I. Die Theorie – Was unterscheidet einen Vampir von einem gewöhnlichen Untoten?
Das neue Labor unter Britain hatte seinen eigentlichen Zweck bislang kaum erfüllt. Zwar standen die Regale inzwischen voller Bücher, Phiolen und sorgfältig beschrifteter Gefäße, die Instrumente lagen auf schwarzem Tuch bereit und selbst die kalte Kammer enthielt bereits die ersten Präparate, doch der steinerne Tisch im Zentrum des Gewölbes war an diesem Abend leer. Shezar hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Noch fehlte ihm etwas Grundlegenderes als ein geeigneter Körper.
Auf seinem Schreibtisch lagen jene Unterlagen, die er aus dem Turm hatte bringen lassen. Einige Pergamente waren an den Rändern bereits dunkel geworden, andere trugen Flecken von Wachs oder Reagenzien und manche waren so oft beschrieben, korrigiert und erneut beschrieben worden, dass zwischen den ursprünglichen Zeilen kaum noch Platz für weitere Anmerkungen geblieben war. Daneben lagen Abschriften älterer Abhandlungen über das arkane Gewebe und mehrere Werke über Tod, Geist und Totenbeschwörung. Shezar hatte sie in den vergangenen Nächten erneut gelesen, manche Abschnitte mehrfach. Nicht weil ihm ihr Inhalt unbekannt gewesen wäre, sondern weil er nach etwas suchte, das zwischen all den bekannten Erklärungen bislang keinen Namen besaß.
Er zog eines der älteren Pergamente aus dem Stapel und legte es vor sich. Darauf befand sich eine Zeichnung, die er vor langer Zeit angefertigt hatte: ein menschlicher Umriss, umgeben von mehreren Kreisen und Linien. Neben dem Kopf stand Geist, nahe der Brust Seele, darunter Leib. Eine Linie verband die Begriffe miteinander. Shezar betrachtete die Darstellung eine Weile, nahm dann die Feder und strich die Linie durch.
Zu einfach.
Er legte ein frisches Blatt daneben und begann erneut.
Dieses Mal zeichnete er keinen Menschen. In die Mitte des Pergaments setzte er einen kleinen Kreis. Einen zweiten daneben, einen dritten darunter. Weitere folgten. Leib. Geist. Seele. Wille. Erinnerung. Lebenskraft. Arkane Verbindung. Manche Begriffe versah er mit einem Fragezeichen. Dann zog er die ersten Linien zwischen ihnen. Die Seele verband er zunächst mit dem Geist, hielt inne und ergänzte eine weitere Verbindung zum Leib. Erinnerung verband er mit Geist und Seele, strich die Verbindung zur Seele jedoch kurz darauf wieder durch und setzte stattdessen ein Fragezeichen daneben.
Das Ergebnis wurde mit jeder Ergänzung unübersichtlicher.
Gerade deshalb erschien es ihm brauchbarer als die alte Darstellung.
Die Schriften über das arkane Gewebe beschrieben eine Existenz nicht als einen einzelnen Punkt. Alles, was bestand, besaß darin seine Verbindungen; größere Gefüge bestanden wiederum aus kleineren Gefügen, miteinander verwoben und durch zahllose Ströme verbunden. Ein denkendes Wesen musste daher weitaus mehr sein als ein einzelner Knoten, den man lösen und anschließend wieder befestigen konnte.
Shezar lehnte sich zurück und betrachtete seine Zeichnung.
Das matte Licht der Öllampe lag gelb auf dem Pergament. Hinter ihm verschwanden die Regale im Halbdunkel des Gewölbes, und nur gelegentlich durchbrach das leise Tropfen von Wasser irgendwo jenseits der Mauer die Stille. Von Britain war nichts zu hören. Die Schutzstrukturen erfüllten ihren Zweck. Die Stadt lag unmittelbar über ihm und hätte ebenso gut eine Meile entfernt sein können.
Er griff nach einem der Bücher.
