I. DE VINCULO MORTUORUM - Vom zweiten Band

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Y'rahl Tquannil
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I. DE VINCULO MORTUORUM - Vom zweiten Band

Beitrag von Y'rahl Tquannil »

Die vorangegangene Arbeit endete mit einem Gesetz. Das allein wäre Grund genug, ihr zu misstrauen. Gesetze besitzen die
unangenehme Eigenschaft, dem Forscher das Gefühl zu geben, er habe einen Gegenstand abgeschlossen, nur weil er ihm eine
hinreichend ordentliche Form gegeben hat. De Limine Mortis hat den Tod nicht erklärt. Die Aufzeichnungen haben lediglich ein
Modell hervorgebracht, das mehrere Beobachtungen miteinander vereinbaren konnte: Im lebenden Zustand bestehen Leib, Geist
und eine ursprüngliche arkane Ordnung in einer Bindung; im Sterben beginnt diese Ordnung sich zu lösen; nach vollständiger
Trennung können Teile fortbestehen, doch jede danach geschaffene Verbindung ist zunächst eine neue Ordnung.
Diese Feststellung war für den Weg, der hinter mir liegt, ausreichend. Für den Weg, der vor mir liegt, ist sie es nicht.
Ich habe lange auf die Schwelle geblickt. Ich habe untersucht, was vor ihr besteht, was während ihres Überschreitens zerfällt und
was auf der anderen Seite zurückbleibt. Dabei behandelte ich die Nekromantie selbst meist als Werkzeug. Eine Thesis wurde
angewandt, ein Leichnam erhoben, ein Geist gerufen, eine Bindung gestützt. Ich fragte nach dem Ergebnis der Magie, aber nur
selten nach der Ordnung, durch welche die Magie dieses Ergebnis hervorbrachte. Darin liegt der Mangel der bisherigen Arbeit.
Der gewöhnliche Nekromant sagt, er beherrsche einen Toten. Diese Aussage ist ebenso bequem wie ungenau. Eine Hand
beherrscht einen Hammer, weil sie ihn berührt und bewegt. Ein Reiter beherrscht ein Pferd durch Zügel, Schenkel und eingeübte
Reaktion. Doch wodurch beherrscht ein Nekromant einen Leichnam, der mehrere Schritte entfernt steht? Das gesprochene Wort
kann nicht genügen. Ein Befehl kann leise gegeben werden und dennoch Wirkung zeigen. Eine Geste kann fehlen. Sichtkontakt
kann unterbrochen werden. Selbst dort, wo Worte und Zeichen verwendet werden, sind sie Teil der Thesis und nicht notwendig
die Verbindung selbst.
Wenn aber zwischen dem Willen des Nekromanten und der künstlichen Ordnung des erhobenen Toten eine Wirkung besteht,
muss gefragt werden, wodurch diese Wirkung getragen wird.
Die sechste Aufzeichnung unterschied den motus mortis vom Leben. Er bezeichnete jene nekromantisch geschaffene funktionale
Ordnung, durch welche tote Materie zu Bewegung und Gehorsam befähigt wird. Diese Unterscheidung bleibt bestehen. Doch sie
war unvollständig. Ich betrachtete den motus mortis so, als läge er ausschließlich im Toten: eine Struktur, die Muskeln, Knochen
und verbliebene körperliche Ordnung zu Handlung zwingt. Dabei übersah ich das Offensichtliche. Der erhobene Leib handelt
nicht bloß. Er handelt gerichtet. Er unterscheidet zwischen Befehl und Nichtbefehl. Er folgt einer fremden Absicht, obwohl diese
Absicht nicht in seinem eigenen Geist entsteht.
Der fehlende Gegenstand meiner bisherigen Forschung ist daher nicht der Tote. Es ist die Beziehung zwischen dem Toten und
jenem Willen, dem er gehorcht.
Ich werde diese vermutete Beziehung vorläufig vinculum mortuum nennen - Totenbindung. Der Begriff behauptet noch nicht, dass
es sich um ein eigenständiges arkanes Gebilde handelt. Er bezeichnet zunächst nur die Arbeitshypothese, dass zwischen einer
kontrollierenden nekromantischen Thesis und der von ihr beherrschten toten Ordnung eine fortdauernde Beziehung bestehen
muss, solange gerichteter Gehorsam möglich ist.
Diese Hypothese ist von der Bindung des lebenden Wesens streng zu trennen. Die ursprüngliche Bindung verbindet Leib und
Geist zu einer Eigenordnung. Das vinculum mortuum würde dagegen eine Fremdordnung mit einem bereits toten oder künstlich
geordneten Träger verbinden. Die eine ermöglicht das Selbst. Die andere ermöglicht Herrschaft. Beide ohne weiteren Nachweis
gleichzusetzen wäre derselbe Fehler, den ich bereits beim vestigium vitae vermeiden musste: Ähnlichkeit der Wirkung beweist
keine Gleichheit der Ursache.
Die erste Untersuchung dieses neuen Gegenstandes muss deshalb klein beginnen. Ein einzelner Leichnam genügt. Nicht die Zahl
der Toten ist von Bedeutung, sondern die Zahl der veränderlichen Bedingungen. Wer zehn Leichen zugleich erhebt und danach
behauptet, er habe die Herrschaft über den Tod untersucht, hat vor allem bewiesen, dass er zählen kann.
Für die erste Versuchsreihe wurde ein hinreichend erhaltener menschlicher Leichnam gewählt. Der Körper war bereits tot, bevor
er in die Untersuchung gelangte; der Zeitpunkt des Todes lag weit genug zurück, dass keine Verwechslung mit dem Intervallum
Mortis zu erwarten war. Ein schwaches, fragmentiertes vestigium vitae war noch wahrnehmbar. Dies wurde protokolliert, ist für
die gegenwärtige Frage jedoch nur insofern bedeutsam, als spätere Versuche mit älterem Material einen Vergleich erlauben
sollen.
Die Erhebung erfolgte mit einer gewöhnlichen Thesis des motus mortis. Ich nahm keine Veränderung an der bekannten Struktur
vor. Ein neues Phänomen lässt sich schlecht untersuchen, wenn zugleich das Werkzeug verändert wird, mit dem man es
hervorruft. Der Tote erhob sich, hielt das Gleichgewicht und reagierte auf einfache Anweisungen. Vorwärts. Halt. Wenden.
Niederknien. Aufstehen. Keine dieser Handlungen war bemerkenswert.
