von Velvexa Syl'Dr » 14 Sep 2026, 11:09
Es kam aus dem Berg...
Vel lag am Rand des Waldes, dort, wo die Bäume dünner standen und ein offenes Licht zwischen den Stämmen lag, das Kinn auf den Vorderläufen, und sah hinaus. Sie tat das öfter in letzter Zeit. Sie wusste nicht, warum. Der Wald war ihre Welt, der ganze, seit sie denken konnte: das Rudel, das irgendwo hinter ihr im Dickicht schlief, die alte Ziehmutter, der Leitwolf, die Geschwister. Die Fährten. Der Bach. Und die Mutter über allem, jede Nacht.
Sie war ein Wolf. Meistens. Groß für ihr Alter, mit etwas Halbfertigem in den langen Läufen, und mit Augen, die keine Wölfin hatte: blass, frostig, eisgrau. Die Ziehmutter hatte sie ihr als Welpe manchmal aus dem Fell geleckt, als könne man das abwaschen. Man konnte es nicht. Es hatte nie etwas bedeutet. Im Wald bedeutete so etwas nichts.
Sie war schon halb im Aufstehen, um zum Rudel zurückzugehen, als der Wind drehte.
Stein. Metall. Blut.
Stein, so alt, dass er keinen Namen mehr brauchte. Metall, viel davon, mehr, als sie je auf einmal gerochen hatte; sie kannte es von den Fallen, die die Menschen in die Lichtungen legten und aus denen sie Tiere zog, wenn niemand sah. Blut, das lange getrocknet war und immer noch Blut sein wollte. Und darunter … etwas Süßes. Etwas, das ihr Wolf nicht mochte, bevor sie wusste, warum.
Ihre Ohren gingen nach vorn. Ihr Nacken sträubte sich.
Der Wolf riecht was.
Ich auch.
Der Wolf will nachsehen.
Ich weiß.
Und dann, kälter, von weiter hinten, wo eine Stimme wohnte, die selten sprach und nie fragte:
Das kenne ich.
Vel hielt still. Die Kalte sprach nicht oft. Wenn sie sprach, hatte sie recht, und Vel mochte das nicht.
Was kennst du?
Den süßen Geruch. Das ist kein Tier. Das ist gemacht.
Und ganz hinten, dort, wo alle drei nie hinsahen, hob etwas den Kopf. Es sagte nichts. Es sagte nie etwas.
Der Geruch kam nicht vom Weg. Er kam von der anderen Seite, wo der Boden anstieg und der Wald gegen den Fels lief, und er kam von unten. Sie kannte Höhlen. Höhlen rochen nach Fuchs und nach Nässe und manchmal nach Bär. Diese hier roch nach etwas, das gegangen war, sehr lange, und jetzt kam. In ihren Wald. In der Nacht. Wenn die Mutter hoch stand.
Die kommen in unseren Wald, sagte der Wolf, und es klang wie ein Welpe, der einen Käfer gefunden hat. In der Nacht. Wenn die Mutter zusieht.
Dann sehen wir sie uns an.
Der Wolf will mehr als ansehen.
Erst ansehen.
Vel grinste, so wie Wölfe grinsen: mit den Ohren.
Sie ging. Nicht auf dem Weg, nie auf dem Weg. Durch den Wald, den sie kannte wie ihr eigenes Fell, von Schatten zu Schatten, und die Halme blieben stehen, wo sie gegangen war. Wittern, ducken, weiter. Wittern, ducken, weiter. Über ihr, zwischen den Kronen, ging die Mutter mit. Rund und weiß und wach. Da bist du. Solange sie zusah, war nichts falsch an der Welt.
Und da, leise, so leise, dass sie es fast für den Wind hielt, kam die vierte Stimme. Die, für die sie keinen Namen hatte. Die nie sagte, was sie war, und nie wollte, dass Vel etwas tat. Sie sagte nur:
Geh sacht. Sie haben einen weiten Weg hinter sich.
Vel wusste nicht, woher die Stimme das wusste. Sie wusste es nie. Sie ging sachter.
Dann öffnete sich der Wald, und Vel machte sich flach im Farn.
Nebel lag auf der Lichtung, kniehoch, wie er in kalten Nächten aus dem Boden kam, und das Licht der Mutter lag auf dem Nebel, und der Berg dahinter … atmete.
Es gab einen Spalt im Fels, schwarz, wo vorher kein Spalt gewesen war, und aus dem Spalt kamen Wesen. Sie kamen, wie die Ameisen aus einem Stamm kommen, wenn man ihn aufbricht: viele, still, in einer Ordnung, die sie nicht lesen konnte. Zweibeiner. Aufrecht. Sie gingen durch den Nebel, als gehörte er ihnen.
Und sie waren leise.
Das war das Erste, was Vel begriff, mit dem Teil von ihr, der Fährten las. Metall klirrt. Die Menschen, die manchmal am Waldrand vorbeizogen, klirrten bei jedem Schritt, so laut, dass der Wald sie lange vorher kannte. Diese hier klirrten nicht. Sie setzten die Füße, wie sie selbst die Pfoten setzte, und der Wald hörte sie nicht. So gehen Jäger. So geht ein Rudel, das weiß, was es tut.
