Der Tag verstrich, wie unz?hlige zuvor, in der Stille des Turms und abgeschottet von der Welt war der Nekromant tief in seine Studien versunken. Die Sonne, eine l?stige Erinnerung an das Leben, schmolz hinter den schwarzen Zinnen des Gem?uers, w?hrend der Turm selbst wie ein vernarbter Finger in den dunkler werdenden Himmel ragte. Shezar hob nicht einmal den Blick, als die Schatten l?nger wurden. Seine Feder kratzte unbeirrt ?ber Pergament, alte Formeln erg?nzend, Seelenmatrizen berechnend, Anrufungsstrukturen neu ordnend. Er wartete. Nicht auf eine Person, nicht auf ein Ereignis ? sondern auf die Dunkelheit. Als der letzte blutrote Streifen am Horizont verging, erhob er sich. Seine Schritte hallten ged?mpft auf den kalten Steinplatten, als er nacheinander jede einzelne Fackel im oberen Turm l?schte. Er tat es mit der gleichen methodischen Ruhe, mit der ein Gelehrter eine Seite wendet: ohne Hast, ohne Z?gern. Eine letzte Lampe, deren gebrochenes Glas ein mattes Leuchten auf seinen Arbeitstisch warf, erstickte er mit einem kurzen Sto? seines Atems. Finsternis umh?llte den Turm. Schwer. Vollst?ndig. So, wie es sich geh?rte. Leise ?ffnete Shezar eine verborgene T?r im Mauerwerk ? eine schwarze Linie in der Wand, die nur jenen bekannt war, die sie geschaffen hatten. Dahinter f?hrte eine schmale Wendeltreppe aus rauem Stein hinab. Ohne Z?gern stieg er tiefer in die Erde. Die T?r schloss sich hinter ihm, und der letzte Rest der Welt, wie andere sie kannten, blieb drau?en zur?ck.
Fackeln an eisernen Halterungen warfen ein schmutziges, flackerndes Licht auf die rauen W?nde. Die Flammen zuckten tr?ge, als f?rchteten sie sich vor dem, was sie beleuchten mussten. Der Geruch war schwer: kaltes Eisen, altes Blut, der scharfe Dunst von Konservierungsd?mpfen, durchsetzt mit dem s??lichen Moder verwesender Haut. Die Halle war lang und schmal. An den Seiten standen steinerne Tische, glattgeschliffen von jahrzehntelanger Arbeit. Darauf lagen K?rper in verschiedenen Stadien der ?ffnung: Rippen aufgebogen, Sch?del entfernt, Muskeln aufgeschlitzt und mit runenverzierten Nadeln fixiert. Entlang der W?nde reihten sich schwere Glaszylinder aneinander, gef?llt mit tr?bem Konservierungsfluidum. Darin schwebten Herzen, Lungen, Lebern und Hirnfragmente ? sorgf?ltig pr?pariert, beschriftet und versiegelt. Shezar trat an einen freien Arbeitstisch, auf dem neue Gef??e warteten. Die Ausbeute der letzten N?chte, ordentlich verpackt in schwarzen Holzkisten, lag bereit. Er ?ffnete die erste Kiste. Mit der pr?zisen Ruhe eines Mannes, der keine Fehler duldet, hob er das erste Organ heraus: ein Herz, kr?ftig, von feinen Adern durchzogen, noch von Resten arkaner Energie erf?llt. Er tauchte es langsam in ein vorbereitetes Glas, f?llte die Konservierungsfl?ssigkeit nach und versiegelte es sorgf?ltig mit Wachs und Runen.
Herz, Zustand: Frisch. So lautete die Beschriftung, klar und ordentlich auf Pergamentstreifen vermerkt. Dann folgten Lungen, Nieren, ein gesprenkeltes St?ck R?ckenmark. Jede Entnahme dokumentierte Shezar mit derselben kalten Pr?zision. Kein Chaos. Keine Hast. Nur Arbeit. W?hrend seine H?nde mechanisch die Arbeit vollendeten, schweifte sein Blick gelegentlich ?ber die gef?llten Glasgef??e. Sie waren keine Beute. Keine Troph?en. Sie waren notwendiges Forschungsmaterial. Fragmente einer gr??eren Wahrheit. Die Luft war schwer von Metall und altem Blut. Das Licht der wenigen brennenden Fackeln spiegelte sich stumpf auf dem Glas, lie? die schwebenden Organe geisterhaft schimmern. Shezar pr?fte die Siegel, kontrollierte die Dichtungen und vermerkte Korrekturen in einem schwarzen Buch. Es durfte kein Fehler geschehen. Die Materialien waren zu wertvoll. Als die letzte Probe beschriftet und versiegelt war, trat er in die Mitte der Halle und atmete die abgestandene Luft ein. Hier unten gab es keine Eile, kein L?rm, kein Z?gern. Nur Ordnung. Nur Stille. Nur die unver?nderliche Struktur des Todes, die er selbst geformt hatte. Seine Gedanken streiften kurz die vergangene Nacht. Er erinnerte sich an den Magierorden von Krehl, an die hilflosen Blicke jener, die nicht begreifen konnten, was sie erwartete. Wie ein Schatten war er durch ihre Reihen gegangen, unbeirrbar, methodisch, kalt. Einer nach dem anderen fiel unter seinen Zaubern, hilflose Versuche zu fliehen oder sich zu wehren erstickte er im Keim. Sie hatten keine Chance. Die Magier dort waren Archivare, Forscher, keine K?mpfer. Krehl war nicht aus Groll gew?hlt worden. Es war nicht pers?nlich gewesen. Kein Hass, keine Wut war dabei im Spiel. Es war einfach. Die K?rper hatten das geliefert, was er brauchte; Organe durchdrungen von arkaner Energie. Er betrachtete die Reihe der versiegelten Gl?ser. In jedem schwebte ein Teil alter Macht, konserviert, bereit f?r weitere Untersuchungen. Die Arbeit war nicht beendet. Sie hatte kaum begonnen. Bald w?rde er die ersten Versuche starten. Die Resonanzen pr?fen. Die Erinnerungen extrahieren. Die Grenzen von Leben und Tod weiter verschieben.
Alles war vorbereitet. Alles stand bereit.
Shezar l?schte eine der Fackeln. Die Dunkelheit kroch tiefer in die Halle.
Dann wandte er sich ab und verschwand lautlos zwischen den Schatten, leise wie ein Gedanke, der sich endg?ltig vom Licht abkehrt.
Das kalte Erbe von Krehl
Die Forschung muss weitergehen.
Die Forschung muss weitergehen.
Shezars Forschungen waren in den vergangenen Wochen viel zu kurz gekommen, und dieser Umstand begann ihn zunehmend zu stören. Es war nicht so, dass es ihm an Ideen mangelte – im Gegenteil. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich angefangene Abhandlungen, lose Pergamente voller Berechnungen und hastig niedergeschriebener Gedanken, während in seinem Turm Versuchsreihen darauf warteten, fortgeführt zu werden. Doch inzwischen war seine Zeit zu einem Gut geworden, über das beinahe jeder verfügen durfte, nur er selbst nicht mehr. Das Blackrocksyndikat verlangte die Aufmerksamkeit seines Vorsitzenden, Britain die seines Bürgermeisters und die Reichswehr jene ihres Hauptmanns. Berichte mussten gelesen, Entscheidungen getroffen, Befehle erteilt, Gespräche geführt und Probleme gelöst werden. Immer häufiger stellte Shezar am Ende eines langen Tages fest, dass für jene Arbeit, die er selbst als seine eigentliche betrachtete, kaum noch Stunden übrig blieben. Früher hatte er ganze Nächte über einer einzigen Formel verbringen können, hatte Beobachtungen wiederholt, Ergebnisse verworfen und neu begonnen, bis aus einer Vermutung eine belastbare Theorie geworden war. Nun lagen manche seiner Aufzeichnungen seit Wochen unangetastet dort, wo er sie zuletzt zurückgelassen hatte. Das missfiel ihm. Noch mehr missfiel ihm allerdings, dass die Lösung des Problems eigentlich offensichtlich war.
Sein Turm nahe Düsterhafen war für seine Forschungen hervorragend geeignet gewesen, solange Shezar selbst dort gelebt hatte. Abgeschieden von den Städten, fern von neugierigen Blicken und noch weiter entfernt von jenen Menschen, die Fragen stellten, wenn nachts seltsame Lieferungen eintrafen oder aus einem Kellergewölbe zu ungewöhnlicher Stunde Licht drang. Doch seit seine Ämter ihn zunehmend an Britain banden, verbrachte er die meiste Zeit in seiner dortigen Dienstwohnung. Jedes Mal hinaus zum Turm zu reisen, nur um einige Stunden zu arbeiten und anschließend wieder nach Britain zurückzukehren, kostete Zeit, die er schlicht nicht mehr besaß. Wenn er seine Verpflichtungen nicht verringern konnte, musste er seine Forschung näher zu sich holen. So entstand schließlich der Gedanke an ein zweites Labor – nicht irgendwo außerhalb Britains, sondern unmittelbar unter der Stadt.
Britain war alt. Viel älter als die meisten Gebäude, die heute seine Straßen säumten, und unter seinen Pflastersteinen befand sich eine zweite Stadt, die kaum jemand kannte. Keller waren über Keller gebaut worden, alte Fundamente lagen unter neueren, vergessene Brunnenanlagen führten in die Tiefe, zugemauerte Gänge endeten hinter Wänden, von deren anderer Seite die heutigen Bewohner nichts wussten. Dazu kamen Abwasserkanäle, aufgegebene Gewölbe und jene weitläufigen Katakomben, deren tatsächliche Ausdehnung vermutlich niemand vollständig erfasst hatte. Generationen hatten Britain erweitert, umgebaut, zerstört und erneut aufgebaut. Was nicht mehr gebraucht wurde, war verschlossen worden. Was verschlossen worden war, geriet irgendwann in Vergessenheit. Genau darin lag für Shezar der Reiz. Wo andere nur feuchte Mauern und verfallene Gänge gesehen hätten, erkannte er einen Ort, an dem man verschwinden konnte, ohne Britain tatsächlich verlassen zu müssen.
