Dinge [Sternenfall Britain]

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Re: Dinge [Sternenfall Britain]

von Shezar » 27 Nov 2025, 11:08

Notizen Shezars zum Treffen in der „Lieblichen Biene“

Vertraulich

Die Einladung des Korpals lag noch auf meinem Tisch, als ich die „Liebliche Biene“ betrat – ein Ort, der nach abgestandenem Bier und billiger Hoffnung roch. Die Männer, die sich dort einfanden, trugen die Müdigkeit dieser Stadt wie einen Mantel.

Ich verließ die Taverne später mit dem Gefühl, an diesem Abend weit mehr über die Schwächen Britains erfahren zu haben als über ihre Bedrohungen.

Schon zu Beginn zeigte sich, dass Kaimond Devenor kein Mann der Führung ist. Ein Bemühter. Ein Improvisierer. Müde, überfordert, fast dankbar für jeden, der ihm Arbeit abnahm.
Ein Mann der Garde – nicht der Verwaltung. Ein nützlicher Kontakt, ja. Aber keiner, der je die Zügel einer Stadt halten könnte.

Istrugar war ein Abbild der alten Ordnung. Voller Pflichtgefühl, voller Frömmigkeit – aber blind für Struktur. Er sprach von Vorräten im Kloster, von moralischen Pflichten, von Tyrael. Doch alles, was er anzubieten hatte, war kurzfristige Hilfe. Keine Strategie. Kein Plan. Ein Mann, der reagiert. Nicht einer, der gestaltet.

Kazhar war zwar anwesend, doch sein Beitrag blieb kaum der Rede wert. Er wirkte wie jemand, der zufällig in die Situation gestolpert war und nun versuchte, nicht im Weg zu stehen. Seine Worte kreisten mehr um seine verschwundenen Gefährten und seine eigene Machtlosigkeit als um die Lage der Stadt. Ein vager Hinweis auf „sichere Straßen“ und ein unschlüssiger Vorschlag für ein Lager südwestlich der Mauern – das war alles. Kein Konzept, keine Initiative, keine Haltung. Ein Mann, der Orientierung suchte, statt sie zu bieten. Nützlich vielleicht als Symbol für Anwesenheit, aber gewiss nicht als Stimme in einer Krise.

Während die Gespräche fortliefen, wurde es immer offensichtlicher:

Niemand in diesem Raum führte Britain.
Nicht die Garde.
Nicht die Kirche.
Nicht die Bürger.

Alle warteten darauf, dass jemand Verantwortung übernahm – und sie sprachen es beinahe aus, als Istrugar fragte:

„Wer hat die Führung?“

Damit war das Machtvakuum offiziell ausgesprochen.

Ich nutzte jede Gelegenheit, um meine Organisation als einzige verlässliche, funktionierende Struktur in diesem Chaos zu positionieren.

Ich bot an, dass wir den Aufbau des Lagers übernehmen.
Dass wir Lebensmittel bereitstellen.
Dass wir den Transport organisieren.
Dass wir die Sicherheit garantieren könnten, wenn es der Garde an geeigneten Personal mangelt.

Das war kein Akt der Wohltätigkeit. Es war eine bewusste Weichenstellung.
Indem Blackrock jetzt handelt, wächst die Organisation unweigerlich in die Strukturen der Stadt hinein – nicht als Fremdkörper, sondern als Teil ihres Fundaments.
Mit jedem meiner Worte rückte das Syndikat ein Stück weiter in die Rolle derer, die handeln, während andere reden.

Die Garde kam bei mir ebenfalls nicht gut weg. Sie zeigte sich derzeit als Sinnbild des Verfalls: übermüdet, schlecht koordiniert, unfähig, auch nur den Anschein von Führung zu wahren. Ihre Männer liefen hektisch, ohne Ziel, ohne System – ein Haufen, der Pflichten erfüllt, aber keine Ordnung schafft. Sie reagieren, anstatt zu führen, und hoffen, dass niemand bemerkt, wie sehr ihnen die Situation entgleitet. Was ich sah, war keine Schutzmacht, sondern ein einziger Mangel. Britain verdient etwas anderes als diesen müden Schatten einer Garde.

Ich beobachtete meine eigenen Leute ebenso genau:
Vadan. Anna. Eav und Celdion
Diszipliniert, ruhig, präsent. Sie füllten den Raum mit einer Geschlossenheit, die kaum jemand anderes an diesem Abend zeigen konnte.
Genau das war jetzt nötig – besonders, da nur noch wenige Tage bleiben, bis ich offiziell das Amt des Stadtvorstehers von Britain antreten werde.

Es gibt keine nennenswerte Konkurrenz mehr.
Andere Kandidaten sind erst gar nicht angetreten oder haben ihre Bewerbung zurückgezogen.
Das Syndikat hat ganze Arbeit geleistet – leise, aber wirkungsvoll.

Und sobald ich das Amt übernehme, werden die Fäden, die bisher noch lose waren, in einer Hand zusammenlaufen.
Dann werde ich die operativen Geschäfte in Britain führen, die Entscheidungen treffen, die Struktur vorgeben, die der Stadt fehlt.

Der wichtigste Moment des Abends war, als sich das Gespräch auf das weitere Vorgehen richtete.
Ich schlug regelmäßige Treffen vor:

„Durch Treffen in regelmäßigen Abständen können wir auf die sich verändernde Lage reagieren und das weitere Vorgehen koordinieren.“

Ein harmloser Satz für Außenstehende.
Doch jeder weiß:

Wer die Treffen einberuft, der führt.

