Der Glaube, der blieb

Allgemeines Rollenspiel Forum für Geschichten und Geschehen.
Crovax Donnerhall
Beiträge: 1
Registriert: 04 Aug 2026, 07:02

Der Glaube, der blieb

Beitrag von Crovax Donnerhall »

Der Schnee war in der Nacht gekommen.
Als der Morgen graute, lag er bereits schwer auf den Dächern der kleinen Siedlung, umhüllte die kahlen Äste der Bäume und legte sich wie ein Leichentuch über die Gräber hinter der Kapelle.
Dort stand Crovax. Seit Sonnenaufgang verharrte er dort, den Kopf tief gesenkt, die schwieligen Hände auf den schweren Griff seiner Kriegsaxt gestützt. Vor ihm zeichnete sich die frische Erde ab. Kein besonders tiefes Grab – der Boden war steinhart gefroren gewesen. Er selbst hatte die eisige Erde mit aufgebrochen.
Wie lange er schon hier oben stand? Er wusste es nicht mehr. An den Spitzen seines Bartes glitzerte weißer Frost, doch die Kälte berührte ihn nicht. Sie war ihm sogar recht; Kälte war wenigstens ehrlich. Über den fernen Berggipfeln wich das Schwarz des Himmels langsam einem fahlen Grau. Ein neuer Tag brach an. Wieder einer.
Seine Gedanken wanderten zu dem Toten, doch er schnitt sie schnell ab. In den vergangenen Jahren hatte er schmerzhaft gelernt, den Blick nicht zu lange auf den Verstorbenen ruhen zu lassen. Manche Lasten ertragen sich leichter, wenn man sie genau dort zurücklässt, wo man sie vergraben hat.
Sein Blick wanderte hinüber zur kleinen Kapelle, deren Tür im Wind leise knarrte und noch immer offen stand. Früher hätte er jetzt gebetet. Er wäre auf die Knie gesunken, hätte die Hände gefaltet und vielleicht sogar geweint...früher.

Der Zwerg schnaubte verächtlich und wandte sich ab.
Er war einmal ein guter Kleriker gewesen. Selbst hätte er das so natürlich nie formuliert – er hätte gesagt, dass er bloß seine Pflicht erfüllte, den Glauben ernst nahm und ein Mann des Herrn schließlich nicht dafür da sei, beliebt zu sein.
Crovax war ein Schlachtenprediger gewesen:
Wenn seine Truppe vor dem Ansturm zögerte, hatte er gesprochen. Wenn nackte Angst die Reihen zu zerreißen drohte, hatte seine Stimme sie zusammengehalten. Und wenn ein junger Krieger zweifelte, ob es richtig sei, den Feind gnadenlos niederzustrecken, hatte er die Antwort parat gehabt. Immer.
Vielleicht war genau das sein Ruin gewesen: Er hatte einfach zu viele Antworten gehabt.
Am Rand der Siedlung hielt er noch einmal inne. Hinter ihm die tote Kapelle, vor ihm die endlose Straße. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, trat er in den Matsch und ging einfach los.

________________________________________

Der Abend kam, und mit ihm der schneidende Wind. Unter einem kahlen Felsvorsprung fand er schließlich Schutz, entzündete ein kleines Feuer und setzte sich davor. Seine gesamte Ausrüstung passte in einen einzigen Beutel: ein wettergegerbter Mantel, spärlicher Proviant, sein treuer Hammer und ein paar wertlose Habseligkeiten. Er streifte die schweren Stiefel ab und streckte die tauben Füße den Flammen entgegen. Eine bleierne Müdigkeit drückte ihn zu Boden – aber es war nicht die Erschöpfung eines langen Fußmarsches. Es war diese andere, tiefe Müdigkeit, die sich in den Knochen festfrisst und die selbst der tiefste Schlaf nicht mehr vertreiben kann.
Seine Axt lag griffbereit neben ich, immer. Seine Finger tasteten wie von selbst nach dem Holz, strichen über eine tiefe Kerbe im Schaft. Die Waffe war ihm vertraut, fast schon unheimlich vertraut. Lange starrte er in die tanzenden Flammen und fragte sich, wie oft er dieses Holz wohl umklammert hatte, als er noch an irgendetwas glaubte.

„Was ist nur aus uns geworden?“

Das Flüstern verhallte ungehört. Er wusste selbst nicht, ob er sich selbst oder seine Axt meinte.
Das Holz im Feuer knackte laut. Crovax lehnte sich seufzend zurück und schloss die Augen…und dann kam die Wärme.
Zuerst dachte er, das Feuer sei plötzlich aufgeflammt. doch als er die Lider hob züngelten die Flammen unverändert schwach vor ihm. Die Hitze kam nicht von außen. Sie pulsierte tief in seiner eigenen Brust.
Erschrocken richtete der massige Zwerg sich auf, presste die flache Hand gegen die Rüstung. Kein Schmerz, kein Fieberbrennen, sondern eine sanfte, fast schüchterne Wärme, die dennoch unerschütterlich real war. Sie breitete sich langsam aus, floss durch seine Schultern bis in die Fingerspitzen.
Plötzlich schien die Welt für ihn zu erstarren. Das Feuer regte sich nicht mehr, der Wind schwieg, und selbst sein eigener Atem schien in der Luft einzufrieren.
Dann war da diese Stimme.
Sie drang nicht an seine Ohren. Sie erklang direkt in seinem Innersten – ruhig, unendlich geduldig, frei von Zorn oder Forderung.