Das Syndikat benötigte nicht lange, um einen geeigneten Abschnitt ausfindig zu machen. Der Zugang lag einige Straßenzüge von Shezars Dienstwohnung entfernt und besaß keinerlei offensichtliche Verbindung zu ihm oder dem Blackrocksyndikat. Hinter einer unscheinbaren Kellertür befand sich zunächst nichts weiter als ein gewöhnliches Lagergewölbe. Fässer standen an den Wänden, dazwischen einige Kisten, Säcke mit Kohle und altes Werkzeug. Erst hinter einem schweren Regal führte ein verborgener Durchgang zu einer schmalen steinernen Treppe. Diese führte tief hinab, unter die gewöhnlichen Keller der Stadt und schließlich hinein in einen aufgegebenen Abschnitt der alten Katakomben. Als Shezar diesen Ort zum ersten Mal betrat, musste er sich unter einem halb eingestürzten Torbogen hindurchbeugen. Seine Laterne warf schwaches Licht über feuchte Mauern, zwischen deren Steinen bleiche Wurzeln hervorgebrochen waren. In einer Ecke stand schwarzes Wasser mehrere Fingerbreit hoch, von der Decke lösten sich in regelmäßigen Abständen Tropfen und irgendwo in der Ferne hallte ihr Aufschlag durch die Gänge. Die Luft roch nach feuchter Erde, altem Stein und jener eigentümlichen Moderigkeit von Orten, die lange niemand betreten hatte. Das Gewölbe selbst war groß genug. Mehr interessierte Shezar zunächst nicht. Er betrachtete die Mauern, ging einmal langsam durch den Raum, hob die Laterne zu der niedrigen Decke und entschied schließlich, dass es genügen würde.
Shezars Forschungen waren in den vergangenen Wochen viel zu kurz gekommen, und dieser Umstand begann ihn zunehmend zu stören. Es war nicht so, dass es ihm an Ideen mangelte – im Gegenteil. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich angefangene Abhandlungen, lose Pergamente voller Berechnungen und hastig niedergeschriebener Gedanken, während in seinem Turm Versuchsreihen darauf warteten, fortgeführt zu werden. Doch inzwischen war seine Zeit zu einem Gut geworden, über das beinahe jeder verfügen durfte, nur er selbst nicht mehr. Das Blackrocksyndikat verlangte die Aufmerksamkeit seines Vorsitzenden, Britain die seines Bürgermeisters und die Reichswehr jene ihres Hauptmanns. Berichte mussten gelesen, Entscheidungen getroffen, Befehle erteilt, Gespräche geführt und Probleme gelöst werden. Immer häufiger stellte Shezar am Ende eines langen Tages fest, dass für jene Arbeit, die er selbst als seine eigentliche betrachtete, kaum noch Stunden übrig blieben. Früher hatte er ganze Nächte über einer einzigen Formel verbringen können, hatte Beobachtungen wiederholt, Ergebnisse verworfen und neu begonnen, bis aus einer Vermutung eine belastbare Theorie geworden war. Nun lagen manche seiner Aufzeichnungen seit Wochen unangetastet dort, wo er sie zuletzt zurückgelassen hatte. Das missfiel ihm. Noch mehr missfiel ihm allerdings, dass die Lösung des Problems eigentlich offensichtlich war.
Sein Turm nahe Düsterhafen war für seine Forschungen hervorragend geeignet gewesen, solange Shezar selbst dort gelebt hatte. Abgeschieden von den Städten, fern von neugierigen Blicken und noch weiter entfernt von jenen Menschen, die Fragen stellten, wenn nachts seltsame Lieferungen eintrafen oder aus einem Kellergewölbe zu ungewöhnlicher Stunde Licht drang. Doch seit seine Ämter ihn zunehmend an Britain banden, verbrachte er die meiste Zeit in seiner dortigen Dienstwohnung. Jedes Mal hinaus zum Turm zu reisen, nur um einige Stunden zu arbeiten und anschließend wieder nach Britain zurückzukehren, kostete Zeit, die er schlicht nicht mehr besaß. Wenn er seine Verpflichtungen nicht verringern konnte, musste er seine Forschung näher zu sich holen. So entstand schließlich der Gedanke an ein zweites Labor – nicht irgendwo außerhalb Britains, sondern unmittelbar unter der Stadt.
Britain war alt. Viel älter als die meisten Gebäude, die heute seine Straßen säumten, und unter seinen Pflastersteinen befand sich eine zweite Stadt, die kaum jemand kannte. Keller waren über Keller gebaut worden, alte Fundamente lagen unter neueren, vergessene Brunnenanlagen führten in die Tiefe, zugemauerte Gänge endeten hinter Wänden, von deren anderer Seite die heutigen Bewohner nichts wussten. Dazu kamen Abwasserkanäle, aufgegebene Gewölbe und jene weitläufigen Katakomben, deren tatsächliche Ausdehnung vermutlich niemand vollständig erfasst hatte. Generationen hatten Britain erweitert, umgebaut, zerstört und erneut aufgebaut. Was nicht mehr gebraucht wurde, war verschlossen worden. Was verschlossen worden war, geriet irgendwann in Vergessenheit. Genau darin lag für Shezar der Reiz. Wo andere nur feuchte Mauern und verfallene Gänge gesehen hätten, erkannte er einen Ort, an dem man verschwinden konnte, ohne Britain tatsächlich verlassen zu müssen.
Das Syndikat benötigte nicht lange, um einen geeigneten Abschnitt ausfindig zu machen. Der Zugang lag einige Straßenzüge von Shezars Dienstwohnung entfernt und besaß keinerlei offensichtliche Verbindung zu ihm oder dem Blackrocksyndikat. Hinter einer unscheinbaren Kellertür befand sich zunächst nichts weiter als ein gewöhnliches Lagergewölbe. Fässer standen an den Wänden, dazwischen einige Kisten, Säcke mit Kohle und altes Werkzeug. Erst hinter einem schweren Regal führte ein verborgener Durchgang zu einer schmalen steinernen Treppe. Diese führte tief hinab, unter die gewöhnlichen Keller der Stadt und schließlich hinein in einen aufgegebenen Abschnitt der alten Katakomben. Als Shezar diesen Ort zum ersten Mal betrat, musste er sich unter einem halb eingestürzten Torbogen hindurchbeugen. Seine Laterne warf schwaches Licht über feuchte Mauern, zwischen deren Steinen bleiche Wurzeln hervorgebrochen waren. In einer Ecke stand schwarzes Wasser mehrere Fingerbreit hoch, von der Decke lösten sich in regelmäßigen Abständen Tropfen und irgendwo in der Ferne hallte ihr Aufschlag durch die Gänge. Die Luft roch nach feuchter Erde, altem Stein und jener eigentümlichen Moderigkeit von Orten, die lange niemand betreten hatte. Das Gewölbe selbst war groß genug. Mehr interessierte Shezar zunächst nicht. Er betrachtete die Mauern, ging einmal langsam durch den Raum, hob die Laterne zu der niedrigen Decke und entschied schließlich, dass es genügen würde.
Das neue Labor
Die Arbeiten begannen wenige Nächte später und verliefen mit jener Diskretion, die Shezar vom Syndikat erwartete. Es gab keine auffälligen Lieferungen und keine Handwerker, die geschlossen zu einer Baustelle marschierten. Balken, Steinplatten, Eisenbeschläge, Glas, Werkzeug und Möbel gelangten über Tage verteilt nach Britain, wurden in verschiedenen Lagern zwischengelagert und erst nachts weitertransportiert. Die meisten Beteiligten kannten lediglich ihren eigenen kleinen Teil der Arbeiten. Nur wenige wussten überhaupt, wohin das Material letztlich gebracht wurde, und noch weniger kannten den Zweck des Gewölbes, das tief unter den Straßen der Stadt entstand.
Innerhalb weniger Wochen hatte sich der vergessene Abschnitt der Katakomben vollkommen verändert. Hinter einer unscheinbaren Kellerwand führte eine schmale Steintreppe hinab in einen langen, feuchten Gang, an dessen Ende eine schwere Tür aus dunklem Holz und Eisen lag. Dahinter öffnete sich das eigentliche Labor: ein niedriges, von schweren Steinbögen getragenes Gewölbe, dessen schwarze, feuchte Mauern das Licht der Kerzen und Öllampen beinahe zu verschlucken schienen. Über den Boden zogen sich schmale Ablaufrinnen zwischen den Steinplatten hindurch und verschwanden unter eisernen Gittern in der Tiefe. An den Wänden standen massive Regale voller Phiolen, Flaschen und unterschiedlich großer Glasbehälter. Einige enthielten bereits trübe Flüssigkeiten, konserviertes Gewebe oder einzelne Organe, andere warteten noch leer auf zukünftige Versuche. Dazwischen hingen eiserne Instrumente an Haken, während Bündel getrockneter Kräuter, alchemistische Gerätschaften und mit Wachs versiegelte Gefäße die langen Arbeitsflächen aus dunklem Stein bedeckten. Auf einer Seite des Gewölbes befand sich Shezars kleine Bibliothek. Alte Bücher und zusammengerollte Pergamente über Anatomie, Alchemie und Nekromantie standen dort neben seinen eigenen Aufzeichnungen über Todesmagie, sanguine Strukturen und die Trennung von Körper, Geist und Seele.