Und keiner widersprach.

Dinge und Menschen eines Treffens [Sternenfall Britain]

von Kaimond Devenor » 25 Nov 2025, 20:21

Die Stadt ist ein pulsierendes Geflecht aus Wesen und Dingen mit einem seltsamen Eigenleben, das sich wie ein Gefühl an die Wesen dieser Stadt heftet und ihnen mal das Herz schwer werden und mal das Herz aufgehen lässt. Derzeit ist dieses Gefühl schwer und das Pulsieren laut und dumpf in dem Sein der Stadt. Seit den Sternenfällen ist sie gefüllt mit Flüchtlingen, die an verschiedenen Orten sitzen. Eifrige Gardisten versuchen die Wesen, die überwiegend Menschen zu sein scheinen, an andere Orte denn den Vorplatz der Bank zu leiten. Jedoch wirkt die Stadt wie ein proppenvoller Sack, der zu bersten droht. Der Druck ist spürbar Deutlich wird auch, dass die Garde an ihre Grenzen stößt und ein deutliches Maß an Überforderung zeigt. Auch ist ein vermehrtes hochfrequentes Fiepen zu hören, das aus den Kehlen von scheidezahnbewehrten Nagetieren dringt.

Das Treffen war vorüber und die nächste Schicht in der Rüstung der Garde begann. Nicht viele waren zu dem Treffen gekommen. Anwesend waren das Blackrocksyndikat mit einer ganzen Gruppe von Personen, insbesondere Celdion und Shezar, sowie Kazhar Rontre für die Gefährten des Adlers und Istrugar für die Paladine des Mondes.
Er notierte die Ergebnisse des Treffens in einer kurzen Notiz. Kurzum:
  1. Die Königin und die Grafen sind weiterhin untätig.
  2. Die Garde verfügt nur über wenige Ressourcen, um die Wege außerhalb der Stadt zu schützen.
  3. Die Nahrungsressourcen auf die Garde und Klerus in Britain zugreifen können, gehen zur Neige.
  4. Das Blackrocksyndikat und die Paladine des Mondes werden die Stadt mit Nahrungsrationen unterstützen.
  5. Das Blackrocksyndikat wird Flüchtlingsunterkünfte und Lazarette bauen.
  6. Kaimond Devenor wird versuchen, relevante Informationen zusammenzutragen.
  7. Die Paladine des Mondes werden den Pass im Nordwesten halten und über Veränderungen informieren.
  8. Die Gefährten des Adlers sind noch verstreut und können somit einzig punktuell unterstützen.
Zu klären waren noch folgende Elemente:
  1. Die Anzahl der Flüchtlinge und Eruierung der Flüchtlingsströme.
  2. Der geeignete Ort für die Flüchtlingsunterkünfte: Es gab verschiedenste Vorschläge, sowohl außerhalb als auch innerhalb der Stadtmauern.
  3. Die Notwendigkeit von Spähern zur Erkundung der Wege und möglicher Gefahrenzonen.
  4. Särge und Säcke für die Toten wurden seitens des Blackrocksyndikats bereits schriftlich angekündigt.
  5. Der Status der Führung der Kirche Tyraels – dies wurde nicht besprochen.
Das Blackrocksyndikat hatte ein spezielles Auftreten gezeigt. Noch wusste Kaimond nicht, wie er dies einzuschätzen hatte – insbesondere, wenn er an die Antwort auf sein Schreiben zurückdachte. Es hatte etwas Analytisches, gepaart auch mit einer Spur von Kühle, die von vielem herrühren konnte, auch von der Kalkuliertheit des Handels.
Meister Istrugar und Kazhar Rontre, Erwählte des Herrn und Ryonars, waren jedoch ein hervorragender Gegenpol dazu. Es war gut, dass sie mit ihrer immensen Erfahrung zugegen waren. Zusammen wurden erste Pläne geschmiedet. Das war alles, was zählte

Hilfreich gewesen wären auch Menschen mit magischen Fähigkeiten, jedoch war keine magierische Hand zugegen. Vielleicht konnten jene etwas mehr Erkenntnis über die Veränderungen bringen. Das wehmütige Gefühl des Vermissens brandete auf, als die Gesichter von Ahmed, Estrella und Thorales vor seinem inneren Auge aufflackerten. Sie wären von unschätzbarer Hilfe in diesen Zeiten.

„Magier…Aetherium!”, stob es in seinem Geiste auf.
Sein Auftritt war besorgniserregend. Er war wie ein gebrechlich-stotternder Regen hereingeweht und Kaimond war bei dem jämmerlichen Anblick das Herz gesunken. Doch ebenso rasch und übereilt war er wieder fortgestolpert. Wo konnte er ihn finden?

Noch etwas Abschließendes nagte in seinem Hinterkopf. Sowohl Kazhar Rontre als auch Istrugar hatten Worte verloren, die er bisher noch nie vernommen hatte, die jedoch einen ähnlichen Klang hatten, wenn es um den Herrn und Ryonar ging. Er schob den Gedanken und war froh, dass die Paladine des Mondes und Gefährten des Adlers nicht fort waren. Es war nicht genug Zeit gewesen über die Dinge zu sprechen, die geschehen waren. Vermutlich war es auch nicht der rechte Rahmen gewesen. Ein anderes Mal.

