von Tarion Rontre » 09 Sep 2026, 09:23
Unweit der Hauptstadt Britain durchschnitt ein schmaler Pass das Gebirge.
Wer ihn erreichen wollte, musste den kleinen Wald hinter dem Friedhof der Hauptstadt durchqueren. Dahinter stieg das Land allmählich an, bis die bewaldeten Hänge den ersten schroffen Felsen wichen und der Weg schließlich zwischen den Bergen hindurchführte.
Dort lag das Kloster.
Schon seine Lage machte deutlich, dass dieser Ort nicht allein für Gebet und Einkehr geschaffen worden war. Massive Mauern schlossen das Klostergelände gegen den Pass ab und verbanden sich an mehreren Stellen beinahe mit dem natürlichen Fels. Wehrgänge verliefen entlang der Befestigungen. Von dort aus ließ sich der Zugang zum Pass ebenso gut überblicken wie der Weg, der aus Richtung Britain heraufführte.
Der Schutz des Klosters lag in den Händen des Ordens selbst.
Wachen patrouillierten auf den Mauern. Bogenschützen hielten von erhöhten Positionen aus den Pass im Blick, während weitere Brüder und Schwestern das große Tor sicherten.
Nicht jeder, der hier eine Waffe trug, war ein Paladin oder Kleriker.
Das musste er auch nicht sein.
Unter den Verteidigern des Klosters fanden sich einfache Kämpfer ebenso wie erfahrene Bogenschützen. Selbst der eine oder andere Magier hatte seinen Platz innerhalb der Gemeinschaft gefunden.
Sie alle dienten demselben Ort.
Und sollte es notwendig werden, würden sie ihn gemeinsam verteidigen.
Doch wer aus Richtung der Hauptstadt kam, begegnete zunächst nicht den Mauern des Klosters.
Am Weg davor stand eine Kirche.
Anders als das eigentliche Kloster lag sie außerhalb der Befestigungen und ihre Türen standen den Menschen Britains und jedem friedlichen Reisenden offen. Niemand musste Bruder oder Schwester des Klosters sein, um dort zu beten, eine Kerze zu entzünden oder den Rat eines Geistlichen zu suchen.
An ihren Mauern war weithin sichtbar das Zeichen Tyraels angebracht.
Es ließ keinen Zweifel daran, welchem Glauben dieser Ort verbunden war.
Die Mauern schützten die Gemeinschaft.
Nicht den Zugang zum Glauben.
An diesem Tag waren es zwei Fremde, die schließlich vor das bewachte Tor des Klosters traten.
Thorus Nerul, ein Mensch.
Und Crovax Donnerhall, ein Zwerg.
Die Wachen hatten sie bereits lange vor ihrer Ankunft kommen sehen. Dennoch wurden weder Waffen gezogen noch Warnrufe über die Mauern geschickt.
Einer der Brüder am Tor trat ihnen entgegen.
„Das Licht mit euch.“
Sein Blick wanderte aufmerksam über die beiden Reisenden.
„Was führt euch zu unserem Kloster?“
Ihr Anliegen war zunächst bescheiden.
Sie suchten eine Unterkunft.
Einen Ort, an dem sie vorerst bleiben konnten.
Doch es war nicht allein die Aussicht auf ein Dach über dem Kopf, die sie bis hierher geführt hatte. In Britain hatten sie vom Orden der Paladine des Mondes erfahren. Nun wollten sie mehr über jene Gemeinschaft erfahren, die hinter diesen Mauern lebte.
Wer waren diese Paladine?
Welchem Leben hatten sie sich verschrieben?
Und wie sah das Leben an diesem Ort aus?
Der Bruder hörte sich ihr Gesuch an und stellte einige Fragen danach, was sie nach Britain und schließlich zum Kloster geführt hatte.
Es war keine Befragung, wie sie ein Gefangener über sich hätte ergehen lassen müssen.
Doch ein befestigtes Kloster konnte seine Tore ebenso wenig jedem Fremden öffnen, ohne wenigstens zu erfahren, wem es Einlass gewährte.
Schließlich nickte der Mann.
„Dann kommt herein.“
Auf sein Zeichen hin wurde das Tor geöffnet.
„Wer in Frieden an unsere Tore kommt und um ein Dach bittet, soll seine Bitte nicht davor vortragen müssen.“
Thorus und Crovax überschritten die Schwelle.
Hinter ihnen schloss sich das Tor wieder.
---
Erst innerhalb der Mauern offenbarte sich, dass hinter den Befestigungen weit mehr lag als ein Sitz von Priestern und Paladinen.
Das Kloster war eine kleine Gemeinschaft für sich.