Die glauben, sie sind hier die Jäger, sagte der Wolf, und er lachte dabei, lautlos, mit dem ganzen Bauch. Guck sie dir an. So leise. So stolz.
Lass sie glauben.
Der Wolf will ihnen zeigen, wem der Wald gehört.
Der Wald gehört niemandem.
Der Wald gehört uns.
Die Ordnung kenne ich auch, sagte die Kalte, und sie sagte es, wie man eine Fährte liest, die man früher schon einmal gelesen hat. Vorne die, die Befehle gibt. Dann die Klingen. Dann das, was man tragen lässt. Sieh hin. So geht man, wenn man weiß, dass jeder hinter einem einen Dolch hat.
Woher weißt du das?
Die Kalte antwortete nicht. Sie antwortete nie auf diese Frage.
Sie glaubten, sie wären hier die Jäger. Sie kamen aus ihrem Loch, leise und stolz, und gingen durch den Nebel in einen Wald, der schon jemandem gehörte. Sie kannten den Bach nicht und die Fallen nicht und die Stelle, an der der Bär schlief. Sie kannten den Baum nicht. Vel kannte den Baum. Sie war der Baum … der eine, ganz am Ende des Waldes, in dessen Ästen alles hing, was sie war: der Wolf und die Kalte und die, die keinen Namen hatte, und der Bruder, den keine von ihnen ansah. Wer bis hierher kam, kam zu dem Baum. Ob er wollte oder nicht.
Sie leckte sich die Lefzen und wusste nicht, wann sie damit angefangen hatte.
Dann kamen die Tiere.
Der Geruch schlug ihr ins Gesicht wie eine Pfote: zottig, dumm, warm, stinkend. Beute. Beute, die nie gelaufen war. Beute, die man nicht jagen musste, weil sie einem hinterherging. Etwas in ihrem Magen drehte sich um, heiß, und der Speichel kam.
Die laufen nicht mal. Die laufen nicht mal weg. Der Wolf muss nur hingehen.
Wir sind satt.
Der Wolf ist nie satt. Der Wolf ist nur manchmal nicht hungrig.
Dann sei jetzt nicht hungrig.
Sie würden dich sehen, sagte die Kalte. Und dann wüssten sie, dass hier etwas ist, das größer ist als ein Wolf. Willst du das?
Nein.
Dann friss später. Es läuft dir nicht weg. Das ist das Schöne an Vieh.
Vel schluckte den Speichel hinunter und drückte den Bauch in die Erde. Satt. Sie war satt, sie war satt, sie war satt.
Dann kamen andere, die keuchten und gebückt gingen, und deren Angst konnte sie riechen bis hierher, und sie verstand nicht, warum die einen die anderen trieben. Wölfe treiben Beute. Diese trieben ihresgleichen.
Das sind nicht ihresgleichen, sagte die Kalte. Das ist, was man hat.
Sie haben Angst, sagte die Stimme ohne Namen. So wie du, wenn der Bär kommt. Genau so.
Angst ist Beute, sagte der Wolf.
Angst ist Angst, sagte die Stimme ohne Namen, und dann sagte sie nichts mehr, so wie immer, wenn Vel sie hätte fragen wollen.
Vel legte den Kopf schräg.
Und dann sah sie die Gesichter.
Das Licht der Mutter lag auf der Lichtung wie eine geöffnete Hand, und in diesem Licht sah Vel, was sie noch nie gesehen hatte. Nicht an den Menschen, deren Fallen sie aus den Lichtungen zog. Nicht am Rudel. Haut wie die Nacht. Haar wie Schnee. Sie kannte das. Sie kannte das von ihren eigenen Händen, in den seltenen Stunden, in denen sie sich die andere Gestalt überzog und hinunter sah auf zehn tapsige Finger, dunkel wie nasse Erde. Sie kannte das vom Spiegel im Bach, wenn der Wind stillstand: das helle Haar, das sie mit Beeren färbte, weil es ihr zu auffällig war im Wald. Sie hatte nie gewusst, dass es so aussehen sollte. Sie hatte nie gewusst, dass es überhaupt irgendwie aussehen sollte.
Meine Haut. Mein Haar.
Meine, sagte die Kalte, und zum ersten Mal, seit Vel sie kannte, klang sie nicht kalt. Das sind meine. Sieh, wie sie gehen. Sieh, wie sie den Kopf halten. Das ist meins.
Das ist unsers, sagte Vel, und wusste nicht, ob es stimmte.
Etwas in ihrer Brust wurde weit, so weit, dass es weh tat, und es war ein anderes Weh als der Hunger. Sie hatte nicht gewusst, dass es andere gab. Sie hatte nie gefragt, denn es gab niemanden, den man fragen konnte. Und jetzt kamen sie aus dem Berg, viele, mit ihrer Haut, mit ihrem Haar, in ihren Wald, zu ihrem Baum, und der Wolf hörte auf zu lachen, weil das andere in ihr etwas wollte, das der Wolf nicht kannte.
Was ist das, fragte der Wolf. Das ist kein Hunger.
Ich weiß nicht.
Der Wolf mag es nicht.
Es ist Sehnsucht, sagte die Stimme ohne Namen. Es tut nicht weh, weil es falsch ist. Es tut weh, weil es lange geschlafen hat.
Sei still, sagte die Kalte, und die Stimme ohne Namen war still.
