I. DE VINCULO MORTUORUM - Vom zweiten Band

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Y'rahl Tquannil
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I. DE VINCULO MORTUORUM - Vom zweiten Band

Beitrag von Y'rahl Tquannil »

Die vorangegangene Arbeit endete mit einem Gesetz. Das allein wäre Grund genug, ihr zu misstrauen. Gesetze besitzen die
unangenehme Eigenschaft, dem Forscher das Gefühl zu geben, er habe einen Gegenstand abgeschlossen, nur weil er ihm eine
hinreichend ordentliche Form gegeben hat. De Limine Mortis hat den Tod nicht erklärt. Die Aufzeichnungen haben lediglich ein
Modell hervorgebracht, das mehrere Beobachtungen miteinander vereinbaren konnte: Im lebenden Zustand bestehen Leib, Geist
und eine ursprüngliche arkane Ordnung in einer Bindung; im Sterben beginnt diese Ordnung sich zu lösen; nach vollständiger
Trennung können Teile fortbestehen, doch jede danach geschaffene Verbindung ist zunächst eine neue Ordnung.
Diese Feststellung war für den Weg, der hinter mir liegt, ausreichend. Für den Weg, der vor mir liegt, ist sie es nicht.
Ich habe lange auf die Schwelle geblickt. Ich habe untersucht, was vor ihr besteht, was während ihres Überschreitens zerfällt und
was auf der anderen Seite zurückbleibt. Dabei behandelte ich die Nekromantie selbst meist als Werkzeug. Eine Thesis wurde
angewandt, ein Leichnam erhoben, ein Geist gerufen, eine Bindung gestützt. Ich fragte nach dem Ergebnis der Magie, aber nur
selten nach der Ordnung, durch welche die Magie dieses Ergebnis hervorbrachte. Darin liegt der Mangel der bisherigen Arbeit.
Der gewöhnliche Nekromant sagt, er beherrsche einen Toten. Diese Aussage ist ebenso bequem wie ungenau. Eine Hand
beherrscht einen Hammer, weil sie ihn berührt und bewegt. Ein Reiter beherrscht ein Pferd durch Zügel, Schenkel und eingeübte
Reaktion. Doch wodurch beherrscht ein Nekromant einen Leichnam, der mehrere Schritte entfernt steht? Das gesprochene Wort
kann nicht genügen. Ein Befehl kann leise gegeben werden und dennoch Wirkung zeigen. Eine Geste kann fehlen. Sichtkontakt
kann unterbrochen werden. Selbst dort, wo Worte und Zeichen verwendet werden, sind sie Teil der Thesis und nicht notwendig
die Verbindung selbst.
Wenn aber zwischen dem Willen des Nekromanten und der künstlichen Ordnung des erhobenen Toten eine Wirkung besteht,
muss gefragt werden, wodurch diese Wirkung getragen wird.
Die sechste Aufzeichnung unterschied den motus mortis vom Leben. Er bezeichnete jene nekromantisch geschaffene funktionale
Ordnung, durch welche tote Materie zu Bewegung und Gehorsam befähigt wird. Diese Unterscheidung bleibt bestehen. Doch sie
war unvollständig. Ich betrachtete den motus mortis so, als läge er ausschließlich im Toten: eine Struktur, die Muskeln, Knochen
und verbliebene körperliche Ordnung zu Handlung zwingt. Dabei übersah ich das Offensichtliche. Der erhobene Leib handelt
nicht bloß. Er handelt gerichtet. Er unterscheidet zwischen Befehl und Nichtbefehl. Er folgt einer fremden Absicht, obwohl diese
Absicht nicht in seinem eigenen Geist entsteht.
Der fehlende Gegenstand meiner bisherigen Forschung ist daher nicht der Tote. Es ist die Beziehung zwischen dem Toten und
jenem Willen, dem er gehorcht.
Ich werde diese vermutete Beziehung vorläufig vinculum mortuum nennen - Totenbindung. Der Begriff behauptet noch nicht, dass
es sich um ein eigenständiges arkanes Gebilde handelt. Er bezeichnet zunächst nur die Arbeitshypothese, dass zwischen einer
kontrollierenden nekromantischen Thesis und der von ihr beherrschten toten Ordnung eine fortdauernde Beziehung bestehen
muss, solange gerichteter Gehorsam möglich ist.
