Die Saat von Düsterhafen

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keine Kontrolle

von Maranos van Ascheberg » 26 Sep 2026, 02:36

Der Ring lag noch immer in seiner Hand.

Maranos saß vor dem alten Kamin, den Rücken gegen den kalten Stein gelehnt, und drehte das schlichte Stück Metall langsam zwischen Daumen und Zeigefinger. Draußen fiel fahles Morgenlicht durch die blinden Fenster des Anwesens und zeichnete helle Streifen in den Staub. Es war so still, dass er das leise Knacken im alten Gebälk hören konnte.

Eigentlich hatte er nur kommen wollen, um nachzusehen, ob das Versteck noch existierte. Mehr nicht. So zumindest hatte er es sich eingeredet. Doch nun saß er dort, den Ring in der Hand, und mit einem Mal schien die Distanz zwischen heute und damals fast verschwunden zu sein.

Er sah nicht länger die Ruine. Er sah das Haus, wie es einmal gewesen war: den gepflegten Hof, die Fenster, in denen abends Licht brannte, und die Diener, die geschäftig kamen und gingen. Er sah den Garten, über den er sich viel zu oft beschwert hatte, weil Elly dort Dinge pflanzte, die seiner Meinung nach an vollkommen anderen Stellen hätten wachsen sollen.

Und dann sah er sich selbst. Jünger. Sehr viel jünger.

Zu jener Zeit war Maranos noch Studioso an der Academia Ars Magica gewesen. Er war ehrgeizig, wissbegierig und besaß jene unangenehme Art von Selbstsicherheit, die nur junge Männer haben, die bereits wissen, dass sie begabt sind. Seine Brüder hatten ihm früh den Weg zu den Nok’Tau gezeigt; sie waren Malion längst tiefer ergeben als er selbst. Maranos war ihnen gefolgt – zunächst weniger aus Überzeugung als aus Loyalität. Es war Familie. Was seine Brüder taten, nahm er ernst; was sie glaubten, stellte er nicht offen infrage. Er besuchte die Zusammenkünfte, lernte die Gebete und hörte den Lehren zu.

Doch damals war Malion noch nicht das Zentrum seiner Welt. Wenn eine Versammlung endete, legte Maranos seine Robe ab, schob die Gedanken an den Orden beiseite und kehrte an die Akademie zurück. Dort stritt er mit Lehrmeistern über Zaubertheorie, verbrachte Nächte über alten Büchern und erklärte anderen Studenten ungefragt, warum ihre Herangehensweise falsch war. Er war damals schon schwierig – nur auf eine andere Art.

Und dann kam dieses Hafenfest. Rückblickend konnte er nicht einmal mehr sagen, weshalb er überhaupt hingegangen war. Wahrscheinlich hatte ihn ein Mitstudent überredet, mit dem Argument, ein Mann seines Alters müsse gelegentlich unter Menschen. Maranos hatte entgegnet, dass er täglich von Menschen umgeben sei.
„Bücher zählen nicht“, hatte sein Begleiter geantwortet.
„Das war auch nicht meine Behauptung.“
„Du weißt genau, was ich meine.“
„Leider.“

Trotzdem war er mitgegangen. Der Hafen war an diesem Abend überfüllt. Händler hatten Stände aufgebaut, irgendwo spielte eine kleine Gruppe Musik, und die Luft roch nach Salzwasser, Rauch, gebratenem Fisch und zu viel Wein. Maranos hatte sich kaum zehn Minuten dort aufgehalten, als er mit jemandem zusammenstieß. Eine kleine Holzkiste rutschte beinahe zu Boden, doch Maranos fing sie reflexartig auf.

„Kannst du nicht aufpassen?“, fragte eine Stimme.
Er sah auf. Vor ihm stand eine junge Frau mit windzerzaustem Haar und einem Ausdruck, als wäre es selbstverständlich, dass er schuld war. Maranos hielt ihr die Kiste hin. „Du bist in mich hineingelaufen.“
Sie nahm die Kiste zurück. „Das behauptest du.“
„Weil es passiert ist.“
Die Frau musterte ihn einen Moment lang. „Du klingst wie jemand, der immer recht haben muss.“
„Ich habe häufig recht.“
„Das beantwortet meine Frage.“
„Du hast keine Frage gestellt.“

Für einen Moment starrten sie sich an, dann grinste sie. „Du bist anstrengend.“
Maranos hob eine Augenbraue. „Wir kennen uns seit ungefähr einer halben Minute.“
„Und trotzdem bin ich mir bereits sicher.“ Damit ging sie an ihm vorbei.

Maranos blieb stehen und starrte ihr hinterher. Sein Begleiter trat neben ihn und lachte. „Die gefällt dir.“
„Unsinn.“
„Du starrst ihr hinterher.“
„Ich überlege lediglich, weshalb manche Menschen glauben, Unhöflichkeit sei Persönlichkeit.“

Später am Abend fand er sie wieder. Sie saß auf einer Kaimauer, einen Becher Wein neben sich, die Beine über dem Wasser baumeln lassend. Der Wind hatte zugenommen und drückte die Geräusche des Festes vom Hafen weg. Maranos blieb neben ihr stehen.
„Du schon wieder“, sagte sie und sah zu ihm hoch.
„Offensichtlich.“
„Hast du diesmal wenigstens einen Grund?“

Maranos überlegte kurz, zog dann ein Stück dünne Schnur aus seiner Tasche und hielt es ihr hin. „Du hast das verloren.“
Sie betrachtete die Schnur, dann ihn. „Die gehört mir nicht.“
„Ich weiß.“
Sie blinzelte. „War das gerade wirklich dein Versuch, ein Gespräch anzufangen?“
Maranos setzte sich neben sie. „Es hat funktioniert.“
Sie musste lachen. „Das ist fast traurig.“
„Fast reicht.“

Sie reichte ihm ihren Becher. „Elly.“
„Maranos.“
„Das klingt nach einem Namen für jemanden, der in großen Häusern lebt.“
„Tue ich.“
„Natürlich.“
„Und Elly klingt nach jemandem, der fremde Leute anrempelt.“
„Auch richtig.“

So begann es. Ohne Prophezeiung, ohne Zeichen, ohne Malion. Einfach mit einem schlechten Gesprächsversuch an einem Hafen.

Elly fuhr zur See. Nicht als Kapitänin oder Besitzerin eines Schiffes, sondern als Matrosin auf Handelsschiffen. Sie kannte Häfen, Strömungen, zwielichtige Wirte, gefährliche Routen und vermutlich mehr Flüche als die Hälfte der Männer, mit denen sie segelte. Sie kam aus einfachen Verhältnissen; Maranos hingegen aus einer angesehenen Familie. Anfangs fand Elly das eher amüsant als beeindruckend.

Als er sie zum ersten Mal auf das Familienanwesen brachte, stand sie in der großen Eingangshalle und ließ den Blick über die hohen Wände, den Steinboden und die breite Treppe gleiten. Maranos wartete gespannt auf ihre Reaktion. Elly nickte langsam.
„Groß.“
„Das ist alles?“
„Was soll ich sagen?“
„Ich weiß nicht.“
Sie sah noch einmal herum. „Viel zu putzen.“
Maranos starrte sie an, doch Elly grinste nur. Dann zog sie ihre nassen Stiefel aus und stellte sie mitten in die Halle. Maranos sah auf die Wasserflecken, dann auf sie.
„Du machst das absichtlich.“
„Was?“
„Genau das.“
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst.“

Sie ging weiter, und Maranos musste lachen. Vielleicht hatte er sie genau deshalb so schnell geliebt. Elly machte sich nichts aus seinem Namen, seinem Stand oder den Erwartungen seiner Familie. Sie sprach mit ihm nicht anders als mit irgendeinem Matrosen am Hafen. Wenn er arrogant wurde, sagte sie es ihm. Wenn er zu viel arbeitete, nahm sie ihm ein Buch aus der Hand. Wenn er glaubte, einen Streit gewonnen zu haben, stellte sie einfach fest, dass er sich das gern einreden könne.

Seine Brüder beobachteten diese Beziehung sehr genau. Elly war ihnen fremd; sie gehörte nicht zum Orden, hatte keinen politischen Nutzen und keine Familie, die man für Bündnisse hätte nutzen können. Maranos wusste, dass sie beobachtet wurde, und Elly wusste es ebenfalls.

Eines Abends saßen sie gemeinsam auf der niedrigen Mauer hinter dem Anwesen. „Deine Brüder glauben immer noch, ich bemerke es nicht“, sagte sie.
„Sie beobachten jeden“, entgegnete Maranos.
„Mich besonders.“
„Ja.“
„Warum?“
Maranos zuckte mit den Schultern. „Du bist unberechenbar.“
Elly sah ihn empört an. „Ich? Ich bin eine ausgesprochen vernünftige Frau!“
„Du hast gestern einen unserer Stallknechte überredet, mit dir auf einem Fass den Hügel hinunterzufahren.“
„Er wollte das.“
„Er hat sich den Arm verstaucht.“
„Das war mangelndes Talent.“

Maranos schüttelte den Kopf, woraufhin Elly sich an seine Schulter lehnte. „Sie glauben, ich könnte dich vom Orden wegziehen.“
Nun wurde Maranos ernster. „Das wirst du nicht.“
„Ich weiß. Du hast mich nie darum gebeten.“
„Warum sollte ich?“
Elly zuckte die Schultern. „Du hast deinen Glauben. Ich muss ihn nicht verstehen.“
„Malion ist mehr als nur irgendein Glaube.“
„Für dich vielleicht.“
Bevor Maranos antworten konnte, legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Ich sage nicht, dass er dir nichts bedeutet. Ich sage nur, dass er dir gehört.“ Dann grinste sie. „Ich heirate schließlich dich und nicht deinen Gott.“
Maranos verschluckte sich beinahe am Wein. Elly lachte so laut, dass einer der Diener vom Hof herüberblickte.

Wenige Monate später heirateten sie. Seine Brüder duldeten die Verbindung – mehr konnte man kaum erwarten. Elly verlangte nie, dass Maranos sich zwischen ihr und dem Orden entschied, und vielleicht war das der Grund, weshalb beides so lange nebeneinander bestehen konnte.

Tagsüber studierte und arbeitete Maranos. Er wurde besser – sehr viel besser. Aus dem jungen Studioso wurde ein vollwertiger Magier, und aus einem guten Magier wurde jemand, über den man an der Akademie sprach. Vor allem seine Beherrschung des Feuers entwickelte sich ungewöhnlich schnell. Maranos interessierte sich weniger für die Ästhetik der Magie als für ihre Wirkung. Wo andere eine Flamme erschufen, wollte er wissen, wie heiß sie werden konnte; wo andere eine Feuerwand erzeugten, fragte er sich, ob man die Hitze dahinter kontrollieren konnte. Seine Lehrer lobten sein Verständnis, kritisierten jedoch seine mangelnde Geduld.

Innerhalb der Nok’Tau fiel er ebenfalls auf – zunächst wegen seines Wissens, später wegen seiner Härte. Die ersten echten Kämpfe veränderten ihn stetig. Maranos lernte, dass Theorie und Schlachtfeld zwei vollkommen verschiedene Dinge waren. Ein Lehrmeister wartete, bis man den Zauber vorbereitet hatte; ein Gegner tat das nicht. Maranos passte sich an. Vielleicht zu schnell.

Wenn gekämpft wurde, war er erbarmungslos. Er suchte nicht nach ruhmreichen Duellen, er wollte den Sieg. Wer gegen die Nok’Tau stand, war ein Feind, und wer seine Männer angriff, sollte keinen zweiten Versuch erhalten. Seine Brüder sahen, wie sich etwas in ihm entwickelte, das ihnen gefiel.

Elly sah es ebenfalls, nur anders. Es gab Abende, an denen Maranos spät nach Hause kehrte. Seine Kleidung roch nach Rauch, manchmal klebte Blut daran – nicht immer sein eigenes. Einmal kam er nach Mitternacht durch die Tür, während Elly noch in der Küche saß.
„Du bist spät“, stellte sie fest.
„Das ist eine beeindruckende Beobachtung.“
„Und du bist schlecht gelaunt.“
„Noch eine.“
Sie deutete mit dem Kinn auf seine Stiefel. „Aus.“
„Elly…“
„Du bringst den halben Weg hier hinein.“
„Ich bin gerade von einem Kampf zurückgekommen. Mehrere Männer sind heute gestorben.“
„Das tut mir leid.“
„Und du redest über meine Stiefel!“

Elly stand auf. „Weil du sonst die ganze Nacht herumläufst, als wärst du noch dort.“
Maranos schwieg. Sie kam zu ihm und sagte ruhig: „Zieh sie aus.“
Er tat es. Elly nahm seinen Mantel und bemerkte einen dunklen Fleck an seiner Seite. „Dein Blut?“
„Teilweise.“
„Setz dich.“
„Es ist nichts.“
„Maranos.“
Er setzte sich. Elly holte Wasser und Verbandszeug. Während sie die Verletzung reinigte, herrschte Schweigen. Nach einer Weile fragte sie: „War es schlimm?“
„Ja.“
„Willst du darüber sprechen?“
Maranos sah sie an. „Nein.“
„Gut.“

Sie verband seine Seite und stellte ihm Essen auf den Tisch. Keine Fragen, keine Predigt. Nur das Essen. Maranos sah auf den Teller, dann zu ihr. „Warum bist du noch wach?“
Elly setzte sich ihm gegenüber. „Weil du noch nicht zuhause warst.“

Es waren solche Augenblicke, die er später am meisten vermissen würde.

