von Maranos van Ascheberg » 26 Sep 2026, 02:36
Der Ring lag noch immer in seiner Hand.
Maranos saß vor dem alten Kamin, den Rücken gegen den kalten Stein gelehnt, und drehte das schlichte Stück Metall langsam zwischen Daumen und Zeigefinger. Draußen fiel fahles Morgenlicht durch die blinden Fenster des Anwesens und zeichnete helle Streifen in den Staub. Es war so still, dass er das leise Knacken im alten Gebälk hören konnte.
Eigentlich hatte er nur kommen wollen, um nachzusehen, ob das Versteck noch existierte. Mehr nicht. So zumindest hatte er es sich eingeredet. Doch nun saß er dort, den Ring in der Hand, und mit einem Mal schien die Distanz zwischen heute und damals fast verschwunden zu sein.
Er sah nicht länger die Ruine. Er sah das Haus, wie es einmal gewesen war: den gepflegten Hof, die Fenster, in denen abends Licht brannte, und die Diener, die geschäftig kamen und gingen. Er sah den Garten, über den er sich viel zu oft beschwert hatte, weil Elly dort Dinge pflanzte, die seiner Meinung nach an vollkommen anderen Stellen hätten wachsen sollen.
Und dann sah er sich selbst. Jünger. Sehr viel jünger.
Zu jener Zeit war Maranos noch Studioso an der Academia Ars Magica gewesen. Er war ehrgeizig, wissbegierig und besaß jene unangenehme Art von Selbstsicherheit, die nur junge Männer haben, die bereits wissen, dass sie begabt sind. Seine Brüder hatten ihm früh den Weg zu den Nok’Tau gezeigt; sie waren Malion längst tiefer ergeben als er selbst. Maranos war ihnen gefolgt – zunächst weniger aus Überzeugung als aus Loyalität. Es war Familie. Was seine Brüder taten, nahm er ernst; was sie glaubten, stellte er nicht offen infrage. Er besuchte die Zusammenkünfte, lernte die Gebete und hörte den Lehren zu.
Doch damals war Malion noch nicht das Zentrum seiner Welt. Wenn eine Versammlung endete, legte Maranos seine Robe ab, schob die Gedanken an den Orden beiseite und kehrte an die Akademie zurück. Dort stritt er mit Lehrmeistern über Zaubertheorie, verbrachte Nächte über alten Büchern und erklärte anderen Studenten ungefragt, warum ihre Herangehensweise falsch war. Er war damals schon schwierig – nur auf eine andere Art.
Und dann kam dieses Hafenfest. Rückblickend konnte er nicht einmal mehr sagen, weshalb er überhaupt hingegangen war. Wahrscheinlich hatte ihn ein Mitstudent überredet, mit dem Argument, ein Mann seines Alters müsse gelegentlich unter Menschen. Maranos hatte entgegnet, dass er täglich von Menschen umgeben sei.
„Bücher zählen nicht“, hatte sein Begleiter geantwortet.
„Das war auch nicht meine Behauptung.“
„Du weißt genau, was ich meine.“
„Leider.“
Trotzdem war er mitgegangen. Der Hafen war an diesem Abend überfüllt. Händler hatten Stände aufgebaut, irgendwo spielte eine kleine Gruppe Musik, und die Luft roch nach Salzwasser, Rauch, gebratenem Fisch und zu viel Wein. Maranos hatte sich kaum zehn Minuten dort aufgehalten, als er mit jemandem zusammenstieß. Eine kleine Holzkiste rutschte beinahe zu Boden, doch Maranos fing sie reflexartig auf.
„Kannst du nicht aufpassen?“, fragte eine Stimme.
Er sah auf. Vor ihm stand eine junge Frau mit windzerzaustem Haar und einem Ausdruck, als wäre es selbstverständlich, dass er schuld war. Maranos hielt ihr die Kiste hin. „Du bist in mich hineingelaufen.“
Sie nahm die Kiste zurück. „Das behauptest du.“
„Weil es passiert ist.“
Die Frau musterte ihn einen Moment lang. „Du klingst wie jemand, der immer recht haben muss.“
„Ich habe häufig recht.“
„Das beantwortet meine Frage.“
„Du hast keine Frage gestellt.“
Für einen Moment starrten sie sich an, dann grinste sie. „Du bist anstrengend.“
Maranos hob eine Augenbraue. „Wir kennen uns seit ungefähr einer halben Minute.“
„Und trotzdem bin ich mir bereits sicher.“ Damit ging sie an ihm vorbei.
Maranos blieb stehen und starrte ihr hinterher. Sein Begleiter trat neben ihn und lachte. „Die gefällt dir.“
„Unsinn.“
„Du starrst ihr hinterher.“
„Ich überlege lediglich, weshalb manche Menschen glauben, Unhöflichkeit sei Persönlichkeit.“
Später am Abend fand er sie wieder. Sie saß auf einer Kaimauer, einen Becher Wein neben sich, die Beine über dem Wasser baumeln lassend. Der Wind hatte zugenommen und drückte die Geräusche des Festes vom Hafen weg. Maranos blieb neben ihr stehen.
„Du schon wieder“, sagte sie und sah zu ihm hoch.
„Offensichtlich.“
„Hast du diesmal wenigstens einen Grund?“
Maranos überlegte kurz, zog dann ein Stück dünne Schnur aus seiner Tasche und hielt es ihr hin. „Du hast das verloren.“
Sie betrachtete die Schnur, dann ihn. „Die gehört mir nicht.“
„Ich weiß.“
Sie blinzelte. „War das gerade wirklich dein Versuch, ein Gespräch anzufangen?“
Maranos setzte sich neben sie. „Es hat funktioniert.“
Sie musste lachen. „Das ist fast traurig.“
„Fast reicht.“
Sie reichte ihm ihren Becher. „Elly.“
„Maranos.“
„Das klingt nach einem Namen für jemanden, der in großen Häusern lebt.“
„Tue ich.“
„Natürlich.“
„Und Elly klingt nach jemandem, der fremde Leute anrempelt.“
„Auch richtig.“
So begann es. Ohne Prophezeiung, ohne Zeichen, ohne Malion. Einfach mit einem schlechten Gesprächsversuch an einem Hafen.
Elly fuhr zur See. Nicht als Kapitänin oder Besitzerin eines Schiffes, sondern als Matrosin auf Handelsschiffen. Sie kannte Häfen, Strömungen, zwielichtige Wirte, gefährliche Routen und vermutlich mehr Flüche als die Hälfte der Männer, mit denen sie segelte. Sie kam aus einfachen Verhältnissen; Maranos hingegen aus einer angesehenen Familie. Anfangs fand Elly das eher amüsant als beeindruckend.
Als er sie zum ersten Mal auf das Familienanwesen brachte, stand sie in der großen Eingangshalle und ließ den Blick über die hohen Wände, den Steinboden und die breite Treppe gleiten. Maranos wartete gespannt auf ihre Reaktion. Elly nickte langsam.
„Groß.“
„Das ist alles?“
„Was soll ich sagen?“
„Ich weiß nicht.“
Sie sah noch einmal herum. „Viel zu putzen.“
Maranos starrte sie an, doch Elly grinste nur. Dann zog sie ihre nassen Stiefel aus und stellte sie mitten in die Halle. Maranos sah auf die Wasserflecken, dann auf sie.