Zwischen den steinernen Gebäuden verliefen Wege und kleine Gassen. Aus einer geöffneten Werkstatt drang das regelmäßige Schlagen eines Hammers. An anderer Stelle wurden Vorräte getragen, Werkzeuge instand gesetzt oder die alltäglichen Arbeiten verrichtet, die nötig waren, damit ein Ort wie dieser bestehen konnte.
Brüder und Schwestern kümmerten sich um die Gebäude und Befestigungen. Andere gingen ihren Wachdiensten nach. Auf den Wehrgängen bewegten sich Bogenschützen entlang der Mauern, während am Tor jene wachten, die Thorus und Crovax bereits bei ihrer Ankunft gesehen hatten.
Paladine und Priester waren dabei nur ein Teil dieser Gemeinschaft.
Hier lebten Kämpfer und Bogenschützen.
Magier.
Handwerker.
Bauern.
Geistliche.
Und Menschen, deren Aufgabe vielleicht weniger leicht an ihrer Kleidung zu erkennen war.
Jeder trug auf seine Weise zum Leben innerhalb dieser Mauern bei.
Der Bruder führte die beiden weiter durch das Kloster.
Erst als sie tiefer in die Anlage gelangten, öffnete sich vor ihnen der hintere Klosterhof.
Hier änderte sich das Bild.
Eingerahmt von den Gebäuden des Klosters und geschützt durch die umliegenden Felsen des Gebirges erstreckten sich die Ackerflächen der Gemeinschaft.
Die Lage machte diesen Teil des Klosters von außen beinahe uneinsehbar. Während die vorderen Mauern den Zugang durch den Pass sicherten, bildete das Gebirge selbst einen natürlichen Schutz um die rückwärtigen Flächen.
Hier wurde angebaut, was die Gemeinschaft zum Leben benötigte.
Die Felder waren groß genug, um die Bewohner des Klosters zu versorgen und in guten Zeiten zusätzliche Vorräte für den Winter oder andere Notzeiten anzulegen.
Mehr sollten sie auch nicht leisten.
Die Ernte war nicht für die Märkte Britains bestimmt.
Das Kloster betrieb keinen Handel mit seinen Feldern.
Was hier wuchs, blieb innerhalb der Gemeinschaft und diente jenen, die sie trugen.
Einige Brüder und Schwestern arbeiteten zwischen den Reihen. Andere waren damit beschäftigt, bereits Geerntetes in Körben fortzutragen.
Der Bruder grüßte einen der Männer auf dem Feld.
„Bruder.“
Der Bauer richtete sich kurz auf.
„Bruder.“
Ein paar Schritte weiter kam ihnen eine Frau entgegen.
„Schwester.“
„Bruder.“
Kein Titel verriet dabei, wer einen Acker bestellte, wer ein Schwert führte, wer die Lehren des Glaubens verkündete oder wer die arkanen Künste beherrschte.
Hier waren sie Brüder und Schwestern.
Der Bruder führte Thorus und Crovax schließlich an einen ruhigeren Ort und ließ sich ihr Anliegen genauer schildern.
Thorus erklärte, dass sie fürs Erste vor allem einen Platz zum Bleiben suchten.
Crovax ergänzte, dass sie mehr über das Kloster erfahren wollten.
Über die Menschen, die hier lebten.
Und über den Orden der Paladine des Mondes.
Der Bruder hörte aufmerksam zu.
„Dann seid ihr zumindest schon einmal am richtigen Ort.“
Ein leichtes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht.
Sein Blick wechselte zwischen dem Menschen und dem Zwerg.
„Wenn ihr allerdings mehr über unseren Orden und unser Leben erfahren wollt, solltet ihr wohl mit Bruder Tarion sprechen.“
Thorus sah ihn fragend an.
„Bruder Tarion?“
„Das Oberhaupt unseres Klosters.“
Mehr fügte er nicht hinzu.
„Wartet hier.“
Der Mann erhob sich.
„Ich werde sehen, ob er Zeit für euch hat.“
---
Die große Bibliothek gehörte zu den ruhigsten Orten innerhalb des Klosters.
Hohe Regale standen dicht an dicht. Bücher, Schriftrollen und Aufzeichnungen füllten sie, gesammelt über viele Jahre und bewahrt für jene, die nach Wissen suchten.
Nur gelegentlich wurde die Stille vom Umblättern einer Seite oder den leisen Schritten eines Bruders oder einer Schwester unterbrochen.
Hinter der Bibliothek befand sich die Schreibstube.
Dort saß Tarion.
Keine Rüstung bedeckte seine Schultern.
Kein Schwert hing an seiner Seite.
Innerhalb dieser Mauern bestand wenig Grund, den Tag in Stahl gekleidet zu verbringen.
Tarion trug eine schlichte weiße Robe.