Die Welt draußen wurde dunkler, und Maranos’ Glaube an Malion wuchs. Er sah nun, was Furcht bewirkte – bei Feinden, bei Soldaten, bei ganzen Heeren. Er erkannte, dass ein Gegner, der Angst hatte, Fehler machte und dass Unsicherheit häufig stärker wirkte als physischer Schmerz. Er wurde meisterhaft darin. Auf dem Schlachtfeld war Maranos kein freundlicher Mann; seine Magie war hart und präzise. Er verbrannte Fluchtwege, trieb Gegner auseinander und konnte grausam werden, wenn es notwendig war, um andere zur Kapitulation zu zwingen. Seine Kameraden respektierten ihn, einige fürchteten ihn. Seine Brüder sahen in ihm nicht mehr den kleinen Bruder, sondern einen gleichwertigen Mann des Ordens.

Und trotzdem kam er immer nach Hause. Er kümmerte sich um das Anwesen, als hätte es mit seinem anderen Leben nichts zu tun. Er prüfte Rechnungen, stritt mit Handwerkern und wusste genau, welcher Teil des Daches repariert werden musste. Elly machte sich darüber lustig.
„Du hast heute Morgen einen Mann angeschrien, weil drei Dachziegel falsch lagen“, spottete sie.
„Sie lagen falsch.“
„Drei!“
„Heute drei. In zehn Jahren dreißig.“
„Du klingst wie ein alter Mann.“
„Ich bin jünger als du.“
Woran Elly erinnerte, indem sie ihm ein Tuch ins Gesicht warf.

Am Abend saßen sie oft am Kamin. Elly erzählte von ihren Reisen, von schlechtem Bier in teuren Häfen und von exzentrischen Kapitänen. Maranos erzählte ihr von der Akademie und manchmal vom Orden, nie jedoch von allem. Einmal beobachtete sie ihn lange Zeit, während er in einem Buch blätterte.
„Du wirst anders“, sagte sie.
„Wir alle werden älter.“
„Das meine ich nicht. Du kommst manchmal heim und bist noch Stunden später dort.“
„Wo?“
„Auf dem Schlachtfeld. Du sitzt hier, aber eigentlich bist du noch bei den Männern, die du bekämpft hast.“
„Ich tue, was notwendig ist.“
„Das habe ich nicht bestritten. Ich will nur, dass du wieder heimkommst.“
Maranos runzelte die Stirn. „Ich sitze direkt vor dir.“
Sie lächelte traurig. „Ich weiß.“

Damals hatte er nicht verstanden, was sie meinte. Oder er wollte es nicht verstehen. Trotzdem waren sie glücklich. Nicht vollkommen, aber echt. Elly blieb Seefahrerin. Maranos hätte ihr ein Leben in Luxus bieten können, doch sie hätte ihn ausgelacht. Die See gehörte zu ihr.

Bis zu jener Fahrt.

Es sollte eine längere Handelsreise werden auf einem großen, schwer beladenen Schiff. Am Morgen der Abreise begleitete Maranos sie zum Hafen.
„Du hast alles?“, fragte er.
„Ja.“
„Geld?“
„Ja.“
„Heiltrank?“
„Ja.“
„Ersatzstiefel?“
Elly blieb stehen. „Maranos, ich fahre seit Jahren zur See. Du benimmst dich, als würde ich zum ersten Mal ein Schiff sehen.“
„Ich frage lediglich.“
„Du kontrollierst.“
„Das ist ein Unterschied.“
„Nein.“
Sie grinste, und als das Schiff zur Abfahrt bereit war, trat sie näher zu ihm. „Einige Wochen.“
„Vielleicht länger.“
„Dann eben länger.“
Maranos nickte. Elly legte die Arme um seinen Hals und hielt ihn fest, länger als er es normalerweise zugegeben hätte.
„Ich komme wieder“, versprach sie.
„Das solltest du.“
„Schon wieder dieser Befehlston!“
„Ich meine es ernst.“
Sie küsste ihn und ging über die Planke. Auf halbem Weg drehte sie sich noch einmal um: „Und räum nicht meine Sachen weg!“
„Dann lass sie nicht überall liegen!“, rief er zurück.

Das Schiff legte ab, und Maranos blieb am Kai stehen, bis es nur noch ein dunkler Punkt am Horizont war.

Die ersten Tage verliefen normal. Er arbeitete, besuchte den Orden und las. Abends war das Haus ungewohnt still, aber er kannte das. Dann kamen die ersten Nachrichten über einen schweren Sturm. Zwei Schiffe waren beschädigt eingelaufen, ein weiteres wurde vermisst. Maranos fragte nach Ellys Schiff.
„Verspätung“, hieß es.
Das war möglich. Also wartete er. Er kam jeden Tag zum Hafen. Zunächst kannten die Arbeiter ihn nur als den gut gekleideten Mann, der nach einem bestimmten Schiff fragte; nach einigen Tagen kannten sie seinen Namen.
„Noch nichts, Herr von Ascheberg.“
„Morgen“, antwortete er immer.
„Vielleicht.“
Doch Maranos hörte nur das erste Wort: Morgen.

Dann kamen Seeleute zurück, die den Sturm überlebt hatten. „Habt ihr die Silbermöwe gesehen?“, fragte er.
„Nein.“
„Irgendein Schiff auf ihrer Route?“
„Nur Trümmer.“

Maranos begann, Karten auszubreiten. Er analysierte Strömungen, Routen und Windrichtungen. Für alles fand er eine Erklärung, nur nicht für eine einzige Sache: Warum keine Nachricht kam. Dann fand man Trümmer. Kisten, Stoffballen, ein Stück des Rumpfes. Das Zeichen war eindeutig.

Im Hafenbüro erklärte ihm der Hafenmeister vorsichtig: „Wir gehen davon aus, dass das Schiff im Sturm gesunken ist.“
Maranos sah ihn an. „Davon geht ihr aus. Ihr wisst es nicht.“
Der Hafenmeister schwieg.
„Dann sucht weiter. Bis ihr sie findet.“
„Herr von Ascheberg…“
„Bis ihr sie findet!“

Sie suchten. Tage lang war Maranos jeden Morgen am Hafen. Bei Regen, vor Sonnenaufgang, bis tief in die Nacht. Ein alter Arbeiter brachte ihm wortlos einen Stuhl. Die Leute begannen, ihm aus dem Weg zu gehen – nicht aus Angst, sondern aus Mitleid. Das war schlimmer.

Nach vier Wochen hörte Maranos auf zu fragen. Nicht, weil er es akzeptiert hatte, sondern weil er wusste, welche Antwort er bekommen würde. Er ging nach Hause in das stille Anwesen. Im Wohnzimmer lag Ellys Buch. Zwischen den Seiten steckte ein Zettel mit einer Einkaufsliste und einem Hinweis an einen Diener. Am unteren Rand stand in ihrer Schrift: *Maranos daran erinnern, nicht alle Bücher auf meinem Platz abzulegen.*

Er las den Satz dreimal. Sein Atem veränderte sich. Er setzte sich, legte die Hände vor das Gesicht und flüsterte ein einziges Wort: „Verdammt.“
Danach kam nichts. Keine große Rede, keine Magie. Nur Stille, bis der Kamin beinahe ausgebrannt war. Eine ältere Dienerin fragte leise: „Herr?“
„Geht“, antwortete er, ohne sich umzudrehen. „Geht!“

Maranos griff nach Ellys Becher, der noch dort stand, als würde sie gleich zurückkehren. Die Stille wurde unerträglich.
„Du hast gesagt, du kommst zurück“, flüsterte er. Keine Antwort. „Du hast es gesagt!“
Er schleuderte den Becher gegen die Wand. Das Metall schlug hart auf den Stein. Maranos sprang auf, sein Stuhl kippte um. „Du hast es mir versprochen!“

Die Worte hallten durch das Haus. Er schrie die Diener hinaus, bis er allein war. Und dann brach etwas in ihm auf, das er Wochen lang zusammengehalten hatte. Die erste Welle Magie kam unkontrolliert; die Fenster zerbarsten, Glas flog in den Hof. Doch statt sich zu beruhigen, machte ihn der Kontrollverlust nur noch wütender.
„Warum?!“

Feuer entstand an seinen Händen. Es war nicht mehr die disziplinierte Magie des Magiers, es war ein Toben. Eine Wand fing Feuer, ein Tisch zerbrach, die Wut fand kein Ziel und nahm daher alles. Er riss Ellys Mantel vom Haken und warf ihn zu Boden. Das Feuer griff auf die Treppe über, eine Tür schlug aus den Angeln, die Decke begann zu bröckeln.

Draußen im Hof standen die Diener und wagten es nicht, sich ihm zu nähern. Maranos schrie erneut, und die Magie antwortete mit einer Explosion. Mauern rissen, der Dachstuhl fing Feuer, ein Baum im Garten brannte. Das Familienanwesen, das Generationen überstanden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zerstört.

Maranos bemerkte es kaum. Er stand mitten in der Halle, umgeben von Flammen, Trümmer und Rauch. In seinem Kopf hämmerte nur ein Satz: *Ich komme zurück. Ich komme zurück. Ich komme zurück.*

Als ein Teil der Decke einbrach, sank Maranos auf die Knie. Er weinte offen und unkontrolliert. Niemand sah es. Es war das letzte Mal seit sehr langer Zeit, dass Maranos van Ascheberg sich erlaubte, einfach nur zu trauern.

Als er den Kopf hob, spiegelte sich das Feuer in seinen Augen. Doch das Rot verschwand nicht, als er sich abwandte. Er sah in eine Glasscherbe: Seine Augen waren blutrot. Nicht leuchtend, nicht als Effekt – einfach rot.

Er sah sein Spiegelbild lange an: ein junger Mann mit Ruß im Gesicht, Tränen in den Augen und einem brennenden Haus hinter sich. Etwas in ihm war fort. Vielleicht die Hoffnung oder der Glaube, dass am Ende alles gut wird. Malion hatte ihm nie versprochen, dass es gut werden würde. Malion sprach von Furcht, Macht und dem Überleben. Zum ersten Mal verstand Maranos diese Lehren nicht nur mit dem Verstand; er fühlte sie. Er war machtlos gewesen, und dieses Gefühl hasste er mehr als alles andere.

Er erhob sich langsam. „Nie wieder“, sagte er. Es war ein Versprechen an sich selbst. Nie wieder sollte er hilflos warten. Nie wieder sollte er verlieren, weil andere Mächte stärker waren.

Von jener Nacht an folgte er dem Orden nicht mehr aus Loyalität, sondern aus tiefer Überzeugung. Die Furcht war keine Lehre mehr, sie war die Wahrheit. In den Jahren danach wurde er zu einem Mann, dessen Name auf Schlachtfeldern geflüstert wurde. Er verlor die letzte Zurückhaltung. Wer ihm gegenüberstand, erhielt keine Gnade. Er wollte, dass seine Feinde Angst bekamen, sobald sie seinen Namen hörten.

Irgendwann führten ihn seine Schritte an die Spitze der Nok’Tau. Doch tief in ihm blieb immer das Haus, der Kamin, der Hafen und Elly.

***

Maranos öffnete die Augen. Er war wieder in der Ruine. Der Ring lag in seiner Hand, seine Finger hatten sich so fest darum geschlossen, dass das Metall einen Abdruck in seiner Haut hinterlassen hatte.
„Genug“, atmete er schwer. Doch die Erinnerung ließ ihn nicht los. Elly am Hafen, Elly im Garten, Elly mit diesem verdammten Grinsen. Und dann wieder das Meer. Leeres Wasser. Wrackteile. Das Hafenbüro.

Maranos stand abrupt auf, wobei der alte Stuhl neben ihm umkippte. „Genug!“
Diesmal schrie er es. Er schloss die Augen, doch sofort war sie wieder da: *Ich komme zurück.*
„Genug!“
Die Magie brach aus ihm heraus – ungeplant, unkontrolliert. Jahrzehnte lagen zwischen damals und heute, doch es war dasselbe Feuer. Die alten Fenster zerbarsten, eine Druckwelle ging durch das Gebäude. Maranos taumelte zurück, doch er hielt nicht inne. Seine Wut war zurückgekehrt, unverändert und tiefer als je zuvor.

„Ihr habt mir alles genommen!“
Er wusste nicht, wen er meinte: die Welt, das Meer, das Schicksal oder Gott. Feuer raste durch die Räume, Steine stürzten herab. Maranos hob die Hände, und die Erde unter dem Haus erzitterte. Das letzte Dachstück stürzte ein. Maranos ließ es geschehen; er wollte es sogar. Jeder fallende Stein fühlte sich an wie ein Schlag gegen den Sturm, gegen das Meer, gegen die Vergangenheit.

Die Ruine wurde endgültig zerstört. Erst dann merkte Maranos, dass er zu weit gegangen war. Er stand im Hof, seine Hände brannten magisch, die roten Augen glühten im Rauch. Er sah die Verwüstung – nicht als Triumph, sondern einfach als Trümmerhaufen.