Hingehen. Riechen, ob sie nach Rudel rochen.
Dann drehte eines der Gesichter sich, und sie sah die Augen.
Rot. Wie Glut, wenn das Feuer fast aus ist. Alle. Jedes Gesicht, das sie im Licht fand, trug diese Glut, und keines trug das, was sie im Bach sah: das Blasse, das Frostige, das nicht abzuwaschen war.
Nicht meine Augen.
Nein, sagte die Kalte. Deine sind falsch. Die würden das sofort sehen. Die würden denken, du bist blind. Oder krank. Oder beides.
Und dann?
Dann würden sie tun, was man mit Kranken tut.
Und sie sahen nicht hinauf.
Das war das Zweite, das Vel begriff, und es war schwerer als das Erste. Die Mutter stand hoch und voll über der Lichtung, so hell, wie sie nur in den besten Nächten war, und sie legte ihr Licht auf jeden von ihnen, auf die Schultern, auf das Haar, auf die roten Augen. Und keiner sah hin. Sie sahen auf den Boden. Sie sahen in den Wald. Einer sah hinauf, ein Einziger, und blieb hängen, wie sie selbst immer hängen blieb … und dann kam ein Laut von einem anderen, leise und scharf, und der Eine senkte den Kopf, als hätte man ihn geschlagen.
Die Mutter sah ihnen zu, und sie wollten es nicht.
Jäger, sagte der Wolf. Jäger sehen weg vom Licht. Sonst sieht die Beute die Augen.
Wir sehen zur Mutter.
Wir sind keine Jäger wie die.
Sie sehen nicht weg, weil sie jagen, sagte die Kalte. Sie sehen weg, weil man es ihnen beigebracht hat.
Sie haben es verlernt, sagte die Stimme ohne Namen, ganz leise. Das ist alles. Man kann es wieder lernen.
Nein, sagte die Kalte. Kann man nicht.
Man sah zur Mutter. Man sah immer zur Mutter. Man lag im Gras und ließ sich ansehen, und dann war man nicht mehr allein, egal wie leer der Wald war. Wer sah weg?
Da war die eine, die stillstand.
Alle anderen bewegten sich. Nur die eine stand, ganz vorn, mit dem Rücken zum Berg, und rührte sich nicht, als wäre sie ein Stein, der schon da gewesen war, bevor der Berg sich geöffnet hatte. Vel sah, wie die anderen um sie herum langsamer wurden. Wie sie den Kopf senkten, wenn sie an ihr vorbeikamen. So wird ein Rudel langsam um die Leitwölfin, ohne dass jemand knurrt.
Die da, sagte die Kalte. Die ist es. Die anderen sind nur, was sie hat.
Und die Leitwölfin hatte eine Hand am Fels. Vel sah es nur, weil sie Bewegung las wie andere Spuren: die Hand hielt sich fest. Einen Atemzug lang. Dann löste sie sich, und die eine stand wieder, als hätte sie nie etwas gehalten.
Vel kannte das. Von sich selbst. Am Waldrand, wenn sie weiter hinaussah, als sie zu gehen wagte.
Sie hat Angst, sagte die Stimme ohne Namen. Nur einen Atemzug lang. Aber sie hat.
Sie darf nicht, sagte die Kalte. Nicht die. Wenn die Angst hat, sind alle anderen tot.
Trotzdem hat sie.
Und da kam die Frage, für die sie kein Wort hatte, so wie sie für so vieles kein Wort hatte. Sie kam nicht als Frage. Sie kam als Bild: dass sie aufstand und hinüberging, durch den Nebel, mit ihrer Haut und ihrem Haar und ihren falschen Augen, und dass eines der roten Gesichter sich drehte und … was? Ob sie eines wie sie ins Rudel ließen. Ob sie es täten, wenn sie wüssten, was im Baum hing.
Frag nicht, sagte der Wolf, ganz leise. Der Wolf weiß es. Du weißt es.
Sie würden dich nehmen, sagte die Kalte. Für die Haut. Für das Haar. Und dann würden sie dich benutzen, bis nichts mehr übrig ist. So machen wir das.
Wir?
Sie. Ich meinte sie.
Vielleicht nicht alle, sagte die Stimme ohne Namen. Nie alle.
Und der da hinten wusste es am besten. Der Bruder sagte nichts. Er sagte nie etwas. Er wurde nur wach.
Etwas bewegte sich am Rand der Lichtung, und es bewegte sich wie kein Tier.
Sie sah es zu spät, und das erschreckte sie mehr als alles andere: dass sie es zu spät sah, in ihrem Wald, an ihrem Baum. Ein Schatten hatte sich von den anderen gelöst und war zwischen die Bäume gegangen, lautlos, und kam jetzt am Rand entlang, näher, so nah, dass der süße Geruch wieder in ihrer Nase war, stärker, und darunter Metall, das nicht schlief. Er ging, wie sie ging. Von Schatten zu Schatten. Er suchte.
Und das Lachen kam zurück, für einen Herzschlag, böse und warm.
Der sucht uns, sagte der Wolf. Der sucht uns, und er weiß nicht, was er findet. Lass ihn näher. Lass ihn laufen. Der Wolf mag es, wenn sie laufen.
Nein.