Vor ihm lagen mehrere Berichte und Briefe.
Einige waren bereits gelesen und ordentlich an einer Seite des Tisches abgelegt worden. Ein weiteres Schreiben lag unmittelbar vor ihm, daneben ein Tintenfass.
Tarion führte die Feder über das Papier.
Die Führung eines Klosters bestand nur zu einem erstaunlich kleinen Teil daraus, mit gezogenem Schwert gegen die Dunkelheit zu kämpfen.
Vorräte mussten erfasst werden.
Korrespondenz mit dem Königreich wollte beantwortet sein.
Reparaturen mussten geplant werden.
Ernten, Ausgaben und benötigte Materialien verschwanden nicht deshalb, weil der Mann, auf dessen Tisch die entsprechenden Berichte landeten, ein Paladin war.
Tarion setzte gerade seine Unterschrift unter eines der Schriftstücke, als es an der Tür klopfte.
„Herein.“
Die Tür öffnete sich.
Ein Bruder trat ein.
Tarion blickte von seinem Schreiben auf.
„Bruder.“
„Bruder Tarion.“
Der Mann trat einige Schritte näher.
„Verzeih die Störung.“
Tarion legte die Feder neben das Tintenfass.
„Du störst nicht. Was gibt es?“
„Wir haben zwei Gäste.“
Tarion wartete.
„Sie kamen vor kurzer Zeit am Tor an. Ein Mensch und ein Zwerg. Thorus Nerul und Crovax Donnerhall.“
Die Namen sagten ihm nichts.
„Sie baten um Unterkunft. Wir haben ihnen Einlass gewährt.“
Tarion nickte.
„Gut.“
Der Bruder fuhr fort.
„Sie haben in Britain von unserem Kloster erfahren. Und von den Paladinen des Mondes.“
Nun schenkte Tarion ihm seine volle Aufmerksamkeit.
„Was suchen sie?“
„Vorerst wohl nicht mehr als ein Dach über dem Kopf.“
Der Bruder hielt kurz inne.
„Aber sie möchten mehr über uns erfahren. Über den Orden und darüber, wie wir hier leben.“
Tarion blickte für einen Moment auf die Schriftstücke vor sich.
„Verstehe.“
„Ich dachte, sie sollten mit dir sprechen.“
Tarion nickte.
„Das sollen sie.“
Er legte das Schreiben zu den bereits bearbeiteten Schriftstücken und verschloss das Tintenfass.
„Wo sind sie?“
„Ich habe sie warten lassen.“
Tarion erhob sich.
Die übrigen Berichte und Briefe würden auch später noch dort liegen.
Zwei Gäste, die zum ersten Mal innerhalb ihrer Mauern standen, sollten ihren ersten Eindruck vom Kloster hingegen nicht wartend in irgendeinem Raum gewinnen.
„Dann wollen wir unsere Gäste nicht länger allein lassen.“
Tarion trat um den Tisch herum.
Gemeinsam gingen die beiden Brüder durch die große Bibliothek.
Noch bevor sie diese verließen, blieb Tarion jedoch stehen.
„Einen Augenblick, Bruder.“
Der andere Mann sah ihn fragend an.
„Ich möchte zuvor noch etwas holen.“
Tarion schlug nicht unmittelbar den Weg zu den beiden Gästen ein. Stattdessen führte ihn sein Weg zunächst zu seiner eigenen Kammer.
Es wäre leicht gewesen, ihnen so gegenüberzutreten, wie er gerade aus der Schreibstube gekommen war.
In seiner weißen Robe.
Unbewaffnet.
Innerhalb der Mauern seines eigenen Klosters.
Doch Tarion hatte zu viele Jahre im Kampf gegen die Finsternis verbracht, um sich von der scheinbaren Harmlosigkeit einer Situation täuschen zu lassen.
Zwei Fremde standen innerhalb ihrer Mauern.
Sie hatten höflich um Unterkunft gebeten.
Sie hatten keinen Anlass zu Misstrauen gegeben.
Und vielleicht waren sie tatsächlich nichts weiter als genau das, was sie vorgaben zu sein.
Zwei Reisende auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf und Antworten auf einige Fragen.
Tarion hoffte es.
Aber Hoffnung war kein Ersatz für Vorsicht.
Die Finsternis hatte viele Gesichter.
Nicht alle davon zeigten ihre Zähne, bevor sie zuschlugen.
Er hatte in all den Jahren zu oft erlebt, wie etwas Harmloses sich als List erwiesen hatte. Wie Vertrauen ausgenutzt und Gutgläubigkeit gegen jene verwendet worden war, die nur hatten helfen wollen.
Das hatte ihn nicht gelehrt, seine Tür vor Fremden zu verschließen.