Er senkte langsam die Hände. Die Flammen erloschen allmählich. Er blieb lange stehen, dann hörte er sich selbst bitter lachen. „Sehr erwachsen.“

Er sah zum ehemaligen Garten. Elly hätte ihn beschimpft. Ausführlich. Wegen der Bäume, wegen des Hauses, wegen allem. Wahrscheinlich hätte sie die Hände in die Hüften gestemmt und gefragt: „Bist du jetzt fertig?“

Maranos schloss die Augen und ließ die Erinnerung zu. Nicht den Sturm, nicht den Tod, sondern nur sie. Elly am Hafen. Das erste Grinsen. *„Du klingst wie jemand, der immer recht haben muss.“*
Maranos sah auf den Ring. „Ich hatte recht“, flüsterte er mit einem schwachen Lächeln. „Meistens.“

Er ging zurück zum zerstörten Kamin und blieb davor stehen. Die namenlose Frau im Kloster kam ihm in den Sinn. Ihre Art zu widersprechen, ihr ruhiger Spott, die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn behandelte, ohne sich einschüchtern zu lassen. Sie war nicht Elly – das wusste er. Sie sah nicht aus wie sie, sie sprach nicht wie sie. Aber vielleicht hatte gerade deshalb dieser Gedanke so lange in ihm gearbeitet. Nicht, weil er glaubte, Elly zurückholen zu können – Maranos war nicht dumm, die Vergangenheit war tot und schwarze Magie änderte daran nichts.

Doch ein Name konnte etwas anderes sein. Keine Wiederbelebung, keine Täuschung, sondern eine Erinnerung. Ein kleiner Teil von etwas, das er jahrzehntelang in sich eingeschlossen hatte.

Maranos steckte den Ring vorsichtig in die Innentasche seines Mantels und überprüfte, ob sie richtig geschlossen war. Dann sah er ein letztes Mal über die Ruinen.
„Du würdest sie mögen“, sagte er leise. „Vermutlich. Oder ihr würdet euch gegen mich verbünden.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit lachte Maranos ehrlich.

Dann drehte er sich um. Der Weg zurück nach Düsterhafen lag vor ihm. Dort warteten das Kloster, das Labor und sie. Maranos machte einige Schritte, blieb dann aber stehen. Er hatte über mächtige, alte Namen nachgedacht, Namen, die Furcht erzeugten. Völliger Unsinn. Sie brauchte keinen Namen, der anderen erklärte, was sie war. Sie brauchte einen Namen, mit dem er sie ansprechen konnte. Einen Namen, der etwas bedeutete – nur für ihn.

Maranos legte kurz die Hand auf die Innentasche seines Mantels und ging weiter. Während hinter ihm die letzten Überreste seines alten Lebens im Rauch verschwanden, sprach er den Namen zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder aus. Ganz leise, als müsse er erst hören, wie er heute klang.

„Elly.“

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 25 Sep 2026, 14:17

In den Tagen nach ihrer letzten Untersuchung hatte sich etwas verändert. Nicht im Kloster. Nicht im Aderwerk. Auch nicht in Düsterhafen.
Dort lief alles weiter wie zuvor. Die Arena füllte sich Abend für Abend, und tief unter ihren steinernen Rängen nahm das Netz die Furcht der Menschen auf. Die schwarzen Steine in den Gewölben pulsierten in ihrem ruhigen Takt, während Diener kamen und gingen, neue Gänge ausgebaut wurden und irgendwo hinter schweren Türen jene Arbeiten fortgeführt wurden, über die außerhalb des engsten Kreises niemand etwas wissen durfte.
Auch die Frau hatte sich mit ihrer Grenze abgefunden. Zumindest schien es so.

Sie stellte nicht mehr jeden Abend die gleichen Fragen und versuchte nicht mehr, mit Gewalt einen weiteren Schritt zu erzwingen. Die Macht, die sie inzwischen besaß, war ohnehin gewaltig. Ihre Anwesenheit allein genügte, um einen Raum zu verändern. Selbst jene Diener, die täglich mit ihr zu tun hatten, begegneten ihr mit einer Mischung aus Respekt und jener leisen Unsicherheit, die Maranos mittlerweile gut kannte.
Doch gerade weil sie sich verändert hatte, begann er selbst über etwas nachzudenken, dem er bisher erstaunlich wenig Bedeutung beigemessen hatte.

Sie hatte keinen Namen.

Natürlich hatte sie nie einen gebraucht. Als sie noch nichts weiter als eine Stimme aus der Dunkelheit gewesen war, wäre ein Name beinahe lächerlich erschienen. Maranos hatte mit ihr gesprochen, sie hatte geantwortet, und beide hatten jederzeit gewusst, wer gemeint war. Auch nachdem sie durch den Spalt gekommen war, hatte sich daran zunächst nichts geändert. Sie war einfach sie gewesen. Die Frau. Die Gestalt.
Für die Diener jene geheimnisvolle Person, die plötzlich an Maranos' Seite erschienen war und offenbar das Recht besaß, sich im Kloster beinahe ebenso frei zu bewegen wie er selbst.
Doch inzwischen störte ihn diese Namenlosigkeit.Vielleicht gerade deshalb, weil sie inzwischen so wirklich geworden war. Sie hatte einen Körper. Einen eigenen Willen. Eigene Ansichten.Sie widersprach ihm, verspottete ihn gelegentlich, saß mit ihm bei einem Glas Wein und konnte genauso gut stundenlang schweigend neben ihm stehen. Ein namenloses Wesen war sie längst nicht mehr.Und dennoch fand Maranos keinen Namen, der ihm richtig erschien.

Er hatte einige ausprobiert. Nur für sich. Keinen davon hatte er ausgesprochen. Manche klangen zu weich. Andere zu künstlich.Wieder andere erinnerten ihn zu sehr an die Namen irgendwelcher Dämonen aus alten Büchern, und genau das wollte er vermeiden. Sie war kein Dämon, den er aus einem Kreis gezwungen hatte. Keine beschworene Dienerin. Kein Werkzeug. Und vielleicht war genau das sein Problem. Er versuchte, einen Namen für etwas zu finden, das er selbst noch nicht vollständig verstanden hatte.

Eines Abends wurde ihm das alles zu eng.
Maranos legte die Feder beiseite, mit der er seit beinahe einer Stunde auf demselben Pergament herumgeschrieben hatte, ohne auch nur einen brauchbaren Satz zustande zu bringen.
Die Frau saß einige Schritte entfernt und las in einem seiner Bücher. Sie hatte offensichtlich bemerkt, dass er längst nicht mehr arbeitete.

„Du starrst seit geraumer Zeit auf dieselbe Stelle.“

Maranos blickte nicht zu ihr.
„Dann solltest du weniger auf mich achten und mehr lesen.“

„Ich kann beides.“

„Bedauerlich.“

Sie blätterte ruhig eine Seite um.
„Du bist unruhig.“

Diesmal sah er zu ihr.
„Ich bin nicht unruhig.“

„Natürlich nicht.“ Dieser Ton.

Maranos kannte ihn inzwischen. Sie glaubte ihm kein Wort. Er stand auf, griff nach seinem Mantel und zog ihn über. Nun legte auch sie das Buch beiseite.

„Wohin gehst du?“

„Hinaus.“

„Das habe ich beinahe vermutet.“

Maranos befestigte den Verschluss seines Mantels.
„Dann war die Frage unnötig.“

Sie beobachtete ihn einen Moment.
„Soll ich mitkommen?“

Er hielt kurz inne.Nicht lange.
„Nein.“

Es lag keine Härte in seiner Antwort. Gerade das ließ sie aufmerksamer werden. Normalerweise hätte sie eine Bemerkung gemacht. Vielleicht etwas Spöttisches. Vielleicht hätte sie einfach beschlossen, trotzdem mitzukommen.
Diesmal tat sie es nicht. Maranos ging zur Tür. Er hatte sie bereits geöffnet, als ihre Stimme hinter ihm erklang.
„Maranos.“

Er blieb stehen.
„Was?“

„Komm zurück.“

Für einen Augenblick sagte er nichts.Dann sah er über die Schulter. Sie saß noch immer dort, das Buch vor sich, aber ihre Augen ruhten auf ihm. Es war eine seltsame Bitte.
Fast menschlich. Vielleicht war gerade deshalb seine Antwort ungewöhnlich ruhig.

„Das hatte ich vor.“

Dann ging er. Düsterhafen wirkte in dieser Nacht anders. Vielleicht lag es nur daran, dass Maranos diesmal kein Ziel hatte. Normalerweise ging er durch diese Straßen und sah Möglichkeiten.
Er beobachtete Wachwege, Menschenansammlungen, Handelsplätze und jene unscheinbaren Ecken, an denen sich eines seiner Zeichen besonders gut verbergen ließ. Er wusste inzwischen, an welchen Häusern Runen verborgen waren und unter welchen Straßen das Aderwerk verlief. Heute versuchte er, nichts davon zu sehen. Er ging einfach. Ohne Diener. Ohne Begleitung. Die Kapuze seines Mantels tief im Gesicht. Niemand schenkte ihm besondere Aufmerksamkeit.
Ein Mann ging an ihm vorbei und fluchte über seinen verlorenen Einsatz in der Arena. Zwei Seeleute stritten am Eingang einer Taverne darüber, wer am nächsten Morgen Dienst hatte. Eine Frau schloss die Fensterläden ihres Hauses, während irgendwo in einer Seitengasse jemand laut lachte. Normales Leben.
Maranos blieb für einen Moment stehen und betrachtete die Menschen. Wie wenig sie wussten. Unter ihren Füßen verliefen seine Linien. Ihre Sorgen flossen durch seine Steine. Ihre Furcht nährte etwas, dessen Existenz sie nicht einmal erahnten.
Früher hätte ihm dieser Gedanke Genugtuung bereitet. Heute dachte er kaum darüber nach. Er ging weiter. Je weiter er sich vom Zentrum entfernte, desto ruhiger wurden die Straßen. Die Stimmen verschwanden hinter ihm, und irgendwann hörte er nur noch seine eigenen Schritte auf dem Pflaster. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu ihr zurück. Zu der Frau. Zu der namenlosen Gestalt, die inzwischen beinahe selbstverständlich Teil seines Lebens geworden war.
Wann war das geschehen? Maranos wusste es nicht. Vielleicht bereits damals, als sie nur eine Stimme gewesen war. Vielleicht noch früher. Manche ihrer Bemerkungen hatten sich schon damals merkwürdig vertraut angefühlt.
Ihre Art, ihm zu widersprechen.

Dieses gelegentliche Lachen, wenn er wieder einmal glaubte, etwas vollkommen unter Kontrolle zu haben. Die Geduld, mit der sie ihn beobachtete. Und gleichzeitig die bemerkenswerte Fähigkeit, ihm mit wenigen Worten auf die Nerven zu gehen.
Er blieb erneut stehen. Sein Blick fiel auf eines der Häuser. Im oberen Stockwerk brannte noch Licht. Hinter einem dünnen Vorhang bewegten sich zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Einer der beiden stellte offenbar etwas auf einen Tisch, der andere setzte sich dazu.
Eine vollkommen belanglose Szene.

Maranos sah länger hin, als notwendig gewesen wäre. Dann ging er weiter. Irgendwann führten ihn seine Schritte aus Düsterhafen hinaus. Er hatte noch immer kein Ziel. Zumindest redete er sich das ein. Doch als die ersten Mauern der alten Festung in der Dunkelheit sichtbar wurden, wusste er, dass das nicht stimmte. Die Festung war still. Vieles hatte sich verändert. Manches war verfallen, anderes nur noch eine Erinnerung an das, was hier früher gewesen war. Der Wind zog durch offene Mauern und über alte Steine, auf denen einst Männer gestanden hatten, deren Namen heute kaum noch jemand kannte. Maranos ging langsam hindurch. Er kannte diesen Ort. Nicht nur die Wege. Die Erinnerungen. Manche davon lagen so weit zurück, dass sie ihm beinahe wie das Leben eines anderen Mannes erschienen.
Er ließ die Finger über eine alte Mauer gleiten. Kalter Stein. Nichts weiter. Und doch blieb er einen Moment dort stehen. Früher hatte er geglaubt, Festungen müssten aus Mauern bestehen, Aus Türmen, Toren und Soldaten.

Heute wusste er es besser.

Seine neue Festung lag unter einer Stadt, die nicht einmal wusste, dass sie Teil davon war. Vielleicht war er klüger geworden. Vielleicht nur vorsichtiger. Oder älter. Diesen Gedanken mochte er nicht besonders.
Er ging weiter bis dorthin, wo sich vor ihm das Meer öffnete. Dunkel lag es vor ihm. Der Himmel darüber war beinahe ebenso schwarz, sodass Horizont und Wasser stellenweise ineinander verschwammen.
Maranos setzte sich auf einen alten Stein. Zum ersten Mal seit langer Zeit tat er nichts. Keine Pläne.


Er sah einfach hinaus.
Das Meer hatte ihn immer fasziniert. Man konnte darüber herrschen wollen. Häfen bauen. Schiffe schicken. Karten zeichnen. Und trotzdem blieb es etwas, das sich niemals wirklich kontrollieren ließ.
Vielleicht war es gerade deshalb so beruhigend. Maranos zog den Mantel enger. Seine Gedanken wanderten weiter. Zurück. Weiter zurück.

Lange bevor Düsterhafen.
Lange bevor das Kloster.
Bevor das Labor.
Bevor jene schwarze Flamme.

Und schließlich kam eine Erinnerung, die er seit Jahren kaum noch zugelassen hatte. Ein Haus. Ein Kamin. Ein anderer Maranos. Er stand auf.Diesmal wusste er genau, wohin er wollte.