Diese Hypothese ist von der Bindung des lebenden Wesens streng zu trennen. Die ursprüngliche Bindung verbindet Leib und
Geist zu einer Eigenordnung. Das vinculum mortuum würde dagegen eine Fremdordnung mit einem bereits toten oder künstlich
geordneten Träger verbinden. Die eine ermöglicht das Selbst. Die andere ermöglicht Herrschaft. Beide ohne weiteren Nachweis
gleichzusetzen wäre derselbe Fehler, den ich bereits beim vestigium vitae vermeiden musste: Ähnlichkeit der Wirkung beweist
keine Gleichheit der Ursache.
Die erste Untersuchung dieses neuen Gegenstandes muss deshalb klein beginnen. Ein einzelner Leichnam genügt. Nicht die Zahl
der Toten ist von Bedeutung, sondern die Zahl der veränderlichen Bedingungen. Wer zehn Leichen zugleich erhebt und danach
behauptet, er habe die Herrschaft über den Tod untersucht, hat vor allem bewiesen, dass er zählen kann.
Für die erste Versuchsreihe wurde ein hinreichend erhaltener menschlicher Leichnam gewählt. Der Körper war bereits tot, bevor
er in die Untersuchung gelangte; der Zeitpunkt des Todes lag weit genug zurück, dass keine Verwechslung mit dem Intervallum
Mortis zu erwarten war. Ein schwaches, fragmentiertes vestigium vitae war noch wahrnehmbar. Dies wurde protokolliert, ist für
die gegenwärtige Frage jedoch nur insofern bedeutsam, als spätere Versuche mit älterem Material einen Vergleich erlauben
sollen.
Die Erhebung erfolgte mit einer gewöhnlichen Thesis des motus mortis. Ich nahm keine Veränderung an der bekannten Struktur
vor. Ein neues Phänomen lässt sich schlecht untersuchen, wenn zugleich das Werkzeug verändert wird, mit dem man es
hervorruft. Der Tote erhob sich, hielt das Gleichgewicht und reagierte auf einfache Anweisungen. Vorwärts. Halt. Wenden.
Niederknien. Aufstehen. Keine dieser Handlungen war bemerkenswert.
Dann wurde der Befehl von seiner üblichen Form getrennt.
Zunächst sprach ich die Anweisung aus, ohne den Körper anzusehen. Die Wirkung blieb bestehen. Danach wurde dieselbe
Anweisung hinter dem Rücken des Toten gegeben. Wieder gehorchte er. Im nächsten Schritt unterließ ich die begleitende
Handbewegung. Keine Veränderung. Schließlich formte ich die Absicht innerhalb der bestehenden Thesis, ohne sie vollständig
auszusprechen. Die Reaktion war langsamer und weniger sauber, aber vorhanden.
Das Ergebnis darf nicht überdehnt werden. Es beweist nicht, dass Worte bedeutungslos sind. Worte ordnen den Willen des
Magiers und können Bestandteil einer stabilen Thesis sein. Ebenso wenig beweist der Versuch eine Gedankenübertragung. Der
Tote zeigte keinen Hinweis darauf, einen Gedanken verstanden zu haben. Er vollzog lediglich eine Handlung, deren Richtung aus
meiner magischen Ordnung hervorging.
Entscheidend ist etwas anderes: Der Befehl scheint nicht ausschließlich durch Schall, Blick oder Geste übertragen zu werden.
Ich wiederholte die Versuche mit zunehmendem Abstand. Bei wenigen Schritten zeigte sich kein deutlicher Unterschied. Auch
am gegenüberliegenden Ende des Raumes blieb die Reaktion zuverlässig. Eine geschlossene Tür zwischen mir und dem
erhobenen Leib erschwerte die Beobachtung, verhinderte den Gehorsam jedoch nicht. Erst als mehrere massive Wände und
größere Entfernung zwischen uns lagen, wurden die Reaktionen unregelmäßiger. Einzelne Befehle verzögerten sich. Andere
wurden nur unvollständig ausgeführt.
An diesem Punkt trat die erste wirklich interessante Beobachtung auf. Die Schwächung fühlte sich nicht an wie das Versiegen
einer Thesis. Die auf den Leichnam gelegte nekromantische Ordnung bestand weiterhin. Der Körper fiel nicht zusammen. Er
verlor auch nicht plötzlich jede Bewegungsfähigkeit. Was schwächer wurde, war vielmehr meine Fähigkeit, eine neue gerichtete
Veränderung in dieser Ordnung hervorzurufen.
Damit lässt sich erstmals zwischen zwei Dingen unterscheiden: der Ordnung, durch welche der Tote überhaupt erhoben bleibt,
und der Beziehung, durch welche mein gegenwärtiger Wille diese Ordnung beeinflusst.