Die Seele, so die darin vertretene Lehre, ließ sich nicht erschaffen. Man konnte keinen leeren Leib nehmen und ihm aus bloßer Magie eine neue Seele geben. Wenn dies zutraf, musste die Totenbeschwörung auf etwas zurückgreifen, das bereits vorhanden war oder fortbestand. Doch bereits an diesem Punkt begann die Sicherheit zu enden. Was genau geschah in jenem Augenblick, den man Tod nannte? Wurde eine Verbindung vollständig gelöst? Wurde sie lediglich verändert? Was blieb im Körper zurück, was bestand außerhalb von ihm fort, und welche Teile davon vermochte ein Nekromant tatsächlich wieder an diese Welt zu binden?
Shezar schlug das Buch zu.
Er schrieb an den Rand seines Pergaments:
Tod – Auflösung oder Veränderung des Gefüges?
Darunter setzte er:
Ungeklärt.
Das Wort blieb stehen.
Er nahm eine der bereits vorbereiteten Tafeln von der Wand und stellte sie auf die freie Seite seines Schreibtisches. Sie zeigte drei schematische Darstellungen nebeneinander: Körper, Geist und Seele. Shezar betrachtete sie nur kurz, ehe er eine zweite Tafel danebenstellte. Auf dieser waren verschiedene Formen eines Wesens gegenübergestellt worden. Ein Lebender, ein gewöhnlicher Untoter und ein Vampir. Zwischen den gezeichneten Körpern verliefen unterschiedlich dichte Linien und Knoten.
Bislang hatte ihn an der ersten Darstellung etwas gestört.
Nun erkannte er, was es war.
Sie behandelte die Totenbeschwörung zu sehr als Wiederherstellung des Körpers.
Shezar nahm ein weiteres Blatt und zeichnete das Geflecht des Lebenden erneut. Dieses Mal bestand es aus zahlreichen miteinander verbundenen Kreisen. Einige Verbindungen waren kräftig, andere dünn. Es spielte zunächst keine Rolle, ob diese Darstellung der Wirklichkeit vollkommen entsprach. Sie sollte ihm lediglich ermöglichen, seine Gedanken zu ordnen.
Daneben zeichnete er dasselbe Geflecht ein zweites Mal.
Dann ließ er mehrere Verbindungen fort.
Einige Knoten standen nun voneinander getrennt. Andere verschwanden vollständig.
Über die Zeichnung schrieb er:
Tod.
Die dritte Darstellung erforderte mehr Überlegung. Shezar setzte einige der zuvor getrennten Knoten erneut miteinander in Verbindung, jedoch nicht alle. Manche Linien endeten im Nichts. Andere verband er auf eine Weise, die im ursprünglichen Geflecht nicht vorhanden gewesen war.
Darüber schrieb er:
Untoter.
Er legte die Feder beiseite.
Ein Zombie konnte gehen. Er konnte greifen, beißen und auf einen Befehl reagieren. Ein Skelett konnte eine Waffe führen. Andere Untote zeigten bisweilen mehr: Gewohnheiten, Instinkte, einzelne Erinnerungen oder einen Willen, der zumindest stark genug war, Widerstand zu leisten. All dies bewies jedoch lediglich, dass etwas vorhanden war. Es bewies nicht, dass das ursprüngliche Wesen vollständig zurückgekehrt war.
Shezar zog das erste Pergament wieder heran und schrieb unter seine frühere Definition von Nekromantie:
Nekromantie belebt den toten Leib.
Er betrachtete den Satz.
Dann zog er langsam einen Strich hindurch.
Daneben schrieb er:
Nekromantie stellt Bindungen wieder her.
Auch diese Formulierung gefiel ihm nicht.
Er ergänzte ein Wort.
Nekromantie versucht, Bindungen wiederherzustellen.
Damit konnte er vorerst leben.
