von Bareti » 19 Nov 2025, 10:35
Bareti hatte den Vormittag damit verbracht, Listen zu überarbeiten, Karten zu studieren und Ränder mit kleinen Anmerkungen zu füllen. Die vorbereitete Expedition schob sich wie ein Schatten an den Horizont ihres Denkens – und sie weigerte sich, unvorbereitet hineinzutappen.
Nur: niemand war da.
Thorians Stuhl in der Ecke der Schankstube blieb leer, Ulaf war seit Tagen „bei den Steinen“, wie er es nannte, Lirael unterwegs im Auftrag anderer – und selbst Melions bunte Silhouette ließ sich nicht blicken. Die Wirtin der Taverne strich mit dem Finger eine Zeile in ihrer Notiz glatt, während der Blick prüfend über ein aufgeschlagenes Reagenzienverzeichnis glitt.
„Mandrake… Spinnenseide…“ murmelte sie halblaut und schob die Liste ein Stück von sich. Die Mengen, die sie im Hinterzimmer gehortet hatte, würden für einen normalen Tag voll kleiner Zauber reichen. Nicht aber für das, was sie vorhatte: ein Ritual, das – wenn es denn gelang – einen der neuen Schatten fassen und binden sollte, statt ihm bloß auszuweichen.
Sie atmete einmal tief durch. Wenn sie keinen Begleiter in der Taverne fand, dann vielleicht an jenem Ort, an dem sie selbst einst ihren Weg begonnen hatte.
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Die Akademia Ars Magica ad Moonglow empfing sie nicht mit der würdevollen Stille früherer Tage, sondern mit Unruhe. Auf den Gängen liefen Studiosi hin und her, Arme voller Bücher, Pergamente, zu hastig angezogene Roben. Die Luft war schwer von Ruß, Papierstaub – und dieser neuen, flirrenden Spannung, die die alte Webung der Magie endgültig verdrängt hatte.
Bareti blieb einen Moment in der Halle stehen, musterte die Gesichter, lauschte Gesprächsfetzen. Kein einziger der Anwesenden wirkte wie jemand, den sie mit gutem Gewissen in eine Expedition schicken würde, bei der selbst sie nicht wusste, ob sie lebend zurückkehrte. Zu jung, zu unerfahren. Zu viel Angst in den Augen, auch wenn sie sich Mühe gaben, es zu verbergen.
„Nicht heute“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu den vorbeihuschenden Gestalten und wandte sich ab – stattdessen dem Grund ihres Besuches zu, der sich nicht weigerte, still und gewachsen auf sie zu warten.
Hinter der Akademie lag der kleine, halb verborgene Waldstreifen, den sie besser kannte als manch einen Hörsaal. Hier hatten die alten Meister Beete für Mandrake Roots anlegen lassen, sauber eingefasst, überwuchert vom ungeordneten Willen der Natur. Ein schmales Tor, ein knirschender Kiesweg, dann betrat sie den Garten.
Sie kniete sich an den Rand eines Beetes, grub mit geübten Händen und noch geübter Magie. Ein gezielter Spruch, kaum ein Flüstern, beruhigte die Wurzel, ehe sie sie aus der Erde zog; nur das feuchte Schmatzen der gelösten Erde erklang. Eine nach der anderen legte sie in die Fächer des feinen Korbes, den sie eigens für solche Arbeiten nutzte.
Als der Mandrake-Bedarf gestillt war, führte ihr Weg sie weiter in den Wald hinein, dorthin, wo kaum jemand freiwillig ging. Es war ein Stück Kindheit, das sie hier wiederfand – das Verstummen der Geräusche der Akademie, das Knacken von Zweigen, der Geruch von feuchter Erde. Hier, auf einer kleinen Lichtung, hatten schon früher Spinnen ihre Netze zwischen die Bäume gezogen, und man konnte mit etwas Geduld brauchbare Seide sammeln, ohne die Kreaturen töten zu müssen.
Sie hob den Saum ihres Mantels ein wenig an, bahnte sich den Weg durch Farn und Unterholz. Die Essenz lag hier dichter in der Luft, wie ein kaum sichtbarer Schimmer in den Zwischenräumen der Welt. Seit den Kometen war das überall so – doch Bareti hatte gelernt, dieses neue Flirren zu hören. Zu fühlen.
