Erlass von Graf Answin Leobold von Rothenstein - Im Namen der Krone

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Re: Erlass von Graf Answin Leobold von Rothenstein - Im Namen der Krone

von Tath'raen » 02 Jan 2026, 20:43

Der Befehl kam leise zu ihm. Kein Ausruf, kein Trommelschlag, sondern ein schmales Stück Pergament, überbracht von einem Läufer, der den Blick gesenkt hielt und ging, noch ehe man ihm eine Frage hätte stellen können. Tath’raen nahm das Schreiben entgegen, während um ihn herum die Vorbereitungen weiterliefen, das gedämpfte Klirren von Metall, das Murmeln geduldiger Stimmen, der Geruch von Öl und kaltem Stein. Er las die Zeilen einmal, dann noch einmal, langsamer, als ließe sich zwischen den Worten etwas finden, das dort nicht stand, und doch war alles gesagt, was gesagt werden musste.
„Aber Moonglow ist noch nicht gesichert“, sprach er halblaut, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst, und seine Stimme trug weder Trotz noch Empörung, sondern jene nüchterne Feststellung, die man macht, wenn man weiß, dass der Würfel längst gefallen ist. Er faltete das Pergament sorgfältig, steckte es an die Innenseite seines Panzers und spürte für einen Moment das alte, vertraute Ziehen zwischen Pflicht und Instinkt. Dann schob er den Gedanken beiseite. Die Ilharess befahl nicht, um Meinungen einzuholen. Sie befahl, weil der nächste Zug bereits gedacht war.
Er wählte seine Leute mit Bedacht. Keine Helden, keine Namen, die man später singen würde, sondern Kämpfer, die verstanden, dass Lärm manchmal wertvoller war als Sieg und Rückzug mehr Mut erforderte als der Angriff. Der Plan war schlicht, fast grob, und genau darin lag seine Stärke: ein harter, sichtbarer Stoß gegen die Garde, laut genug, um ihre Aufmerksamkeit zu binden, unberechenbar genug, um ihre Ordnung zu zerreißen. Während sie reagierten, würden andere handeln, tiefer unten, dort, wo kein Licht und kein Ruf sie erreichte.
Als die Nacht schwerer wurde und die Schatten länger, setzte Tath’raen sich in Bewegung. Die Gassen nahmen sie auf wie alte Bekannte, der Stein unter ihren Stiefeln kannte ihr Gewicht. Der erste Angriff war ein Funke, absichtlich gesetzt, der zweite ein Schlag, der die Wachen zusammenzucken ließ, und binnen weniger Atemzüge brach das Chaos los, auf das er gesetzt hatte. Befehle wurden gerufen, Schilde erhoben, Linien gebildet und wieder verworfen, während Tath’raen seine Leute führte wie Wasser durch Risse im Fels, immer präsent, nie greifbar. Und während Stahl auf Stahl traf und Schreie die Nacht zerrissen, wusste er, dass der eigentliche Zweck dieser Stunde an einem ganz anderen Ort erfüllt wurde, jenseits der Sicht, jenseits der Klingen, die hier gezogen waren.
Als schließlich das vereinbarte Zeichen kam, unscheinbar und leicht zu überhören, gab Tath’raen den Befehl zum Rückzug. So plötzlich, wie sie erschienen waren, lösten sich die Drow wieder auf, verschwanden in Nebenwegen und Schatten, ließen verwirrte Wachen zurück, die nicht sicher waren, ob sie gesiegt oder nur überlebt hatten. Die Ablenkung hatte geglückt.

im Arbeitszimmer des Grafen

von Graf Answin Leobold von Rothenstein » 02 Jan 2026, 17:28

Das Kaminfeuer in seinem Arbeitszimmer war beinahe herabgebrannt, als der Bote aus Moonglow eintraf. Graf Answin von Rothenstein legte die Feder beiseite, ordnete die Pergamente vor sich und brach die frischen Siegel. Erneut Berichte aus der Stadt der Magier – nüchtern verfasst, militärisch korrekt, ohne jedes unnötige Wort. Und doch lag zwischen den Zeilen mehr Gewicht, als es der sachliche Ton vermuten ließ.
„Die Lage innerhalb der Stadtgrenzen ist angespannt, jedoch stabil. Festsetzungen wurden durchgeführt, die Präsenz der Garde erhöht. Trotz vereinzelter Unruhen aus der Bürgerschaft heraus zeigen die Drow bislang keine koordinierten feindseligen Handlungen. Es kam zu keiner offenen Eskalation.“
Der Graf lehnte sich zurück und ließ den Blick einen Moment über die Karten Britains und seiner Randgebiete schweifen. Der Status quo also – fragil, unbequem, aber nicht ohne Nutzen. Er wusste um die laufenden Gespräche, um Boten, Abwägungen und das vorsichtige Tasten auf diplomatischer Ebene. Mehr als eine Fraktion beobachtete die Entwicklung mit gespannter Aufmerksamkeit. In diesem Licht war der Erhalt des gegenwärtigen Zustands nicht gänzlich unerwünscht.