Dann wurde der Befehl von seiner üblichen Form getrennt.
Zunächst sprach ich die Anweisung aus, ohne den Körper anzusehen. Die Wirkung blieb bestehen. Danach wurde dieselbe
Anweisung hinter dem Rücken des Toten gegeben. Wieder gehorchte er. Im nächsten Schritt unterließ ich die begleitende
Handbewegung. Keine Veränderung. Schließlich formte ich die Absicht innerhalb der bestehenden Thesis, ohne sie vollständig
auszusprechen. Die Reaktion war langsamer und weniger sauber, aber vorhanden.
Das Ergebnis darf nicht überdehnt werden. Es beweist nicht, dass Worte bedeutungslos sind. Worte ordnen den Willen des
Magiers und können Bestandteil einer stabilen Thesis sein. Ebenso wenig beweist der Versuch eine Gedankenübertragung. Der
Tote zeigte keinen Hinweis darauf, einen Gedanken verstanden zu haben. Er vollzog lediglich eine Handlung, deren Richtung aus
meiner magischen Ordnung hervorging.
Entscheidend ist etwas anderes: Der Befehl scheint nicht ausschließlich durch Schall, Blick oder Geste übertragen zu werden.
Ich wiederholte die Versuche mit zunehmendem Abstand. Bei wenigen Schritten zeigte sich kein deutlicher Unterschied. Auch
am gegenüberliegenden Ende des Raumes blieb die Reaktion zuverlässig. Eine geschlossene Tür zwischen mir und dem
erhobenen Leib erschwerte die Beobachtung, verhinderte den Gehorsam jedoch nicht. Erst als mehrere massive Wände und
größere Entfernung zwischen uns lagen, wurden die Reaktionen unregelmäßiger. Einzelne Befehle verzögerten sich. Andere
wurden nur unvollständig ausgeführt.
An diesem Punkt trat die erste wirklich interessante Beobachtung auf. Die Schwächung fühlte sich nicht an wie das Versiegen
einer Thesis. Die auf den Leichnam gelegte nekromantische Ordnung bestand weiterhin. Der Körper fiel nicht zusammen. Er
verlor auch nicht plötzlich jede Bewegungsfähigkeit. Was schwächer wurde, war vielmehr meine Fähigkeit, eine neue gerichtete
Veränderung in dieser Ordnung hervorzurufen.
Damit lässt sich erstmals zwischen zwei Dingen unterscheiden: der Ordnung, durch welche der Tote überhaupt erhoben bleibt,
und der Beziehung, durch welche mein gegenwärtiger Wille diese Ordnung beeinflusst.
Sollte diese Trennung Bestand haben, war meine bisherige Vorstellung von nekromantischer Herrschaft zu einfach. Ein erhobener
Toter wäre dann nicht bloß ein Körper, in den fortwährend Wille gegossen wird. Er wäre eine künstlich geordnete Einheit, die
über eine zweite Struktur mit ihrem Beherrscher verbunden bleibt.
Eine solche Struktur hätte weitreichende Folgen. Sie müsste eine Grenze besitzen, denn Entfernung scheint ihre Wirkung zu
verändern. Sie müsste aufrechterhalten werden können, ohne dass jeder Augenblick bewusste Aufmerksamkeit verlangt, denn ein
Nekromant kann gehen, sprechen und denken, während ein erhobener Diener weiterhin steht. Und sie müsste mehr als bloße
Energie übertragen. Reine Kraft kennt keinen Unterschied zwischen 'tritt vor' und 'bleib stehen'. Eine gerichtete Handlung
verlangt Ordnung.
Damit entsteht eine neue Forschungsfrage, die größer ist als diejenige, mit der diese Aufzeichnung begann. Nicht: Wie bewegt
mein Wille einen Toten? Sondern: Welche Form muss eine arkane Beziehung besitzen, damit eine fremde Ordnung einen Willen
empfangen kann, ohne selbst einen solchen Willen hervorzubringen?
Noch ist vinculum mortuum nur ein Name. Vielleicht werde ich feststellen, dass keine eigene Bindung existiert und die
beobachteten Unterschiede lediglich Eigenschaften einer ausgedehnten Thesis sind. Vielleicht ist der erhobene Tote niemals
wirklich von der wirkenden Magie getrennt, und die Vorstellung zweier Strukturen ist nur eine bequeme Zerlegung. Beides wäre
ein brauchbares Ergebnis.
Doch wenn die Totenbindung tatsächlich als eigener Teil nekromantischer Herrschaft beschrieben werden kann, folgt daraus eine
unangenehme Möglichkeit. Jede Erhebung schafft dann nicht nur einen Untoten. Sie schafft eine Beziehung. Und wer mehrere
Tote beherrscht, trägt nicht einfach mehrere Zauber.
Er steht im Mittelpunkt mehrerer Bindungen.
Y'rahl Tquannil
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II. DE VINCULO MORTUORUM - Vom Befehl

Beitrag von Y'rahl Tquannil »

Die erste Aufzeichnung dieses Bandes endete mit einer Vermutung: Ein erhobener Toter steht nicht lediglich unter einer auf ihn
gelegten nekromantischen Ordnung. Zwischen dieser Ordnung und dem Willen ihres Urhebers könnte eine fortdauernde
Beziehung bestehen. Ich bezeichnete sie vorläufig als vinculum mortuum. Der Name war notwendig, damit die Untersuchung
einen Gegenstand erhielt. Er ist noch kein Beweis dafür, dass dieser Gegenstand in der angenommenen Form existiert.
Die einfachste Prüfung muss beim Befehl beginnen. Nicht bei seiner Bedeutung, sondern bei seinem Weg.
Wenn ein Nekromant einem erhobenen Toten befiehlt, sich zu bewegen, erscheinen drei Vorgänge miteinander verbunden. Im
Nekromanten entsteht eine Absicht. Diese Absicht wird Bestandteil einer arkanen Thesis. Im Toten entsteht schließlich eine
gerichtete Bewegung. Die gewöhnliche Praxis behandelt diese Abfolge als Einheit. Für eine Untersuchung ist das unbrauchbar.
Solange nicht unterschieden wird, welcher Teil für die Übertragung notwendig ist, bleibt 'Befehl' nur ein Wort für mehrere
unbekannte Vorgänge.