Denn selbst diese Aussage blieb eine Annahme. Vielleicht band der Nekromant tatsächlich die ursprüngliche Seele erneut an die Welt. Vielleicht erfasste er lediglich Teile von ihr. Vielleicht entstanden manche Untote durch einen gänzlich anderen Vorgang. Gerade die Vielzahl untoter Erscheinungsformen machte jede allgemeingültige Erklärung verdächtig.
Doch das Modell erklärte zumindest etwas, das Shezar seit Langem beschäftigte.
Die Unvollkommenheit.
Wenn der Tod ein komplexes Gefüge auseinanderbrach und die Nekromantie lediglich Teile davon wieder miteinander verband, musste ein gewöhnlicher Untoter zwangsläufig ein Fragment sein. Nicht unbedingt seelenlos. Nicht unbedingt geistlos. Nicht einmal zwingend ohne Erinnerung. Aber unvollständig.
Shezar zog die dritte Zeichnung näher heran und ergänzte einige der unterbrochenen Linien. Dann wieder andere. Mit jeder Veränderung entstand ein anderes denkbares Wesen. Eines besaß vielleicht Bewegung, aber keinen Willen. Ein anderes Erinnerung, aber kaum Verstand. Ein drittes einen Willen, aber keine Erinnerung an das Leben, aus dem es hervorgegangen war.
Er hielt inne.
Dann nahm er ein neues Blatt.
Oben darauf schrieb er nur einen Satz:
Nicht die Wiederbelebung des Körpers ist das eigentliche Problem der Nekromantie. Das Problem ist die Qualität und Vollständigkeit der Bindung.
Shezar legte die Feder ab und las die Worte zweimal.
Eine Arbeitsthese. Nicht mehr.
Doch zum ersten Mal seit Beginn seiner erneuten Beschäftigung mit dem Thema hatte das Problem eine Form angenommen.
Sein Blick wanderte zur zweiten Tafel.
Zum Vampir.
Er zog sie näher an die Lampe.
Auch ein Vampir war tot. Gerade darin lag der Widerspruch. Ein gewöhnlicher Leichnam, der durch Nekromantie zurückgerufen wurde, war oftmals nur ein Schatten dessen, was er zu Lebzeiten gewesen war. Seine Bewegungen konnten schwerfällig sein, sein Verstand eingeschränkt, seine Erinnerungen fragmentarisch und sein Wille schwach oder leicht zu beherrschen.
Ein Vampir dagegen konnte beobachten.
Lernen.
Planen.
Täuschen.
Er konnte über Jahre hinweg Entscheidungen treffen, Beziehungen eingehen, Feindschaften pflegen und seine eigene Existenz schützen. Was auch immer nach dem Tod in ihm fortbestand, es genügte, um eine geistige Kontinuität hervorzubringen, die einem gewöhnlichen Untoten fehlte.
Shezar nahm die Feder wieder auf.
Neben die Darstellung des Vampirs schrieb er:
Stärkere Bindung?
Darunter:
Vollständigere Bindung?
Er wartete einen Augenblick.
Anderer Anker?
Noch eine Zeile.
Blut?
Die Spitze der Feder verharrte über dem Pergament.
Er kannte die Bedeutung des Blutes für Vampire gut genug, um den Gedanken nicht als bloßen Zufall abzutun. Dennoch zog er keinen Kreis darum. Noch war es nur eine Möglichkeit.
Eigene Erhaltung des Gefüges?
Dann:
Keine Rückbindung – Veränderung?
Bei dieser letzten Zeile hielt er länger inne.
Vielleicht lag genau dort der Fehler seiner bisherigen Überlegung. Vielleicht war ein Vampir überhaupt kein besonders gelungenes Beispiel dessen, was ein Nekromant bei einem Zombie versuchte. Vielleicht wurde beim Vampir nichts vollständig wiederhergestellt. Vielleicht entstand im Augenblick seiner Erhebung ein neues Gefüge, das lediglich genügend Teile des früheren Wesens bewahrte, um Kontinuität vorzutäuschen.
Oder vielleicht war auch diese Vorstellung falsch.
Shezar strich nichts davon durch.
