Eine letzte Expedition

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Bareti
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Eine letzte Expedition

Beitrag von Bareti »

Disclaimer: diese Geschichte wurde ursprünglich auf "alte Schattenwelt" gepostet und kehrt nun zurück

Ich saß auf den Stufen der Taverne. Nicht aus Sentimentalität – die Stufen waren schlicht der einzige Ort, an dem ich gleichzeitig denken, lesen und die Straße im Blick behalten konnte. Der Tisch im Schankraum war zu groß für Grübeleien, der Tresen zu ehrlich, und oben in den Zimmern hätte ich am Ende nur angefangen aufzuräumen. Das war ein sicheres Zeichen, dass ich etwas verdrängte.

Die Taverne war still. Nicht diese angenehme, geschäftige Ruhe zwischen zwei Abenden, sondern eine Stille, die blieb, auch wenn man sich bewegte. Schritte klangen darin fremd, fast unhöflich. Ich hatte mir angewöhnt, von der Taverne fast als eigenes Lebewesen zu denken. Nur zu denken, ich wagte es nicht, es gegenüber anderen auszusprechen. Allerdings gab es da auch fast Niemanden mehr. Und solange die Taverne still war, lebte sie noch. Sie atmete, nur eben sehr flach.

Der Bericht lag ungeöffnet in meinen Händen. Schwerer, als ein paar beschriebene Seiten eigentlich sein dürften. Ich merkte, dass ich meine Gedanken mit Absicht in andere Richtungen lenkte. Ich schien den Bericht nicht öffnen zu wollen. Vermutlich aus irgendeinem Gefühl der Angst, Angst, dass die Expedition keine Erleuchtung brachte, keinen neuen Weg aufzeigte.

Dabei war ich ehrlich erleichtert, ihn endlich zu haben. Wochenlang hatte ich gerechnet, verglichen, Gespräche geführt, Hinweise gesammelt, Muster gezeichnet, wieder verworfen. Zu viele davon hatten sich als Zufall entpuppt, zu wenige als belastbar. Die Expedition war kein verzweifelter Akt gewesen, auch wenn man mir das später vielleicht unterstellen würde. Sie war logisch, notwendig und weit überfällig. Wenn diese Welt noch Antworten zu bieten hatte, dann lagen sie nicht mehr in Bibliotheken oder Archiven.

Arven Caldor hatte sie angeführt. Ich hatte ihn als vernünftig und umsichtig kennengelernt. Jemand der nicht wollte, dass man ihn als Held in Erinnerung behielt, oder gar als Märtyrer. Er hatte nie von einem Gegenschlag gesprochen, nur von Erforschung und Beobachtung, von Grenzen, von dem, was man messen konnte, bevor es verschwand. Genau deshalb hatte ich ihm vertraut. Helden sterben zu schnell. Arven plante Rückwege.

Ich hatte erwartet, endlich Antworten zu bekommen. Vielleicht keine guten. Aber welche, mit denen man arbeiten konnte. Neue Variablen. Neue Zusammenhänge. Irgendetwas, das mehr war als dieses dumpfe Gefühl, dass uns die Zeit davonlief, ohne überhaupt noch zu wissen, in welche Richtung. Vielleicht nur ein kleiner Hinweis auf einen Weg, den wir alle jetzt schon so lange suchten.

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Ich schlug den Bericht auf und schon nach den ersten Zeilen wusste ich, dass ich mich geirrt hatte.

Es war kein Bericht im eigentlichen Sinn. Keine saubere Chronologie, keine klaren Schlussfolgerungen von Arven. Es war ein Nachhall, Fragmente, Abbrüche. Stellen, an denen Worte fehlten – nicht weil niemand sie aufgeschrieben hatte, sondern weil sie offenbar niemand mehr hatte finden können. Sätze endeten dort, wo früher Begriffe gestanden hätten. Beobachtungen wurden abgebrochen, als hätten sie sich selbst nicht mehr getraut.

Die Expedition war nicht gescheitert, sie war zerbrochen.

Arven Caldor war tot. Das stand dort nüchtern, fast beiläufig, eingebettet zwischen zwei unscheinbaren Absätzen. Kein Ort. Kein Zeitpunkt. Nur die Feststellung, dass er gefallen war, lange bevor der Rückzug begann – falls man das, was folgte, überhaupt so nennen konnte. Kein Nachwort. Keine Würdigung. Als hätte selbst der Bericht akzeptiert, dass Worte hier keinen Halt mehr fanden.

Von den übrigen Teilnehmern kehrte nur ein Teil zurück.

Die Namen las ich zweimal. Manche kannte ich. Einige nur flüchtig. Bei zweien erinnerte ich mich an Gespräche hier in der Taverne, an Stimmen, an Gesten. Keiner von ihnen war der Mensch, den ich ausgesandt hatte. Die Randnotizen sprachen von Blicken, die nicht mehr verweilten. Von Stimmen ohne Farbe. Von Menschen, die aßen, weil man ihnen etwas hinstellte, und schliefen, weil sie umfielen. Nicht aus Erschöpfung, sondern aus Abwesenheit. Die unzusammenhängenden Texte zeichneten ein klares Bild vor meinem inneren Auge. Von verlorenen Geistern, die nur noch nicht gegangen sind. Ich hatte derartiges bereits mehrfach gesehen, seit die Schatten in unsere Welt gedrungen waren.

Ich blickte wieder auf den Bericht. Ein Abschnitt war mehrfach korrigiert worden. Durchgestrichen, neu angesetzt und wieder verworfen. Dort ging es um etwas, das man nicht benennen konnte. Um Zonen, in denen Geräusche falsch zurückkehrten. Um Orte, an denen Schatten nicht länger an Körper gebunden waren. Ich klappte den Bericht an dieser Stelle zu, ich brauchte einen Moment um zu reflektieren, welches Bild der Bericht zeichnete.Ich legte ihn kurz beiseite und starrte durch die Türen in den Schankraum.

Vor nicht allzu langer Zeit waren mitten in Moonglow sämtliche Dunkelelfen verschwunden. Nicht geflohen. Nicht angegriffen. Einfach fort. Als hätte jemand eine Hand über ein Stück Welt gelegt und es herausgeschnitten, sauber und ohne Blut. Zurück blieb Leere – und Fragen, die niemand mehr stellte, weil es niemanden gab, der sie beantworten konnte.

Danach verschwanden weitere Lebewesen. Tiere. Einzelne Menschen. Ganze Gruppen. Ohne die bekannten Zeichen, welche die Schatten hinterließen. Ohne Kampf oder Spuren. Man sprach von Übergängen, von Rissen, von Zufällen. Worte, die beruhigen sollten und genau das Gegenteil taten.

Und dann Britain.

Der Schattenvorfall dort… ich zwang mich, nicht weiter darüber nachzudenken. Es reichte zu wissen, dass er passiert war. Dass selbst alte Mauern und gut verteidigte Straßen nicht mehr bedeuteten, was sie einmal bedeutet hatten. Dass etwas durchgekommen war, das nicht hätte durchkommen dürfen.

Deswegen war diese Expedition so wichtig! Für die Taverne, für die Menschen, für die Überlebenden und Moonglow. Und nun dies.

Ich nahm den Bericht wieder auf. Meine Hände zitterten nicht. Das irritierte mich fast mehr als alles andere. Ich hatte immer geglaubt, an diesem Punkt würde Panik einsetzen. Oder Wut. Oder wenigstens diese unangenehme Mischung aus beidem. Stattdessen war da nur Klarheit, kühl, scharf und unerbittlich.