Nun zurück in das Pulsieren der Stadt…

Re: Dinge [Sternenfall Britain]

von Bareti » 19 Nov 2025, 10:35

Bareti hatte den Vormittag damit verbracht, Listen zu überarbeiten, Karten zu studieren und Ränder mit kleinen Anmerkungen zu füllen. Die vorbereitete Expedition schob sich wie ein Schatten an den Horizont ihres Denkens – und sie weigerte sich, unvorbereitet hineinzutappen.

Nur: niemand war da.

Thorians Stuhl in der Ecke der Schankstube blieb leer, Ulaf war seit Tagen „bei den Steinen“, wie er es nannte, Lirael unterwegs im Auftrag anderer – und selbst Melions bunte Silhouette ließ sich nicht blicken. Die Wirtin der Taverne strich mit dem Finger eine Zeile in ihrer Notiz glatt, während der Blick prüfend über ein aufgeschlagenes Reagenzienverzeichnis glitt.

„Mandrake… Spinnenseide…“ murmelte sie halblaut und schob die Liste ein Stück von sich. Die Mengen, die sie im Hinterzimmer gehortet hatte, würden für einen normalen Tag voll kleiner Zauber reichen. Nicht aber für das, was sie vorhatte: ein Ritual, das – wenn es denn gelang – einen der neuen Schatten fassen und binden sollte, statt ihm bloß auszuweichen.

Sie atmete einmal tief durch. Wenn sie keinen Begleiter in der Taverne fand, dann vielleicht an jenem Ort, an dem sie selbst einst ihren Weg begonnen hatte.


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Die Akademia Ars Magica ad Moonglow empfing sie nicht mit der würdevollen Stille früherer Tage, sondern mit Unruhe. Auf den Gängen liefen Studiosi hin und her, Arme voller Bücher, Pergamente, zu hastig angezogene Roben. Die Luft war schwer von Ruß, Papierstaub – und dieser neuen, flirrenden Spannung, die die alte Webung der Magie endgültig verdrängt hatte.

Bareti blieb einen Moment in der Halle stehen, musterte die Gesichter, lauschte Gesprächsfetzen. Kein einziger der Anwesenden wirkte wie jemand, den sie mit gutem Gewissen in eine Expedition schicken würde, bei der selbst sie nicht wusste, ob sie lebend zurückkehrte. Zu jung, zu unerfahren. Zu viel Angst in den Augen, auch wenn sie sich Mühe gaben, es zu verbergen.

„Nicht heute“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu den vorbeihuschenden Gestalten und wandte sich ab – stattdessen dem Grund ihres Besuches zu, der sich nicht weigerte, still und gewachsen auf sie zu warten.

Hinter der Akademie lag der kleine, halb verborgene Waldstreifen, den sie besser kannte als manch einen Hörsaal. Hier hatten die alten Meister Beete für Mandrake Roots anlegen lassen, sauber eingefasst, überwuchert vom ungeordneten Willen der Natur. Ein schmales Tor, ein knirschender Kiesweg, dann betrat sie den Garten.

Sie kniete sich an den Rand eines Beetes, grub mit geübten Händen und noch geübter Magie. Ein gezielter Spruch, kaum ein Flüstern, beruhigte die Wurzel, ehe sie sie aus der Erde zog; nur das feuchte Schmatzen der gelösten Erde erklang. Eine nach der anderen legte sie in die Fächer des feinen Korbes, den sie eigens für solche Arbeiten nutzte.

Als der Mandrake-Bedarf gestillt war, führte ihr Weg sie weiter in den Wald hinein, dorthin, wo kaum jemand freiwillig ging. Es war ein Stück Kindheit, das sie hier wiederfand – das Verstummen der Geräusche der Akademie, das Knacken von Zweigen, der Geruch von feuchter Erde. Hier, auf einer kleinen Lichtung, hatten schon früher Spinnen ihre Netze zwischen die Bäume gezogen, und man konnte mit etwas Geduld brauchbare Seide sammeln, ohne die Kreaturen töten zu müssen.

Sie hob den Saum ihres Mantels ein wenig an, bahnte sich den Weg durch Farn und Unterholz. Die Essenz lag hier dichter in der Luft, wie ein kaum sichtbarer Schimmer in den Zwischenräumen der Welt. Seit den Kometen war das überall so – doch Bareti hatte gelernt, dieses neue Flirren zu hören. Zu fühlen.

Heute war es anders.

Zwischen den Baumstämmen, ein Stück abseits der gewohnten Lichtung, pulsierte ein Glimmen, das nicht in das saubere Muster der Spinnenwerke passte. Kein bloßes Reflektieren eines Lichtstrahls, kein harmlosen Irrlicht, sondern ein konzentrierter, dumpfer Widerhall – wie ein Echo der Essenz, das sich an einem Punkt festgebissen hatte.

Sie hielt unwillkürlich den Atem an. Ihr Blick verengte sich, die Finger schlossen sich fester um den Henkel des Korbes. Die Gelehrte in ihr registrierte das Phänomen, die Magierin darin spürte die Gefahr.

„Das ist… nicht natürlich“, dachte sie trocken, und es war einer jener Momente, in denen sie sich beinahe wieder wie die junge Studioa fühlte, die heimlich in den verboteneren Teil des Waldes geschlichen war, um Feenlichter aus der Nähe zu sehen.

Nur, dass es diesmal kein Spiel war.