Ich habe deshalb dieselbe Versuchsanordnung wie zuvor verwendet. Der erhobene Leib wurde nicht verändert. Auch die Thesis
des motus mortis blieb möglichst gleich. Variiert wurde allein die Form, in der eine Anweisung an ihn gerichtet wurde. Jede Reihe
bestand aus denselben fünf Handlungen: einen Schritt vorwärts, einen Schritt zurück, Drehung nach links, Heben des rechten
Armes und vollständiges Stillstehen. Die Reihenfolge wurde zwischen den Durchgängen verändert, damit keine bloße Abfolge
eingeübt werden konnte.
Zunächst wurden die Befehle in gewöhnlicher Weise gesprochen und durch eine eindeutige Geste begleitet. Die Reaktion erfolgte
zuverlässig. Danach entfiel die Geste. Es zeigte sich keine erkennbare Verschlechterung. Im dritten Durchgang blieb das
gesprochene Wort bestehen, wurde jedoch absichtlich durch ein anderes Wort ersetzt, während die innerhalb der Thesis geformte
Absicht unverändert blieb.
Der Tote gehorchte der Absicht, nicht dem Wort.
Als ich für 'vorwärts' ein bedeutungsloses Lautgebilde verwendete, trat der Körper vor. Als dasselbe Lautgebilde später mit der
Absicht des Stillstehens verbunden wurde, blieb er stehen. Das gesprochene Zeichen besaß demnach keine feste Bedeutung für
den Toten. Es war ein Hilfsmittel meiner eigenen Strukturierung. Der Leichnam verstand keine Sprache. Er empfing eine
Ordnung.
Diese Feststellung ist weniger selbstverständlich, als sie zunächst erscheint. Viele Formen der Magie verwenden Worte der
Macht, Formeln oder Benennungen, und es wäre leicht, ihre Wirksamkeit mit sprachlichem Verstehen zu verwechseln. Doch ein
Wort kann eine Thesis formen, ohne dass das Ziel dieses Wort als Sprache begreift. Der Unterschied entspricht dem zwischen
einer Schriftrolle und dem Gedanken, den sie trägt. Das Pergament versteht den Text nicht.
Im nächsten Durchgang wurde das gesprochene Wort vollständig entfernt. Ich formte die jeweilige Anweisung ausschließlich als
gerichtete Absicht innerhalb der bestehenden nekromantischen Ordnung. Die Reaktionen blieben vorhanden, wurden jedoch
ungleichmäßiger. Einfache Richtungsänderungen gelangen zuverlässig. Bei der Anweisung, den rechten Arm zu heben und
gleichzeitig den Kopf nach links zu wenden, trat eine Verzögerung auf. Der Arm hob sich zuerst, die Drehung folgte später und
unvollständig.
Daraus darf nicht geschlossen werden, dass Sprache für die Nekromantie bedeutungslos ist. Sie scheint vielmehr dem
Nekromanten zu dienen. Ein ausgesprochener Befehl zwingt den eigenen Willen in eine klarere Form. Ohne diese Stütze muss
dieselbe Ordnung allein geistig gehalten werden. Je komplexer die Anweisung, desto größer wird die Gefahr, dass ihre Struktur
unscharf wird.
Der Befehl besitzt daher mindestens zwei Seiten: Er ordnet den Willen des Herrschenden und verändert die Ordnung des
Beherrschten.
Um zu prüfen, ob der Tote auf jede innerhalb der Thesis auftretende Absicht reagiert, führte ich anschließend eine Gegenprobe
durch. Während ich den Körper stillstehen ließ, stellte ich mir bewusst vor, er solle vorwärtsgehen, ohne diese Vorstellung in die
nekromantische Struktur einzufügen. Der Tote blieb unbewegt. Ich wiederholte den Versuch mit verschiedenen Bewegungen.
Keine Reaktion.
Das ist bedeutsam. Wäre das vinculum mortuum lediglich eine offene Verbindung zwischen Geist und Leichnam, müsste jede
hinreichend deutliche Absicht Gefahr laufen, übertragen zu werden. Dies scheint nicht der Fall zu sein. Zwischen einem
Gedanken und einem Befehl liegt ein weiterer Schritt: Die Absicht muss in jene Ordnung eintreten, welche den Toten mit dem
Nekromanten verbindet.
Damit wird die Vorstellung einer Gedankenübertragung noch unwahrscheinlicher. Der Tote liest meinen Geist nicht. Ich lege
einen Teil meines Willens in eine arkane Form, und diese Form wirkt auf seine künstliche Ordnung.
Die nächste Versuchsreihe galt der Dauer. Ein Befehl wurde erteilt, ohne dass danach weitere Anweisungen folgten. 'Gehe bis zur
gegenüberliegenden Wand.' Der Tote setzte sich in Bewegung und vollendete die Handlung, obwohl ich meine bewusste
Aufmerksamkeit nach dem ersten Schritt von ihm löste. Bei 'halte den Arm erhoben' blieb der Arm in seiner Position, während ich
mich mit einer anderen Tätigkeit beschäftigte. Erst ein neuer Befehl veränderte den Zustand.
Dies spricht gegen die Annahme, jede einzelne Bewegung müsse fortwährend durch meinen bewussten Willen getragen werden.
Ein Befehl kann offenbar eine zeitweilige Ordnung im motus mortis erzeugen, die nach ihrer Übertragung bestehen bleibt. Das
vinculum mortuum wäre demnach nicht mit einem Faden zu vergleichen, an dem jede Bewegung einer Marionette unmittelbar
gezogen wird. Eher gleicht es einem Weg, über den eine Form übertragen wird, die anschließend im Toten weiterwirkt.
Diese Unterscheidung erklärt eine Beobachtung aus der ersten Aufzeichnung. Mit wachsender Entfernung wurde nicht zuerst die
Erhebung selbst instabil. Der Tote blieb stehen. Seine vorhandene Ordnung zerfiel nicht. Schwieriger wurde die Übertragung
neuer gerichteter Veränderungen. Entfernung scheint daher eher das vermutete vinculum zu schwächen als den bereits
bestehenden motus mortis.
Um dies genauer zu prüfen, wurde ein einfacher Dauerbefehl erteilt und anschließend die Entfernung vergrößert. Der Tote sollte
in gleichmäßigem Schritt einen festgelegten Gang entlanggehen und an dessen Ende stehenbleiben. Ich entfernte mich
währenddessen in entgegengesetzter Richtung. Der Körper vollendete die Handlung. Erst als ich danach aus größerer Distanz
einen neuen Befehl zu übertragen versuchte, trat erneut jene Verzögerung auf, die bereits zuvor beobachtet worden war.