„Du machst das absichtlich.“
„Was?“
„Genau das.“
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst.“
Sie ging weiter, und Maranos musste lachen. Vielleicht hatte er sie genau deshalb so schnell geliebt. Elly machte sich nichts aus seinem Namen, seinem Stand oder den Erwartungen seiner Familie. Sie sprach mit ihm nicht anders als mit irgendeinem Matrosen am Hafen. Wenn er arrogant wurde, sagte sie es ihm. Wenn er zu viel arbeitete, nahm sie ihm ein Buch aus der Hand. Wenn er glaubte, einen Streit gewonnen zu haben, stellte sie einfach fest, dass er sich das gern einreden könne.
Seine Brüder beobachteten diese Beziehung sehr genau. Elly war ihnen fremd; sie gehörte nicht zum Orden, hatte keinen politischen Nutzen und keine Familie, die man für Bündnisse hätte nutzen können. Maranos wusste, dass sie beobachtet wurde, und Elly wusste es ebenfalls.
Eines Abends saßen sie gemeinsam auf der niedrigen Mauer hinter dem Anwesen. „Deine Brüder glauben immer noch, ich bemerke es nicht“, sagte sie.
„Sie beobachten jeden“, entgegnete Maranos.
„Mich besonders.“
„Ja.“
„Warum?“
Maranos zuckte mit den Schultern. „Du bist unberechenbar.“
Elly sah ihn empört an. „Ich? Ich bin eine ausgesprochen vernünftige Frau!“
„Du hast gestern einen unserer Stallknechte überredet, mit dir auf einem Fass den Hügel hinunterzufahren.“
„Er wollte das.“
„Er hat sich den Arm verstaucht.“
„Das war mangelndes Talent.“
Maranos schüttelte den Kopf, woraufhin Elly sich an seine Schulter lehnte. „Sie glauben, ich könnte dich vom Orden wegziehen.“
Nun wurde Maranos ernster. „Das wirst du nicht.“
„Ich weiß. Du hast mich nie darum gebeten.“
„Warum sollte ich?“
Elly zuckte die Schultern. „Du hast deinen Glauben. Ich muss ihn nicht verstehen.“
„Malion ist mehr als nur irgendein Glaube.“
„Für dich vielleicht.“
Bevor Maranos antworten konnte, legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Ich sage nicht, dass er dir nichts bedeutet. Ich sage nur, dass er dir gehört.“ Dann grinste sie. „Ich heirate schließlich dich und nicht deinen Gott.“
Maranos verschluckte sich beinahe am Wein. Elly lachte so laut, dass einer der Diener vom Hof herüberblickte.
Wenige Monate später heirateten sie. Seine Brüder duldeten die Verbindung – mehr konnte man kaum erwarten. Elly verlangte nie, dass Maranos sich zwischen ihr und dem Orden entschied, und vielleicht war das der Grund, weshalb beides so lange nebeneinander bestehen konnte.
Tagsüber studierte und arbeitete Maranos. Er wurde besser – sehr viel besser. Aus dem jungen Studioso wurde ein vollwertiger Magier, und aus einem guten Magier wurde jemand, über den man an der Akademie sprach. Vor allem seine Beherrschung des Feuers entwickelte sich ungewöhnlich schnell. Maranos interessierte sich weniger für die Ästhetik der Magie als für ihre Wirkung. Wo andere eine Flamme erschufen, wollte er wissen, wie heiß sie werden konnte; wo andere eine Feuerwand erzeugten, fragte er sich, ob man die Hitze dahinter kontrollieren konnte. Seine Lehrer lobten sein Verständnis, kritisierten jedoch seine mangelnde Geduld.
Innerhalb der Nok’Tau fiel er ebenfalls auf – zunächst wegen seines Wissens, später wegen seiner Härte. Die ersten echten Kämpfe veränderten ihn stetig. Maranos lernte, dass Theorie und Schlachtfeld zwei vollkommen verschiedene Dinge waren. Ein Lehrmeister wartete, bis man den Zauber vorbereitet hatte; ein Gegner tat das nicht. Maranos passte sich an. Vielleicht zu schnell.
Wenn gekämpft wurde, war er erbarmungslos. Er suchte nicht nach ruhmreichen Duellen, er wollte den Sieg. Wer gegen die Nok’Tau stand, war ein Feind, und wer seine Männer angriff, sollte keinen zweiten Versuch erhalten. Seine Brüder sahen, wie sich etwas in ihm entwickelte, das ihnen gefiel.
Elly sah es ebenfalls, nur anders. Es gab Abende, an denen Maranos spät nach Hause kehrte. Seine Kleidung roch nach Rauch, manchmal klebte Blut daran – nicht immer sein eigenes. Einmal kam er nach Mitternacht durch die Tür, während Elly noch in der Küche saß.
„Du bist spät“, stellte sie fest.
„Das ist eine beeindruckende Beobachtung.“
„Und du bist schlecht gelaunt.“
„Noch eine.“
Sie deutete mit dem Kinn auf seine Stiefel. „Aus.“
„Elly…“
„Du bringst den halben Weg hier hinein.“
„Ich bin gerade von einem Kampf zurückgekommen. Mehrere Männer sind heute gestorben.“
„Das tut mir leid.“
„Und du redest über meine Stiefel!“
Elly stand auf. „Weil du sonst die ganze Nacht herumläufst, als wärst du noch dort.“
Maranos schwieg. Sie kam zu ihm und sagte ruhig: „Zieh sie aus.“
Er tat es. Elly nahm seinen Mantel und bemerkte einen dunklen Fleck an seiner Seite. „Dein Blut?“
„Teilweise.“
„Setz dich.“
„Es ist nichts.“
„Maranos.“
Er setzte sich. Elly holte Wasser und Verbandszeug. Während sie die Verletzung reinigte, herrschte Schweigen. Nach einer Weile fragte sie: „War es schlimm?“
„Ja.“
„Willst du darüber sprechen?“
Maranos sah sie an. „Nein.“
„Gut.“
Sie verband seine Seite und stellte ihm Essen auf den Tisch. Keine Fragen, keine Predigt. Nur das Essen. Maranos sah auf den Teller, dann zu ihr. „Warum bist du noch wach?“
Elly setzte sich ihm gegenüber. „Weil du noch nicht zuhause warst.“
Es waren solche Augenblicke, die er später am meisten vermissen würde.
Die Welt draußen wurde dunkler, und Maranos’ Glaube an Malion wuchs. Er sah nun, was Furcht bewirkte – bei Feinden, bei Soldaten, bei ganzen Heeren. Er erkannte, dass ein Gegner, der Angst hatte, Fehler machte und dass Unsicherheit häufig stärker wirkte als physischer Schmerz. Er wurde meisterhaft darin. Auf dem Schlachtfeld war Maranos kein freundlicher Mann; seine Magie war hart und präzise. Er verbrannte Fluchtwege, trieb Gegner auseinander und konnte grausam werden, wenn es notwendig war, um andere zur Kapitulation zu zwingen. Seine Kameraden respektierten ihn, einige fürchteten ihn. Seine Brüder sahen in ihm nicht mehr den kleinen Bruder, sondern einen gleichwertigen Mann des Ordens.
Und trotzdem kam er immer nach Hause. Er kümmerte sich um das Anwesen, als hätte es mit seinem anderen Leben nichts zu tun. Er prüfte Rechnungen, stritt mit Handwerkern und wusste genau, welcher Teil des Daches repariert werden musste. Elly machte sich darüber lustig.