Aber es hatte ihn gelehrt, vorbereitet zu sein, wenn er sie öffnete.
In seiner Kammer legte Tarion die weiße Robe ab und griff nach seiner Kettenrüstung.
Das Metall schimmerte in einem hellen Blau, einer der Farben der Paladine des Mondes. Ring für Ring legte sich das Geflecht über seinen Körper.
Darüber befestigte er eine strahlend weiße Schärpe.
An ihr befand sich das Siegel der Paladine des Mondes.
Dann nahm Tarion den Schwertgurt auf.
Die Scheide war ebenso wenig prunkvoll wie die Waffe, die darin ruhte. Kein reich verzierter Griff und keine Edelsteine ließen vermuten, dass das Schwert an der Seite eines hohen Paladins getragen wurde.
Es wirkte beinahe gewöhnlich.
Ein Werkzeug.
Nicht mehr.
Tarion legte den Gurt an und ließ die Scheide an seiner Seite zur Ruhe kommen.
Zuletzt nahm er den weißen Umhang.
Der Stoff fiel über seine Schultern und bildete einen deutlichen Kontrast zum metallischen Blau der Kettenrüstung.
Blau und Weiß.
Die Farben des Ordens.
Tarion betrachtete sich nicht im Spiegel.
Es gab keinen Grund dazu.
Er wusste, wie die Rüstung saß.
Er hatte sie oft genug getragen.
Dann öffnete er die Tür.
„Wir können.“
Der Bruder wartete noch immer auf ihn.
Sein Blick fiel kurz auf die Rüstung, doch er stellte keine Frage.
Auch das gehörte zu diesem Ort.
Wer lange genug mit Männern und Frauen zusammenlebte, die gegen die Finsternis kämpften, lernte, dass Vorsicht keine Beleidigung eines Gastes sein musste.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
---
Thorus und Crovax mussten nicht lange warten.
Schritte näherten sich.
Der Bruder, der sie zuvor verlassen hatte, erschien wieder.
Doch diesmal kam er nicht allein.
Neben ihm ging ein Mann in einer hellblau schimmernden Kettenrüstung.
Ein strahlend weißer Umhang lag über seinen Schultern. Über der Rüstung verlief eine ebenso weiße Schärpe, an der das Siegel der Paladine des Mondes zu erkennen war.
An seiner Seite hing ein Schwert.
Wer aufgrund der übrigen Erscheinung eine prachtvolle Waffe erwartet hätte, mochte davon überrascht sein.
Das Schwert wirkte schlicht.
Fast gewöhnlich.
Tarion trat zu den beiden Fremden.
Sein Blick wanderte zunächst zu Thorus, dann zu Crovax.
Aufmerksam.
Nicht feindselig.
Aber auch nicht achtlos.
Dann wandte er sich zuerst an seinen Begleiter.
„Danke, Bruder.“
Der Mann nickte.
„Natürlich, Bruder Tarion.“
„Ich kümmere mich um unsere Gäste. Geh ruhig wieder deinen Aufgaben nach.“
„Wie du wünschst.“
Tarion sah ihm einen Moment nach, während der Bruder sich entfernte.
Erst dann wandte er seine ungeteilte Aufmerksamkeit den beiden Fremden zu.
Für einen kurzen Augenblick herrschte Stille.
Tarion ließ seinen Blick noch einmal über beide Männer gleiten.
Ein Mensch.
Ein Zwerg.
Zwei Namen, die ihm bis vor wenigen Augenblicken vollkommen unbekannt gewesen waren.
Dann neigte er leicht den Kopf.
„Das Licht mit euch.“
Seine Stimme war ruhig.
„Mein Name ist Tarion Rontre. Die Brüder und Schwestern hier nennen mich Bruder Tarion.“
Er deutete mit einer offenen Hand auf die Plätze vor ihnen.
„Wie ich hörte, seid ihr Thorus Nerul und Crovax Donnerhall.“
Sein Blick wechselte zwischen ihnen.
„Man sagte mir, ihr sucht für eine Weile Unterkunft bei uns.“
Tarion nahm ihnen gegenüber Platz.
Die Scheide seines Schwertes legte sich dabei seitlich an den Stuhl.
„Und ihr möchtet etwas über unseren Orden erfahren.“
Er lehnte sich leicht zurück.
Nicht wie ein Richter, der zwei Bittsteller vor sich hatte.
Eher wie ein Mann, der sich Zeit genommen hatte, zwei Fremden zuzuhören.
„Dann erzählt mir zunächst von euch.“
Tarion sah die beiden ruhig an.
„Was hat euch zu uns geführt?“
Und dann schwieg er.
Nicht, weil ihm weitere Fragen fehlten.