Das Zentrum des Raumes beherrschte jedoch ein einzelner massiver Sektionstisch. Eine dicke Platte aus beinahe schwarzem Stein ruhte auf einem schweren eisernen Gestell, groß genug, um einen menschlichen Körper vollständig darauf auszustrecken. In ihre Seiten waren eiserne Ösen eingelassen, während flache Rinnen über die Oberfläche bis zu einer verschließbaren Auffangöffnung führten. Daneben lag auf schwarzem Tuch Shezars Instrumentarium sauber aufgereiht. Messer verschiedener Größe, Zangen, feine Sonden, Klemmen, Schalen und andere Werkzeuge blitzten im unsteten Kerzenlicht auf. Über dem Tisch hing eine eiserne Konstruktion mit mehreren Lampen, deren Licht sich gezielt auf das richten ließ, was dort eines Tages liegen würde. Hinter dem Arbeitsplatz führte eine weitere Tür in eine besonders kalte Kammer. Dort standen schwere Regale für Präparate und Forschungsmaterial, während in einer anderen Nische mehrere eisenbeschlagene Truhen lagen, deren Schlösser zusätzlich mit Runen versehen worden waren. Der gesamte Ort wirkte wie eine eigentümliche Mischung aus Studierstube, alchemistischer Werkstatt und Gruft.
Ebenso sorgfältig wie die Einrichtung hatte Shezar die Geheimhaltung geplant. Der eigentliche Zugang war hinter scheinbar massivem Mauerwerk verborgen und ließ sich nur über einen versteckten Mechanismus öffnen. Ein zweiter Weg führte durch einen alten Katakombengang zu einem weit entfernten Keller und sollte im Ernstfall als Fluchtweg dienen. Nachdem die Männer des Syndikats verschwunden waren, verbrachte Shezar mehrere Nächte allein unter der Stadt und versah das Gewölbe mit seinen eigenen Sicherungen. Runen verschwanden unter Tischplatten, hinter Regalen und zwischen den Fugen der Bodensteine. Einige sollten Eindringlinge melden oder aufhalten, andere hatten einen wesentlich wichtigeren Zweck: Sie dämpften die magischen Spuren dessen, was hier unten geschehen würde. Nekromantische Experimente unmittelbar unter Britain waren nur möglich, solange kein Magier oder Priester an der Oberfläche bemerkte, was unter seinen Füßen vor sich ging. Als Shezar schließlich die letzte Struktur vollendet hatte, fühlte sich das Labor selbst für ihn eigentümlich abgeschottet an. Britain existierte noch irgendwo über ihm, doch seine Bewohner, ihre Magie und das geschäftige Leben der Stadt wirkten hier unten fern und dumpf, als läge zwischen ihnen und dem Labor eine gewaltige Schicht schwarzen Wassers.
Nach beinahe drei Wochen war alles vorbereitet. Als Shezar das fertige Labor erstmals allein betrat, war es tiefste Nacht. Kerzen flackerten in eisernen Haltern, Glasgefäße warfen verzerrte Spiegelungen an die feuchten Mauern und irgendwo tropfte in gleichmäßigen Abständen Wasser auf Stein. Der Geruch von kaltem Mauerwerk, Wachs, Kräutern und den ersten Konservierungsmitteln hing schwer in der Luft. Shezar ging langsam zwischen den Arbeitsflächen hindurch, prüfte die Lagerkammer und blieb schließlich vor dem leeren Sektionstisch stehen. Danach setzte er sich an seinen Schreibtisch. Dort warteten bereits seine alten Aufzeichnungen: abgebrochene Versuchsreihen, Beobachtungen über sanguine Strukturen und seine Untersuchungen über die Bindung von Körper und Seele. Direkt über ihm schlief Britain. Kaum jemand dort oben hätte vermutet, dass ihr Bürgermeister und Hauptmann in diesem Augenblick tief unter den Straßen in einem verborgenen Labor saß. Shezar schlug eines der schwarzen Bücher auf, nahm die Feder zur Hand und setzte sie genau dort aufs Pergament, wo seine Forschung Wochen zuvor zum Erliegen gekommen war. Dann schrieb er weiter.
Innerhalb weniger Wochen hatte sich der vergessene Abschnitt der Katakomben vollkommen verändert. Hinter einer unscheinbaren Kellerwand führte eine schmale Steintreppe hinab in einen langen, feuchten Gang, an dessen Ende eine schwere Tür aus dunklem Holz und Eisen lag. Dahinter öffnete sich das eigentliche Labor: ein niedriges, von schweren Steinbögen getragenes Gewölbe, dessen schwarze, feuchte Mauern das Licht der Kerzen und Öllampen beinahe zu verschlucken schienen. Über den Boden zogen sich schmale Ablaufrinnen zwischen den Steinplatten hindurch und verschwanden unter eisernen Gittern in der Tiefe. An den Wänden standen massive Regale voller Phiolen, Flaschen und unterschiedlich großer Glasbehälter. Einige enthielten bereits trübe Flüssigkeiten, konserviertes Gewebe oder einzelne Organe, andere warteten noch leer auf zukünftige Versuche. Dazwischen hingen eiserne Instrumente an Haken, während Bündel getrockneter Kräuter, alchemistische Gerätschaften und mit Wachs versiegelte Gefäße die langen Arbeitsflächen aus dunklem Stein bedeckten. Auf einer Seite des Gewölbes befand sich Shezars kleine Bibliothek. Alte Bücher und zusammengerollte Pergamente über Anatomie, Alchemie und Nekromantie standen dort neben seinen eigenen Aufzeichnungen über Todesmagie, sanguine Strukturen und die Trennung von Körper, Geist und Seele.
Das Zentrum des Raumes beherrschte jedoch ein einzelner massiver Sektionstisch. Eine dicke Platte aus beinahe schwarzem Stein ruhte auf einem schweren eisernen Gestell, groß genug, um einen menschlichen Körper vollständig darauf auszustrecken. In ihre Seiten waren eiserne Ösen eingelassen, während flache Rinnen über die Oberfläche bis zu einer verschließbaren Auffangöffnung führten. Daneben lag auf schwarzem Tuch Shezars Instrumentarium sauber aufgereiht. Messer verschiedener Größe, Zangen, feine Sonden, Klemmen, Schalen und andere Werkzeuge blitzten im unsteten Kerzenlicht auf. Über dem Tisch hing eine eiserne Konstruktion mit mehreren Lampen, deren Licht sich gezielt auf das richten ließ, was dort eines Tages liegen würde. Hinter dem Arbeitsplatz führte eine weitere Tür in eine besonders kalte Kammer. Dort standen schwere Regale für Präparate und Forschungsmaterial, während in einer anderen Nische mehrere eisenbeschlagene Truhen lagen, deren Schlösser zusätzlich mit Runen versehen worden waren. Der gesamte Ort wirkte wie eine eigentümliche Mischung aus Studierstube, alchemistischer Werkstatt und Gruft.
Ebenso sorgfältig wie die Einrichtung hatte Shezar die Geheimhaltung geplant. Der eigentliche Zugang war hinter scheinbar massivem Mauerwerk verborgen und ließ sich nur über einen versteckten Mechanismus öffnen. Ein zweiter Weg führte durch einen alten Katakombengang zu einem weit entfernten Keller und sollte im Ernstfall als Fluchtweg dienen. Nachdem die Männer des Syndikats verschwunden waren, verbrachte Shezar mehrere Nächte allein unter der Stadt und versah das Gewölbe mit seinen eigenen Sicherungen. Runen verschwanden unter Tischplatten, hinter Regalen und zwischen den Fugen der Bodensteine. Einige sollten Eindringlinge melden oder aufhalten, andere hatten einen wesentlich wichtigeren Zweck: Sie dämpften die magischen Spuren dessen, was hier unten geschehen würde. Nekromantische Experimente unmittelbar unter Britain waren nur möglich, solange kein Magier oder Priester an der Oberfläche bemerkte, was unter seinen Füßen vor sich ging. Als Shezar schließlich die letzte Struktur vollendet hatte, fühlte sich das Labor selbst für ihn eigentümlich abgeschottet an. Britain existierte noch irgendwo über ihm, doch seine Bewohner, ihre Magie und das geschäftige Leben der Stadt wirkten hier unten fern und dumpf, als läge zwischen ihnen und dem Labor eine gewaltige Schicht schwarzen Wassers.
Nach beinahe drei Wochen war alles vorbereitet. Als Shezar das fertige Labor erstmals allein betrat, war es tiefste Nacht. Kerzen flackerten in eisernen Haltern, Glasgefäße warfen verzerrte Spiegelungen an die feuchten Mauern und irgendwo tropfte in gleichmäßigen Abständen Wasser auf Stein. Der Geruch von kaltem Mauerwerk, Wachs, Kräutern und den ersten Konservierungsmitteln hing schwer in der Luft. Shezar ging langsam zwischen den Arbeitsflächen hindurch, prüfte die Lagerkammer und blieb schließlich vor dem leeren Sektionstisch stehen. Danach setzte er sich an seinen Schreibtisch. Dort warteten bereits seine alten Aufzeichnungen: abgebrochene Versuchsreihen, Beobachtungen über sanguine Strukturen und seine Untersuchungen über die Bindung von Körper und Seele. Direkt über ihm schlief Britain. Kaum jemand dort oben hätte vermutet, dass ihr Bürgermeister und Hauptmann in diesem Augenblick tief unter den Straßen in einem verborgenen Labor saß. Shezar schlug eines der schwarzen Bücher auf, nahm die Feder zur Hand und setzte sie genau dort aufs Pergament, wo seine Forschung Wochen zuvor zum Erliegen gekommen war. Dann schrieb er weiter.
I. Die Theorie
I. Die Theorie – Was unterscheidet einen Vampir von einem gewöhnlichen Untoten?
Das neue Labor unter Britain hatte seinen eigentlichen Zweck bislang kaum erfüllt. Zwar standen die Regale inzwischen voller Bücher, Phiolen und sorgfältig beschrifteter Gefäße, die Instrumente lagen auf schwarzem Tuch bereit und selbst die kalte Kammer enthielt bereits die ersten Präparate, doch der steinerne Tisch im Zentrum des Gewölbes war an diesem Abend leer. Shezar hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Noch fehlte ihm etwas Grundlegenderes als ein geeigneter Körper.