Zum ersten Mal an diesem Abend standen mehrere widersprüchliche Möglichkeiten nebeneinander, ohne dass er das Bedürfnis verspürte, eine davon sofort zu verwerfen.
Er nahm eine dritte Tafel hinzu. Darauf waren Runen und vereinfachte Strukturmuster aufgezeichnet worden: Bindung, Stabilisierung, Dämpfung und Kontrolle. Darunter befanden sich mehrere miteinander verschlungene Geflechte, die verschiedene Grade einer gedachten Rückbindung darstellen sollten. Shezar stellte die Tafel zwischen das Modell des gewöhnlichen Untoten und jenes des Vampirs.
Sein Blick wechselte zwischen den Darstellungen.
Zombie.
Vampir.
Beide tot.
Und dennoch lagen zwischen ihnen Welten.
Wenn seine Arbeitsthese zutraf, musste sich dieser Unterschied irgendwo wiederfinden. In der Art ihrer Bindung. In der Beschaffenheit ihres arkanen Gefüges. In dessen Energiefluss. Vielleicht in einem Bestandteil, den seine Zeichnungen bislang überhaupt nicht berücksichtigten.
Er nahm das Pergament mit dem Zombie und zeichnete daneben die vereinfachte Struktur eines Vampirs. Anders als zuvor setzte er dessen Linien jedoch nicht vollständig.
Stattdessen ließ er Lücken.
Absichtlich.
Neben eine davon schrieb er:
Ursprung des Willens?
Neben eine zweite:
Erinnerung oder Prägung?
An die dritte:
Erhaltung ohne Leben?
Und unmittelbar unter die Zeichnung:
Blut – Nahrung, Träger oder Anker?
Das letzte Wort unterstrich er einmal.
Anschließend legte Shezar beide Hände auf die Kante des Schreibtisches und betrachtete die Arbeit der vergangenen Stunden. Die Antwort war nicht näher gerückt. Im Gegenteil. Wo zuvor eine einzelne Frage gestanden hatte, befand sich nun beinahe ein Dutzend.
Doch die Fragen waren besser geworden.
Das genügte.
Er zog ein letztes frisches Pergament aus dem Stapel und schrieb oben in sauberer Schrift:
Was unterscheidet die arkane Bindungsstruktur eines Vampirs von der eines gewöhnlichen Untoten?
Darunter ließ er etwas Platz.
Dann folgte eine zweite Frage:
Lässt sich die außergewöhnliche Stabilität einer vampirischen Existenz künstlich reproduzieren?
Shezar betrachtete die Worte lange. Die zweite Frage ging weiter als die erste. Vielleicht zu weit. Ohne zu wissen, was er überhaupt nachbilden wollte, war jeder praktische Versuch wenig mehr als blindes Herantasten.
Also setzte er darunter eine dritte, kleinere Zeile:
Zunächst beobachten. Dann vergleichen. Erst danach verändern.
Die Feder fand zurück in das Tintenfass.
Noch immer war der große Steintisch hinter ihm leer. Kein Körper lag darauf, keine Beschwörung störte die gedämpfte Stille des Gewölbes und kein Zauber erfüllte die Luft. Lediglich Pergamente bedeckten den Schreibtisch, und zwischen ihnen standen die Tafeln mit ihren unvollständigen Geflechten.
Shezar nahm schließlich die Darstellung des Vampirs von ihrem Platz und stellte sie unmittelbar vor sich.
Unter das unfertige Geflecht schrieb er noch eine letzte Frage.
Vampir – stabile Rückbindung oder grundsätzlich andere Struktur?
Dieses Mal fügte er nichts hinzu.
Über ihm schlief Britain, während tief unter seinen Straßen ein Problem auf einem Stück Pergament erstmals eine klare Form angenommen hatte.
Die eigentliche Forschung konnte beginnen.

