Zwischen leeren Hallen

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Minora Vincenzo
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Registriert: 07 Mai 2025, 10:48

Zwischen leeren Hallen

Beitrag von Minora Vincenzo »

Ein kalter Wind wehte vom Meer herauf und jagte durch die engen Gassen von Düsterhafen, ehe er sich an den dunklen Mauern der Festung brach. Über den Zinnen kreisten einzelne Möwen, deren Rufe sich mit dem fernen Schlagen der Wellen vermischten. Selbst an diesem Ort, an dem der Stein seit jeher mehr Wärme zu verschlingen als zurückzugeben schien, war das Meer niemals wirklich fern.

Die schweren Tore der Feste standen geschlossen, doch hinter ihnen herrschte nicht jene geschäftige Unruhe, die Sie noch aus vergangenen Tagen kannte. Es gab keine berittenen Boten, die durch den inneren Hof eilten, keine Lords, die in kleinen Gruppen über Bündnisse, Feinde und die Angelegenheiten des dunklen Reiches berieten. Keine hitzigen Stimmen drangen aus den Hallen, und auch das Klirren von Rüstungen war selten geworden.

Stattdessen lag eine seltsame Ruhe über dem alten Sitz der Lords of War.

Keine friedliche Ruhe.

Nein.

Es war vielmehr jene Art von Stille, die zurückblieb, wenn ein Ort sich an seine eigene Vergangenheit erinnerte.

Minora zog den dunklen Mantel etwas enger um ihre Schultern, als eine weitere Böe über den Hof hinwegfegte. Für einen kurzen Augenblick zerrte der Wind an ihrem Gewand und spielte mit einigen losen Strähnen ihres Haares, ehe er weiter durch die Festung zog und in den hohen Gängen hinter den Mauern verschwand.

Ihre Schritte führten sie über den dunklen Stein des Innenhofes.

Der Regen der vergangenen Nacht hatte sich noch immer in den Vertiefungen zwischen den alten Steinplatten gesammelt, und in manchen dieser kleinen Pfützen spiegelten sich die grauen Wolken wider, die schwer über Düsterhafen hingen. Die Mauern der Festung ragten zu beiden Seiten empor, schwarz und wuchtig, vom Wind und der Zeit gezeichnet. An manchen Stellen hatten die Jahre ihre Spuren hinterlassen, doch die Feste war noch immer stark.

Noch immer stand sie.

Minora blieb für einen Moment stehen und ließ ihren Blick langsam über die Mauern gleiten.

Dort oben standen die Wachen.

Wie immer.

An den Toren. Auf den Zinnen. In den Wachgängen.

Sie waren es, die der Festung noch immer den Anschein gaben, als wäre alles, wie es sein sollte.

Eine Wache ging langsam über die Mauerkrone und verschwand schließlich hinter einem Wehrturm. Zwei weitere standen in der Nähe des Haupttores, die Hellebarden fest in den Händen, während ihre Blicke über den Hof und hinaus in Richtung Düsterhafen wanderten.

Minora wusste, dass ihre Männer ihre Pflicht ernst nahmen.

Vielleicht sogar ernster als je zuvor.

Denn sie alle bemerkten die Veränderung.

Jeder, der lange genug hier gedient hatte, bemerkte sie.

Die Lords of War waren noch da.

Und doch waren sie kaum noch da.

Die Hochmagierin setzte ihren Weg fort und betrat schließlich die hohen Hallen der Festung. Die schweren Türen fielen hinter ihr langsam ins Schloss, und mit einem Mal war der Wind nur noch ein fernes Heulen, das durch die Ritzen der alten Mauern drang.

Hier drinnen war die Luft kühl.

Der Geruch von altem Stein, verbranntem Holz und Wachs lag in den Gängen.

An den Wänden brannten Fackeln in ihren eisernen Halterungen, ihre Flammen warfen ein unruhiges Licht auf die dunklen Steine. Schatten bewegten sich mit jedem Flackern über die Wände und ließen die Hallen für einen Augenblick lebendig erscheinen.

Minora kannte jeden dieser Gänge.