Der Weg war weit. Er hätte ein Pferd nehmen können. Er hätte Magie nutzen können. Tat er aber nicht.Maranos ging zu Fuß. Stunde um Stunde. Vielleicht brauchte er die Zeit.
Vielleicht hatte er Angst davor, zu schnell anzukommen. Auch diesen Gedanken hätte er jedem anderen gegenüber bestritten. Gegen Morgen erschien schließlich das alte Anwesen der Familie.
Es stand noch. Gerade so. Der Garten war längst verwildert. Efeu hatte Teile der Mauern erobert und einige Fenster waren blind geworden. Wo früher Wege gewesen waren, wuchs hohes Gras.
Maranos blieb vor dem Tor stehen. Lange. Dann drückte er es auf. Das alte Eisen gab mit einem krächzenden Laut nach. Er erinnerte sich an dieses Geräusch. Natürlich klang es inzwischen anders.
Und trotzdem erinnerte er sich. Seine Schritte wurden langsamer, als er auf das Haus zuging. Hier hatte niemand Runen gesetzt. Niemand hatte schwarze Steine verborgen. Keine Diener warteten hinter Türen.

Es gab keine Angst zu ernten. Nur Vergangenheit. Die Haustür klemmte. Maranos drückte stärker dagegen, bis sie sich schließlich öffnete. Staub lag auf dem Boden.
Der Geruch alten Holzes erfüllte die Räume. Er ging langsam hindurch. Manche Möbel waren noch vorhanden. Andere fehlten. Einige Türen standen offen.
Er wusste noch, was hinter jeder gelegen hatte. Das Arbeitszimmer. Der Speiseraum. Die kleine Kammer neben der Küche. Er blieb nicht stehen. Sein Weg führte ihn in den großen Wohnraum.
Dort stand der Kamin.Maranos blieb an der Tür stehen.

Nun wusste er endgültig, weshalb er hierher gekommen war.Er hatte seit Jahren nicht daran gedacht. Zumindest hatte er versucht, nicht daran zu denken. Langsam ging er zum Kamin.
Seine Hand strich über den Sims. Staub blieb an seinen Fingern hängen.

„Natürlich“, murmelte er. Fast hätte er gelacht.

Manche Dinge änderten sich offenbar niemals. Er kniete sich hin. Links neben dem Kamin befand sich ein kleiner Stein. Für jeden anderen Teil der Mauer. Maranos drückte dagegen.
Nichts. Er runzelte die Stirn. Noch einmal. Dann erinnerte er sich. Nicht drücken. Erst drehen. Der Stein gab nach. Dahinter öffnete sich ein schmaler Hohlraum. Maranos griff hinein.
Seine Finger ertasteten Holz. Eine kleine Schatulle. Er zog sie heraus. Für einige Augenblicke hielt er sie einfach in den Händen. Dann öffnete er sie. Darin lag ein Ring. Schlicht.
Ohne großen Stein. Ohne auffällige Verzierung. Nur ein Hochzeitsring.

Sein Hochzeitsring. Maranos bewegte sich nicht. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Nur wenig. Ein Fremder hätte es wahrscheinlich nicht bemerkt. Doch hier war niemand.
Niemand, vor dem er etwas verbergen musste. Er nahm den Ring zwischen Daumen und Zeigefinger. Das Metall war kalt. Er erinnerte sich daran, wann er ihn zuletzt getragen hatte.
Oder glaubte sich zu erinnern. Manche Dinge verschwammen nach so vielen Jahren. Andere nicht. Eine Stimme. Ein Lachen. Ein Blick.
Ein Streit wegen irgendeiner vollkommen belanglosen Sache, die ihm damals wichtig erschienen war. Ein gemeinsames Essen. Eine Hand in seiner.
Maranos setzte sich vor den Kamin auf den staubigen Boden.

Der mächtige Magier. Der Diener Malions. Der Mann, unter dessen Kloster schwarze Feuer brannten und dessen Netz inzwischen die Furcht einer ganzen Stadt sammelte.
Er saß auf dem Boden seines alten Hauses und hielt einen Ring in der Hand. Lange geschah nichts.
Er drehte ihn zwischen den Fingern.

„Was würde sie dazu sagen?“

Seine Stimme klang seltsam in dem leeren Raum. Keine Antwort. Natürlich nicht. Maranos schnaubte leise.

„Wahrscheinlich etwas Unverschämtes.“
Diesmal musste er tatsächlich kurz lächeln. Doch das Lächeln verschwand schnell wieder. Seine Gedanken wanderten zu der Frau im Kloster. Zu ihr und ihrer Namenlosigkeit.
Er hatte nach mächtigen Namen gesucht. Alten Namen. Dunklen Namen. Namen, die zu ihrer Aura passten. Wie dumm. Vielleicht brauchte sie keinen Namen, der erklärte, was sie war.
Vielleicht brauchte sie einfach einen Namen. Einen, den er aussprechen konnte, ohne jedes Mal an das Wesen hinter dem Namen zu denken. Er betrachtete den Ring.
Und plötzlich verstand er, weshalb ihn ihre Art manchmal so irritierte. Nicht weil sie jemandem vollkommen glich.

Das tat sie nicht. Ihre Stimme war anders. Ihr Gesicht war anders. Ihr Lachen war anders. Und trotzdem gab es diese kleinen Augenblicke.
Diese Art, ihn anzusehen, wenn er sich wieder einmal in irgendeiner Idee verrannte. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihm widersprach.
Dieses beinahe amüsierte Schweigen, wenn sie längst wusste, dass er falsch lag, ihn aber noch ein wenig weiterreden ließ.

Maranos schloss die Hand um den Ring. Nein. Sie war nicht dieselbe. Er würde niemals so töricht sein, sich das einzureden. Vielleicht war gerade das der Punkt.
Er wollte ihr keinen Namen geben, um jemanden zurückzuholen. Vergangenheit ließ sich nicht zurückholen. Auch nicht mit schwarzer Magie.
Auch nicht mit all der Macht, die inzwischen unter Düsterhafen floss. Und vielleicht war es eine der wenigen Grenzen, die selbst er irgendwann akzeptieren musste.
Doch Namen trugen Erinnerungen. Nicht Körper. Nicht Seelen. Erinnerungen. Maranos blieb noch lange vor dem alten Kamin sitzen. Als draußen langsam das erste fahle Licht durch die schmutzigen Fenster fiel, steckte er den Ring nicht zurück in die Schatulle. Er betrachtete ihn ein letztes Mal. Dann schob er ihn in eine kleine Innentasche seines Mantels. Dorthin, wo er ihn nicht verlieren würde. Er erhob sich langsam. Sein Blick wanderte noch einmal durch den Raum.

„Also gut.“

Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Er dachte an die Frau, die im Kloster auf ihn wartete. Vielleicht saß sie inzwischen wieder an seinem Tisch.
Vielleicht hatte sie längst eines seiner Bücher genommen, obwohl er ihr schon mehrfach gesagt hatte, sie solle seine Aufzeichnungen nicht ohne ihn durchsehen.
Wahrscheinlich würde sie ihn fragen, wo er gewesen war. Er würde ihr vermutlich keine vernünftige Antwort geben. Sie würde ihn ansehen.
Dieses leichte Lächeln. Diese hochgezogene Augenbraue. Und irgendwann würde sie wahrscheinlich wieder fragen, ob er endlich einen Namen für sie gefunden hatte.

Maranos ging zur Tür. Kurz davor blieb er noch einmal stehen. Seine Hand glitt unbewusst zu jener Stelle seines Mantels, an der der Ring lag. Er schloss die Augen.
Nur für einen Moment. Dann sagte er den Namen zum ersten Mal laut.

„Elly.“

Die Fremde

von Maranos van Ascheberg » 24 Sep 2026, 13:54

Das Labor lag still. Nur das dumpfe Glimmen einiger Runen durchbrach die Dunkelheit des Gewölbes. Der Riss, der sich zuvor mit solcher Gewalt geöffnet hatte, war längst wieder verschwunden.
Doch etwas war geblieben. Sie oder war es doch mehr ein wirklich ...ES. Maranos stand einige Schritte von der Fremden entfernt und betrachtete sie schweigend.
Seit Stunden hatte er versucht, eine Erklärung für ihre Existenz zu finden. Er hatte alte Schriften hervorgeholt. Aufzeichnungen aus Iomen. Fragmente über Beschwörungen,
Dämonologie und Wesen, deren Namen längst aus den Büchern der Menschen verschwunden waren. Nichts passte, Keine der bekannten Beschwörungsformeln erklärte, warum sie den Übergang überlebt hatte.
Keine Rune an ihrem Körper verriet ihre Herkunft. Keine Spur einer gewöhnlichen Bindung war vorhanden. Maranos schloss langsam eines der Bücher.

Sein Blick wanderte wieder zu ihr.
„Was bist du?“

Die Fremde sah ihn an. Keine Angst und keine Unterwürfigkeit. Aber auch keine offene Feindseligkeit. Nur dieses seltsame, beinahe neugierige Schweigen.
Maranos trat näher. Er hatte Dämonen gesehen und er hatte sie beschworen. Er hatte sie gebunden, vernichtet und gegeneinander gehetzt.
Doch bei ihr war etwas anders. Sie war kein Dämon, wie er sie kannte. Keine beschworene Dienerin. Kein Werkzeug.Nicht einmal die Art von Wesen, die gewöhnlich auf einen Ruf aus den anderen Ebenen antwortete.
Und dennoch war da etwas in ihr. Etwas Dunkles. Etwas Altes. Maranos konnte es spüren. Wie einen Schatten hinter einem Schatten.

„Du bist durch meinen Riss gekommen.“
Zum ersten Mal antwortete sie.
„Vielleicht.“

Maranos hob leicht eine Braue.
„Vielleicht?“

Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Vielleicht hast du den Riss geöffnet.“

Sie machte eine kurze Pause.
„Vielleicht habe ich ihn nur benutzt.“

Maranos schwieg. Eine Antwort, die ihn normalerweise verärgert hätte. Doch diesmal nicht. Im Gegenteil, sie weckte seine Neugier. Er umrundete sie langsam.
Seine magischen Sinne tasteten nach ihrer Aura. Doch jedes Mal, wenn er glaubte, etwas greifen zu können, entzog es sich ihm wieder.
Als würde etwas in ihr bewusst verhindern, dass er ihre wahre Natur erkannte.

Seine Augen ruhten auf ihr:
„Du erinnerst dich an nichts?“

Ein leichtes einatmen:
„An Dinge.“

kurz hob er seine Augenbraue:
„Welche Dinge?“

Sie sah ihn lange an.

„Nicht an die, die du wissen möchtest.“

Wieder dieses Lächeln. Maranos blieb vor ihr stehen. Andere Wesen hätten für eine solche Antwort längst Schmerz erfahren. Doch bei ihr verspürte er keinen Zorn.
Das störte ihn beinahe mehr als ihre Existenz selbst. Die folgenden Tage verbrachte er damit, sie zu beobachten. Er stellte Fragen. Viele davon beantwortete sie nicht.
Andere beantwortete sie auf eine Weise, die nur weitere Fragen hinterließ. Manchmal saß sie stundenlang schweigend im Labor und beobachtete Maranos bei seiner Arbeit.
Sie berührte nichts. Störte ihn nicht. Und dennoch bemerkte er ihre Anwesenheit ständig. Mehr als einmal ertappte er sich dabei, wie sein Blick von seinen Büchern zu ihr wanderte.
Nicht aus Misstrauen. Zumindest redete er sich das ein. Eines Abends legte Maranos die Feder zur Seite.
„Du brauchst einen Namen.“

Die Fremde sah zu ihm.

„Warum?“

„Weil ich dich nicht für den Rest deiner Existenz mit ‚du dort‘ ansprechen werde.“

Ein schwaches Lächeln.

„Und welchen Namen würdest du mir geben?“

Maranos antwortete nicht sofort. Zum ersten Mal seit langer Zeit war eine Frage gestellt worden, auf die kein Buch und kein Ritual eine Antwort geben konnte.
Er betrachtete sie. Die Fremde aus dem Riss. Das Wesen, das nicht in seine Aufzeichnungen passte. Ein Rätsel, das eigentlich nur ein weiterer Gegenstand seiner Forschung hätte sein sollen.
Doch längst war sie mehr als das geworden. Noch wusste Maranos nicht, was. Und vielleicht war genau das der Grund, warum er sie nicht fortschickte. Warum er sie nicht band.
Warum er sie nicht vernichtete. Er wandte sich wieder seinen Büchern zu.

„Ich werde darüber nachdenken.“

Hinter ihm hörte er ihre Stimme.

„Dann lass dir etwas Besseres einfallen als ‚Fremde‘.“

Maranos hielt kurz inne. Ein kaum sichtbares Lächeln zog über sein Gesicht. Dann blätterte er weiter.

Doch an diesem Abend las er keine einzige Zeile wirklich.

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 23 Sep 2026, 15:11

Die ersten verschwanden beinahe unbemerkt. Ein Trinker, der seine Nächte ohnehin in den Gassen verbrachte. Ein Reisender ohne Familie. Ein Dieb, dessen Fehlen niemand meldete.
Später wurden die Opfer sorgfältiger gewählt. Menschen mit ungewöhnlicher Widerstandskraft. Magiebegabte und solche, die schon einmal mit dunklen Kräften in Berührung gekommen waren.
Maranos ließ niemanden wahllos holen. Jeder hatte einen Zweck und jeder war Teil einer Frage und jede Frage verlangte eine Antwort.