Und doch blieb etwas zurück, das ihn stutzig machte. Nicht das, was berichtet wurde – sondern das, was ausblieb. Keine gezielten Provokationen. Keine offenen Drohgebärden. Kein Versuch, die Lage bewusst zum Kippen zu bringen.
„Bis zum Zeitpunkt dieses Schreibens konnten keine belastbaren Hinweise auf eine gezielte Steuerung der jüngsten Vorfälle durch die Drow festgestellt werden. Ihre Bewegungen bleiben defensiv, teils sogar zurückhaltend. Die Mehrheit der Zwischenfälle ist auf Angst, Gerüchte und unkontrollierte Reaktionen der Bevölkerung zurückzuführen.“
Answin von Rothenstein schwieg einen Moment länger, als es nötig gewesen wäre. Es war seltsam. Fast beunruhigend. Zu lange hatte man sich an klare Feindbilder gewöhnt, an einfache Schuldzuweisungen und eindeutige Fronten. Die Geschichte lehrte jedoch, dass gerade solche Phasen trügerischer Ruhe selten zufällig waren.

Und nun drängte sich ein Gedanke auf, den er bislang nur ungern zugelassen hatte:
Was, wenn die Drow nicht die treibende Kraft hinter all dem waren?

Noch änderte diese Überlegung nichts. Noch blieb alles, wie es war. Die Berichte würden gesammelt, verglichen, geprüft werden. Doch der Graf wusste, dass ein Zustand, der nur aus Gewohnheit erhalten wird, selten von Dauer ist – und dass jede Entscheidung, die vertagt wird, früher oder später ihren Preis fordert.

Re: Erlass von Graf Answin Leobold von Rothenstein - Im Namen der Krone

von gelöschter Charakter_434 » 02 Jan 2026, 16:24

Jhea’kryna Ky’Alur war noch dabei, die letzten Anweisungen zu geben, als der Späher vorgeführt wurde, staubig, außer Atem und mit jenem Blick, den nur jene trugen, die etwas gesehen hatten, das größer war als sie selbst. Die Verteilung der Waffen im Drowviertel lief geordnet, beinahe diszipliniert, Armbrüste wechselten die Hände. Kettenhemden wurden angepasst, und dennoch lag eine Nervosität in der Luft, die selbst Stahl nicht vertreiben konnte. Jhea’kryna wandte sich um, musterte den Späher einen Augenblick lang schweigend und bedeutete ihm dann, zu sprechen.

„Malla Ilharess“, begann er und neigte den Kopf tief, „wir haben einen Zugang gefunden.“

Ihre Augen verengten sich kaum merklich. „Sprich weiter.“

„Unterhalb der alten Höhlen von Covetous, nahe der eingestürzten Passage, gibt es einen Durchbruch, keinen frischen, sondern einen sehr alten, teilweise verschüttet, aber begehbar.“ Er schluckte. „Die Zeichen sind eindeutig. Diese Tunnel führen nicht nur unter dem Gebirge hinweg. Sie führen zurück. Nach Elashinn.“

Einen Herzschlag lang sagte Jhea’kryna nichts, und in dieser Stille lag mehr Gewicht als in mancher Drohung. Dann trat sie langsam näher, legte zwei Finger an das Kinn des Spähers und hob seinen Blick an. „Bist du sicher, dass es Elashinn ist, und nicht irgendein vergessener Nebenbau?“

„Ich habe die Markierungen gesehen“, antwortete er hastig. „Die alten Runen, die Bauweise, die Krümmung der Gänge. Das ist unser Stein. Unser Weg.“

Jhea’kryna ließ ihn los und wandte sich ab, während ein leises, fast zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht huschte. „Dann war die Stadt nie wirklich verloren“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu den Anwesenden. Lauter fügte sie hinzu: „Ruft Tath’raen. Und Sarkul. Mein Qu’ellar soll sich bereithalten.“

Als die Namen fielen, ging ein leises Raunen durch den Raum. Einer der Sargtline wagte einzuwenden: „Malla Ilharess, Moonglow ist noch nicht gesichert.“

Jhea’kryna blieb stehen und sah über die Schulter zurück, ihre Stimme ruhig, aber scharf wie ein gezogener Dolch. „Moonglow war nie unser Ziel. Es war ein Übergang.“

Sie trat an den Tisch, stützte sich darauf und sprach nun mit jener Klarheit, die keinen Widerspruch duldete. „Wenn es einen Weg zurück nach Elashinn gibt, dann ist es Zeit, ihn zu gehen. Diese Stadt kennt uns, diese Tiefe gehört uns, und was dort unten wartet, wird eher uns folgen als ihnen.“

Sie richtete sich auf. „Wir kehren zurück. Nicht fliehend. Sondern vorbereitet.“
Und zum ersten Mal seit Tagen lag in ihrer Stimme nicht nur Planung, sondern Gewissheit.