Weglaufen geht jetzt nicht mehr. Für den nicht.
Der läuft nicht, sagte die Kalte. Der ist nicht die Sorte, die läuft. Der ist die Sorte, die zurückkommt. Mit den anderen. Sei Stein.
Für uns geht es auch nicht mehr, sagte Vel. Alle still. Sei Stein.
Sei Wald, sagte die Stimme ohne Namen. Du bist Wald. Er sieht nur Wald.
Dann drückte sie es hinunter. Mit allem, was sie hatte.
Vel wurde Stein. Sie hörte auf zu atmen, so wie man aufhört, wenn der Bär vorbeikommt. Ihr Herz schlug gegen die Erde, und sie drückte es hinunter, drückte alles hinunter, das Weite in der Brust und das Heiße im Bauch und den Bruder, der wach geworden war und sich streckte, langsam, wie einer, der lange geschlafen hat und jetzt ein Spiel riecht. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht der. Sie war ein Wolf. Ein Wolf im Farn war nichts. Ein Wolf im Farn war der Wald selbst.
Das Licht der Mutter lag auf ihrem Fell, silbern, und machte sie zu einem Fleck aus Helligkeit zwischen Flecken aus Helligkeit.
Der Schatten blieb stehen. Drei Sprünge weit. Er sah in ihre Richtung, und sie sah seine Augen, rot, nah, und dann glitt sein Blick über sie hinweg wie Wasser über einen Stein … und weiter, in den Wald, und er ging. Als wäre da nichts gewesen als Farn und Mondlicht und ein Tier, das schlief.
Vel atmete erst wieder, als er lange fort war.
Schade, sagte der Wolf.
Nein.
Ein bisschen schade.
Er hat dich nicht gesehen, sagte die Stimme ohne Namen. Sie hat dich gehalten. Hast du es gespürt?
Wer?
Aber die Stimme ohne Namen war schon wieder still, und die Kalte sagte: Der Nebel. Das Licht. Glück. Nenn es, wie du willst, und geh nie wieder so nah.
Der Bruder legte sich hin. Nicht ganz.
Die Lichtung leerte sich. Die Dunklen gingen in den Wald und an den Berg und in die Schatten, und die eine, die stillgestanden hatte, ging als Letzte, allein, in eine andere Richtung, und niemand folgte ihr. Vel sah ihr nach, bis der Nebel sie nahm.
Dann war die Lichtung leer, und das Licht der Mutter lag darauf wie vorher.
Sie blieb liegen. Über ihr stand die Mutter, rund und weiß und wach, und Vel sah hinauf, so wie immer, und diesmal war es anders, weil sie jetzt wusste, dass man auch wegsehen konnte. Dass es welche gab, die es taten. Die ihre Haut hatten und ihr Haar und wegsahen — und die in ihren Wald gekommen waren, zu ihrem Baum, ohne es zu wissen.
Und ohne dass sie es wollte, kam der Laut aus ihrer Kehle. Leise. Zweistimmig. Das Summen, das sie immer summte, wenn die Mutter hoch stand, das sich mit dem Wind in den Blättern verwob und das nie jemand hörte außer dem Wald. Ein kleines Lied. Ein Lied, wie man es einem Welpen summt, damit er schläft. Es ging hinaus über die Lichtung. Es ging, wo der Wind es hintrug. Zum Berg. Zum Spalt. Hinunter.
Hör auf, sagte die Kalte. Hör sofort auf. Die dürfen das nicht hören.
Warum nicht?
Weil sie es kennen
Lass sie, sagte die Stimme ohne Namen. Es ist für sie. Es war immer für sie.
Vel hörte auf, als sie merkte, dass sie es tat.
Irgendwo am Rand der Lichtung, weit, hatte sich ein Kopf gedreht. Vielleicht. Vielleicht war es nur ein Zweig gewesen.
Vel lag noch lange im Farn, das Kinn auf den Läufen, und sah hinauf.
Solange sie zusieht, ist nichts falsch an der Welt.
Zum ersten Mal, seit sie denken konnte, war sie sich nicht ganz sicher.
Kommen die wieder?, fragte der Wolf.
Ich glaube schon.
Gut, sagte der Wolf.
Gut, sagte die Kalte, und meinte etwas anderes damit.
Die Stimme ohne Namen sagte nichts. Aber Vel hatte das Gefühl, dass sie lächelte.
Und sie wusste nicht, welche von ihnen es zuerst gedacht hatte.
Es kam aus dem Berg...
Vel lag am Rand des Waldes, dort, wo die Bäume dünner standen und ein offenes Licht zwischen den Stämmen lag, das Kinn auf den Vorderläufen, und sah hinaus. Sie tat das öfter in letzter Zeit. Sie wusste nicht, warum. Der Wald war ihre Welt, der ganze, seit sie denken konnte: das Rudel, das irgendwo hinter ihr im Dickicht schlief, die alte Ziehmutter, der Leitwolf, die Geschwister. Die Fährten. Der Bach. Und die Mutter über allem, jede Nacht.
Sie war ein Wolf. Meistens. Groß für ihr Alter, mit etwas Halbfertigem in den langen Läufen, und mit Augen, die keine Wölfin hatte: blass, frostig, eisgrau. Die Ziehmutter hatte sie ihr als Welpe manchmal aus dem Fell geleckt, als könne man das abwaschen. Man konnte es nicht. Es hatte nie etwas bedeutet. Im Wald bedeutete so etwas nichts.