„Meine Stimme.“

Der Schlachtenprediger hielt den Atem an.
So schnell sie gekommen war, verflog die Wärme wieder. Das Feuer knackte, der Wind heulte auf und in der Ferne schrie ein Nachtvogel. Eine gefühlte halbe Ewigkeit saß Crovax einfach nur da und starrte fassungslos in die Glut. Schließlich blickte er auf seine zitternden Hände hinab. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt.
Er packte seine Axt und zog sie eng an sich. Nicht, weil Gefahr drohte, sondern weil er in diesem Moment der absoluten Hilflosigkeit nicht wusste, was er tun sollte…so hatte er es schon immer getan
„Meine Stimme“, sprach er es laut aus. Das Wort klang holzig. Fast schon lächerlich.
Er schüttelte wütend den Kopf. Was sollte das bedeuten? Und warum jagte ihm ausgerechnet dieser eine Satz eine solche Heidenangst ein? Es war nicht die Stimme selbst oder das plötzliche Licht. Es war die schreckliche Erkenntnis, dass ein Teil von ihm die Worte verstanden hatte – obwohl sein Verstand keine Ahnung hatte, wie.

________________________________________

In den Tagen darauf geschah: Nichts.
Der Zwerg zog weiter, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, und verlor kein Wort darüber. Warum auch? Was hätte er den Leuten erzählen sollen? Dass er Geister hörte? Dass eine Stimme in seinem Kopf ihn „seine Stimme“ genannt hatte? Man hätte ihn für verrückt erklärt und weggesperrt. Vielleicht war er es ja auch. Er war sich selbst nicht mehr sicher.
Doch die Wärme kehrte zurück.
Drei Tage später das erste Mal, dann nach einer Woche wieder. Immer nur für den Bruchteil eines Herzschlags, immer unerwartet. Einmal flammte sie auf, als er einen verletzten Reisenden am Wegrand versorgte. Ein anderes Mal, als er einen zittrigen Greis über einen vereisten Pass lotste. Und einmal überkam sie ihn mitten in der Nacht, als er schweißgebadet aus dem Albtraum einer längst vergangenen Schlacht hochschreckte.
Die Stimme schwieg fortan. Nur diese zwei Worte hallten nach.

„Meine Stimme.“

Je mehr er darüber nachdachte, desto widerwärtiger wurde ihm der Gedanke. Denn eine Stimme war dazu da, zu sprechen. Und er hatte aufgehört zu predigen. Vor Jahren schon.
Vielleicht lag genau darin die bittere Wahrheit: Er hatte im Leben einfach zu viel geredet und zu wenig zugehört. Er wusste es nicht. Sicher war er sich nur in einer Sache: Einen Teufel würde er tun und wieder für jemanden den Prediger spielen. Schon gar nicht für einen Gott, dessen Namen er längst aus seinem Herzen getilgt hatte.

________________________________________

Viele Wochen später erreichte er schließlich die Küste. Die grauen Berge lagen nun weit hinter ihm, und vor ihm erstreckte sich das Meer – ein endloses, bleiernes Grau. Der Wind schmeckte nach Salz und peitschte ihm die ersten schweren Regentropfen ins Gesicht.
Lange stand er am Ufer, die Brandung zu seinen Füßen, und starrte auf den Horizont. Er wusste selbst nicht genau, was ihn hierhergetrieben hatte. Er hätte längst umkehren können. Niemand befahl ihm weiterzugehen, kein Gott hatte ihm einen Auftrag erteilt. Und doch hatte er jeden verdammten Morgen stur die Straße nach Westen gewählt.
Jetzt begriff er, warum.
Die Wärme flutete seinen Körper, heftiger als je zuvor. Crovax schloss die Augen.
Diesmal hörte er keine Worte. Stattdessen brannte sich das Bild eines Ortes in seinen Geist: Ein ferner, fremder Hafen. Grüne, sanfte Hügel. Mächtige Mauern und stolze Türme – eine gewaltige Stadt, die sich bis zum Horizont erstreckte.
Dann verblasste das Bild in einem hellen, gleißenden Licht.
Als er die Lider wieder hob, war da nur das schäumende, kalte Meer. Doch die Ungewissheit war verflogen. Er wusste jetzt, wohin die Reise ging.
Britain.
Er verstand das Warum nicht. Er wusste nicht, was ihn in dieser Stadt erwartete oder was diese Stimme, die Wärme und das Licht von einem gebrochenen Zwerg wollten. Aber zum ersten Mal seit einer Ewigkeit spürte er, dass seine Schritte wieder einen Sinn ergaben.
Die Axt hing schwer an seiner Schulter. Crovax nahm sie ab, wog das vertraute Eisen in der Hand und steckte sie mit einem entschlossenen Ruck zurück in die Halterung. Dann blickte er hinaus aufs offene Meer.

„Meine Stimme.“

Diesmal flüsterte er die Worte nicht. Und sie klangen auch nicht mehr fremd.
Hinter ihm lag die Asche seiner Vergangenheit. Vor ihm das unruhige Wasser und irgendwo dort drüben lag Britain. Er hatte seinen Glauben lange abgelegt und vielleicht würde er ihn auch nie wiederfinden. Aber irgendetwas hatte ihn gerufen.
Ob er die Kraft besaß, diesem Ruf zu folgen, wusste er nicht. Er wusste nur, dass er ihn gehört hatte. Und manchmal, so dachte er sich der alte Sturkopf, musste das verdammt noch mal genügen.