Sondern weil es nun an der Zeit war, zuzuhören.
Unweit der Hauptstadt Britain durchschnitt ein schmaler Pass das Gebirge.
Wer ihn erreichen wollte, musste den kleinen Wald hinter dem Friedhof der Hauptstadt durchqueren. Dahinter stieg das Land allmählich an, bis die bewaldeten Hänge den ersten schroffen Felsen wichen und der Weg schließlich zwischen den Bergen hindurchführte.
Dort lag das Kloster.
Schon seine Lage machte deutlich, dass dieser Ort nicht allein für Gebet und Einkehr geschaffen worden war. Massive Mauern schlossen das Klostergelände gegen den Pass ab und verbanden sich an mehreren Stellen beinahe mit dem natürlichen Fels. Wehrgänge verliefen entlang der Befestigungen. Von dort aus ließ sich der Zugang zum Pass ebenso gut überblicken wie der Weg, der aus Richtung Britain heraufführte.
Der Schutz des Klosters lag in den Händen des Ordens selbst.
Wachen patrouillierten auf den Mauern. Bogenschützen hielten von erhöhten Positionen aus den Pass im Blick, während weitere Brüder und Schwestern das große Tor sicherten.
Nicht jeder, der hier eine Waffe trug, war ein Paladin oder Kleriker.
Das musste er auch nicht sein.
Unter den Verteidigern des Klosters fanden sich einfache Kämpfer ebenso wie erfahrene Bogenschützen. Selbst der eine oder andere Magier hatte seinen Platz innerhalb der Gemeinschaft gefunden.
Sie alle dienten demselben Ort.
Und sollte es notwendig werden, würden sie ihn gemeinsam verteidigen.
Doch wer aus Richtung der Hauptstadt kam, begegnete zunächst nicht den Mauern des Klosters.
Am Weg davor stand eine Kirche.
Anders als das eigentliche Kloster lag sie außerhalb der Befestigungen und ihre Türen standen den Menschen Britains und jedem friedlichen Reisenden offen. Niemand musste Bruder oder Schwester des Klosters sein, um dort zu beten, eine Kerze zu entzünden oder den Rat eines Geistlichen zu suchen.
An ihren Mauern war weithin sichtbar das Zeichen Tyraels angebracht.
Es ließ keinen Zweifel daran, welchem Glauben dieser Ort verbunden war.
Die Mauern schützten die Gemeinschaft.
Nicht den Zugang zum Glauben.
An diesem Tag waren es zwei Fremde, die schließlich vor das bewachte Tor des Klosters traten.
Thorus Nerul, ein Mensch.
Und Crovax Donnerhall, ein Zwerg.
Die Wachen hatten sie bereits lange vor ihrer Ankunft kommen sehen. Dennoch wurden weder Waffen gezogen noch Warnrufe über die Mauern geschickt.
Einer der Brüder am Tor trat ihnen entgegen.
„Das Licht mit euch.“
Sein Blick wanderte aufmerksam über die beiden Reisenden.
„Was führt euch zu unserem Kloster?“
Ihr Anliegen war zunächst bescheiden.
Sie suchten eine Unterkunft.
Einen Ort, an dem sie vorerst bleiben konnten.
Doch es war nicht allein die Aussicht auf ein Dach über dem Kopf, die sie bis hierher geführt hatte. In Britain hatten sie vom Orden der Paladine des Mondes erfahren. Nun wollten sie mehr über jene Gemeinschaft erfahren, die hinter diesen Mauern lebte.
Wer waren diese Paladine?
Welchem Leben hatten sie sich verschrieben?
Und wie sah das Leben an diesem Ort aus?
Der Bruder hörte sich ihr Gesuch an und stellte einige Fragen danach, was sie nach Britain und schließlich zum Kloster geführt hatte.
Es war keine Befragung, wie sie ein Gefangener über sich hätte ergehen lassen müssen.
Doch ein befestigtes Kloster konnte seine Tore ebenso wenig jedem Fremden öffnen, ohne wenigstens zu erfahren, wem es Einlass gewährte.
Schließlich nickte der Mann.
„Dann kommt herein.“
Auf sein Zeichen hin wurde das Tor geöffnet.
„Wer in Frieden an unsere Tore kommt und um ein Dach bittet, soll seine Bitte nicht davor vortragen müssen.“
Thorus und Crovax überschritten die Schwelle.
Hinter ihnen schloss sich das Tor wieder.
---
Erst innerhalb der Mauern offenbarte sich, dass hinter den Befestigungen weit mehr lag als ein Sitz von Priestern und Paladinen.
Das Kloster war eine kleine Gemeinschaft für sich.