Heute war es anders.
Zwischen den Baumstämmen, ein Stück abseits der gewohnten Lichtung, pulsierte ein Glimmen, das nicht in das saubere Muster der Spinnenwerke passte. Kein bloßes Reflektieren eines Lichtstrahls, kein harmlosen Irrlicht, sondern ein konzentrierter, dumpfer Widerhall – wie ein Echo der Essenz, das sich an einem Punkt festgebissen hatte.
Sie hielt unwillkürlich den Atem an. Ihr Blick verengte sich, die Finger schlossen sich fester um den Henkel des Korbes. Die Gelehrte in ihr registrierte das Phänomen, die Magierin darin spürte die Gefahr.
„Das ist… nicht natürlich“, dachte sie trocken, und es war einer jener Momente, in denen sie sich beinahe wieder wie die junge Studioa fühlte, die heimlich in den verboteneren Teil des Waldes geschlichen war, um Feenlichter aus der Nähe zu sehen.
Nur, dass es diesmal kein Spiel war.
Sie setzte einen Fuß vor den anderen, vorsichtig, das Gewicht sauber ausbalanciert, jede Wurzel, jeder Ast fixiert. Je näher sie kam, desto klarer wurde die Quelle des Schimmers – und sie erstarrte.
Zwischen nassem Laub und schwarzer Erde lag eine Gestalt. Der Körper dünn, die Haut pergamentartig gespannt, als habe die Zeit sich schwer auf ihn gelegt. Finger, die sich noch immer krampfhaft in den Boden krallten, als würde der Körper sich dagegen wehren, wieder losgelassen zu werden. Das Licht – dieses kalte, blauweiße Flirren – kroch wie eine zweite Haut über ihm, sickerte in jede Linie, jede Ader zurück.
Ein Lich. Der Gedanke war so klar und nüchtern, dass er ihr fast die Kehle zuschnürte. Hatte sich eines jener Exemplare hier hochgearbeitet, von denen man hinter vorgehaltener Hand behauptete, sie würden in den Kellern der Akademie studiert? Oder hatte jemand in diesen Zeiten die Torlinien überschätzt und das, was dabei entstand, im Wald liegen lassen?
Bareti richtete sich ein wenig auf. Die Lippen formten stumm die ersten Worte einer Bannformel, die Hände schoben den Korb zur Seite, um frei zu sein. Essenz antwortete zögerlich auf ihren Willen, wie immer noch beleidigt darüber, dass man sie wie einst das alte Gewebe behandeln wollte – aber sie kam. Ein Schutzkreis in Gedanken, ein zweiter Spruch auf der Zunge.
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Dann trat sie auf einen Ast.
Das leise Knacken schien in der Stille zu hallen wie ein Donnerschlag. Die Gestalt zuckte. Langsam, als koste jede Bewegung mehr Kraft, als sie zur Verfügung hatte, hob sich der Kopf. Augenlider flatterten, braunes Irgendetwas darunter sammelte sich, färbte sich, ließ ein tiefes, unheimlich vertrautes Blau aufglimmen.
Die Bannformel erstarrte auf ihren Lippen.
„Lady…“ Die Stimme war rau, kaum mehr als ein Hauch. Aber der Klang war wie ein Schlag in die Magierin hinein, hart und unbarmherzig.
Aetherium.
Der Name formte sich nicht sofort in ihrem Mund, aber in ihrem Inneren. Sie sah plötzlich nicht mehr nur die ausgemergelte, fremd gewordene Hülle, sondern das, was darunter lag: den Mann, der immer schon mit dem Fluss der Magie gerungen hatte, statt in ihm zu ruhen.
„Aeth…“
Das Licht um ihn flackerte, schwoll an, als wolle es auf ihren Klang reagieren. Die Augen brannten für einen Moment in diesem kalten Blau auf, dann brach der Kopf zur Seite, der Körper sackte in sich zusammen. Die Essenz sickerte weiter, stur, unbeteiligt, füllte, was die alte Webung in ihm hinterlassen hatte – und drohte, ihn dabei zu zerbrechen.