Auf seinem Schreibtisch lagen jene Unterlagen, die er aus dem Turm hatte bringen lassen. Einige Pergamente waren an den Rändern bereits dunkel geworden, andere trugen Flecken von Wachs oder Reagenzien und manche waren so oft beschrieben, korrigiert und erneut beschrieben worden, dass zwischen den ursprünglichen Zeilen kaum noch Platz für weitere Anmerkungen geblieben war. Daneben lagen Abschriften älterer Abhandlungen über das arkane Gewebe und mehrere Werke über Tod, Geist und Totenbeschwörung. Shezar hatte sie in den vergangenen Nächten erneut gelesen, manche Abschnitte mehrfach. Nicht weil ihm ihr Inhalt unbekannt gewesen wäre, sondern weil er nach etwas suchte, das zwischen all den bekannten Erklärungen bislang keinen Namen besaß.
Er zog eines der älteren Pergamente aus dem Stapel und legte es vor sich. Darauf befand sich eine Zeichnung, die er vor langer Zeit angefertigt hatte: ein menschlicher Umriss, umgeben von mehreren Kreisen und Linien. Neben dem Kopf stand Geist, nahe der Brust Seele, darunter Leib. Eine Linie verband die Begriffe miteinander. Shezar betrachtete die Darstellung eine Weile, nahm dann die Feder und strich die Linie durch.

Zu einfach.
Er legte ein frisches Blatt daneben und begann erneut.
Dieses Mal zeichnete er keinen Menschen. In die Mitte des Pergaments setzte er einen kleinen Kreis. Einen zweiten daneben, einen dritten darunter. Weitere folgten. Leib. Geist. Seele. Wille. Erinnerung. Lebenskraft. Arkane Verbindung. Manche Begriffe versah er mit einem Fragezeichen. Dann zog er die ersten Linien zwischen ihnen. Die Seele verband er zunächst mit dem Geist, hielt inne und ergänzte eine weitere Verbindung zum Leib. Erinnerung verband er mit Geist und Seele, strich die Verbindung zur Seele jedoch kurz darauf wieder durch und setzte stattdessen ein Fragezeichen daneben.
Das Ergebnis wurde mit jeder Ergänzung unübersichtlicher.
Gerade deshalb erschien es ihm brauchbarer als die alte Darstellung.
Die Schriften über das arkane Gewebe beschrieben eine Existenz nicht als einen einzelnen Punkt. Alles, was bestand, besaß darin seine Verbindungen; größere Gefüge bestanden wiederum aus kleineren Gefügen, miteinander verwoben und durch zahllose Ströme verbunden. Ein denkendes Wesen musste daher weitaus mehr sein als ein einzelner Knoten, den man lösen und anschließend wieder befestigen konnte.
Shezar lehnte sich zurück und betrachtete seine Zeichnung.
Das matte Licht der Öllampe lag gelb auf dem Pergament. Hinter ihm verschwanden die Regale im Halbdunkel des Gewölbes, und nur gelegentlich durchbrach das leise Tropfen von Wasser irgendwo jenseits der Mauer die Stille. Von Britain war nichts zu hören. Die Schutzstrukturen erfüllten ihren Zweck. Die Stadt lag unmittelbar über ihm und hätte ebenso gut eine Meile entfernt sein können.
Er griff nach einem der Bücher.
Die Seele, so die darin vertretene Lehre, ließ sich nicht erschaffen. Man konnte keinen leeren Leib nehmen und ihm aus bloßer Magie eine neue Seele geben. Wenn dies zutraf, musste die Totenbeschwörung auf etwas zurückgreifen, das bereits vorhanden war oder fortbestand. Doch bereits an diesem Punkt begann die Sicherheit zu enden. Was genau geschah in jenem Augenblick, den man Tod nannte? Wurde eine Verbindung vollständig gelöst? Wurde sie lediglich verändert? Was blieb im Körper zurück, was bestand außerhalb von ihm fort, und welche Teile davon vermochte ein Nekromant tatsächlich wieder an diese Welt zu binden?
Shezar schlug das Buch zu.
Er schrieb an den Rand seines Pergaments:
Tod – Auflösung oder Veränderung des Gefüges?
Darunter setzte er:
Ungeklärt.
Das Wort blieb stehen.
Er nahm eine der bereits vorbereiteten Tafeln von der Wand und stellte sie auf die freie Seite seines Schreibtisches. Sie zeigte drei schematische Darstellungen nebeneinander: Körper, Geist und Seele. Shezar betrachtete sie nur kurz, ehe er eine zweite Tafel danebenstellte. Auf dieser waren verschiedene Formen eines Wesens gegenübergestellt worden. Ein Lebender, ein gewöhnlicher Untoter und ein Vampir. Zwischen den gezeichneten Körpern verliefen unterschiedlich dichte Linien und Knoten.
Bislang hatte ihn an der ersten Darstellung etwas gestört.
Nun erkannte er, was es war.
Sie behandelte die Totenbeschwörung zu sehr als Wiederherstellung des Körpers.
Shezar nahm ein weiteres Blatt und zeichnete das Geflecht des Lebenden erneut. Dieses Mal bestand es aus zahlreichen miteinander verbundenen Kreisen. Einige Verbindungen waren kräftig, andere dünn. Es spielte zunächst keine Rolle, ob diese Darstellung der Wirklichkeit vollkommen entsprach. Sie sollte ihm lediglich ermöglichen, seine Gedanken zu ordnen.
Daneben zeichnete er dasselbe Geflecht ein zweites Mal.
Dann ließ er mehrere Verbindungen fort.
Einige Knoten standen nun voneinander getrennt. Andere verschwanden vollständig.
Über die Zeichnung schrieb er:
Tod.
Die dritte Darstellung erforderte mehr Überlegung. Shezar setzte einige der zuvor getrennten Knoten erneut miteinander in Verbindung, jedoch nicht alle. Manche Linien endeten im Nichts. Andere verband er auf eine Weise, die im ursprünglichen Geflecht nicht vorhanden gewesen war.
Darüber schrieb er:
Untoter.
Er legte die Feder beiseite.
Ein Zombie konnte gehen. Er konnte greifen, beißen und auf einen Befehl reagieren. Ein Skelett konnte eine Waffe führen. Andere Untote zeigten bisweilen mehr: Gewohnheiten, Instinkte, einzelne Erinnerungen oder einen Willen, der zumindest stark genug war, Widerstand zu leisten. All dies bewies jedoch lediglich, dass etwas vorhanden war. Es bewies nicht, dass das ursprüngliche Wesen vollständig zurückgekehrt war.
Shezar zog das erste Pergament wieder heran und schrieb unter seine frühere Definition von Nekromantie:
Nekromantie belebt den toten Leib.
Er betrachtete den Satz.
Dann zog er langsam einen Strich hindurch.
Daneben schrieb er:
Nekromantie stellt Bindungen wieder her.
Auch diese Formulierung gefiel ihm nicht.
Er ergänzte ein Wort.
Nekromantie versucht, Bindungen wiederherzustellen.
Damit konnte er vorerst leben.
Denn selbst diese Aussage blieb eine Annahme. Vielleicht band der Nekromant tatsächlich die ursprüngliche Seele erneut an die Welt. Vielleicht erfasste er lediglich Teile von ihr. Vielleicht entstanden manche Untote durch einen gänzlich anderen Vorgang. Gerade die Vielzahl untoter Erscheinungsformen machte jede allgemeingültige Erklärung verdächtig.
Doch das Modell erklärte zumindest etwas, das Shezar seit Langem beschäftigte.
Die Unvollkommenheit.
Wenn der Tod ein komplexes Gefüge auseinanderbrach und die Nekromantie lediglich Teile davon wieder miteinander verband, musste ein gewöhnlicher Untoter zwangsläufig ein Fragment sein. Nicht unbedingt seelenlos. Nicht unbedingt geistlos. Nicht einmal zwingend ohne Erinnerung. Aber unvollständig.
Shezar zog die dritte Zeichnung näher heran und ergänzte einige der unterbrochenen Linien. Dann wieder andere. Mit jeder Veränderung entstand ein anderes denkbares Wesen. Eines besaß vielleicht Bewegung, aber keinen Willen. Ein anderes Erinnerung, aber kaum Verstand. Ein drittes einen Willen, aber keine Erinnerung an das Leben, aus dem es hervorgegangen war.
Er hielt inne.
Dann nahm er ein neues Blatt.
Oben darauf schrieb er nur einen Satz:
Nicht die Wiederbelebung des Körpers ist das eigentliche Problem der Nekromantie. Das Problem ist die Qualität und Vollständigkeit der Bindung.
Shezar legte die Feder ab und las die Worte zweimal.
Eine Arbeitsthese. Nicht mehr.
Doch zum ersten Mal seit Beginn seiner erneuten Beschäftigung mit dem Thema hatte das Problem eine Form angenommen.
Sein Blick wanderte zur zweiten Tafel.
Zum Vampir.
Er zog sie näher an die Lampe.
Auch ein Vampir war tot. Gerade darin lag der Widerspruch. Ein gewöhnlicher Leichnam, der durch Nekromantie zurückgerufen wurde, war oftmals nur ein Schatten dessen, was er zu Lebzeiten gewesen war. Seine Bewegungen konnten schwerfällig sein, sein Verstand eingeschränkt, seine Erinnerungen fragmentarisch und sein Wille schwach oder leicht zu beherrschen.
Ein Vampir dagegen konnte beobachten.
Lernen.
Planen.
Täuschen.
Er konnte über Jahre hinweg Entscheidungen treffen, Beziehungen eingehen, Feindschaften pflegen und seine eigene Existenz schützen. Was auch immer nach dem Tod in ihm fortbestand, es genügte, um eine geistige Kontinuität hervorzubringen, die einem gewöhnlichen Untoten fehlte.
Shezar nahm die Feder wieder auf.