„Du hast heute Morgen einen Mann angeschrien, weil drei Dachziegel falsch lagen“, spottete sie.
„Sie lagen falsch.“
„Drei!“
„Heute drei. In zehn Jahren dreißig.“
„Du klingst wie ein alter Mann.“
„Ich bin jünger als du.“
Woran Elly erinnerte, indem sie ihm ein Tuch ins Gesicht warf.
Am Abend saßen sie oft am Kamin. Elly erzählte von ihren Reisen, von schlechtem Bier in teuren Häfen und von exzentrischen Kapitänen. Maranos erzählte ihr von der Akademie und manchmal vom Orden, nie jedoch von allem. Einmal beobachtete sie ihn lange Zeit, während er in einem Buch blätterte.
„Du wirst anders“, sagte sie.
„Wir alle werden älter.“
„Das meine ich nicht. Du kommst manchmal heim und bist noch Stunden später dort.“
„Wo?“
„Auf dem Schlachtfeld. Du sitzt hier, aber eigentlich bist du noch bei den Männern, die du bekämpft hast.“
„Ich tue, was notwendig ist.“
„Das habe ich nicht bestritten. Ich will nur, dass du wieder heimkommst.“
Maranos runzelte die Stirn. „Ich sitze direkt vor dir.“
Sie lächelte traurig. „Ich weiß.“
Damals hatte er nicht verstanden, was sie meinte. Oder er wollte es nicht verstehen. Trotzdem waren sie glücklich. Nicht vollkommen, aber echt. Elly blieb Seefahrerin. Maranos hätte ihr ein Leben in Luxus bieten können, doch sie hätte ihn ausgelacht. Die See gehörte zu ihr.
Bis zu jener Fahrt.
Es sollte eine längere Handelsreise werden auf einem großen, schwer beladenen Schiff. Am Morgen der Abreise begleitete Maranos sie zum Hafen.
„Du hast alles?“, fragte er.
„Ja.“
„Geld?“
„Ja.“
„Heiltrank?“
„Ja.“
„Ersatzstiefel?“
Elly blieb stehen. „Maranos, ich fahre seit Jahren zur See. Du benimmst dich, als würde ich zum ersten Mal ein Schiff sehen.“
„Ich frage lediglich.“
„Du kontrollierst.“
„Das ist ein Unterschied.“
„Nein.“
Sie grinste, und als das Schiff zur Abfahrt bereit war, trat sie näher zu ihm. „Einige Wochen.“
„Vielleicht länger.“
„Dann eben länger.“
Maranos nickte. Elly legte die Arme um seinen Hals und hielt ihn fest, länger als er es normalerweise zugegeben hätte.
„Ich komme wieder“, versprach sie.
„Das solltest du.“
„Schon wieder dieser Befehlston!“
„Ich meine es ernst.“
Sie küsste ihn und ging über die Planke. Auf halbem Weg drehte sie sich noch einmal um: „Und räum nicht meine Sachen weg!“
„Dann lass sie nicht überall liegen!“, rief er zurück.
Das Schiff legte ab, und Maranos blieb am Kai stehen, bis es nur noch ein dunkler Punkt am Horizont war.
Die ersten Tage verliefen normal. Er arbeitete, besuchte den Orden und las. Abends war das Haus ungewohnt still, aber er kannte das. Dann kamen die ersten Nachrichten über einen schweren Sturm. Zwei Schiffe waren beschädigt eingelaufen, ein weiteres wurde vermisst. Maranos fragte nach Ellys Schiff.
„Verspätung“, hieß es.
Das war möglich. Also wartete er. Er kam jeden Tag zum Hafen. Zunächst kannten die Arbeiter ihn nur als den gut gekleideten Mann, der nach einem bestimmten Schiff fragte; nach einigen Tagen kannten sie seinen Namen.
„Noch nichts, Herr von Ascheberg.“
„Morgen“, antwortete er immer.
„Vielleicht.“
Doch Maranos hörte nur das erste Wort: Morgen.
Dann kamen Seeleute zurück, die den Sturm überlebt hatten. „Habt ihr die Silbermöwe gesehen?“, fragte er.
„Nein.“
„Irgendein Schiff auf ihrer Route?“
„Nur Trümmer.“
Maranos begann, Karten auszubreiten. Er analysierte Strömungen, Routen und Windrichtungen. Für alles fand er eine Erklärung, nur nicht für eine einzige Sache: Warum keine Nachricht kam. Dann fand man Trümmer. Kisten, Stoffballen, ein Stück des Rumpfes. Das Zeichen war eindeutig.
Im Hafenbüro erklärte ihm der Hafenmeister vorsichtig: „Wir gehen davon aus, dass das Schiff im Sturm gesunken ist.“
Maranos sah ihn an. „Davon geht ihr aus. Ihr wisst es nicht.“
Der Hafenmeister schwieg.
„Dann sucht weiter. Bis ihr sie findet.“
„Herr von Ascheberg…“
„Bis ihr sie findet!“
Sie suchten. Tage lang war Maranos jeden Morgen am Hafen. Bei Regen, vor Sonnenaufgang, bis tief in die Nacht. Ein alter Arbeiter brachte ihm wortlos einen Stuhl. Die Leute begannen, ihm aus dem Weg zu gehen – nicht aus Angst, sondern aus Mitleid. Das war schlimmer.
Nach vier Wochen hörte Maranos auf zu fragen. Nicht, weil er es akzeptiert hatte, sondern weil er wusste, welche Antwort er bekommen würde. Er ging nach Hause in das stille Anwesen. Im Wohnzimmer lag Ellys Buch. Zwischen den Seiten steckte ein Zettel mit einer Einkaufsliste und einem Hinweis an einen Diener. Am unteren Rand stand in ihrer Schrift: *Maranos daran erinnern, nicht alle Bücher auf meinem Platz abzulegen.*
Er las den Satz dreimal. Sein Atem veränderte sich. Er setzte sich, legte die Hände vor das Gesicht und flüsterte ein einziges Wort: „Verdammt.“
Danach kam nichts. Keine große Rede, keine Magie. Nur Stille, bis der Kamin beinahe ausgebrannt war. Eine ältere Dienerin fragte leise: „Herr?“
„Geht“, antwortete er, ohne sich umzudrehen. „Geht!“
Maranos griff nach Ellys Becher, der noch dort stand, als würde sie gleich zurückkehren. Die Stille wurde unerträglich.
„Du hast gesagt, du kommst zurück“, flüsterte er. Keine Antwort. „Du hast es gesagt!“
Er schleuderte den Becher gegen die Wand. Das Metall schlug hart auf den Stein. Maranos sprang auf, sein Stuhl kippte um. „Du hast es mir versprochen!“
Die Worte hallten durch das Haus. Er schrie die Diener hinaus, bis er allein war. Und dann brach etwas in ihm auf, das er Wochen lang zusammengehalten hatte. Die erste Welle Magie kam unkontrolliert; die Fenster zerbarsten, Glas flog in den Hof. Doch statt sich zu beruhigen, machte ihn der Kontrollverlust nur noch wütender.
„Warum?!“
Feuer entstand an seinen Händen. Es war nicht mehr die disziplinierte Magie des Magiers, es war ein Toben. Eine Wand fing Feuer, ein Tisch zerbrach, die Wut fand kein Ziel und nahm daher alles. Er riss Ellys Mantel vom Haken und warf ihn zu Boden. Das Feuer griff auf die Treppe über, eine Tür schlug aus den Angeln, die Decke begann zu bröckeln.