Re: Erlass von Graf Answin Leobold von Rothenstein - Im Namen der Krone

von Tath'raen » 24 Dez 2025, 15:05

Tath’raen saß auf der kleinen Terrasse und hielt den Kelch mit Wein ruhig in der Hand, als sein Blick auf die Straße darunter gefallen war, wo sich die Situation gerade verdichtete, zuerst kaum mehr als eine Unruhe, ein kurzes Stocken der Bewegung, dann das klare Bild von gezogenen Waffen und erhobenen Stimmen, als die Garde zwei der ihren aus der Menge löste, nicht hastig, nicht brutal, sondern mit jener nüchternen Entschlossenheit, die keinen Widerstand erwartete und ihn deshalb auch nicht duldete. Er beobachtete, wie die beiden Drow kurz innehielten, wie der eine noch etwas sagen wollte, es sich dann aber verkniff, weil er offenbar begriff, dass Worte hier nichts mehr ändern würden, und wie die Hände schließlich gefesselt wurden, routiniert, ohne Eile, als wäre dieser Schritt längst eingeplant gewesen und man hätte nur auf den passenden Moment gewartet.

Tath’raen nahm einen langsamen Schluck und ließ den Blick nicht von der Szene, während die Umstehenden sich zurückzogen, nicht aus Angst, sondern aus jener vorsichtigen Klugheit, die wusste, wann Wegsehen klüger war als Haltung zu zeigen, und in diesem Augenblick formte sich in ihm kein Mitleid, sondern ein stilles, fast zufriedenes Verständnis dafür, dass dies der Punkt war, an dem sich etwas unwiderruflich verschob. Er erkannte in der Art der Verhaftung kein Zeichen von Ordnung, sondern von Vorbereitung, und während die beiden Abgeführten zwischen den Wachen verschwanden, wusste er, dass diese Handlung kein Ende markierte, sondern einen Anfang, und dass das, was nun kommen würde, nicht mehr aufzuhalten war, egal wie ruhig die Straße kurz darauf wieder wirkte.

Während sich der Lärm auf der Straße legte und nur das gewohnte Murmeln der Stadt zurückblieb, lehnte sich Tath’raen leicht zurück und ließ den Wein einen Moment unbeachtet, denn seine Gedanken waren bereits weitergezogen, weg von den abgeführten Drow und hin zu jener, die diesen Zug gewiss nicht unbeantwortet lassen würde. Er kannte die Ilharess gut genug, um zu wissen, dass Stille bei ihr niemals Untätigkeit bedeutete, sondern Sammlung, und so wartete er, ruhig und geduldig, auf den nächsten Schachzug seiner Ilharess, überzeugt davon, dass er kommen würde – präzise, kalt und mit einer Wucht, die jene treffen sollte, die glaubten, das Spiel kontrollieren zu können.

Über das Recht der Selbstverteidigung

von gelöschter Charakter_434 » 24 Dez 2025, 13:01

Jhea’kryna Ky’Alur hatte den Moment genau beobachtet, als die Garde zwei ihrer Getreuen verhaftete. Mit jener kalten Selbstverständlichkeit, die zeigte, dass der Entschluss längst gefallen war und man nur noch auf einen Anlass gewartet hatte, und in diesem Augenblick war ihr klar geworden, dass jede Illusion von Zurückhaltung auf Seiten der Krone endgültig verflogen war. Noch während die Rufe auf der Straße verhallten, ließ sie Wachen vor das Drowviertel im Norden Moonglows stellen, Sargtline, die ihr seit Jahren treu dienten und deren Loyalität nicht aus Sold, sondern aus Furcht, Stolz und persönlicher Bindung gewachsen war. Sie befahl ihnen, ihr Volk zu schützen, egal gegen wen, egal zu welchem Preis, denn was hier verteidigt wurde, war längst mehr als ein Viertel oder ein Haus, es war ein Zeichen. Dennoch wusste Jhea’kryna, dass dies nicht ausreichen würde, denn Mauern und Klingen hielten nur so lange, wie der Gegner an Regeln glaubte, und Regeln waren in Moonglow bereits zu Staub zerfallen.