Neben die Darstellung des Vampirs schrieb er:
Stärkere Bindung?
Darunter:
Vollständigere Bindung?
Er wartete einen Augenblick.
Anderer Anker?
Noch eine Zeile.
Blut?
Die Spitze der Feder verharrte über dem Pergament.
Er kannte die Bedeutung des Blutes für Vampire gut genug, um den Gedanken nicht als bloßen Zufall abzutun. Dennoch zog er keinen Kreis darum. Noch war es nur eine Möglichkeit.
Eigene Erhaltung des Gefüges?
Dann:
Keine Rückbindung – Veränderung?
Bei dieser letzten Zeile hielt er länger inne.
Vielleicht lag genau dort der Fehler seiner bisherigen Überlegung. Vielleicht war ein Vampir überhaupt kein besonders gelungenes Beispiel dessen, was ein Nekromant bei einem Zombie versuchte. Vielleicht wurde beim Vampir nichts vollständig wiederhergestellt. Vielleicht entstand im Augenblick seiner Erhebung ein neues Gefüge, das lediglich genügend Teile des früheren Wesens bewahrte, um Kontinuität vorzutäuschen.
Oder vielleicht war auch diese Vorstellung falsch.
Shezar strich nichts davon durch.
Zum ersten Mal an diesem Abend standen mehrere widersprüchliche Möglichkeiten nebeneinander, ohne dass er das Bedürfnis verspürte, eine davon sofort zu verwerfen.
Er nahm eine dritte Tafel hinzu. Darauf waren Runen und vereinfachte Strukturmuster aufgezeichnet worden: Bindung, Stabilisierung, Dämpfung und Kontrolle. Darunter befanden sich mehrere miteinander verschlungene Geflechte, die verschiedene Grade einer gedachten Rückbindung darstellen sollten. Shezar stellte die Tafel zwischen das Modell des gewöhnlichen Untoten und jenes des Vampirs.
Sein Blick wechselte zwischen den Darstellungen.
Zombie.
Vampir.
Beide tot.
Und dennoch lagen zwischen ihnen Welten.
Wenn seine Arbeitsthese zutraf, musste sich dieser Unterschied irgendwo wiederfinden. In der Art ihrer Bindung. In der Beschaffenheit ihres arkanen Gefüges. In dessen Energiefluss. Vielleicht in einem Bestandteil, den seine Zeichnungen bislang überhaupt nicht berücksichtigten.
Er nahm das Pergament mit dem Zombie und zeichnete daneben die vereinfachte Struktur eines Vampirs. Anders als zuvor setzte er dessen Linien jedoch nicht vollständig.
Stattdessen ließ er Lücken.
Absichtlich.
Neben eine davon schrieb er:
Ursprung des Willens?
Neben eine zweite:
Erinnerung oder Prägung?
An die dritte:
Erhaltung ohne Leben?
Und unmittelbar unter die Zeichnung:
Blut – Nahrung, Träger oder Anker?
Das letzte Wort unterstrich er einmal.
Anschließend legte Shezar beide Hände auf die Kante des Schreibtisches und betrachtete die Arbeit der vergangenen Stunden. Die Antwort war nicht näher gerückt. Im Gegenteil. Wo zuvor eine einzelne Frage gestanden hatte, befand sich nun beinahe ein Dutzend.
Doch die Fragen waren besser geworden.
Das genügte.
Er zog ein letztes frisches Pergament aus dem Stapel und schrieb oben in sauberer Schrift:
Was unterscheidet die arkane Bindungsstruktur eines Vampirs von der eines gewöhnlichen Untoten?
Darunter ließ er etwas Platz.
Dann folgte eine zweite Frage:
Lässt sich die außergewöhnliche Stabilität einer vampirischen Existenz künstlich reproduzieren?
Shezar betrachtete die Worte lange. Die zweite Frage ging weiter als die erste. Vielleicht zu weit. Ohne zu wissen, was er überhaupt nachbilden wollte, war jeder praktische Versuch wenig mehr als blindes Herantasten.
Also setzte er darunter eine dritte, kleinere Zeile:
Zunächst beobachten. Dann vergleichen. Erst danach verändern.
Die Feder fand zurück in das Tintenfass.
Noch immer war der große Steintisch hinter ihm leer. Kein Körper lag darauf, keine Beschwörung störte die gedämpfte Stille des Gewölbes und kein Zauber erfüllte die Luft. Lediglich Pergamente bedeckten den Schreibtisch, und zwischen ihnen standen die Tafeln mit ihren unvollständigen Geflechten.
Shezar nahm schließlich die Darstellung des Vampirs von ihrem Platz und stellte sie unmittelbar vor sich.
Unter das unfertige Geflecht schrieb er noch eine letzte Frage.
Vampir – stabile Rückbindung oder grundsätzlich andere Struktur?
Dieses Mal fügte er nichts hinzu.
Über ihm schlief Britain, während tief unter seinen Straßen ein Problem auf einem Stück Pergament erstmals eine klare Form angenommen hatte.
Die eigentliche Forschung konnte beginnen.

Das neue Labor unter Britain hatte seinen eigentlichen Zweck bislang kaum erfüllt. Zwar standen die Regale inzwischen voller Bücher, Phiolen und sorgfältig beschrifteter Gefäße, die Instrumente lagen auf schwarzem Tuch bereit und selbst die kalte Kammer enthielt bereits die ersten Präparate, doch der steinerne Tisch im Zentrum des Gewölbes war an diesem Abend leer. Shezar hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Noch fehlte ihm etwas Grundlegenderes als ein geeigneter Körper.

Auf seinem Schreibtisch lagen jene Unterlagen, die er aus dem Turm hatte bringen lassen. Einige Pergamente waren an den Rändern bereits dunkel geworden, andere trugen Flecken von Wachs oder Reagenzien und manche waren so oft beschrieben, korrigiert und erneut beschrieben worden, dass zwischen den ursprünglichen Zeilen kaum noch Platz für weitere Anmerkungen geblieben war. Daneben lagen Abschriften älterer Abhandlungen über das arkane Gewebe und mehrere Werke über Tod, Geist und Totenbeschwörung. Shezar hatte sie in den vergangenen Nächten erneut gelesen, manche Abschnitte mehrfach. Nicht weil ihm ihr Inhalt unbekannt gewesen wäre, sondern weil er nach etwas suchte, das zwischen all den bekannten Erklärungen bislang keinen Namen besaß.
Er zog eines der älteren Pergamente aus dem Stapel und legte es vor sich. Darauf befand sich eine Zeichnung, die er vor langer Zeit angefertigt hatte: ein menschlicher Umriss, umgeben von mehreren Kreisen und Linien. Neben dem Kopf stand Geist, nahe der Brust Seele, darunter Leib. Eine Linie verband die Begriffe miteinander. Shezar betrachtete die Darstellung eine Weile, nahm dann die Feder und strich die Linie durch.

Zu einfach.
Er legte ein frisches Blatt daneben und begann erneut.
Dieses Mal zeichnete er keinen Menschen. In die Mitte des Pergaments setzte er einen kleinen Kreis. Einen zweiten daneben, einen dritten darunter. Weitere folgten. Leib. Geist. Seele. Wille. Erinnerung. Lebenskraft. Arkane Verbindung. Manche Begriffe versah er mit einem Fragezeichen. Dann zog er die ersten Linien zwischen ihnen. Die Seele verband er zunächst mit dem Geist, hielt inne und ergänzte eine weitere Verbindung zum Leib. Erinnerung verband er mit Geist und Seele, strich die Verbindung zur Seele jedoch kurz darauf wieder durch und setzte stattdessen ein Fragezeichen daneben.
Das Ergebnis wurde mit jeder Ergänzung unübersichtlicher.
Gerade deshalb erschien es ihm brauchbarer als die alte Darstellung.
Die Schriften über das arkane Gewebe beschrieben eine Existenz nicht als einen einzelnen Punkt. Alles, was bestand, besaß darin seine Verbindungen; größere Gefüge bestanden wiederum aus kleineren Gefügen, miteinander verwoben und durch zahllose Ströme verbunden. Ein denkendes Wesen musste daher weitaus mehr sein als ein einzelner Knoten, den man lösen und anschließend wieder befestigen konnte.
Shezar lehnte sich zurück und betrachtete seine Zeichnung.
Das matte Licht der Öllampe lag gelb auf dem Pergament. Hinter ihm verschwanden die Regale im Halbdunkel des Gewölbes, und nur gelegentlich durchbrach das leise Tropfen von Wasser irgendwo jenseits der Mauer die Stille. Von Britain war nichts zu hören. Die Schutzstrukturen erfüllten ihren Zweck. Die Stadt lag unmittelbar über ihm und hätte ebenso gut eine Meile entfernt sein können.
Er griff nach einem der Bücher.
Die Seele, so die darin vertretene Lehre, ließ sich nicht erschaffen. Man konnte keinen leeren Leib nehmen und ihm aus bloßer Magie eine neue Seele geben. Wenn dies zutraf, musste die Totenbeschwörung auf etwas zurückgreifen, das bereits vorhanden war oder fortbestand. Doch bereits an diesem Punkt begann die Sicherheit zu enden. Was genau geschah in jenem Augenblick, den man Tod nannte? Wurde eine Verbindung vollständig gelöst? Wurde sie lediglich verändert? Was blieb im Körper zurück, was bestand außerhalb von ihm fort, und welche Teile davon vermochte ein Nekromant tatsächlich wieder an diese Welt zu binden?
Shezar schlug das Buch zu.
Er schrieb an den Rand seines Pergaments:
Tod – Auflösung oder Veränderung des Gefüges?
Darunter setzte er:
Ungeklärt.
Das Wort blieb stehen.