Sie setzte einen Fuß vor den anderen, vorsichtig, das Gewicht sauber ausbalanciert, jede Wurzel, jeder Ast fixiert. Je näher sie kam, desto klarer wurde die Quelle des Schimmers – und sie erstarrte.

Zwischen nassem Laub und schwarzer Erde lag eine Gestalt. Der Körper dünn, die Haut pergamentartig gespannt, als habe die Zeit sich schwer auf ihn gelegt. Finger, die sich noch immer krampfhaft in den Boden krallten, als würde der Körper sich dagegen wehren, wieder losgelassen zu werden. Das Licht – dieses kalte, blauweiße Flirren – kroch wie eine zweite Haut über ihm, sickerte in jede Linie, jede Ader zurück.

Ein Lich. Der Gedanke war so klar und nüchtern, dass er ihr fast die Kehle zuschnürte. Hatte sich eines jener Exemplare hier hochgearbeitet, von denen man hinter vorgehaltener Hand behauptete, sie würden in den Kellern der Akademie studiert? Oder hatte jemand in diesen Zeiten die Torlinien überschätzt und das, was dabei entstand, im Wald liegen lassen?

Bareti richtete sich ein wenig auf. Die Lippen formten stumm die ersten Worte einer Bannformel, die Hände schoben den Korb zur Seite, um frei zu sein. Essenz antwortete zögerlich auf ihren Willen, wie immer noch beleidigt darüber, dass man sie wie einst das alte Gewebe behandeln wollte – aber sie kam. Ein Schutzkreis in Gedanken, ein zweiter Spruch auf der Zunge.

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Dann trat sie auf einen Ast.

Das leise Knacken schien in der Stille zu hallen wie ein Donnerschlag. Die Gestalt zuckte. Langsam, als koste jede Bewegung mehr Kraft, als sie zur Verfügung hatte, hob sich der Kopf. Augenlider flatterten, braunes Irgendetwas darunter sammelte sich, färbte sich, ließ ein tiefes, unheimlich vertrautes Blau aufglimmen.

Die Bannformel erstarrte auf ihren Lippen.

„Lady…“ Die Stimme war rau, kaum mehr als ein Hauch. Aber der Klang war wie ein Schlag in die Magierin hinein, hart und unbarmherzig.

Aetherium.

Der Name formte sich nicht sofort in ihrem Mund, aber in ihrem Inneren. Sie sah plötzlich nicht mehr nur die ausgemergelte, fremd gewordene Hülle, sondern das, was darunter lag: den Mann, der immer schon mit dem Fluss der Magie gerungen hatte, statt in ihm zu ruhen.

„Aeth…“

Das Licht um ihn flackerte, schwoll an, als wolle es auf ihren Klang reagieren. Die Augen brannten für einen Moment in diesem kalten Blau auf, dann brach der Kopf zur Seite, der Körper sackte in sich zusammen. Die Essenz sickerte weiter, stur, unbeteiligt, füllte, was die alte Webung in ihm hinterlassen hatte – und drohte, ihn dabei zu zerbrechen.

Bareti war in zwei Schritten bei ihm. Die Hand an seiner Stirn, heißer als sie erwartet hätte. Der Puls flach, rastlos. Die Lippen trocken, rissig. Dehydration, Hunger, magische Erschöpfung – das konnte sie behandeln. Was die Essenz in seinem Inneren tat, war eine andere Frage.

„Ihr kommt mir nicht auch noch abhanden“, murmelte sie heiser, und jetzt war keine junge Studioa mehr in ihrem Blick, sondern die Frau, die es leid war, Freunde zu verlieren.

Sie tastete nach dem kleinen Kristall, den sie stets verborgen bei sich trug – einer der abgeleiteten Kommunikations- und Toranker, die sie zwischen Taverne und Stadt gezogen hatte. Ein paar Körner Black Pearl, eine Prise Sulfur Ash und ein Rest Mandrake aus dem Korb. Alte Schule, neue Essenz.

Der Zauber, den sie webte, war roher und somit gefährlicher, als sie es einem ihrer Schüler je erlaubt hätte, doch für saubere Magie war gerade keine Zeit. Er spannte die Essenz nicht sauber, er riss sie an. Ein Portal, nicht größer als ein Türrahmen, der mit einem tiefen, vibrierenden Ton in die Wirklichkeit der kleinen Waldlichtung schnitt. In der Mitte: der blasse Umriss der Schankstube der Taverne, die vertraute, warme Linie des Tresens als Fixpunkt.

„Verzeiht mir“, murmelte sie, mehr zu ihm als zur Essenz, und legte einen Arm unter seine Schultern. Er war leichter, als er sein sollte. Zu leicht.

Mit knirschenden Zähnen, flackernder Konzentration und mehr Willenskraft als sauberen Formeln zerrte Bareti den Mann durch das Portal – zuerst ihn, dann den Korb hinterher. Das Glimmen der Essenz folgte ihnen wie eine träge, zähe Welle.

Die Waldlichtung blieb zurück, als sei nichts geschehen.


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„…und genau dort lag er.“

Bareti stand wieder hinter ihrem Tresen, die Hände um einen Becher geschlossenen, dessen Inhalt längst vergessen war. Der Apfelmost schimmerte blass im Kerzenlicht, unberührt. Das türkisfarbene Haar fiel ihr über die Schultern, etwas wilder als sonst, als hätte sie es auf dem Weg hierher vielleicht nur einmal eilig mit den Fingern gezähmt.