Die Zellen unter dem Kloster füllten sich langsam. Man hörte nachts Schritte. Das Öffnen schwerer Türen. Das Klirren von Ketten. Dann wieder Stille. Die Diener erledigten ihre Arbeit, ohne nach Gründen zu fragen.
Einige hatten gelernt, dass es besser war, nicht in die Gesichter derer zu sehen, die in die Tiefe gebracht wurden. Andere betrachteten sie überhaupt nicht mehr als Menschen. Nur noch als Material.
Maranos hingegen betrachtete sie sehr genau. Nicht aus Grausamkeit oder aus Mitleid, sondern mit der ruhigen Aufmerksamkeit eines Gelehrten. Er studierte ihre Reaktionen.
Auf Angst, auf die Magie, auf Dunkelheit, auf Feuer und auf jene Kräfte, die durch den Spalt drangen. Die ersten Versuche scheiterten, undzwar Vollständig.
Etwas veränderte sich in den Körpern der Gefangenen. Doch niemals so, wie Maranos es vorgesehen hatte. Manche wurden still, zu still.
Andere begannen, sich zu verändern. Ihre Bewegungen passten irgendwann nicht mehr zu ihren Körpern. Ihre Schatten folgten ihnen nicht mehr richtig. Ihre Stimmen klangen fremd.
Einige ertrugen das Licht nicht mehr. Andere wandten sich von jeder Flamme ab, obwohl sie keinerlei Hitze mehr wahrnahmen.#

Dann kamen die schlimmeren Fehlversuche.

Dinge, die nur noch entfernt an das erinnerten, was sie einmal gewesen waren. Körper, in denen zwei Wirklichkeiten gleichzeitig zu leben schienen. Maranos betrachtete sie lange.
Machmal schrieb er noch etwas auf. Eine Beobachtung oder eine Vermutung. Eine Korrektur.
Dann hob er die Hand und die Flammen kamen. Nicht hastig oder wütend. Fast feierlich. Schwarzes Feuer legte sich um die misslungenen Geschöpfe und verschlang sie vollständig.
Nichts durfte übrig bleiben. Die Diener nannten diesen Vorgang irgendwann nur noch die Reinigung.
Maranos nannte ihn Korrektur.

Die Stimme hingegen lachte. „Du wirst ungeduldig.“
Maranos schloss ein Buch. „Ich lerne.“

„Du verbrennst.“

„Das eine schließt das andere nicht aus.“

Aus der Dunkelheit kam ein leises, zufriedenes Geräusch.„Jetzt klingst du wieder wie früher.“

Maranos sah zur schwarzen Wand. „Vielleicht solltest du dich endlich zeigen.“

Eine Pause in der nur das knistern des Feuers zu hören war.

„Vielleicht solltest du endlich lernen, eine Tür richtig zu öffnen.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit lächelte Maranos.

„Dann hilf mir.“ sein Ton wurde herrischer, und schallte wieder in der größe des Labors.
„Das tue ich längst.“ Danach änderte sich die Arbeit. Die Kreise wurden größer. Die Zeichen komplizierter.
Zwölf Kerzen wurden zu vierundzwanzig. Silber wurde durch schwarzes Eisen ersetzt. Asche wurde mit Blut vermischt.
Alte Symbole wurden gelöscht und durch neue ersetzt. Maranos begann, die Magie nicht mehr gegen die Grenze zu drücken.
Er begann, sie auseinanderzuziehen, Langsam, Vorsichtig. Wie zwei schwere Vorhänge. Der erste Versuch endete in Feuer.

Der zweite ließ alle Kerzen gleichzeitig zerbersten. Beim dritten Versuch verschwand ein ganzer Tisch. Nicht verbrannt und nicht zerstört.
Einfach fort. Beim vierten Versuch wurde es für einige Herzschläge vollkommen still. Nicht nur im Labor, sondern im gesamten Gewölbe.

Kein Schritt oder Atem, nicht einmal das tropfen des Wasser. Dann kam alles zurück, auf einmal.
Beim fünften Versuch öffnete sich der Spalt.

Nicht nur einen handbreit, nicht für einen Augenblick. Er blieb, Schwarz und tief wie die Nacht. Fast unwirklich verzerrte sich die Luft darum.
Das Feuer streubte sich auf und neigte sich ihm entgegen. Selbst die Schatten schienen auf ihn zu reagieren.

Maranos stand direkt davor sein Blick und leer Ohne Angst. Auf der anderen Seite war nichts zu erkennen. Nur Dunkelheit.

Dann erklang die Stimme, nicht mehr fern, nicht mehr hinter einer unsichtbaren Grenze. Sondern direkt vor ihm.
„Du hast lange gebraucht.“

Maranos lächelte schwach.
„Du hättest auch selbst klopfen können.“

Ein leises Lachen.
„Das wäre unhöflich gewesen.“

Dann kam eine Hand durch den Spalt.

Blass und Schlank, fast makellos. Die Finger legten sich um den Rand der Dunkelheit und eine zweite Hand folgte.
Und langsam trat die Gestalt hindurch, zuerst war da nur eine Silhouette. Dann ein Gesicht. Eine Frau.
Wunderschön.

Nicht auf eine sanfte oder zerbrechliche Weise. Ihre Schönheit hatte etwas Gefährliches.Etwas Unnahbares. Etwas, das sofort den Wunsch weckte, näherzukommen und gleichzeitig Abstand zu halten.
Ihr Haar fiel dunkel über ihre Schultern, ihre Augen wirkten beinahe schwarz, bis das Feuer sich darin spiegelte. Dann zeigte sich tief darin ein dunkles Rot. Nicht unähnlich dem von Maranos.
Als ihr zweiter Fuß den Boden berührte, flackerten sämtliche Flammen im Raum. Die Diener in den äußeren Gängen blieben stehen. Keiner wusste warum, doch jeder spürte es.
Eine Präsenz, diese Macht. Eine Aura, die sich durch das Gewölbe legte, alt und schwer, forsch beherrschend

Und Maranos ebenbürtig. Zum ersten Mal seit Jahren stand jemand neben ihm, dessen Gegenwart seine eigene nicht überdeckte.
Die von seiner Macht nicht verschluckt wurde, jetzt standen beiden Kräfte nebeneinander.

Wie zwei Feuer, unterschlich Verschieden, Aber gleich groß. Die Frau sah sich im Labor um. Dann zum Ritualkreis. Zu den Büchern.
Zu den verbrannten Spuren. Schließlich wieder zu Maranos.

„Du hast es dir gemütlich gemacht.“

Maranos hob eine Augenbraue.
„Du bist undankbar.“

„Du hast fünf Versuche gebraucht.“

„Sechs.“

Sie lächelte.

„Der erste zählt nicht.“

Maranos trat näher, Kein Misstrauen. Keine Unterwürfigkeit.
Nur dieses merkwürdig vertraute Verhältnis, das schon in ihren Gesprächen gelegen hatte.

„Du siehst anders aus.“

„Du auch.“

„Ich bin älter geworden.“

„Nein.“

Sie betrachtete ihn einen Moment.

„Nur härter.“

Maranos nahm zwei Becher. Wie schon so oft. Diesmal musste er den zweiten nicht auf einen leeren Platz stellen.Sie nahm ihn selbst.

„Darauf also“, sagte sie.

„Worauf?“

Sie sah zum Spalt.

Der sich hinter ihr langsam schloss.

„Dass du endlich gelernt hast.“

Maranos hob seinen Becher.
„Darauf, dass du endlich aufgehört hast, dich zu verstecken.“

Die Becher berührten sich leise. Von diesem Tag an blieb sie in seiner Nähe. Nicht wie eine Dienerin. Nicht wie eine Gefangene. Nicht wie eine Beschworene.
Sie ging, wohin sie wollte. Sie betrat Maranos' Labor ohne Erlaubnis. Sie unterbrach seine Arbeit. Widersprach ihm. Verspottete ihn. Und manchmal saßen beide einfach schweigend im Dunkel.
Die Diener wussten nicht, wer sie war. Sie kannten keinen Namen. Niemand wagte danach zu fragen.

Doch sie lernten sehr schnell etwas anderes. Wenn Maranos den Raum betrat, senkten sie den Blick. Wenn sie den Raum betrat, taten sie dasselbe. Und wenn beide gemeinsam durch die Gänge gingen, wurde es still.
Denn unter Düsterhafen lebte nun nicht mehr nur eine Macht. Es waren zwei, Und irgendwo tief in den verbliebenen Schatten des Ritualraumes bewegte sich etwas.
Als hätte der Spalt bei seiner Schließung nicht alles zurückgelassen. Oder vielleicht...

etwas mit hindurchgelassen.

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 22 Sep 2026, 20:58

Die Nächte unter dem Kloster wurden länger. Nicht wirklich. Doch für jene, die dort unten dienten, verloren Stunden irgendwann ihre Bedeutung. Es gab kein Tageslichtund keine Fenster. Nur Fackeln.
Glut und Schatten. Und die Arbeit. Maranos hatte begonnen, sein Labor nicht mehr nur vorzubereiten. Er nutzte es. Zunächst waren es kleine Versuche gewesen. Zeichen, die auf Pergament gezogen wurden.
Flammen, die ohne Brennstoff entstanden. Schatten, die sich gegen das Licht bewegten. Doch schon bald reichte ihm das nicht mehr. Er begann mit Dingen, die selbst erfahrene Magier niemals freiwillig angerührt hätten.
Nicht weil sie unmöglich waren.
Sondern weil sie wussten, dass manche Türen besser geschlossen blieben.

Maranos sah das anders. Für ihn war eine verschlossene Tür eine Einladung. Ein Rätsel, Eine Beleidigung und so begann er, die Grenzen zu verschieben.
Im Zentrum seines Labors brannten keine gewöhnlichen Feuer mehr, die Flammen dort waren schwarz.
Nicht dunkelrot oder violett. Schwarz, sie warfen kein Licht. Sie fraßen es.

Wer ihnen zu nahekam, spürte keine Hitze auf der Haut. Nur Kälte und Tiefe. Eine Kälte, die nicht aus der Luft kam.
Sondern aus etwas anderem. Etwas, das hinter der Welt lag.
Die Diener behaupteten später, selbst das Höllenfeuer würde vor diesen Flammen zurückweichen.

Nicht weil sie heißer waren, sondern weil sie älter wirkten. Hungriger. Fremder.
Maranos experimentierte mit Kreisen, die niemals vollständig geschlossen wurden.
Mit Runen, die in keiner bekannten Sprache geschrieben standen. Mit Asche, die sich bewegte, obwohl kein Wind ging. Mit Metall, das sich in den Händen krümmte, ohne zu glühen und mit Schatten.
Vor allem mit Schatten, er stellte Kerzen auf. Zwölf, immer zwölf. Dann löschte er elf davon. Die letzte ließ er brennen.

Und obwohl sie die einzige Lichtquelle im Raum war, wurde es dunkler. Viel dunkler. Die Schatten wurden länger. Tiefe Winkel entstanden dort, wo eigentlich keine sein konnten.
Einmal stand ein Diener an der Tür und sah, wie der Schatten Maranos’ sich von seinen Füßen löste. Nur für wenige Atemzüge. Dann stand er plötzlich an der gegenüberliegenden Wand.

Aufrecht und Reglos.
Maranos selbst hatte sich keinen Schritt bewegt.
Der Diener erzählte niemandem davon. Nicht freiwillig.
Denn alle wussten inzwischen:

Wer zu viel sah, stellte irgendwann keine Fragen mehr.

Maranos arbeitete oft allein. Zumindest glaubten das die meisten. Doch diejenigen, die nachts durch die tieferen Gänge mussten, bemerkten bald etwas.
Stimmen. Nicht viele. Nur Zwei. Eine davon gehörte Maranos.
Die andere...

...nicht.

Man konnte sie kaum hören. Tief. Ruhig. Manchmal fast spöttisch. Aber niemals laut. Und niemals so deutlich, dass jemand hätte sagen können, woher sie kam.

Sie kam nicht von hinter einer Tür. Nicht aus einem Nebenraum. Nicht aus einem Gang. Sie war einfach da. Mitten im Labor. Maranos sprach mit ihr.
Nicht wie mit einem Diener. Nicht wie mit einem Geist, und ganz sicher nicht wie mit etwas, das er fürchtete.Er sprach mit ihr wie mit einem Gleichgestellten.

Manchmal sogar beinahe freundschaftlich. „Du wirst nachlässig“, sagte die Stimme eines Abends. Maranos stand über einem offenen Buch und lächelte schwach.
„Und du bist immer noch zu ungeduldig.“ Ein leises Lachen erklang aus dem Dunkel. Nicht höhnisch, eher vertraut. „Das sagtest du schon damals.“

Maranos hob den Blick.

„Damals hattest du auch Unrecht.“

„Nicht vollständig.“

„Vollständig genug.“

Wieder Stille. Dann ein leises Schaben. Obwohl sich nichts im Raum bewegte. Maranos setzte sich. Goss Wein in zwei Becher. Einen stellte er vor sich.
Den anderen auf die gegenüberliegende Seite des Tisches. Der zweite Becher blieb unberührt. Zumindest für einige Zeit. Später war er leer.
Niemand sah je, wie.

Manchmal diskutierten sie. Über Magie, Über Macht, Über alte Fehler und über Dinge, die niemand sonst verstand.
Sie sprachen von Namen, die in keinem Buch standen. Von Orten, die auf keiner Karte existierten.
Von Wesen, deren Erwähnung selbst in den ältesten Schriften fehlte.