Zwischen den steinernen Gebäuden verliefen Wege und kleine Gassen. Aus einer geöffneten Werkstatt drang das regelmäßige Schlagen eines Hammers. An anderer Stelle wurden Vorräte getragen, Werkzeuge instand gesetzt oder die alltäglichen Arbeiten verrichtet, die nötig waren, damit ein Ort wie dieser bestehen konnte.
Brüder und Schwestern kümmerten sich um die Gebäude und Befestigungen. Andere gingen ihren Wachdiensten nach. Auf den Wehrgängen bewegten sich Bogenschützen entlang der Mauern, während am Tor jene wachten, die Thorus und Crovax bereits bei ihrer Ankunft gesehen hatten.
Paladine und Priester waren dabei nur ein Teil dieser Gemeinschaft.
Hier lebten Kämpfer und Bogenschützen.
Magier.
Handwerker.
Bauern.
Geistliche.
Und Menschen, deren Aufgabe vielleicht weniger leicht an ihrer Kleidung zu erkennen war.
Jeder trug auf seine Weise zum Leben innerhalb dieser Mauern bei.
Der Bruder führte die beiden weiter durch das Kloster.
Erst als sie tiefer in die Anlage gelangten, öffnete sich vor ihnen der hintere Klosterhof.
Hier änderte sich das Bild.
Eingerahmt von den Gebäuden des Klosters und geschützt durch die umliegenden Felsen des Gebirges erstreckten sich die Ackerflächen der Gemeinschaft.
Die Lage machte diesen Teil des Klosters von außen beinahe uneinsehbar. Während die vorderen Mauern den Zugang durch den Pass sicherten, bildete das Gebirge selbst einen natürlichen Schutz um die rückwärtigen Flächen.
Hier wurde angebaut, was die Gemeinschaft zum Leben benötigte.
Die Felder waren groß genug, um die Bewohner des Klosters zu versorgen und in guten Zeiten zusätzliche Vorräte für den Winter oder andere Notzeiten anzulegen.
Mehr sollten sie auch nicht leisten.
Die Ernte war nicht für die Märkte Britains bestimmt.
Das Kloster betrieb keinen Handel mit seinen Feldern.
Was hier wuchs, blieb innerhalb der Gemeinschaft und diente jenen, die sie trugen.
Einige Brüder und Schwestern arbeiteten zwischen den Reihen. Andere waren damit beschäftigt, bereits Geerntetes in Körben fortzutragen.
Der Bruder grüßte einen der Männer auf dem Feld.
„Bruder.“
Der Bauer richtete sich kurz auf.
„Bruder.“
Ein paar Schritte weiter kam ihnen eine Frau entgegen.
„Schwester.“
„Bruder.“
Kein Titel verriet dabei, wer einen Acker bestellte, wer ein Schwert führte, wer die Lehren des Glaubens verkündete oder wer die arkanen Künste beherrschte.
Hier waren sie Brüder und Schwestern.
Der Bruder führte Thorus und Crovax schließlich an einen ruhigeren Ort und ließ sich ihr Anliegen genauer schildern.
Thorus erklärte, dass sie fürs Erste vor allem einen Platz zum Bleiben suchten.
Crovax ergänzte, dass sie mehr über das Kloster erfahren wollten.
Über die Menschen, die hier lebten.
Und über den Orden der Paladine des Mondes.
Der Bruder hörte aufmerksam zu.
„Dann seid ihr zumindest schon einmal am richtigen Ort.“
Ein leichtes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht.
Sein Blick wechselte zwischen dem Menschen und dem Zwerg.
„Wenn ihr allerdings mehr über unseren Orden und unser Leben erfahren wollt, solltet ihr wohl mit Bruder Tarion sprechen.“
Thorus sah ihn fragend an.
„Bruder Tarion?“
„Das Oberhaupt unseres Klosters.“
Mehr fügte er nicht hinzu.
„Wartet hier.“
Der Mann erhob sich.
„Ich werde sehen, ob er Zeit für euch hat.“
---
Die große Bibliothek gehörte zu den ruhigsten Orten innerhalb des Klosters.
Hohe Regale standen dicht an dicht. Bücher, Schriftrollen und Aufzeichnungen füllten sie, gesammelt über viele Jahre und bewahrt für jene, die nach Wissen suchten.
Nur gelegentlich wurde die Stille vom Umblättern einer Seite oder den leisen Schritten eines Bruders oder einer Schwester unterbrochen.
Hinter der Bibliothek befand sich die Schreibstube.
Dort saß Tarion.
Keine Rüstung bedeckte seine Schultern.
Kein Schwert hing an seiner Seite.
Innerhalb dieser Mauern bestand wenig Grund, den Tag in Stahl gekleidet zu verbringen.
Tarion trug eine schlichte weiße Robe.