Nicoletta lehnte am gegenüberliegenden Ende der Theke, ein Tuch über dem Arm, den Blick aufmerksam und wach. Die übliche Ruhe in ihrem Gesicht war von Sorge durchzogen, seit Bareti mit dem reglosen Körper in der Tür der Taverne aufgetaucht war.

„Hinter der Akademie, im Wald?“ fragte sie leise.

„In jenem Stück, von dem die Studiosi immer behaupten, die Meister würden dort Prüflinge vergraben, die durchgefallen sind“, entgegnete Bareti trocken. Der Tonfall war eine Spur schärfer als sonst, doch das lag mehr an der Erschöpfung als an Humor. „Nur, dass diesmal keiner gescherzt hat.“

Sie stellte den Becher ab, legte die Fingerspitzen flach auf das Holz, als müsse sie sich erden. „Ich habe zuerst wirklich gedacht, es sei ein Lich. Diese Haut… die Finger in der Erde. Und die Essenz, die um ihn herum glomm, als wolle sie ihn ganz für sich beanspruchen.“

Nicoletta warf einen kurzen Blick nach oben, als könne sie durch die Decke hindurch in das Gästezimmer schauen. „Und Ihr seid sicher, dass es… dass er es ist?“

„So sicher, wie man in diesen Zeiten irgendetwas sein kann.“ Bareti schloss kurz die Augen, hörte noch einmal das heisere, kaum vorhandene „Lady…“. „Die Stimme. Die Augen, als sie für einen Moment klar wurden. Und das, was mit der Essenz in ihm geschieht – das passt zu allem, was ich über seine… besondere Veranlagung weiß.“

Sie wählte die Worte sorgfältig. Aetheriums Umstände und was er ihr anvertraut hatte waren nichts, was sie über den Tresen hinweg in die Welt hinaustragen würde.

„Er war dehydriert, bis an die Grenze des Erträglichen“, fuhr sie fort. „Und ausgehungert. Das sind Dinge, mit denen wir umgehen können. Wir haben ihn gewaschen, die Wunden versorgt, ich habe ihm Wasser eingeflößt, so viel er in diesen Zuständen nehmen konnte. Wenn nur das alles wäre…“

Die Wirtin verstummte, ließ den Satz hängen.

Einen Moment lang herrschte Stille in der Schankstube. Von oben drang nur leise das Geräusch eines betonten Atemzuges – der Magus, der irgendwo zwischen Bewusstsein und Essenz wachte, lag in einem der besten Zimmer, in frische Tücher gehüllt, ein Krug Wasser in Reichweite, eine Schale Brühe irgendwo daneben, die Nicoletta in geduldiger Arbeit löffelweise gereicht hatte, so oft er halb bei sich gewesen war.

„Wir behalten ihn im Auge“, sagte Nicoletta schließlich. „Ich übernehme die Nacht, wenn Ihr wollt. Ihr seht nicht aus, als hättet Ihr noch viele Stunden vor Euch.“

„Dank dir Liebes“, erwiderte Bareti leise. „Doch ich werde in Reichweite bleiben. Sollte… etwas mit der Essenz in ihm eskalieren, möchte ich nicht erst geweckt werden müssen.“

Sie nahm den Becher Most wieder in die Hand, hob ihn, als wolle sie sich selbst auf einen Entschluss trinken, und setzte ihn dann doch nur wieder ab.

„Er ist nicht der Erste, den diese neuen Verhältnisse fast das Leben kosten“, fügte sie hinzu. „Aber wenn es nach mir geht, wird er einer der wenigen sein, die sie überstehen – und davon erzählen können.“

Nicoletta nickte langsam. „Dann sorgen wir dafür, dass er etwas zu erzählen hat, wenn er wieder ganz bei sich ist.“

Hinter ihnen knisterte leise das Feuer im Kamin. Über dem Tresen schimmerte das warme Licht der Taverne gegen das kalte Blau, das ganz schwach unter der Tür des Gästezimmers hervorglomm – und das heute Nacht nicht mehr allein über sein Schicksal entscheiden durfte.

Kein Fluss wie der andere...

von Aetherium von Finsterrode » 18 Nov 2025, 23:21

Dämmerung, eiskalter Schweiß, Haare die im Gesicht klebten und gesprungene, spröde Lippen, die viel zu lange keinen Tropfen Feuchtigkeit mehr aufgenommen hatten. Flach ging der Atem - für Außenstehende ist nur mit mit sorgsamer Beobachtung die Bewegung des Brustkorbs auszumachen. Der Körper mochte ausgemergelt wirken... doch die wahre Leere harrte im Inneren.
Wo jedes Quentchen des Willens sich immer gegen den steten Strom der magischen Kraft stemmte - Kraftlosigkeit und zugleich kein Druck, da der Fluss abgerissen war. Es folgte der Zusammenbruch, das Fallen in eine Tiefe, die hätte gefüllt sein müssen. Ein plötzlicher Abgrund. Ein Nichts...