Und manchmal lachte Maranos. Nur Leise, fast entspannt.
Als würde er mit einem alten Freund zusammensitzen. Nicht mit etwas, das aus dem Nichts antwortete.

Einmal sagte die Stimme:

„Du hast dich verändert.“

Maranos betrachtete die schwarze Flamme vor sich.

„Jeder verändert sich.“

„Du nicht.“

Er lächelte.

„Dann hast du schlecht aufgepasst.“

Ein tiefes Geräusch erklang aus dem Schatten. Vielleicht ein Lachen. Vielleicht etwas anderes.

„Nein“, sagte die Stimme. „Ich habe sehr genau aufgepasst.“

Maranos hob den Becher. „Das war schon immer dein Problem.“ Und wieder dieses leise, fast vertraute Lachen.
Für die Diener war das Gespräch beunruhigender als jedes Ritual. Denn Maranos wirkte dabei niemals unsicher.
Niemals verwirrt. Niemals, als würde er mit sich selbst reden. Es war ein Gespräch, ein echtes Gespräch.

Frage. Antwort. Widerspruch. Spott. Erinnerungen.

Manchmal sogar Schweigen, das nur zwei Personen verstanden. Maranos begann, seine Experimente nach diesen Gesprächen zu verändern. Er zeichnete neue Symbole.
Er setzte Kreise anders. Er verband Feuer mit Schatten. Licht mit Leere. Er ließ Flammen brennen, die keine Wärme kannten. Er erzeugte schwarze Funken, die nach oben fielen.
Einmal öffnete sich in der Mitte des Raumes ein Spalt. Nur handbreit. Doch dahinter war nichts. Keine Wand oder Dunkelheit. Das reine Nichts. Ein vollkommenes Fehlen von allem.
Maranos betrachtete es lange. Dann sagte die Stimme: „Zu weit.“

Maranos antwortete:„Noch nicht.“

„Zu weit.“

Maranos schwieg. Zum ersten Mal wirkte er nachdenklich. Dann hob er die Hand.Der Spalt schloss sich.

„Zufrieden?“

„Für heute.“

Maranos schnaubte.

„Du wirst alt.“

„Und du wirst übermütig.“

„Auch das sagtest du früher.“

„Damals hattest du Narben weniger.“

Maranos grinste.

„Und du hattest bessere Argumente.“

Wieder dieses tiefe, vertraute Lachen. Danach wurde es still. Die schwarze Flamme erlosch. Nur eine kleine Kerze blieb zurück. Maranos saß noch lange dort. Allein.
Zumindest sah es so aus. Dann sagte er leise: „Morgen versuchen wir es erneut.“

Aus dem Dunkel kam die Antwort. Ruhig. Fast amüsiert.
„Natürlich.“

Und irgendwo tief unter Düsterhafen begann etwas zu klopfen. Nicht an einer Tür. Nicht an einer Wand. Sondern von der anderen Seite.

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Ithandor » 22 Sep 2026, 19:35

Die ersten Risse

Ithandor bemerkte die Veränderung zunächst nicht. Seit Tagen schlief er schlecht, doch in Düsterhafen war schlechter Schlaf nichts Ungewöhnliches. Wenn Ithandor am Morgen müde erwachte und das Gefühl hatte, kaum geschlafen zu haben, schob er es auf die Stadt, auf den Auftrag und auf all die Dinge, die ihn bis weit in die Nacht beschäftigten. Erst nach einigen Tagen kamen die Träume. Anfangs blieb kaum etwas von ihnen zurück. Wenn er die Augen öffnete, waren es nur einzelne Bilder, die bereits verblassten, bevor er sie richtig greifen konnte. Eine enge Gasse. Feuchtes Pflaster. Regen, der von einem Dach tropfte. Eine Mauer, wie es sie zu Hunderten in Düsterhafen gab. Und darauf ein schwarzer Stern. Nicht größer als jene Zeichen, die er tagsüber fand, mit dunkler Farbe auf den Stein gesetzt und an einigen Stellen bereits vom Wetter verlaufen. Nichts daran war außergewöhnlich, und doch blieb Ithandor im Traum immer davor stehen. Er wusste nie, warum. Er wusste nur, dass er ihn ansehen musste. Beim ersten Mal dachte er sich nichts dabei. Natürlich träumte er von den Zeichen. Seit seiner Ankunft beschäftigte er sich beinahe täglich mit ihnen. Er suchte nach ihnen, zeichnete ihre Fundorte in Karten ein und versuchte, eine Verbindung zwischen ihnen und den Vorfällen in der Stadt herzustellen. Dass sein Geist dieselben Bilder im Schlaf wiederholte, war kaum verwunderlich. Beim zweiten Traum war es ebenso. Wieder die Gasse, wieder die Mauer, wieder der Stern. Nur war diesmal etwas anders. Ithandor stand näher davor. So nahe, dass er die Spuren der schwarzen Farbe auf dem rauen Stein erkennen konnte. Einige Linien waren durch den Regen ausgewaschen, und doch wusste er genau, wie sie ursprünglich verlaufen waren. Im Traum hob er die Hand, um eine fehlende Spitze mit dem Finger nachzuzeichnen. Noch bevor er die Mauer berührte, wachte er auf. Lange lag er im Dunkeln und starrte zur Decke. Das Zimmer war still. Nur das entfernte Rauschen des Regens war zu hören. Ithandor schloss die Augen wieder, doch der Stern blieb für einige Herzschläge vor ihm, als hätte jemand die Linien auf die Innenseite seiner Lider gemalt. Als er erneut blinzelte, war er verschwunden. Am Morgen hielt er das Ganze bereits für bedeutungslos.

Seine Ermittlungen gingen weiter. Seit er das Kloster im Süden zunächst verworfen hatte, folgte Ithandor wieder den schwarzen Zeichen durch andere Teile der Stadt. Manche waren leicht zu finden, grob auf Türen oder Mauern gemalt. Andere waren so verwittert, dass er sie beinahe übersah. Eines entdeckte er auf einem alten Holzpfosten nahe des Hafens. Vom Regen war kaum mehr als die Hälfte erhalten. Ithandor ging bereits daran vorbei, als er plötzlich stehen blieb. Er wusste, was dort gewesen war, noch bevor er zurückblickte. Drei dunkle Linien waren geblieben. Der Rest fehlte. Trotzdem sah er den vollständigen Stern vor sich. Nicht wirklich auf dem Holz, sondern in seinem Kopf. Für einen Moment erschien ihm die fehlende Form so deutlich, dass er die Hand hob und die übrigen Linien mit dem Finger in der Luft ergänzte. Er bemerkte erst danach, was er getan hatte. Ithandor ließ die Hand sinken und sah sich um. Niemand schien ihn beobachtet zu haben. Ein paar Hafenarbeiter trugen Kisten auf einen Wagen, weiter hinten stritt ein Fischer mit einem Händler, und eine Frau zog ein Kind aus einer Pfütze. Niemand interessierte sich für einen jungen Elfen, der vor einem alten Pfosten stand. Ithandor betrachtete noch einmal die verblassten Linien. Sein Geist hatte lediglich eine bekannte Form ergänzt. Mehr nicht. Wer oft genug dasselbe Zeichen sah, erkannte es eben auch dann, wenn nur Teile davon übrig waren. Die Erklärung war so einfach, dass er keinen Grund sah, länger darüber nachzudenken.

Am Abend fand er sich dabei wieder, den Stern aus dem Gedächtnis auf ein Stück Pergament zu zeichnen. Nicht für seinen Bericht und auch nicht für seine Aufzeichnungen über die Fundorte. Er wollte lediglich prüfen, ob er sich an die genaue Form erinnerte. Nachdem die Linien fertig waren, betrachtete er sie lange. Irgendetwas stimmte nicht. Die linke Spitze war zu kurz. Ithandor nahm die Feder erneut auf und verlängerte sie ein wenig. Dann störte ihn der Winkel der unteren Linie. Er korrigierte auch diesen und betrachtete das Ergebnis erneut. Erst als es ihm richtig erschien, legte er die Feder beiseite. Am nächsten Morgen verbrannte er das Pergament. Der Elf glaubte noch immer, er untersuche die Zeichen. Er begriff nicht, dass die Zeichen längst begonnen hatten, ihn zu verändern.

Zunächst waren es nur Kleinigkeiten, die sich leicht mit Müdigkeit erklären ließen. Ithandor wurde ungeduldiger. Fragen, die er zum zweiten oder dritten Mal stellen musste, reizten ihn plötzlich stärker als zuvor, und wenn ein Händler behauptete, sich nicht mehr an ein Gespräch erinnern zu können oder ein Hafenarbeiter mitten in einer Aussage verstummte, fiel es ihm zunehmend schwer, ruhig zu bleiben. Früher hatte er versucht, solche Menschen mit Geduld zum Reden zu bringen. Nun wurde seine Stimme schneller schärfer, und manchmal genügte bereits ein ausweichender Blick, damit Ärger in ihm aufstieg. Als ihm eines Nachmittags ein alter Händler zum wiederholten Mal versicherte, nichts über Edren Falk zu wissen, verlor Ithandor beinahe die Geduld. „Ihr wisst etwas“, sagte er, und als der Mann die Hände hob und beteuerte, ihm bereits alles gesagt zu haben, wurde Ithandors Blick kalt. „Nein. Ihr habt mir dreimal etwas anderes erzählt.“ Der Händler wich einen Schritt zurück. Für einen kurzen Moment empfand Ithandor darüber eine seltsame Befriedigung. Nicht viel, nur einen kleinen Anflug davon, weil der Mann endlich begriffen hatte, dass Ithandor sich nicht länger mit Ausflüchten zufriedengeben würde. Erst einige Straßen später fragte er sich, warum ihn dieser Augenblick überhaupt beschäftigte. Er war müde, gereizt und kam seit Tagen kaum voran. Es war nur natürlich, dass seine Geduld irgendwann nachließ.

Doch die Gereiztheit blieb. Geräusche störten ihn schneller. Das Lachen aus den Tavernen, das Geschrei der Händler, die Betrunkenen in den engen Straßen und die ständigen Ausflüchte der Bewohner gingen ihm zunehmend auf die Nerven. Besonders schwer fiel es ihm, geduldig zu bleiben, wenn jemand versuchte, ihm etwas Offensichtliches zu erklären. Mehr als einmal musste er sich daran erinnern, dass diese Menschen nicht wussten, was er wusste, und nicht sehen konnten, was er bereits gesehen hatte. Mit der Zeit wurde aus dieser Erkenntnis etwas anderes. Er ertappte sich dabei, ihre Aussagen schneller abzuwerten, ihre Zweifel als Unwissenheit abzutun und ihre Angst als Schwäche zu betrachten. Für einen Lichtelfen war eine gewisse Distanz zu Menschen nichts Ungewöhnliches, doch bei Ithandor bekam sie langsam eine Schärfe, die vorher nicht da gewesen war. Er bemerkte es nicht als Veränderung. Für ihn wirkte es eher so, als würde er die Menschen um sich herum endlich klarer sehen.

Eines Abends stieß ihn in einer schmalen Straße ein betrunkener Mann an. Es war kaum der Rede wert. Der Fremde taumelte, murmelte etwas und wollte weitergehen, doch Ithandor packte ihn am Arm. „Passt auf, wohin Ihr geht.“ Der Mann sah überrascht zu ihm und versuchte sich loszumachen. „Schon gut.“ Ithandors Griff wurde fester. „Ich sagte, Ihr sollt aufpassen.“ Für einen Moment standen sie einander gegenüber. Dann sah Ithandor die Unsicherheit im Gesicht des Mannes und ließ ihn los. Der Betrunkene verschwand hastig zwischen den Häusern. Ithandor blieb zurück und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Nicht vor Schreck. Er hatte sich gut gefühlt. Die Erkenntnis missfiel ihm, aber er fand schnell eine Erklärung. Der Mann war betrunken gewesen, unhöflich und vielleicht gefährlich. Ithandor hatte lediglich verhindert, dass aus der Sache mehr wurde. Es war nichts geschehen. Niemand war verletzt worden. Trotzdem dachte er später noch an den Blick des Mannes.

Mit jedem Tag häuften sich solche kleinen Augenblicke. Ithandor bemerkte sie nie als Ganzes. Für jeden einzelnen fand sich eine vernünftige Erklärung. Zu wenig Schlaf, zu viele erfolglose Befragungen, der Druck seines ersten größeren Auftrags und die Gewissheit, dass irgendwo in dieser Stadt jemand seine Nachforschungen beobachtete. Jeder hätte unter solchen Umständen gereizter reagiert. Eines Abends fiel ihm jedoch beim Durchsehen seiner Aufzeichnungen etwas auf. Neben mehreren Aussagen hatte er Bemerkungen geschrieben, an die er sich nicht erinnern konnte. Feige. Nutzlos. Zu dumm, um zu verstehen, was er gesehen hat. Ithandor betrachtete die Worte lange. Seine Handschrift war eindeutig. Er nahm die Feder und strich das Wort dumm durch. Dann hielt er inne. Der Mann war tatsächlich dumm gewesen. Nach einigen Sekunden legte Ithandor die Feder beiseite und schob das Blatt unter die übrigen Aufzeichnungen.