[b]I. Die Theorie – Was unterscheidet einen Vampir von einem gewöhnlichen Untoten?[/b]
Das neue Labor unter Britain hatte seinen eigentlichen Zweck bislang kaum erfüllt. Zwar standen die Regale inzwischen voller Bücher, Phiolen und sorgfältig beschrifteter Gefäße, die Instrumente lagen auf schwarzem Tuch bereit und selbst die kalte Kammer enthielt bereits die ersten Präparate, doch der steinerne Tisch im Zentrum des Gewölbes war an diesem Abend leer. Shezar hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Noch fehlte ihm etwas Grundlegenderes als ein geeigneter Körper.
[img]https://s1.directupload.eu/images/260909/zx8cycku.png[/img]
Auf seinem Schreibtisch lagen jene Unterlagen, die er aus dem Turm hatte bringen lassen. Einige Pergamente waren an den Rändern bereits dunkel geworden, andere trugen Flecken von Wachs oder Reagenzien und manche waren so oft beschrieben, korrigiert und erneut beschrieben worden, dass zwischen den ursprünglichen Zeilen kaum noch Platz für weitere Anmerkungen geblieben war. Daneben lagen Abschriften älterer Abhandlungen über das arkane Gewebe und mehrere Werke über Tod, Geist und Totenbeschwörung. Shezar hatte sie in den vergangenen Nächten erneut gelesen, manche Abschnitte mehrfach. Nicht weil ihm ihr Inhalt unbekannt gewesen wäre, sondern weil er nach etwas suchte, das zwischen all den bekannten Erklärungen bislang keinen Namen besaß.
Er zog eines der älteren Pergamente aus dem Stapel und legte es vor sich. Darauf befand sich eine Zeichnung, die er vor langer Zeit angefertigt hatte: ein menschlicher Umriss, umgeben von mehreren Kreisen und Linien. Neben dem Kopf stand Geist, nahe der Brust Seele, darunter Leib. Eine Linie verband die Begriffe miteinander. Shezar betrachtete die Darstellung eine Weile, nahm dann die Feder und strich die Linie durch.
[img]https://s1.directupload.eu/images/260909/t784qeri.png[/img]
Zu einfach.
Er legte ein frisches Blatt daneben und begann erneut.
Dieses Mal zeichnete er keinen Menschen. In die Mitte des Pergaments setzte er einen kleinen Kreis. Einen zweiten daneben, einen dritten darunter. Weitere folgten. Leib. Geist. Seele. Wille. Erinnerung. Lebenskraft. Arkane Verbindung. Manche Begriffe versah er mit einem Fragezeichen. Dann zog er die ersten Linien zwischen ihnen. Die Seele verband er zunächst mit dem Geist, hielt inne und ergänzte eine weitere Verbindung zum Leib. Erinnerung verband er mit Geist und Seele, strich die Verbindung zur Seele jedoch kurz darauf wieder durch und setzte stattdessen ein Fragezeichen daneben.
Das Ergebnis wurde mit jeder Ergänzung unübersichtlicher.
Gerade deshalb erschien es ihm brauchbarer als die alte Darstellung.
Die Schriften über das arkane Gewebe beschrieben eine Existenz nicht als einen einzelnen Punkt. Alles, was bestand, besaß darin seine Verbindungen; größere Gefüge bestanden wiederum aus kleineren Gefügen, miteinander verwoben und durch zahllose Ströme verbunden. Ein denkendes Wesen musste daher weitaus mehr sein als ein einzelner Knoten, den man lösen und anschließend wieder befestigen konnte.
Shezar lehnte sich zurück und betrachtete seine Zeichnung.
Das matte Licht der Öllampe lag gelb auf dem Pergament. Hinter ihm verschwanden die Regale im Halbdunkel des Gewölbes, und nur gelegentlich durchbrach das leise Tropfen von Wasser irgendwo jenseits der Mauer die Stille. Von Britain war nichts zu hören. Die Schutzstrukturen erfüllten ihren Zweck. Die Stadt lag unmittelbar über ihm und hätte ebenso gut eine Meile entfernt sein können.