Draußen im Hof standen die Diener und wagten es nicht, sich ihm zu nähern. Maranos schrie erneut, und die Magie antwortete mit einer Explosion. Mauern rissen, der Dachstuhl fing Feuer, ein Baum im Garten brannte. Das Familienanwesen, das Generationen überstanden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zerstört.
Maranos bemerkte es kaum. Er stand mitten in der Halle, umgeben von Flammen, Trümmer und Rauch. In seinem Kopf hämmerte nur ein Satz: *Ich komme zurück. Ich komme zurück. Ich komme zurück.*
Als ein Teil der Decke einbrach, sank Maranos auf die Knie. Er weinte offen und unkontrolliert. Niemand sah es. Es war das letzte Mal seit sehr langer Zeit, dass Maranos van Ascheberg sich erlaubte, einfach nur zu trauern.
Als er den Kopf hob, spiegelte sich das Feuer in seinen Augen. Doch das Rot verschwand nicht, als er sich abwandte. Er sah in eine Glasscherbe: Seine Augen waren blutrot. Nicht leuchtend, nicht als Effekt – einfach rot.
Er sah sein Spiegelbild lange an: ein junger Mann mit Ruß im Gesicht, Tränen in den Augen und einem brennenden Haus hinter sich. Etwas in ihm war fort. Vielleicht die Hoffnung oder der Glaube, dass am Ende alles gut wird. Malion hatte ihm nie versprochen, dass es gut werden würde. Malion sprach von Furcht, Macht und dem Überleben. Zum ersten Mal verstand Maranos diese Lehren nicht nur mit dem Verstand; er fühlte sie. Er war machtlos gewesen, und dieses Gefühl hasste er mehr als alles andere.
Er erhob sich langsam. „Nie wieder“, sagte er. Es war ein Versprechen an sich selbst. Nie wieder sollte er hilflos warten. Nie wieder sollte er verlieren, weil andere Mächte stärker waren.
Von jener Nacht an folgte er dem Orden nicht mehr aus Loyalität, sondern aus tiefer Überzeugung. Die Furcht war keine Lehre mehr, sie war die Wahrheit. In den Jahren danach wurde er zu einem Mann, dessen Name auf Schlachtfeldern geflüstert wurde. Er verlor die letzte Zurückhaltung. Wer ihm gegenüberstand, erhielt keine Gnade. Er wollte, dass seine Feinde Angst bekamen, sobald sie seinen Namen hörten.
Irgendwann führten ihn seine Schritte an die Spitze der Nok’Tau. Doch tief in ihm blieb immer das Haus, der Kamin, der Hafen und Elly.
***
Maranos öffnete die Augen. Er war wieder in der Ruine. Der Ring lag in seiner Hand, seine Finger hatten sich so fest darum geschlossen, dass das Metall einen Abdruck in seiner Haut hinterlassen hatte.
„Genug“, atmete er schwer. Doch die Erinnerung ließ ihn nicht los. Elly am Hafen, Elly im Garten, Elly mit diesem verdammten Grinsen. Und dann wieder das Meer. Leeres Wasser. Wrackteile. Das Hafenbüro.
Maranos stand abrupt auf, wobei der alte Stuhl neben ihm umkippte. „Genug!“
Diesmal schrie er es. Er schloss die Augen, doch sofort war sie wieder da: *Ich komme zurück.*
„Genug!“
Die Magie brach aus ihm heraus – ungeplant, unkontrolliert. Jahrzehnte lagen zwischen damals und heute, doch es war dasselbe Feuer. Die alten Fenster zerbarsten, eine Druckwelle ging durch das Gebäude. Maranos taumelte zurück, doch er hielt nicht inne. Seine Wut war zurückgekehrt, unverändert und tiefer als je zuvor.
„Ihr habt mir alles genommen!“
Er wusste nicht, wen er meinte: die Welt, das Meer, das Schicksal oder Gott. Feuer raste durch die Räume, Steine stürzten herab. Maranos hob die Hände, und die Erde unter dem Haus erzitterte. Das letzte Dachstück stürzte ein. Maranos ließ es geschehen; er wollte es sogar. Jeder fallende Stein fühlte sich an wie ein Schlag gegen den Sturm, gegen das Meer, gegen die Vergangenheit.
Die Ruine wurde endgültig zerstört. Erst dann merkte Maranos, dass er zu weit gegangen war. Er stand im Hof, seine Hände brannten magisch, die roten Augen glühten im Rauch. Er sah die Verwüstung – nicht als Triumph, sondern einfach als Trümmerhaufen.
Er senkte langsam die Hände. Die Flammen erloschen allmählich. Er blieb lange stehen, dann hörte er sich selbst bitter lachen. „Sehr erwachsen.“
Er sah zum ehemaligen Garten. Elly hätte ihn beschimpft. Ausführlich. Wegen der Bäume, wegen des Hauses, wegen allem. Wahrscheinlich hätte sie die Hände in die Hüften gestemmt und gefragt: „Bist du jetzt fertig?“
Maranos schloss die Augen und ließ die Erinnerung zu. Nicht den Sturm, nicht den Tod, sondern nur sie. Elly am Hafen. Das erste Grinsen. *„Du klingst wie jemand, der immer recht haben muss.“*
Maranos sah auf den Ring. „Ich hatte recht“, flüsterte er mit einem schwachen Lächeln. „Meistens.“
Er ging zurück zum zerstörten Kamin und blieb davor stehen. Die namenlose Frau im Kloster kam ihm in den Sinn. Ihre Art zu widersprechen, ihr ruhiger Spott, die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn behandelte, ohne sich einschüchtern zu lassen. Sie war nicht Elly – das wusste er. Sie sah nicht aus wie sie, sie sprach nicht wie sie. Aber vielleicht hatte gerade deshalb dieser Gedanke so lange in ihm gearbeitet. Nicht, weil er glaubte, Elly zurückholen zu können – Maranos war nicht dumm, die Vergangenheit war tot und schwarze Magie änderte daran nichts.
Doch ein Name konnte etwas anderes sein. Keine Wiederbelebung, keine Täuschung, sondern eine Erinnerung. Ein kleiner Teil von etwas, das er jahrzehntelang in sich eingeschlossen hatte.
Maranos steckte den Ring vorsichtig in die Innentasche seines Mantels und überprüfte, ob sie richtig geschlossen war. Dann sah er ein letztes Mal über die Ruinen.
„Du würdest sie mögen“, sagte er leise. „Vermutlich. Oder ihr würdet euch gegen mich verbünden.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit lachte Maranos ehrlich.
Dann drehte er sich um. Der Weg zurück nach Düsterhafen lag vor ihm. Dort warteten das Kloster, das Labor und sie. Maranos machte einige Schritte, blieb dann aber stehen. Er hatte über mächtige, alte Namen nachgedacht, Namen, die Furcht erzeugten. Völliger Unsinn. Sie brauchte keinen Namen, der anderen erklärte, was sie war. Sie brauchte einen Namen, mit dem er sie ansprechen konnte. Einen Namen, der etwas bedeutete – nur für ihn.
Maranos legte kurz die Hand auf die Innentasche seines Mantels und ging weiter. Während hinter ihm die letzten Überreste seines alten Lebens im Rauch verschwanden, sprach er den Namen zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder aus. Ganz leise, als müsse er erst hören, wie er heute klang.