Sie kannte die hohen Säulen.

Die Nischen in den Wänden.

Die alten Banner.

Und sie kannte die Geräusche der Festung.

Das entfernte Knarren einer Tür.

Das Klappern von Geschirr aus den tieferen Bereichen.

Das leise Schlagen von Werkzeug auf Metall.

Die gedämpften Stimmen der Kämmerer.

Es war nicht so, dass die Festung verlassen war.

Nicht vollständig.

Die Kämmerer sorgten weiterhin dafür, dass die Räume sauber blieben, dass die Feuer brannten und die Vorräte verwaltet wurden. Sie pflegten die Hallen, als könnten sie allein durch ihre Arbeit verhindern, dass der Ort in Vergessenheit geriet.

Und die Wachen hielten ihre Posten.

Doch die Menschen, für die all dies einst getan wurde, fehlten.

Minora ging an einer langen Reihe geschlossener Türen vorbei.

Hinter einigen von ihnen lagen die Gemächer der Lords.

Oder das, was von ihnen zurückgeblieben war.

Manche Räume waren noch immer so eingerichtet, als könne ihr Besitzer jeden Augenblick zurückkehren. Ein Stuhl stand am Tisch. Ein Kelch ruhte in einem Regal. Persönliche Gegenstände lagen an ihren gewohnten Plätzen.

Als hätten ihre Besitzer die Festung nur für einen kurzen Augenblick verlassen.

Doch Minora wusste, dass aus Tagen Wochen geworden waren.

Aus Wochen Monate.

Sie verlangsamte ihre Schritte, als sie an einer der Türen vorbeikam, und ließ ihre Fingerspitzen kurz über das kalte Holz gleiten.

Sie öffnete sie nicht.

Es war nicht ihr Raum.

Nicht ihre Erinnerung.

Und doch waren diese verlassenen Gemächer inzwischen ebenso ein Teil ihrer Verantwortung geworden wie die Festung selbst.

„Lady Vincenzo.“

Die Stimme eines Wachmannes riss sie aus ihren Gedanken.

Minora wandte sich langsam um.

Der Soldat, der sich ihr genähert hatte, stand nun wenige Schritte entfernt und hatte die Faust vor die Brust gelegt. An seiner Rüstung waren noch feine Tropfen des Regens zu erkennen, was verriet, dass er erst vor kurzer Zeit von einem der äußeren Posten gekommen sein musste.

„Berichtet.“

Der Mann hob den Blick.

„Es gibt nichts Außergewöhnliches zu melden, Lady.“

Nichts Außergewöhnliches.

Früher hätte Minora diese Worte vermutlich als gute Nachricht betrachtet.

In einer Festung wie dieser bedeutete Ruhe meist, dass die Wachen ihre Arbeit getan hatten.

Heute jedoch klangen die Worte anders.

Fast zu ruhig.

Fast zu leer.

Minora verschränkte die Hände vor sich.

„Gab es Sichtungen?“

Der Wachmann zögerte nur kurz.

„Vereinzelt, Lady. Vor einigen Tagen meldete eine Wache, dass einer der Lords im südlichen Bereich der Festung gesehen wurde. Außerdem soll in der vergangenen Nacht jemand die Hallen betreten haben.“

Minoras Blick blieb auf dem Mann ruhen.

Soll.

Dieses eine Wort blieb für einen Augenblick zwischen ihnen stehen.

„Wisst Ihr, wer es war?“

„Nein, Lady. Die Meldungen widersprechen sich. Einer der Männer glaubt, die Gestalt erkannt zu haben. Ein anderer ist sich nicht sicher. Als sie den Gang erreichten, war niemand mehr dort.“

Minora nickte langsam.

Es war inzwischen beinahe zur Gewohnheit geworden.

Ein Lord erschien.

Vielleicht für einige Stunden.

Vielleicht nur für einen kurzen Aufenthalt.

Manchmal wurde seine Anwesenheit von einer Wache bemerkt.

Manchmal blieb sie vollkommen unbemerkt.

Dann verschwand die Gestalt wieder.

Ohne Versammlung.

Ohne Nachricht.