Vor ihm lagen mehrere Berichte und Briefe.
Einige waren bereits gelesen und ordentlich an einer Seite des Tisches abgelegt worden. Ein weiteres Schreiben lag unmittelbar vor ihm, daneben ein Tintenfass.
Tarion führte die Feder über das Papier.
Die Führung eines Klosters bestand nur zu einem erstaunlich kleinen Teil daraus, mit gezogenem Schwert gegen die Dunkelheit zu kämpfen.
Vorräte mussten erfasst werden.
Korrespondenz mit dem Königreich wollte beantwortet sein.
Reparaturen mussten geplant werden.
Ernten, Ausgaben und benötigte Materialien verschwanden nicht deshalb, weil der Mann, auf dessen Tisch die entsprechenden Berichte landeten, ein Paladin war.
Tarion setzte gerade seine Unterschrift unter eines der Schriftstücke, als es an der Tür klopfte.
„Herein.“
Die Tür öffnete sich.
Ein Bruder trat ein.
Tarion blickte von seinem Schreiben auf.
„Bruder.“
„Bruder Tarion.“
Der Mann trat einige Schritte näher.
„Verzeih die Störung.“
Tarion legte die Feder neben das Tintenfass.
„Du störst nicht. Was gibt es?“
„Wir haben zwei Gäste.“
Tarion wartete.
„Sie kamen vor kurzer Zeit am Tor an. Ein Mensch und ein Zwerg. Thorus Nerul und Crovax Donnerhall.“
Die Namen sagten ihm nichts.
„Sie baten um Unterkunft. Wir haben ihnen Einlass gewährt.“
Tarion nickte.
„Gut.“
Der Bruder fuhr fort.
„Sie haben in Britain von unserem Kloster erfahren. Und von den Paladinen des Mondes.“
Nun schenkte Tarion ihm seine volle Aufmerksamkeit.
„Was suchen sie?“
„Vorerst wohl nicht mehr als ein Dach über dem Kopf.“
Der Bruder hielt kurz inne.
„Aber sie möchten mehr über uns erfahren. Über den Orden und darüber, wie wir hier leben.“
Tarion blickte für einen Moment auf die Schriftstücke vor sich.
„Verstehe.“
„Ich dachte, sie sollten mit dir sprechen.“
Tarion nickte.
„Das sollen sie.“
Er legte das Schreiben zu den bereits bearbeiteten Schriftstücken und verschloss das Tintenfass.
„Wo sind sie?“
„Ich habe sie warten lassen.“
Tarion erhob sich.
Die übrigen Berichte und Briefe würden auch später noch dort liegen.
Zwei Gäste, die zum ersten Mal innerhalb ihrer Mauern standen, sollten ihren ersten Eindruck vom Kloster hingegen nicht wartend in irgendeinem Raum gewinnen.
„Dann wollen wir unsere Gäste nicht länger allein lassen.“
Tarion trat um den Tisch herum.
Gemeinsam gingen die beiden Brüder durch die große Bibliothek.
Noch bevor sie diese verließen, blieb Tarion jedoch stehen.
„Einen Augenblick, Bruder.“
Der andere Mann sah ihn fragend an.
„Ich möchte zuvor noch etwas holen.“
Tarion schlug nicht unmittelbar den Weg zu den beiden Gästen ein. Stattdessen führte ihn sein Weg zunächst zu seiner eigenen Kammer.
Es wäre leicht gewesen, ihnen so gegenüberzutreten, wie er gerade aus der Schreibstube gekommen war.
In seiner weißen Robe.
Unbewaffnet.
Innerhalb der Mauern seines eigenen Klosters.
Doch Tarion hatte zu viele Jahre im Kampf gegen die Finsternis verbracht, um sich von der scheinbaren Harmlosigkeit einer Situation täuschen zu lassen.
Zwei Fremde standen innerhalb ihrer Mauern.
Sie hatten höflich um Unterkunft gebeten.
Sie hatten keinen Anlass zu Misstrauen gegeben.
Und vielleicht waren sie tatsächlich nichts weiter als genau das, was sie vorgaben zu sein.
Zwei Reisende auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf und Antworten auf einige Fragen.
Tarion hoffte es.
Aber Hoffnung war kein Ersatz für Vorsicht.
Die Finsternis hatte viele Gesichter.
Nicht alle davon zeigten ihre Zähne, bevor sie zuschlugen.
Er hatte in all den Jahren zu oft erlebt, wie etwas Harmloses sich als List erwiesen hatte. Wie Vertrauen ausgenutzt und Gutgläubigkeit gegen jene verwendet worden war, die nur hatten helfen wollen.
Das hatte ihn nicht gelehrt, seine Tür vor Fremden zu verschließen.
