem Verlust seiner alten Gestalt fortbestand.
Coragor hörte zu, ohne zu unterbrechen. Zum ersten Mal betrachtete er seine eigene Existenz nicht nur als Ergebnis nekromantischer Gewalt. Hinter seiner Art stand eine Geschichte. Eine Ordnung. Ein Wille, der älter war als der Nekromant, der ihn einst geknechtet hatte. Doch Wissen war noch kein Glaube.
'Du suchst Gewissheit', sagte sein Mentor. Coragor wandte den leeren Blick zu ihm. 'Ich suche einen Grund.' - 'Für den Glauben?' - 'Für das Knien.' Der Ritter schwieg lange. Dann antwortete er: 'Dann kann ich dir nicht helfen. Niemand kann dir diesen Grund geben. Wenn ein anderer ihn dir befiehlt, ist es kein Glaube.'
Diese Worte begleiteten Coragor auf dem Weg zum Tempel des Todes. Je tiefer er hinabstieg, desto schwerer schien die Luft zu werden. Alte Säulen verschwanden in der Dunkelheit. Schädel und zerbrochene Waffen lagen in Nischen, nicht als Schmuck, sondern als Zeugnisse jener, die vor ihm gedient hatten. Schließlich öffnete sich die Halle, in deren Mitte der Kristall ruhte.
Coragor blieb stehen. Er hatte von ihm gehört. Vom Geist des Lichelords, der an diesen Ort gebunden war. Von seiner Fähigkeit, die Gläubigen zu erreichen, sie zu stärken und durch sie zu wirken. Nun stand Coragor vor jenem Wesen, dessen Name seit seiner Erweckung über seiner gesamten Art gelegen hatte.
Nichts geschah. Kein Donner. Keine Stimme. Keine Flamme. Nur das matte Licht des Kristalls lag auf seinen Knochen. Coragor wartete. Minuten wurden zu Stunden. Schließlich sank er auf ein Knie. Seine Hand ruhte auf dem Knauf seines Schwertes.
'Lichelord', sprach er in die Stille. Das Wort klang fremd. 'Erschaffer. Meister. Gesandter der Drei.' Wieder keine Antwort. Coragor senkte den Schädel. 'Ich bin nicht gekommen, um Macht zu verlangen. Ich bin gekommen, weil andere sagen, dass ich Euch dienen soll. Das genügt mir nicht.'
Er erwartete beinahe, für diese Worte vernichtet zu werden. Doch die Halle blieb still. Also sprach er weiter. 'Ich habe bereits einem Meister gedient, ohne ihn gewählt zu haben. Meine Knochen bewegten sich nach seinem Willen. Meine Klinge tötete, weil er es befahl. Wenn ich Euch dienen soll, dann darf es nicht dasselbe sein.'
Ein kaum wahrnehmbares Flackern lief durch den Kristall. Coragor hob den Kopf. Vielleicht war es nur ein Spiel des Lichtes. Vielleicht auch nicht.
'Ich weiß noch nicht, ob ich glaube', sagte er. 'Aber ich will verstehen.'
Da bewegte sich etwas in der Dunkelheit. Kein Körper trat aus dem Kristall, keine Gestalt erschien. Doch für einen einzigen Augenblick fühlte Coragor eine fremde Gegenwart. Gewaltig, alt und kalt. Sie drängte ihn nicht zu Boden. Sie zwang ihn nicht. Sie war einfach da.
Und in Coragors Geist entstand ein Gedanke, der nicht der seine war: Ein willenloser Diener kann gehorchen. Nur ein Wesen mit eigenem Willen kann glauben.
Coragor blieb noch lange vor dem Kristall knien. Als er sich schließlich erhob, besaß er keine Antworten. Aber zum ersten Mal wusste er, dass seine Fragen gehört worden waren.