Er griff nach einem der Bücher.
Die Seele, so die darin vertretene Lehre, ließ sich nicht erschaffen. Man konnte keinen leeren Leib nehmen und ihm aus bloßer Magie eine neue Seele geben. Wenn dies zutraf, musste die Totenbeschwörung auf etwas zurückgreifen, das bereits vorhanden war oder fortbestand. Doch bereits an diesem Punkt begann die Sicherheit zu enden. Was genau geschah in jenem Augenblick, den man Tod nannte? Wurde eine Verbindung vollständig gelöst? Wurde sie lediglich verändert? Was blieb im Körper zurück, was bestand außerhalb von ihm fort, und welche Teile davon vermochte ein Nekromant tatsächlich wieder an diese Welt zu binden?
Shezar schlug das Buch zu.
Er schrieb an den Rand seines Pergaments:
Tod – Auflösung oder Veränderung des Gefüges?
Darunter setzte er:
Ungeklärt.
Das Wort blieb stehen.
Er nahm eine der bereits vorbereiteten Tafeln von der Wand und stellte sie auf die freie Seite seines Schreibtisches. Sie zeigte drei schematische Darstellungen nebeneinander: Körper, Geist und Seele. Shezar betrachtete sie nur kurz, ehe er eine zweite Tafel danebenstellte. Auf dieser waren verschiedene Formen eines Wesens gegenübergestellt worden. Ein Lebender, ein gewöhnlicher Untoter und ein Vampir. Zwischen den gezeichneten Körpern verliefen unterschiedlich dichte Linien und Knoten.
Bislang hatte ihn an der ersten Darstellung etwas gestört.
Nun erkannte er, was es war.
Sie behandelte die Totenbeschwörung zu sehr als Wiederherstellung des Körpers.
Shezar nahm ein weiteres Blatt und zeichnete das Geflecht des Lebenden erneut. Dieses Mal bestand es aus zahlreichen miteinander verbundenen Kreisen. Einige Verbindungen waren kräftig, andere dünn. Es spielte zunächst keine Rolle, ob diese Darstellung der Wirklichkeit vollkommen entsprach. Sie sollte ihm lediglich ermöglichen, seine Gedanken zu ordnen.
Daneben zeichnete er dasselbe Geflecht ein zweites Mal.
Dann ließ er mehrere Verbindungen fort.
Einige Knoten standen nun voneinander getrennt. Andere verschwanden vollständig.
Über die Zeichnung schrieb er:
Tod.
Die dritte Darstellung erforderte mehr Überlegung. Shezar setzte einige der zuvor getrennten Knoten erneut miteinander in Verbindung, jedoch nicht alle. Manche Linien endeten im Nichts. Andere verband er auf eine Weise, die im ursprünglichen Geflecht nicht vorhanden gewesen war.
Darüber schrieb er:
Untoter.
Er legte die Feder beiseite.
Ein Zombie konnte gehen. Er konnte greifen, beißen und auf einen Befehl reagieren. Ein Skelett konnte eine Waffe führen. Andere Untote zeigten bisweilen mehr: Gewohnheiten, Instinkte, einzelne Erinnerungen oder einen Willen, der zumindest stark genug war, Widerstand zu leisten. All dies bewies jedoch lediglich, dass etwas vorhanden war. Es bewies nicht, dass das ursprüngliche Wesen vollständig zurückgekehrt war.
Shezar zog das erste Pergament wieder heran und schrieb unter seine frühere Definition von Nekromantie:
Nekromantie belebt den toten Leib.
Er betrachtete den Satz.
Dann zog er langsam einen Strich hindurch.
Daneben schrieb er:
Nekromantie stellt Bindungen wieder her.
Auch diese Formulierung gefiel ihm nicht.
Er ergänzte ein Wort.
Nekromantie versucht, Bindungen wiederherzustellen.
Damit konnte er vorerst leben.