Sie war schon halb im Aufstehen, um zum Rudel zurückzugehen, als der Wind drehte.
Stein. Metall. Blut.
Stein, so alt, dass er keinen Namen mehr brauchte. Metall, viel davon, mehr, als sie je auf einmal gerochen hatte; sie kannte es von den Fallen, die die Menschen in die Lichtungen legten und aus denen sie Tiere zog, wenn niemand sah. Blut, das lange getrocknet war und immer noch Blut sein wollte. Und darunter … etwas Süßes. Etwas, das ihr Wolf nicht mochte, bevor sie wusste, warum.
Ihre Ohren gingen nach vorn. Ihr Nacken sträubte sich.
[i]Der Wolf riecht was.[/i]
[i]Ich auch.[/i]
[i]Der Wolf will nachsehen.[/i]
[i]Ich weiß.[/i]
Und dann, kälter, von weiter hinten, wo eine Stimme wohnte, die selten sprach und nie fragte:
[i]Das kenne ich.[/i]
Vel hielt still. Die Kalte sprach nicht oft. Wenn sie sprach, hatte sie recht, und Vel mochte das nicht.
[i]Was kennst du?[/i]
[i]Den süßen Geruch. Das ist kein Tier. Das ist gemacht.[/i]
Und ganz hinten, dort, wo alle drei nie hinsahen, hob etwas den Kopf. Es sagte nichts. Es sagte nie etwas.
Der Geruch kam nicht vom Weg. Er kam von der anderen Seite, wo der Boden anstieg und der Wald gegen den Fels lief, und er kam von unten. Sie kannte Höhlen. Höhlen rochen nach Fuchs und nach Nässe und manchmal nach Bär. Diese hier roch nach etwas, das gegangen war, sehr lange, und jetzt kam. In ihren Wald. In der Nacht. Wenn die Mutter hoch stand.
[i]Die kommen in unseren Wald[/i], sagte der Wolf, und es klang wie ein Welpe, der einen Käfer gefunden hat. [i]In der Nacht. Wenn die Mutter zusieht.[/i]
[i]Dann sehen wir sie uns an.[/i]
[i]Der Wolf will mehr als ansehen.[/i]
[i]Erst ansehen.[/i]
Vel grinste, so wie Wölfe grinsen: mit den Ohren.
Sie ging. Nicht auf dem Weg, nie auf dem Weg. Durch den Wald, den sie kannte wie ihr eigenes Fell, von Schatten zu Schatten, und die Halme blieben stehen, wo sie gegangen war. Wittern, ducken, weiter. Wittern, ducken, weiter. Über ihr, zwischen den Kronen, ging die Mutter mit. Rund und weiß und wach. [i]Da bist du.[/i] Solange sie zusah, war nichts falsch an der Welt.
Und da, leise, so leise, dass sie es fast für den Wind hielt, kam die vierte Stimme. Die, für die sie keinen Namen hatte. Die nie sagte, was sie war, und nie wollte, dass Vel etwas tat. Sie sagte nur:
[i]Geh sacht. Sie haben einen weiten Weg hinter sich.[/i]
Vel wusste nicht, woher die Stimme das wusste. Sie wusste es nie. Sie ging sachter.
Dann öffnete sich der Wald, und Vel machte sich flach im Farn.
Nebel lag auf der Lichtung, kniehoch, wie er in kalten Nächten aus dem Boden kam, und das Licht der Mutter lag auf dem Nebel, und der Berg dahinter … atmete.
Es gab einen Spalt im Fels, schwarz, wo vorher kein Spalt gewesen war, und aus dem Spalt kamen Wesen. Sie kamen, wie die Ameisen aus einem Stamm kommen, wenn man ihn aufbricht: viele, still, in einer Ordnung, die sie nicht lesen konnte. Zweibeiner. Aufrecht. Sie gingen durch den Nebel, als gehörte er ihnen.
Und sie waren leise.
Das war das Erste, was Vel begriff, mit dem Teil von ihr, der Fährten las. Metall klirrt. Die Menschen, die manchmal am Waldrand vorbeizogen, klirrten bei jedem Schritt, so laut, dass der Wald sie lange vorher kannte. Diese hier klirrten nicht. Sie setzten die Füße, wie sie selbst die Pfoten setzte, und der Wald hörte sie nicht. So gehen Jäger. So geht ein Rudel, das weiß, was es tut.
[i]Die glauben, sie sind hier die Jäger[/i], sagte der Wolf, und er lachte dabei, lautlos, mit dem ganzen Bauch. [i]Guck sie dir an. So leise. So stolz.[/i]
[i]Lass sie glauben.[/i]
[i]Der Wolf will ihnen zeigen, wem der Wald gehört.[/i]
[i]Der Wald gehört niemandem.[/i]
[i]Der Wald gehört uns.[/i]
[i]Die Ordnung kenne ich auch[/i], sagte die Kalte, und sie sagte es, wie man eine Fährte liest, die man früher schon einmal gelesen hat. [i]Vorne die, die Befehle gibt. Dann die Klingen. Dann das, was man tragen lässt. Sieh hin. So geht man, wenn man weiß, dass jeder hinter einem einen Dolch hat.[/i]
[i]Woher weißt du das?[/i]
Die Kalte antwortete nicht. Sie antwortete nie auf diese Frage.