Ohne dass Minora sicher sein konnte, wann sie das nächste Mal einem der Ihren in den Hallen der Lords of War begegnen würde.

„Setzt Eure Wache fort.“

„Wie Ihr wünscht, Lady Vincenzo.“

Minora wartete, bis die Schritte des Soldaten im Gang verklungen waren.

Dann setzte sie ihren eigenen Weg fort.

Ihre Schritte führten sie tiefer in die Festung hinein.

Vorbei an Räumen, in denen einst Stimmen erklungen waren.

Hier waren Pläne geschmiedet worden.

Hier waren Bündnisse geschlossen und wieder gebrochen worden.

Hier hatte man über Krieg gesprochen.

Über Verrat.

Über die Zukunft des dunklen Reiches.

Manchmal waren die Stimmen laut gewesen, voller Zorn und Überzeugung.

Manchmal hatten die Lords nur leise gesprochen, beinahe flüsternd, wenn Worte zu gefährlich waren, um sie von den falschen Ohren hören zu lassen.

Nun waren es nur noch Erinnerungen.

Eine leere Halle war für einen Fremden lediglich eine leere Halle.

Für Minora war sie jedoch niemals wirklich leer.

In jeder Ecke schien noch ein Schatten der Vergangenheit zu liegen.

Eine Erinnerung an einen Blick.

Ein Gespräch.

Eine Entscheidung.

Menschen, die einst durch dieselben Gänge gegangen waren wie sie jetzt.

Menschen, deren Stimmen sie manchmal noch zu hören glaubte, wenn der Wind durch die Ritzen der alten Fenster drang.

Schließlich blieb sie vor den hohen Türen zur Halle der Beschlüsse stehen.

Für einen langen Moment rührte sie sich nicht.

Ihr Blick ruhte auf dem dunklen Holz.

Sie wusste, was sie auf der anderen Seite erwartete.

Und dennoch fühlte es sich jedes Mal anders an, diese Türen zu öffnen.

Minora legte beide Hände gegen das schwere Holz und drückte es langsam auf.

Die Scharniere gaben ein tiefes, langgezogenes Geräusch von sich.

Die Halle dahinter lag im dämmrigen Licht.

Die hohen Fenster ließen nur wenig von dem grauen Tageslicht herein, das draußen über Düsterhafen lag. Die Flammen der Wandfackeln flackerten in der Zugluft, und ihre Schatten tanzten über den langen Tisch, der im Zentrum des Raumes stand.

Unverändert.

Schwer.

Massiv.

Um ihn herum standen die Stühle.

Leer.

Minora trat ein.

Langsam wanderte ihr Blick über jeden einzelnen Platz.

Sie erinnerte sich noch daran, wie sie selbst die verbliebenen Lords hierhergerufen hatte.

Damals hatte sie nicht länger zusehen können.

Der Sitz des Gildenlords war leer gewesen.

Nartoka war fort.

Und mit jedem weiteren Tag, an dem niemand eine Entscheidung traf, hatte sich das Schweigen tiefer in die Hallen gefressen.

Also hatte sie gehandelt.

Nicht aus dem Wunsch nach Macht.

Nicht, weil sie sich selbst an die Spitze der Lords of War hatte setzen wollen.

Sondern weil jemand die Verantwortung hatte übernehmen müssen.

Und niemand sonst dort gewesen war.

Nun stand sie wieder hier.

Lady of War.

Hochmagierin.

Führerin einer Gilde, deren Zukunft so ungewiss war wie die Gestalten, die ihre Wachen hin und wieder in den dunklen Gängen zu sehen glaubten.

Minora trat an den Tisch heran.

Ihre Hand glitt langsam über das dunkle Holz.

Kalt.

Glatt.

Staubfrei.

Die Kämmerer erledigten ihre Arbeit gründlich.

Selbst wenn kaum jemand mehr kam, wurde dieser Raum gepflegt.

Als wartete die Festung selbst darauf, dass die Lords eines Tages zurückkehrten und ihre Plätze wieder einnahmen.

Minora blieb dort stehen.

„Wie lange noch...“

Es war kaum mehr als ein Flüstern.