Denn selbst diese Aussage blieb eine Annahme. Vielleicht band der Nekromant tatsächlich die ursprüngliche Seele erneut an die Welt. Vielleicht erfasste er lediglich Teile von ihr. Vielleicht entstanden manche Untote durch einen gänzlich anderen Vorgang. Gerade die Vielzahl untoter Erscheinungsformen machte jede allgemeingültige Erklärung verdächtig.
Doch das Modell erklärte zumindest etwas, das Shezar seit Langem beschäftigte.
Die Unvollkommenheit.
Wenn der Tod ein komplexes Gefüge auseinanderbrach und die Nekromantie lediglich Teile davon wieder miteinander verband, musste ein gewöhnlicher Untoter zwangsläufig ein Fragment sein. Nicht unbedingt seelenlos. Nicht unbedingt geistlos. Nicht einmal zwingend ohne Erinnerung. Aber unvollständig.
Shezar zog die dritte Zeichnung näher heran und ergänzte einige der unterbrochenen Linien. Dann wieder andere. Mit jeder Veränderung entstand ein anderes denkbares Wesen. Eines besaß vielleicht Bewegung, aber keinen Willen. Ein anderes Erinnerung, aber kaum Verstand. Ein drittes einen Willen, aber keine Erinnerung an das Leben, aus dem es hervorgegangen war.
Er hielt inne.
Dann nahm er ein neues Blatt.
Oben darauf schrieb er nur einen Satz:
Nicht die Wiederbelebung des Körpers ist das eigentliche Problem der Nekromantie. Das Problem ist die Qualität und Vollständigkeit der Bindung.
Shezar legte die Feder ab und las die Worte zweimal.
Eine Arbeitsthese. Nicht mehr.
Doch zum ersten Mal seit Beginn seiner erneuten Beschäftigung mit dem Thema hatte das Problem eine Form angenommen.
Sein Blick wanderte zur zweiten Tafel.
Zum Vampir.
Er zog sie näher an die Lampe.
Auch ein Vampir war tot. Gerade darin lag der Widerspruch. Ein gewöhnlicher Leichnam, der durch Nekromantie zurückgerufen wurde, war oftmals nur ein Schatten dessen, was er zu Lebzeiten gewesen war. Seine Bewegungen konnten schwerfällig sein, sein Verstand eingeschränkt, seine Erinnerungen fragmentarisch und sein Wille schwach oder leicht zu beherrschen.
Ein Vampir dagegen konnte beobachten.
Lernen.
Planen.
Täuschen.
Er konnte über Jahre hinweg Entscheidungen treffen, Beziehungen eingehen, Feindschaften pflegen und seine eigene Existenz schützen. Was auch immer nach dem Tod in ihm fortbestand, es genügte, um eine geistige Kontinuität hervorzubringen, die einem gewöhnlichen Untoten fehlte.
Shezar nahm die Feder wieder auf.
Neben die Darstellung des Vampirs schrieb er:
Stärkere Bindung?
Darunter:
Vollständigere Bindung?
Er wartete einen Augenblick.
Anderer Anker?
Noch eine Zeile.
Blut?
Die Spitze der Feder verharrte über dem Pergament.
Er kannte die Bedeutung des Blutes für Vampire gut genug, um den Gedanken nicht als bloßen Zufall abzutun. Dennoch zog er keinen Kreis darum. Noch war es nur eine Möglichkeit.
Eigene Erhaltung des Gefüges?
Dann:
Keine Rückbindung – Veränderung?
Bei dieser letzten Zeile hielt er länger inne.
Vielleicht lag genau dort der Fehler seiner bisherigen Überlegung. Vielleicht war ein Vampir überhaupt kein besonders gelungenes Beispiel dessen, was ein Nekromant bei einem Zombie versuchte. Vielleicht wurde beim Vampir nichts vollständig wiederhergestellt. Vielleicht entstand im Augenblick seiner Erhebung ein neues Gefüge, das lediglich genügend Teile des früheren Wesens bewahrte, um Kontinuität vorzutäuschen.
Oder vielleicht war auch diese Vorstellung falsch.