Sie glaubten, sie wären hier die Jäger. Sie kamen aus ihrem Loch, leise und stolz, und gingen durch den Nebel in einen Wald, der schon jemandem gehörte. Sie kannten den Bach nicht und die Fallen nicht und die Stelle, an der der Bär schlief. Sie kannten den Baum nicht. Vel kannte den Baum. Sie [i]war[/i] der Baum … der eine, ganz am Ende des Waldes, in dessen Ästen alles hing, was sie war: der Wolf und die Kalte und die, die keinen Namen hatte, und der Bruder, den keine von ihnen ansah. Wer bis hierher kam, kam zu dem Baum. Ob er wollte oder nicht.
Sie leckte sich die Lefzen und wusste nicht, wann sie damit angefangen hatte.
Dann kamen die Tiere.
Der Geruch schlug ihr ins Gesicht wie eine Pfote: zottig, dumm, warm, stinkend. Beute. Beute, die nie gelaufen war. Beute, die man nicht jagen musste, weil sie einem hinterherging. Etwas in ihrem Magen drehte sich um, heiß, und der Speichel kam.
[i]Die laufen nicht mal. Die laufen nicht mal weg. Der Wolf muss nur hingehen.[/i]
[i]Wir sind satt.[/i]
[i]Der Wolf ist nie satt. Der Wolf ist nur manchmal nicht hungrig.[/i]
[i]Dann sei jetzt nicht hungrig.[/i]
[i]Sie würden dich sehen[/i], sagte die Kalte. [i]Und dann wüssten sie, dass hier etwas ist, das größer ist als ein Wolf. Willst du das?[/i]
[i]Nein.[/i]
[i]Dann friss später. Es läuft dir nicht weg. Das ist das Schöne an Vieh.[/i]
Vel schluckte den Speichel hinunter und drückte den Bauch in die Erde. Satt. Sie war satt, sie war satt, sie war satt.
Dann kamen andere, die keuchten und gebückt gingen, und deren Angst konnte sie riechen bis hierher, und sie verstand nicht, warum die einen die anderen trieben. Wölfe treiben Beute. Diese trieben ihresgleichen.
[i]Das sind nicht ihresgleichen[/i], sagte die Kalte. [i]Das ist, was man hat.[/i]
[i]Sie haben Angst[/i], sagte die Stimme ohne Namen. [i]So wie du, wenn der Bär kommt. Genau so.[/i]
[i]Angst ist Beute[/i], sagte der Wolf.
[i]Angst ist Angst[/i], sagte die Stimme ohne Namen, und dann sagte sie nichts mehr, so wie immer, wenn Vel sie hätte fragen wollen.
Vel legte den Kopf schräg.
Und dann sah sie die Gesichter.
Das Licht der Mutter lag auf der Lichtung wie eine geöffnete Hand, und in diesem Licht sah Vel, was sie noch nie gesehen hatte. Nicht an den Menschen, deren Fallen sie aus den Lichtungen zog. Nicht am Rudel. Haut wie die Nacht. Haar wie Schnee. Sie kannte das. Sie kannte das von ihren eigenen Händen, in den seltenen Stunden, in denen sie sich die andere Gestalt überzog und hinunter sah auf zehn tapsige Finger, dunkel wie nasse Erde. Sie kannte das vom Spiegel im Bach, wenn der Wind stillstand: das helle Haar, das sie mit Beeren färbte, weil es ihr zu auffällig war im Wald. Sie hatte nie gewusst, dass es so aussehen sollte. Sie hatte nie gewusst, dass es überhaupt irgendwie aussehen sollte.
[i]Meine Haut. Mein Haar.[/i]
[i]Meine[/i], sagte die Kalte, und zum ersten Mal, seit Vel sie kannte, klang sie nicht kalt. [i]Das sind meine. Sieh, wie sie gehen. Sieh, wie sie den Kopf halten. Das ist meins.[/i]
[i]Das ist unsers[/i], sagte Vel, und wusste nicht, ob es stimmte.
Etwas in ihrer Brust wurde weit, so weit, dass es weh tat, und es war ein anderes Weh als der Hunger. Sie hatte nicht gewusst, dass es andere gab. Sie hatte nie gefragt, denn es gab niemanden, den man fragen konnte. Und jetzt kamen sie aus dem Berg, viele, mit ihrer Haut, mit ihrem Haar, in ihren Wald, zu ihrem Baum, und der Wolf hörte auf zu lachen, weil das andere in ihr etwas wollte, das der Wolf nicht kannte.
[i]Was ist das[/i], fragte der Wolf. [i]Das ist kein Hunger.[/i]
[i]Ich weiß nicht.[/i]
[i]Der Wolf mag es nicht.[/i]
[i]Es ist Sehnsucht[/i], sagte die Stimme ohne Namen. [i]Es tut nicht weh, weil es falsch ist. Es tut weh, weil es lange geschlafen hat.[/i]
[i]Sei still[/i], sagte die Kalte, und die Stimme ohne Namen war still.
Hingehen. Riechen, ob sie nach Rudel rochen.