Bareti war in zwei Schritten bei ihm. Die Hand an seiner Stirn, heißer als sie erwartet hätte. Der Puls flach, rastlos. Die Lippen trocken, rissig. Dehydration, Hunger, magische Erschöpfung – das konnte sie behandeln. Was die Essenz in seinem Inneren tat, war eine andere Frage.
„Ihr kommt mir nicht auch noch abhanden“, murmelte sie heiser, und jetzt war keine junge Studioa mehr in ihrem Blick, sondern die Frau, die es leid war, Freunde zu verlieren.
Sie tastete nach dem kleinen Kristall, den sie stets verborgen bei sich trug – einer der abgeleiteten Kommunikations- und Toranker, die sie zwischen Taverne und Stadt gezogen hatte. Ein paar Körner Black Pearl, eine Prise Sulfur Ash und ein Rest Mandrake aus dem Korb. Alte Schule, neue Essenz.
Der Zauber, den sie webte, war roher und somit gefährlicher, als sie es einem ihrer Schüler je erlaubt hätte, doch für saubere Magie war gerade keine Zeit. Er spannte die Essenz nicht sauber, er riss sie an. Ein Portal, nicht größer als ein Türrahmen, der mit einem tiefen, vibrierenden Ton in die Wirklichkeit der kleinen Waldlichtung schnitt. In der Mitte: der blasse Umriss der Schankstube der Taverne, die vertraute, warme Linie des Tresens als Fixpunkt.
„Verzeiht mir“, murmelte sie, mehr zu ihm als zur Essenz, und legte einen Arm unter seine Schultern. Er war leichter, als er sein sollte. Zu leicht.
Mit knirschenden Zähnen, flackernder Konzentration und mehr Willenskraft als sauberen Formeln zerrte Bareti den Mann durch das Portal – zuerst ihn, dann den Korb hinterher. Das Glimmen der Essenz folgte ihnen wie eine träge, zähe Welle.
Die Waldlichtung blieb zurück, als sei nichts geschehen.
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„…und genau dort lag er.“
Bareti stand wieder hinter ihrem Tresen, die Hände um einen Becher geschlossenen, dessen Inhalt längst vergessen war. Der Apfelmost schimmerte blass im Kerzenlicht, unberührt. Das türkisfarbene Haar fiel ihr über die Schultern, etwas wilder als sonst, als hätte sie es auf dem Weg hierher vielleicht nur einmal eilig mit den Fingern gezähmt.
Nicoletta lehnte am gegenüberliegenden Ende der Theke, ein Tuch über dem Arm, den Blick aufmerksam und wach. Die übliche Ruhe in ihrem Gesicht war von Sorge durchzogen, seit Bareti mit dem reglosen Körper in der Tür der Taverne aufgetaucht war.
„Hinter der Akademie, im Wald?“ fragte sie leise.
„In jenem Stück, von dem die Studiosi immer behaupten, die Meister würden dort Prüflinge vergraben, die durchgefallen sind“, entgegnete Bareti trocken. Der Tonfall war eine Spur schärfer als sonst, doch das lag mehr an der Erschöpfung als an Humor. „Nur, dass diesmal keiner gescherzt hat.“
Sie stellte den Becher ab, legte die Fingerspitzen flach auf das Holz, als müsse sie sich erden. „Ich habe zuerst wirklich gedacht, es sei ein Lich. Diese Haut… die Finger in der Erde. Und die Essenz, die um ihn herum glomm, als wolle sie ihn ganz für sich beanspruchen.“
Nicoletta warf einen kurzen Blick nach oben, als könne sie durch die Decke hindurch in das Gästezimmer schauen. „Und Ihr seid sicher, dass es… dass er es ist?“
„So sicher, wie man in diesen Zeiten irgendetwas sein kann.“ Bareti schloss kurz die Augen, hörte noch einmal das heisere, kaum vorhandene „Lady…“. „Die Stimme. Die Augen, als sie für einen Moment klar wurden. Und das, was mit der Essenz in ihm geschieht – das passt zu allem, was ich über seine… besondere Veranlagung weiß.“
Sie wählte die Worte sorgfältig. Aetheriums Umstände und was er ihr anvertraut hatte waren nichts, was sie über den Tresen hinweg in die Welt hinaustragen würde.