Während sie die Situation nüchtern abwog, begann sich ein Plan zu formen. Kein hastiger Gedanke, sondern einer jenen, die sich langsam entfalteten und dabei ihre eigene innere Logik offenbarten. Dieser Gedanke führte sie tief hinab, dorthin, wo die Oberflächenbewohner niemals wirklich hinsehen wollten.
Unter Elashinn, in den alten Tunneln und vergessenen Schächten, existierten Wesen, die man aus gutem Grund verbannt hatte. Drider, gefallene Kreaturen, halb Drow, halb Bestie, deren Existenz selbst unter den Dunkelelfen als Makel galt, und Jhea’kryna wusste um sie, weil sie selbst ihre Gefängnisse hatte errichten lassen und weil einige von ihnen ihre Existenz überhaupt erst ihr verdankten. Diese Wesen waren eingesperrt worden, um Schaden von Elashinn fernzuhalten, doch nun war die Zeit gekommen, in der Schaden ein Werkzeug werden musste, und Jhea’kryna erkannte, dass nichts geeigneter war, um Angst zu säen, als das Versprechen von Blut an jene, die davon lebten.

Sie beschloss daher, eine Expedition in die Tiefen des Underdark zu befehlen. Eine gezielte Suche nach den Tunneln zurück zu ihrer Stadt. Und nach jenen Kreaturen, die man einst verstoßen hatte, und der Auftrag war klar. Denn man sollte die Drider nicht bekämpfen. Nicht vernichten und nicht erneut knechten, sondern sie locken, mit Versprechen, mit Freiheit und mit der Aussicht auf Beute in Moonglow. Dort wo die Straßen voller Körper waren und die Ordnung nur noch eine dünne Haut trug. Jhea’kryna war sich bewusst, dass dieses Spiel gefährlich war, denn Drider kannten keine Loyalität, doch sie kannte ihre Gier, und Gier war berechenbar, solange diese Gier genährt wurde.

Parallel dazu ordnete sie einen zweiten Schritt an, leiser, unsichtbarer und nicht weniger wirkungsvoll. Denn sie ließ Lyr’sa zu sich rufen und trug ihr auf, einen Tunnel in den Kerker von Moonglow graben zu lassen, tief, eng und verborgen, und dieser Tunnel sollte nicht von drowischen Händen allein geschaffen werden. Unter Zuhilfenahme von Duergar, deren Fähigkeiten im Stein unübertroffen waren und deren Loyalität sich seit jeher mit Gold erkaufen ließ. Lyr’sa erhielt den Auftrag, diese Zwerge mit Versprechen von Reichtum zu locken, ohne ihnen den wahren Zweck des Tunnels zu offenbaren, denn Unwissenheit war ein besseres Siegel als jedes Schweigen, und Jhea’kryna wusste, dass selbst gierige Zwerge weniger Fragen stellten, wenn ihre Hände beschäftigt waren.

Um sicherzustellen, dass diese Arbeiten unbemerkt blieben, befahl sie zudem, dass Zynrae Lyr’sa begleiten sollte. Ein gut gesetzter Stillezauber war oft wirkungsvoller als jede Wache, und Magie, die Geräusche verschluckte, konnte ganze Welten - in diesem Fall das unwillkommene Klopfen von Hacken im Fels - verbergen.

Während all diese Befehle gegeben wurden, empfand Jhea’kryna weder Zorn noch Hast, sondern jene klare Ruhe, die sie immer dann erfasste, wenn sich ein Konflikt von einem moralischen in einen strategischen verwandelte, denn Moral war wandelbar, aber Strategie folgte Regeln. Sie wusste, dass Drider in den Straßen Moonglows Angst säen würden, selbst wenn sie nur kurz erschienen, und sie wusste ebenso, dass ein geheimer Zugang zum Kerker die Machtverhältnisse verschieben konnte, ohne dass ein einziges Banner gehisst werden musste, und so war ihr klar, dass dieser Plan kein Akt der Verzweiflung war, sondern ein notwendiger Schritt in einem Spiel, das andere begonnen hatten, ohne zu begreifen, mit wem sie es wirklich zu tun hatten.

Re: Erlass von Graf Answin Leobold von Rothenstein - Im Namen der Krone

von gelöschter Charakter_434 » 18 Dez 2025, 00:08

Jhea’kryna Ky’Alur stand am Fenster ihres Hauses und ließ den Blick lange, beinahe genüsslich, über die Straße unter sich gleiten, wo sich Stimmen, Schritte und das unruhige Flackern von Fackeln zu einem Bild verdichteten, das weniger Chaos als vielmehr eine rohe, ehrliche Form von Wahrheit darstellte. Denn Krawalle waren nichts anderes als der Moment, in dem Masken fielen und jene, die sonst brav schwiegen, endlich lernten zu schreien. Sie sah, wie sich ihre Dunkelelfen in kontrollierten Bewegungen zurückzogen, nicht hastig, nicht panisch, sondern mit der kalten Disziplin eines Volkes, das seit Generationen wusste, wie man überlebt, während zwischen ihnen und dem aufgebrachten Mob die Flüchtlinge gedrängt wurden, nicht aus Grausamkeit, sondern aus Pragmatismus, denn Schutzschilde aus Fleisch hatten sich schon immer als erstaunlich effektiv erwiesen, wenn Moral plötzlich wichtiger war als Ordnung.