Er nahm eine der bereits vorbereiteten Tafeln von der Wand und stellte sie auf die freie Seite seines Schreibtisches. Sie zeigte drei schematische Darstellungen nebeneinander: Körper, Geist und Seele. Shezar betrachtete sie nur kurz, ehe er eine zweite Tafel danebenstellte. Auf dieser waren verschiedene Formen eines Wesens gegenübergestellt worden. Ein Lebender, ein gewöhnlicher Untoter und ein Vampir. Zwischen den gezeichneten Körpern verliefen unterschiedlich dichte Linien und Knoten.
Bislang hatte ihn an der ersten Darstellung etwas gestört.
Nun erkannte er, was es war.
Sie behandelte die Totenbeschwörung zu sehr als Wiederherstellung des Körpers.
Shezar nahm ein weiteres Blatt und zeichnete das Geflecht des Lebenden erneut. Dieses Mal bestand es aus zahlreichen miteinander verbundenen Kreisen. Einige Verbindungen waren kräftig, andere dünn. Es spielte zunächst keine Rolle, ob diese Darstellung der Wirklichkeit vollkommen entsprach. Sie sollte ihm lediglich ermöglichen, seine Gedanken zu ordnen.
Daneben zeichnete er dasselbe Geflecht ein zweites Mal.
Dann ließ er mehrere Verbindungen fort.
Einige Knoten standen nun voneinander getrennt. Andere verschwanden vollständig.
Über die Zeichnung schrieb er:
Tod.
Die dritte Darstellung erforderte mehr Überlegung. Shezar setzte einige der zuvor getrennten Knoten erneut miteinander in Verbindung, jedoch nicht alle. Manche Linien endeten im Nichts. Andere verband er auf eine Weise, die im ursprünglichen Geflecht nicht vorhanden gewesen war.
Darüber schrieb er:
Untoter.
Er legte die Feder beiseite.
Ein Zombie konnte gehen. Er konnte greifen, beißen und auf einen Befehl reagieren. Ein Skelett konnte eine Waffe führen. Andere Untote zeigten bisweilen mehr: Gewohnheiten, Instinkte, einzelne Erinnerungen oder einen Willen, der zumindest stark genug war, Widerstand zu leisten. All dies bewies jedoch lediglich, dass etwas vorhanden war. Es bewies nicht, dass das ursprüngliche Wesen vollständig zurückgekehrt war.
Shezar zog das erste Pergament wieder heran und schrieb unter seine frühere Definition von Nekromantie:
Nekromantie belebt den toten Leib.
Er betrachtete den Satz.
Dann zog er langsam einen Strich hindurch.
Daneben schrieb er:
Nekromantie stellt Bindungen wieder her.
Auch diese Formulierung gefiel ihm nicht.
Er ergänzte ein Wort.
Nekromantie versucht, Bindungen wiederherzustellen.
Damit konnte er vorerst leben.
Denn selbst diese Aussage blieb eine Annahme. Vielleicht band der Nekromant tatsächlich die ursprüngliche Seele erneut an die Welt. Vielleicht erfasste er lediglich Teile von ihr. Vielleicht entstanden manche Untote durch einen gänzlich anderen Vorgang. Gerade die Vielzahl untoter Erscheinungsformen machte jede allgemeingültige Erklärung verdächtig.
Doch das Modell erklärte zumindest etwas, das Shezar seit Langem beschäftigte.
Die Unvollkommenheit.
Wenn der Tod ein komplexes Gefüge auseinanderbrach und die Nekromantie lediglich Teile davon wieder miteinander verband, musste ein gewöhnlicher Untoter zwangsläufig ein Fragment sein. Nicht unbedingt seelenlos. Nicht unbedingt geistlos. Nicht einmal zwingend ohne Erinnerung. Aber unvollständig.
Shezar zog die dritte Zeichnung näher heran und ergänzte einige der unterbrochenen Linien. Dann wieder andere. Mit jeder Veränderung entstand ein anderes denkbares Wesen. Eines besaß vielleicht Bewegung, aber keinen Willen. Ein anderes Erinnerung, aber kaum Verstand. Ein drittes einen Willen, aber keine Erinnerung an das Leben, aus dem es hervorgegangen war.
Er hielt inne.
Dann nahm er ein neues Blatt.
Oben darauf schrieb er nur einen Satz:
Nicht die Wiederbelebung des Körpers ist das eigentliche Problem der Nekromantie. Das Problem ist die Qualität und Vollständigkeit der Bindung.
Shezar legte die Feder ab und las die Worte zweimal.
Eine Arbeitsthese. Nicht mehr.
Doch zum ersten Mal seit Beginn seiner erneuten Beschäftigung mit dem Thema hatte das Problem eine Form angenommen.
Sein Blick wanderte zur zweiten Tafel.
Zum Vampir.
Er zog sie näher an die Lampe.
Auch ein Vampir war tot. Gerade darin lag der Widerspruch. Ein gewöhnlicher Leichnam, der durch Nekromantie zurückgerufen wurde, war oftmals nur ein Schatten dessen, was er zu Lebzeiten gewesen war. Seine Bewegungen konnten schwerfällig sein, sein Verstand eingeschränkt, seine Erinnerungen fragmentarisch und sein Wille schwach oder leicht zu beherrschen.
Ein Vampir dagegen konnte beobachten.
Lernen.
Planen.
Täuschen.
Er konnte über Jahre hinweg Entscheidungen treffen, Beziehungen eingehen, Feindschaften pflegen und seine eigene Existenz schützen. Was auch immer nach dem Tod in ihm fortbestand, es genügte, um eine geistige Kontinuität hervorzubringen, die einem gewöhnlichen Untoten fehlte.
Shezar nahm die Feder wieder auf.
Neben die Darstellung des Vampirs schrieb er:
Stärkere Bindung?
Darunter:
Vollständigere Bindung?
Er wartete einen Augenblick.
Anderer Anker?
Noch eine Zeile.
Blut?
Die Spitze der Feder verharrte über dem Pergament.
Er kannte die Bedeutung des Blutes für Vampire gut genug, um den Gedanken nicht als bloßen Zufall abzutun. Dennoch zog er keinen Kreis darum. Noch war es nur eine Möglichkeit.
Eigene Erhaltung des Gefüges?
Dann:
Keine Rückbindung – Veränderung?
Bei dieser letzten Zeile hielt er länger inne.
Vielleicht lag genau dort der Fehler seiner bisherigen Überlegung. Vielleicht war ein Vampir überhaupt kein besonders gelungenes Beispiel dessen, was ein Nekromant bei einem Zombie versuchte. Vielleicht wurde beim Vampir nichts vollständig wiederhergestellt. Vielleicht entstand im Augenblick seiner Erhebung ein neues Gefüge, das lediglich genügend Teile des früheren Wesens bewahrte, um Kontinuität vorzutäuschen.
Oder vielleicht war auch diese Vorstellung falsch.
Shezar strich nichts davon durch.
Zum ersten Mal an diesem Abend standen mehrere widersprüchliche Möglichkeiten nebeneinander, ohne dass er das Bedürfnis verspürte, eine davon sofort zu verwerfen.
Er nahm eine dritte Tafel hinzu. Darauf waren Runen und vereinfachte Strukturmuster aufgezeichnet worden: Bindung, Stabilisierung, Dämpfung und Kontrolle. Darunter befanden sich mehrere miteinander verschlungene Geflechte, die verschiedene Grade einer gedachten Rückbindung darstellen sollten. Shezar stellte die Tafel zwischen das Modell des gewöhnlichen Untoten und jenes des Vampirs.
Sein Blick wechselte zwischen den Darstellungen.
Zombie.
Vampir.
Beide tot.
Und dennoch lagen zwischen ihnen Welten.
Wenn seine Arbeitsthese zutraf, musste sich dieser Unterschied irgendwo wiederfinden. In der Art ihrer Bindung. In der Beschaffenheit ihres arkanen Gefüges. In dessen Energiefluss. Vielleicht in einem Bestandteil, den seine Zeichnungen bislang überhaupt nicht berücksichtigten.
Er nahm das Pergament mit dem Zombie und zeichnete daneben die vereinfachte Struktur eines Vampirs. Anders als zuvor setzte er dessen Linien jedoch nicht vollständig.
Stattdessen ließ er Lücken.
Absichtlich.
Neben eine davon schrieb er:
Ursprung des Willens?
Neben eine zweite:
Erinnerung oder Prägung?
An die dritte:
Erhaltung ohne Leben?
Und unmittelbar unter die Zeichnung:
Blut – Nahrung, Träger oder Anker?
Das letzte Wort unterstrich er einmal.
Anschließend legte Shezar beide Hände auf die Kante des Schreibtisches und betrachtete die Arbeit der vergangenen Stunden. Die Antwort war nicht näher gerückt. Im Gegenteil. Wo zuvor eine einzelne Frage gestanden hatte, befand sich nun beinahe ein Dutzend.
Doch die Fragen waren besser geworden.
Das genügte.
Er zog ein letztes frisches Pergament aus dem Stapel und schrieb oben in sauberer Schrift:
Was unterscheidet die arkane Bindungsstruktur eines Vampirs von der eines gewöhnlichen Untoten?
Darunter ließ er etwas Platz.
Dann folgte eine zweite Frage:
Lässt sich die außergewöhnliche Stabilität einer vampirischen Existenz künstlich reproduzieren?
Shezar betrachtete die Worte lange. Die zweite Frage ging weiter als die erste. Vielleicht zu weit. Ohne zu wissen, was er überhaupt nachbilden wollte, war jeder praktische Versuch wenig mehr als blindes Herantasten.
Also setzte er darunter eine dritte, kleinere Zeile:
Zunächst beobachten. Dann vergleichen. Erst danach verändern.
Die Feder fand zurück in das Tintenfass.
Noch immer war der große Steintisch hinter ihm leer. Kein Körper lag darauf, keine Beschwörung störte die gedämpfte Stille des Gewölbes und kein Zauber erfüllte die Luft. Lediglich Pergamente bedeckten den Schreibtisch, und zwischen ihnen standen die Tafeln mit ihren unvollständigen Geflechten.