Der Befund ist vorläufig, aber wiederholbar genug, um eine erste funktionale Trennung zu rechtfertigen. Ich unterscheide daher
künftig zwischen ordinatio mortis und vinculum mortuum. Die ordinatio mortis bezeichnet die im erhobenen Leib bestehende
künstliche Befehlsordnung: das, was eine übertragene Anweisung für eine gewisse Dauer in Handlung übersetzt. Das vinculum
mortuum bezeichnet weiterhin die vermutete Beziehung, über welche neue Ordnung vom Nekromanten zum Toten gelangt.
Der ältere Begriff motus mortis wird dadurch nicht verworfen. Er bezeichnet weiterhin die gesamte funktionale Ordnung, durch
welche tote Materie zu Handlung befähigt wird. Die ordinatio mortis wäre ein Teil dieses Gefüges, nämlich jener Teil, der eine
konkrete gerichtete Anweisung trägt. Begriffe dürfen sich vermehren, wenn die beobachtbaren Unterschiede es verlangen. Sie
dürfen es nicht, nur weil lateinische Worte auf Pergament gelehrter aussehen.
Eine letzte Gegenprobe brachte ein Ergebnis, das für die folgenden Untersuchungen wichtiger sein könnte als alle bisherigen. Ich
erteilte dem Toten einen Dauerbefehl und löste danach die bewusste Kontrolle so weit, wie es möglich war, ohne die Erhebung
selbst zu beenden. Der Körper setzte die begonnene Handlung fort. Als ich jedoch versuchte, eine neue Anweisung zu geben,
ohne das vinculum erneut deutlich zu fokussieren, erfolgte keine Reaktion.
Herrschaft scheint daher nicht in ununterbrochener Aufmerksamkeit zu bestehen. Sie besteht in der Fähigkeit, eine Verbindung
gezielt zu öffnen, Ordnung zu übertragen und sie im Toten wirksam werden zu lassen.
Das verändert die Frage nach mehreren Untoten. Wenn jeder erhobene Körper eine eigene künstliche Ordnung trägt und zugleich
eine eigene Beziehung zu seinem Beherrscher besitzt, dann bedeutet die Kontrolle über mehrere Tote nicht notwendig, dass ein
Wille mehrere Körper gleichzeitig bewegt. Vielleicht verwaltet der Nekromant vielmehr mehrere Verbindungen, über die er
getrennte Ordnungen setzt.
Sollte dies zutreffen, müsste sich bei zwei oder mehr erhobenen Toten zeigen, ob diese Bindungen vollständig unabhängig
voneinander bestehen. Vielleicht konkurrieren sie um Aufmerksamkeit. Vielleicht teilen sie eine gemeinsame Struktur. Vielleicht
entsteht zwischen ihnen etwas, das bei einem einzelnen Toten nicht sichtbar werden kann.
Ein einzelner Befehl hat gezeigt, dass Herrschaft übertragbar ist.
Die nächste Frage lautet, ob sie teilbar ist.
Y'rahl Tquannil
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III. DE VINCULO MORTUORUM - Die unsichtbare Leine

Beitrag von Y'rahl Tquannil »

Die zweite Aufzeichnung endete mit der Frage, ob nekromantische Herrschaft teilbar ist. Die Formulierung war ungenau. Teilbar
wäre eine Sache, wenn ein Ganzes in mehrere Teile zerlegt werden kann. Noch ist nicht erwiesen, dass die Bindung an mehrere
Tote jemals ein solches Ganzes bildet. Vielleicht entstehen lediglich mehrere voneinander unabhängige Beziehungen, die zufällig
denselben Ursprung besitzen.
Diese Unterscheidung ist nicht sprachlicher Natur. Wenn jeder erhobene Tote ausschließlich durch ein eigenes vinculum mortuum
mit seinem Beherrscher verbunden ist, müsste die Zahl der Toten vor allem die Aufmerksamkeit des Nekromanten belasten.
Wenn dagegen mehrere Bindungen eine gemeinsame Struktur ausbilden, müsste eine Veränderung an einer Verbindung Spuren in
den anderen hinterlassen.
Für die nächste Versuchsreihe wurden daher zwei Leichname vorbereitet. Beide waren von vergleichbarem Erhaltungszustand.
Das wahrnehmbare vestigium vitae war schwach und fragmentiert. Keiner der Körper befand sich noch im Intervallum Mortis.
Beide wurden getrennt erhoben, zuerst der eine, dann der andere. Zwischen den Erhebungen lag genügend Zeit, um die jeweilige
Thesis zu prüfen.
Ich erwartete zunächst, zwei deutlich voneinander getrennte Belastungen wahrzunehmen. Diese Erwartung bestätigte sich nur
teilweise.
Solange beide Toten ohne neuen Befehl standen, war die zusätzliche Anstrengung gering. Die Aufrechterhaltung zweier motus
mortis verlangte mehr arkane Kraft als die eines einzelnen, doch nicht in einem Verhältnis, das allein durch Verdoppelung
beschrieben werden könnte. Deutlich schwieriger wurde die Kontrolle erst, sobald unterschiedliche neue Anweisungen
gleichzeitig übertragen werden sollten.
Dem ersten Toten befahl ich, drei Schritte vorwärtszugehen. Noch bevor er den zweiten Schritt vollendet hatte, erhielt der zweite
die Anweisung, sich nach rechts zu drehen. Beide Befehle wurden ausgeführt. Wiederholungen mit vertauschter Reihenfolge
führten zum selben Ergebnis. Eine vollständige gegenseitige Störung lag nicht vor.
Als ich jedoch versuchte, beide Anweisungen im selben Augenblick zu formen, veränderte sich das Bild. Die Befehle blieben
ausführbar, doch ihre Konturen wurden unschärfer. Ein Körper reagierte verzögert, während der andere die Bewegung zu früh
beendete. Beim nächsten Durchgang vertauschten sich die Fehler. Es war nicht derselbe Tote, der versagte.
Das spricht gegen eine Schwäche des Materials. Die Störung lag auf meiner Seite der Ordnung.
Eine naheliegende Erklärung wäre begrenzte Aufmerksamkeit. Zwei verschiedene Absichten müssen gleichzeitig klar geformt
werden. Doch diese Erklärung genügt nicht. Ein geübter Magier kann mehrere Gedanken nacheinander oder teilweise parallel
halten. Entscheidend ist, ob die Störung bereits vor der Übertragung entsteht oder erst dort, wo mehrere Bindungen denselben
Ursprung berühren.