Die Schatten breiteten sich weiter aus. Aggressiv und zielgerichtet. Sie nahmen, was sie greifen konnten, und ließen Hüllen zurück. Aber sie waren nur ein Teil des Problems. Daneben gab es diese Risse, diese Übergänge. Diese kalten Lücken, in die Menschen einfach verschwanden, ohne Kampf, ohne Widerstand, ohne Abschied. Bislang gab es wenige Brichte, die davon erzählten, was vorgefallen war. Tatsächlich waren die Schatten wenigstens ein Feind, den man bekämpfen konnte. Den man bezwingen konnte. Aber dieser andere unsichtbare Feind war schwerer zu begreifen. Es schien, als würden einige Wesen einfach jeden Rückhalt verlieren und sich entscheiden ... zu vergehen. Als würde ihr innerer Antrieb sterben und in diesen Momenten schien die Welt selbst, ihnen einen Ausweg zu bieten. Eine Reise ohne Wiederkehr. Bislang hatte ich nur mit einem einzigen Augenzeugen eines solchen Vorfalls sprechen können und dieser Bericht ließ mir fast das Blut in den Adern gefrieren.

Der Mann hatte erzählt, dass er und ein weiterer Holzfäller beobachtet hatten, wie der alte Fischer auf eine Art Riss in der Welt zu lief. Kein Portal, wie wir Magier sie so gerne nutzen, sondern eine Art Loch, etwas ohne Ausgang. Der Fischer erblickte es und stand auf und ging direkt darauf zu. Er hielt nicht einmal kurz inne und verschwand einfach. Der andere Holzfäller wollte nachsehen was das war und eilte dem Fischer hinterher und plötzlich ließ er seine Axt fallen und ging, den Rufen des Augenzeugens zum Trotz, einfach auf den Riss zu, ohne zu zögern oder innezuhalten. Der Zeuge rannte so schnell er konnte zur Wache, aber Niemand konnte noch etwas entdecken und selbst magische Bannkreise zeigten keinerlei Spuren von vergangener Magie.

Zwei Arten zu verlieren und keine davon ließ sich aufhalten.

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Ich hatte geglaubt, verstehen zu können. Geglaubt, dass Erkenntnis zumindest Handlungsspielraum schuf, dass Wissen Zeit erkaufte. Aber während ich auf den Stufen der Taverne saß, den Bericht in den Händen, wurde mir etwas klar, das ich bis dahin sorgfältig umgangen hatte, eine Wahrheit, die ich mir nicht eingestehen wollte:

Diese Welt war nicht dabei, gerettet zu werden, sie war dabei, aufgegeben zu werden. Nicht von heute auf morgen. Nicht aus Feigheit. Sondern Stück für Stück, weil immer weniger Gründe blieben, hier zu sein.

Ich blieb noch eine Weile sitzen. Nicht weil ich nicht wusste, was zu tun war – sondern weil es nichts mehr gab, das sinnvoll gewesen wäre. Jeder Schritt, jede Reaktion die ich mir vorstellen konnte, endete im selben Ergebnis, nur auf unterschiedlichen Wegen.

Die Taverne hinter mir knarrte leise, doch ich schenkte dem Geräusch zunächst keine Beachtung.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dies der Moment war, in dem ich zum letzten Mal glaubte, allein zu sein.
- Bareti, Wirtin der Taverne
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Eine unerwartete Wendung

Beitrag von Bareti »

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Die Taverne hinter mir knarrte.

Ich blieb noch einen Atemzug auf den Stufen sitzen und wartete darauf, dass ein zweites Geräusch folgte, irgendein vertrautes Zeichen von Holz, das sich setzte, oder von Wind, der durch die Ritzen strich. Es kam nichts, nur diese eine, kurze Erinnerung daran, dass ich nicht wirklich allein in diesem Gebäude war, selbst wenn ich die einzige Person darin war. Das Knarren war kein lautes Bersten, kein Ruf nach Aufmerksamkeit, sondern eher ein vorsichtiges Räuspern, als wollte die Taverne prüfen, ob ich noch zuhörte.

Schließlich erhob ich mich, den Bericht noch in der Hand und ging hinein.

Der Schankraum empfing mich mit der gewohnten Wärme des Holzes und dem Geruch von Most, Rauch und alten Gesprächen, die sich in Balken und Wänden festgesetzt hatten. Beiläufig schloss ich die Tür hinter mir und meine Augen glitten durch den Saal, über Tische, Stühle, den Tresen, die Laternen, die noch brannten, und ich merkte, wie ich unwillkürlich nach Unstimmigkeiten suchte. Es war, als erwartete ich, dass mir die Veränderung ins Gesicht springen würde, doch stattdessen lag sie irgendwo unter der Oberfläche, geduldig und wach.

Über dem Kamin hing der Kraken, dunkel und ausgebreitet wie ein stummer Wächter. Dieses unwahrscheinliche Symbol unserer kleinen Gemeinschaft, die sich durch Zufälle ergeben hatte und sich unter dem Kraken vereinte. Früher hatte ich sie als Kuriosität betrachtet, als Zeichen für Geschichten und Reisende, die von weit her kamen und ebenso weit wieder verschwanden. Heute erschien sie mir wie ein Symbol für etwas Tieferes, für ein Geflecht aus Armen und Wegen, das sich nicht mehr nur über Meere spannte, sondern über Wirklichkeiten. Ich trat näher an den Kamin heran und betrachtete die Konturen des Kraken, die im flackernden Schein des Feuers zu leben schienen, ohne sich tatsächlich zu bewegen, während meine Finger stumm den Bericht in die Flammen fallen ließen.

Während ich mich langsam durch den Raum bewegte, strich ich mit den Fingern über Tische und Stuhllehnen, über die Kerben im Holz, die von Jahren des Gebrauchs erzählten. In den letzten Tagen war vieles geschehen, doch die eigentliche Veränderung war leiser als jeder Schattenangriff gewesen. Sie hatte nicht geschrien, nicht gebrannt, nicht verwüstet. Sie hatte sich gesetzt wie Staub, unscheinbar und doch allgegenwärtig.

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Erst war es Ulaf gewesen, der ging. Er kam und ging von jeher unregelmäßig, daher erschien es nicht weiter verwunderlich, dass er plötzlich verschwand. Doch er tauchte nie wieder auf, selbst als Wochen zu Monaten wurden. Dann schien plötzlich Thorian aus der Welt gefegt. Er war nie ein offizieller Teil unserer Gemeinschaft gewesen, aber er war stets am Rande und jederzeit erreichbar, wenn er benötigt wurde. Ich hatte eine besonders schöne Pflanze gefunden und ihm schenken wollen, als Schmuck für sein neues Heim. Nur das dieses völlig verlassen war, als wäre er nie da gewesen. Ich hörte nie wieder von ihm.

Und zuletzt auch Nicoletta. Sie fehlte, und ihr Fehlen hatte ein Gewicht, das in keiner Ecke des Raumes verschwand.

Vor Tagen war mir zugetragen worden, jemand habe gesehen, wie eine rothaarige Frau nahe der Klippen gestürzt sei, begleitet von Nebel, Wind und der nüchternen Annahme eines falschen Schrittes. Ich hatte es zunächst nicht glauben können, weil Nicoletta die Küste kannte wie ihre eigene Handfläche, sie war weder leichtsinnig noch unachtsam. Trotzdem war ich selbst gegangen, hatte den Apfelhain durchquert, den Weg zur Küste genommen und jede Unebenheit im Fels geprüft, als könne ich mit genug Genauigkeit eine Wahrheit erzwingen.