Shezar nahm schließlich die Darstellung des Vampirs von ihrem Platz und stellte sie unmittelbar vor sich.
Unter das unfertige Geflecht schrieb er noch eine letzte Frage.
Vampir – stabile Rückbindung oder grundsätzlich andere Struktur?
Dieses Mal fügte er nichts hinzu.
Über ihm schlief Britain, während tief unter seinen Straßen ein Problem auf einem Stück Pergament erstmals eine klare Form angenommen hatte.
Die eigentliche Forschung konnte beginnen.

Zuletzt geändert von Shezar am 09 Sep 2026, 19:04, insgesamt 3-mal geändert.
Über die Beschaffenheit untoter Existenz (gebunden)

Über die Beschaffenheit untoter Existenz
Eine vergleichende Betrachtung gewöhnlicher Totenbeschwörung und vampirischer Fortdauer
von Shezar
Vorwort
Die Totenbeschwörung wird in ihrer praktischen Anwendung häufig auf einen Vorgang reduziert, dessen sichtbares Ergebnis zugleich als hinreichende Erklärung desselben betrachtet wird: Ein Verstorbener erhebt sich, also wurde er wiederbelebt. Eine solche Betrachtung mag für denjenigen genügen, dessen Interesse sich darauf beschränkt, einen gefallenen Leib erneut zum Gehen oder Kämpfen zu bewegen. Für das Verständnis der Nekromantie selbst ist sie jedoch unzureichend. Bewegung ist kein Beweis für Leben. Ebenso wenig beweist sie Geist, Erinnerung oder Willen.
Ein Leichnam vermag durch nekromantische Einwirkung seine Glieder erneut zu gebrauchen und dennoch kaum mehr mit jenem Menschen gemein zu haben, dessen Leib er trägt. Andererseits existieren Formen des Untodes, deren Vertreter trotz ihres verstorbenen Zustandes zu Überlegung, Erinnerung, Planung und selbstbestimmtem Handeln fähig erscheinen. Unter diesen nimmt der Vampir eine besondere Stellung ein. Sowohl der gewöhnliche Untote als auch der Vampir haben den Tod erfahren. Dennoch unterscheiden sich ihre Erscheinungsformen derart grundlegend, dass eine bloße Unterscheidung nach Leben und Tod keine befriedigende Erklärung liefern kann. Gegenstand dieser Ausarbeitung soll daher nicht die Frage sein, wie ein Toter bewegt werden kann, sondern vielmehr: Was wird durch die Nekromantie tatsächlich wiederhergestellt – und weshalb erscheint diese Wiederherstellung bei verschiedenen Formen des Untodes von so unterschiedlicher Beschaffenheit?
I. Von Leib, Geist und Seele
Jede Untersuchung des Untodes setzt zunächst voraus, dass der Tod nicht ausschließlich als Erlöschen körperlicher Funktionen betrachtet wird. Der Leib stellt lediglich den stofflichen Teil eines Wesens dar. Er besitzt Gestalt, Organe und all jene materiellen Bestandteile, durch welche ein Lebender auf seine Umgebung einzuwirken vermag. Dennoch ist offensichtlich, dass die bloße Erhaltung oder Bewegung dieses Leibes nicht genügt, um das ursprüngliche Wesen wiederherzustellen. Ein bewegter Körper ist zunächst nichts weiter als ein bewegter Körper. Davon zu unterscheiden sind Geist und Seele. Unter der Seele soll im Folgenden jener Bestandteil verstanden werden, der den eigentlichen Ursprung eines denkenden Wesens bildet und dessen Erschaffung durch gewöhnliche magische Mittel nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht möglich erscheint. Der Geist hingegen bezeichnet die bewusste Manifestation des Wesens innerhalb dieser Welt: Wahrnehmung, Denken und jene Erscheinungen, durch welche sich ein bewusst handelndes Wesen von bloß bewegter Materie unterscheidet. Diese Trennung ist von wesentlicher Bedeutung. Wenn eine Seele nicht nach Belieben erschaffen werden kann, dann kann die Nekromantie bei der Erhebung eines Toten nicht schlicht etwas Neues hervorbringen und dieses anschließend in einen Leichnam setzen. Sie muss auf etwas bereits Vorhandenes zurückgreifen. Was genau dieses Vorhandene umfasst, bleibt zu untersuchen.
Neben Leib, Seele und Geist müssen zumindest weitere Erscheinungen berücksichtigt werden: Erinnerung, Wille, Lebenskraft, arkane Beschaffenheit sowie jene individuellen Prägungen, anhand derer ein Wesen als eben dieses Wesen erkannt werden kann. Ob diese Dinge eigenständige Bestandteile darstellen oder lediglich Erscheinungsformen eines größeren Zusammenhangs sind, kann derzeit nicht entschieden werden.
II. Vom Tod als Auflösung eines Gefüges
Für die weitere Betrachtung sei angenommen, dass ein lebendes Wesen nicht aus voneinander unabhängigen Bestandteilen besteht, sondern aus deren Verbindung. Der Leib beeinflusst den Geist. Erinnerung beeinflusst den Willen. Wahrnehmung beeinflusst Erinnerung und Entscheidung. Die Seele steht auf eine bislang nicht vollständig verstandene Weise mit der bewussten Existenz des Wesens in Verbindung. Es erscheint daher zweckmäßiger, ein Wesen als Gefüge zu betrachten. Diese Vorstellung lässt sich mit den bekannten Betrachtungen über das arkane Gewebe vereinbaren. Was existiert, erscheint darin nicht als einzelner Faden, sondern als eine Vielzahl miteinander verbundener Knoten und Strömungen. Ein denkendes Wesen wäre folglich nicht durch einen einzigen arkanen Punkt beschrieben, sondern durch ein außerordentlich komplexes Geflecht. Daraus ergibt sich ein brauchbares Modell für den Tod. Der Tod wäre danach nicht lediglich das Ende körperlicher Bewegung, sondern eine grundlegende Veränderung oder Auflösung jenes Gefüges, durch welches Leib, Geist und die übrigen Bestandteile einer Existenz miteinander und mit dieser Welt verbunden sind.
Ob diese Verbindungen vollständig verschwinden, lediglich getrennt werden oder in anderer Form fortbestehen, sei ausdrücklich offengelassen. Die Unterscheidung ist bedeutsam. Denn sollte etwas nach dem Tod fortbestehen, wäre die Aufgabe eines Nekromanten nicht die Erschaffung einer neuen Existenz. Sie wäre die Wiederherstellung verlorener Verbindungen.
III. Nekromantie als Rückbindung
Hieraus ergibt sich eine andere Betrachtung der Totenbeschwörung. Der Nekromant belebt nicht notwendigerweise einen Körper. Er versucht vielmehr, Bestandteile eines auseinandergebrochenen Gefüges erneut miteinander oder mit dieser Welt zu verbinden.
Dieser Vorgang soll im Folgenden als Rückbindung bezeichnet werden. Eine solche Rückbindung muss keineswegs vollständig sein. Tatsächlich sprechen die meisten bekannten Erscheinungsformen gewöhnlicher Untoter dagegen. Ein Zombie vermag seinen Leib zu bewegen. Daraus folgt lediglich, dass ausreichend Verbindung besteht, um Bewegung hervorzubringen. Ein Skelett kann einem Befehl folgen. Daraus folgt, dass irgendeine Form von Wahrnehmung, Bindung oder fremder Willensführung vorhanden sein muss. Andere Untote zeigen einzelne Erinnerungen, Gewohnheiten oder rudimentären Eigenwillen. Keine dieser Beobachtungen beweist jedoch, dass das ursprüngliche Wesen vollständig wiederhergestellt wurde. Es wäre daher denkbar, dass verschiedene Formen des Untodes lediglich verschiedene Ergeisse unvollständiger Rückbindung darstellen. Bei einem Wesen könnte der Leib stark gebunden, der Geist jedoch kaum vorhanden sein. Bei einem anderen könnten Fragmente von Erinnerung bestehen, während ein zusammenhängender Wille fehlt. Wieder ein anderes könnte beträchtliche Selbstständigkeit besitzen, ohne sich an sein früheres Leben zu erinnern.
Damit wäre „Untod“ keine einzelne, eindeutig beschreibbare Beschaffenheit. Er wäre eine Bezeichnung für verschiedene Zustände eines nach dem Tod neu geknüpften Gefüges.
IV. Das Problem des gewöhnlichen Untoten
Diese Betrachtung erklärt zumindest teilweise eine der auffälligsten Eigenschaften gewöhnlicher Totenbeschwörung:
ihre Unvollkommenheit.
Es ist verhältnismäßig leicht, einen Toten dazu zu bringen, sich zu bewegen, verglichen mit der Aufgabe, aus demselben Leib erneut ein vollständig denkendes und selbstbestimmtes Wesen hervorzubringen. Dies legt nahe, dass körperliche Bewegung zu den einfacheren Bestandteilen der Rückbindung gehört. Die Schwierigkeit steigt offenbar mit der Komplexität dessen, was wiederhergestellt werden soll. Ein Arm benötigt Bewegung. Ein Befehl benötigt Wahrnehmung und Reaktion. Eigenständiges Handeln benötigt Willen. Planung benötigt Erinnerung, Wahrnehmung, Abwägung und die Fähigkeit, daraus eine zukünftige Handlung abzuleiten. Persönlichkeit schließlich scheint aus einer solchen Vielzahl miteinander verbundener Einflüsse hervorzugehen, dass ihre vollständige Wiederherstellung eine entsprechend komplexe Rückbindung voraussetzen müsste.
Hieraus ergibt sich die erste Arbeitsthese dieser Untersuchung:
Nicht die Wiederbelebung des Körpers ist das eigentliche Problem der Nekromantie. Das Problem ist die Qualität und Vollständigkeit der Bindung. Diese Aussage ist ausdrücklich als Arbeitsthese zu verstehen. Sie erklärt gewöhnliche Untote zufriedenstellender als die bloße Annahme einer „Wiederbelebung“, ist jedoch noch kein Beweis für die tatsächliche Beschaffenheit sämtlicher Formen des Untodes.