Ein leises, beinahe amüsiertes Atmen entwich ihr, während sie beobachtete, wie die Situation sich verfestigte, und ohne den Blick vom Fenster zu lösen sprach sie den Namen, den man in ihrem Haus nie rufen musste. Er war ohnehin immer dort, wo Schatten sich sammelten. Tath’raen trat lautlos näher, und sie befahl ihm mit ruhiger Stimme, dass die Waffen ausgegeben werden sollten. Nicht versteckt, nicht heimlich, sondern offen und sichtbar, Armbrüste, Säbel, Dolche, Schilde und Kettenhemden, all das, was verfügbar war, solle an ihr Volk verteilt werden, nicht nur an eine Elite, nicht an eine kleine Garde, sondern an jene, die bereit waren, sich selbst zu verteidigen, wenn die Welt ihnen einmal mehr zeigte, dass sie kein Mitleid kannte. Sie fügte hinzu, dass Lyr’sa Tag und Nacht schmieden solle, ohne Unterlass, ohne Ausreden, und dass man ihr alles bereitstellen möge, was sie benötigte.

Tath’raen erhielt zudem den Auftrag, einige der Jaluken, unter ihnen Sarkul, sowie den Faern Maldrak dazu zu bewegen, Wache zu halten, und ihr umgehend zu berichten, sollte isch etwas ereignen.
Als der Sargtlin sich entfernte, blieb Jhea’kryna noch einen Moment stehen, lauschte dem gedämpften Lärm von draußen und spürte dieses vertraute Kribbeln, das sie immer dann befiel, wenn sich die Welt in eine Richtung bewegte, die zwar gefährlich war, ihr aber gleichzeitig Möglichkeiten eröffnete, die andere nicht einmal erkannten.

Schließlich wandte sie sich vom Fenster ab und trat an ihren Schreibtisch, wo Pergament, Tinte und Siegel bereitlagen, Symbole einer anderen Art von Macht, subtiler, aber nicht minder tödlich, denn Worte konnten Reiche stürzen, wenn man sie nur richtig setzte. Während sie sich setzte, dachte sie an die Dreistigkeit, mit der der Adel Velmorras ihr den Mord an dem Grafensohn Leuemund in die Schuhe geschoben hatte.Wie schnell sie reagiert hatten. Wie entschlossen und beinahe elegant sie vorgegangen waren, und sie musste sich eingestehen, dass es etwas Wunderschönes gehabt hatte, diese Klarheit, diese Skrupellosigkeit, dieses kompromisslose Handeln, das so viele für Unmoral hielten, während sie darin lediglich Effizienz sah.

Jhea’kryna liebte den Verrat, weil er ehrlich war, weil er nie vorgab, etwas anderes zu sein als ein Messer im Rücken, doch sie hasste den Verräter. Just so wie es das Sprichwort vorsah.
Es wurmte sie zutiefst, dass sie dieses Mal nicht selbst die Hand geführt hatte, dass man sie benutzt hatte, und schlimmer noch, dass sie sich hatte benutzen lassen, indem sie so bereitwillig in ein Spiel eingetreten war, dessen Regeln andere geschrieben hatten.
Dieser Gedanke nagte an ihr. Dieser verletzte Stolz... Ihr Stolz war das Einzige, was sie sich niemals hatte nehmen lassen, und wer ihn angriff, tat gut daran, den nächsten Zug sehr sorgfältig zu planen, auch wenn er glaubte, bereits gewonnen zu haben.

Doch Jhea’kryna wäre nicht Jhea’kryna, wenn sie aus diesem Umstand nicht einen Vorteil zu ziehen wüsste, und so glitten ihre Gedanken zu Jolanda Pappmacher, der Schreiberin, die sie erst seit einigen wenigen Tagen „in Sicherheit“ gebracht hatte und die nun ihr Gast war. Wenn auch ein streng überwachter, denn Jolanda durfte ihr Gästezimmer nicht verlassen. Es fehlte ihr an nichts. Ganz im Gegenteil, sie war umsorgt, bewirtet und mit einer eigenen Dienerin versehen worden, die langsam am Rande der Verzweiflung stand, weil jede Mahlzeit zu einer Prüfung wurde, bei der der Toast weder zu dunkel noch zu hell sein durfte und die Butter bitte so beschaffen sein sollte, dass sie sich wie von selbst über das Brot verteilte, ein Umstand, der Jhea’kryna jedes Mal ein leises Lachen entlockte, wenn sie davon hörte.