„Elly.“
Der Ring lag noch immer in seiner Hand.
Maranos saß vor dem alten Kamin, den Rücken gegen den kalten Stein gelehnt, und drehte das schlichte Stück Metall langsam zwischen Daumen und Zeigefinger. Draußen fiel fahles Morgenlicht durch die blinden Fenster des Anwesens und zeichnete helle Streifen in den Staub. Es war so still, dass er das leise Knacken im alten Gebälk hören konnte.
Eigentlich hatte er nur kommen wollen, um nachzusehen, ob das Versteck noch existierte. Mehr nicht. So zumindest hatte er es sich eingeredet. Doch nun saß er dort, den Ring in der Hand, und mit einem Mal schien die Distanz zwischen heute und damals fast verschwunden zu sein.
Er sah nicht länger die Ruine. Er sah das Haus, wie es einmal gewesen war: den gepflegten Hof, die Fenster, in denen abends Licht brannte, und die Diener, die geschäftig kamen und gingen. Er sah den Garten, über den er sich viel zu oft beschwert hatte, weil Elly dort Dinge pflanzte, die seiner Meinung nach an vollkommen anderen Stellen hätten wachsen sollen.
Und dann sah er sich selbst. Jünger. Sehr viel jünger.
Zu jener Zeit war Maranos noch Studioso an der Academia Ars Magica gewesen. Er war ehrgeizig, wissbegierig und besaß jene unangenehme Art von Selbstsicherheit, die nur junge Männer haben, die bereits wissen, dass sie begabt sind. Seine Brüder hatten ihm früh den Weg zu den Nok’Tau gezeigt; sie waren Malion längst tiefer ergeben als er selbst. Maranos war ihnen gefolgt – zunächst weniger aus Überzeugung als aus Loyalität. Es war Familie. Was seine Brüder taten, nahm er ernst; was sie glaubten, stellte er nicht offen infrage. Er besuchte die Zusammenkünfte, lernte die Gebete und hörte den Lehren zu.
Doch damals war Malion noch nicht das Zentrum seiner Welt. Wenn eine Versammlung endete, legte Maranos seine Robe ab, schob die Gedanken an den Orden beiseite und kehrte an die Akademie zurück. Dort stritt er mit Lehrmeistern über Zaubertheorie, verbrachte Nächte über alten Büchern und erklärte anderen Studenten ungefragt, warum ihre Herangehensweise falsch war. Er war damals schon schwierig – nur auf eine andere Art.
Und dann kam dieses Hafenfest. Rückblickend konnte er nicht einmal mehr sagen, weshalb er überhaupt hingegangen war. Wahrscheinlich hatte ihn ein Mitstudent überredet, mit dem Argument, ein Mann seines Alters müsse gelegentlich unter Menschen. Maranos hatte entgegnet, dass er täglich von Menschen umgeben sei.
„Bücher zählen nicht“, hatte sein Begleiter geantwortet.
„Das war auch nicht meine Behauptung.“
„Du weißt genau, was ich meine.“
„Leider.“
Trotzdem war er mitgegangen. Der Hafen war an diesem Abend überfüllt. Händler hatten Stände aufgebaut, irgendwo spielte eine kleine Gruppe Musik, und die Luft roch nach Salzwasser, Rauch, gebratenem Fisch und zu viel Wein. Maranos hatte sich kaum zehn Minuten dort aufgehalten, als er mit jemandem zusammenstieß. Eine kleine Holzkiste rutschte beinahe zu Boden, doch Maranos fing sie reflexartig auf.
„Kannst du nicht aufpassen?“, fragte eine Stimme.
Er sah auf. Vor ihm stand eine junge Frau mit windzerzaustem Haar und einem Ausdruck, als wäre es selbstverständlich, dass er schuld war. Maranos hielt ihr die Kiste hin. „Du bist in mich hineingelaufen.“
Sie nahm die Kiste zurück. „Das behauptest du.“
„Weil es passiert ist.“
Die Frau musterte ihn einen Moment lang. „Du klingst wie jemand, der immer recht haben muss.“
„Ich habe häufig recht.“
„Das beantwortet meine Frage.“
„Du hast keine Frage gestellt.“
Für einen Moment starrten sie sich an, dann grinste sie. „Du bist anstrengend.“
Maranos hob eine Augenbraue. „Wir kennen uns seit ungefähr einer halben Minute.“
„Und trotzdem bin ich mir bereits sicher.“ Damit ging sie an ihm vorbei.
Maranos blieb stehen und starrte ihr hinterher. Sein Begleiter trat neben ihn und lachte. „Die gefällt dir.“
„Unsinn.“
„Du starrst ihr hinterher.“
„Ich überlege lediglich, weshalb manche Menschen glauben, Unhöflichkeit sei Persönlichkeit.“
Später am Abend fand er sie wieder. Sie saß auf einer Kaimauer, einen Becher Wein neben sich, die Beine über dem Wasser baumeln lassend. Der Wind hatte zugenommen und drückte die Geräusche des Festes vom Hafen weg. Maranos blieb neben ihr stehen.
„Du schon wieder“, sagte sie und sah zu ihm hoch.
„Offensichtlich.“
„Hast du diesmal wenigstens einen Grund?“
Maranos überlegte kurz, zog dann ein Stück dünne Schnur aus seiner Tasche und hielt es ihr hin. „Du hast das verloren.“
Sie betrachtete die Schnur, dann ihn. „Die gehört mir nicht.“
„Ich weiß.“
Sie blinzelte. „War das gerade wirklich dein Versuch, ein Gespräch anzufangen?“
Maranos setzte sich neben sie. „Es hat funktioniert.“
Sie musste lachen. „Das ist fast traurig.“
„Fast reicht.“
Sie reichte ihm ihren Becher. „Elly.“
„Maranos.“
„Das klingt nach einem Namen für jemanden, der in großen Häusern lebt.“
„Tue ich.“
„Natürlich.“
„Und Elly klingt nach jemandem, der fremde Leute anrempelt.“
„Auch richtig.“
So begann es. Ohne Prophezeiung, ohne Zeichen, ohne Malion. Einfach mit einem schlechten Gesprächsversuch an einem Hafen.
Elly fuhr zur See. Nicht als Kapitänin oder Besitzerin eines Schiffes, sondern als Matrosin auf Handelsschiffen. Sie kannte Häfen, Strömungen, zwielichtige Wirte, gefährliche Routen und vermutlich mehr Flüche als die Hälfte der Männer, mit denen sie segelte. Sie kam aus einfachen Verhältnissen; Maranos hingegen aus einer angesehenen Familie. Anfangs fand Elly das eher amüsant als beeindruckend.
Als er sie zum ersten Mal auf das Familienanwesen brachte, stand sie in der großen Eingangshalle und ließ den Blick über die hohen Wände, den Steinboden und die breite Treppe gleiten. Maranos wartete gespannt auf ihre Reaktion. Elly nickte langsam.
„Groß.“
„Das ist alles?“
„Was soll ich sagen?“
„Ich weiß nicht.“
Sie sah noch einmal herum. „Viel zu putzen.“
Maranos starrte sie an, doch Elly grinste nur. Dann zog sie ihre nassen Stiefel aus und stellte sie mitten in die Halle. Maranos sah auf die Wasserflecken, dann auf sie.