Es begann unendlich langsam...
Es wanderte die versteiften Finger, welche sich in das nasse Laub und halb ins Erdreich bohrten, tastend hoch und stellte zaghaft so den ersten Kontakt her. Fremdartigkeit glitt voran, suchte, nahm etwas Raum ein bis die gesprengten metaphorischen Tore erreicht wurden und begann das Nichts mit sich selbst auszufüllen. Immer mehr sickerte ein, brachte mit jedem Moment mehr von sich selbst mit. Zuerst ein Rinnsal, dann ein weiteres Erstarken, einem Bachlauf gleich und gefolgt von einem massiven Anschwellen des Fließens.
Zeitgleich erwachte der Verstand, wollte Gedankenbilder, Erinnerungen wälzen, fühle die nie gekannte Leichtigkeit und Fremdartigkeit sich nicht gegen das Innere Tor stemmen zu müssen, bis es vom Tor her ein Rückschwappen gab. Mentale Schranken, mühsam hochgezogen, jedoch dieses permanente Kräftemessen als Teil des Seins wieder verstehend, als sich der Wille formte und gegen die Torflügel stemmte, wie er es seit jeher getan hatte. Etwas schwappte gegen das Tor - von der richtigen Seite. Es fühlte sich zäh und fremd an, jedoch belebte es zugleich etwas.

Ein Ächzen, kläglich im Ton absterbend, drang aus der Kehle. Augenlider hoben sich und erlaubten nicht anwesenden Betrachtern den Blick auf ein tiefes Braun, welches sich zu füllen begann und in ein unheimliches, blaues Schimmern und Blitzen überging.
Es bedurfte mehrere Versuche den geschwächten Körper unter den Willen zu zwingen. Der Mann, gezeichnet vom Durchlebten, drehte im mühsam eingenommenen Vierfüßerstand langsam den Kopf. Mehrere Male musste er blinzeln.
"Moon...glow?" zuckt eine vages Erkennen durch den Verstand. "Ich muss trinken..." kam der Gedanke und brachte eine Woge der Schwäche und Ohnmacht mit sich. Der Körper, umgeben von einem leichten Lichterspiel, sackte plötzlich wieder in sich zusammen.

Während der Wassermangel den Magus der Schwelle des Todes näherbrachte, sickerte ESSENZ weiter in seinen geschundenen Körper ein.

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Unfreiwillliger Abschied [Sternenfall Britain]

von Auriel Toleno » 18 Nov 2025, 20:18

Müde hallten die Schritte des Trupps durch die Gassen. Die Stiele der Hellebarden wurden mehr hinter den jungen Gardisten her gezogen, als dass sie aufrecht auf das Pflaster der Straßen klopften. Zumindest dieser Trupp erstrahlte noch in roten Uniformen. Zumindest hätte er das, wären die Rüstungen nicht stumpf vom Dreck der Straßen gewesen. Am frühen Morgen waren sie aufgebrochen und jetzt setzte allmählich die Dämmerung ein. In der Stadt gab es viel zu tun und viele Herausforderungen zu meistern, während die Obrigkeit schwieg.
Flüchtlinge wohin das Auge sah. Verzweiflung, Schmerz und Taten von Menschen, die außer ihrem Leben und dem Hunger nichts mehr zu verlieren hatten.

Ein weiteres Mal ließ Auriel den Blick über seinen Trupp junger Gardisten gleiten. Keine Haltung, keine Ordnung, keine Ausstrahlung. Doch sie hatten tapfer und unermüdlich gearbeitet. Es gab einen richtigen Moment um sie zu disziplinieren. Dies war er nicht.
Und so führte er den Trupp wie er war in Richtung der Kaserne. Ein Weg, den er nahezu täglich gegangen war seit... seit seiner Jugend vor so vielen Jahren. Man stelle sich vor, Zodiak hätte es in Auriels Kindheit geschafft einen Druiden aus ihm zu machen. Unvorstellbar. Sein Leben war die königliche Garde und Leibgarde des königlichen britannischen Reichs, des ältesten Reichs Reichs Schattenwelts, dessen Name allen Völker wohl bekannt ist. Oder es zumindest war. Velmorra. Er ließ sich das Kuriosum, das die Gestalt eines Wortes hatte, auf der Zunge zergehen. In dieser Pflicht würde er eines Tages auch enden, das stand außer Frage.

Mit diesen Gedanken trat der Trupp um die letzte Ecke und auf die Zugbrücke des Schlosses zu. Die Torwache trug blaue Uniformen. Auriel seufzte innerlich. Trug der eine nicht die Uniform eines Hauptmanns? Ein Hauptmann als Torwache? Als dieser den, sich nähernden Trupp erblickte, hob er die Hand. Überall wurden Gardisten zwischen den Zinnen sichtbar, die mit Armbrüsten auf die Neuankömmlinge zielten. Mit Armbrüsten auf die eigenen Gardisten? Was ging hier vor sich? Unbeirrt ging Auriel weiter und schenkte seinem Trupp ein selbstsicheres Nicken.

Dann erkannte er ihn. Den Hauptmann, mit dem er bereits vor einem knappen halben Jahr aneinander geraten war. Jener Hauptmann, der sich offensichtlich hatte schmieren lassen, um die Routen der Patrouillen zu manipulieren. Jetzt in strahlender, blauer Uniform. Offensichtlich hatte er eine neue Fahne für sich entdeckt. Grinsend erwartete dieser die Heimkehrer. Eine knappe Geste und Auriels Trupp ging weiter und durch das Tor, während Auriel auf der Zugbrücke stehen blieb.