V. Der Vampir als Widerspruch
An dieser Stelle gewinnt der Vampir besondere Bedeutung. Ein Vampir ist tot. Dennoch zeigt er Eigenschaften, die bei gewöhnlichen Untoten entweder fehlen oder nur in erheblich eingeschränkter Form auftreten. Er vermag selbstständig zu handeln. Er kann beobachten und lernen. Er kann planen, täuschen und Entscheidungen über lange Zeiträume verfolgen. Er erkennt andere Wesen und kann Beziehungen zu ihnen aufrechterhalten. Er schützt seine eigene Existenz und reagiert nicht lediglich auf die unmittelbare Einwirkung eines Beschwörers. Besonders bemerkenswert ist die scheinbare Kontinuität seines Wesens. Ein Vampir erscheint nicht wie ein gewöhnlicher Leichnam, dem einzelne Befehle eingeprägt wurden. Er besitzt Eigenschaften, Erinnerungen oder Prägungen, durch die zumindest der Eindruck einer fortbestehenden Persönlichkeit entsteht.
Gerade hier ist Vorsicht erforderlich.
Aus der Beobachtung geistiger Kontinuität darf nicht unmittelbar geschlossen werden, dass die ursprüngliche Seele vollständig in den Leib zurückgekehrt sei. Das beobachtete Ergebnis lässt mehrere Erklärungen zu. Der Vampir könnte tatsächlich über eine vollständigere Rückbindung verfügen.
Ebenso könnte seine Existenz jedoch auf einer grundsätzlich anderen Form der Bindung beruhen. Es könnte ein anderer Anker vorhanden sein. Es könnte eine fortwährende äußere oder innere Energiequelle bestehen. Es könnte sich um eine Veränderung des ursprünglichen Gefüges handeln, anstatt um dessen Wiederherstellung. Oder jene Eigenschaften, die als Fortbestand der ursprünglichen Persönlichkeit erscheinen, könnten lediglich außergewöhnlich vollständige Prägungen des früheren Wesens darstellen. Gegenwärtig genügt keine Beobachtung, um zwischen diesen Möglichkeiten sicher zu entscheiden.
VI. Von der Bedeutung des Blutes
Keine Betrachtung vampirischer Existenz kann die Bedeutung des Blutes unbeachtet lassen. Seine Rolle ist jedoch zunächst nicht zu erklären, sondern zu bestimmen. Die bloße Feststellung, dass der Vampir Blut benötigt, beantwortet nicht, warum er es benötigt. Mehrere Möglichkeiten sind denkbar.
- Blut könnte lediglich der Erhaltung des untoten Leibes dienen.
- Es könnte Träger jener Kraft sein, welche die vampirische Existenz fortwährend stabilisiert.
- Es könnte als Bindeglied zwischen verschiedenen Bestandteilen des vampirischen Gefüges wirken.
- Ebenso wäre denkbar, dass die vampirische Struktur ohne regelmäßige Zufuhr bestimmter im Blut vorhandener Eigenschaften ihr Gleichgewicht verliert.
- Schließlich könnte Blut selbst ein wesentlicher Bestandteil jener Veränderung sein, durch die aus einem gewöhnlichen Toten überhaupt erst ein Vampir hervorgeht.
Das Blut ist eine der auffälligsten Abweichungen zwischen gewöhnlicher Totenbeschwörung und vampirischer Existenz und muss daher Bestandteil jeder weiteren Untersuchung sein.
VII. Stabilität als eigentliches Merkmal
Der vielleicht bedeutendste Unterschied zwischen Zombie und Vampir liegt nicht in ihrer Kraft, ihrer Geschwindigkeit oder ihrem äußeren Zustand. Er liegt in ihrer Stabilität. Ein gewöhnlicher Untoter erscheint häufig abhängig von einer äußeren Einwirkung. Seine Existenz wurde durch Nekromantie hervorgerufen und bleibt in irgendeiner Weise an diese Einwirkung gebunden oder trägt die Zeichen einer mangelhaften Wiederherstellung. Der Vampir dagegen erscheint in ungewöhnlichem Maße selbsterhaltend. Sein Gefüge besteht fort.
Damit ergibt sich eine weitere Frage:
Woher erhält eine vampirische Existenz die Kraft, ihre eigene Ordnung aufrechtzuerhalten?
Möglicherweise liegt darin sogar ein grundlegender Unterschied. Vielleicht ist die Struktur eines gewöhnlichen Untoten statisch: Der Nekromant zwingt bestimmte Verbindungen in eine gewünschte Form, doch diese neigen dazu, wieder auseinanderzufallen. Die vampirische Struktur könnte dagegen dynamisch sein. Störungen würden nicht lediglich ertragen, sondern ausgeglichen. Verbindungen könnten sich selbst erhalten oder erneuern. Sollte dies zutreffen, wäre ein Vampir nicht deshalb stabiler, weil seine Bindung bloß stärker ist. Sie wäre anders beschaffen.
Dies würde auch erklären, weshalb die bloße Steigerung nekromantischer Kraft nicht zwangsläufig einen gewöhnlichen Untoten in etwas verwandelt, das einem Vampir gleicht. Mehr Kraft erzeugt nicht notwendigerweise bessere Ordnung.
VIII. Drei vorläufige Modelle
Aus den bisherigen Betrachtungen lassen sich drei Modelle ableiten.
Erstes Modell: Die vollständigere Rückbindung
Der Vampir wäre danach grundsätzlich dasselbe Phänomen wie ein gewöhnlicher Untoter, jedoch mit einer wesentlich vollständigeren Wiederherstellung des ursprünglichen Gefüges. Der Unterschied zwischen Zombie und Vampir wäre hauptsächlich ein Unterschied des Grades.
Diese Erklärung ist einfach, doch gerade deshalb mit Vorsicht zu behandeln.
Zweites Modell: Die veränderte Rückbindung
Hierbei würden zwar Bestandteile des ursprünglichen Wesens erneut gebunden, jedoch nicht in ihrer ursprünglichen Ordnung. Der Vampir wäre folglich keine Wiederherstellung des Lebenden, sondern eine neue Ordnung bereits vorhandener Bestandteile. Blut oder eine andere vampirische Eigenheit könnte hierbei einen neuen Anker bilden. Der Unterschied wäre nicht nur Stärke, sondern Anordnung.
Drittes Modell: Die neue untote Struktur
Die dritte Möglichkeit geht am weitesten. Danach wäre der Vampir überhaupt kein besonders vollständig wiederhergestellter Verstorbener. Durch seine Erhebung entstünde vielmehr eine neue untote Struktur, welche lediglich Teile oder Prägungen des ursprünglichen Wesens übernimmt. Die beobachtete Persönlichkeit wäre dann kein Beweis für die Rückkehr des ursprünglichen Geistes, sondern das Ergebnis einer außergewöhnlich vollkommenen Bewahrung seiner Spuren.
Welches dieser Modelle der Wirklichkeit am nächsten kommt, kann gegenwärtig nicht entschieden werden.
IX. Folgerungen für die weitere Forschung
Die ursprüngliche Frage dieser Untersuchung lautete sinngemäß: Warum ist ein Vampir als Untoter derart außergewöhnlich stabil? Nach den bisherigen Betrachtungen muss diese Frage genauer gefasst werden. Zunächst muss bestimmt werden, welche Unterschiede zwischen gewöhnlichem Untoten und Vampir überhaupt im arkanen Gefüge beobachtbar sind.
Zu untersuchen wären insbesondere:
- Beschaffenheit und Dichte der arkanen Verbindungen,
- Abhängigkeit von äußerer magischer Einwirkung,
- Fähigkeit des Gefüges zur Selbsterhaltung,
- Zusammenhang zwischen Willen und arkaner Struktur,
- Fortbestand von Erinnerungen und persönlichen Prägungen,
- Bedeutung des Blutes,
- mögliche Anker der untoten Existenz,
- Veränderungen des Gefüges bei Entzug seiner Erhaltungsgrundlage.
Schlussbetrachtung
Die bisherige Betrachtung führt zu keiner abschließenden Erklärung vampirischer Existenz. Sie führt jedoch zu einer genaueren Bestimmung des Problems. Die Unterscheidung zwischen Leben und Tod allein genügt nicht, um die verschiedenen Erscheinungsformen des Untodes zu erklären. Ebenso wenig genügt die Bewegung eines Leichnams als Beweis einer erfolgreichen Wiederherstellung des ursprünglichen Wesens. Es erscheint zweckmäßiger, ein denkendes Wesen als komplexes Gefüge verschiedener miteinander verbundener Bestandteile zu betrachten. Der Tod verändert oder löst dieses Gefüge. Die Nekromantie versucht, Verbindungen erneut herzustellen. Der gewöhnliche Untote könnte dabei das Ergebnis einer unvollständigen Rückbindung darstellen.Der Vampir dagegen zeigt eine außergewöhnliche Stabilität, deren Ursache bislang unbekannt bleibt. Ob diese Stabilität auf einer vollständigeren Bindung, einer anderen Ordnung, einem besonderen Anker, der Bedeutung des Blutes oder einer grundsätzlich anderen Form untoter Existenz beruht, kann gegenwärtig nicht beantwortet werden. Damit verbleiben zwei Fragen, welche den weiteren Verlauf dieser Untersuchung bestimmen sollen: Was unterscheidet die arkane Bindungsstruktur eines Vampirs von der eines gewöhnlichen Untoten? und, sofern diese Frage eines Tages beantwortet werden kann:
Lässt sich die außergewöhnliche Stabilität einer vampirischen Existenz künstlich reproduzieren?
Bis dahin wäre jeder Versuch ihrer Nachbildung nichts weiter als das Arbeiten an einer Struktur, deren Gestalt noch nicht verstanden wurde.
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