„Du machst das absichtlich.“
„Was?“
„Genau das.“
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst.“
Sie ging weiter, und Maranos musste lachen. Vielleicht hatte er sie genau deshalb so schnell geliebt. Elly machte sich nichts aus seinem Namen, seinem Stand oder den Erwartungen seiner Familie. Sie sprach mit ihm nicht anders als mit irgendeinem Matrosen am Hafen. Wenn er arrogant wurde, sagte sie es ihm. Wenn er zu viel arbeitete, nahm sie ihm ein Buch aus der Hand. Wenn er glaubte, einen Streit gewonnen zu haben, stellte sie einfach fest, dass er sich das gern einreden könne.
Seine Brüder beobachteten diese Beziehung sehr genau. Elly war ihnen fremd; sie gehörte nicht zum Orden, hatte keinen politischen Nutzen und keine Familie, die man für Bündnisse hätte nutzen können. Maranos wusste, dass sie beobachtet wurde, und Elly wusste es ebenfalls.
Eines Abends saßen sie gemeinsam auf der niedrigen Mauer hinter dem Anwesen. „Deine Brüder glauben immer noch, ich bemerke es nicht“, sagte sie.
„Sie beobachten jeden“, entgegnete Maranos.
„Mich besonders.“
„Ja.“
„Warum?“
Maranos zuckte mit den Schultern. „Du bist unberechenbar.“
Elly sah ihn empört an. „Ich? Ich bin eine ausgesprochen vernünftige Frau!“
„Du hast gestern einen unserer Stallknechte überredet, mit dir auf einem Fass den Hügel hinunterzufahren.“
„Er wollte das.“
„Er hat sich den Arm verstaucht.“
„Das war mangelndes Talent.“
Maranos schüttelte den Kopf, woraufhin Elly sich an seine Schulter lehnte. „Sie glauben, ich könnte dich vom Orden wegziehen.“
Nun wurde Maranos ernster. „Das wirst du nicht.“
„Ich weiß. Du hast mich nie darum gebeten.“
„Warum sollte ich?“
Elly zuckte die Schultern. „Du hast deinen Glauben. Ich muss ihn nicht verstehen.“
„Malion ist mehr als nur irgendein Glaube.“
„Für dich vielleicht.“
Bevor Maranos antworten konnte, legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Ich sage nicht, dass er dir nichts bedeutet. Ich sage nur, dass er dir gehört.“ Dann grinste sie. „Ich heirate schließlich dich und nicht deinen Gott.“
Maranos verschluckte sich beinahe am Wein. Elly lachte so laut, dass einer der Diener vom Hof herüberblickte.
Wenige Monate später heirateten sie. Seine Brüder duldeten die Verbindung – mehr konnte man kaum erwarten. Elly verlangte nie, dass Maranos sich zwischen ihr und dem Orden entschied, und vielleicht war das der Grund, weshalb beides so lange nebeneinander bestehen konnte.
Tagsüber studierte und arbeitete Maranos. Er wurde besser – sehr viel besser. Aus dem jungen Studioso wurde ein vollwertiger Magier, und aus einem guten Magier wurde jemand, über den man an der Akademie sprach. Vor allem seine Beherrschung des Feuers entwickelte sich ungewöhnlich schnell. Maranos interessierte sich weniger für die Ästhetik der Magie als für ihre Wirkung. Wo andere eine Flamme erschufen, wollte er wissen, wie heiß sie werden konnte; wo andere eine Feuerwand erzeugten, fragte er sich, ob man die Hitze dahinter kontrollieren konnte. Seine Lehrer lobten sein Verständnis, kritisierten jedoch seine mangelnde Geduld.
Innerhalb der Nok’Tau fiel er ebenfalls auf – zunächst wegen seines Wissens, später wegen seiner Härte. Die ersten echten Kämpfe veränderten ihn stetig. Maranos lernte, dass Theorie und Schlachtfeld zwei vollkommen verschiedene Dinge waren. Ein Lehrmeister wartete, bis man den Zauber vorbereitet hatte; ein Gegner tat das nicht. Maranos passte sich an. Vielleicht zu schnell.
Wenn gekämpft wurde, war er erbarmungslos. Er suchte nicht nach ruhmreichen Duellen, er wollte den Sieg. Wer gegen die Nok’Tau stand, war ein Feind, und wer seine Männer angriff, sollte keinen zweiten Versuch erhalten. Seine Brüder sahen, wie sich etwas in ihm entwickelte, das ihnen gefiel.
Elly sah es ebenfalls, nur anders. Es gab Abende, an denen Maranos spät nach Hause kehrte. Seine Kleidung roch nach Rauch, manchmal klebte Blut daran – nicht immer sein eigenes. Einmal kam er nach Mitternacht durch die Tür, während Elly noch in der Küche saß.
„Du bist spät“, stellte sie fest.
„Das ist eine beeindruckende Beobachtung.“
„Und du bist schlecht gelaunt.“
„Noch eine.“
Sie deutete mit dem Kinn auf seine Stiefel. „Aus.“
„Elly…“
„Du bringst den halben Weg hier hinein.“
„Ich bin gerade von einem Kampf zurückgekommen. Mehrere Männer sind heute gestorben.“
„Das tut mir leid.“
„Und du redest über meine Stiefel!“
Elly stand auf. „Weil du sonst die ganze Nacht herumläufst, als wärst du noch dort.“
Maranos schwieg. Sie kam zu ihm und sagte ruhig: „Zieh sie aus.“
Er tat es. Elly nahm seinen Mantel und bemerkte einen dunklen Fleck an seiner Seite. „Dein Blut?“
„Teilweise.“
„Setz dich.“
„Es ist nichts.“
„Maranos.“
Er setzte sich. Elly holte Wasser und Verbandszeug. Während sie die Verletzung reinigte, herrschte Schweigen. Nach einer Weile fragte sie: „War es schlimm?“
„Ja.“
„Willst du darüber sprechen?“
Maranos sah sie an. „Nein.“
„Gut.“
Sie verband seine Seite und stellte ihm Essen auf den Tisch. Keine Fragen, keine Predigt. Nur das Essen. Maranos sah auf den Teller, dann zu ihr. „Warum bist du noch wach?“
Elly setzte sich ihm gegenüber. „Weil du noch nicht zuhause warst.“
Es waren solche Augenblicke, die er später am meisten vermissen würde.
Die Welt draußen wurde dunkler, und Maranos’ Glaube an Malion wuchs. Er sah nun, was Furcht bewirkte – bei Feinden, bei Soldaten, bei ganzen Heeren. Er erkannte, dass ein Gegner, der Angst hatte, Fehler machte und dass Unsicherheit häufig stärker wirkte als physischer Schmerz. Er wurde meisterhaft darin. Auf dem Schlachtfeld war Maranos kein freundlicher Mann; seine Magie war hart und präzise. Er verbrannte Fluchtwege, trieb Gegner auseinander und konnte grausam werden, wenn es notwendig war, um andere zur Kapitulation zu zwingen. Seine Kameraden respektierten ihn, einige fürchteten ihn. Seine Brüder sahen in ihm nicht mehr den kleinen Bruder, sondern einen gleichwertigen Mann des Ordens.
Und trotzdem kam er immer nach Hause. Er kümmerte sich um das Anwesen, als hätte es mit seinem anderen Leben nichts zu tun. Er prüfte Rechnungen, stritt mit Handwerkern und wusste genau, welcher Teil des Daches repariert werden musste. Elly machte sich darüber lustig.