Sollte diese Trennung Bestand haben, war meine bisherige Vorstellung von nekromantischer Herrschaft zu einfach. Ein erhobener
Toter wäre dann nicht bloß ein Körper, in den fortwährend Wille gegossen wird. Er wäre eine künstlich geordnete Einheit, die
über eine zweite Struktur mit ihrem Beherrscher verbunden bleibt.
Eine solche Struktur hätte weitreichende Folgen. Sie müsste eine Grenze besitzen, denn Entfernung scheint ihre Wirkung zu
verändern. Sie müsste aufrechterhalten werden können, ohne dass jeder Augenblick bewusste Aufmerksamkeit verlangt, denn ein
Nekromant kann gehen, sprechen und denken, während ein erhobener Diener weiterhin steht. Und sie müsste mehr als bloße
Energie übertragen. Reine Kraft kennt keinen Unterschied zwischen 'tritt vor' und 'bleib stehen'. Eine gerichtete Handlung
verlangt Ordnung.
Damit entsteht eine neue Forschungsfrage, die größer ist als diejenige, mit der diese Aufzeichnung begann. Nicht: Wie bewegt
mein Wille einen Toten? Sondern: Welche Form muss eine arkane Beziehung besitzen, damit eine fremde Ordnung einen Willen
empfangen kann, ohne selbst einen solchen Willen hervorzubringen?
Noch ist vinculum mortuum nur ein Name. Vielleicht werde ich feststellen, dass keine eigene Bindung existiert und die
beobachteten Unterschiede lediglich Eigenschaften einer ausgedehnten Thesis sind. Vielleicht ist der erhobene Tote niemals
wirklich von der wirkenden Magie getrennt, und die Vorstellung zweier Strukturen ist nur eine bequeme Zerlegung. Beides wäre
ein brauchbares Ergebnis.
Doch wenn die Totenbindung tatsächlich als eigener Teil nekromantischer Herrschaft beschrieben werden kann, folgt daraus eine
unangenehme Möglichkeit. Jede Erhebung schafft dann nicht nur einen Untoten. Sie schafft eine Beziehung. Und wer mehrere
Tote beherrscht, trägt nicht einfach mehrere Zauber.
Er steht im Mittelpunkt mehrerer Bindungen.
Y'rahl Tquannil
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II. DE VINCULO MORTUORUM - Vom Befehl

Beitrag von Y'rahl Tquannil »

Die erste Aufzeichnung dieses Bandes endete mit einer Vermutung: Ein erhobener Toter steht nicht lediglich unter einer auf ihn
gelegten nekromantischen Ordnung. Zwischen dieser Ordnung und dem Willen ihres Urhebers könnte eine fortdauernde
Beziehung bestehen. Ich bezeichnete sie vorläufig als vinculum mortuum. Der Name war notwendig, damit die Untersuchung
einen Gegenstand erhielt. Er ist noch kein Beweis dafür, dass dieser Gegenstand in der angenommenen Form existiert.
Die einfachste Prüfung muss beim Befehl beginnen. Nicht bei seiner Bedeutung, sondern bei seinem Weg.
Wenn ein Nekromant einem erhobenen Toten befiehlt, sich zu bewegen, erscheinen drei Vorgänge miteinander verbunden. Im
Nekromanten entsteht eine Absicht. Diese Absicht wird Bestandteil einer arkanen Thesis. Im Toten entsteht schließlich eine
gerichtete Bewegung. Die gewöhnliche Praxis behandelt diese Abfolge als Einheit. Für eine Untersuchung ist das unbrauchbar.
Solange nicht unterschieden wird, welcher Teil für die Übertragung notwendig ist, bleibt 'Befehl' nur ein Wort für mehrere
unbekannte Vorgänge.
Ich habe deshalb dieselbe Versuchsanordnung wie zuvor verwendet. Der erhobene Leib wurde nicht verändert. Auch die Thesis
des motus mortis blieb möglichst gleich. Variiert wurde allein die Form, in der eine Anweisung an ihn gerichtet wurde. Jede Reihe
bestand aus denselben fünf Handlungen: einen Schritt vorwärts, einen Schritt zurück, Drehung nach links, Heben des rechten
Armes und vollständiges Stillstehen. Die Reihenfolge wurde zwischen den Durchgängen verändert, damit keine bloße Abfolge
eingeübt werden konnte.