„Er war dehydriert, bis an die Grenze des Erträglichen“, fuhr sie fort. „Und ausgehungert. Das sind Dinge, mit denen wir umgehen können. Wir haben ihn gewaschen, die Wunden versorgt, ich habe ihm Wasser eingeflößt, so viel er in diesen Zuständen nehmen konnte. Wenn nur das alles wäre…“
Die Wirtin verstummte, ließ den Satz hängen.
Einen Moment lang herrschte Stille in der Schankstube. Von oben drang nur leise das Geräusch eines betonten Atemzuges – der Magus, der irgendwo zwischen Bewusstsein und Essenz wachte, lag in einem der besten Zimmer, in frische Tücher gehüllt, ein Krug Wasser in Reichweite, eine Schale Brühe irgendwo daneben, die Nicoletta in geduldiger Arbeit löffelweise gereicht hatte, so oft er halb bei sich gewesen war.
„Wir behalten ihn im Auge“, sagte Nicoletta schließlich. „Ich übernehme die Nacht, wenn Ihr wollt. Ihr seht nicht aus, als hättet Ihr noch viele Stunden vor Euch.“
„Dank dir Liebes“, erwiderte Bareti leise. „Doch ich werde in Reichweite bleiben. Sollte… etwas mit der Essenz in ihm eskalieren, möchte ich nicht erst geweckt werden müssen.“
Sie nahm den Becher Most wieder in die Hand, hob ihn, als wolle sie sich selbst auf einen Entschluss trinken, und setzte ihn dann doch nur wieder ab.
„Er ist nicht der Erste, den diese neuen Verhältnisse fast das Leben kosten“, fügte sie hinzu. „Aber wenn es nach mir geht, wird er einer der wenigen sein, die sie überstehen – und davon erzählen können.“
Nicoletta nickte langsam. „Dann sorgen wir dafür, dass er etwas zu erzählen hat, wenn er wieder ganz bei sich ist.“
Hinter ihnen knisterte leise das Feuer im Kamin. Über dem Tresen schimmerte das warme Licht der Taverne gegen das kalte Blau, das ganz schwach unter der Tür des Gästezimmers hervorglomm – und das heute Nacht nicht mehr allein über sein Schicksal entscheiden durfte.
Bareti hatte den Vormittag damit verbracht, Listen zu überarbeiten, Karten zu studieren und Ränder mit kleinen Anmerkungen zu füllen. Die vorbereitete Expedition schob sich wie ein Schatten an den Horizont ihres Denkens – und sie weigerte sich, unvorbereitet hineinzutappen.
Nur: niemand war da.
Thorians Stuhl in der Ecke der Schankstube blieb leer, Ulaf war seit Tagen „bei den Steinen“, wie er es nannte, Lirael unterwegs im Auftrag anderer – und selbst Melions bunte Silhouette ließ sich nicht blicken. Die Wirtin der Taverne strich mit dem Finger eine Zeile in ihrer Notiz glatt, während der Blick prüfend über ein aufgeschlagenes Reagenzienverzeichnis glitt.
„Mandrake… Spinnenseide…“ murmelte sie halblaut und schob die Liste ein Stück von sich. Die Mengen, die sie im Hinterzimmer gehortet hatte, würden für einen normalen Tag voll kleiner Zauber reichen. Nicht aber für das, was sie vorhatte: ein Ritual, das – wenn es denn gelang – einen der neuen Schatten fassen und binden sollte, statt ihm bloß auszuweichen.
Sie atmete einmal tief durch. Wenn sie keinen Begleiter in der Taverne fand, dann vielleicht an jenem Ort, an dem sie selbst einst ihren Weg begonnen hatte.
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Die Akademia Ars Magica ad Moonglow empfing sie nicht mit der würdevollen Stille früherer Tage, sondern mit Unruhe. Auf den Gängen liefen Studiosi hin und her, Arme voller Bücher, Pergamente, zu hastig angezogene Roben. Die Luft war schwer von Ruß, Papierstaub – und dieser neuen, flirrenden Spannung, die die alte Webung der Magie endgültig verdrängt hatte.
Bareti blieb einen Moment in der Halle stehen, musterte die Gesichter, lauschte Gesprächsfetzen. Kein einziger der Anwesenden wirkte wie jemand, den sie mit gutem Gewissen in eine Expedition schicken würde, bei der selbst sie nicht wusste, ob sie lebend zurückkehrte. Zu jung, zu unerfahren. Zu viel Angst in den Augen, auch wenn sie sich Mühe gaben, es zu verbergen.