Shezar strich nichts davon durch.
Zum ersten Mal an diesem Abend standen mehrere widersprüchliche Möglichkeiten nebeneinander, ohne dass er das Bedürfnis verspürte, eine davon sofort zu verwerfen.
Er nahm eine dritte Tafel hinzu. Darauf waren Runen und vereinfachte Strukturmuster aufgezeichnet worden: Bindung, Stabilisierung, Dämpfung und Kontrolle. Darunter befanden sich mehrere miteinander verschlungene Geflechte, die verschiedene Grade einer gedachten Rückbindung darstellen sollten. Shezar stellte die Tafel zwischen das Modell des gewöhnlichen Untoten und jenes des Vampirs.
Sein Blick wechselte zwischen den Darstellungen.
Zombie.
Vampir.
Beide tot.
Und dennoch lagen zwischen ihnen Welten.
Wenn seine Arbeitsthese zutraf, musste sich dieser Unterschied irgendwo wiederfinden. In der Art ihrer Bindung. In der Beschaffenheit ihres arkanen Gefüges. In dessen Energiefluss. Vielleicht in einem Bestandteil, den seine Zeichnungen bislang überhaupt nicht berücksichtigten.
Er nahm das Pergament mit dem Zombie und zeichnete daneben die vereinfachte Struktur eines Vampirs. Anders als zuvor setzte er dessen Linien jedoch nicht vollständig.
Stattdessen ließ er Lücken.
Absichtlich.
Neben eine davon schrieb er:
Ursprung des Willens?
Neben eine zweite:
Erinnerung oder Prägung?
An die dritte:
Erhaltung ohne Leben?
Und unmittelbar unter die Zeichnung:
Blut – Nahrung, Träger oder Anker?
Das letzte Wort unterstrich er einmal.
Anschließend legte Shezar beide Hände auf die Kante des Schreibtisches und betrachtete die Arbeit der vergangenen Stunden. Die Antwort war nicht näher gerückt. Im Gegenteil. Wo zuvor eine einzelne Frage gestanden hatte, befand sich nun beinahe ein Dutzend.
Doch die Fragen waren besser geworden.
Das genügte.
Er zog ein letztes frisches Pergament aus dem Stapel und schrieb oben in sauberer Schrift:
Was unterscheidet die arkane Bindungsstruktur eines Vampirs von der eines gewöhnlichen Untoten?
Darunter ließ er etwas Platz.
Dann folgte eine zweite Frage:
Lässt sich die außergewöhnliche Stabilität einer vampirischen Existenz künstlich reproduzieren?
Shezar betrachtete die Worte lange. Die zweite Frage ging weiter als die erste. Vielleicht zu weit. Ohne zu wissen, was er überhaupt nachbilden wollte, war jeder praktische Versuch wenig mehr als blindes Herantasten.
Also setzte er darunter eine dritte, kleinere Zeile:
Zunächst beobachten. Dann vergleichen. Erst danach verändern.
Die Feder fand zurück in das Tintenfass.
Noch immer war der große Steintisch hinter ihm leer. Kein Körper lag darauf, keine Beschwörung störte die gedämpfte Stille des Gewölbes und kein Zauber erfüllte die Luft. Lediglich Pergamente bedeckten den Schreibtisch, und zwischen ihnen standen die Tafeln mit ihren unvollständigen Geflechten.
Shezar nahm schließlich die Darstellung des Vampirs von ihrem Platz und stellte sie unmittelbar vor sich.
Unter das unfertige Geflecht schrieb er noch eine letzte Frage.
Vampir – stabile Rückbindung oder grundsätzlich andere Struktur?
Dieses Mal fügte er nichts hinzu.
Über ihm schlief Britain, während tief unter seinen Straßen ein Problem auf einem Stück Pergament erstmals eine klare Form angenommen hatte.
Die eigentliche Forschung konnte beginnen.
[img]https://s1.directupload.eu/images/260909/y4aelhjj.png[/img]