Ihre Worte verloren sich in der Größe der Halle.

Es kam keine Antwort.

Natürlich nicht.

Nur das leise Knacken einer Fackel durchbrach die Stille.

Dann hörte sie Schritte.

Minora hob den Kopf und drehte sich um.

Ein junger Wachmann stand in der geöffneten Tür.

Er schien gezögert zu haben, ehe er eintrat.

„Lady Vincenzo.“

„Was gibt es?“

„Verzeiht. Ich wollte Euch nicht unterbrechen.“

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über Minoras Gesicht.

„Und doch steht Ihr nun hier.“

Der junge Mann senkte kurz den Blick.

„Also berichtet.“

„Eine Meldung von der westlichen Mauer. Einer der Männer dort glaubt, unten am Hafen eine bekannte Gestalt gesehen zu haben.“

Minoras Gesicht wurde wieder ernst.

„Einen Lord?“

„Vielleicht, Lady.“

Wieder dieses Wort.

Vielleicht.

Minora schwieg für einen Moment.

Ihr Blick wanderte zurück zu den leeren Stühlen.

Dann zog sie ihre Hand langsam vom Tisch zurück.

„Lasst die Wachen aufmerksam bleiben. Niemand wird verfolgt, solange kein Grund dafür besteht.“

„Wie Ihr wünscht.“

Der junge Wachmann wollte sich bereits zurückziehen, als Minora ihn erneut ansprach.

„Soldat.“

Er blieb stehen.

„Ja, Lady?“

Minora sah ihn einen Moment lang schweigend an.

Dann fiel ihr Blick an ihm vorbei, hinaus durch die geöffnete Tür und in die dunklen Gänge der Festung.

„Die Festung bleibt bewacht.“

Der Wachmann richtete sich auf.

„Selbstverständlich, Lady Vincenzo.“

Minora nickte.

„Gut.“

Als die Türen sich hinter dem Soldaten wieder geschlossen hatten, blieb sie noch eine Weile allein zurück.

Die Lords of War waren nicht mehr die Gilde, die sie einst gewesen waren.

Vielleicht würden sie es auch niemals wieder sein.

Zu viele Stimmen waren verstummt.

Zu viele Wege hatten sich getrennt.

Zu viele Lords waren zu Gestalten geworden, deren Namen noch immer bekannt waren, deren Anwesenheit jedoch nur noch selten zu spüren war.

Doch die Festung stand noch.

Ihre Banner hingen noch immer an den Mauern.

Die Wachen hielten ihre Posten.

Die Kämmerer sorgten dafür, dass die Hallen nicht verfielen.

Und Minora Vincenzo ging noch immer durch diese Hallen.

Nicht, weil sie glaubte, dass alles noch so war wie früher.

Sondern weil sie sich weigerte, den Ort einfach dem Schweigen zu überlassen.

Sie wandte sich schließlich ab und schritt langsam zurück zur Tür.

Draußen warteten die langen Gänge der Festung.

Die leeren Gemächer.

Die Wachen.

Die Schatten.

Und vielleicht irgendwo, verborgen zwischen den Mauern von Düsterhafen, einer jener Lords, von denen niemand sagen konnte, ob er wirklich dort gewesen war.

Vielleicht würde eines Tages wieder jemand durch die Tore treten.

Vielleicht würden die leeren Stühle der Halle der Beschlüsse wieder besetzt werden.

Vielleicht würden aus vereinzelten Sichtungen wieder Versammlungen.

Aus Schatten wieder Lords.

Und aus einer beinahe verlassenen Festung wieder der Sitz einer Macht, die man nicht so leicht vergessen konnte.

Bis dahin würde Minora bleiben.

Sie würde wachen.

Über Düsterhafen.

Über die Festung.

Über das Erbe der Lords of War.

Denn solange die Banner noch über den Mauern wehten, solange die Wachen ihre Posten hielten und solange noch auch nur ein einziger Lord durch diese alten Tore trat, war noch nicht alles verloren.

Die Lords of War waren nicht verschwunden.

Sie warteten nur im Schatten.