Sie lächelte nun auch, als sie an diese Absurdität dachte, und entschied, dass Jolanda gehen durfte, nicht als Gefangene, nicht als gebrochene Frau, sondern als freie Zeugin, die etwas gesehen hatte, das andere lieber verborgen hielten. Sie würde ihr einen Brief mitgeben, sauber formuliert, ohne Flehen und ohne Rechtfertigung, in dem sie erklärte, dass sie selbst mit dem Mord an Leuemund nichts zu tun gehabt habe, dass sie Jolanda Schutz gewährt habe, weil es richtig gewesen sei, und dass sie nun erwarte, dass diese Wahrheit auch außerhalb ihrer Mauern Gehör finde, selbst wenn man sie dort nicht hören wollte.
Während sie begann, die Feder in die Tinte zu tauchen, formten sich die Sätze bereits in ihrem Kopf, verschachtelt, präzise und voller jener kleinen Andeutungen, die mehr sagten als jede offene Anschuldigung, und sie dachte daran, wie der Adel reagieren würde, wenn Jolanda auftauchte, lebend, wohlauf und mit Worten im Gepäck, die nicht ins gewünschte Narrativ passten. Vielleicht würde man sie ignorieren, vielleicht diskreditieren, vielleicht würde man sie als naive Schreiberin abtun, doch selbst dann wäre ein Samen gesät, und Jhea’kryna wusste nur zu gut, wie gefährlich Samen sein konnten, wenn sie erst einmal Wurzeln schlugen.

Draußen ebbte der Lärm langsam ab, nicht weil die Spannungen verschwunden waren, sondern weil sie sich neu sortierten, und Jhea’kryna schrieb weiter, ruhig und konzentriert, während sie innerlich bereits die nächsten Schritte plante, die Briefe, die noch folgen würden, die Gespräche, die sie führen musste, und die Wahrheiten, die sie je nach Empfänger anders färben würde, denn Wahrheit war kein fester Zustand, sondern ein Werkzeug, und sie verstand es meisterhaft, dieses Werkzeug zu führen, auch wenn man ihr gerade erst gezeigt hatte, wie scharf es sein konnte, wenn es gegen sie selbst gerichtet wurde.
Als sie schließlich innehielt und die Feder beiseitelegte, war ihr Lächeln verschwunden, ersetzt durch jene ruhige, gefährliche Gelassenheit, die sie immer dann ausstrahlte, wenn andere glaubten, sie in die Enge getrieben zu haben, und sie wusste, dass dieser Mord, dieser Verrat, diese öffentliche Schuldzuweisung nicht das Ende war, sondern der Anfang eines Spiels, das nun endlich interessant wurde, auch wenn sie sich insgeheim eingestand, dass sie es beim nächsten Mal besser machen würde, sehr viel besser, denn benutzt zu werden war eine Lehre, die sie sich nur ein einziges Mal erlaubte.

Re: Erlass von Graf Answin Leobold von Rothenstein - Im Namen der Krone

von Graf Answin Leobold von Rothenstein » 16 Dez 2025, 13:29

Der Bericht aus Moonglow roch nach Salz und kalter Asche, selbst hier, in den stillen Gemächern Britains.

Graf Answin Leobold von Rothenstein las langsam, Satz für Satz, und ließ zwischen den Zeilen Raum für das, was nicht geschrieben stand.

Die Entscheidung war gefallen – nüchtern, unausweichlich.
Gräfin Cornelia von Schwarztann war in Britain verblieben. Der feige Mord an Leuemund Romun von Wolfenreich, die bestätigten Anschlagspläne in Düsterhafen, all das hatte keinen Spielraum gelassen. Moonglow mochte Insel sein, doch erschien auch sie kein sicherer Ort mehr. Die Krone hatte sie im Zentrum behalten, geschützt von Mauern, Bannkreisen und loyalen Klingen.

Natürlich hatte man die Garde auf Moonglow unverzüglich unterrichtet.
Befehle waren gesandt worden, klar formuliert, ohne Spielraum für Auslegung:
Die Dunkelelfen waren festzusetzen. Bewegungen zu unterbinden. Ruhe herzustellen.

Der vorübergehend eingesetzte Hauptmann hatte gehandelt, wie man es von einem Mann seines Standes erwarten durfte.