"Herr Hauptmann?" begrüßte Auriel ihn der Form halber, wenngleich die Botschaft klar war. Die beiden Gardisten hatten mit dem ersten Lidschlag die Lage sondiert. Beide wussten längst mit welchem Ergebnis dieser Tag enden würde. Der müde Blick, des in die Jahre gekommenen Leibgardisten musterte die Garde vor ihm. Viele fremde Gesichter doch auch viele bekannte. Sein Trupp hatte auf dem Schlosshof Aufstellung genommen. Er wusste, dass der Hauptmann es nicht wagen konnte, allzu unüberlegt zu handeln. Doch Auriel wusste auch, dass seine Kontakte mit den sich überschlagenden Ereignissen der letzten Zeit zu großen Teilen versiegt waren. Eine der grauen Eminenzen der Garde war nur noch alt und grau. Ein unbequemer Hund, den man nun loswerden konnte.

Auriel salutierte zackig. Der Salut kam in vielfachem Echo wieder zu ihm zurück und für einen Moment wich die Selbstsicherheit aus den Zügen des opportunistischen Hauptmanns. Doch Auriel wandte sich einfach nur still um. Er wusste, dass er geschlagen war. Dass er diesen Zug zu diesem prekären Zeitpunkt nicht hatte kommen sehen. Und während er die Zugbrücke hinab schritt, nestelte er mit der Linken an seinem Kragen und zog einen kleinen Zweig an einer Kette hervor. Ein immergrünes Kraut, dass ihm in mancher schweren Stunde die Gewissheit geschenkt hatte, dass es ein heres Ziel gab. Die dunklen Stellen an dem Zweig waren jedoch nicht mehr zu übersehen. Nach all den Jahren der Hoffnung.

Hatte Visael seinen Schwur nun freigegeben? Stand dies überhaupt in der Macht des Engels?

In diese Frage vertieft verlor er sich in den wirren Gassen einer aus allen Löchern blutenden Stadt.

Dinge [Sternenfall Britain]

von Kaimond Devenor » 18 Nov 2025, 17:06

Die Dinge in Britain hatten sich nicht zum Guten entwickelt.

Von der Königin und dem Grafen fehlte jede Spur. König Melan, König Lamarit, Königin Laienne de Corridre, selbst dieser Reichskanzler Adersin oder seine Heiligkeit Duranges - sie alle wären in dieser düsteren Stunde bereits auf den Plan getreten. Stattdessen…Stille…Untätigkeit.

Er hatte die Vermischung des Seins der verschiedenen Ebenen akzeptiert, war angesichts des Ausmaßes der Fluchtbewegung wieder der Garde beigetreten und vorrübergehend von alten Mitstreitern in seinen alten Rang eingesetzt worden. Nun stand er inmitten dieses Wahnsinns. Hände wurden gebraucht.

Viele Orte waren gefallen, darunter auch Skara Brae. Kaum ein Ort sonst war so etwas wie eine Heimat gewesen - nicht nur für ihn, sondern auch für die Gemeinschaft. Es war fort…oder was auch immer passiert sein mag. Flüchtlinge berichteten von Dingen. Sterne, die vom Himmel fielen, oder noch mehr? Dinge, die wild gebrabbelt, mal ruhig und mal schluchzend, mit langen Fäden aus der Nase und Tränen aus den Augen erzählt wurden. Dinge eben. Menschen aus anderen Orten berichteten Ähnliches teilweise Konkretes, teilweise Unkonkretes. Sogar eine ganze Gruppe von Flüchtlingen wurde weit außerhalb Britains ermordet, von Orks erzählt man sich. Es gab nicht genug Gardisten, um die Wege zu sichern.

Die Garde tat ihr Möglichstes, um die Flüchtlinge an verschiedenen Orten zu verteilen und unterzubringen, aber es waren einfach nicht genügend Plätze und Ressourcen vorhanden, sodass auch die Garde rasch an ihre Grenzen kam. Kaimond war erschöpft. Noch immer nagte der Zyklus seines eigenen Todes an ihm, aber Notwendigkeiten schafften manchmal neue Kräfte. Vielleicht zehrten sie aber auch das letzte bisschen Sein aus ihm. Das würde die Zeit zeigen.

Er verrichtete gerade seinen Dienst auf der Brücke der Stadt und wies einigen Menschen den Weg in Richtung der Kathedrale, als Meldungen über ungewöhnliche Tieraktivitäten im Nordosten von Britain über einige Rekruten eingingen. Kurz darauf wurden Wesenheiten von schattiger Gestalt gesichtet. Sein Platz war jedoch hier. Die anderen Gardisten würden sich darum kümmern. Jeder hatte seinen Platz und seine Aufgabe.

Nach einer Weile wurde berichtet, dass diese Wesenheiten von einer Melange aus wackeren Streitern zurückgeschlagen worden zu sein scheinen. Wie gut, dass jene dort waren! Kaimond war deutlich erleichtert. Das könnte bedeuten, dass weitere Städte bestehen.

Am Abend machte er sich auf den Rückweg zum Hauptquartier der Garde. Einige Gardisten standen zusammen und erzählten sich Geschichten über jene Streiter und jenen Kampf. Selbst Diener Malions schienen sich unter jene gesellt zu haben. Kaimond lauschte den Erzählungen für eine Weile und sein Blick verfinsterte sich mit jeder Sekunde in der er die Gardisten positiv über diese sprechen hörte. Kaimond nickte einigen der alten Gardisten zu, die gleichzeitig ihre Schwerter zogen und jene festsetzten, die allzu positiv sprachen. Sie wurden in den Kerker verbracht.