„Nicht heute“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu den vorbeihuschenden Gestalten und wandte sich ab – stattdessen dem Grund ihres Besuches zu, der sich nicht weigerte, still und gewachsen auf sie zu warten.
Hinter der Akademie lag der kleine, halb verborgene Waldstreifen, den sie besser kannte als manch einen Hörsaal. Hier hatten die alten Meister Beete für Mandrake Roots anlegen lassen, sauber eingefasst, überwuchert vom ungeordneten Willen der Natur. Ein schmales Tor, ein knirschender Kiesweg, dann betrat sie den Garten.
Sie kniete sich an den Rand eines Beetes, grub mit geübten Händen und noch geübter Magie. Ein gezielter Spruch, kaum ein Flüstern, beruhigte die Wurzel, ehe sie sie aus der Erde zog; nur das feuchte Schmatzen der gelösten Erde erklang. Eine nach der anderen legte sie in die Fächer des feinen Korbes, den sie eigens für solche Arbeiten nutzte.
Als der Mandrake-Bedarf gestillt war, führte ihr Weg sie weiter in den Wald hinein, dorthin, wo kaum jemand freiwillig ging. Es war ein Stück Kindheit, das sie hier wiederfand – das Verstummen der Geräusche der Akademie, das Knacken von Zweigen, der Geruch von feuchter Erde. Hier, auf einer kleinen Lichtung, hatten schon früher Spinnen ihre Netze zwischen die Bäume gezogen, und man konnte mit etwas Geduld brauchbare Seide sammeln, ohne die Kreaturen töten zu müssen.
Sie hob den Saum ihres Mantels ein wenig an, bahnte sich den Weg durch Farn und Unterholz. Die Essenz lag hier dichter in der Luft, wie ein kaum sichtbarer Schimmer in den Zwischenräumen der Welt. Seit den Kometen war das überall so – doch Bareti hatte gelernt, dieses neue Flirren zu hören. Zu fühlen.
Heute war es anders.
Zwischen den Baumstämmen, ein Stück abseits der gewohnten Lichtung, pulsierte ein Glimmen, das nicht in das saubere Muster der Spinnenwerke passte. Kein bloßes Reflektieren eines Lichtstrahls, kein harmlosen Irrlicht, sondern ein konzentrierter, dumpfer Widerhall – wie ein Echo der Essenz, das sich an einem Punkt festgebissen hatte.
Sie hielt unwillkürlich den Atem an. Ihr Blick verengte sich, die Finger schlossen sich fester um den Henkel des Korbes. Die Gelehrte in ihr registrierte das Phänomen, die Magierin darin spürte die Gefahr.
„Das ist… nicht natürlich“, dachte sie trocken, und es war einer jener Momente, in denen sie sich beinahe wieder wie die junge Studioa fühlte, die heimlich in den verboteneren Teil des Waldes geschlichen war, um Feenlichter aus der Nähe zu sehen.
Nur, dass es diesmal kein Spiel war.
Sie setzte einen Fuß vor den anderen, vorsichtig, das Gewicht sauber ausbalanciert, jede Wurzel, jeder Ast fixiert. Je näher sie kam, desto klarer wurde die Quelle des Schimmers – und sie erstarrte.
Zwischen nassem Laub und schwarzer Erde lag eine Gestalt. Der Körper dünn, die Haut pergamentartig gespannt, als habe die Zeit sich schwer auf ihn gelegt. Finger, die sich noch immer krampfhaft in den Boden krallten, als würde der Körper sich dagegen wehren, wieder losgelassen zu werden. Das Licht – dieses kalte, blauweiße Flirren – kroch wie eine zweite Haut über ihm, sickerte in jede Linie, jede Ader zurück.
Ein Lich. Der Gedanke war so klar und nüchtern, dass er ihr fast die Kehle zuschnürte. Hatte sich eines jener Exemplare hier hochgearbeitet, von denen man hinter vorgehaltener Hand behauptete, sie würden in den Kellern der Akademie studiert? Oder hatte jemand in diesen Zeiten die Torlinien überschätzt und das, was dabei entstand, im Wald liegen lassen?