Answin nickte kaum merklich, als er las, wie der Zug zusammengestellt worden war. Gardisten aus der Stadt, verstärkt durch Reserven. Die Tore nach Moonglow gesichert, Straßen kontrolliert, der Stadtkern verstärkt. Ordnung wurde hergestellt, gesichert, zunächst.
Dann, in Phase 2, der Zugriff am bekannten Aufenthaltsort. Zielgerichtet. Entschlossen.
Mehrere Dunkelelfen festgesetzt. Keine Verletzten. Keine Eskalation. So sollte es sein.

Doch dann veränderte sich der Ton des Berichts. Answin spürte es, noch bevor er verstand, warum.

Mehr Dunkelelfen seien aufgetaucht, schrieb der Hauptmann. Nicht geschlossen, nicht organisiert – sondern einzeln, aus Gassen, Hinterhöfen, Häusern. Selbst jene, die noch Stunden zuvor als mittellose, verdreckte Gestalten aufgefallen waren, trugen plötzlich Messer, Säbel, halb versteckt, aber bereit und die Botschaft war klar.
Im Zuge der angespannten Lage kam es vereinzelt zu kleineren Gefechten zwischen Gardisten und bewaffneten Dunkelelfen. Diese Zusammenstöße blieben jeweils von kurzer Dauer und konnten durch entschlossenes, jedoch maßvolles Eingreifen der Garde rasch beendet werden. Auf beiden Seiten waren weder Todesopfer noch schwerwiegende Verletzungen zu verzeichnen. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden und die bereits erreichten Festsetzungen nicht zu gefährden, entschied ich, die festgesetzten Individuen unverzüglich aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich zu verbringen. Zu diesem Zweck wurde ein zusätzlicher Trupp vom nördlichen Hafen angefordert, dem die sichere Abführung der Gefangenen übertragen wurde, um sie außer Reichweite der anwachsenden Unruhe in den nördlichen Grenzbereichen der Stadt zu bringen und den verbliebenen Kräften vor Ort Handlungsspielraum zu erhalten.
Answin zog langsam die Stirn kraus. Bis hierhin hatte der Mann richtig gehandelt. Und dann kam die Stelle, bei der seine Hand kurz inne hielt.

Nicht die Dunkelelfen hatten zuerst eskaliert.
Nicht die Bewaffneten.
Es waren die Flüchtlinge gewesen.

Menschen, die bislang am Rand gestanden hatten, beobachtend, schweigend. Sie begannen zu werfen – faules Obst, Steine, alles, was sie greifen konnten. Doch nicht auf die für vogelfrei erklärten Dunkelelfen.

Auf die Garde. Auf die ehrbare Garde der Gräfin von Schwarztann.

Answin las die entsprechende Stelle des Berichts zweimal.
Im weiteren Verlauf der Maßnahmen kam es zu offenen Anfeindungen durch Teile der anwesenden Flüchtlinge. Diese richteten sich nicht gegen die festgesetzten Dunkelelfen, sondern gegen die eingesetzten Gardisten selbst. Unter lauten Zurufen warfen die Personen der Garde Schamlosigkeit und Pflichtvergessenheit vor und erklärten, die Dunkelelfen hätten ihnen in den vergangenen Tagen mit Nahrung und einfachen Vorräten ausgeholfen, ihre Not gelindert und sie nicht abgewiesen. Im Gegensatz dazu, so die Vorwürfe, habe die Garde ihre Bestände in der Garnison bewacht und keinerlei Unterstützung gewährt. Die Stimmung unter den Flüchtlingen schlug hierbei spürbar um und entwickelte sich von verbaler Ablehnung zu offen feindseliger Haltung gegenüber der königlichen Ordnungsmacht.

Bild

Ein bitteres, leises Ausatmen entwich ihm.
Angesichts der zunehmenden Unruhe sowie der offenen Feindseligkeit durch bewaffnete Dunkelelfen und Teile der anwesenden Flüchtlinge sah ich mich gezwungen, zwischen dem Einsatz tödlicher Gewalt und der Sicherung des bislang Erreichten abzuwägen. Eine weitere Eskalation hätte unweigerlich auch jene getroffen, die unserer Obhut unterstehen – Menschen, die sich bereits in großer Not befinden und deren Handeln erkennbar durch Angst, Erschöpfung und Mangelernährung beeinflusst war. In meiner Verantwortung als Befehlshaber vor Ort sah ich es als meine Pflicht an, diese Schutzbefohlenen nicht zusätzlich zu gefährden, selbst wenn sie wider besseres Wissen handelten. Um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden und die Lage nicht weiter anzuheizen, entschied ich mich daher bewusst gegen eine Ausweitung der Gewalt und ordnete den Rückzug auf gesicherte Positionen an. Die vollständige Durchsetzung der angeordneten Festsetzung aller Dunkelelfen war unter diesen Umständen nicht möglich. Ich ersuche folglich um die Zuweisung zusätzlicher Truppen sowie um klar präzisierte Befehle, um die Situation in Moonglow unter veränderten Rahmenbedingungen erneut und nachhaltig ordnen zu können.
Answin ließ den Bericht sinken.