Zunächst wurden die Befehle in gewöhnlicher Weise gesprochen und durch eine eindeutige Geste begleitet. Die Reaktion erfolgte
zuverlässig. Danach entfiel die Geste. Es zeigte sich keine erkennbare Verschlechterung. Im dritten Durchgang blieb das
gesprochene Wort bestehen, wurde jedoch absichtlich durch ein anderes Wort ersetzt, während die innerhalb der Thesis geformte
Absicht unverändert blieb.
Der Tote gehorchte der Absicht, nicht dem Wort.
Als ich für 'vorwärts' ein bedeutungsloses Lautgebilde verwendete, trat der Körper vor. Als dasselbe Lautgebilde später mit der
Absicht des Stillstehens verbunden wurde, blieb er stehen. Das gesprochene Zeichen besaß demnach keine feste Bedeutung für
den Toten. Es war ein Hilfsmittel meiner eigenen Strukturierung. Der Leichnam verstand keine Sprache. Er empfing eine
Ordnung.
Diese Feststellung ist weniger selbstverständlich, als sie zunächst erscheint. Viele Formen der Magie verwenden Worte der
Macht, Formeln oder Benennungen, und es wäre leicht, ihre Wirksamkeit mit sprachlichem Verstehen zu verwechseln. Doch ein
Wort kann eine Thesis formen, ohne dass das Ziel dieses Wort als Sprache begreift. Der Unterschied entspricht dem zwischen
einer Schriftrolle und dem Gedanken, den sie trägt. Das Pergament versteht den Text nicht.
Im nächsten Durchgang wurde das gesprochene Wort vollständig entfernt. Ich formte die jeweilige Anweisung ausschließlich als
gerichtete Absicht innerhalb der bestehenden nekromantischen Ordnung. Die Reaktionen blieben vorhanden, wurden jedoch
ungleichmäßiger. Einfache Richtungsänderungen gelangen zuverlässig. Bei der Anweisung, den rechten Arm zu heben und
gleichzeitig den Kopf nach links zu wenden, trat eine Verzögerung auf. Der Arm hob sich zuerst, die Drehung folgte später und
unvollständig.
Daraus darf nicht geschlossen werden, dass Sprache für die Nekromantie bedeutungslos ist. Sie scheint vielmehr dem
Nekromanten zu dienen. Ein ausgesprochener Befehl zwingt den eigenen Willen in eine klarere Form. Ohne diese Stütze muss
dieselbe Ordnung allein geistig gehalten werden. Je komplexer die Anweisung, desto größer wird die Gefahr, dass ihre Struktur
unscharf wird.
Der Befehl besitzt daher mindestens zwei Seiten: Er ordnet den Willen des Herrschenden und verändert die Ordnung des
Beherrschten.
Um zu prüfen, ob der Tote auf jede innerhalb der Thesis auftretende Absicht reagiert, führte ich anschließend eine Gegenprobe
durch. Während ich den Körper stillstehen ließ, stellte ich mir bewusst vor, er solle vorwärtsgehen, ohne diese Vorstellung in die
nekromantische Struktur einzufügen. Der Tote blieb unbewegt. Ich wiederholte den Versuch mit verschiedenen Bewegungen.
Keine Reaktion.
Das ist bedeutsam. Wäre das vinculum mortuum lediglich eine offene Verbindung zwischen Geist und Leichnam, müsste jede
hinreichend deutliche Absicht Gefahr laufen, übertragen zu werden. Dies scheint nicht der Fall zu sein. Zwischen einem
Gedanken und einem Befehl liegt ein weiterer Schritt: Die Absicht muss in jene Ordnung eintreten, welche den Toten mit dem
Nekromanten verbindet.
Damit wird die Vorstellung einer Gedankenübertragung noch unwahrscheinlicher. Der Tote liest meinen Geist nicht. Ich lege
einen Teil meines Willens in eine arkane Form, und diese Form wirkt auf seine künstliche Ordnung.
Die nächste Versuchsreihe galt der Dauer. Ein Befehl wurde erteilt, ohne dass danach weitere Anweisungen folgten. 'Gehe bis zur
gegenüberliegenden Wand.' Der Tote setzte sich in Bewegung und vollendete die Handlung, obwohl ich meine bewusste
Aufmerksamkeit nach dem ersten Schritt von ihm löste. Bei 'halte den Arm erhoben' blieb der Arm in seiner Position, während ich
mich mit einer anderen Tätigkeit beschäftigte. Erst ein neuer Befehl veränderte den Zustand.