Ich fand nichts, weder Spuren eines Sturzes noch Hinweise auf einen Kampf, und vor allem keine Resonanz, keine magische Nachwirkung, die einen Übergang erklärt hätte. Die einzige schlüssige Möglichkeit war die, die ich am wenigsten aussprechen wollte, dass sie durch einen Riss gefallen war und diese Welt sie nicht länger hielt. Nicoletta war nicht tot im herkömmlichen Sinn, sie war nicht von Schatten geholt oder entstellt worden, sie existierte schlicht nicht mehr hier, als hätte jemand eine Zeile aus einem Buch entfernt und den Rest des Textes ungerührt weiterlaufen lassen.

Dieser Gedanke begleitete mich, während ich durch die Taverne ging und mich fragte, wie viele von uns noch wirklich hier waren, wie viele nur noch aus Gewohnheit an Orten standen, die sie längst nicht mehr trugen.

Ich trat an eines der Fenster und legte die Hand gegen das Glas. Normalerweise konnte man von hier aus die Küste erkennen, die schmale Linie des Meeres, das Licht, das sich in den Wellen brach, und dahinter den Hain, der sich im Wind wiegte. Doch als ich hinausblickte, sah ich nichts von alledem. Kein Wasser, kein Grün, keine Konturen, nur eine graue, unbewegliche Fläche, als hätte jemand die Welt hinter dem Glas entfernt und durch eine leere Leinwand ersetzt. Es war kein Nebel, keine Dunkelheit, sondern eine Abwesenheit von Struktur.

Ich öffnete das Fenster einen Spalt, in der Erwartung, wenigstens salzige Luft oder das ferne Rufen von Möwen zu hören. Kein Wind schlug mir entgegen, kein Geräusch drang herein. Es war zu ruhig, und diese Ruhe war nicht die natürliche Stille eines Morgens oder Abends, sondern eine Stille, die alles verschluckte, bevor es entstehen konnte.

Im selben Moment schlugen die Türen am anderen Ende des Raumes zu.

Das Geräusch hallte durch die Taverne, scharf und unnatürlich laut in der Stille, die kurz darauf wieder in sich zusammenfiel. Ich fuhr herum und suchte nach der Ursache, erwartete einen Luftzug, der die Vorhänge bewegte, oder ein Flackern der Flammen im Kamin. Doch nichts rührte sich, die Flammen brannten ruhig, die Schatten lagen an Ort und Stelle, und kein Sturm kündigte sich an. Die Jahreszeit ließ plötzliche Unwetter ohnehin kaum zu, und doch hatten sich die Türen geschlossen, als wäre eine unsichtbare Hand durch den Raum gefahren.

Mein Herz schlug schneller, nicht aus Panik, sondern aus Erkenntnis, dass sich die Veränderung nicht draußen vollzog, sondern hier, in diesen Wänden, in diesem Boden, in der Luft zwischen den Balken.

Ich ging weiter, langsamer als zuvor, als würde ich mich durch fremdes Terrain bewegen, obwohl ich jede Diele dieses Bodens kannte. In der Nähe des Tresens blieb ich stehen, als mein Blick auf den Spiegel fiel, der dort schon hing, als ich die Taverne damals fand. Ein schlichtes Stück Glas in einem schön verziertem hölzernen Rahmen, das mir in unzähligen Abenden mein eigenes müdes Gesicht gezeigt hatte, mein Lächeln, meine Zweifel, meine Erschöpfung. Irgendetwas an dem Spiegel zog meinen Blick förmlich an.

Ich trat näher und betrachtete zunächst nur die Oberfläche, suchte nach Rissen oder Verzerrungen, als könnte ich das Gesehene auf eine banale Ursache reduzieren. Ich brauchte einen Moment, ehe ich begriff was genau meinen Verstand so verstörte und zugleich meinen Blick anzog.

Im Spiegel stand nicht mein geschundenes Selbst, nicht die Frau mit müden Augen und angespannten Schultern, die seit Wochen versuchte, eine Welt zu halten, die sich entziehen wollte. Stattdessen sah ich eine andere Version von mir, frischer, aufrechter, in edler Kleidung, wie eine Bürgermeisterin oder eine Frau, die Verantwortung nicht nur trug, sondern ausstrahlte. Der Stoff ihres Gewandes fiel schwer und würdevoll, ihre Haltung war nicht angestrengt, sondern selbstverständlich, aufrecht und voller Vertrauen.

Ihr Blick war ruhig und klar, nicht überheblich oder fremd, sondern vertraut auf eine Weise, die mir den Atem nahm. Es war kein Trugbild, das mich verspottete, sondern eine Möglichkeit, die mich prüfend ansah.

Ich hob die Hand, zögernd, und mein Spiegelbild tat es ebenfalls, doch in der Bewegung lag eine Sicherheit, die ich in mir selbst kaum noch spürte. Es war, als würde ich einer Zukunft begegnen, die sich nicht entschuldigte.

Für einen langen Moment standen wir einander gegenüber, während die Taverne um mich herum so still war, dass selbst mein eigener Atem zu laut erschien. Ich fragte mich, ob ich träumte, ob die Erschöpfung der letzten Tage mir Bilder vorgaukelte, doch alles fühlte sich zu klar an, zu bewusst, um bloß Einbildung zu sein.


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Etwas hatte begonnen, etwas, das nicht nach Sturm oder Feuer roch, sondern nach Verschiebung. Es war kein Riss, wie diejenigen, die sich nach und nach alle Menschen geholt hatten, dies war etwas völlig anderes. Und ich hatte das Gefühl, dass es nicht von außen kam, sondern aus dem Inneren der Taverne selbst, aus einem Kern, den ich nie ganz verstanden hatte, obwohl ich geglaubt hatte, ihn zu kennen.
- Bareti, Wirtin der Taverne
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Abschiedsmelodie

Beitrag von Bareti »

Disclaimer: diese Geschichte wurde ursprünglich auf "alte Schattenwelt" gepostet und kehrt nun zurück


Ich blieb noch eine Weile vor dem Spiegel stehen. Das Bild im Glas wirkte nicht wie eine übernatürliche Erscheinung, sondern wie eine Möglichkeit, die einfach da war und darauf wartete, dass ich sie ernst nahm. Die Frau im Spiegel war aufrechter, klarer im Blick, als hätte sie ihre Zweifel längst abgelegt. Ich fragte mich, ob sie mich prüfte oder ob ich mich selbst prüfte. Als ich schließlich wegsah, wurde mir klar, dass ich nicht länger versuchen durfte, alles logisch zu erklären. Die Taverne hatte mir etwas gezeigt, und es lag an mir, darauf zu reagieren.


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Ich atmete tief durch und drehte mich um. Der Schankraum lag still vor mir, so vertraut wie eh und je, und doch war er nicht mehr derselbe. Meine Schritte waren langsamer als zuvor, aber nicht mehr unsicher. Wenn die Taverne tatsächlich mehr war als nur Holz, Stein und ein Dach über dem Kopf, dann war sie kein launisches Wesen, sondern eines mit Geduld. Sie war immer da gewesen, wenn ich sie gebraucht hatte, in Momenten des Zweifels ebenso wie in Zeiten des Erfolgs. Vielleicht hatte ich lange geglaubt, ich hätte sie gefunden. Doch inzwischen fragte ich mich, ob nicht vielmehr sie mich gefunden hatte, als ich selbst noch nicht wusste, dass ich einen Ort wie diesen brauchen würde.