Erst die Situation in Britain, dann die Anschläge in Düsterhafen und nun selbst im ansonsten stabilen und treuen Moonglow?
Drei Brandherde, und nur ein Wassereimer.

Gegenwärtig war kaum etwas zu bewegen. Britain selbst stand unter Spannung, die Wachen durch die längeren und verschärften Wachdienste ausgelaugt, der Adel aufgebracht, die Straßen unruhig. Er konnte keine weiteren Gardisten nach Moonglow entsenden, nicht ohne hier neue Lücken zu reißen – nicht solange die Dunkelelfen sich auf Moonglow, zumindest vorerst, ruhig verhielten.

Vorerst würde sich die Gräfin mit dem begnügen müssen, was möglich war:
Der Kern von Moonglow war stark gesichert. Die Straßen wurden kontrolliert.
Die Dunkelelfen faktisch auf den nördlichen Hafen konzentriert – beobachtet, eingegrenzt, aber nicht zerschlagen.
Ein Provisorium. Und Provisorien waren selten Zeichen von Stärke.

Answin schloss die Augen für einen Moment.

Dies war kein einfacher Aufruhr.
Es war ein Riss – zwischen Ordnung und Dankbarkeit, zwischen Pflicht und Wahrnehmung.

Und Risse, das wusste er nur zu gut, wurden selten von selbst wieder geschlossen.

Re: Erlass von Graf Answin Leobold von Rothenstein - Im Namen der Krone

von Hinrik Haldner » 08 Dez 2025, 21:12

~An den Wänden prominenter Gebäude finden sich feste Aushänge ~:

Kundgebung!!!

Im Namen der Königin, Ereteria Victoria II. von Velmorra, wird hiermit mit sofortiger Wirksamkeit verkündet, dass alle Dunkelelfen aufgrund des abscheulichen Mordes an des Grafen Erstgeborenem Leuemund Romun von Wolfenreich, als VOGELFREI gelten. Wer einen solchen Aufrührer stellt oder tötet, hat nicht mit Strafe, sondern mit Lohn zu rechnen. Jegliche Mithilfe, Unterstützung derer, wird ohne Erbarmen geahndet werden.

Hoch lebe die Königin!
Für das Volk!!!

Re: Erlass von Graf Answin Leobold von Rothenstein - Im Namen der Krone

von Tath'raen » 08 Dez 2025, 18:48

Tath'raen stand auf seinem Wachposten in der großen Halle, als die Ilharess das Pamphlet verlaß. Während er den Worten lauschte, durchfuhr ihn ein warmes Gefühl. Es fühlte sich so gut an, dass er über die Bemerkung der Ilharess über ihre Hautfarbe, die sie von ihm gestohlen hatte, hinwegsah. Er muss nun nicht mehr vor den Rivvin nett sein. Heute war die Welt wieder etwas heimischer und schöner geworden.

The game's afoot [Mord in Britain]

von gelöschter Charakter_434 » 08 Dez 2025, 18:14

Graf Rothensteins Worte erreichten Jhea’kryna, noch während die Tinte kaum getrocknet war. Der Erlass – hart und pompös, überdies gefährlich allgemein formuliert – verbreitete sich wie ein loderndes Gerücht durch Britain und Moonglow zugleich.
Sie las die Zeilen zweimal. Einmal sachlich, einmal amüsiert. Vogelfrei und Aufrührer waren sie nun. Ein Feind der Krone. Worte, die sich schwer geben wollten, aber für sie nur hohl klangen.

Schließlich lehnte sie sich zurück, ein leises, kaum hörbares Schmunzeln umspielte ihre Lippen.
„Und das,“ sagte sie trocken, während ihr Qu’ellar aufmerksam lauschte, „nur weil wir schwarz sind.“

Sie ließ das Pergament sinken. Die Drohung beeindruckte sie nicht im Geringsten; sie roch nach Angst, nach einer Krone, die ihren eigenen Hof nicht kontrollieren konnte und nun blindlings gegen jene schlug, die ihr die Unzulänglichkeiten vor Augen geführt hatten. Ein Reich, das seine Ohnmacht hinter martialischen Worten versteckte.

„Wenn dies die Stärke Britains sein soll,“ fuhr sie fort, „dann ist es kein Wunder, dass die Welt zerbricht.“

Ihr Blick verfinsterte sich – nicht aus Furcht, sondern aus Vorfreude.
Das Spiel war im Gange.

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