„Du hast heute Morgen einen Mann angeschrien, weil drei Dachziegel falsch lagen“, spottete sie.
„Sie lagen falsch.“
„Drei!“
„Heute drei. In zehn Jahren dreißig.“
„Du klingst wie ein alter Mann.“
„Ich bin jünger als du.“
Woran Elly erinnerte, indem sie ihm ein Tuch ins Gesicht warf.
Am Abend saßen sie oft am Kamin. Elly erzählte von ihren Reisen, von schlechtem Bier in teuren Häfen und von exzentrischen Kapitänen. Maranos erzählte ihr von der Akademie und manchmal vom Orden, nie jedoch von allem. Einmal beobachtete sie ihn lange Zeit, während er in einem Buch blätterte.
„Du wirst anders“, sagte sie.
„Wir alle werden älter.“
„Das meine ich nicht. Du kommst manchmal heim und bist noch Stunden später dort.“
„Wo?“
„Auf dem Schlachtfeld. Du sitzt hier, aber eigentlich bist du noch bei den Männern, die du bekämpft hast.“
„Ich tue, was notwendig ist.“
„Das habe ich nicht bestritten. Ich will nur, dass du wieder heimkommst.“
Maranos runzelte die Stirn. „Ich sitze direkt vor dir.“
Sie lächelte traurig. „Ich weiß.“
Damals hatte er nicht verstanden, was sie meinte. Oder er wollte es nicht verstehen. Trotzdem waren sie glücklich. Nicht vollkommen, aber echt. Elly blieb Seefahrerin. Maranos hätte ihr ein Leben in Luxus bieten können, doch sie hätte ihn ausgelacht. Die See gehörte zu ihr.
Bis zu jener Fahrt.
Es sollte eine längere Handelsreise werden auf einem großen, schwer beladenen Schiff. Am Morgen der Abreise begleitete Maranos sie zum Hafen.
„Du hast alles?“, fragte er.
„Ja.“
„Geld?“
„Ja.“
„Heiltrank?“
„Ja.“
„Ersatzstiefel?“
Elly blieb stehen. „Maranos, ich fahre seit Jahren zur See. Du benimmst dich, als würde ich zum ersten Mal ein Schiff sehen.“
„Ich frage lediglich.“
„Du kontrollierst.“
„Das ist ein Unterschied.“
„Nein.“
Sie grinste, und als das Schiff zur Abfahrt bereit war, trat sie näher zu ihm. „Einige Wochen.“
„Vielleicht länger.“
„Dann eben länger.“
Maranos nickte. Elly legte die Arme um seinen Hals und hielt ihn fest, länger als er es normalerweise zugegeben hätte.
„Ich komme wieder“, versprach sie.
„Das solltest du.“
„Schon wieder dieser Befehlston!“
„Ich meine es ernst.“
Sie küsste ihn und ging über die Planke. Auf halbem Weg drehte sie sich noch einmal um: „Und räum nicht meine Sachen weg!“
„Dann lass sie nicht überall liegen!“, rief er zurück.
Das Schiff legte ab, und Maranos blieb am Kai stehen, bis es nur noch ein dunkler Punkt am Horizont war.
Die ersten Tage verliefen normal. Er arbeitete, besuchte den Orden und las. Abends war das Haus ungewohnt still, aber er kannte das. Dann kamen die ersten Nachrichten über einen schweren Sturm. Zwei Schiffe waren beschädigt eingelaufen, ein weiteres wurde vermisst. Maranos fragte nach Ellys Schiff.
„Verspätung“, hieß es.
Das war möglich. Also wartete er. Er kam jeden Tag zum Hafen. Zunächst kannten die Arbeiter ihn nur als den gut gekleideten Mann, der nach einem bestimmten Schiff fragte; nach einigen Tagen kannten sie seinen Namen.
„Noch nichts, Herr von Ascheberg.“
„Morgen“, antwortete er immer.
„Vielleicht.“
Doch Maranos hörte nur das erste Wort: Morgen.
Dann kamen Seeleute zurück, die den Sturm überlebt hatten. „Habt ihr die Silbermöwe gesehen?“, fragte er.
„Nein.“
„Irgendein Schiff auf ihrer Route?“
„Nur Trümmer.“
Maranos begann, Karten auszubreiten. Er analysierte Strömungen, Routen und Windrichtungen. Für alles fand er eine Erklärung, nur nicht für eine einzige Sache: Warum keine Nachricht kam. Dann fand man Trümmer. Kisten, Stoffballen, ein Stück des Rumpfes. Das Zeichen war eindeutig.
Im Hafenbüro erklärte ihm der Hafenmeister vorsichtig: „Wir gehen davon aus, dass das Schiff im Sturm gesunken ist.“
Maranos sah ihn an. „Davon geht ihr aus. Ihr wisst es nicht.“
Der Hafenmeister schwieg.
„Dann sucht weiter. Bis ihr sie findet.“
„Herr von Ascheberg…“
„Bis ihr sie findet!“
Sie suchten. Tage lang war Maranos jeden Morgen am Hafen. Bei Regen, vor Sonnenaufgang, bis tief in die Nacht. Ein alter Arbeiter brachte ihm wortlos einen Stuhl. Die Leute begannen, ihm aus dem Weg zu gehen – nicht aus Angst, sondern aus Mitleid. Das war schlimmer.
Nach vier Wochen hörte Maranos auf zu fragen. Nicht, weil er es akzeptiert hatte, sondern weil er wusste, welche Antwort er bekommen würde. Er ging nach Hause in das stille Anwesen. Im Wohnzimmer lag Ellys Buch. Zwischen den Seiten steckte ein Zettel mit einer Einkaufsliste und einem Hinweis an einen Diener. Am unteren Rand stand in ihrer Schrift: *Maranos daran erinnern, nicht alle Bücher auf meinem Platz abzulegen.*
Er las den Satz dreimal. Sein Atem veränderte sich. Er setzte sich, legte die Hände vor das Gesicht und flüsterte ein einziges Wort: „Verdammt.“
Danach kam nichts. Keine große Rede, keine Magie. Nur Stille, bis der Kamin beinahe ausgebrannt war. Eine ältere Dienerin fragte leise: „Herr?“
„Geht“, antwortete er, ohne sich umzudrehen. „Geht!“
Maranos griff nach Ellys Becher, der noch dort stand, als würde sie gleich zurückkehren. Die Stille wurde unerträglich.
„Du hast gesagt, du kommst zurück“, flüsterte er. Keine Antwort. „Du hast es gesagt!“
Er schleuderte den Becher gegen die Wand. Das Metall schlug hart auf den Stein. Maranos sprang auf, sein Stuhl kippte um. „Du hast es mir versprochen!“
Die Worte hallten durch das Haus. Er schrie die Diener hinaus, bis er allein war. Und dann brach etwas in ihm auf, das er Wochen lang zusammengehalten hatte. Die erste Welle Magie kam unkontrolliert; die Fenster zerbarsten, Glas flog in den Hof. Doch statt sich zu beruhigen, machte ihn der Kontrollverlust nur noch wütender.
„Warum?!“
Feuer entstand an seinen Händen. Es war nicht mehr die disziplinierte Magie des Magiers, es war ein Toben. Eine Wand fing Feuer, ein Tisch zerbrach, die Wut fand kein Ziel und nahm daher alles. Er riss Ellys Mantel vom Haken und warf ihn zu Boden. Das Feuer griff auf die Treppe über, eine Tür schlug aus den Angeln, die Decke begann zu bröckeln.