Ich führte deshalb einen einfacheren Vergleich durch. Beide Toten erhielten denselben Befehl: vorwärts. Zuerst getrennt, danach
gleichzeitig. Die gemeinsame Anweisung gelang auffallend sauber. Beide Körper setzten sich nahezu im selben Augenblick in
Bewegung. Der Versuch wurde mit Halt, Knien und Aufstehen wiederholt. Gleichartige Befehle ließen sich leichter gleichzeitig
übertragen als unterschiedliche.
Hier wäre es verführerisch, bereits von einem gemeinsamen Netz zu sprechen. Das wäre voreilig. Dass zwei Bindungen dieselbe
Form aufnehmen können, beweist nicht, dass sie miteinander verbunden sind. Zwei Gefäße können aus derselben Kanne gefüllt
werden, ohne dass zwischen ihnen ein Kanal besteht.
Die nächste Prüfung musste daher nicht den Befehl, sondern die Bindung selbst verändern.
Ich schwächte das vinculum mortuum zum ersten Körper, ohne dessen motus mortis aufzulösen. Die Vorgehensweise entsprach
der Beobachtung aus den vorangegangenen Versuchen: Die bestehende künstliche Ordnung wurde erhalten, während die aktive
Ausrichtung meines Willens auf die Verbindung zurückgenommen wurde. Der Tote blieb stehen und hielt den zuletzt gesetzten
Zustand.
Währenddessen beobachtete ich die Bindung zum zweiten Körper. Eine unmittelbare Schwächung trat nicht ein. Ein neuer Befehl
konnte weiterhin übertragen werden. Das spricht zunächst für getrennte Verbindungen.
Dann verstärkte ich die Ausrichtung auf den ersten Toten erneut und tat dies absichtlich rascher, als es für eine saubere Kontrolle
notwendig gewesen wäre. In diesem Augenblick zeigte der zweite Körper eine kurze, nicht befohlene Bewegung der rechten
Hand.
Der Vorgang dauerte kaum länger als einen Herzschlag. Er ließ sich beim nächsten Versuch nicht reproduzieren. Beim dritten trat
stattdessen eine leichte Drehung des Kopfes auf. Beim vierten geschah nichts.
Ein einzelnes unregelmäßiges Phänomen ist kein Befund. Vier unregelmäßige Phänomene sind noch immer kein Gesetz. Doch sie
rechtfertigen eine genauere Versuchsanordnung.
Ich reduzierte daher die möglichen Bewegungen beider Körper. Die Füße wurden fixiert, die Arme in eine neutrale Stellung
gebracht. Als zulässige Reaktion blieb nur das Heben eines Unterarmes. Der erste Tote erhielt wiederholt den Befehl, den rechten
Arm zu heben. Der zweite sollte unbewegt bleiben. Bei schwacher und sauber geführter Übertragung zeigte der zweite keine
Reaktion. Bei rascher, übermäßig starker Fokussierung trat in mehreren Durchgängen ein kurzes Zucken auf.
Die Störung war zu gering, um von einem übertragenen Befehl zu sprechen. Sie war aber gerichtet genug, um bloße mechanische
Bewegung unwahrscheinlich zu machen.
Damit entsteht eine neue Möglichkeit: Mehrere vincula mortua könnten getrennte Verbindungen sein und dennoch in ihrem
Ursprung einen gemeinsamen arkanen Bereich besitzen. Nicht ein Netz zwischen den Toten, sondern eine Verzweigung beim
Nekromanten.
Ich bezeichne diesen vermuteten gemeinsamen Ursprung vorläufig als nodus imperii - Herrschaftsknoten. Auch dieser Begriff
beschreibt zunächst nur ein Modell. Der nodus wäre kein Organ und kein besonderer Ort im Leib. Er wäre jene geordnete Stelle
innerhalb der nekromantischen Thesis, an der der eigene Wille in eine oder mehrere Totenbindungen überführt wird.
Das Modell erklärt drei Beobachtungen. Erstens können mehrere Tote gleichzeitig bestehen, ohne dass jeder Augenblick bewusste
Einzelkontrolle verlangt. Zweitens lassen sich gleichartige Befehle leichter gleichzeitig übertragen als widersprüchliche. Drittens
kann eine grobe Veränderung einer Bindung geringe Störungen in einer anderen hervorrufen, ohne sie vollständig zu verändern.
Doch ein Modell, das alles erklärt, erklärt oft nur deshalb alles, weil es zu wenig verbietet.
Um den nodus imperii ernst zu nehmen, muss eine Vorhersage möglich sein. Wenn mehrere Bindungen einen gemeinsamen
Ursprung besitzen, sollte die Zahl der gleichzeitig gehaltenen Verbindungen nicht nur die Menge benötigter Kraft erhöhen. Sie
müsste auch die Präzision verändern, mit der einzelne Bindungen voneinander getrennt werden können.
Ich erhob daher einen dritten Toten.
Die Veränderung war deutlicher als erwartet. Drei gleichartige Dauerbefehle blieben ohne besondere Schwierigkeit möglich. Drei
unterschiedliche neue Befehle hingegen erzeugten eine merkliche Unschärfe. Nicht jeder Versuch misslang, doch die Fehler
nahmen zu: verspätete Bewegung, vertauschte Richtung, unvollständige Ausführung. Mehr Kraft verbesserte das Ergebnis nicht
zuverlässig. In zwei Durchgängen verschlechterte sie es.
Dies erinnert an die Versuche der retentio vinculi. Auch dort erwies sich Kraft nicht als Ersatz für Präzision. Eine Bindung kann
durch Übermaß nicht nur gestärkt, sondern überlagert werden. Im gegenwärtigen Fall scheint zusätzliche Macht die Grenzen
zwischen mehreren gerichteten Ordnungen zu verwischen.
Der Nekromant, der viele Tote beherrschen will, steht daher möglicherweise vor einem anderen Problem als der Anfänger. Der
Anfänger muss genügend Macht aufbringen, um einen Toten zu erheben. Der Fortgeschrittene muss verhindern, dass seine eigene
Macht die Unterschiede zwischen mehreren Bindungen zerstört.
Herrschaft über einen Toten ist eine Linie.
Herrschaft über viele Tote beginnt dort, wo Linien einen gemeinsamen Ursprung erhalten.