Aber es hatte ihn gelehrt, vorbereitet zu sein, wenn er sie öffnete.
In seiner Kammer legte Tarion die weiße Robe ab und griff nach seiner Kettenrüstung.
Das Metall schimmerte in einem hellen Blau, einer der Farben der Paladine des Mondes. Ring für Ring legte sich das Geflecht über seinen Körper.
Darüber befestigte er eine strahlend weiße Schärpe.
An ihr befand sich das Siegel der Paladine des Mondes.
Dann nahm Tarion den Schwertgurt auf.
Die Scheide war ebenso wenig prunkvoll wie die Waffe, die darin ruhte. Kein reich verzierter Griff und keine Edelsteine ließen vermuten, dass das Schwert an der Seite eines hohen Paladins getragen wurde.
Es wirkte beinahe gewöhnlich.
Ein Werkzeug.
Nicht mehr.
Tarion legte den Gurt an und ließ die Scheide an seiner Seite zur Ruhe kommen.
Zuletzt nahm er den weißen Umhang.
Der Stoff fiel über seine Schultern und bildete einen deutlichen Kontrast zum metallischen Blau der Kettenrüstung.
Blau und Weiß.
Die Farben des Ordens.
Tarion betrachtete sich nicht im Spiegel.
Es gab keinen Grund dazu.
Er wusste, wie die Rüstung saß.
Er hatte sie oft genug getragen.
Dann öffnete er die Tür.
„Wir können.“
Der Bruder wartete noch immer auf ihn.
Sein Blick fiel kurz auf die Rüstung, doch er stellte keine Frage.
Auch das gehörte zu diesem Ort.
Wer lange genug mit Männern und Frauen zusammenlebte, die gegen die Finsternis kämpften, lernte, dass Vorsicht keine Beleidigung eines Gastes sein musste.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
---
Thorus und Crovax mussten nicht lange warten.
Schritte näherten sich.
Der Bruder, der sie zuvor verlassen hatte, erschien wieder.
Doch diesmal kam er nicht allein.
Neben ihm ging ein Mann in einer hellblau schimmernden Kettenrüstung.
Ein strahlend weißer Umhang lag über seinen Schultern. Über der Rüstung verlief eine ebenso weiße Schärpe, an der das Siegel der Paladine des Mondes zu erkennen war.
An seiner Seite hing ein Schwert.
Wer aufgrund der übrigen Erscheinung eine prachtvolle Waffe erwartet hätte, mochte davon überrascht sein.
Das Schwert wirkte schlicht.
Fast gewöhnlich.
Tarion trat zu den beiden Fremden.
Sein Blick wanderte zunächst zu Thorus, dann zu Crovax.
Aufmerksam.
Nicht feindselig.
Aber auch nicht achtlos.
Dann wandte er sich zuerst an seinen Begleiter.
„Danke, Bruder.“
Der Mann nickte.
„Natürlich, Bruder Tarion.“
„Ich kümmere mich um unsere Gäste. Geh ruhig wieder deinen Aufgaben nach.“
„Wie du wünschst.“
Tarion sah ihm einen Moment nach, während der Bruder sich entfernte.
Erst dann wandte er seine ungeteilte Aufmerksamkeit den beiden Fremden zu.
Für einen kurzen Augenblick herrschte Stille.
Tarion ließ seinen Blick noch einmal über beide Männer gleiten.
Ein Mensch.
Ein Zwerg.
Zwei Namen, die ihm bis vor wenigen Augenblicken vollkommen unbekannt gewesen waren.
Dann neigte er leicht den Kopf.
„Das Licht mit euch.“
Seine Stimme war ruhig.
„Mein Name ist Tarion Rontre. Die Brüder und Schwestern hier nennen mich Bruder Tarion.“
Er deutete mit einer offenen Hand auf die Plätze vor ihnen.
„Wie ich hörte, seid ihr Thorus Nerul und Crovax Donnerhall.“
Sein Blick wechselte zwischen ihnen.
„Man sagte mir, ihr sucht für eine Weile Unterkunft bei uns.“
Tarion nahm ihnen gegenüber Platz.
Die Scheide seines Schwertes legte sich dabei seitlich an den Stuhl.
„Und ihr möchtet etwas über unseren Orden erfahren.“
Er lehnte sich leicht zurück.
Nicht wie ein Richter, der zwei Bittsteller vor sich hatte.
Eher wie ein Mann, der sich Zeit genommen hatte, zwei Fremden zuzuhören.
„Dann erzählt mir zunächst von euch.“
Tarion sah die beiden ruhig an.
„Was hat euch zu uns geführt?“
Und dann schwieg er.
Nicht, weil ihm weitere Fragen fehlten.
Sondern weil es nun an der Zeit war, zuzuhören.