Ich ließ meinen Blick über die Tische gleiten, über die Stühle, die Theke, über jede Kerbe im Holz, die von Gesprächen, Gelächter und auch von Streit erzählte. In diesen Wänden steckte mehr als nur Erinnerung. Hier waren Entscheidungen gefallen, hier waren Freundschaften entstanden und zerbrochen, hier hatten Menschen Hoffnung gefunden, wenn draußen alles düster erschien. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb die Taverne mehr war als ein Gebäude. Vielleicht war sie ein Anker, ein Knotenpunkt zwischen all dem, was war, und dem, was noch kommen konnte.

Im Lagerraum war es kühler, und der Geruch von Holz, Most und alten Fässern legte sich wie ein vertrauter Mantel um mich. Zwischen dunklen Holzregalen standen Fässer, Kisten und Flaschen ordentlich an ihrem Platz. Alles wirkte ruhig und vertraut, beinahe beruhigend in seiner Ordnung. Ich blieb vor dem Regal stehen, in dem ich die besonderen Flaschen und Fässchen aufbewahrte, jene, die nicht für gewöhnliche Gäste bestimmt waren. Einen Moment lang ruhte meine Hand auf dem Glas, als müsste ich mich vergewissern, dass es wirklich da war, bevor ich eine Flasche Thal'nyssa, meinen Lichtmost, herausnahm.

Die Flüssigkeit im Inneren schimmerte sanft, fast so, als würde sie von selbst leuchten. Dieses Leuchten war nie laut gewesen, nie aufdringlich, sondern still und beständig, genau wie die Taverne selbst. Ich nahm die Flasche mit zurück in den Schankraum, stellte sie auf den Tresen und betrachtete sie einen Moment, bevor ich mir ein großzügiges Glas einschenkte. Das türkise Licht des Mostes spiegelte sich auf dem Holz und verlieh dem Raum einen stillen, beinahe feierlichen Glanz.

Ich hob das Glas und betrachtete die schimmernde Flüssigkeit. Ein leichtes Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Wenn man schon mit einer Taverne sprach, die offenbar außerhalb von Raum und Zeit existierte, dann sollte man das zumindest mit einem angemessenen Getränk tun. Es fühlte sich weniger wie eine Flucht an, sondern eher wie ein Ritual, als würde ich bewusst anerkennen, dass etwas Großes im Begriff war zu geschehen. Als wäre ich endlich an dem Punkt angelangt, mir etwas einzugestehen, was mir vielleicht schon lange unterbewusst klar gewesen war.

„Du warst also nie nur Holz und Stein“, sagte ich leise in den Raum hinein. „Und ich war nie nur deine Wirtin.“

Meine Stimme klang ruhiger, als ich erwartet hatte. Vielleicht, weil ich wusste, dass die Antwort nicht in Worten kommen würde. Die Tür war geschlossen, die Fenster zeigten noch immer diese seltsame Leere, doch ich spürte keine Bedrohung. Es lag kein Zwang in der Luft, kein Druck, der mich zu einer Entscheidung drängte. Es fühlte sich eher wie ein Angebot an, das geduldig darauf wartete, angenommen oder abgelehnt zu werden. Die Taverne forderte nichts von mir. Sie bot mir lediglich die Möglichkeit, zu bleiben oder zu gehen.

Ich nahm einen Schluck vom Lichtmost. Die Wärme breitete sich in mir aus, nicht brennend, sondern klärend. Meine Gedanken, die zuvor durcheinander gewesen waren, ordneten sich langsam. Zweifel traten in den Hintergrund, nicht weil sie verschwanden, sondern weil sie ihren Platz fanden. Ich dachte an Nicoletta, an Ulaf, an all jene, die nicht mehr hier waren. Wenn diese Welt sie nicht halten konnte, warum sollte sie mich halten?

„Ganz offensichtlich, ist die Zeit gekommen, in der du weiterziehen musst oder willst“, sagte ich leise, „und du wirst gehen, ganz gleich, ob ich bereit bin oder nicht, ganz gleich, ob ich bleibe oder dir folge. Mit oder ohne mich wirst du deinen Weg fortsetzen, denn du warst nie wirklich an diese Welt gebunden, oder?“

Ich stellte das Glas ab und legte die Hand auf den Tresen, als könnte ich so den Herzschlag der Taverne spüren. Tief unter Holz und Stein meinte ich tatsächlich eine Art Resonanz wahrzunehmen, kein Geräusch und kein Zittern, sondern eher eine stille Gewissheit. Es war, als würde die Taverne nicht antworten, sondern zustimmen, ohne Worte, ohne Druck.

Die Tür war nur wenige Schritte entfernt, und ich spürte, dass sie in diesem Moment mehr war als ein Durchgang nach draußen. Sie war eine Grenze zwischen dem, was ich kannte, und dem, was kommen könnte. Ich wusste, dass sie sich öffnen würde, wenn ich es wollte, und dass ich hinaustreten konnte in eine Welt, die sich langsam auflöste, sich sprichwörtlich selbst verlor. Die Taverne hielt mich nicht fest. Gerade das war vielleicht das Beunruhigendste, denn es zeigte mir, dass die Entscheidung allein bei mir lag.

Mit dem Glas in der Hand ging ich zur Tür und legte die Finger um den Griff. Für einen Moment blieb ich so stehen und spürte das kühle Metall unter meinen Fingern. Ich fragte mich, ob es in dieser Welt noch irgendetwas gab, das ich wirklich brauchte, irgendetwas, das mich hielt und das nicht längst begonnen hatte, sich von selbst aufzulösen. Waren es die Straßen von Moonglow, die Küste, der Hain, oder waren es nur Erinnerungen daran, wie diese Orte einst gewesen waren? Ich dachte an die Gesichter der Vertrauten, die verschwunden waren, an Stimmen, die nicht mehr durch diesen Raum klangen, und ich musste mir eingestehen, dass ich weniger zurückließ, als ich immer geglaubt hatte. Vielleicht hielt ich nicht an der Welt fest, sondern nur an dem Bild von ihr, das ich nicht verlieren wollte.

Ich zögerte nicht aus Angst vor dem Unbekannten, sondern aus der leisen Hoffnung, doch noch einen Grund zu finden, hierzubleiben. Ein Zeichen, eine Verpflichtung, eine Aufgabe, die mich band. Doch je länger ich dort stand, desto klarer wurde mir, dass die Entscheidung nicht zwischen Mut und Furcht lag, sondern zwischen Festhalten und Loslassen. Diese Bewegung bedeutete mehr als das bloße Öffnen einer Tür. Sie war die Frage, ob ich mich weiterhin an eine sterbende Wirklichkeit klammern wollte oder ob ich bereit war, anzuerkennen, dass mein Platz vielleicht nicht mehr hier war. Ich wusste nicht, wo es einen Platz für mich geben könnte, aber die Taverne bot mir offenbar an, es herauszufinden. Oder herauszufinden, wie diese Welt enden würde. Es war die Entscheidung, mich nicht länger vor dieser Wahrheit zu verstecken.