In dieser Nacht schlief er spät ein. Als der Traum kam, befand er sich nicht in seinem Zimmer und auch nicht in einer der vertrauten Gassen. Er stand auf einem weiten Platz irgendwo in Düsterhafen. Die Häuser ringsum waren dunkel, die Fenster leer, und selbst der Nebel schien reglos zwischen den Mauern zu stehen. Kein Wind war zu hören, keine Möwe, kein entferntes Rufen vom Hafen. Ithandor drehte sich langsam um und bemerkte am Rand des Platzes einen Mann. Zunächst war er nur eine dunkle Gestalt, groß und in einen langen Mantel gehüllt. Ithandor konnte sein Gesicht nicht erkennen, wusste aber dennoch, dass der Fremde ihn ansah.

„Wer seid Ihr?“, fragte er.

Seine Stimme klang seltsam gedämpft, als würde der Nebel sie verschlucken.

Der Mann antwortete nicht. Stattdessen begann er auf Ithandor zuzugehen. Langsam, ohne jede Eile. Ithandor hörte keine Schritte, obwohl die Gestalt mit jedem Augenblick näher kam. Er wollte zurückweichen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Etwas hielt ihn an diesem Ort fest. Als der Fremde nur noch wenige Schritte entfernt war, konnte Ithandor endlich Teile seines Gesichtes erkennen. Die Züge blieben im Schatten, doch die Augen waren deutlich. Dunkelrot. Kein helles Leuchten, eher eine tiefe Glut, die unter der Oberfläche brannte.

Ithandor spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte.

„Wer seid Ihr?“

Der Mann blieb stehen. Für einen langen Moment sagte er nichts. Dann erschien ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht.

„Du suchst nach mir.“

Ithandor wollte antworten, doch kein Wort kam über seine Lippen.

Der Fremde trat noch einen Schritt näher. Seine roten Augen waren nun das Einzige, worauf Ithandor sich konzentrieren konnte.

„Und jedes Mal“, sagte der Mann ruhig, „kommst du ein wenig näher.“

Hinter ihm begann sich der Nebel zu bewegen. Für einen kurzen Augenblick glaubte Ithandor darin weitere Gestalten zu erkennen, reglose Schatten zwischen den Häusern. Dann wandte der Mann den Kopf leicht zur Seite, als würde er etwas hören, das Ithandor verborgen blieb.

„Bald“, sagte er.

Ithandor erwachte.

Er saß aufrecht im Bett, der Atem ging schnell und kalter Schweiß lag auf seiner Stirn. Das Zimmer war dunkel und still. Für einige Sekunden wusste er nicht, wo er war. Dann erkannte er den Tisch, den Stuhl, das kleine Fenster und die undeutlichen Umrisse seiner Kleidung. Er griff nach der Kerze und entzündete sie mit zitternden Fingern. Niemand war dort. Keine Gestalt. Keine roten Augen. Nur sein Zimmer in der Salzkrähe.

Ithandor atmete langsam aus. Es war nur ein Traum.

Doch als er sich wieder hinlegte, blieb die Stimme des Fremden bei ihm.

Du suchst nach mir.

Und zum ersten Mal fiel es ihm schwer, sich selbst davon zu überzeugen, dass es wirklich nur ein Traum gewesen war.

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 21 Sep 2026, 21:51

Unter dem Kloster hatte sich längst mehr gebildet als ein Keller.

Was einst aus wenigen grob behauenen Kammern bestanden hatte, war zu einem verschlungenen Geflecht aus Gängen, Treppen und Gewölben geworden. Manche Korridore verliefen so eng, dass zwei Männer kaum aneinander vorbeikamen, andere öffneten sich unvermittelt zu hohen Hallen, deren Decken im Dunkel verschwanden. Nur wenige kannten den vollständigen Verlauf. Und genau das war beabsichtigt.

Die Arbeiter hatten auf Maranos' Anweisung niemals ganze Pläne erhalten. Jeder Trupp kannte nur seinen eigenen Abschnitt. Einer brach Stein aus dem Fels, ein anderer mauerte Wände, wieder andere verstärkten Decken oder zogen neue Türen ein.
Diener eilten durch die Gänge. Manche trugen Holzkisten, andere Säcke, Eisenketten, Kerzen oder Bündel alter Pergamente. Sie sprachen wenig. Wenn überhaupt, dann nur leise.
Niemand wollte hier unten unnötig Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Je tiefer man kam, desto mehr veränderte sich das Gewölbe.

Die Mauern waren nicht länger nur einfache Steine.

Schwarze Linien zogen sich über den Boden. Kreise, Zeichen und Symbole waren in den Fels geschlagen worden. An einigen Stellen befanden sich eiserne Halterungen für Fackeln, an anderen hingen schwere Vorhänge vor Seitengängen, hinter denen niemand ohne Erlaubnis verschwinden durfte. Dann kamen die Käfige, Sie standen in einer langen, schmalen Halle. Eisen. Dunkel. Einige klein, andere groß genug, dass mehrere Personen darin Platz finden konnten.

Noch waren viele davon leer. Doch das änderte nichts an ihrer Wirkung.

Daneben befanden sich mehrere verschlossene Zellen. Dicke Türen, kaum mehr als ein kleines Gitter auf Augenhöhe. Keine Fenster. Keine Möglichkeit zu erkennen, wie tief man sich unter der Erde befand.
Die Diener nannten diesen Bereich nur die **Stille**. Nicht weil es dort wirklich still war. Sondern weil niemand Fragen stellte.

Weiter hinten begann der Teil, den Maranos ausschließlich für sich hatte anlegen lassen.


Sein Labor.
Eine schwere Tür aus dunklem Holz und Eisen trennte es vom restlichen Gewölbe. In die Oberfläche war ein schwarzer Stern eingelassen worden.
Wer dort hineintrat, betrat eine andere Welt. Der Raum war groß, doch durch Säulen und halbhohe Mauern in mehrere Bereiche geteilt. Dadurch wirkte er wie ein Labyrinth innerhalb des Labyrinths.
Überall standen Tische. Auf ihnen lagen Pergamente, Schalen, metallene Instrumente, Fläschchen und Gefäße. Einige enthielten Pulver, andere dunkle Flüssigkeiten. Bündel getrockneter Pflanzen hingen von den Deckenbalken.
An einer Wand standen Regale voller Bücher. Viele waren alt. Einige so alt, dass selbst die Schrift kaum noch zu erkennen war.

Andere waren neu.Maranos hatte sie selbst beschrieben. Notizen über Feuer. Über Angst. Über die Grenzen des Geistes.

Über die Schattenwelt.

Und darüber, wie dünn die Grenze zwischen den Welten manchmal werden konnte.
Im Zentrum des Labors befand sich ein großer steinerner Kreis. Er war in den Boden eingelassen.

Mehrere Ringe verliefen ineinander, dazwischen Zeichen und Runen. Kerzenhalter standen in regelmäßigen Abständen am Rand.
Noch war der Kreis unbenutzt. Doch die Vorbereitung war abgeschlossen.

Neben ihm standen Truhen.

Darin lagen Gewänder, Kreiden, Ketten, Schalen und andere Dinge, die nur zu bestimmten Stunden hervorgeholt wurden.
Rituale sollten hier stattfinden, nicht die einfachen Zeremonien, die Anhänger beeindruckten.

Sondern jene, die Maranos für sich selbst vorgesehen hatte.

Experimente und Versuche.
Fragen, auf die nur wenige Magier überhaupt Antworten suchten. In einem anderen Teil des Raumes standen mehrere eiserne Gestelle.

Dazwischen Käfige noch waren sie leer.
Maranos hatte sie anfertigen lassen, ohne jemandem zu erklären, wofür sie bestimmt waren.

Die Diener hatten gelernt, nicht zu fragen. Ganz hinten befand sich ein Bereich, den kaum jemand betreten durfte.
Dort war das Licht schwächer. Die Wände waren schwarz vom Rauch. Auf dem Boden verliefen verbrannte Spuren.

Hier übte Maranos seine Magie.

Feuer gehorchte ihm. Nicht wie einem Handwerker sein Werkzeug.
Sondern wie einem Tier seinem Herrn.
Flammen entstanden aus dem Nichts, krochen über Stein, teilten sich, verbanden sich wieder und erloschen erst, wenn Maranos es wollte.

Manchmal stand er dort stundenlang. Allein. Die Hände hinter dem Rücken und beobachtete das Feuer.

Dann ließ er es wachsen bis selbst die Steine glühten.
Die Diener wussten, wann er dort arbeitete. Man spürte es im gesamten Gewölbe. Die Luft wurde wärmer.

Manchmal vibrierte der Boden leicht und niemand wagte es, ihn dann zu stören.
Es gab Nächte, in denen Maranos das Labor erst kurz vor Sonnenaufgang verließ.

Seine Robe roch nach Rauch. Seine Hände waren schwarz vom Ruß, und in seinen blutroten Augen lag etwas, das selbst seine treuesten Diener dazu brachte, den Blick zu senken.
Der Ausbau ging währenddessen weiter. Hinter einer Wand wurde ein neuer Gang geschlagen. Unter einem Lagerraum entstand eine weitere Kammer.

Ein alter Abwasserkanal wurde verbreitert und führte nun tief unter die Stadt, Andere Tunnel gingen in Richtung Meer.
Niemand wusste, wie groß das Gewölbe am Ende werden sollte.

Vielleicht wusste es nicht einmal Maranos selbst.

Doch eines war sicher. Das Kloster über ihnen war längst nur noch eine Hülle.Ein freundliches Gesicht für eine Stadt, die nicht wusste, was unter ihren Füßen wuchs.
Unten hingegen entstand etwas anderes. Langsam. Stein für Stein. Gang für Gang. Zelle für Zelle.

Ein Ort für die Diener des schwarzen Sterns. Ein Ort für Rituale. Ein Ort für Gefangene.
Und vor allem ein Ort, an dem Maranos van Ascheberg niemandem Rechenschaft schuldete.
Hier unten gab es keine Gesetze von Düsterhafen. Keine Wachen. Keine Priester. Keine neugierigen Augen. Hier unten gab es nur seinen Willen.

Und tief im Labor, zwischen schwarzen Mauern, Eisen und flackernden Flammen, stand Maranos vor dem steinernen Ritualkreis.
Lange betrachtete er die Zeichen. Dann hob er langsam eine Hand. Eine einzelne Flamme entstand über seiner Handfläche.
Und mit ihr erschien ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht.

„Bald“, murmelte er. Die Flamme spiegelte sich in seinen roten Augen. „Sehr bald.“

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 08 Sep 2026, 20:27

Zu nah an der Wahrheit

Die falschen Spuren erfüllten ihren Zweck.
Mehrere schwarze Sterne führten Ithandor durch verschiedene Teile Düsterhafens. Manche waren kaum sichtbar, andere so verwittert, dass er sie beinahe übersehen hätte.

Doch irgendwann bemerkte er etwas. Die Spur war zu sauber. Zu passend.
Fast so, als wolle jemand, dass er ihr folgte.

Also begann Ithandor, nicht mehr den Zeichen zu folgen, sondern den Lücken zwischen ihnen.
Und damit kam er der Wahrheit gefährlich nahe.



Eines Abends führte ihn sein Weg zurück in den Süden Düsterhafens.

Zur Arena.
Zwischen Händlern, Kämpfern und Betrunkenen fiel ihm erneut das alte Kloster auf.
Er hatte es bereits mehrfach gesehen. Ein schlichtes Gebäude. Teilweise frisch ausgebesserte Mauern.
Neue Fenster. Handwerker, die noch immer ein- und ausgingen.
Nichts Besonderes.

Und doch blieb Ithandor stehen. Sein Blick wanderte über das Gebäude.
Zu viele Lieferungen. Zu viele Arbeiter.

Und für ein einfaches Kloster erstaunlich viele Wagen mit Stein, Holz und Werkzeug.

Er trat näher.

Auf einer niedrigen Mauer neben dem Kloster entdeckte er etwas.
Fast vollständig vom Regen abgewaschen.
Ein schwarzer Stern.

Ithandor blieb stehen. Lange.
Das Zeichen lag beinahe direkt vor ihm. Nahe genug, um kein Zufall zu sein. Sein Blick ging vom Stern zum Kloster.
Dann zur Arena.

Dann wieder zum Kloster.
Für einen Moment war er sich sicher. Hier. Hier musste etwas sein.



Doch je länger Ithandor den Ort betrachtete, desto weniger passte er in sein Bild.
Ein geheimer Orden?

Hier?
Nur wenige Schritte von einer der meistbesuchten Arenen Düsterhafens entfernt?
Mit Händlern vor der Tür?

Betrunkenen in den Gassen?
Wachen, die ständig durch das Viertel zogen?

Es war zu offen. Zu belebt. Zu offensichtlich.
Ein verborgenes Versteck musste fernab liegen.

In Ruinen. Unter verlassenen Lagerhäusern.

Vielleicht in alten Tunneln außerhalb der Stadt.

Aber sicher nicht hier. Ithandor betrachtete den schwarzen Stern erneut.

Dann schüttelte er langsam den Kopf.

„Zu einfach.“

Er ging weiter.



Nur wenige Schritte entfernt stand einer von Maranos’ Männern zwischen den Besuchern der Arena.

Er hatte Ithandor die ganze Zeit beobachtet.Später berichtete er Paranax davon. Dieser brachte die Nachricht noch am selben Abend tief unter das Kloster.
Maranos stand in einem der neuen Gewölbe und betrachtete die Bauarbeiten.Der Gang war inzwischen weit unter das Meer vorgedrungen.
Neue Kammern entstanden. Steinmetze verstärkten die Wände. Über ihnen war das dumpfe Rauschen des Wassers zu hören.

„Er war hier“, sagte Paranax.