Dann drehte eines der Gesichter sich, und sie sah die Augen.
Rot. Wie Glut, wenn das Feuer fast aus ist. Alle. Jedes Gesicht, das sie im Licht fand, trug diese Glut, und keines trug das, was sie im Bach sah: das Blasse, das Frostige, das nicht abzuwaschen war.
[i]Nicht meine Augen.[/i]
[i]Nein[/i], sagte die Kalte. [i]Deine sind falsch. Die würden das sofort sehen. Die würden denken, du bist blind. Oder krank. Oder beides.[/i]
[i]Und dann?[/i]
[i]Dann würden sie tun, was man mit Kranken tut.[/i]
Und sie sahen nicht hinauf.
Das war das Zweite, das Vel begriff, und es war schwerer als das Erste. Die Mutter stand hoch und voll über der Lichtung, so hell, wie sie nur in den besten Nächten war, und sie legte ihr Licht auf jeden von ihnen, auf die Schultern, auf das Haar, auf die roten Augen. Und keiner sah hin. Sie sahen auf den Boden. Sie sahen in den Wald. Einer sah hinauf, ein Einziger, und blieb hängen, wie sie selbst immer hängen blieb … und dann kam ein Laut von einem anderen, leise und scharf, und der Eine senkte den Kopf, als hätte man ihn geschlagen.
[i]Die Mutter sah ihnen zu, und sie wollten es nicht.[/i]
[i]Jäger[/i], sagte der Wolf. [i]Jäger sehen weg vom Licht. Sonst sieht die Beute die Augen.[/i]
[i]Wir sehen zur Mutter.[/i]
[i]Wir sind keine Jäger wie die.[/i]
[i]Sie sehen nicht weg, weil sie jagen[/i], sagte die Kalte. [i]Sie sehen weg, weil man es ihnen beigebracht hat.[/i]
[i]Sie haben es verlernt[/i], sagte die Stimme ohne Namen, ganz leise. [i]Das ist alles. Man kann es wieder lernen.[/i]
[i]Nein[/i], sagte die Kalte. [i]Kann man nicht.[/i]
Man sah zur Mutter. Man sah immer zur Mutter. Man lag im Gras und ließ sich ansehen, und dann war man nicht mehr allein, egal wie leer der Wald war. Wer sah weg?
Da war die eine, die stillstand.
Alle anderen bewegten sich. Nur die eine stand, ganz vorn, mit dem Rücken zum Berg, und rührte sich nicht, als wäre sie ein Stein, der schon da gewesen war, bevor der Berg sich geöffnet hatte. Vel sah, wie die anderen um sie herum langsamer wurden. Wie sie den Kopf senkten, wenn sie an ihr vorbeikamen. So wird ein Rudel langsam um die Leitwölfin, ohne dass jemand knurrt.
[i]Die da[/i], sagte die Kalte. [i]Die ist es. Die anderen sind nur, was sie hat.[/i]
Und die Leitwölfin hatte eine Hand am Fels. Vel sah es nur, weil sie Bewegung las wie andere Spuren: die Hand hielt sich fest. Einen Atemzug lang. Dann löste sie sich, und die eine stand wieder, als hätte sie nie etwas gehalten.
Vel kannte das. Von sich selbst. Am Waldrand, wenn sie weiter hinaussah, als sie zu gehen wagte.
[i]Sie hat Angst[/i], sagte die Stimme ohne Namen. [i]Nur einen Atemzug lang. Aber sie hat.[/i]
[i]Sie darf nicht[/i], sagte die Kalte. [i]Nicht die. Wenn die Angst hat, sind alle anderen tot.[/i]
[i]Trotzdem hat sie.[/i]
Und da kam die Frage, für die sie kein Wort hatte, so wie sie für so vieles kein Wort hatte. Sie kam nicht als Frage. Sie kam als Bild: dass sie aufstand und hinüberging, durch den Nebel, mit ihrer Haut und ihrem Haar und ihren falschen Augen, und dass eines der roten Gesichter sich drehte und … was? Ob sie eines wie sie ins Rudel ließen. Ob sie es täten, wenn sie wüssten, was im Baum hing.
[i]Frag nicht[/i], sagte der Wolf, ganz leise. [i]Der Wolf weiß es. Du weißt es.[/i]
[i]Sie würden dich nehmen[/i], sagte die Kalte. [i]Für die Haut. Für das Haar. Und dann würden sie dich benutzen, bis nichts mehr übrig ist. So machen wir das.[/i]
[i]Wir?[/i]
[i]Sie. Ich meinte sie.[/i]
[i]Vielleicht nicht alle[/i], sagte die Stimme ohne Namen. [i]Nie alle.[/i]
Und der da hinten wusste es am besten. Der Bruder sagte nichts. Er sagte nie etwas. Er wurde nur wach.
Etwas bewegte sich am Rand der Lichtung, und es bewegte sich wie kein Tier.
Sie sah es zu spät, und das erschreckte sie mehr als alles andere: dass sie es zu spät sah, in ihrem Wald, an ihrem Baum. Ein Schatten hatte sich von den anderen gelöst und war zwischen die Bäume gegangen, lautlos, und kam jetzt am Rand entlang, näher, so nah, dass der süße Geruch wieder in ihrer Nase war, stärker, und darunter Metall, das nicht schlief. Er ging, wie sie ging. Von Schatten zu Schatten. Er suchte.