Bareti richtete sich ein wenig auf. Die Lippen formten stumm die ersten Worte einer Bannformel, die Hände schoben den Korb zur Seite, um frei zu sein. Essenz antwortete zögerlich auf ihren Willen, wie immer noch beleidigt darüber, dass man sie wie einst das alte Gewebe behandeln wollte – aber sie kam. Ein Schutzkreis in Gedanken, ein zweiter Spruch auf der Zunge.
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Dann trat sie auf einen Ast.
Das leise Knacken schien in der Stille zu hallen wie ein Donnerschlag. Die Gestalt zuckte. Langsam, als koste jede Bewegung mehr Kraft, als sie zur Verfügung hatte, hob sich der Kopf. Augenlider flatterten, braunes Irgendetwas darunter sammelte sich, färbte sich, ließ ein tiefes, unheimlich vertrautes Blau aufglimmen.
Die Bannformel erstarrte auf ihren Lippen.
„Lady…“ Die Stimme war rau, kaum mehr als ein Hauch. Aber der Klang war wie ein Schlag in die Magierin hinein, hart und unbarmherzig.
Aetherium.
Der Name formte sich nicht sofort in ihrem Mund, aber in ihrem Inneren. Sie sah plötzlich nicht mehr nur die ausgemergelte, fremd gewordene Hülle, sondern das, was darunter lag: den Mann, der immer schon mit dem Fluss der Magie gerungen hatte, statt in ihm zu ruhen.
„Aeth…“
Das Licht um ihn flackerte, schwoll an, als wolle es auf ihren Klang reagieren. Die Augen brannten für einen Moment in diesem kalten Blau auf, dann brach der Kopf zur Seite, der Körper sackte in sich zusammen. Die Essenz sickerte weiter, stur, unbeteiligt, füllte, was die alte Webung in ihm hinterlassen hatte – und drohte, ihn dabei zu zerbrechen.
Bareti war in zwei Schritten bei ihm. Die Hand an seiner Stirn, heißer als sie erwartet hätte. Der Puls flach, rastlos. Die Lippen trocken, rissig. Dehydration, Hunger, magische Erschöpfung – das konnte sie behandeln. Was die Essenz in seinem Inneren tat, war eine andere Frage.
„Ihr kommt mir nicht auch noch abhanden“, murmelte sie heiser, und jetzt war keine junge Studioa mehr in ihrem Blick, sondern die Frau, die es leid war, Freunde zu verlieren.
Sie tastete nach dem kleinen Kristall, den sie stets verborgen bei sich trug – einer der abgeleiteten Kommunikations- und Toranker, die sie zwischen Taverne und Stadt gezogen hatte. Ein paar Körner Black Pearl, eine Prise Sulfur Ash und ein Rest Mandrake aus dem Korb. Alte Schule, neue Essenz.
Der Zauber, den sie webte, war roher und somit gefährlicher, als sie es einem ihrer Schüler je erlaubt hätte, doch für saubere Magie war gerade keine Zeit. Er spannte die Essenz nicht sauber, er riss sie an. Ein Portal, nicht größer als ein Türrahmen, der mit einem tiefen, vibrierenden Ton in die Wirklichkeit der kleinen Waldlichtung schnitt. In der Mitte: der blasse Umriss der Schankstube der Taverne, die vertraute, warme Linie des Tresens als Fixpunkt.
„Verzeiht mir“, murmelte sie, mehr zu ihm als zur Essenz, und legte einen Arm unter seine Schultern. Er war leichter, als er sein sollte. Zu leicht.
Mit knirschenden Zähnen, flackernder Konzentration und mehr Willenskraft als sauberen Formeln zerrte Bareti den Mann durch das Portal – zuerst ihn, dann den Korb hinterher. Das Glimmen der Essenz folgte ihnen wie eine träge, zähe Welle.
Die Waldlichtung blieb zurück, als sei nichts geschehen.
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„…und genau dort lag er.“
Bareti stand wieder hinter ihrem Tresen, die Hände um einen Becher geschlossenen, dessen Inhalt längst vergessen war. Der Apfelmost schimmerte blass im Kerzenlicht, unberührt. Das türkisfarbene Haar fiel ihr über die Schultern, etwas wilder als sonst, als hätte sie es auf dem Weg hierher vielleicht nur einmal eilig mit den Fingern gezähmt.