Maranos wandte sich langsam um.

„Wie nah?“

„Vor dem Kloster.“

Eine kurze Pause.

„Er hat den Stern gefunden.“

Maranos schwieg.

„Und?“

„Er ist gegangen.“

Nun erschien ein schwaches Lächeln auf Maranos’ Gesicht.

„Warum?“

Paranax zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht hielt er es für zu offensichtlich.“

Maranos sah zur steinernen Decke. Über ihnen lag das Meer.
Darüber das Kloster.

Und nur wenige Straßen weiter tobte die Arena.

„Gut.“

Paranax blickte ihn fragend an.

„Gut?“

„Menschen glauben, Geheimnisse müssten verborgen aussehen.“ Maranos ging langsam weiter.

„Sie suchen Dunkelheit in verlassenen Ruinen und unter alten Friedhöfen.“

Dann blieb er stehen. „Aber niemand erwartet sie dort, wo jeder hinsehen kann.“

Die Arbeiten gingen weiter. Der Hauptgang wurde verbreitert.

Neue Räume entstanden. Eine Bibliothek. Lagerräume. Versammlungskammern.

Und tief im Inneren die große Halle mit dem schwarzen Stern.

Währenddessen begann Ithandor erneut, den Spuren nach Norden zu folgen.

Er war der Wahrheit näher gewesen, als er selbst ahnte.

Nur wenige Schritte hatten ihn vom Eingang getrennt.

Doch gerade weil alles so offensichtlich erschien, hatte er den Gedanken verworfen.

Und tief unter dem Meer erfuhr Maranos davon.

Er blickte auf die Karte Düsterhafens und legte einen Finger auf das Kloster.

„Er stand direkt davor.“

Paranax nickte.

Maranos lächelte kalt.

„Und hat es nicht gesehen.“

Dann wandte er sich wieder den Bauplänen zu.

„Manchmal ist das beste Versteck kein Ort, den niemand findet.“

Seine roten Augen glommen im Licht der schwarzen Kerzen.

„Sondern ein Ort, den jeder sieht und niemand für möglich hält.“

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Ithandor » 28 Aug 2026, 15:00

Zwischen Neugier und Pflicht

In den Tagen nach seiner Ankunft begann Ithandor zu verstehen, dass Düsterhafen anders auf Fragen reagierte, als er es aus seinen bisherigen Einsätzen kannte. Viel Erfahrung besaß er ohnehin noch nicht. Für einen Lichtelfen war er jung, kaum mehr als ein Jugendlicher, und auch bei den Jägern der Schatten hatte er bisher vor allem Berichte geprüft, Zeugen befragt und erfahrenere Ermittler begleitet. Düsterhafen war das erste Mal, dass er allein entscheiden musste, ob hinter einigen scheinbar gewöhnlichen Verbrechen tatsächlich etwas Größeres steckte.

Auch seine Ausbildung zum Seelenmagier hatte gerade erst begonnen. Ithandor konnte starke Gefühle wahrnehmen und manchmal erkennen, wie tief sich Furcht oder Zorn in einer Seele festgesetzt hatten. Doch er wusste ebenso, dass zwischen einem Novizen und einem ausgebildeten Seelenmagier Welten lagen. Seine Lehrer hatten ihn oft genug davor gewarnt, dass ein wenig Wissen leicht dazu verleiten konnte, sich für fähiger zu halten, als man war.

In Düsterhafen schienen sich diese Warnungen schneller zu bewahrheiten, als ihm lieb gewesen wäre.

Ithandor sprach mit Hafenarbeitern, Händlern und Bettlern, suchte erneut das abgebrannte Lagerhaus auf und besuchte jene Straßen, an denen schwarze Zeichen gefunden worden waren. Zunächst bekam er kaum mehr als Gerüchte. Doch bald fiel ihm auf, dass sich nach seinen Gesprächen etwas veränderte.

Ein Bettler, der ihm von Edren Falk erzählt hatte, war am nächsten Morgen verschwunden. Ein Kaufmann, der zwei dunkel gekleidete Gestalten in der Nacht des Lagerhausbrandes gesehen haben wollte, bestritt einen Tag später, jemals mit Ithandor darüber gesprochen zu haben. Als Ithandor ihn genauer betrachtete, spürte er deutlich die Angst in dem Mann. Für einen Augenblick war er versucht, seine seelenmagische Wahrnehmung tiefer nach ihr auszustrecken, zog sich jedoch zurück. Dafür war seine Ausbildung noch nicht weit genug.

Am nächsten Morgen fand er wenige Schritte vom Laden des Kaufmanns entfernt einen schwarzen Stern an einer Hauswand.

Ithandor blieb lange davor stehen. Das Zeichen selbst war vollkommen unscheinbar. Ein wenig schwarze Farbe auf grauem Stein, keine Rune, keine erkennbare Magie. Trotzdem sah er, wie Menschen den Blick abwandten, ihre Schritte beschleunigten oder sogar die Straßenseite wechselten.

Vielleicht lag genau darin seine Bedeutung.

Der Stern musste niemandem etwas antun. Er erinnerte die Menschen an das brennende Lagerhaus, den verschwundenen Wachmann, den verletzten Priester und die Geschichten über Gestalten in dunklen Straßen. Die Furcht entstand nicht durch das Symbol selbst, sondern durch alles, was die Menschen bereits damit verbanden.

Dieser Gedanke faszinierte Ithandor.

Je länger er ermittelte, desto stärker beschlich ihn der Verdacht, dass manche Spuren nicht zufällig vor ihm auftauchten. Aussagen wurden zurückgenommen, Menschen verschwanden und neue Zeichen erschienen dort, wo er kurz zuvor Fragen gestellt hatte. Vielleicht beobachtete ihn jemand längst.

Eigentlich hätte ihn das beunruhigen müssen.

Stattdessen machte es ihn neugierig.

Wenn jemand auf seine Nachforschungen reagierte, dann bedeutete das zumindest, dass er etwas berührte, das verborgen bleiben sollte.

Seine Suche führte ihn schließlich häufiger in den Süden der Stadt. Mehrere Hinweise deuteten in die Gegend um die große Arena, und dort fiel ihm ein altes Kloster auf, das offenbar instand gesetzt wurde. Arbeiter trugen Stein und Holz hinein, Wagen wurden entladen, Gerüste standen an den Mauern.

Nichts daran war ungewöhnlich.

Trotzdem blieb Ithandor stehen.

Die Lage war auffallend günstig. Rund um die Arena herrschte ständig Lärm. Händler, Kämpfer, Arbeiter und Fremde kamen und gingen. Niemand achtete auf jedes Gesicht oder jeden Wagen. Selbst langes Hämmern auf Stein ging im Lärm der Umgebung unter.

Wenn jemand etwas verbergen wollte, dachte Ithandor, wäre dies kein schlechter Ort dafür.

Er bemerkte, dass sein Blick immer wieder zu dem Kloster zurückkehrte. Etwas an diesem Ort hielt ihn fest, ein kaum greifbares Unbehagen, für das er keine Erklärung fand.

Dann kam dieses unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden.

Ithandor drehte sich um. Zwischen den Menschen glaubte er für einen kurzen Augenblick eine dunkle Gestalt in einer Seitengasse zu erkennen. Groß, reglos, halb im Schatten verborgen. Ein Wagen rollte vorüber, und als Ithandor wieder freie Sicht hatte, war die Gasse leer.

Er blieb noch einen Moment stehen.

Am Abend saß er in seinem Zimmer in der Salzkrähe und schrieb seinen ersten Bericht. Er bestätigte das Verschwinden Edren Falks, den Brand, den Angriff auf den Priester und die schwarzen Zeichen. Auch die auffällige Angst unter den Bewohnern erwähnte er.

Dann hielt seine Feder inne.

Sein Auftrag war eindeutig gewesen. Wenn sich der Verdacht auf etwas Größeres erhärtete, sollte er Verstärkung anfordern.

Und inzwischen gab es genug Gründe dafür.

Ithandor wusste es.

Doch wenn er jetzt Unterstützung verlangte, würden erfahrenere Jäger kommen. Sie würden seine Aufzeichnungen prüfen, eigene Befragungen durchführen und vermutlich die Untersuchung übernehmen. Vielleicht würden sie innerhalb weniger Tage erkennen, wofür Ithandor selbst so lange gebraucht hatte.

Der Gedanke traf seinen Stolz.

Er hatte noch nichts Greifbares. Nur verängstigte Zeugen, schwarze Sterne, ein verdächtig wirkendes Kloster und das Gefühl, beobachtet zu werden.

Nur ein paar weitere Tage, sagte er sich.

Dann würde er mehr wissen.

Ithandor setzte die Feder wieder an.

Eine abschließende Einschätzung ist derzeit nicht möglich. Mehrere Hinweise sprechen für einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen. Ich werde die Untersuchung fortsetzen und berichten, sobald sich der Verdacht erhärten lässt.

Er las den Satz noch einmal.

Er war nicht gelogen.

Aber er verschwieg genug.

Vom Kloster schrieb er nichts. Ebenso wenig davon, dass Zeugen nach seinen Befragungen verstummten oder verschwanden. Vor allem schrieb er nicht den einen Satz, der eigentlich in diesen Bericht gehört hätte.

Ich fordere Verstärkung an.

Ithandor faltete das Schreiben zusammen und legte es beiseite.

Ein Teil von ihm wusste, dass diese Entscheidung falsch war. Seine Lehrer hätten sie vermutlich Ungeduld genannt, ein erfahrener Jäger Leichtsinn.

Ithandor nannte es Gründlichkeit.

Nur noch ein paar Tage.

Dann würde er berichten.

Dann würde er Verstärkung anfordern.

Noch ahnte er nicht, dass dies sein erster wirklicher Fehler gewesen war.

Re: Die Saat von Düsterhafen

von Maranos van Ascheberg » 27 Aug 2026, 20:09

Die neue Festung und der Jäger

Während Düsterhafen noch über Brände, verschwundene Wachen und schwarze Zeichen sprach, begann Maranos im Süden der Stadt mit dem Aufbau eines neuen Stützpunktes.

Unweit der großen Arena erwarb er mit seinem Privatvermögen ein altes Kloster. Die Lage war ideal. Händler, Kämpfer und Besucher sorgten Tag und Nacht für Lärm und Bewegung. Niemand achtete darauf, welche Arbeiter das Kloster betraten oder welche Wagen dort entladen wurden. Nach außen wurde das Gebäude lediglich instand gesetzt. Doch das kleine Kellergewölbe darunter genügte Maranos nicht.

„Wir bauen nicht unter der Stadt“, erklärte er Paranax.
Seine Hand ruhte auf der feuchten Außenwand.

„Wir bauen unter dem Meer.“
Vom Keller aus wurde ein Gang in den Fels geschlagen. Nach und nach entstanden unter der Küste mehrere verborgene Kammern, Lagerräume, eine Bibliothek und schließlich eine größere Halle für die ersten Anhänger.

An ihrer Wand ließ Maranos den schwarzen Stern in den Stein schlagen.

„Wir waren sichtbar“, sagte er.
„Diese Festung wird niemand belagern, weil niemand wissen wird, dass sie existiert.“

Doch noch während die Arbeiten liefen, erreichten Maranos erste Berichte über einen Fremden.



Er stellte Fragen über das abgebrannte Lagerhaus, den verschwundenen Edren Falk, den verletzten Priester und vor allem über die schwarzen Zeichen.

Paranax wollte ihn beobachten lassen. Maranos widersprach.

„Nein.“

„Ihr wollt ihn selbst beobachten?“

Ein schwaches Lächeln erschien auf Maranos’ Gesicht.

„Ich will wissen, was er weiß.“

In den folgenden Nächten verließ Maranos das Kloster allein. Er bewegte sich durch die dunklen Straßen Düsterhafens wie ein Schatten.

Aus Hauseingängen beobachtete er, Von Dächern, Aus dunklen Gassen.

Zwischen den Menschen vor der Arena.
Ithandor sprach mit Wachen, Bettlern und Händlern. Er besuchte das ausgebrannte Lagerhaus und suchte jene Orte auf, an denen der schwarze Stern erschienen war.

Maranos blieb stets weit genug entfernt. Er hörte. Beobachtete. Prägte sich jeden Namen ein, mit dem Ithandor sprach.

Und mit jedem Tag wurde deutlicher, dass dieser Fremde nicht zufällig in Düsterhafen war.
Eines Abends stand Ithandor auf der anderen Straßenseite des Klosters.
Sein Blick ruhte einen Moment zu lange auf dem alten Gebäude.

Maranos beobachtete ihn aus einer schmalen Seitengasse. Regentropfen liefen über seinen Mantel.

Ithandor sah zum Kloster. Dann zur Arena. Dann wieder zum Kloster.

Maranos’ Augen verengten sich, für einen moment lang begannen seine Blutroten Augen zu glühen.

Zum ersten Mal war Ithandor der Wahrheit nahe. Doch nur nahe.
Noch wusste er nicht, dass tief unter diesem unscheinbaren Gebäude ein Gang begann, der hinaus unter das Meer führte.
Er wusste nicht, dass dort bereits die ersten Männer des neuen Ordens warteten.
Und vor allem wusste er nicht, dass der Mann, nach dem er suchte, nur wenige Schritte entfernt im Schatten stand und jede seiner Bewegungen beobachtete.

Ithandor ging schließlich weiter. Maranos blieb zurück.

Ein kaltes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Such weiter. Zeig mir, wie viel du wirklich weißt.“

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