Ich drückte die Klinke hinunter und öffnete die Tür. Ein Blick vor die Tür um zu sehen, ob die Welt tatsächlich auf mich wartete. Nach dem Blick aus dem Fenster und dem Blick in den Spiegel war ich dezent unsicher, was mich hinter der Tür warten würde. Und ich hätte nie erraten, welches Bild sich mir zeigen würde.


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Draußen stand Melion.

Der Spellude wirkte, als wäre er aus einem ganz gewöhnlichen Abend hierher getreten. Sein Gesicht war offen, sein Blick wach und lebendig. Keine Leere, kein Riss, kein Schatten umgab ihn. Er stand einfach da, als hätte er immer vorgehabt, genau jetzt zu erscheinen. In seinen Augen lag Neugier, aber auch ein Hauch von Sorge.

„Melion“, sagte ich und trat zur Seite, damit er eintreten konnte.

Er betrat die Taverne und ließ den Blick durch den Raum schweifen, als spüre er ebenfalls, dass sich etwas verändert hatte. Ich schloss die Tür hinter ihm und führte ihn zum Tresen zurück, wo die Flasche Thal'nyssa noch immer im sanften Licht schimmerte.

„Dein Timing ist wie immer unheimlich“, begann ich ruhig, während ich ein zweites Glas einschenkte, und ließ mir bewusst Zeit, die richtigen Worte zu finden. „Ich glaube, dass diese Welt verloren ist. Vielleicht nicht heute und nicht morgen, vielleicht wird sie noch eine Weile so tun, als sei alles wie immer, aber in ihrem Innersten ist etwas zerbrochen. Sie hält uns nicht mehr so, wie sie es einst getan hat. Sie trägt uns nicht mehr, sie schützt uns nicht mehr, und sie verspricht uns nichts mehr, außer einem langsamen Auseinanderfallen.“ Ich sah einen Moment auf das Glas in meiner Hand, bevor ich fortfuhr. „Es ist, als hätte sie begonnen, uns loszulassen, einen nach dem anderen. Und ich weiß nicht, ob wir das noch aufhalten können.“

Das Licht des Mostes spiegelte sich in seinen Augen, und ich sah, dass er verstand, dass es hier nicht um ein gewöhnliches Gespräch ging, sondern um eine Entscheidung, die größer war als wir beide.

„Und ich glaube“, fuhr ich fort, „dass die Taverne beschlossen hat, sie zu verlassen. Nicht aus Angst, sondern weil sie nicht an einen Ort gebunden ist. Sie war schon immer mehr als das hier.“

Ich reichte ihm das Glas und hielt seinem Blick stand.

„Die Frage ist nicht, ob sie geht. Die Frage ist, ob wir mit ihr gehen. Und wenn wir es tun, dann nicht als Flüchtlinge, nicht als jene, die aus Angst vor dem Ende davonlaufen, sondern als diejenigen, die sich bewusst für ein neues Abenteuer entscheiden. Nicht, weil wir alles hinter uns lassen wollen, sondern weil wir bereit sind, uns dem Unbekannten zu stellen, weil wir anerkennen, dass Stillstand hier kein Schutz mehr ist. Wenn wir gehen, dann nicht mit gesenktem Blick, sondern mit offenen Augen, wissend, dass wir nicht fliehen, sondern weiterziehen.“

Wir hoben die Gläser, ohne etwas zu sagen und tranken einen kleinen Schluck. Als die Flüssigkeit unsere Kehlen herabrann, spürten wir, dass das Gebäude, diese unwahrscheinliche Ansammlung von Stein, Holz und Magie, offenbar unsere innere Entscheidung anerkannt hatte. Ich konnte fühlen, wie sich mir unbekannte Energien sammelten und sah Melion an, dass es ihm nicht anders ging.
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Beitrag von Bareti »

Disclaimer: diese Geschichte wurde ursprünglich auf "alte Schattenwelt" gepostet und kehrt nun zurück. Ab dieser Episode, hat sich das Geschehen aber verändert.

Wir standen noch mit den Gläsern in den Händen, als der erste Wandel einsetzte, und doch wäre es unzutreffend gewesen, diesen Moment als „Ereignis“ im herkömmlichen Sinne zu bezeichnen. Nichts zerschnitt die Stille, kein Beben durchlief die Balken, kein Sturm erhob sich, um den Übergang dramatisch zu markieren. Was geschah, entzog sich gerade durch seine Zurückhaltung der eindeutigen Einordnung. Es war vielmehr ein kaum messbarer Versatz, ein subtiles Neujustieren der Wirklichkeit, als hätte der Raum selbst seine Koordinaten für einen Atemzug freigegeben und anschließend in veränderter Ordnung wieder angenommen.

Ein feiner Druck legte sich auf meine Ohren, nicht schmerzhaft, sondern irritierend, wie das leise Echo eines Gedankens, der nicht der eigene ist. Das Licht im Schankraum erschien mir für einen Moment neu gewichtet, nicht heller oder dunkler, sondern in einer Weise verschoben, die jeder natürlichen Beschreibung widerstand. Schatten standen nicht länger dort, wo ich sie erwartete, und doch hatten sie ihre Position kaum verändert. Der Boden unter meinen Füßen blieb fest, doch er fühlte sich nicht mehr selbstverständlich an. Es war, als habe er seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Welt für den Bruchteil einer Sekunde suspendiert.

Melion begegnete meinem Blick, und in seinen Augen lag dieselbe Frage, die auch in mir aufstieg: War dies bereits der Übergang, oder nur dessen Vorbote?

„War das schon alles?“, fragte er leise, beinahe respektvoll, als fürchte er, etwas durch Worte auszulösen, oder zu stören. Ich wusste keine Antwort und dieses Nichtwissen war keine Schwäche, sondern eine angemessene Reaktion auf etwas, das sich der linearen Logik entzog.

Langsam wandte ich mich der Tür zu. Wenn wir tatsächlich bereits versetzt worden waren, musste sich jenseits der Schwelle ein Indiz dafür finden lassen, ein Zeichen, dass Moonglow nicht länger die Taverne und damit auch uns, beheimatete. Ich legte die Hand auf die Klinke, spürte die Kühle des Metalls unter meinen Fingern, das vertraute Gewicht der Bewegung, und öffnete.

Was ich sah, war weder ein fremder Himmel noch eine andere Welt, oder die seltsame graue Leere, die ich vor Melions erscheinen durch die Fenster gesehen hatte. Es war Wald.

Kein Meer, keine vertraute Küste, kein Hain, wie ich ihn kannte, sondern ein dichter, atmender Wald, dessen Grün dunkler und gesättigter wirkte als jede Erinnerung. Das Licht fiel gefiltert durch ein geschlossenes Blätterdach, und in der Luft lag der schwere, fruchtbare Geruch von Erde, Harz und feuchtem Holz. Für einen Augenblick stellte ich mir die Frage, ob wir uns tatsächlich bewegt hatten oder ob vielmehr die Welt selbst um uns herum eine minimale Verschiebung vollzogen hatte.

Soweit ich es erkennen konnte, stand die Taverne jetzt unvermittelt mitten auf einer Lichtung in einem der schönsten und lebendigsten Wälder, die ich je gesehen hatte. Der Eingang zeigte fast direkt auf einen kleinen Pfad, der fast unsichtbar zwischen den Baumstämmen lag. Während ich mich noch über diesen seltsamen Sprung wunderte, regten sich die Schatten zwischen den Bäumen und eine Gestalt kam den Pfad im Unterholz direkt auf uns zu.