Und das Lachen kam zurück, für einen Herzschlag, böse und warm.
[i]Der sucht uns[/i], sagte der Wolf. [i]Der sucht uns, und er weiß nicht, was er findet. Lass ihn näher. Lass ihn laufen. Der Wolf mag es, wenn sie laufen.[/i]
[i]Nein.[/i]
[i]Weglaufen geht jetzt nicht mehr. Für den nicht.[/i]
[i]Der läuft nicht[/i], sagte die Kalte. [i]Der ist nicht die Sorte, die läuft. Der ist die Sorte, die zurückkommt. Mit den anderen. Sei Stein.[/i]
[i]Für uns geht es auch nicht mehr[/i], sagte Vel. [i]Alle still. Sei Stein.[/i]
[i]Sei Wald[/i], sagte die Stimme ohne Namen. [i]Du bist Wald. Er sieht nur Wald.[/i]
Dann drückte sie es hinunter. Mit allem, was sie hatte.
Vel wurde Stein. Sie hörte auf zu atmen, so wie man aufhört, wenn der Bär vorbeikommt. Ihr Herz schlug gegen die Erde, und sie drückte es hinunter, drückte alles hinunter, das Weite in der Brust und das Heiße im Bauch und den Bruder, der wach geworden war und sich streckte, langsam, wie einer, der lange geschlafen hat und jetzt ein Spiel riecht. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht der. Sie war ein Wolf. Ein Wolf im Farn war nichts. Ein Wolf im Farn war der Wald selbst.
Das Licht der Mutter lag auf ihrem Fell, silbern, und machte sie zu einem Fleck aus Helligkeit zwischen Flecken aus Helligkeit.
Der Schatten blieb stehen. Drei Sprünge weit. Er sah in ihre Richtung, und sie sah seine Augen, rot, nah, und dann glitt sein Blick über sie hinweg wie Wasser über einen Stein … und weiter, in den Wald, und er ging. Als wäre da nichts gewesen als Farn und Mondlicht und ein Tier, das schlief.
Vel atmete erst wieder, als er lange fort war.
[i]Schade[/i], sagte der Wolf.
[i]Nein.[/i]
[i]Ein bisschen schade.[/i]
[i]Er hat dich nicht gesehen[/i], sagte die Stimme ohne Namen. [i]Sie hat dich gehalten. Hast du es gespürt?[/i]
[i]Wer?[/i]
Aber die Stimme ohne Namen war schon wieder still, und die Kalte sagte: [i]Der Nebel. Das Licht. Glück. Nenn es, wie du willst, und geh nie wieder so nah.[/i]
Der Bruder legte sich hin. Nicht ganz.
Die Lichtung leerte sich. Die Dunklen gingen in den Wald und an den Berg und in die Schatten, und die eine, die stillgestanden hatte, ging als Letzte, allein, in eine andere Richtung, und niemand folgte ihr. Vel sah ihr nach, bis der Nebel sie nahm.
Dann war die Lichtung leer, und das Licht der Mutter lag darauf wie vorher.
Sie blieb liegen. Über ihr stand die Mutter, rund und weiß und wach, und Vel sah hinauf, so wie immer, und diesmal war es anders, weil sie jetzt wusste, dass man auch wegsehen konnte. Dass es welche gab, die es taten. Die ihre Haut hatten und ihr Haar und wegsahen — und die in ihren Wald gekommen waren, zu ihrem Baum, ohne es zu wissen.
Und ohne dass sie es wollte, kam der Laut aus ihrer Kehle. Leise. Zweistimmig. Das Summen, das sie immer summte, wenn die Mutter hoch stand, das sich mit dem Wind in den Blättern verwob und das nie jemand hörte außer dem Wald. Ein kleines Lied. Ein Lied, wie man es einem Welpen summt, damit er schläft. Es ging hinaus über die Lichtung. Es ging, wo der Wind es hintrug. Zum Berg. Zum Spalt. Hinunter.
[i]Hör auf[/i], sagte die Kalte. [i]Hör sofort auf. Die dürfen das nicht hören.[/i]
[i]Warum nicht?[/i]
[i]Weil sie es kennen[/i]
[i]Lass sie[/i], sagte die Stimme ohne Namen. [i]Es ist für sie. Es war immer für sie.[/i]
Vel hörte auf, als sie merkte, dass sie es tat.
Irgendwo am Rand der Lichtung, weit, hatte sich ein Kopf gedreht. Vielleicht. Vielleicht war es nur ein Zweig gewesen.
Vel lag noch lange im Farn, das Kinn auf den Läufen, und sah hinauf.
[i]Solange sie zusieht, ist nichts falsch an der Welt.[/i]
Zum ersten Mal, seit sie denken konnte, war sie sich nicht ganz sicher.
[i]Kommen die wieder?[/i], fragte der Wolf.
[i]Ich glaube schon.[/i]
[i]Gut[/i], sagte der Wolf.
[i]Gut[/i], sagte die Kalte, und meinte etwas anderes damit.
Die Stimme ohne Namen sagte nichts. Aber Vel hatte das Gefühl, dass sie lächelte.
Und sie wusste nicht, welche von ihnen es zuerst gedacht hatte.