Die nächste Untersuchung wird zeigen müssen, ob dieser Ursprung nur im Nekromanten liegt - oder ob zwischen den erhobenen
Toten selbst eine Ordnung entstehen kann. Denn wenn mehrere Bindungen nicht nur nebeneinander bestehen, sondern
miteinander gekoppelt werden können, wäre der einzelne Tote nicht länger das kleinste Glied nekromantischer Herrschaft.
Dann wäre es das Geflecht.
Y'rahl Tquannil
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IV. DE VINCULO MORTUORUM - Von einem Herrn und vielen Toten

Beitrag von Y'rahl Tquannil »

Die letzte Untersuchung hat einen Fehler in meiner ursprünglichen Fragestellung sichtbar gemacht. Ich fragte, wie viele Bindungen
ein Nekromant gleichzeitig tragen kann. Damit setzte ich voraus, dass jede Bindung vom Nekromanten unmittelbar zum einzelnen
Toten führen muss. Diese Voraussetzung ist unbegründet.
Wenn das vinculum mortuum tatsächlich eine geordnete Beziehung und nicht bloß ein Strom arkaner Kraft ist, dann muss geprüft
werden, ob seine Ordnung ausschließlich zwischen Herrscher und Beherrschtem bestehen kann. Vielleicht ist der Nekromant nur
deshalb Mittelpunkt jeder bekannten Erhebung, weil die gewöhnliche Praxis nie versucht, etwas anderes zu konstruieren.
Die Frage lautet daher nicht länger: Wie viele Tote kann ein Wille beherrschen? Sondern: Muss jeder Tote denselben Willen
unmittelbar berühren?
Für die erste Prüfung wurden drei erhobene Leiber verwendet. Ich bezeichne sie im Protokoll als A, B und C. Alle drei erhielten
getrennte vincula mortua. Der vermutete nodus imperii lag damit weiterhin ausschließlich auf meiner Seite der Ordnung. Zunächst
wurden einfache Einzelbefehle übertragen. Danach gleichartige Befehle an alle drei. Das Verhalten entsprach den bisherigen
Beobachtungen.
Der entscheidende Versuch bestand darin, die Bindung zu B und C absichtlich schwächer zu halten, während A eine stärkere und
klarer strukturierte Verbindung erhielt. Anschließend versuchte ich, einen Befehl an A so zu formen, dass er nicht nur eine
Bewegung des eigenen Körpers, sondern zugleich eine Veränderung in der Ordnung von B auslösen sollte.
Der erste Versuch misslang vollständig.
A hob den Arm. B blieb unbewegt. Eine Untersuchung der Bindungen zeigte keine erkennbare Veränderung. Beim zweiten Versuch
verstärkte ich die Thesis. Das Ergebnis war schlechter: A führte die Bewegung ruckartig aus, während das vinculum zu B kurzzeitig
unscharf wurde. Es entstand keine Übertragung, nur Störung.
Mehr Kraft hatte erneut keine neue Struktur geschaffen.
Ich änderte deshalb nicht die Stärke, sondern die Form. Statt A einen Befehl zu geben, der B beeinflussen sollte, versuchte ich, in A
eine kleine arkane Ordnung zu verankern, die auf eine bereits bestehende Veränderung seines eigenen motus mortis reagieren sollte.
Hebt A den rechten Arm, sollte diese Veränderung als Auslöser für eine vorbereitete Thesis dienen, die auf B gerichtet war.
Der Unterschied ist wesentlich. Im ersten Versuch sollte A selbst herrschen. Im zweiten sollte A lediglich Träger eines vorbereiteten
Übergangs sein.
Beim dritten Durchgang hob A den Arm. B zuckte.
Es war keine vollständige Bewegung und kein sauberer Befehl. Doch die Reaktion trat erst ein, nachdem A die festgelegte Stellung
erreicht hatte. Wiederholungen zeigten dasselbe Muster in unterschiedlicher Stärke. Ohne die vorbereitete Ordnung blieb B
unbewegt. Ohne die Bewegung von A blieb die vorbereitete Ordnung wirkungslos. Erst beides zusammen erzeugte die Reaktion.
Damit ist noch kein Beweis erbracht, dass ein Toter einen anderen beherrschen kann. Im Gegenteil: Der Versuch spricht bislang
dagegen. A erzeugte keinen eigenen Willen und keine eigene Anweisung. Er erfüllte eine Bedingung innerhalb einer von mir
geschaffenen Struktur. Der Unterschied entspricht dem zwischen einem Schreiber und einem Siegel. Ein Siegel verfasst keinen
Befehl. Es kann aber bestimmen, wann ein vorbereiteter Befehl gültig wird.
Diese Form der Kopplung verdient einen eigenen Begriff. Ich werde sie vorläufig nexus mortuorum nennen - Totenverknüpfung. Sie
bezeichnet nicht die gewöhnliche Herrschaftsbindung zwischen Nekromant und Untotem, sondern eine künstlich geschaffene
Beziehung zwischen zwei bereits nekromantisch geordneten Einheiten.
Das Modell enthält damit drei verschiedene Strukturen. Der motus mortis ermöglicht dem einzelnen Toten überhaupt gerichtete
Funktion. Das vinculum mortuum verbindet diese Ordnung mit dem Willen des Nekromanten. Der nexus mortuorum verbindet zwei
tote Ordnungen miteinander, ohne dass daraus notwendig eigener Wille entsteht.
Begriffe sind nur dann nützlich, wenn sie Trennungen erzwingen. Deshalb musste geprüft werden, ob der nexus auch dann wirkt,
wenn meine unmittelbare Aufmerksamkeit nicht auf B gerichtet ist.
A erhielt erneut die vorbereitete Auslöserordnung. B wurde in neutraler Stellung belassen. Danach wandte ich meine
Aufmerksamkeit ausschließlich A zu und gab ihm den vereinbarten Bewegungsbefehl. B reagierte schwach, aber er reagierte. Bei
mehreren Wiederholungen war die Wirkung geringer als unter bewusster Beobachtung, jedoch nicht vollständig verschwunden.
Das ist der erste Hinweis darauf, dass eine nekromantische Beziehung zwischen zwei erhobenen Ordnungen eine Veränderung
weitertragen kann, ohne dass jeder Schritt dieser Veränderung neu durch meinen bewussten Willen geführt werden muss.
Der nächste Versuch war gefährlicher für das Modell als für den Körper. Ich löste das direkte vinculum mortuum zu B so weit, dass
keine neuen Befehle mehr zuverlässig übertragen werden konnten, ließ aber den motus mortis bestehen. Danach wurde der
vorbereitete nexus über A ausgelöst.