Lirael.

Sie trat aus dem Halbdunkel hervor, schneller, als sei sie einer unsichtbaren Grenze entkommen. Ihr Atem ging unruhig, ihr Blick war wach und zugleich irritiert, als müsse sie die Realität um sich herum erst neu einordnen. Sie sah sich um, als erwarte sie, dass hinter ihr etwas aufbrechen oder sich schließen würde, als sei sie eben noch an einem Ort gewesen, der keine Kontinuität versprach. Als ihr Blick auf die Taverne fiel, verharrte sie für einen Herzschlag, als müsse sie begreifen, wie ein Gebäude, das zuvor nicht existiert hatte, nun selbstverständlich zwischen den Bäumen stand. Oder wie es überhaupt sein konnte, dass irgendein Gebäude in diesem dichten Wald stand, geschweige den eines, dass sie so gut kannte, wie unsere Taverne.

Ich blicke Lirael entgegen und trat aus der Tür, um ihr Platz zu machen.

„Komm“, sagte ich ruhig, es lag keine Erklärung in meinem Ton, kein Versuch der Rechtfertigung, nur Gewissheit. Ich hätte meiner lieben Freundin in diesem Moment keine Erklärung liefern können. Aber ich konnte ihr Gewissheit vermitteln. Gewissheit, dass dies real und richtig war.

Lirael zögerte kaum. Ob es Instinkt war, Vertrauen oder die schlichte Notwendigkeit eines geschützten Raumes, vermochte ich nicht zu sagen. Sie überschritt die Schwelle, und in diesem Schritt lag mehr Entscheidung, als Worte hätten ausdrücken können. Es war kein Eintritt in ein Gebäude, sondern ein Übergang in einen Zusammenhang.

Ich reichte ihr mein Glas, welches sie ohne Frage entgegen nahm. Die Finger ihrer Linken schlossen sich darum, als suche sie darin Halt. Ich griff nach der Flasche Thal'nyssa, deren Inhalt nun deutlicher schimmerte, als sei das Licht darin nicht bloß Reflexion, sondern innere Substanz. Das Leuchten war nicht aggressiv, nicht blendend, sondern konzentriert, beinahe wissend, als trüge es Erinnerung in sich.

Lirael hob das Glas und nahm einen tiefen Schluck.

In exakt diesem Augenblick schloss sich die Tür hinter ihr von selbst. Ohne Knall, ohne Windstoß, ohne jede sichtbare Ursache. Das Holz fiel schlicht ins Schloss, als sei es nie anders gewesen, als habe die Taverne lediglich einen Kreis vollendet und sei nun bereit, weiterzuziehen.

Und diesmal blieb es nicht bei einem bloßen Versatz.

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Die Luft im Raum verdichtete sich spürbar. Das Licht gewann an Kontur, während zugleich jedes Geräusch seine Tiefe verlor. Das Knistern im Kamin verstummte, ohne dass die Flammen erloschen, und selbst unser Atem klang gedämpft, als würde er nicht länger von Wänden, sondern von etwas Weitläufigerem aufgenommen. Der Raum schien sich nicht zu bewegen, sondern sich von etwas zu lösen. Der Boden unter meinen Füßen war nicht instabil, sondern entkoppelt, als habe er aufgehört, Teil einer bestimmten Wirklichkeit zu sein. Man spürte die Resonanz die ein Boden ausstrahlt in der Regel nie, bis zu dem Zeitpunkt, wo dieses Gefühl der Verbundenheit plötzlich verschwindet.

Ich empfand keine Furcht. Was sich vollzog, war nicht bedrohlich. Ich hatte ein unerklärliches Vertrauen in dieses Gebäude. Ich wusste, fühlte, dass die Taverne uns mitnehmen wollte und sich irgendwie bewusst war, dass der Übergang uns keinen Schaden zufügen würde.

Um uns herum begann sich das Gebäude selbst zu verändern. Der Tresen veränderte sich, die Ornamente, welche Thorian an einem freien Nachmittag ins Holz geschnitzt hatte, vertieften sich, wandelten sich. Sie zogen sich zusammen, als die Oberfläche schrumpfte und eine neue Länge annahm. Kerben verschwanden, Ornamente glätteten sich, und das Holz nahm eine klarere, beinahe archetypische Form an. Der Kamin erneuerte sich nicht im Sinne einer Reparatur, sondern schien sich zu verjüngern. Die Steine wirkten jünger, weniger gezeichnet von Zeit, als seien sie in einen Zustand zurückgeführt worden, der ihrer ersten Setzung näherstand. Selbst die Krake über dem Kamin schien neu aufzuleuchten, als würde die Taverne selbst, sich an ihren früheren Glanz erinnern.

Dann veränderten sich die Wände. Die Fenster änderten ihr Aussehen und ihre Position. Einige fielen in sich zusammen, andere vereinten ihre Flächen zu größeren Durchlässen. Man hätte behaupten können, dass die Taverne vor unseren Augen schrumpfte, doch das würde der Wahrheit nicht sehr nahe kommen.

Vielmehr schien sie sich zu konzentrierten, als sei sie auf ihre Essenz reduziert worden, auf jene Form, die unabhängig von Ort und Zeit Bestand haben konnte.

Dann erschienen die Fragmente.

Nicht durch die Fenster, nicht an einem bestimmten Punkt im Raum, sondern überall zugleich. In der Luft, zwischen uns, über dem Boden schwebten Scherben von Wirklichkeit, lichtdurchlässig und doch erfüllt von Bildern. Jede einzelne trug eine Möglichkeit, eine Variante einer Welt, eine Ausprägung dessen, was hätte sein können oder noch werden mochte.

Ich sah einen Yew-Wald von solcher Gesundheit, dass das Licht darin wie flüssiges Gold wirkte. Zwischen den Stämmen bewegten sich Elfen in großer Zahl, ruhig und unversehrt. Niniel stand unter ihnen, nicht unsicher, nicht suchend, sondern eingebunden in eine Gemeinschaft, die sie immer gesucht hatte. Ihr Gesicht war offen, ihr Blick frei von jeder Anspannung.

Das Bild wirbelte umher und verschwand aus meinem Blick. Es war wie ein kurzer Blick in eine Zeit, die es geben konnte, ohne klar zu sagen, ob es eine andere Gegenwart, eine ferne Vergangenheit oder eine mögliche Zukunft war.

Ein Riss durchzog eine andere Scherbe, die in mein Blickfeld geriet. Eine Gestalt erschien unter dem Riss, fiel. Nicoletta. Der Fall war unerbittlich, der Fels hart, das Meer gleichgültig. Kein Eingreifen, kein zweiter Versuch, nur der Moment der Unumkehrbarkeit. Ich zwang mich, hinzusehen, nicht aus Grausamkeit, sondern aus Respekt vor der Realität dessen, was war.

Diese Scherbe brach vor meinen Augen. Vielleicht war dies nur eine Art, wie die Scherben aus dem Blick verschwanden, aber mir erschien es in diesem Augenblick, wie eine klare Aussage in dieser unwahrscheinlichen Reise. Nicoletta war verloren.

Ein weiteres Fragment zeigte einen gewaltigen Steinkreis tief unter der Erde. Runen glühten in ruhigem, schwerem Licht. Ulaf stand mit beiden Händen auf einem Kristall, als stemme er etwas Unsichtbares zurück. Er wirkte nicht verloren. Er wirkte notwendig, als sei sein Widerstand Teil eines größeren Gleichgewichts, das sich jenseits unserer unmittelbaren Wahrnehmung vollzog.