Nun verhaftete er schon seine eigenen Kameraden. Kaimond schaute mit müdem Blick auf seine eigenen Hände und dann hinaus aus dem Fenster auf die Stadt Es mussten Dinge getan werden, doch er war nicht der Richtige für derlei Aufgaben. Dies war nicht die Aufgabe eines niederen Dieners, sondern vielmehr die größerer Männer und Frauen als seiner Wenigkeit. Wie sollte er…?
Ahmeds Stimme, ruhig und stet, brandete in seinem Geist auf:

„Konzentration Kaimond, Konzentration! Hab Vertrauen!“

Er nickte und nahm die Feder zur Hand. Nie war er mit seiner Schrift zufrieden, aber es war auch einerlei. Der Inhalt zählte. Das Schreiben erging an jene, die seiner Erinnerung nach in Britain einst ansässig waren: die Gilde der Germanen, die Jäger der Schatten, die Hüter des Lichts und die Ordensritter Tyraels. Ein junger Rekrut schaute über Kaimonds Schulter hinweg und unterbrach ihn kurz, um ihm mitzuteilen, dass die Paladine des Mondes in einem Kloster oder Ähnlichem außerhalb Britains untergekommen waren. Irritation flackerte über Kaimonds Gesicht, und er ging davon aus, dass auch Yew einem grimmen Schicksal zum Opfer gefallen war. Auch schien der Paladin Kazhar Rontre von den Gefährten des Adlers im Adelsviertel untergekommen zu sein. So erging das Schreiben auch an die Paladine des Mondes und an Kazhar Rontre für die Gefährten des Adlers.

Schreiben an die Lichtgilden

Wie der Zufall es wollte, traf just in diesem Moment Pater Morticah Brings ein. Kaimond wollte, dass er die Zügel in die Hand nahm, aber er weigerte sich, da er sich eher in der Heilkunde als in der Führung sah. Er sagte jedoch etwas sehr Richtiges:
„Wir werden mehr Nahrung benötigen. Nahrung, Wasser und Unterkünfte. Die Menschen schlafen bisweilen in der Kathedrale, aber diese ist überfüllt. Einige Menschen haben die Flüchtlinge in ihre Häuser gelassen, aber viele haben auch Angst. Vielleicht benötigen wir hier mehr Unterstützung?“
Kaimond seufzte und nickte. Er kannte den Bund von Minoc, aber jene waren zu weit entfernt und die Berichte aus Minoc waren ebenfalls düster. Ob sein Bruder…? Er schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich erneut. Es gab jedoch eine Vereinigung hier, die über Ressourcen und Handwerkskunst zu verfügen zu schien. Er setzte ein weiteres Schreiben auf, dieses Mal an das Blackrocksyndikat.

Schreiben an das Blackrocksyndikat

Er würde Auriel berichten, allerdings hatte er ihn seit seiner Rückkehr nach Britain und dem Wiedereintritt in die Garde noch nicht einmal gesehen. Sein Name war hier und dort aufgetaucht, aber es war noch zu keinem Treffen gekommen. Kaimond gab dem Rekruten die Briefe in die Hand und wies ihn an, sich drei weitere Rekruten zu suchen. Im Zweifelsfall sollte er an Türen klopfen, um die Mitglieder der jeweiligen Gemeinschaften zu finden.
Kaimond ging in Richtung der Gardequartiere. Überall lagen Gardisten auf dem Boden verstreut, schlafend, dösend oder einfach nur ruhend. Er legte die Rüstung ab. Sie war schwer geworden. Ein Bad wäre gut gewesen, aber daran war nicht zu denken. Er schaute sich um und sein Blick fiel auf einen Aushang für einen Hauptmann der Garde. Wieder blitzte Irritation auf. Sie suchten einen Hauptmann der Garde, fernab von jenen, die täglich…? Er unterbrach seinen Gedanken und schalt sich selbst für seinen inneren Monolog. Es gab nur eine Person für diesen Posten auch wenn er ihn bis jetzt nicht gesehen hatte. Ein weiteres bleischweres Seufzen entwich seinen Lippen, er drehte sich um, nahm seinen vorherigen Platz ein und begann ein weiteres Schreiben.

Schreiben an Florian Weißhabicht

Er legte den Federkiel beiseite und erteilte einem der anderen Korporale eine letzte Anweisung:

„Wir benötigen Späher, die die Situation auskundschaften. Gibt es Freiwillige? Lasst die Umlande auskundschaften und schaut, ob und welche Wege blockiert sind. Haltet ebenfalls Ausschau danach, ob weitere Wesenheiten auftauchen.“

Er machte eine kurze Pause und korrigierte sich dann.

„Wir sollten damit warten und sehen, ob die Diener des Lichts einkehren und die Ungewissheit für uns erhellen mögen. Einige von ihnen werden sich sicherlich anschließen wollen.“

Kaimond stand auf, setzte sich einfach in eine Ecke des Raumes und lehnte Rücken und Kopf gegen die Wand. Er brauchte Schlaf. Seine Gedanken schweiften ab, als die Spiegelscherben aufklirrten und seinen Geist dissonant durchstoben. Wie mochte es wohl Aetherium ergehen? Er hatte eine grimme Warnung ausgegeben, sollten weitere Sterne fallen. Wo bist du, mein Freund?

Kurz darauf erschien das Gesicht Ancanagars vor seinem inneren Auge. Wo war sie wohl? Wenn ihr etwas zugestoßen wäre, hätte er es gespürt, da war er sich sicher.

Ein letzter Gedanke versuchte sich zu formen, dann war der Geist fort. Endlich…Schlaf.

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