B reagierte nicht.
Die einfachste Deutung wäre, dass der Versuch gescheitert ist. Die nützlichere Deutung ist genauer: Der bisherige nexus war
offenbar keine unabhängige Verbindung. Er benutzte weiterhin einen Teil jener Ordnung, die durch mein vinculum zu B bestand. A
war kein neuer Herrschaftsknoten. A war ein Zwischenglied innerhalb meiner eigenen Struktur.
Das Ergebnis begrenzt die Hypothese, vernichtet sie aber nicht. Eine Kette ist nicht deshalb keine Kette, weil ihr letztes Glied noch
am ursprünglichen Träger befestigt sein muss.
Ich wiederholte die Anordnung mit C als zusätzlichem Ziel. A erhielt eine Auslöserordnung, die bei einer bestimmten Bewegung
gleichzeitig auf B und C wirken sollte. Die Wirkung trat bei beiden auf, jedoch schwächer und zeitlich versetzt. Als ich die Struktur
vereinfachte und nur einen gemeinsamen Befehl - Heben des rechten Armes - vorbereitete, reagierten beide zuverlässiger.
Damit kehrt eine Beobachtung aus der vorherigen Aufzeichnung zurück: Gleichartige Ordnung lässt sich leichter vervielfachen als
unterschiedliche. Offenbar ist nicht allein die Zahl der Bindungen entscheidend, sondern die Zahl verschiedener Formen, die im
selben Augenblick voneinander getrennt gehalten werden müssen.
Der nodus imperii könnte daher weniger einem Bündel einzelner Fäden gleichen als einem Ursprung, aus dem sich Ordnung
verzweigt. Solange die Zweige dieselbe Form tragen, bleibt die Struktur vergleichsweise stabil. Je unterschiedlicher ihre Aufgaben,
desto stärker müssen ihre Grenzen ausgearbeitet werden.
Diese Vorstellung verändert auch die Bedeutung von Herrschaft. Ein mächtiger Nekromant wäre nicht notwendig jener, der die
größte Menge arkaner Kraft in tote Körper zwingt. Eine solche Methode skaliert schlecht. Mit jedem weiteren Toten wächst die
Zahl der Beziehungen, die unmittelbar geführt werden müssen.
Eine höhere Form der Nekromantie müsste anders vorgehen. Sie müsste Ordnung so gestalten, dass ein Teil der Struktur Aufgaben
trägt, verteilt oder auslöst, ohne dass der ursprüngliche Wille jeden einzelnen Vorgang unmittelbar formen muss.
Noch ist das nicht erreicht. A hat B nicht befehligt. Kein Toter hat einen eigenen Willen erhalten. Kein vinculum mortuum wurde
vollständig ersetzt. Was gelungen ist, ist kleiner und deshalb wertvoller: Eine bereits tote Ordnung konnte Bestandteil der
Übertragung zu einer anderen toten Ordnung werden.
Zum ersten Mal besteht zwischen den erhobenen Leibern etwas, das nicht ausschließlich in ihrer getrennten Beziehung zu mir
beschrieben werden kann.
Ein Geflecht beginnt nicht mit vielen Fäden.
Es beginnt mit dem ersten Knoten zwischen ihnen.
Die nächste Untersuchung muss daher klären, ob dieser Knoten nur eine vorbereitete Reaktion weitergibt - oder ob eine tote
Ordnung selbst zum Träger eines fortbestehenden Befehls werden kann. Gelingt dies, wäre der nächste Schritt nicht mehr die
gleichzeitige Beherrschung mehrerer Toter.
Es wäre die Errichtung einer Hierarchie.
Y'rahl Tquannil
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V. DE VINCULO MORTUORUM -

Beitrag von Y'rahl Tquannil »

Die vierte Aufzeichnung endete mit einer Möglichkeit, die ich bisher absichtlich vermieden hatte: Hierarchie. Das Wort ist gefährlich,
weil es zu früh eine Ordnung behauptet. Zwei verbundene Tote bilden noch keine Rangfolge. Ein Auslöser ist kein Untergebener, und
ein Zwischenglied ist kein Herr.
Der bisherige nexus mortuorum konnte eine vorbereitete Veränderung von einem erhobenen Leib zu einem anderen weitertragen.
Doch der erste Tote erzeugte dabei weder einen Befehl noch eine eigene Entscheidung. Er war Bestandteil einer von mir
geschaffenen Thesis. Die nächste Frage lautet deshalb, ob eine tote Ordnung mehr sein kann als ein Auslöser: Kann sie einen bereits
geformten Befehl aufnehmen, bewahren und an eine andere tote Ordnung weitergeben?
Wenn dies gelingt, wäre zum ersten Mal nicht jeder Schritt der Herrschaft unmittelbar an meinen gegenwärtigen Willen gebunden.
Für die Versuche wurden erneut drei Leiber verwendet. A sollte als Träger dienen, B und C als Empfänger. Alle drei besaßen einen
stabilen motus mortis. Die direkten vincula mortua zu B und C wurden zunächst aufrechterhalten, jedoch so schwach wie möglich
gehalten. A erhielt dagegen eine deutlich ausgearbeitete Bindung.
Der erste Versuch war einfach. Ich übertrug an A den Befehl 'rechter Arm heben' und versuchte zugleich, innerhalb seiner ordinatio
mortis eine zweite Form zu verankern: Sobald die eigene Bewegung abgeschlossen ist, soll dieselbe Anweisung über den
vorbereiteten nexus an B weitergegeben werden.
A hob den Arm. B blieb stehen.
Beim zweiten Versuch verstärkte ich die gespeicherte Form. A reagierte langsamer, B erneut gar nicht. Eine Untersuchung zeigte,
dass die zusätzliche Ordnung zwar in A vorhanden war, aber mit seiner eigenen Bewegungsstruktur verschmolz. Der Befehl war nicht
bewahrt worden. Er war verbraucht worden.
Das Problem lag offenbar in meiner Annahme, ein Befehl sei ein Gegenstand, den man wie eine Rune in einen Leichnam legen
könne. Tatsächlich ist er eine gerichtete Veränderung. Sobald A die Anweisung ausführt, wird die Ordnung in Handlung übersetzt.
Was weitergegeben werden soll, darf daher nicht identisch mit jener Form sein, die A selbst bewegt.