Dann erschien unsere Welt. Es war keine Vermutung, sondern dunkle Gewissheit.

Eine dunkle Scherbe, von Rissen durchzogen. Schatten lagen nicht nur in ihr, sondern griffen von außen nach ihrer Oberfläche. Eine unfassbare Präsenz näherte sich, berührte sie, als prüfe sie ihre Widerstandskraft. Für einen Moment schien es, als würde sich das Fragment unter diesem Druck wölben.

Bevor ich erkennen konnte, ob es zerbrechen oder standhalten würde, verschwand das Bild.

Ich atmete langsam aus, als hätte ich selbst für einen Augenblick den Atem angehalten. Ich wollte nach meinen Begleitern sehen, sehen, wie sie diese unglaublichen Bilder verarbeiteten, doch ich erkannte, dass sie vermutlich etwas anderes sahen.

Melion stand nur wenige Schritte entfernt und war völlig still. Sein Blick galt nicht den Fragmenten die um uns herumwirbelten, sondern etwas, das sich meiner Wahrnehmung entzog. Vielleicht sah er nicht Welten, sondern Strukturen, nicht Ereignisse, sondern Zusammenhänge.

„Sie bewegt sich nicht“, sagte er schließlich, leise, beinahe staunend, aber auch irgendwie abwesend. „Alles andere tut es.“

Ich verstand, was er meinte, auch wenn ich es nicht in derselben Weise sah.

Die Taverne war kein Schiff, kein Transportmittel. Sie war ein Fixpunkt im Geflecht der Möglichkeiten, ein Knoten in einem Netz, das nicht aus Linien, sondern aus Relationen bestand.

Bevor ich weiter über das Wesen der Taverne nachgrübeln konnte, schob sich eine weitere Scherbe in mein Blickfeld, leiser als die anderen und doch von einer Intensität, die mir den Atem nahm. Ich sah ein Haus in Jhelom, schlicht und vom Wind gegerbt, und dahinter einen kleinen Garten, in dem das Licht weich auf frisch umgegrabene Erde fiel. Dort saß Mia. Nicht das Kind, das ich einst in meine Obhut genommen hatte, nicht das schmale Mädchen mit zu großen Fragen in den Augen, sondern eine junge Frau, deren Haltung Ruhe und Selbstgewissheit ausstrahlte. Ihr Haar fiel länger über ihre Schultern, ihr Gesicht trug Züge, die mir vertraut und zugleich fremd waren, gereift wie mein eigenes Spiegelbild in den vergangenen Jahren. Vor ihr stand eine Staffelei, und mit bedächtigen Bewegungen führte sie den Pinsel über eine Leinwand, als hielte sie einen Moment fest, den niemand außer ihr verstand. Sie wirkte nicht verloren, nicht suchend, sondern angekommen, als habe sie ihren eigenen Ort in der Welt gefunden, unabhängig von mir. Für einen schmerzhaften Augenblick fragte ich mich, ob ich sie verlassen hatte oder ob sie mich längst überholt hatte. Dann glitt auch dieses Bild davon, nicht zerbrechend wie das andere, sondern sich entziehend wie eine Möglichkeit, die nicht für meine Hände bestimmt war.

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Für einen flüchtigen Augenblick glaubte ich, die Veränderung der Taverne würde weiter voranschreiten. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Die glatten Linien des Tresens gewannen ihre vertrauten Kerben zurück. Das Holz wirkte wieder älter, gelebter. Kleine Macken, die eben noch verschwunden gewesen waren, kehrten an ihren Platz zurück, als wären sie nie fort gewesen. Auch die Steine des Kamins verloren ihre makellose Jugend und nahmen wieder jene feinen Risse an, die ich über Jahre hinweg so oft betrachtet hatte.

Ich blinzelte verwundert. Noch vor einigen Augenblicken hatte es gewirkt, als würde sich die Taverne auf eine neue Heimat vorbereiten. Nun schien sie all diese Veränderungen wieder von sich abzulegen – nicht hastig, sondern mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit, mit der sie begonnen hatten.

Dann beganneb die Fragmente sich zu verlangsamen, sie verblassten und lösten sich auf, als hätten sie ihre Funktion erfüllt. Das Licht im Raum wurde wärmer, dichter, als würde sich die Taverne in eine neue Position einschmiegen. Der Druck in der Luft ließ nach, nicht abrupt, sondern allmählich, wie das Zurückweichen einer Flut.

Während mir Tränen über die Wangen liefen, sah ich, dass Melion und auch Lirael zu Boden gesackt waren. Ich konnte nicht erkennen ob sie Ohnmächtig oder nur überwältigt waren aber die Veränderung der Umgebung ließ mir keine Wahl, nach ihnen zu sehen.

Vielleicht war es unvermeidlich, dass ein sterblicher Körper auf eine solche Verschiebung reagierte, selbst wenn die Seele bereit zu sein glaubte. Oder die beiden hatten ihre eigenen Offenbarungen gesehen und mussten diese Einblicke nun ebenfalls verarbeiten.

In diesem Moment veränderte sich nicht die Luft, nicht das Licht, nicht einmal das Geräusch. Es war vielmehr eine Rückkehr der Schwere, eine langsame Wiederherstellung der Zugehörigkeit. Der Boden unter meinen Knien fühlte sich wieder verbunden an, nicht nur mit dem Raum, sondern mit etwas Tieferem. Die Balken über uns trugen wieder Gewicht, nicht bloß das ihre, sondern das einer Welt, die sie hielt.

Die Stille war nun keine Leere mehr. Sie war gefüllt.

Ich erhob mich langsam und ließ meinen Blick durch den Raum wandern. Die Taverne war nicht mehr im Wandel begriffen. Sie war verändert und wirkte doch, als wäre sie schon immer so gewesen. Sämtliche Fragmente waren verblasst. Keine Scherben, keine Visionen mehr – nur Wände, Holz, Stein. Und doch war alles anders. Obwohl der Kamin sich gewandelt hatte, brannte weiter ein Feuer in ihm und erst jetzt schien wieder Rauch aufzusteigen und durch den dezent veränderten Schornstein abzuziehen.

Ein kaum wahrnehmbares Zittern durchlief das Gebälk, kein Beben, eher ein Einrasten, als habe sich etwas endgültig gefügt.

Ich wusste nicht, welche Welt uns nun umgab. Ich wusste nicht, wie weit wir gereist waren oder ob Entfernung hier überhaupt ein gültiger Begriff war. Doch ich spürte mit einer Klarheit, dass wir nicht länger zwischen den Möglichkeiten standen.

Wir waren in einer davon angekommen und die Taverne hatte sich, wie selbstverständlich, eingefügt. Dieses alte, unerklärliche Wesen aus Holz und Stein, stand still – nicht weil sie nicht mehr konnte, sondern weil sie entschieden hatte, dass dies der Ort war, an dem wir vorerst verweilen sollten.

Ich legte die Hand auf den Tresen. Das Holz war warm.

Wir waren nicht geflohen. wir waren angekommen.
- Bareti, Wirtin der Taverne
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Bareti
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Eine raue Ankunft

Beitrag von Bareti »

Disclaimer: diese Geschichte wurde ursprünglich auf "alte Schattenwelt" gepostet und kehrt nun zurück. Diese abschließende Episode wurde deutlich verändert.