Draußen im Hof standen die Diener und wagten es nicht, sich ihm zu nähern. Maranos schrie erneut, und die Magie antwortete mit einer Explosion. Mauern rissen, der Dachstuhl fing Feuer, ein Baum im Garten brannte. Das Familienanwesen, das Generationen überstanden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zerstört.
Maranos bemerkte es kaum. Er stand mitten in der Halle, umgeben von Flammen, Trümmer und Rauch. In seinem Kopf hämmerte nur ein Satz: *Ich komme zurück. Ich komme zurück. Ich komme zurück.*
Als ein Teil der Decke einbrach, sank Maranos auf die Knie. Er weinte offen und unkontrolliert. Niemand sah es. Es war das letzte Mal seit sehr langer Zeit, dass Maranos van Ascheberg sich erlaubte, einfach nur zu trauern.
Als er den Kopf hob, spiegelte sich das Feuer in seinen Augen. Doch das Rot verschwand nicht, als er sich abwandte. Er sah in eine Glasscherbe: Seine Augen waren blutrot. Nicht leuchtend, nicht als Effekt – einfach rot.
Er sah sein Spiegelbild lange an: ein junger Mann mit Ruß im Gesicht, Tränen in den Augen und einem brennenden Haus hinter sich. Etwas in ihm war fort. Vielleicht die Hoffnung oder der Glaube, dass am Ende alles gut wird. Malion hatte ihm nie versprochen, dass es gut werden würde. Malion sprach von Furcht, Macht und dem Überleben. Zum ersten Mal verstand Maranos diese Lehren nicht nur mit dem Verstand; er fühlte sie. Er war machtlos gewesen, und dieses Gefühl hasste er mehr als alles andere.
Er erhob sich langsam. „Nie wieder“, sagte er. Es war ein Versprechen an sich selbst. Nie wieder sollte er hilflos warten. Nie wieder sollte er verlieren, weil andere Mächte stärker waren.
Von jener Nacht an folgte er dem Orden nicht mehr aus Loyalität, sondern aus tiefer Überzeugung. Die Furcht war keine Lehre mehr, sie war die Wahrheit. In den Jahren danach wurde er zu einem Mann, dessen Name auf Schlachtfeldern geflüstert wurde. Er verlor die letzte Zurückhaltung. Wer ihm gegenüberstand, erhielt keine Gnade. Er wollte, dass seine Feinde Angst bekamen, sobald sie seinen Namen hörten.
Irgendwann führten ihn seine Schritte an die Spitze der Nok’Tau. Doch tief in ihm blieb immer das Haus, der Kamin, der Hafen und Elly.
***
Maranos öffnete die Augen. Er war wieder in der Ruine. Der Ring lag in seiner Hand, seine Finger hatten sich so fest darum geschlossen, dass das Metall einen Abdruck in seiner Haut hinterlassen hatte.
„Genug“, atmete er schwer. Doch die Erinnerung ließ ihn nicht los. Elly am Hafen, Elly im Garten, Elly mit diesem verdammten Grinsen. Und dann wieder das Meer. Leeres Wasser. Wrackteile. Das Hafenbüro.
Maranos stand abrupt auf, wobei der alte Stuhl neben ihm umkippte. „Genug!“
Diesmal schrie er es. Er schloss die Augen, doch sofort war sie wieder da: *Ich komme zurück.*
„Genug!“
Die Magie brach aus ihm heraus – ungeplant, unkontrolliert. Jahrzehnte lagen zwischen damals und heute, doch es war dasselbe Feuer. Die alten Fenster zerbarsten, eine Druckwelle ging durch das Gebäude. Maranos taumelte zurück, doch er hielt nicht inne. Seine Wut war zurückgekehrt, unverändert und tiefer als je zuvor.
„Ihr habt mir alles genommen!“
Er wusste nicht, wen er meinte: die Welt, das Meer, das Schicksal oder Gott. Feuer raste durch die Räume, Steine stürzten herab. Maranos hob die Hände, und die Erde unter dem Haus erzitterte. Das letzte Dachstück stürzte ein. Maranos ließ es geschehen; er wollte es sogar. Jeder fallende Stein fühlte sich an wie ein Schlag gegen den Sturm, gegen das Meer, gegen die Vergangenheit.
Die Ruine wurde endgültig zerstört. Erst dann merkte Maranos, dass er zu weit gegangen war. Er stand im Hof, seine Hände brannten magisch, die roten Augen glühten im Rauch. Er sah die Verwüstung – nicht als Triumph, sondern einfach als Trümmerhaufen.
Er senkte langsam die Hände. Die Flammen erloschen allmählich. Er blieb lange stehen, dann hörte er sich selbst bitter lachen. „Sehr erwachsen.“
Er sah zum ehemaligen Garten. Elly hätte ihn beschimpft. Ausführlich. Wegen der Bäume, wegen des Hauses, wegen allem. Wahrscheinlich hätte sie die Hände in die Hüften gestemmt und gefragt: „Bist du jetzt fertig?“
Maranos schloss die Augen und ließ die Erinnerung zu. Nicht den Sturm, nicht den Tod, sondern nur sie. Elly am Hafen. Das erste Grinsen. *„Du klingst wie jemand, der immer recht haben muss.“*
Maranos sah auf den Ring. „Ich hatte recht“, flüsterte er mit einem schwachen Lächeln. „Meistens.“
Er ging zurück zum zerstörten Kamin und blieb davor stehen. Die namenlose Frau im Kloster kam ihm in den Sinn. Ihre Art zu widersprechen, ihr ruhiger Spott, die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn behandelte, ohne sich einschüchtern zu lassen. Sie war nicht Elly – das wusste er. Sie sah nicht aus wie sie, sie sprach nicht wie sie. Aber vielleicht hatte gerade deshalb dieser Gedanke so lange in ihm gearbeitet. Nicht, weil er glaubte, Elly zurückholen zu können – Maranos war nicht dumm, die Vergangenheit war tot und schwarze Magie änderte daran nichts.
Doch ein Name konnte etwas anderes sein. Keine Wiederbelebung, keine Täuschung, sondern eine Erinnerung. Ein kleiner Teil von etwas, das er jahrzehntelang in sich eingeschlossen hatte.
Maranos steckte den Ring vorsichtig in die Innentasche seines Mantels und überprüfte, ob sie richtig geschlossen war. Dann sah er ein letztes Mal über die Ruinen.
„Du würdest sie mögen“, sagte er leise. „Vermutlich. Oder ihr würdet euch gegen mich verbünden.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit lachte Maranos ehrlich.
Dann drehte er sich um. Der Weg zurück nach Düsterhafen lag vor ihm. Dort warteten das Kloster, das Labor und sie. Maranos machte einige Schritte, blieb dann aber stehen. Er hatte über mächtige, alte Namen nachgedacht, Namen, die Furcht erzeugten. Völliger Unsinn. Sie brauchte keinen Namen, der anderen erklärte, was sie war. Sie brauchte einen Namen, mit dem er sie ansprechen konnte. Einen Namen, der etwas bedeutete – nur für ihn.
Maranos legte kurz die Hand auf die Innentasche seines Mantels und ging weiter. Während hinter ihm die letzten Überreste seines alten Lebens im Rauch verschwanden, sprach er den Namen zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder aus. Ganz leise, als müsse er erst hören, wie er heute klang.
„Elly.“