Dies spricht gegen die Annahme, jede einzelne Bewegung müsse fortwährend durch meinen bewussten Willen getragen werden.
Ein Befehl kann offenbar eine zeitweilige Ordnung im motus mortis erzeugen, die nach ihrer Übertragung bestehen bleibt. Das
vinculum mortuum wäre demnach nicht mit einem Faden zu vergleichen, an dem jede Bewegung einer Marionette unmittelbar
gezogen wird. Eher gleicht es einem Weg, über den eine Form übertragen wird, die anschließend im Toten weiterwirkt.
Diese Unterscheidung erklärt eine Beobachtung aus der ersten Aufzeichnung. Mit wachsender Entfernung wurde nicht zuerst die
Erhebung selbst instabil. Der Tote blieb stehen. Seine vorhandene Ordnung zerfiel nicht. Schwieriger wurde die Übertragung
neuer gerichteter Veränderungen. Entfernung scheint daher eher das vermutete vinculum zu schwächen als den bereits
bestehenden motus mortis.
Um dies genauer zu prüfen, wurde ein einfacher Dauerbefehl erteilt und anschließend die Entfernung vergrößert. Der Tote sollte
in gleichmäßigem Schritt einen festgelegten Gang entlanggehen und an dessen Ende stehenbleiben. Ich entfernte mich
währenddessen in entgegengesetzter Richtung. Der Körper vollendete die Handlung. Erst als ich danach aus größerer Distanz
einen neuen Befehl zu übertragen versuchte, trat erneut jene Verzögerung auf, die bereits zuvor beobachtet worden war.
Der Befund ist vorläufig, aber wiederholbar genug, um eine erste funktionale Trennung zu rechtfertigen. Ich unterscheide daher
künftig zwischen ordinatio mortis und vinculum mortuum. Die ordinatio mortis bezeichnet die im erhobenen Leib bestehende
künstliche Befehlsordnung: das, was eine übertragene Anweisung für eine gewisse Dauer in Handlung übersetzt. Das vinculum
mortuum bezeichnet weiterhin die vermutete Beziehung, über welche neue Ordnung vom Nekromanten zum Toten gelangt.
Der ältere Begriff motus mortis wird dadurch nicht verworfen. Er bezeichnet weiterhin die gesamte funktionale Ordnung, durch
welche tote Materie zu Handlung befähigt wird. Die ordinatio mortis wäre ein Teil dieses Gefüges, nämlich jener Teil, der eine
konkrete gerichtete Anweisung trägt. Begriffe dürfen sich vermehren, wenn die beobachtbaren Unterschiede es verlangen. Sie
dürfen es nicht, nur weil lateinische Worte auf Pergament gelehrter aussehen.
Eine letzte Gegenprobe brachte ein Ergebnis, das für die folgenden Untersuchungen wichtiger sein könnte als alle bisherigen. Ich
erteilte dem Toten einen Dauerbefehl und löste danach die bewusste Kontrolle so weit, wie es möglich war, ohne die Erhebung
selbst zu beenden. Der Körper setzte die begonnene Handlung fort. Als ich jedoch versuchte, eine neue Anweisung zu geben,
ohne das vinculum erneut deutlich zu fokussieren, erfolgte keine Reaktion.
Herrschaft scheint daher nicht in ununterbrochener Aufmerksamkeit zu bestehen. Sie besteht in der Fähigkeit, eine Verbindung
gezielt zu öffnen, Ordnung zu übertragen und sie im Toten wirksam werden zu lassen.
Das verändert die Frage nach mehreren Untoten. Wenn jeder erhobene Körper eine eigene künstliche Ordnung trägt und zugleich
eine eigene Beziehung zu seinem Beherrscher besitzt, dann bedeutet die Kontrolle über mehrere Tote nicht notwendig, dass ein
Wille mehrere Körper gleichzeitig bewegt. Vielleicht verwaltet der Nekromant vielmehr mehrere Verbindungen, über die er
getrennte Ordnungen setzt.
Sollte dies zutreffen, müsste sich bei zwei oder mehr erhobenen Toten zeigen, ob diese Bindungen vollständig unabhängig
voneinander bestehen. Vielleicht konkurrieren sie um Aufmerksamkeit. Vielleicht teilen sie eine gemeinsame Struktur. Vielleicht
entsteht zwischen ihnen etwas, das bei einem einzelnen Toten nicht sichtbar werden kann.
Ein einzelner Befehl hat gezeigt, dass Herrschaft übertragbar ist.
Die nächste Frage lautet, ob sie teilbar ist.
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