Meine Hand lag noch auf dem Tresen.

Das Holz unter meiner Haut fühlte sich warm an, nicht durch Magie, sondern aus Nähe. Für einen Moment blieb ich stehen, lauschte und versuchte meine Umgebung wahrzunehmen. Ich sah kein Flimmern mehr, keine Veränderung der Luft, kein fernes Echo der Fragmente. Die Taverne war wieder still – keinesfalls leer, aber wieder zur inneren Ruhe zurückgekehrt.

Ich ließ den Blick durch den Schankraum wandern. Diesen Raum, der so vertraut und zeitgleich so anders war.

Der Kamin brannte ruhig, doch die Steine wirkten klarer, als seien sie von allem Überflüssigen befreit worden. Der Kraken über dem Kamin hing unverändert, und doch hatte ich das Gefühl, er sähe schärfer aus, als sei die Form präziser geworden. Der Tresen wirkte dezent anders, aber es fiel mir schwer es in Worte zu fassen, was genau sich verändert hatte. Die Oberfläche wirkte unverändert, aber das Zierholz war teilweise völlig erneuert.

Ich ging langsam zwischen den Tischen hindurch, strich mit den Fingern über eine Lehne, prüfte unbewusst die Festigkeit der Balken. Alles war schwer. Greifbar. Wirklich.

Erst dann erblickte ich Melion.

Er hatte sich auf eine der Bänke beim Kamin gezogen und schien sich zu sammeln. Die Hände locker ineinander verschränkt, der Blick klar, wenn auch noch von einem Rest Staunen getragen. Kein Schmerz, keine Schwäche verzerrten sein Antlitz. Er nickte mir zu, kaum merklich.

Lirael stand nahe der Treppe, die Schultern angespannt, doch aufrecht. Ihr Atem war ruhig geworden. Sie schien die Reise gut überstanden zu haben, auch wenn ich überzeugt war, dass sie eben noch am Boden gelegen hatte. Als sich unsere Blicke trafen, lag in ihren Augen keine Angst, sondern Wachsamkeit – und etwas, das ich als Zustimmung deutete.

Ich atmete tief ein.

Die Taverne war nicht mehr im Übergang. Sie war angekommen und die eigentliche Reise lag hinter uns, auch wenn wir alle wussten, dass so vieles jetzt noch vor uns lag.

Schließlich wandte ich mich der Tür zu. Ich hatte es unbewusst herausgezögert, aber diese Welt, die uns aufgenommen hatte, wartete jenseits dieser Schwelle. Eine möglicherweise feindselige Welt, oder eine mit gänzlich anderen Gesetzmäßigkeiten.

Ich legte die Hand auf die Klinke und fühlte. Keine Vibration. Kein Widerstand.

Ich drückte langsam die Klinke herab und öffnete die stets unverschlossene Tür der Taverne. Zum ersten Mal in dieser Welt.

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Die Tür der Taverne hatte sich stets dem Wald entgegen geöffnet. So war es gewesen als ich sie fand und so war es als sich die Tür zuzog und die Taverne uns ins Unbekannte brachte. Selbst als die Taverne einen Umweg nahm um Lirael abzuholen, war es Wald und Bäume, die mein Blick erfasste. Daher war ich nicht verwundert, als mein Blick sich wieder Bäumen zuwand, nachdem ich endlich die Tür aufzog.

Zunächst erschien es mir ganz logisch und ich ging einige Schritte aus der Taverne heraus. Wo sonst, wenn nicht zwischen Bäumen, sollte die Taverne einen neuen Platz in der Welt finden?

Doch dann kamen mir Zweifel, der erste kleine Strauch, den ich erblickte, der alte Wegweiser ... etwas in mir war verwirrt und ich lief weiter den Weg herunter ehe ich mich, mit leichter Sorge im Herzen, zu der Taverne selbst umdrehte.

Kein Schatten folgte uns. Kein Riss im Himmel. Kein drohendes Grollen, lediglich ein feiner Wind der ruhig durch die Bäume zog. Ein ehrlicher, unaufgeregter Wind, der vom Wasser heraufzog und nach Salz und frischem Holz roch. Er strich durch mein Haar, kühlte die letzten Spuren der Anspannung in meinem Nacken und erinnerte mich daran, dass ich atmete. Dass wir lebten.

Ich ließ meinen Blick über die Taverne, dieses unwahrscheinliche Gebilde streifen.

Sie stand dort, massiv, vollkommen weltlich. Kein Leuchten lag auf dem Holz. Keine Aura umgab die Balken. Sie wirkte schwer, greifbar, beinahe gewöhnlich. Hätte ich nichts von ihrer Natur gewusst, ich hätte sie für ein Gebäude gehalten wie jedes andere.

Und doch wusste ich, was sie war.

Melion trat neben mich, schweigend. Lirael blieb einen Schritt zurück, aufmerksam, wachsam, aber nicht alarmiert. Auch sie spürten es – diese seltsame Normalität, die wie eine Decke über allem lag.

"Täusche ich mich oder ..." setzte Melion an und ließ den Satz unvollendet im Wind vergehen.

Ich schüttelte leicht den Kopf und konnte einen Moment nur lachen, ehe ich zu einer Antwort ansetzen konnte."Nein, du irrst dich nicht, wir sind zurück. Zurück in Moonglow und ich vermute, sogar in unserer Welt!"

Vielleicht war es Ironie. Vielleicht Absicht. Vielleicht nur ein Geflecht aus Möglichkeiten, das sich selbst korrigierte. Vielleicht hatte die Taverne beschlossen, dass es ihre Zeit in dieser Welt noch nicht vorüber war, oder etwas völlig anderes, für uns unverständliches war geschehen.

Erleichterung breitete sich in mir aus, langsam, aber deutlich. Nicht die Erleichterung eines entkommenen Opfers, sondern die eines Menschen, der begreift, dass eine Entscheidung hinter ihm liegt. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, gejagt zu werden. Keine unsichtbare Präsenz griff nach dem Horizont.

Die Entscheidung war uns abgenommen worden. Wir hatten unsere Schicksale in die Hand der Taverne gelegt und entschieden, was immer passieren würde, wäre richtig. Und nun standen wir wieder hier, vor der Taverne, auf Moonglow, fast an dem identischem Flecken Erde.

Die Taverne schien uns versetzt zu haben. Den obwohl wir eindeutig wieder auf Moonglow waren und die Taverne ihren vormaligen Platz wieder eingenommen hatte, so hatte sich doch die Welt verändert. Ich war nicht sicher, was genau sich verändert hatte, aber das Gefühl der unmittelbaren Katastrophe war verschwunden und kein lebendiger Schatten schien mehr über der Welt zu hängen.

Vielleicht wartete diese Welt nicht auf uns. Aber sie hatte uns.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit freute ich mich auf das, was kommen mochte.

Wir wandten uns nicht zurück in das Gebäude, das war nicht nötig, die Taverne war nicht hierher gekommen um wieder zu verschwinden, sie war gekommen um einen Platz in der Welt einzunehmen. Sie war gekommen um ihren Platz einzufordern und sie würde ihn nicht so einfach aufgeben.

Wir gingen hinaus – nicht als Flüchtlinge, sondern als gebliebene.

Die Reise war beendet und das Abenteuer begann.
- Bareti, Wirtin der Taverne
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