Ich musste Befehl und Ausführung trennen.
Die nächste Thesis enthielt deshalb zwei Schichten. Die erste galt ausschließlich A und löste eine festgelegte Bewegung aus. Die
zweite wurde nicht in seine Muskeln und Gelenke geführt, sondern an den Rand seiner nekromantischen Ordnung gebunden. Sie
sollte während der eigenen Handlung unverändert bleiben und erst danach über den nexus mortuorum freigesetzt werden.
Der Aufbau war instabil. Zweimal brach die zweite Schicht zusammen, bevor A die Bewegung beendet hatte. Beim dritten Versuch
blieb sie bestehen.
A hob den Arm.
Einen Augenblick später hob B ebenfalls den Arm.
Die Verzögerung war deutlich. Gerade deshalb ist der Versuch bedeutsam. Hätten beide Körper lediglich denselben unmittelbaren
Befehl von mir empfangen, wäre eine annähernd gleichzeitige Reaktion zu erwarten gewesen. Stattdessen trat die Bewegung von B
erst ein, nachdem die vorbereitete Ordnung in A freigesetzt worden war.
Ich wiederholte den Versuch mit vertauschten Bewegungen. A kniete, B drehte den Kopf. A hob den linken Arm, B trat einen Schritt
zurück. Solange die zweite Form einfach blieb, konnte sie in A bewahrt und nach Abschluss der ersten Handlung weitergegeben
werden.
Damit ist ein neuer Zustand erreicht. A versteht den Befehl nicht. A will ihn nicht. A entscheidet nicht, wann er sinnvoll ist. Dennoch
trägt A eine gerichtete nekromantische Ordnung, die nicht für den eigenen Leib bestimmt ist.
Ich bezeichne diese gespeicherte Form vorläufig als mandatum mortuum - toter Befehl. Der Ausdruck soll gerade den fehlenden
Willen betonen. Ein mandatum mortuum ist keine Absicht. Es ist die arkane Gestalt einer Absicht, nachdem sie von ihrem
ursprünglichen Willen getrennt und in einer toten Ordnung erhalten wurde.
Diese Trennung ist entscheidend. Ein lebender Befehl entsteht aus gegenwärtigem Willen. Ein toter Befehl besitzt nur noch Richtung.
Die nächste Prüfung galt der Dauer. Ich verankerte ein einfaches mandatum in A und wartete, bevor der Auslöser gesetzt wurde.
Nach kurzer Zeit funktionierte die Übertragung. Nach längerer Zeit wurde die Reaktion von B schwächer. Noch später blieb sie aus.
Die gespeicherte Ordnung zerfiel also.
Sie zerfiel jedoch nicht gleichmäßig. In einigen Versuchen blieb die Form länger stabil, wenn A selbst vollkommen unbewegt war.
Musste A während der Wartezeit andere Befehle ausführen, nahm die Haltbarkeit des mandatum deutlich ab. Offenbar konkurrieren
mehrere Ordnungen innerhalb desselben motus mortis um Struktur, nicht nur um Kraft.
Damit zeigt sich eine Grenze des toten Mittlers. Ein erhobener Leib kann nicht beliebig viele fremde Befehle tragen, ohne dass seine
eigene Ordnung unübersichtlich wird. Der Versuch, mehrere mandata gleichzeitig in A zu verankern, führte zu Vermischungen. Ein
für B bestimmter Schritt wurde teilweise von A selbst ausgeführt. Eine für C vorbereitete Drehung beeinflusste die Haltung von B.
Mehr Kraft verstärkte erneut nur die Fehler.
Ordnung verlangt Trennung.
Ich reduzierte deshalb die Zahl der gespeicherten Formen und führte eine feste Zuordnung ein. Eine bestimmte arkane Markierung
innerhalb A war ausschließlich mit dem nexus zu B verbunden, eine zweite ausschließlich mit C. Danach konnten zwei verschiedene
mandata nacheinander übertragen werden, ohne dass die Ziele vertauscht wurden.
Zum ersten Mal entstand damit etwas, das einer einfachen Hierarchie ähnelt. Mein Wille formte die Befehle. A bewahrte und verteilte
sie. B und C führten sie aus.
Doch auch hier muss die Sprache begrenzt werden. A ist kein Unterführer. Ein Unterführer besitzt eigenen Willen, kann einen
Auftrag deuten und auf veränderte Umstände reagieren. A kann nichts davon. Er ist eher ein toter Mittler - eine nekromantisch
geordnete Stelle, an der Herrschaft zwischengespeichert und verzweigt werden kann.
Diese Unterscheidung schützt vor einem gefährlichen Irrtum. Wer einem Untoten eine komplexe Funktion überträgt, könnte dessen
zunehmende Selbständigkeit mit entstehendem Willen verwechseln. Doch eine reichhaltige Ordnung ist noch kein Selbst. Ein
Uhrwerk kann viele Bewegungen enthalten, ohne zu wissen, wie spät es ist.
Die Bedeutung für die weitere Forschung ist dennoch erheblich. Wenn ein mandatum mortuum außerhalb meines unmittelbaren
Willens bestehen kann, dann ist nekromantische Herrschaft nicht notwendig an ständige Gegenwart gebunden. Teile meiner Ordnung
können in einem Geflecht fortbestehen und später wirksam werden.
Das eröffnet zugleich die erste ernsthafte Gefahr dieses Forschungszweiges.
Solange jeder Befehl unmittelbar von mir ausgeht, endet eine falsche Anweisung mit meiner Korrektur. Ein gespeicherter Befehl
besitzt diese Möglichkeit nicht. Er trägt die Form, die ich ihm gegeben habe, auch dann weiter, wenn sich die Umstände verändert
haben. Je länger und komplexer ein solches Geflecht wird, desto größer wird der Abstand zwischen gegenwärtigem Willen und
fortwirkender Herrschaft.
Der Nekromant könnte schließlich von seinen eigenen Befehlen umgeben sein, ohne sie noch im Augenblick ihrer Wirkung zu
führen.
Das ist keine Meisterschaft.
Es ist nur eine andere Form des Kontrollverlustes.
Die nächste Untersuchung muss daher nicht fragen, wie viele Tote sich an einen Mittler binden lassen. Zuerst muss geklärt werden,
ob ein gespeicherter Befehl verändert oder widerrufen werden kann, nachdem er den unmittelbaren Willen verlassen hat.
Denn erst wer eine Ordnung zurücknehmen kann, beherrscht sie.
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