Nicoletta lehnte am gegenüberliegenden Ende der Theke, ein Tuch über dem Arm, den Blick aufmerksam und wach. Die übliche Ruhe in ihrem Gesicht war von Sorge durchzogen, seit Bareti mit dem reglosen Körper in der Tür der Taverne aufgetaucht war.
„Hinter der Akademie, im Wald?“ fragte sie leise.
„In jenem Stück, von dem die Studiosi immer behaupten, die Meister würden dort Prüflinge vergraben, die durchgefallen sind“, entgegnete Bareti trocken. Der Tonfall war eine Spur schärfer als sonst, doch das lag mehr an der Erschöpfung als an Humor. „Nur, dass diesmal keiner gescherzt hat.“
Sie stellte den Becher ab, legte die Fingerspitzen flach auf das Holz, als müsse sie sich erden. „Ich habe zuerst wirklich gedacht, es sei ein Lich. Diese Haut… die Finger in der Erde. Und die Essenz, die um ihn herum glomm, als wolle sie ihn ganz für sich beanspruchen.“
Nicoletta warf einen kurzen Blick nach oben, als könne sie durch die Decke hindurch in das Gästezimmer schauen. „Und Ihr seid sicher, dass es… dass er es ist?“
„So sicher, wie man in diesen Zeiten irgendetwas sein kann.“ Bareti schloss kurz die Augen, hörte noch einmal das heisere, kaum vorhandene „Lady…“. „Die Stimme. Die Augen, als sie für einen Moment klar wurden. Und das, was mit der Essenz in ihm geschieht – das passt zu allem, was ich über seine… besondere Veranlagung weiß.“
Sie wählte die Worte sorgfältig. Aetheriums Umstände und was er ihr anvertraut hatte waren nichts, was sie über den Tresen hinweg in die Welt hinaustragen würde.
„Er war dehydriert, bis an die Grenze des Erträglichen“, fuhr sie fort. „Und ausgehungert. Das sind Dinge, mit denen wir umgehen können. Wir haben ihn gewaschen, die Wunden versorgt, ich habe ihm Wasser eingeflößt, so viel er in diesen Zuständen nehmen konnte. Wenn nur das alles wäre…“
Die Wirtin verstummte, ließ den Satz hängen.
Einen Moment lang herrschte Stille in der Schankstube. Von oben drang nur leise das Geräusch eines betonten Atemzuges – der Magus, der irgendwo zwischen Bewusstsein und Essenz wachte, lag in einem der besten Zimmer, in frische Tücher gehüllt, ein Krug Wasser in Reichweite, eine Schale Brühe irgendwo daneben, die Nicoletta in geduldiger Arbeit löffelweise gereicht hatte, so oft er halb bei sich gewesen war.
„Wir behalten ihn im Auge“, sagte Nicoletta schließlich. „Ich übernehme die Nacht, wenn Ihr wollt. Ihr seht nicht aus, als hättet Ihr noch viele Stunden vor Euch.“
„Dank dir Liebes“, erwiderte Bareti leise. „Doch ich werde in Reichweite bleiben. Sollte… etwas mit der Essenz in ihm eskalieren, möchte ich nicht erst geweckt werden müssen.“
Sie nahm den Becher Most wieder in die Hand, hob ihn, als wolle sie sich selbst auf einen Entschluss trinken, und setzte ihn dann doch nur wieder ab.
„Er ist nicht der Erste, den diese neuen Verhältnisse fast das Leben kosten“, fügte sie hinzu. „Aber wenn es nach mir geht, wird er einer der wenigen sein, die sie überstehen – und davon erzählen können.“
Nicoletta nickte langsam. „Dann sorgen wir dafür, dass er etwas zu erzählen hat, wenn er wieder ganz bei sich ist.“
Hinter ihnen knisterte leise das Feuer im Kamin. Über dem Tresen schimmerte das warme Licht der Taverne gegen das kalte Blau, das ganz schwach unter der Tür des Gästezimmers hervorglomm – und das heute Nacht nicht mehr allein über sein Schicksal entscheiden durfte.